Adventskalender Minikrimi am 21. Dezember


Wintersonnenwend-Tango

„Du musst unbedingt fitter werden, Teddy! Sonst kannst du In einem Jahr nicht mehr alleine wohnen.“

„Blödsinn. Und nenn mich nicht Teddy. Ich bin kein Bär!“ Thaddäus Richling war gereizt. Wie immer, wenn Ute, sein „guter Engel“, wie er die Chefin der Agentur Allein daheim nannte, weil das vor anderen und für ihn selbstständiger klang als „Tageshilfe“, ihn auf seinen Gesundheitszustand ansprach.

Aber Ute hatte Recht, das wusste er. Was nützte ihm sein ganzes Geld, was seine wunderschöne Villa, wenn er sich nicht mehr von einem Raum zum anderen bewegen konnte, geschweige denn in seinen geliebten Garten? Wenn er nicht mehr über die mäandernden Wege zwischen japanischen Kirschen, duftenden Rosen und Ginkgos zum schattigen Koi-Teich streifen konnte?

„Ich sage es dir nur ungern, Teddy. Aber du hast in den letzten zwei Monaten massiv abgebaut. Du musst deine Beine trainieren. Und damit meine ich keine gemächlichen 200 Meter-Spaziergänge von der Terrasse zum Fischteich (hier zuckte Thaddäus zusammen. Sein Koi waren doch keine Fische, sondern edle Zuchtkarpfen). Im Mehrgenerationen-Zentrum bieten sie Ballgymnastik an, und sie haben auch geführte Wandergruppen. Wir könnten doch mal zusammen hingehen und reinschauen?“

Allein bei dem Wort Mehrgenerationen-Zentrum stellten sich bei Thaddäus die Nackenhaare auf. Er sah sich im Stuhlkreis sitzen, umringt von Frauen, schrumpelig wie ein Apfel vom Vorjahr die einen, aufgeblasen wie ein zum Platzen reifer Luftballon die anderen, mit dünnen weißen Dauerwellen, grauen Karoröcken über braunen Stützstrümpfen und selbstgestrickten Wollwesten auf rosa Nylonblusen. Hier und da in den Kreis gestreut vielleicht ein gebeugter Mann mit senilem Lächeln und von Hosenträgern gehaltenen Beinkleidern aus Cord mit Urinflecken im Schritt. „Nein, da werden wir nicht hingehen“, intonierte er bestimmt.

Thaddäus war zwar nie ein sportlicher Mann gewesen – er hatte immer wieder gerne und mit ironischem Lächeln das erfundene Churchill-Zitat „no sports“ angeführt, aber er hatte sich bis ins Alter einen gepflegten Körper erhalten, wohl mehr aufgrund glücklicher genetischer Fügung als durch eigenes Dazutun. Worauf er allerdings selbst immer geachtet hatte, war ein tadelloses Äußeres. Nie sah man ihn ohne Hemd, Krawatte oder Halstuch, Manschettenknöpfe und Jackett. Nein! Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in einem Stuhlkreis zu sitzen und zum Geruch von Kohl, Schweiß und Urin Bälle zu werfen.

Aber Ute hatte Recht. Er musste etwas tun. Die rettende Idee kam ihm während des Besuchs seiner Großnichte Arabella. Arabella studierte Lateinamerikanistik, und das mit Geist, Seele und Körper. Letzteren hatte sie dem Tango Argentino gewidmet, und nach inzwischen vier Jahren hatte sie zwar immer noch keinen Bachelor, dafür war sie perfekt in allen Figuren dieses schmeichelnden Tanzes.

„Komm, Teddy (schon wieder dieser Kosename!), wir legen mal ne kesse Sohle aufs Parkett!“ Thaddäus protestierte. Er sah sich schon nach den ersten Drehungen im Rollstuhl landen, für immer gelähmt – oder schlimmeres. Doch Arabella war beharrlich, und schließlich nahm er seine Großnichte in den Arm, und sie schwebten über das Parkett. Vom Wohnzimmer in den Flur, dann wieder zurück. Es war kein Tanzen, vielmehr ein Gleiten, Schreiten, beinahe mühelos und gleichzeitig unglaublich anregend. Thaddäus fühlte sich beschwingt, verjüngt. Und dachte: „Ja! Wenn schon Sport, dann Tango.“

Er beauftragte die widerstrebende Ute, die beste Tangoschule ausfindig zu machen. „Ausgerechnet Tango, also bitte. Zum Tanzen bist du wirklich zu alt, Teddy“, versuchte sie ihn von seiner „fixen Idee“, wie sie das nannte, abzubringen. Umsonst. Teddy zahlte, also bestimmte er auch. An einem Montagabend gingen Ute und er zu einer Milonga, einem offenen Tango-Tanztreff. Und siehe da, die Tänzerinnen und Tänzer waren keineswegs alle blutjung und drahtig. Nein, der Tango schien Menschen mit 20 genauso anzusprechen wie mit 60 und mehr. „Sie wollen beweglicher werden, aber sich keine gefährliche Sportverletzung zuziehen? Dann ist Tango genau das richtige. Schauen Sie, wir schreiten im Kreis dahin. Sie machen keine abrupten Bewegungen, aber ihr ganzer Körper ist im Einsatz. So!“, sagte die Tanzlehrerin und umrundete, mit Thaddäus im Arm, den Saal.

Seitdem ging Thaddäus jeden Donnerstag ins „Corazon“. Er kaufte sich Schuhe und die passende Tangokleidung. Schon bald gelang es ihm, zwei Tänze ohne Schweißausbrüche zu durchschreiten. Selbst Ute musste zugeben, dass er sicherer auf den Beinen war, nicht mehr so schnell müde wurde und, ja, eine gewisse Elastizität im Gang und ein Leuchten in den Augen hatte. „Erzähl mal, wie sind denn so die Partnerinnen? Hast du eine feste, oder tanzt du immer mit verschiedenen?“ Denn auch ein alter Kater lässt das Mausen nicht, dachte sie. Und Thaddäus hatte die Damen immer sehr geliebt.

Als er aber, ganz gegen seine Gewohnheit, einsilbig blieb, kam Ute eines Abends „ganz zufällig“ ins Corazon. Und dort tanzte Thaddäus mit einer anmutigen, wohlgeformten Schönheit in einem enganliegenden roten Kleid, dunklen Glutaugen und einer Rose in der schwarzen Mähne. „Aha“, dachte Ute. „So ist das also.“ Sie blieb noch eine ganze Weile an ihrem Tisch ganz hinten in der Ecke sitzen und beobachtete das Tanzgeschehen. Eine ältere Dame fiel ihr auf. Sie war zierlich, aber offensichtlich muskulös, ganz in schwarz gekleidet, ihr silbernes Haar fiel in sanften Wellen auf die zarten Schultern. Grazil bewegte sie sich am Arm ihrer wechselnden Partner, und auch komplizierte Figuren meisterte sie mühelos. Thaddäus hingegen gelang es nicht, sein Bein elegant um das seiner schönen Partnerin zu wickeln, und mehr als einmal stockte er im Fluss der Melodie. Tango ist nämlich nur am Anfang ein Schreiten, später wird daraus doch so etwas wie gleitende Akrobatik. Und in dieser Liga bewegte sich der Achtzigjährige noch nicht ganz. Jetzt musste er, schweren Herzens, wie Ute an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, seine Tänzerin einem anderen überlassen, und während sie leichtfüßig und wie von seiner Alterslast befreit am Knie des neuen Partners entlang glitt, stand Thaddäus verloren auf dem Parkett. Da nahm die „silberne Dame“, wie Ute sie nannte, seinen Arm und führte ihn bestimmt und behutsam zurück in das Wiegen der Musik. „Sie mag ihn“, wusste Ute. „Schade, dass er nur Augen für die Junge hat.“

Bald darauf überraschte Ute ihren Patienten, wie er am Telefon über die Möglichkeiten einer bedeutenden Schenkung sprach. „Soweit ist es schon! Die hat ihn an der Angel. Hoffentlich geht das gut.“

Und dann kam die Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres. Wie geschaffen für eine Milonga voller Leidenschaft. Das Corazon hatte zu einem Tanz im Freien eingeladen. Der Pavillon im dunklen Park war von unzähligen Kerzen beleuchtet. Wolken jagten in silbernen Fetzen über den Himmel. Der Mond kam und ging, der Wind sang ein eigenes Lied, mal in drohendem Crescendo, mal als säuselnde Klage. Die Schatten der Tänzer schmiegten sich an die Säulen des Pavillons. „Eine magische Nacht“, flüsterte Thaddäus und hielt seine Partnerin fest in den Armen. Doch sie entzog sich ihm, schelmisch lachend. „Komm, fang mich“, und sie glitt auf dem feuchten Boden hinüber zu den Marmortreppen, die die kleine Halle begrenzten. Glatt waren sie, ein falscher Tritt, ein Sturz, für junge Beine nicht weiter gefährlich. Für alte Knochen aber….  „Warte, warte doch“, rief Thaddäus atemlos gegen den Wind. Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und zog ihn mit ungeahnter Kraft. Thaddäus taumelte.

