Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Stürmische Erbschaft

Wer kennt ihn nicht, den Onkel aus Amerika? Den es dann doch nicht gibt, oder wenn, dann hat er nix zu vererben?

Es geht auch umgekehrt. Über eine der vielen Ahnenforschungsseiten im Internet hatte Janet Becker aus Albany, New York, ihre Großtante väterlicherseits gefunden. Sie hieß Elfriede Jost, geb. Becker, war gesunde 91 Jahre alt und wohnte in Lübeck.

Janet war schon immer ein Papakind, und als sie nach der Scheidung ihrer Eltern zu ihrem Dad zog, wurde das Verhältnis der beiden noch intensiver. An ungezählten Winterabenden, während draußen der dichte Schnee am Fenster vorbeirieselte und drinnen ein munteres Kaminfeuer prasselte, erzählte Daddy ihr gerne die Geschichte, wie sein Vater Ernst 1939 als junger Dichter und glühender Antifaschist nach New York gekommen war.  Um zu überleben, war er Redakteur einer kleinen Lokalzeitung geworden, später Herausgeber und Inhaber. Er hatte geheiratet und einen Sohn bekommen, Janets Dad. In Deutschland hatte er eine um etliche Jahre jüngere Schwester hinterlassen, und sein ganzes amerikanisches Leben über hatte er davon geträumt, sie zu sich zu holen. Doch, warum auch immer – es war ein Traum geblieben.

Kurz vor seinem Tod hatte er seinen einzigen Sohn gebeten, nach Elly, so nannte er seine Schwester liebevoll, zu suchen. Aber irgendwie war dieser letzte väterliche Wunsch in Vergessenheit geraten. Bis Janet, ambitioniert, kreativ, unstet und immer in Geldnöten, die fixe Idee entwickelte, Tante Elly hätte ein Vermögen und keine Verwandten, denen sie dieses vererben könnte. Bevor es irgendein Tierschutzverein bekam, oder, schlimmer noch, ein Verein zur Bewahrung deutscher Volkslieder (Janet hatte sehr rudimentäre Vorstellungen von Europa und seinen Bewohnern und hielt sie allesamt für hinterwäldlerische Nationalisten. Diese Vorstellung stieß sich übrigens nicht an ihrer Vorliebe für Donald Trump…), wollte sie, Janet Becker, ihr rechtmäßiges Erbe antreten.

Eile war geboten, denn Janet wusste, dass Tante Elly bereits die Schwelle zum zehnten Lebensjahrzehnt überschritten haben musste. Aber es dauerte dann doch ein paar lange Monate, bis sie Namen und Kontaktdaten von Elfriede Jost beisammenhatte. Was sie über ihre Großtante in Erfahrung brachte, war vielversprechend. Ihr verstorbener Mann, Manfred Jost, war Inhaber einer Kette von Bekleidungshäusern gewesen. Er war vor gut 20 Jahren gestorben, die Ehe war kinderlos geblieben, und Jost hatte keine leiblichen Verwandten. Da musste ganz schön was zu holen sein.

Die erste Kontaktaufnahme verlief etwas holprig. Um die alte und sicher schon recht demente Dame nicht zu sehr zu verwirren, hatte sie ihr vorab eine Mail geschrieben. Sehr vorsichtig und vage gehalten, denn sie musste davon ausgehen, dass der junge Betreuer sie Elly vorlesen würde. Die süße Alte konnte wahrscheinlich kaum noch aus den Augen schauen. Erstaunlicherweise kam Ellys Antwort schon nach ein paar Stunden. Freundlich, aber distanziert fragte sie nach Janets „Credentials“. Sie war nicht bereit, so ohne weiteres an eine plötzlich aufgetauchte Enkelin zu glauben. Es gäbe in Deutschland leider so viele Verbrechen mit der „Enkeltrick-Methode“, erklärte sie in ihrer in gutem Englisch geschriebenen Mail. Der Betreuer musste ein großes Interesse an Elly haben, um ihr so viel Zeit zu widmen. Oder – und das hielt Janet für wahrscheinlicher – er wollte sich das Geld der Alten selbst unter den Nagel reißen. Aber da hatte er die Rechnung ohne Janet gemacht.

Sie konnte die Verwandtschaft zu Großtante Elfriede lückenlos nachweisen. Und als sie schließlich das erste Mal telefonierten, sprach sogar Janets Dad ein paar Worte in dem gebrochenen Deutsch, an das er sich aus der Zeit mit seinem Vater erinnern konnte. Elfriede schien gerührt darüber, dass ihr Bruder quasi an seinem Totenbett an sie gedacht hatte. Wie schade, dass sie sich nie mehr gesehen hatten. Aber das Leben hatte sie einfach nicht mehr zusammengeführt. Wie gerne würde sie wenigsten einmal an Ernstens Grab stehen.