Doch plötzlich ließ sie ihn los. Sie stolperte über etwas, ein schwarzer Schuh? Und fiel nun ihrerseits die Stufen hinunter. Ein Schrei. Die Musik verstummte. Die Tanzlehrer umringten sie. Gottlob, nur ein verstauchter Knöchel.

„Ja, die Jugend ist resilient. Wir Alten nicht mehr so sehr“, sagte eine sanfte Stimme neben Thaddäus. „Wir brauchen hin und wieder einen Schutzengel, um nicht böse zu straucheln.

„Sie weigert sich, jemals wieder mit mir zu tanzen!“ Thaddäus war untröstlich, und Ute gelang es nicht, ihn davon zu überzeugen, dass die junge Schönheit vielleicht Arges im Schilde geführt hatte. Doch mit der Zeit wurden Thaddäus und Mimosa, die elegante, gewandte Dame mit den silbernen Haaren und muskulösen Beinen, das Schaupaar der Tanzschule Corazon. Wenn sie durch den Saal glitten, machten alle anderen Paare ihnen Platz. Mimosa führte. Aber das durfte Thaddäus von seinem Schutzengel ja wohl auch erwarten.

Adventskalender – Gedanken am 20. Dezember


Es gibt Tage, da lenkt dich das Leben in Bahnen, die anders verlaufen, als du es geplant hattest. Heute am frühen Abend war ich in einem Programm-Kino. Der Film: Liebe Grüße aus Nahost. Mit einem Gespräch mit den Macher*innen.

Ich hatte zunächst nicht auf das Erscheinungsjahr geachtet. Was ich dann sah, war Aktualität pur und hätte im vergangenen Sommer erlebt und gedreht worden sein können.

Eine Gruppe von Gymnasiast*innen, ein Rapper und zwei Begeitpersonen besuchten Hebron, Bethania und das Westjordanland. Dabei begegneten sie Israelis und Palästinensern, die eines gemeinsam hatten: sie engagieren sich für ein friedliches Miteinander, sind gegen bewaffnete Angriffe – und sehen die Politik der israelischen Regierung gegenüber den Palästinenser*innen als Ursache dafür, dass weder Palästina noch Israel zur Ruhe kommen.

Der Film wurde 2012 gedreht. Und es ist an sich schon erschreckend, dass sich nicht nur nichts verbessert hat, sondern dass es im Gegenteil so vie schlimmer geworden ist, für die Menschen dort.

Zur Sprache kamen Lotty, eine Tochter und Enkelin von Holocaust-Überlebenden, ein Holocaust-Überlebender selbst, ein israelischer Soldat, die Eltern einer jungen Frau, die bei einem Selbstmordattentat getötet worden war, eine israelische Menschenrechtsaktivistin, die die Situation an den Checkpoints zwischen Palästina und Israel überwacht. Alles Israelis. Alles Menschen, die in den Medien – sowohl denen vor Ort als auch den internationalen – nie zur Wort kommen. HInzu kamen vier Palästinenser. Ali, ein ehemaliger Aktivist mit 10 Jahren Gefängnisstrafe, ein Bewohner eines von illegalen israelischen SIedlungen umringten Dorfes, ein Bauer in einem ebenfalls von illegalen Siedlungen umzingelten Zeltdörfchen, dass bereits sechs Mal von Siedlern und Militär zerstört und geduldig von den Bauern wieder aufgebaut wurde sowie ein palästinensischer Hip Hopper, der mit seinen Raps gegen den Terror ankämpft.

Mich haben in dem 90-minütigen Film folgende Momente und Aussagen besonders berührt und beeindruckt:

Die Inschrift auf einem Stein am Eingang des Dorfes: We refuse to be enemies. Wir weigern uns, Feinde zu sein.

Lottys Behauptung, dass der Krieg gegen die Palästinenser*innen einen Bürgerkrieg verhindert, weil die soziale Kluft zwischen den Menschen in Israel immer größer wird und es immer mehr Armenghettos in den Städten gibt.

Die Frage des ehemaligen Soldaten, wie es Menschen in den Sinn kommen kann, anderen ihr Land wegzunehmen.

Die Aussage von Lotty, dass das heutige israel kein religiöser Staat ist, sondern ein Land, dessen Bewohner*innen in einer Demokratie leben wollen, und dass ein demokratischer Staat keine Besatzungsmacht sein darf.

Die Behauptung des ehemaligen Soldaten, dass die „normalen“ Menschen in Israel nicht wissen, mit welch illegaler Brutalität das Militär gegen die Palästinenser vorgeht (Sorry, ich weiß, der Vergleich wird als unethish gewertet. Aber ich höre immer wieder den Satz, dass z.B. die meisten Deutschen nicht wussten, was SS und SA mit den Juden machten. DIe Unterscheidung zwischen der Verantwortung von Staat und Volk ist übrigens ein gern und vielfältig genutztes Argument).

Der Unterschied in der Landschaft beim Überqueren der Grenze vom Westjordanland nach Israel. Eben noch alles braun und verbrannt, ohne Gras, Bäume und Sträucher. Und direkt nach der Grenze blühende, grünende Vegetation. Denn Israel gräbt Palästina systematisch das Wasser ab.

Die Frage der Schüler, warum im Holocaust-Museum der Widerstand, auch der bewaffnete, gerechtfertigt und als Heldentum gefeiert wird, während Palestinenser, die sich dagegen wehren, dass ihnen ihr Land und ihre Freiheit genommen wird, als Terroristen bezeichnet werden.

Nein, ich unterstreiche die Frage so nicht. Sie vereinfacht historische Sachverhalte und relativiert entsetzliche Schuld. Schoah und Nakba sind nicht das Gleiche! Aber eine Wahrheit bleibt: Es ist der israelische Staat, nicht seine Bevölkerung, der die Palästinenser*innen seit Jahrzehnten unterdrückt, ihrer Rechte und oft auch ihrer Lebensgrundlagen wie Wasser und Arbeit beraubt, ihnen, wie nicht nur die UN, sondern sogar ein israelisches Gericht mehrfach geurteilt hat, illegal Land wegnimmt und die Siedler mit Militärgewalt beschützt.

Eine Handvoll, so scheint es, Friedensaktivisten sind der Meinung, dass der Konflikt nicht mit Waffen zu lösen ist, sondern nur durch direkte Verständigung der Menschen. Damit die Bürger*innen Israels von ihrem Staat fordern, die Palästinenser*innen mit den gleichen Rechten und Pflichten auszustatten wie sie. Weil dann, und nur dann, der Grundlage für den Terror der Boden entzogen wird: einem Leben in Armut, Demütigung und zielloser Gewalt, die oft Unschuldige trifft. Auf beiden Seiten! Terror unst unverzeihlich und nicht zu rechtfertigen. Und staatlich saktionierte Gewalt ebenso wenig.

Denn, und das ist meine Meinung: Der blutige Kampf im Nahen Osten ist weder Werk noch Wunsch der Menschen, die dort leben, allerdings bedient er die Interessen nicht nur der Israelischen Regierung und der Hamas, sondern der arabischen Welt und des Iran. Und, zumnidest früher, auch einiger westlicher Länder. WIr dürfen nicht vergessen, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts und dann verstärkt während und unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg Juden aus aller Welt ihre Heimat verließen und nach Palästina strömten, weil kein anderes Land sie haben wollte. Und bis heute oft nicht haben will. Antisemitismus lebt. Überall. Nur müssen wir damit aufhören, die Juden als Mitglieder einer Religionsgemeinschaft gleichzusetzen mit dem israelischen Staat, und schon gar nicht mit seiner aktuellen Regierung.

Solange die Politik die Opferkarte spielt, wird die israelische Regierung nämlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden für die völker- und menschenrechtlichen Vergehen gegen die Palästinenser*innen. Das sage nicht ich. Das sagen die Isralis in dem Film. Einer von ihnen, ein Holocaust-Überlebender, hat deshalb der Regierung einen Brief geschrieben und dagegen protestiert, dass sein Leid für heutige politische Zwecke missbraucht wird. Der Mann war damals 84. „Egal, was wir erleben. Wir müssen und wir können verzeihen“, sagt er. Das sagen übrigens auch andere Überlebende. Das ist Größe, Das lst gelebte Religion.

Ja, es ist wichtig, dass solche Filme gezeigt und gesehen werden. Weil sie beweisen, dass Versöhnung geht und Wirklichkeit ist, überall da, wo Menschen nicht übereinander, sondern miteinander reden. „Wir hatten vor unserer Begegnung nicht gedacht, dass die anderen auch liebe freundliche Menschen sind“, sagten die Israelis und die Palästinenser im Film von einander.

Und warum geht uns das etwas an? Aus unserer christlichen Verantwortung heraus. Damit wir gegen den Reflex angehen, Politik und Religion zu verquicken. Damit wir offenen Auges und wachen Herzens Antisemitismus bekämpfen – und nicht in all den Menschen Islamisten sehen, die Israels Politik kritisieren.

Wenn Ihr an einer ausführlichen und fundierten Information über die geschichtlichen Hintergründe des Nahost-Konflikts interessiert seid, hier der Link zu einer wirklich sehr guten, absolut objektiven Sendung in der Mediathek von ZDF History: https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x-history/israel-gelobtes-land-bedrohter-staat-100.html

Und wer sich für den Film Liebe Grüße aus Nahost interessiert, hier ein paar Infos: https://www.terramedia-online.de/kino/liebe-gruesse-aus-nahost/

Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Der Krippenmacher

Seit dem 15. Jahrhundert machen Krippen das Geheimnis von Weihnachten begreifbar – im wörtlichen Sinn. Längst stehen sie nicht mehr nur in Kirchen. Und obwohl sie in den meisten Fällen ein ländlich-ärmliches Stilleben darstellen, sind die wirklich schönen, die mit den ausdrucksstarken Gesichtern und den liebevollen Details, nur für viel Geld zu haben. Und manchmal reicht nicht einmal das. Das Christkind ist zwar in Palästina geboren, aber die beliebtesten Krippen stehen in alpenländischen Schobern, die Hirten waten durch knietiefen Schnee, Lämmer auf den Schultern. Man möchte unwillkürlich der knienden Maria ein Schaffell überwerfen und das Kind in dicke Decken hüllen. Krippenbauer aus den bayerischen Bergen haben zuweilen ganz genaue Vorstellungen davon, wo „ihre“ Krippen stehen sollen – und wo nicht.

Eberhard K. Wiesner ist ein Selfmademan, wie er im Buche steht. Hat als Putzmann angefangen und sich konsequent hochgeschrubbt. Heute steht vor fast jedem Bürohaus in München ein „Wiesner-wienert-Auto“. Seine Frau  – die 3. – findet den Slogan peinlich. Aber Eberhard weiß, dass der sitzt. Und darauf kommt es an. Bei seiner Frau allerdings kommt Eberhard derzeit nicht sehr gut an. Sie ist eine „Zugroaste“, aber sie will das so gut wie möglich verheimlichen. Will „daheim“ sein in Bayern. Und dazu gehört neben dem Prunkdirndl und dem Wiesntisch beim Käfer eine große weihnachtliche Krippe. Von einem renommierten Krippenbauer. Vom besten. Und das ist unbestritten der Huber Schorsch in Unterammergau. Sie hat seine Krippen gesehen, bei der Frau Bürgermeister. Und bei diversen anderen Honoratioren. Im Stall stehen Ochs und Esel, aber auch Gänse, Hühner und Enten. Maria hat zarte braune Locken, ein blasses Dirndl und ein Gesicht zum Verlieben. Und die Details! Eisblumen an den Fenstern des stilisierten Stalls. Innen sieht man die Stube samt Kachelofen und Fleckerlteppichen. Ganz klar: Eine Huberkrippe muss es sein. Aber der Huber Schorsch weigert sich seit nun schon sechs Monaten, den Wiesners eine Krippe zu bauen. Nicht nur das, er ist nicht einmal bereit, ihnen eine fertige Krippe zu verkaufen. Für kein Geld der Welt. Denn der Wiesner war mit dem Huber Schorsch in der Grundschule, drüben in Garmisch. Und er war damals schon „an rechter Saubua“. Einmal hat er den Schorschi verpetzt, ais der aus der Werkstatt seines Vaters eine Handvoll scharfer Sägespäne mitgenbracht und auf dem Stuhl vom Lehrer verteilt hat. Nein, der Wiesner kann dem Huber Schorsch gestohlen bleiben mitsamt seinem ganzen Geld.

Jetzt ist schon Advent, und in der Villa in Grünwald steht immer noch keine Krippe. Frau Wiesner ist außer sich. Sie beschimpft den Huber am Telefon, sie beschimpft ihren Mann beim Essen und im Schlafzimmer. Der zuckt ergeben die Schultern und zieht schließlich mit der Bettdecke in eines der vielen Gästezimmer. Seine Frau geht ihm zunehmend auf die Nerven. Morgen wird er nochmal beim Huber Schorsch in der Werkstatt anrufen.

Als Eberhard aufsteht – heute muss er ausnahmsweise erst zur Spätschicht raus, um seine Leute zu kontrollieren – ist seine Frau schon weg.

Sie hat sich so über ihn geärgert, dass sie kaum geschlafen hat. Um acht Uhr ist sie in ihren SUV geklettert und Richtung Alpen gefahren. Jetzt verlässt sie die Autobahn. Die Straße sieht aus wie ein Tunnel, auf beiden Seiten türmen sich Wände aus Schnee. Die Berge drohen weiß und  kalt vor einem schiefergrauen Himmel. Die Tannenbäume am Rand der Hauptstraßen sind lichtbekränzt und leuchten um neun Uhr früh immer noch. Sie ist ein Stadtkind von der Reeperbahn, Die Berge, die Holzhäuser mit den windschiefen Balkonen und den verblassten Heiligenbildern an den Wänden machen ihr Angst. Genauso wie die Frauen, die auch an einem ganz normalen Tag im Trachtenrock auf die Straße gehen, oder, schlimmer, die Männer mit den dichten Bärten und dem Wildererblick. Sie fährt durch schmale Gassen, die alten Häuser auf beiden Seiten so windrschief, dass sie sich beinahe berühen. Und kein Laut. In der Stadt ist immer ein Grundton zu hören. Ein rauschender Mix aus Autobahn, Zügen und Menschen. Aber hier: Stille. Mal bellt ein Hund, mal kräht ein Hahn, mal lamentiert eine Rabenkrähe. Sonst nichts.

Dort hinten ist das Huberhaus. „Krippenmacher“ prangt das bunte Holzschild groß und trügerisch. Von wegen. Ihr macht er keine. Aber das wird sich zeigen. Jetzt. Sie parkt auf dem Hof. Steigt aus dem SUV. Niemand da? Überall Holz. Sogar oben auf der Tenne stehen schwere Klötze. Eine neue Lieferung? Als sie näherkommt, löst sich ein Klotz und fällt hinab. Sie ist auf der Stelle tot. Genickbruch. So ein Unglück. Der Huber Schorsch kommt gleich angerannt, er war nur kurz beim Bäcker. Mei, das tut ihm so leid! Andererseits – es ist die Frau vom Wiesner. da kommt der Geselle ums Eck, zu schnell für einen Zufall, zu scheinheilig, als dass der Huber Schorsch ihm den Schrecken abnimmt.

Der Huber traut dem Wiesner alles zu. Auch, den Gesellen zu bestechen, damit der die Wiesnerin um- und den Huber in die Bredouille bringt. Aber, und auch das war schon immer so, Wiesner ist schlau, aber nicht klug. Und schon gar nicht weitsichtig.

Ein Anruf bei seinem Freund Xaver auf der Kriminalpolizeidienststelle Garmisch-Partenkirchen , ein strammes Verhör mit Androhung lebenslanger Haftstrafen und der Aussicht auf Bewährung im Falle eines Geständnisses – und schon liegt der Sachverhalt offen. Also, bis auf die Tatsache, dass der Geselle nur die halbe Bestechungssumme angibt. Die andere Hälfte hat er dem Huber aushändigen müssen, damit der ihn nicht auf der Stelle derschlägt, mit einem weiteren Holzklotz vom Dach.

Der Wiesner sitzt, so munkelt man, Zelle an Zelle mit einem Münchner Gastronomen, der wegen massiver Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste. Der Geselle sitzt nicht ganz so komfortabel. Nur der Huber Schorsch sitzt sehr gemütlich in einem Korbstuhl irgendwo in der Karibik, gibt das halbe Bestechungsgeld vom Wiesner aus und lässt seinen Bruder samt Schäferhund auf die Krippen aufpassen. Derweil schaut die geschnitzte Maria, die mit dem blassen Dirndl, den zarten Locken und dem Gesicht zum Verlieben, recht wissend drein. Jetzt hat sie noch ein Geheimnis mehr zu bewahren.

Adventskalender MiniKrimi am 18. Dezember


Heute wird es mystisch im MiniKrimi Adventskalender. Die heutige Story stammt aus der Feder von Patrick Woywod. Er hat ein Faible für Krimis, Msytik und hilfebedürftige Tiere. Viel Spaß beim Lesen seines MiniThrillers.

„Die Schatten des Vergehens“

Robert war schon immer fasziniert von der Polizeiarbeit. Seit seiner Kindheit träumte er davon, eines Tages bei Scotland Yard Verbrecher zur Strecke zu bringen. Sein Interesse für das Unheimliche und das Mysteriöse machte ihn zu einem wahren Krimi-Fanatiker.

Eines Tages erhielt Robert einen Anruf von seinem besten Freund Marcus. Marcus war DS (Detective Sergent) bei der Hertfordshire Constabulary. Er berichtete beunruhigt von einer Serie ungelöster Morde, die die Stadt heimsuchte. Die Opfer wurden auf grausame Weise verstümmelt, und am Tatort fand man mysteriöse Symbole. Scotland Yard kam nicht weiter, denn alles Mystische wurde von vornherein ignoriert, und jeglicher Hinweis, der in diese Richtung deutete, landete unbearbeitet in der immer dicker werdenden Akte.