„Kein Problem, Auntie,“ sagte Janet. Ich komme nach Germany und hole dich ab. Dann musst du die weite Reise nicht alleine machen. What do you think? Und ich möchte so gerne die lovely Heimat meines Grandpas besuchen!“

„Aha. Na gut. Dann komm.“ Wenn Janet gedacht hatte, ihre liebe Auntie würde ihr ein Flugticket schicken, hatte sie sich allerdings getäuscht. Aber ihr Dad war plötzlich und ebenso unerwarteter- wie glücklicherweise komplett auf Familie gebürstet und kaufte Janet das Ticket. Sie selbst allerdings musste sich für eine große Investition in ihre goldene Zukunft von ihren besten Freunden das Geld für die Überfahrt für zwei Personen auf einem Luxusliner von Hamburg nach Ney York borgen. „Ihr kriegt es mit Zinsen zurück, sobald ich Auntie beerbt habe“, versprach sie ihnen. Und da ihrPlan dafür plausibel klang, hatte sie das Geld bald beisammen.

Erstaunlicherweise verstanden sich Janet und Elfriede vom ersten Moment an sehr gut. Janet war nicht nur ehrgeizig und bis zu einem gewissen Grad hemmungslos, sondern auch intelligent. Schnell akzeptierte sie, dass Auntie Elly noch komplett selbständig war und das Firmenimperium, das zwar nominell von ihrem Mann, de fakto aber von ihr geleitet worden war, immer noch beriet. Sie verfasste und las ihre E-Mails alleine, und Samuel, der gutaussende 35-Jährige, der bei ihr wohnte, war eine Mischung aus Sekretär, Koch und und Personal Trainer.

Für einen kurzen Moment dachte Janet daran, ihn in ihre Pläne einzuweihen, entschied sich aber dagegen. Teilen war einfach nicht ihr Ding.

Zwei Monate vergingen wie im Flug. Dann eröffnete Janet ihrer Großtante, dass sie ihr eine Überfahrt auf einem Luxusliner geschenkt hatte. „Du sollst genau so nach New York kommen wie dein geliebter Bruder“, lächelte sie. „Du bist wirklich bezaubernd, Janet“, antwortete Elly. „Und du hast sehr viel von meinem Bruder, deinem Großvater.“ „Ja, Blut ist eben dicker als Wasser“, sagte Janet. Und gestand, dass sie leider kein Ticket für Samuel gekauft hatte und das Schiff inzwischen komplett ausgebucht war.

„Dann reisen wir beide eben alleine“. Elly schien nicht das geringste Problem damit zu haben.

Die Überfahrt ließ sich sehr gut an, zumindest, solange die See ruhig war. Als das Wetter rauer wurde, blieb Janet öfter unter Deck. Ihr Magen vertrage die heftigen Bewegungen einfach nicht, erklärte sie. Und feilte an dem Plan, der sie noch vor Erreichen des heimatlichen Hafens zu Millionenerbin machen sollte – sofern die Elemente mitspielten.

Und dann endlich kam der ersehnte Sturm. Er war zu erwarten gewesen, in dieser Jahreszeit. Elfriede hatte auf dem Weg zum Dinner noch kurz bei Janet reingeschaut, aber die lag mit ungesund grüner Gesichtsfarbe im Bett.

Elfriede konnten Wind und Wellen nichts anhaben. Die Besatzung bemühte sich, alle Passagiere unter Deck zu bugsieren, als der Sturm an Stärke zunahm. Aber Elly wollte noch kurz das Naturschauspiel genießen.

Später versuchte der erste Offizier, den Hergang des Dramas zu rekonstruieren. Auf dem Weg zur Brücke war ihm die junge Amerikanerin begegnet, Janet Becker. Sie sei auf der Suche nach ihrer Tante, sie mache sich sorgen, weil die alte Dame doch nicht ganz sicher auf den Beinen sei, in ihrem Alter! Und dann dieser Sturm! Sein Angebot, mitzukommen, hatte Janet abgelehnt. Die Tante sei Fremden gegenüber noch sturer als mit Familienangehörigen. Er setzte also seinen Weg fort – und hörte plötzlich einen markerschütternden Schrei, der sogar das Sturmgeheul übertönte. Und dann hieß es auch schon: „Mann über Bord“, bzw. in diesem Fall „Frau“.

Der Offizier rannte an Deck und sah sich nach Janet um. Sie hatte es ganz offenbar nicht geschafft, ihre Tante rechtzeitig zu finden.

Doch dann entdeckte er Elfriede Jost, geb. Becker, in eine Decke gehüllt und von pitschnassen Helfern in Ölhäuten umringt, an der Reling stehen.

„Es ging alles so schnell“, sagte Elfriede später. Janet kam auf mich zu, streckte ihre Hände nach mir aus – und da kam diese Riesenwelle und spülte sie einfach von Deck. Schrecklich! Wenn ich nicht so dicht an der Trennwand gestanden und mich mit meinem Stock festgekrallt hätte, wäre ich sicher auch über Bord gegangen. Mein tägliches Fitnessprogramm mit meinem Personal Trainer hat mir wohl das Leben gerettet.“

Elfriede verkniff sich den salbungsvollen Satz „um mich alte Frau wäre es nicht schade gewesen, aber sie war doch noch so jung“. Stattdessen sagte sie: „Und sie erinnerte mich so an meinen Bruder.“ In Gedanken fügte sie inzu: „Genauso gerissen und skrupellos. Er hat mich damals einfach hier sitzenlassen und mich auch noch bei der Gestapo angezeigt. Um ein Haar wäre ich im Konzentrationslager gelandet, als Preis für seine Freiheit. Und Janet hatte wohl geplant, mich auf der Überfahrt beseite zu schaffen.“ Allerdings war Elfriede ihr zuvorgekommen. Auch, wenn sie es nicht gern gehört hätte: Blut war eben dicker als Wasser.