Deshalb griff Markus kurzentschlossen zu einer unorthodoxen Maßnahme und bat Robert um Hilfe bei der Aufklärung dieser unheimlichen Mordserie. Robert war von Marcus‘ Bitte begeistert und stimmte sofort zu. Gemeinsam durchkämmten sie die alten Polizeiakten und stießen auf eine verblüffende Tatsache: Alle Opfer hatten eines gemeinsam – sie waren Mitglieder einer alten Geheimgesellschaft, die vor vielen Jahren in der Stadt ihr Unwesen getrieben hatte.

Die Spuren führten Robert und Marcus zu einer verlassenen Villa am Stadtrand. Eine unheimliche Aura umgab das alte Gemäuer, und die Schatten der Bäume tanzten unheilvoll im Mondlicht. Mutig betraten sie das gruselige Anwesen, bereit, dem mysteriösen Täter auf die Schliche zu kommen.

In den dunklen Fluren der Villa schienen die Wände zu lauschen, und die alten Dielen knarrten bedrohlich unter ihren Füßen. Ein eisiger Luftzug jagte Robert Schauer über den Rücken, aber er konzentrierte all seine Sinne auf das Unerklärliche um sie herum.

Jetzt hörten sie ein heiseres Flüstern in den Schatten. Unerschrocken folgten die beiden Männer der geisterhaften Stimme und gelangten in einen geheimen Raum, dessen Wände mit mysteriösen Symbolen bemalt waren. Auf dem Boden lagen in staubigen Stapeln uralte Bücher. In der Mitte des Raumes stand ein Altar, und darauf lag ein blutbeflecktes Messer.

Robert erkannte, dass sie dem Täter auf der Spur waren. Endlich! Plötzlich wurde es dunkel: die Flammen der Kerzen auf dem Altar erloschen, und die Türen schlossen sich mit einem lauten Knall.

In der Dunkelheit hörten sie bedrohliches Lachen. Eine unheimliche Gestalt tauchte aus den Schatten auf. Sie trug ein langes schwarzes Gewand, ihr Gesicht war von einer Maske verdeckt. Es war der greise Anführer der alten Geheimgesellschaft, der die Mordserie inszeniert hatte.

Mit einer für sein hohes Alter unerwarteten Geschmeidigkeit sprang er auf die beiden Eindringlinge zu. Ein gezielter Stoß mit der blutbefleckten Waffe, und Marcus sank schwerverletzt zu Boden. Jetzt wandte der Mörder sich Robert zu. Unerbittlich drang er auf ihn ein und trieb ihn in die dunkelste Ecke des Raumes. Verzweifelt stemmte Robert beide Hände gegen die Wände hinter seinem Rücken. Er wollte den rasenden Alten mit einem Fußtritt zurückdrängen. Doch da ertasteten seine Finger kaltes Metall. Ein Säbel an einer brüchigen Wandhalterung. Robert riss ihn heraus. Mit der Kraft der Verzweiflung versetzte er seinem Widersacher einen Hieb, der dessen Schulter zerschnitt.  

Marcus überlebte den Anschlag nur knapp. Statt einer Belobigung für die Festsetzung eines gesuchten Serienmörders erhielt er eine – allerdings nur milde – Verwarnung, weil er sich alleine, nur in Begleitung einer Zivilperson, auf die Jagd nach dem „Schatten des Vergehens“ gemacht hatte. So ist die englische Polizei.

Adventskalender MiniKrimi am 17. Dezember


Die pure Lust

„Tschüss, Schatz. Ich bin spätestens um 19 Uhr wieder da.“

„Was, 19 Uhr? Jetzt ist es gerade mal drei. Was hast du den ganzen Nachmittag über vor?“

„Schatz,“ – leichte Ungeduld in ihrer Stimme – „ich bin bei Franck. Er ist nicht einfach ein Friseur, er ist ein Coiffeur, ein echter Haar-Künstler. Deshalb nimmt er sich für jede Kundin genau die Zeit, die er braucht, um ihre innere Schönheit nach außen leuchten zu lassen. So steht’s auf seiner Webseite, und genau so ist das auch. Jetzt schau mich nicht so an, ich kannte Franck schon, da hatte ich keine Ahnung, dass es dich irgendwo gibt. Deine Eifersucht ist hier wirklich fehl am Platz. Weißt du was, ruf deinen Freund Harald an und triff dich mit ihm im Fitnessclub. Der ist praktisch bei Franck um die Ecke. Dann kannst du mich abholen und mit deiner schicken Frau ins Schumanns gehen, auf einen Cocktail, und dich in den neidischen Blicken der Leute baden.“

Bevor sie Tom kennengelernt hatte, hatte sie ihr Single-Dasein in vollen Zügen genossen und nichts anbrennen lassen, wie man so schön sagt. Und Franck war immer hautnah dabei gewesen. Die Schmetterlinge im Bauch, die heißen Tränen und die kalte Wut – sie hatte alles mit ihm geteilt, denn sie hatte ihm alles mitgeteilt. Sie waren weit mehr als Friseur, pardon Coiffeur und Kundin. Über die Jahre hatte sich zwischen Waschtisch, Trockenhaube und Scheren eine Art Freundschaft entwickelt. Aseptisch und asexuell, trotz der weit über tausend Berührungen.

Sie genoss ihre Termine bei Franck, und egal, wie eifersüchtig Tom auch sein mochte, auf den Luxus, ihre Haare dem besten Friseur der Stadt anzuvertrauen, wollte und würde sie nicht verzichten. Sie hatte sich der zugegeben einzigen Macke ihres ansonsten praktisch perfekten Ehemanns schon oft genug gefügt. Der wunderbare Putzmann war einer unzuverlässigen Haushaltshife mit Staubblindheit und der Vorliebe für die Hausbar ihrer Arbeitgeber gewichen. Wenn sie den Wagen zur Inspektion brachte, achtete sie darauf, zu dem einzigen mit einer Frau besetzen Schalter zu gehen. Das gleiche galt für die Supermarktkasse. Wobei der stets zart gebräunte, glutäugige Filialleiter nicht nur schöner, sondern auch schneller war als die weiblichen Angestellten.

Aber bei Franck war Schluss. Sollte Tom doch endlich lernen, mit seiner völlig unbegründeten Eifersucht umzugehen!

In Francks Salon war kurz vor Weihnachten ungewöhnlich viel Betrieb. Normalerweise organisierte er seine Termine mit geradezu pedantischer Präzision. Aber Franck war eitel. Wenn Frau von Bodmer ihm am Telefon entgegenflötete: „Ach bitte, Franck, Sie müssen einfach ein Minütchen für mich finden. Die Horner-Backridges kommen am ersten Feiertag. Wenn Sie meine Haare nicht stylen, verkrieche ich mich in der Besenkammer!“ Also hatte er die von Bodmer noch reingezwängt, terminlich und räumlich, denn der Salon war mit nur drei Plätzen pures Understatement. Und dann war auch noch Susi Schwan von Sunny TV reingeschneit. Die vergaß nie, vor der Kamera zu erwähnen, dass „der liebe Franck“ ihr wieder so eine tolle Frisur gezaubert hatte.

Kurz, um fünf saß sie immer noch in dem einzigen eleganten und dem entsprechend unbequemen Besuchersessel. Um sechs endlich ging die Bodmer, unmittelbar gefolgt von einer glücklich glucksenden Susi.

„Uff! Sorry, Schätzchen, tut mir unendlich leid! Du weißt ja selbst, sowas ist mir bei dir noch nie passiert. Und auch bei keiner anderen. Aber jetzt habe ich nur noch Augen und Hände für dich. Komm, wir trinken erst mal ein Glas Champagner, zur Entspannung.“

Entspannung war genau das, was sie brauchte. Ihr Nacken fühlte sich an, als hätte ihn eine Horde Elefanten als Trampelpfad benutzt, Während sie sich mit dem kalt prickelnden Schampus zuprosteten, schaute sie auf die Uhr über der Tür und dachte flüchtig an Tom, der jetzt wahrscheinlich mit Harald beim Training war. Soll ich ihn anrufen und sagen, dass er mich nicht vor acht abzuholen braucht? Ach was, dann störe ich ihn nur beim Rudern oder was er sonst gerade macht. Wenn er da ist, ist er da. Muss er sich halt beim Warten langweilen. Dann sieht er wenigstens, dass seine Eifersucht total unbegründet ist.

Franck färbt ihr mit gekonnten Griffen die Haare. Nach einer dank der zweiten Flasche Champagner kurzweiligen Einwirkzeit geht’s an Auswaschen.

Mit geschlossenen Augen und zrurückgelehntem Kopf lässt sie sich von Franck massieren. Schläfen, Nacken, die empfindlichen Stellen hinter den Ohren. „Ooohhhh ja, Franck, das tut so gut. Ooohhh jaaa. Bitte, mach weiter, bitte, ja, jaaaaaa“, stöhnt sie genussvoll mit vom Alkohol angerauter Stimme und einen Tick lauter als nötig.

Beide sind so in den Augenblick vertieft – sie in den entspannenden Genuss und der Coiffeur in seine Arbeit, dass sie das Klingeln der Salontür überhört haben müssen. Plötzlich steht Tom vor ihnen, Schweißperlen auf der hochroten Stirn. „Ich hab’s ja gewusst“, schreit er. „Ich hab dich schon an der Tür stöhnen hören. Jetzt tut nicht so unschuldig. Ihr seid ja wie die Tiere. Treibt es auf dem Friseurstuhl.“

Und schon stürzt er, die Schere in der Hand, auf Franck zu. Instinktiv hebt sie ihren Fuß, um Tom einen Tritt zwischen die Beine zu versetzen. Tom taumelt, rutscht auf dem nassen Boden aus – Franck hat vor Schreck die Brause über den Rand des Waschbeckens fallen lassen, und rund um den Stuhl hat sich eine Lache gebildet – und stürzt so ungeschickt, dass er sich die Schere in den Bauch rammt.

Nachdem der Krankenwagen mit Tom und Blaulicht in die nächste Klinik gefahren und die unter Schock stehende Kundin und der Coiffeur vom Notarzt mit einem Beruhigungsmittel versorgt worden waren, kehrte Ruhe ein, im Salon.

Eine zeitlose Weile saßen die beiden auf der Couch in Frankcs privatem Bereich und nipptem an frischem, eisgekühltem Champagner. Die Luft war schwer von edlen Räucherkerzen, und der vergoldete Buddha auf der Marmorsäule senkte dezent den Blick, als die zwei ausgehungert und nach betäubender Nähe lechzend endlich übereinander herfielen, ganz so, als hätten sie sich bereits tausendmal berührt.

Adventskalender MiniKrimi am 16. Dezember


Heute freue ich mich sehr, einen kurzen und sehr unterhaltsamen Krimi meines Autorenkollegen Jörg Luzius zu präsentieren. Wenn Ihr genauso viel Spaß daran habt wie ich, dann schaut unbedingt auf der Weibseite seiner Gabriel Gilmore-Reihe vorbei. Dort findet Ihr mehr garantierte Lesefreude.

DER ÜBERFALL

Lady Milford war bisher noch nie überfallen worden und deshalb auf dieses Ereignis auch in keinster Weise vorbereitet gewesen. Zudem trug sie die falschen Schuhe. Nicht, dass sie gewusst hätte, welches Schuhwerk der Situation angemessen gewesen wäre, sie hatte für den Abend jedoch eine Einladung ins Theater erhalten, und zu einem derartigen Anlass wählte sie für gewöhnlich ihre roten Pumps. Da diese jedoch denkbar ungeeignet waren, um damit die Flucht zu ergreifen, entschloss sie sich, sich den Widrigkeiten dieses Abends zu stellen, als der bewaffnete Mann plötzlich vor ihr stand. Glücklicherweise jedoch war ihr Butler James an ihrer Seite, der als gebildeter Mann von Welt sicherlich wusste, wie man mit solch einer Situation umzugehen hatte. Noch jedoch übte dieser sich in vornehmer Zurückhaltung, schließlich hatte der Fremde mit dem Tuch vor dem Mund und der Waffe in der Hand ja das Wort ausdrücklich an Mylady gerichtet, als er gefordert hatte: „Geld oder Leben!“

Lady Milford reagierte letztlich, wie es einer Dame ihres Standes gebührte.

„Werter Herr“, sagte sie. „Wurden wir einander bereits vorgestellt?“

Der Vermummte verneinte dies.

„Dann sollten wir das sofort nachholen, ehe wir in geschäftliche Verhandlungen eintreten!“

Ihr Blick ließ keinen Zweifel daran, dass sie diese Formalität als unabdingbar erachtete.

Sie wandte sich an ihren Begleiter: „James, würde Sie die Freundlichkeit haben, mich mit diesem Herrn bekannt zu machen?“

„Selbstverständlich Mylady!“

Der Butler trat vor den Fremden hin und sagte:

„Dies ist Lady Milford. Von den Milfords zu Monkton – nicht etwa vom Zweig der Arlington-Milfords, wie oft fälschlicherweise angenommen wird.“

Der Fremde bedeutete ihnen, dass er diese Feinheit im weiteren Verlauf des Überfalls gebührend berücksichtigen werde.

„Und mit wem haben wir das Vergnügen?“

Der Mann schien daraufhin peinlich berührt. Er entschuldigte sich mehrmals, dass er ihnen seinen Namen leider nicht nennen könne, denn dieses sei in seinem Gewerbe nun einmal nicht üblich.

Lady Milford gab James durch ein Nicken zu verstehen, dass sie durchaus gewillt war, die gesellschaftliche Ausnahmesituation anzuerkennen und nicht auf einer namentlichen Vorstellung zu bestehen. Schließlich war sie nicht ganz so weltfremd, wie ihr oftmals unterstellt wurde.

James wandte sich wieder an den Maskierten. Da der Etikette nun genüge getan sei, könne man somit zum geschäftlichen Teil übergehen.

„Sie wünschen bitte?“

„Geld oder Leben!“, wiederholte der Angesprochene daraufhin seine Forderung. Er konfrontierte sein Gegenüber diesmal weit weniger schroff mit seinem Begehr, als er es noch beim ersten Mal getan hatte. Nun, da man gesellschaftlich einander nähergekommen war, hielt er seinen üblichen Geschäftstonfall wohl für nicht mehr ganz angebracht.

Lady Milford nahm dies mit Wohlwollen zur Kenntnis.

„Ich nehme an“, entgegnete James, „Sie meinen das Geld von Mylady.“

Der Vermummte bestätigte dies.

„Und somit auch deren Leben? Denn eine derartige Verpflichtung steht nicht in meinem Dienstvertrag.“

Lady Milford gab James zu verstehen, dass sie im Falle einer gewaltsamen Auseinandersetzung nicht auf den Opfertod ihres Angestellten bestehen würde. Dieser zeigte sich darüber zutiefst erfreut und wandte sich wieder an den Räuber: „Welche Summe schwebt Ihnen in etwa vor?“

Der Mann schien kurz zu überlegen und sagte dann fast zaghaft: „Für gewöhnlich bestehe ich ja auf allem, was die von mir Überfallenen bei sich tragen. In Anbetracht unserer besonderen gesellschaftlichen Beziehung jedoch, würde ich mich mit der Hälfte des Bargeldes von Mylady sowie den Ohrringen zufriedengeben.“

„Leider führt Lady Milford niemals Bargeld mit sich. Nehmen sie auch Kreditkarte oder Verrechnungsschecks?“

Dies sei leider aus Gründen möglicher Rückverfolgung nicht möglich, erklärte der Vermummte und drückte sein tiefstes Bedauern aus. Er würde dann allerdings neben den Ohrringen auch noch auf der Halskette bestehen müssen.

„Diese Kette ist ein Erbstück von Myladys verstorbener Großtante. Sie kann sie Ihnen unmöglich überlassen. Sie würde ihnen aber stattdessen ihr Diamantarmband anbieten.

Lady Milford hob den Arm leicht an, so dass der Schmuck an ihrem Handgelenk im Licht einer Straßenlaterne sichtbar wurde. Der Dieb trat einen Schritt näher, holte eine Juwelierlupe hervor und begutachtete das Stück. Schließlich zeigte er sich einverstanden. Die Beute wurde ihm daraufhin regelkonform ausgehändigt. Anschließend versicherte man einander, dass man mit der gegenseitigen Geschäftsbeziehung äußerst zufrieden sei.

Lady Milford beteuerte dem Unbekannten, dass es ihr eine Freude gewesen wäre, von ihm überfallen worden zu sein. Leider könne sie ihn nicht an ihre Freundinnen weiterempfehlen, da er ihr weder Namen noch Anschrift genannt habe.

Da könne man nichts machen, entgegnete dieser, aber so sei das nun einmal in seinem Gewerbe. Anonymität und Verschwiegenheit wären das A und O.

Mit einer Verbeugung verabschiedete er sich. Er wollte sich bereits abwenden und friedlich seiner Wege ziehen, da wandte er sich unvermutet noch einmal um. Es sei ihm äußerst peinlich, setzte er an, und normalerweise täte er so etwas auch nicht – aber da er an diesem Abend kein Bargeld erbeutet hätte, könne er nun das Taxi zu seinem Hehler nicht bezahlen, der ihn bereits mit der Beute erwarte. Ob James ihm nicht vielleicht mit 5 Pfund für den Bus aushelfen könne. Er nehme sonst niemals Geld von hart arbeitenden Angestellten, aber die Situation …

Der Butler nickte verständnisvoll. Als Proletarier müsse man einander schließlich solidarisch zur Seite stehen. Er zählte dem Mann die Münzen auf die Hand. Dieser bedankte sich wortreich und zog sich alsdann zurück in den Schatten, aus dem er gekommen war.

„Ein reizender Mensch!“, sagte Lady Milford. „Da werden die Damen vom Bridge-Club vor Neid erblassen, wenn ich ihnen von diesem Abenteuer berichte.“

Zufrieden machte sie sich wieder auf den Weg, und James ging ihr in gebührendem Abstand hinterher.