Da Elfriede die alleinige Nutznießerin der Lebensversicherung war, die sie kurz vor der Abreise auf Janet abgeschlossen hatte, gönnte sie sich, gemeinsam mit dem schon in New York wartenden Samuel, eine faszinierende Rundreise durch die USA. Leider reichte die Zeit weder für einen Kondolenzbesuch bei Janets Dad noch für einen Abstecher zum Grab ihres Bruders. 

Die Idee für diesen MiniKrimi kam mir beim Lesen einer Zeitungsnotiz, dass eine Riesenwelle eine Amerkanerin auf einem Schiff von Bord gespült habe.

Adventskalender MiniKrimi am 10. Dezember


Falls Euch – wie mir beim Schreiben – in der ersten Hälfte der Geschichte die Tränen kommen wollen: lest weiter. Alles wird gut!

Haltet den Dieb!

Die Sonne geht hinter den Hügeln unter. Bruno hat jedes Zeitgefühl verloren, aber sein grummelnder Magen sagt ihm, dass er schon viele Stunden umherirren muss. Andererseits kann er sich gar nicht erinnern, wann er zum letzten Mal so richtig satt war. Sicher nicht, seitdem der Unbekannte ihn direkt vor der Haustür mitgenommen hat. Gegen seinen Willen. Aber der Mann war so viel stärker als Bruno. Er hat versucht, sich zu wehren, aber der Mann hat ihn einfach auf den Arm genommen und gezischt: „Still jetzt, oder ich muss dir weh tun.“

Da hat Bruno sich in das Unvermeidliche ergeben. Irgendwann hat der Mann ihn dann wieder auf den Boden gesetzt und ihn mit fester Hand hinter sich hergezogen. Sie sind lange gelaufen, bis in eine Gegend, in der Bruno noch nie vorher war. Endlich sind sie vor einem Wohnwagen stehen geblieben. „Rein mir dir“, hat der Mann gesagt. Drinnen roch es muffig und ranzig, eine unappetitliche Mischung aus Schweiß, schmutzigen Socken und altem Fett. Eklig. So roch es bei Bruno daheim nie!

Unsanft hat der Mann ihn in eine Ecke geworfen, ihm einen Kanten Brot und Wasser hingestellt und ist dann wieder gegangen, aber nicht, ohne die Tür zweimal abzusperren. Das hat Bruno genau gemerkt. Irgendwann ist er vor Erschöpfung eingeschlafen.

Heute Morgen ist der Mann wiedergekommen. Es gab nochmal etwas Brot, diesmal in Wasser eingeweicht. Normalerweise würde Bruno sowas nicht anrühren. Aber der Hunger hat es runtergetrieben. „Warum bin ich hier? Wann kommen Eva und Tim und holen mich ab? Sie hätten mir doch sagen können, dass sie weggehen und ich woanders bleiben soll. Das haben sie bisher immer gemacht!“

Bruno war ratlos, einsam, und er fror. Keine Decke, kein Kissen. Nur der harte Boden. Vielleicht war er entführt worden, und jetzt wartete der Mann auf das Lösegeld?

Als sich der Himmel verdunkelte und dicke Schneeflocken zu fallen begannen, sagte der Mann: „Los jetzt. Es ist soweit.“  Er hievte sich einen großen Rucksack auf den Rücken, nahm Bruno wieder auf den Arm und trug ihn zu einem Auto. „Du machst keinen Mucks, sonst dreh ich dir den Hals um,“ drohte er, als Bruno leise zu wimmern begann. „Spar dir das Geheule für später.“ Bruno mochte sich nicht ausmalen, was der Mann damit meinte. Ihm war jämmerlich zumute. Fünf Jahre lang war er nur von Liebe umgeben gewesen, von zärtlicher Aufmerksamkeit. Aber obwohl er so klein war, war er gut erzogen. Also gehorchte er dem Mann. Sie fuhren eine ganze Strecke, und als sie schließlich ausstiegen, waren sie mitten im Großstadtgewühl. Überall eilende Menschen, ein ununterbrochener Strom von Autos, Bussen und Motorrädern, Hupen schrillten, Bremsen kreischten. Wütende Stimmen fluchten. Keiner nahm sich die Zeit, um den wunderschönen Baum zu bewundern, der mitten auf dem großen Platz stand, geschmückt mit Lichtern und Sternen. So einen Baum hatte Bruno schon gesehen. Jedes Jahr im Winter stand er auch ganz in der Nähe von zuhause. Wie gerne wäre Bruno stehengeblieben, um den Baum näher zu erkunden. Aber der Mann zog ihn weiter. „Los, wir haben’s eilig.“ Dann holte er sein Handy aus der Tasche und flüsterte heiser und kaum hörbar: „Charly? Ich bin jetzt vor der Bank. Wie weit bist du? Du parkst um die Ecke, und in genau 5 Minuten fährst du direkt vor den Hintereingang. Olli hat ihn aufgelassen. Maske nicht vergessen, hörst du? Du könntest ja Corona haben, hehehe.“

Die hässliche Lache ließ Bruno die Haare zu Berge stehen. „So, mein Kleiner. Showtime,“ sagte er dann und riss Bruno unvermittelt hoch. Plötzlich hatte er ein Messer in der Hand und versetzte Bruno einen Schnitt ganz unten am Bein. Bruno schrie auf und fing an, fürchterlich zu jammern.

Der Mann zog sich eine schwarze Maske über, riss mit Bruno unterm Arm die Glastür zur Schalterhalle auf, stürmte in den Raum und rief: „Hilfe, er ist verletzt!“ Brunos Blut rieselte auf den Boden, er heulte, die wenigen Leute, die kurz vor Schluss noch in der kleinen Bankfiliale waren, schauten erst hin, dann schnell weg und verließen eilig das Gebäude, um blloß nicht helfen zu müssen. Eine junge Frau kam hinter einem Schalter hervor, einen Erste-Hilfe-Koffer in der Hand. „Das ist ein Überfall,“ zischte der Mann. „Tu, was ich sage, und es passiert nichts. Vergiss deinen Kollegen, der kommt nicht mehr. Wir gehen jetzt mit dem Hund nach hinten, und du gibst mir alles Geld, an das du schnell rankommst. Wenn du das nicht machst, ersteche ich erst den Hund und dann dich.“

Die Frau lief durch einen Gang in ein kleines Zimmer, der Mann mit dem blutenden Bruno hinterher. Dann setzte er ihn ab, öffnete den großen Rucksack und bedeutete der verängstigten Angestellten, das Geld aus dem Tresor hineinzupacken. Diese Gelegenheit nutzte Bruno, um wegzulaufen, so schnell seine drei unverletzten Beinchen ihn tragen konnten. Vom Ende des Ganges her spürte er einen Luftzug. Richtig, die Hintertür war offen. Nur einen kleinen Spalt, aber der war für den Zwergdackel groß genug. Hinter sich hörte Bruno einen scharfen Pfiff, aber er rannte weiter und kauerte sich atemlos unter einen Busch. Es war inzwischen schon so dunkel gewesen, dass sein schwarzes Fell nicht von den Blättern zu unterscheiden war.

Wie lange ist das her? Ist das wirklich erst heute passiert? Bruno kann nicht mehr. Sein Bein schmerzt, aber zum Glück blutet die Wunde nicht mehr. Durch wie viele Menschenbeine hat er sich hindurchgewunden? Er will nur noch schlafen. Schlafen und nicht mehr aufwachen.

Da vorne: ein großes Tor. Dahinter warmes Licht und leckere Düfte. Dort war er doch schon mal? Mit Eva und Tim? In einem anderen Leben… Bruno schleppt sich durch den Eingang und steht auf einem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt. An diesem Winterabend ist er gut besucht, und große und kleine Leute drängen sich an den Buden, suchen sich einen Christbaum aus, trinken Punsch und Glühwein und essen Waffeln und Striezel. Es riecht nach Zimt und Bratwurst. Bruno wird schlecht vor Hunger und Müdigkeit. Ein Mann mit einem großen Stock stolpert beinahe über ihn. „Sch…köter!“, schimpft er und tritt mit seinem Stiefel nach Bruno. Der jault auf. „Bruno, Bruno!“ Evas Stimme überschlägt sich beinahe. „Lassen Sie sofort meinen Hund in Ruhe. Bruno, nicht weglaufen. Bruno, bleib!“ Aber Bruno denkt gar nicht daran, wegzulaufen. Er kauert sich auf den Boden und wartet, bis Eva bei ihm ist. Sie hebt ihn hoch. „Meine Güte, du bist ja verletzt.“ „Nicht so schlimm“, denkt der Dackel und leckt seiner Besitzerin übers Gesicht. „Tim, Tim, ich habe Bruno gefunden.“ Da kommt Tim auch schon gelaufen. Er wirft den kandierten Apfel, den er in der Hand hält, zu Boden und nimmt seiner Mutter den zitternden Bruno ab. „Bruno“, flüstert er und vergräbt sein Gesicht im nassen Hundefell.

„Servus, liebe Hörerinnen und Hörer. Heute habe ich hier auf Radio Menzing eine ganz besondere Vorweihnachtsstory für euch. Vor einer Woche wurde die Filiale der Stollbergbank in Neuhausen überfallen. Die Täter hatten offenbar einen Bankangestellten als Komplizen. Kurz vor Schalterschluss erbeuteten sie immerhin 200 Tausend Euro in kleinen Scheinen. Dabei griffen sie zu einem ganz besonderen und brutalen Trick. Sie hatten einen Dackel gestohlen, den sie absichtlich verletzten, um für Aufruhr zu sorgen. Das Tier konnte während des Überfalls entkommen. Die Täter allerdings auch.

Der Dackel wurde rein zufällig von seiner Besitzerin gefunden. Als diese ein paar Tage später mit ihm in der Stadt unterwegs war, fiel der Hund plötzlich ganz gegen seine Gewohnheit einen Mann an und biss ihn in die Wade. Der Mann konnte sich losreißen und weglaufen, aber die Besitzerin hatte geistesgegenwärtig ein Foto von ihm gemacht.