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Heute, beim Friseur, brach meine Autorinnenwelt zusamm’en. Und das binnen 3 Sekunden. „Schreib einen kurzen Krimi mit den Inhalten ‚Freunde‚ und ‚anonym’ im Stil von mariebastide.blog„, forderte ich KI auf. Und ehe ich bis drei zählen konnte, war das Ergebnis da. Erschütternd, dachte ich. Zumal eine Kollegin gerade erst auf Facebook den – für mich inzwischen zumeist – unsäglichen Nida-Rümelin zitiert hatte, der wiederum offenbar Chomskys Verdikt über KI teilte: Keine künstliche Intelligenz, sondern banale Plagiatssoftware.

Ich weiß von Bekannten aus der Wissenschaft, dass sie KI nutzen, um die erste Rechercherunde zu einem Thema zu verkürzen. Sie lassen sich von KI eine gut sortierte Menge an Informationen zu ganz gezielten Fragestellungen zusammenstellen und bauen darauf dann ihre eigene tiefer gehende Recherche auf. Ihr Fazit: KI spart Zeit und hat einen unbestreitbaren Weitblick. Wenn die Fragen richtig gestellt werden.

Insofern ist sie natürlich mehr als Plagiatssoftware, denn sie kombiniert Gesammeltes neu.

Da viele meiner Kolleg*innen immer wieder aufschreien, KI wäre das Ende von uns Autor*innen, machte ich heute die Probe aufs Exempel.

Als die KI knapp 3 Sekunden nach meiner Aufforderung mit einem kompletten Kurzkrimi „im Stil von Marie Bastide“ aufwartete, brach also auch meine Welt zusammen.

Allerdings fügte sie sich bereits nach dem Lesen der ersten Sätze wieder zu einem runden, schönen Ganzen. Nicht nur macht KI Fehler, sowohl in der Satzbildung alsauch bezüglich Inhalt und Logik, nein, der Stil ist so schauderhaft, dass nur die vermehrte Nutzung von Adjektiven an meine Art zu schreiben erinnert. Und die Handlung ist deutlich abstruser aos die in meinen MiniKrimis. Viel Schein, wenig Sein, so lautet mein Fazit. Oder? Sagt selbst – was denkt Ihr über diesen KI-generierten MiniKrimi à la Marie Bastide?

Ach ja: noch eine fehlende Ähnlichkeit: er enthält keinerlei orthographische Fehler, die doch das Markenzeichen meiner jeden Abend frisch direkt in den Blog getippten Storys sind..

Ich bin so gespannt auf Eure Meinung!

KI MiniKrimi à la Marie Bastide

In den schummrigen Straßen von Noirville, einer Stadt, die ihre Geheimnisse mit Zigarrenrauch umhüllte, begann die Geschichte von Detective Adrian Bennett und seinem besten Freund, dem zwielichtigen Informanten, Vincent „Schatten“ Malone.

Eine Reihe anonymer Briefe, hinterlegt in verlassenen Bars und schäbigen Hinterzimmern, kündigten einen Mord von beispielloser Skrupellosigkeit an. Bennett, ein Mann mit einem düsteren Charme und einem scharfen Verstand, wurde in das Netz der Intrigen gezogen. Sein instinktives Gespür für Unheil führte ihn zu den Schatten, wo Vincent, mit einem Lächeln, das mehr verbarg als zeigte, auf ihn wartete.

Die Dunkelheit der Stadt spiegelte die verborgenen Abgründe der Freundschaft zwischen Bennett und Malone wider. Zwischen zwielichtigen Gestalten und gefährlichen Hinterzimmern begann ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Linie zwischen Recht und Unrecht verschwamm. Bennett verfolgte die Spuren des anonymen Killers, während er sich fragte, ob sein treuester Freund vielleicht mehr Geheimnisse barg, als er bereit war zuzugeben.

Die Atmosphäre der Noirville wurde von der rätselhaften Bloggerin Stella Obscura durchleuchtet. Auf ihrem Blog, durchzogen von Schattenbildern und kryptischen Einträgen, entfaltete sich die düstere Choreografie eines Verbrechens, das tiefer in die düsteren Seiten der Stadtgeschichte reichte als je zuvor gedacht.

In einer letzten Konfrontation zwischen Freund und Mörder enthüllte sich die Wahrheit, als Noirville selbst zu einem schweigenden Zeugen wurde. Zwischen verlassenen Lagerhäusern und hallenden Schritten auf dem Pflaster erreichte die Geschichte ihren Höhepunkt, wo die Freundschaft auf dem Spiel stand und die Schatten der Vergangenheit ihre letzten Geheimnisse preisgaben.

Adventskalender MiniKrimi am 14. Dezember


Früher, als Studentin, und auch später noch, bevor ich Mutter wurde, bin ich sehr oft und sehr gerne ins Kino gegangen. Vor allem die Nouvelle Vague Filme hatten es mir angetan. Aber auch Hitchcock. Und die Rocky Horror Picture Show. Die habe ich 15 Mal gesehen. Heute ist mein cineastisches Wissen ziemlich eingerostet. Aber der Fehler, der meinem Protagonisten Giovanni unterlaufen ist, wäre mir nicht passiert.

EInem Cineasten wär‘ das nicht passiert!

Seit zwei Jahren wohnt Michaela, genannt Michi, jetzt schon in dem Hochhaus am Stadtrand von München. Die Siedlung ist, entsprechend dem Münchner Modell, das Sozialwohnungen mit Eigentumswohnungen mixt, ein Kaleidoskop mit vielen Generationen, Kulturen und Lebensentwürfen. Trotzdem hat sie in ihrem Haus keine neuen Freunde gefunden. Bis auf Giovanni. Er arbeitet in einem Restaurant, Michi in einem Saunaclub. Seit sie sich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit eines Morgens um drei im Treppenhaus begegnet sind und gemeinsam vergeblich 10 Minuten auf den wieder mal defekten Fahrstuhl gewartet haben, treffen sie sich mindestens einmal pro Woche, um zusammen zu kochen, zu essen und einen kitschigen LIebesfilm zu schauen. Beide sind Single, und beide schmelzen jedes Mal dahin, wenn das Traumpaar nach 90-minütigen Irrungen und Wirrungen endlich für immer zueinander findet.

Seit drei Wochen ist Giovanni ganz verändert. Er versalzt das Pasta-Wasser, schaut wieder und wieder verträumt ins Nichts oder seufzt unvermittelt mit einem verklärten Lächeln im Gesicht. „Giovanni, gib’s zu, du bist verliebt“, hat Michi schon mehrfach gesagt. Aber Giovanni, der sonst all seine Geheimnisse mit der Freundin teilt, hat nur den Kopf geschüttelt. „Ich verrate nichts. Noch. Das bringt Unglück, sagt meine Großmutter.“ Seine sizilianische Großmutter ist Legende. Gegen ihre Lebensweisheiten kommt Michi nicht an. Also wartet sie ab.

„Was ist eigentlich mit der Nachbarin aus dem 9. Stock?“, fragt sie, um das Thema zu wechseln. „Ach, quella stronza (das übersetze ich jetzt nicht) hat mir schon wieder ihren Anwalt auf den Hals gehetzt. Und diesmal gleich mit einer Klageandrohung.“ „Warum denn diesmal?“ „Versuchter Mord. Angeblich habe ich sie mit einem Messer bedroht.“ „Schon wieder? Und warum? Letztes Mal hat sie doch ne Abfuhr von der Polizei kassiert wegen Notrufmissbrauch, weil du glaubhaft versichern konntest, dass du vor dem Müllhäuschen mit einem Kneipchen einen Amazon-Karton zerschneiden wolltest – und nicht ihre Kehle:“ „Ja, genau. Diesmal hat sie bei mir geklingelt, weil ich angeblich zu laut Musik anhatte. Gut, ich habe l’italiano vero von Toto Cotugno gehört und mitgesungen, ungefähr so: Lasciatemi cantaaareeeee..:“ „Ja, ist gut. Hör auf, ich kenne den Song und deine Interpretation. Zum Glück musst du im Restaurant nicht als singender Kellner auftreten. Aber was hat das mit dem Messerangriff zu tun?“ „Allora: ich war beim Zwiebelschneiden, und als sie geklingelt hat, bin ich gleich zur Tür gelaufen. Mit dem Messer in der Hand.“ „Lass mich raten, das Yaxell Gou mit 101 Lagen?“ „Genau.“ „Ok…“ „Sie hat mich gar nicht angeschaut, nur auf das Messer gestarrt, und hat angefangen, zu brüllen, als wäre sie ein Schwein und ich der Metzger. Ich wollte sie beruhigen, dabei habe ich wahrscheinlich gestikuliert.“ „Wie ein Italiener das halt macht.“ „Jedenfalls, als nächstes flattert mir dieses Schreiben ins Haus.“ „Und jetzt?“ „Jetzt warte ich auf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft.“

Wow. Armer Giovanni. Die Frau ist wirklich gestört. Michi vermutet, dass sie insgeheim in ihn verliebt ist, und weil er keinerlei Interesse an ihr hat, rächt sie sich, indem sie ihm einen Haufen Scherereien macht. „Das ist total schlimm, aber bitte, zieh nicht weg. Sonst bin ich hier komplett allein.“ „Nein, tesoro, mach dir keine Sorgen. Noch ziehe ich nicht weg. Vielleicht, wenn ich eine feste Freundin habe. Aber das dauert noch eine Weile.“