Der Mann konnte als einer der Bankräuber und Hundekidnapper überführt werden, dank der exzellenten Spürnase von Dackel Bruno. Dafür erhält er von der Stollbergbank eine Belohnung und einen Ehrenplatz in der Fotogalerie der Bankzentrale. Frohe Weihnachten allerseits.“

Adventskalender MiniKrimi am 9. Dezember


Heute kommt also eine kürzere Geschichte. Und sie ist auch kein ganz richtiger Krimi. Obwohl darin ein Selbstmord und sogar ein Mord verhindert werden. Viel Spaß beim Lesen! Und ich freue mich auf und über Euer Feedback.

Übrigens: seit gestern habe ich eine neue Brille. So ganz klappt das mit der Gleitsicht noch nicht. Wie Ihr vielleicht merken werdet 🙂

Wie besiege ich einen Drachen?

„Mama, ich kann nicht in die Schule. Mir ist schlecht.“ Aslans Stimme klingt leise und brüchig. Aber so schnell kann er seine Mutter nicht überzeugen. „Was, schon wieder? Du warst doch erst letzte Woche einen Tag daheim. Du verpasst viel zu viel Unterrichtsstoff.“ „Mama, ehrlich, ich hab so Bauchschmerzen.“ Der Junge hockt sich auf die Bettkante, die Lippen zusammengekniffen, die Augen leidend. Er presst beide Hände auf den Magen und krümmt sich.

„Na gut. Ich rufe in der Schule an. Und dann auch gleich bei Doktor Klebe. Das passiert einfach zu oft. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen.“

Die Aussicht, zum Kinderarzt zu müssen. ist für Aslan beinahe genauso schrecklich wie die auf einen ganzen Tag in der neuen Klasse. Aber nur beinahe. „Ok, danke, Mom“, sagt er leise und denkt: Bis wir bei Doktor Klebe einen Termin kriegen, lassen sich Mia und ich was einfallen, damit ich nicht hin muss.

Mia ist Aslans Siamkatze. Sie saß eines Tages auf der Terrasse und ließ sich von niemandem anfassen. Außer von Aslan. Zu diesem Zeitpunkt war sie weder gechipt noch kastriert, und alle Versuche, überTierschutz, Polizei und Soziale Medien ihre Besitzer ausfindig zu machen, blieben erfolglos. Seitdem sind Mia und Aslan unzertrennlich. Man sagt Siamkatzen ja eine hohe Intelligenz nach, gepaart mit einer gehörigen Portion Durchsetzungskraft. Alles Eigenschaften, die Aslan an sich selbst noch nicht entdecken konnte.

Wenn er, wie so oft seit dem Wechsel in die 5. Klasse und die neue Schule, nachmittags müde und mutlos nach Hause kommt, geht er als erstes in sein Zimmer und wirft sich auf’s Bett. Dort liegt Mia auf seinem Kopfkissen und schaut ihn wissend aus einem Paar stechend blauer Augen an. „Na, war’s wieder so schlimm, heute? Erzähl“, sagt ihr Blick. Und Aslan redet sich den Frust von der Seele. Alex hat sich sein Federmäppchen geschnappt, und dann haben er, Mike und Dani damit Volleyball gespielt, solange, bis der Reißverschluss kaputtgegangen ist und der Inhalt im ganzen Klassenzimmer rumflog. Oder Dani hat die Brotbox aus dem Ranzen geklaut, sie aufgemacht und gespielt verduzt gerufen: „Hey, der Aslan wird sogar von Apfelschnitzen fett. Oder geht er in der Pause heimlich zur Pommesbude? Hä, Aslan, gib’s zu, du Fettsack!“

In letzter Zeit machen sogar ein paar Mädchen mit. Egal, was sie selbst für Fehler haben. Aslan ist immer der willkommene Prellbock. „Natürlich. Während sie über dich lachen, sind sie vor dem Spott der anderen sicher“, hat Mia ihm erklärt. Aber das ist ein schwacher Trost, denn Aslan fällt nichts ein, womit er die anderen bloßstellen könnte. Das ist einfach nicht seine Art. Und dass er gut in Deutsch und Kunst ist, bringt ihm in der Klasse auch keine Pluspunkte. Im Gegenteil. „Aslan wird später mal so ein dicker, fauler Lehrersack wie Herr Müller“, hat Denise gestern erst erklärt. Herr Müller ist der meistgehasste Lehrer in der Schule, massiv übergewichtig, glatzköpfig, ungepflegt und hinterhältig. Seine Fächerkombination ist Kunst und Deutsch.

Mehr als einmal ist Aslan seitdem auf dem Heimweg lange auf der Brücke stehengeblieben und hat in den Fluss geschaut. Ob man gleich stirbt, wenn man aus dieser Höhe runterspringt? Oder ob man warten muss, bis unten ein Kahn vorbeifährt, und versuchen, auf dem Deck zu landen? Dann ist man sicher Matsch. In den letzten Tagen spürt er, wie das Wasser ihn magisch anzieht. Immer stärker.

Nein, es ist kein Wunder, dass Aslan nicht mehr gern zur Schule geht. Die Bauchschmerzen muss er gar nicht vortäuschen. Es genügt, dass er sich vorstellt, wie die anderen lachen, wenn er zur Tür reinkommt, und schon verkrampft sich sein Magen und fängt an, zu brennen. Ungefähr so, als würde ein Drache in ihm hocken und Feuer spucken.

Als er heute nach der letzten Stunde auf den Schulhof kommt – als letzter, weil Alex ihm in der Pause das Handy abgenommen und dann im Unterricht hat klingeln lassen, woraufhin Frau Dietz es kassiert und Aslan eine Straferbeit aufgebrummt hat – natürlich ohne sich für den Hergang zu interessieren – steht das Auto seiner Mutter vor dem Tor. „Du hast ja wieder mal furchtbar getrödelt, Aslan. Schnell, steig ein, wir haben gleich einen Termin beim Kinderarzt.“ „Mist“, denkt Aslan. Auf die Schnelle fällt ihm keine Ausrede ein, und auf Mia kann er jetzt auch nicht zurückgreifen. Aber eins weiß er genau: dem alten Mann mit den grauen Locken und dem strengen Blick wird er bestimmt nicht erzählen, woher seine Bauchschmerzen kommen. Dann hält er ihn womöglich für verrückt und steckt ihn in die Kinderpsychiatrie, so wie Marie von gegenüber. Die hatte immer Albträume, und dann war sie plötzlich für lange Zeit verschwunden. Und als sie zurückkam, war sie ganz still. Sie hat ihm nie wieder von schlimmen Träumen erzählt, aber auch von nichts anderem. Und dann ist sie mit ihrer Mutter weggezogen. Ohne den Vater. Nein, das will Aslan nicht riskieren.

Aber dann kommt alles anders. Doktor Klebe ist nicht da. Seine Vertretung ist viel jünger, hat lange braune Haare und redet nur mit ihm, nicht mit seiner Mutter. Sie hört seinen Bauch ab, schaut ihm in den Hals, die Augen und die Ohren. Und dann sagt sie tatsächlich: „Frau Beck, ist es für Sie ok, wenn ich einen Moment alleine mit Aslan spreche? Er ist doch auch nicht dabei, wenn Sie zum Arezt gehen, oder?“

Die Mutter ist verblüfft und schaut erstmal skeptisch. Aber als Aslan nicht protestiert, geht sie mit einem Achselzucken aus dem Sprechzimmer.

„Aslan, dein Bauch ist ok. Und auch sonst fehlt dir nichts. Körperlich. Aber kann es sein, dass dich was bedrückt?“ Als er nicht antwortet, spricht sie weiter: „Als ich so alt war wie du, bin ich in eine andere Schule gekommen. Du weißt schon, aufs Gymnasium. Da habe ich lange keine Freunde gefunden. Ich war noch nie so alleine wie damals. Und ich wollte am liebsten nicht mehr zur Schule gehen. Kennst du das?“

Aslan schaut sie an. Dann bricht es aus ihm heraus: „Mit der Einsamkeit würde ich schon zurecht kommen. Aber die lassen mich einfach nicht in Ruhe. Fettklops, nennen sie mich. Stimmt ja auch. Aber wenn sie mich ständen fertig machen, Mobbing heißt das, ich weß das schon, dann kriege ich nur noch mehr Hunger. Ja, ich kenn das, ich will auch nie mehr in diese Schule. Können Sie da was machen?“

Die Ärztin schaut ihn sehr freundlich an. Beinahe liebevoll. „Ja und nein. Ich kann dir kein Attest schreiben, das dich für immer vom Unterricht befreit.“ Aslan presst enttäuscht die Lippen aufeinander. „Warte! Aber ich kann dir dabei helfen, dass das Mobbing aufhört.“

„Das glaub ich nicht“, sagt Aslan. „Wart’s ab, Du wirst schon sehen. Erzähl mir mal, was du so richtig gerne machst und ganz gut kannst. Nicht in der Schule.“

Aslan muss lange nachdenken. Was kann er? „In den Ferien habe ich einen Zirkus-Workshop besucht. Da habe ich gelernt, zu jonglieren und sogar Feuer zu schlucken. Das war toll. Aber was hat das mit dem Mobbing zu tun?“

„GIbt es in deiner Schule etwa keine Weihnachtsaufführung?“ „Doch, naklar. Aber…“

„Kein aber. Sprich mit denen, die das organisieren. Und überzeuge sie, dass das Ganze nur mit einem Jongleur und Feuerschlucker Erfolg haben kann. Und nach den Weihnachtsferien kommst du wieder und erzählst, wie es dir geht. Ok?“

Die Mutter ist zwar erstaunt, dass Aslan keine Medikamente verschrieben bekommt. Aber gleichzeitig ist sie erleichtert, dass er nichts Schlimmes zu haben scheint.

Daheim redet Aslan lange mit Mia. Er kann sich überhaupt nicht vorstellen, woher er den Mut nehmen soll, Frau Dietz anzusprechen. Ausgerechnet die! „Dann spring ich doch lieber von der Brücke“, vertraut er Mia an. „Das wirst du gefälligst bleiben lassen. Oder schieb es wenigstens bis nach Weihnachten auf. Sonst haben wir hier so ne miese Stimmung, dass ich meinen neuen Kratzbaum bestimmt nicht kriege.“ Typisch Siamkatze, Ist sich selbt am nächsten.