Michis ist sofort hellhörig und will Details erfahren. Aber mehr ist aus Giovanni nicht rauszuholen. „La nonna, du weißt ja.“

Aber schon eine Woche später rückt Giovanni endlich mit der Sprache raus. Gut gelaunt und in einem schicken neuen Hemd öffnet er ihr die Tür und streckt ihr zur Begrüßung ein Glas Limoncello Spritz entgegen. „Hey, was ist passiert?“ „Vieles. Erstmal hat die Staatsanwaltschaft die Anzeige der stronza über mir eingestellt. Kein hinreichender Tatverdacht.“ „Hey, super. Gratuliere. Und sonst?“ „Ach, ich bin doch auf dieser Dating-Plattform. Singles in München.“ „Aahaaaaa.“ „Ja, und da habe ich vor einem Monat eine tolle Frau kennengelernt. Blond und schöne wie ein Engel. Wir haben es bewusst ganz langsam angehen lassen und uns erstmal viel voneinander erzählt. Ich wollte sie ja schon lange treffen. Aber sie war zurückhaltend. Kommt aus einer gläubigen Familie, irgendwie.“ „Oh, Mann, kein Sex vor der Ehe? Giovanni, ob das mal gut geht?“ „No. So schlimm ist es nicht. Außerdem hat sie mir ja genau heute geschrieben, ob wir uns nicht auf einen Drink treffen wollen. Das war total cool. Erst hab ich in der Post die gute Nachricht wegen der Anzeige, und dann schlägt sie ein Date vor. Das ist mein Glückstag!“ „Ich freu mich für dich. Wann sehr Ihr Euch?“ „Heute! Sie hat gesagt, sie holt mich später ab. Sie hat einen Porsche. Dann muss ich nicht mit der U-Bahn reinfahren.“

„Aber dann kochen wir lieber nicht, und du machst dich fein.“ „In nessun caso. Auf gar keinen Fall. Wir essen unsere Spaghetti Alfredo. Und wenn du zur Arbeit musst, hab ich noch etwas Zeit, um mir die Zähne zu putzen und eine rote Krawatte anzuziehen. Mein Erkennungszeichen. Sie kommt um elf,“ und er grinst.

„So spät?“ Egal. Michi freut sich sehr für Giovanni. Sie selbst hat nach dem Scheitern ihrer letzten Beziehung noch keine neue Frau fürs Leben gefunden. Um so glücklicher ist sie, dass es bei ihm endlich zu klappen scheint.

Nach einem wunderbaren Essen macht sich Michi fertig für die Arbeit. Sie ist eine perfekte Rezeptionistin, die von Kunden und Saunaclub-Mitarbeiterinnen gleichermaßen geschätzt wird. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie jede Auseinandersetzung im Club dank ihres schwarzen Aikido-Gürtels im Keim erstickt.

Als sie aus dem Haus geht, ist es draußen stockdunkel. Die Außenlampe ist schon wieder zerschlagen worden! Bis zur nächsten Straßenlaterne sind es hundert Meter, aber Michi geht schnell und gezielt Richtung U-Bahn. Da löst sich ein Schatten aus dem Gebüsch und ist mit einem Satz neben ihr, in der einen Hand eine Spraydose, in der anderen ein Messer. Japanisch, registriert Michi automatisch, während sie bltzschnell der Waffe ausweicht. Doch der Pfeffer aus der Dose trifft ihr linkes Auge. „Du dreckige Nutte, machst mit Giovanni rum. Deshalb hat er mich verlassen. Jetzt kriegst du dein Fett. Und er gleich hinterher. Ich hab’s ja bei Gericht versucht. Aber Ihr steckt doch alle unter einer Decke. Bullen, Richter, Mafia. Ich mach euch beide kalt!“, zischt die Gestalt. Wut und Adrenalin verzerren die Stimme, aber nicht genug. Michi erkennt Giovannis Erzfeindin. Trotz des stechenden Nebels vor ihren Augen macht sie ein paar geübte und gezielte Bewegungen, und die Mieterin aus dem neunten Stock liegt wehrlos am Boden.

Schritte nähern sich. „Hallo, was ist da los? Was machen Sie? Lassen Sie sofort die Frau los“, ruft Giovanni und beleuchtet die Szene mit der Taschenlampe seines Handys. „Michi!“ Er starrt auf die am Boden liegende Frau im schwarzen Trench und mit roten High Heels. Ihr schwarzer Hut mit einer frischen roten Rose ist im Kampf auf den Weg gefallen. „Bella! Das ist Bella, mein Date. Sie hat sich extra für mich so angezogen. Schwarz rot. Und ich mit roter Krawatte.“ Givanni schluckt, schaut auf die am Boden liegende Frau und fragt schließlich: „Michi, was hast du getan?“

„Das ist nicht Bella. Das ist die „stronza“ aus der Wohnung über dir. Sie leidet ganz offensichtlich unter Wahnvorstellungen. Sie denkt, Ihr zwei wart ein Paar und ich habe euch auseinandergebracht. Deshalb wollte sie jetzt kurzerhand uns beide umbringen. Schau, sie hat sich extra ein Messer wie deines zugelegt. Aber sag mal, habt ihr denn keine Fotos ausgetauscht?“

„Doch, natürlich. Schau mal, das ist sie.“ Giovanni holt mit zitternder Hand den Computerausdruck eines Fotos aus der Jackentasche. „“Oh nein. Ich glaube, statt Herz-Schmerz-Schnulzen müssen wir uns in Zukunft französische Filme anschauen. Das ist ein Foto von Catherine Deneuve in jungen Jahren.“

Adventskalender MiniKrimi am 13. Dezember


Erstaunlich, dass manche Dinge sich nicht zu ändern scheinen, Heute habe ich einen DHL Boten glücklich gemacht. Er schleppte 4 Kisten Hundefutter à 24 Kilo an meine Haustür. Vielleicht hätte er sie sogar in den Keller getragen, wenn ich nett darum gebeten hätte. Oder so. Hab ich aber nicht. Stattdessen bot ich ihm einen Espresso an, den er mit Hinweis auf die noch im Transporter befindlichen 300 Pakete, deren Empfänger ihn allesamt sehnsüchtig erwarteten, ablehnte. Woraufhin ich im ein selbstgemachtes Platzerl (ein gutes!) und 5 Euro anbot, welche er beide annahm.

Es ist eine Unsitte, online zu bestellen. Siehe meine gestrigen Ausführungen. Aber es ist zuweilen unumgänglich. Und was der Bote nicht bringt… müssen wir selbst holen. Das ist nicht immer ganz einfach und bringt zuweilen die verrücktesten Geschichten zutage. Wie diese hier.

Apfel, Nuss und… weißes Pulver

Im Zuge der Rationalisierung hat die Post ihre Annahmestellen ausgelagert. In Supermärkte oder Tankstellen, zum Beispiel. Das Personal dort ist vielleicht nicht so geschult wie die Postbeamt*innen hinter den gelben Schaltern, aber dafür in der Regel freundlicher. Die junge Frau, die am späten Nachmittag die Postfiliale in der Allguth-Tankstelle betritt, ist sichtlich überfordert, verschwitzt und ungekämmt. Sie schaut sich suchend um, dabei schiebt sie die dichten Haarsträhnen zur Seite, die ihr immer wieder ins Gesicht fallen. Vor ihr stehen zwei Männer und eine Frau in der Schlange. Wollen Pakete von Amazon und Zalando zurückgeben. Sie könnte schreien vor Glück.


Hilflos zuckt sie die Achseln und reiht sich ein. Da taucht neben dem Mitarbeiter, der für die Nachmittagsschicht am Schalter abgestellt worden ist, eine Blondine auf. Mittelblond, mittelalt und nur mittelgut geübt im Posthandwerk, soll sie ganz offensichtlich eingearbeitet werden. Die überforderte junge Frau strahlt sie aus unschuldig blauen Augen an. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen, einen passenden Karton hierfür zu finden? Sonst halte ich den ganzen Betrieb auf, wenn ich dran bin….“. Und sie hält etwas in die Höhe, was aussieht wie ein sehr grober, überdimensionierter und arg verbeulter Strumpf. „Mein Sohn ist im Schullandheim, wissen Sie. Aber er wartet ganz bestimmt auf seinen Nikolaus.“


Die Blonde lächelt, sie hat vielleicht auch ein Kind. Schließlich finden sie einen geeigneten Karton. „Ist zwar für Flaschen, aber wenn wir den Strumpf etwas anpassen….“ „Ich mach schon“, sagt die junge Mutter. „Ach, lassen Sie mal. Ich mach das hier fertig, und Sie gehen heim und trinken eine große Tasse Kaffee. Die Adresse haben Sie schon auf den Versandschein geschrieben, sehe ich. Und das Porto online bezahlt. Vorbildlich.“ Sie lächelt. „Na gehen SIe schon. Ich krieg das hin, sind ja nur weiche Sachen drin, außer dem Apfel.“

„Wenn der nicht reinpasst, lassen Sie ihn einfach weg. Essen Sie ihn doch auf. DIe Sorte ist echt lecker. Und vielen Dank. Den Kaffee und ein paar Minuten ohne Stress kann ich echt brauchen.“ Mit einem letzten Strahlen geht die junge Mutter beschwingt aus der Tankstelle. Es gibt doch noch nette Leute. Am Postschalter hätte sie stundenlang gewartet und wäre dann noch reihum von den Leuten hinter ihr und dem oder der Postangestellten wegen der vielen Umstände fertig gemacht worden.