Und dann geschieht noch etwas Unerwartetes. Frau Dietz hört sich seinen Vorschlag in Ruhe an, und statt ihn entrüstet oder, schlimmer, lachend rauszuschicken, nickt sie, schaut ihn lange an und sagt langsam: „Das ist eine richtig tolle Idee! Ich wusste gar nicht, dass du sowas kannst! Wir wollen um die Krippe herum eine Art Jahrmarkt aufbauen. Und der wirkt natürlich erst mit einem Jongleur so richtig. Aber ich braucbe eine Einverständniserklärung von deinen Eltern, dass du wirklich Feuer schlucken darfst.“

Gleich nach der ersten Probe verändert sich etwas im Verhalten von Aslans Mitschülern. Die Kids aus der 7. Klasse, die Musik machen und die größeren Sprechrollen haben, sind sofort begeistert von Aslans Können. Sie fragen ihn ganz viele Sachen und wollen, dass er ihnen seine Tricks beibringt. Alex, Dani und die anderen stehen dabei und staunen. Als erste kommt Alice auf Aslan zu und fragt, ob sie zusammen heimgehen wollen.

„Na, wie geht’s dir?“, fragt die Ärztin, als sie sich im Januar wiedersehen. „Och, ganz gut“, antwortet Aslan. Meine Mutter hat mich in einer Zirkusschule angemeldet, zweimal die Woche ist Training. Alice geht auch hin. Sie macht Akrobatik.“

„Und sonst?“ „Ach ja, noch was. Ich hatte ja geplant, bei der Vorführung den Alex in eine lebende Fackel zu verwandeln. Aber dann habe ich mich in letzter Sekunde doch dagegen entschieden. Mobbing ist eine Sache, aber Mord wäre noch schlimmer gewesen, oder?“

Adventskalender MiniKrimi am 8. Dezember


Naja, Mini ist relativ. Morgen dann wieder kürzer. Aber diese Story wollte geschrieben sein. Und das schon seit Jahren. Zwei Jahrzehnten, genau genommen. Seit ich mit meinem Sohn wegen eines Artikels ein Wochenende in einem Ashram verbrachte. Es ist uns beiden noch nie so schlecht gegangen wie dort. Und auch noch nie so schlagartig wieder gut, als wir das Yoga Zentrum wieder verlassen hatten. Das war sicher rein psychisch, und, by the way, ich mache sehr gerne Yoga, heute. Aber, aber. Lest selbst.

Asana des Todes

So ein schöner Tag. Die Straße windet sich hügelauf, hügelab zwischen Tannenwäldern hindurch, ein riesiges Winterheer in grünen Mänteln mit weißen Säumen und Kappen. Auf beiden Seiten türmen sich hellbraune Schneewände, aus denen die Katzenaugen der Leitpfosten müde hervorblinzeln. Über den Wipfeln ergießt sich ein Blau, das vom Sommer erzählt.

Esther fährt langsam, nicht nur, weil sie als Städterin keine Erfahrung mit Landstraßen hat, sondern auch, weil sie durchaus die Ästhetik des Augenblicks zu würdigen weiß. Und vielleicht auch, um sich Zeit zu lassen mit der Ankunft an diesem Ort, den sie freiwillig nie besuchen würde, und der jetzt den Wendepunkt ihrer Karriere als Redakteurin markiert. Bergauf wie die Straße – oder steil bergab in die Freistellung.

„Esther“, hat ihr Chef am Mittwoch gesagt und ihr dabei eine schwere Hand auf die Schulter gelegt, „du und ich, wir wissen beide, dass du in letzter Zeit nicht in Hochform gewesen bist. Deine Artikel waren zum Gähnen. Kein Biss, kein Pfiff. Mädel, das war doch mal anders!“

Worauf Esther hätte sagen können, dass man aus einem Drittliga-Fußballturnier keinen WM-Krimi herauskitzeln kann und aus einer Kaninchenzüchter-Jahresversammlung kein Catwalk-Drama. Sie hätte sagen können, dass man ihr nur noch die langweiligen Themen überlässt, in der Redaktionskonferenz. Dass sie müde ist. Verbittert und eifersüchtig auf die Yuppies und Hipsters, die die langhaarigen, Kette rauchenden Kollegen abgelöst haben. Aber es stimmt ja: Mit knapp über vierzig ist sie ein Dinosaurier unter aalglatten Schwänen, Wortspielbruch inbegriffen. Also hat sie statt einer Antwort nur vor sich hingeschaut.


Und als der Chef ihr dann einen Hochglanzprospekt hingehalten und gesagt hat: „Schau mal, ich mag dich, Esther. Ich geb dir noch mal ne Chance. Fahr da hin, schau dir das an. Heute hat die Yogamatte für viele die Kirchenbank ersetzt. Also finde was Spannendes und schreib einen packenden Bericht über dieses neue Yogazentrum mitten Im Bayerischen Wald. Ich hab den Artikel am Montagmorgen auf dem Tisch. Ok?“ – da hat Esther nach dem Faltblatt gegriffen und leise geantwortet: „Danke, Fritz.“

Jetzt fährt sie schon eine halbe Ewigkeit durch Wälder, vorbei an vereinzelten Weilern, liegengebliebene Brocken einer weitergewanderten Zivilisation. Dann endlich ein Hinweisschild, neonbeleuchtet. Hatha Yoga Zentrum. Ashram Retreat.