Die nette blonde Aushilfe geht mit Strumpf und Karton nach hinten. Sie drückt und quetscht, und in der Tat lässt sich der Inhalt gut genug verformen, um in die Verpackung zu passen. „Nur ein paar Tüten mit Mandeln“, ruft sie lachend ihrem Kollegen zu, der die beiden Frauen stirnrunzelnd beobachtet hat. Am Ende bleibt der Apfel draußen. Schließlich ist alles verpackt, die Adresse des Schullandheims ist ein einfacher Postkasten an einer oberbayerischen Straßenkreuzung.


Die Blonde freut sich über ihre gute Tat. Sie hat eine Mutter glücklich gemacht. Und ihren Partner, der das reine Kokain am Nikolausmorgen aus dem Postkasten an der oberbayerischen Straßenkreuzung fischen wird.  Spurlos verschwunden aus der Asservatenkammer am Münchner Flughafen. „Apfel, Nuss und Mandelkern. Nur, dass der Apfel durch den Koks ersetzt wurde.  

Den Nikolausstrumpf wird er natürlich im Postkasten lassen. Für den kleinen Jungen, der dafür hoffentlich von seinen Klassenkamerad*innen nicht ausgelacht werden wird.













Kein Adventskalender MiniKrimi am 12. Dezember


Heute schreibe ich keinen Krimi. Heute schaue ich auf die Welt. Die kleine, um mich und um uns herum, und die große. Was da passiert, tagtäglich, ist mehr Krimi als alles, was ich schreiben kann.

Deshalb habe ich eine Frage an euch und bitte euch um eine offene, ehrliche Antwort.

Die Klimakonferenz in Dubai bringt keine Verbindlichkeiten. Daran wird auch die Verlängerung nichts ändern. Die Politiker*innen tun so, als sei die prognostizierte Erderwärmung um drei Grad nichts, was sie und ihr Handeln konkret betreffen würde. Inselbewohner berichten vom Untergang ihrer Heimat. Junge Menschen haben Angst um ihre Zukunft und wissen sich nicht anders zu helfen, als sich auf Hauptverkehrsadern festzukleben. Dürre und Überschwemmungen überall – aber „nur“ in den armen Ländern sterben die Menschen zu Tausenden – oder flüchten dorthin, wo keiner sie haben will.

Der Konflikt im Nahen Osten bringt Unschuldigen Tod, Leid und Not. Es profitieren diejenigen, die selbst keinem Terroranschlag zum Opfer fallen, die keine Bomben ertragen, die weder hungern noch dürsten. Diejenigen, denen es nicht um Frieden in der Region geht, sondern um die Verfolgung ihrer eigenen Ziele. Um den Erhalt oder den Ausbau ihrer Macht. Und sie sitzen nicht nur in Israel, in Gaza, im Libanon. Sie sitzen im Iran, in Saudi-Arabien, Russland und den USA.

Krisenmodus ist das Unwort des Jahres. Krisen gab es doch schon immer? Ja, doch sie passierten in für uns komfortabler Entfernung. Das hat sich geändert. Der Krieg in der Ukraine führt bei uns zu spürbaren Konsequenzen. Die Geflüchteten, deren Leben und Sterben in ihren Ländern eine einzige Krise ist, überrennen uns. Unwetter mit Hitze, Gewitterstürmen und Überschwemmungen im Sommer, mit Schneechaos im Spätherbst. Dazu eine „unfähige“ Regierung, unfähig, weil die Medien sie dazu machen und sich damit, der Auflage wegen, als Sprachrohr für zersetzende Kräfte hergeben.

Das ist, neben der bedrohten Umwelt, in meinen Augen die größte Krise. Das Wiedererstarken nationalistischer, ich sage faschistischer Kräfte. Überall, aber auch bei uns. Eine Freundin von mir berichtete gerade von entsetzlichen antijüdischen Schmierereien an den Wänden ihrer kleinen Stadt. In den sozialen Medien lese ich tagtäglich schmutzige Hetze gegen Juden, gegen Moslems, Menschen mit nicht weißer Hautfarbe, LGTBQ, gegen „Linksversiffte“ und Menschen, die sich impfen lassen, egal wogegen. Bedenklich stimmt mich auch, dass, während die Kirchen offenbar immer mehr an Bedeutung zu verlieren scheinen, gleichzeitig auf TikTok, Instagram & Co. die Christfluencer ihr Unwesen treiben. Ja, die Zeiten sind unstet, und ja, Menschen suchen nach Halt. Doch während Kirchen diesen geben könnten, und zwar unter dem Vorzeichen von Toleranz und Liebe, wenden sich Alte und Junge den Schreiern zu, den Demagogen, denen es nicht um ein Miteinander geht, nicht um Versöhnung und Dialog, sondern darum, Menschen aufzuwiegeln und gegeneinander auszuspielen.

Warum? Ich glaube wirklich, dass es allen, die ganz bewusst Hass schüren, Missgunst, Vorurteile und Instabilität, einzig um ganz persönliche Macht geht. Politische Macht, aber auch schlicht die Macht über soundso viele „K“ Follower. Das ist unverantwortlich. Aber sie planen ja auch nicht, Verantwortung zu übernehmen.

Das ist die „große“ Welt. Und die kleine? Umfragen zeigen deutlich die Diskrepanz zwischen ökologischem Bewusstsein und einem entsprechenden Verhalten. Während ein hoher Prozentsatz der Menschen in Deutschland der Meinung ist, dass wir weniger und wenn, dann Bio-Fleisch essen, weniger mit dem eigenen PKW fahren und auf Flugreisen so weit wie möglich verzichten sollten, hat sich seit der Corona-Krise (schon wieder eine), das Verhalten der Konsumenten drastisch in Richtung ungesundes Discounter-Angebot verändert, es werden auf Teufel komm raus Billigflugreisen gebucht – und der KFZ-Bestand steigt und steigt. Frei nach dem Motto: Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an.

Ich nehme mich selbst da nicht aus. Täglich erliege ich einer Versuchung, von der ich weiß, dass sie vermeidbar und dazu umweltschädigend ist. Ich kaufe zu viele und zu günstige Klamotten und blende das Wissen um die Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern aus. Ich fahre, zumal seit Corona, zu viele Strecken mit dem Auto. Fahrrad geht gar nicht. Nicht mit zwei Hunden und nicht, wenn man, wie ich, es einfach nicht kann. Aber es gäbe Alternativen. Ich könnte für größere Einkäufe einen Trolley nehmen. Ja. Müsste ich. Mache ich – noch – nicht. Es ist mir auch nicht gelungen, meinen beiden Hunden Packsättel aufzuladen. Immerhin, ich habe mir einen größeren Rucksack angeschafft. Und ich fliege aus Prinzip nicht, sondern nehme die Bahn (aber auch, weil ich Flugangst habe). Übrigens finde ich das permanente Bahn-Bashing nur bedingt sinnvoll. Es gibt nämlich auch Verspätungen, für die die DB nichts kann. Z.B., wenn, wie während meiner Rückfahrt von der Frankfurter Buchmesse geschehen, Menschen Betonklötze auf die Gleise werfen. Aber das nur nebenbei.

Ja, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Auch bei uns. Gleichzeitig wächst, so erlebe ich es zumindest, die „Konsumwut“. Das schlechte Bildungssystem (hallo Pisa!) führt dazu, dass Kinder aus s.g. benachteiligten Familien schon in der Grundschule den Anschluss verlieren. Spätestens als Teenager und junge Erwachsene sind sie willkommenes Futter für Populisten. Weil sie nicht gelernt haben, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Weil sie sich nach einfachen Lösungen für schwierige Probleme sehnen und nicht hören wollen, was ihnen nicht behagt.

Ich glaube, der Schlüssel für die Beantwortung etlicher gesellschaftlicher Herausforderungen ist tatsächlich BILDUNG. Von sehr klein an. Das beginnt beim bewussten Essen, hört bei einem kritischen Blick auf die Konsumindustrie nicht auf und endet beim Spaß am Lernen, am Wissen. Nein, das ist KEINE Utopie. Das kostet nur Geld. Und erfordert eine Entwicklung hin zum Nullwachstum. Die Wirtschaft wird das NIE akzeptieren. Hier sind die Menschen gefragt, und als Weichensteller die Politik. Gehen würde es. Anfangen müsste man halt.

Und jetzt meine Frage: soll ich angesichts dieser Situation wirklich Krimis schreiben? Sollen, können wir Weihnachten feiern, während überall Menschen leiden, sterben? Wir, die winzige Minderheit auf der Spitze des Vulkans – dürfen wir tanzen?

Danke für Eure Antworten. Und ich hoffe, Ihr entfolgt mir jetzt nicht „in Scharen“.


Ich wünsche Euch einen guten Abend und eine ruhige Nacht.