Nach 2 km durch einen düsteren Hänsel-und-Gretel-Wald plötzlich ein glänzendes Eisentor in einer hohen, weiß getünchten Mauer. Was aussieht wie ein Hochsicherheitstrakt ist der Eingang zum Yoga Zentrum, ihrem Ziel für drei Tage.

An einer Säule vor dem Tor wird ihr Gesicht gescannt, dann öffnen sich die beiden Eisenflügel und schließen sich lautlos, nachdem Esther durchgefahren ist. ‚Hotel California‘ fällt ihr dazu ein, und sie fängt leise an zu summen.

An der Rezeption wird sie freundlich begrüßt und vom Pressereferenten auf ihr Zimmer – oder in ihre Zelle? – geführt. Spartanischer Luxus. Bett, Kissen, Decke, Nasszelle mit Ayurveda-Seifen. Fön und Saunatücher.

„Mach es dir erstmal gemütlich. Wir sehen uns beim Abendessen.“

Das ist dann ganz passabel. Nur, dass Esther statt Wein die Wahl zwischen zwei Kräutertee-Varianten hat. Gesüßt oder ungesüßt. Als sie mit der Zigarette in der Hand auf die Terrasse will, erklärt ihr eine Mitarbeiterin – die gleiche, die ihr auf ihr freundliches Grüß Gott geantwortet hat: ja, wenn ich ihn sehe… -, Rauchen bringe ein schlechtes Karma und sei hier nicht erwünscht.

Der Höhepunkt des Abends ist das gemeinsame Chanten im zentralen Versammlungsraum. Dabei werden unterschiedliche Gottheiten mit Ghee übergossen, während alle, im Schneider- ach nein – im Lotussitz auf Kissen am Boden hockend, monotone Gesänge intonieren, deren Worte, wie bei einem riesigen Karaoke, auf eine Leinwand projiziert werden. Mantras, hat ihr der Pressereferent erklärt. 

„Himmel, was soll ich denn hier schreiben?“, denkt Esther verzweifelt. Und fängt an, die Umsitzenden zu betrachten. Links neben ihr ein Mann um die 50, schlank, früher mal sportlich, jetzt mit einem Wulst über dem Gürtel seiner Designerjeans. Bürohengst in gehobener Stellung und Midlife Crisis, sentenziert Esthers geübter Blick. Auf ihrer rechten Seite ein Pärchen Mitte zwanzig. Beide cool und auf Understatement gebürstet. Sowas wäre noch vor zehn Jahren in ein Survivalcamp gegangen. Aber gut, was ist dieses Ashram schon anderes? Schräg vor ihr sitzt eine blonde Frau, deren Silhouette Esther bekannt vorkommt, ohne dass sie sagen könnte, warum. Es muss die Ausstrahlung sein, die sogar nach hinten wirkt. „Jetzt fange ich auch schon an zu spinnen.“ Esther lacht in sich hinein, wirft noch einen Blick auf die Leinwand. Om Namah Shivaya. Angeblich eines der bekanntesten Mantras, sagt ihr Handy. Das darf sie eigentlich gar nicht dabeihaben, und das Pärchen neben ihr schaut sie vorwurfsvoll an. Kaum ein paar Stunden da, und schon hat sie gegen alle Spielregeln verstoßen. So wird das nichts mit dem Sensationsbericht.

Egal. Sie steht auf, klettert über den Mann mit Bauch und schiebt sich an der Wand entlang Richtung Ausgang. Viele Köpfe drehen sich nicht nach ihr um. Die meisten sind völlig in einer Welt versunken, von deren Existenz Esther weder etwas ahnt noch etwas wissen will. Spiritualität war ihr schon immer ein Gräuel. Kurz vor der Tür spürt sie einen bohrenden Blick im Rücken. Die blonde Unbekannte schaut ihr direkt in die Augen. Und diesen Blick hätte Esther überall erkannt. Auch in einem vollen, nach ranzigem Fett, Schweiß und Räucherstäbchen stinkenden Ashramsaal. Irmgard.

„Irmgard, ausgerechnet!“, stöhnt Esther, als sie bei offenem Fenster ihre Zigarette qualmt, um den Rauchmelder nicht zu irritieren. Es ist bitterkalt im Bayerischen Wald. Und so still, hier sagen sich nicht mal Fuchs und Hase gute Nacht. Geschweige denn Eulen. Nur ein Käuzchen heult einsam über den mondschattigen Fluren, sein Ruf schwingt sich hinauf in einen Himmel, der von so vielen Sternen übersäht ist, dass die Luft zu funkeln scheint. „Oh nein“, denkt Esther, „demnächst schreibe ich Schnulzen statt investigativer Reportagen. Vielleicht hat Fritz recht, und ich bin wirklich am Ende.“

Hinter ihr beginnt der Rauchmelder zu fiepen. Sie wirft die Zigarette aus dem Fenster, hüllt sich in Schal, Daunenjacke und Decke und fällt schnell in einen unruhigen Schlaf.

Es ist noch stockdunkel, als ein Mantra durch die Lautsprecher in den Fluren tönt und die Bewohner zur ersten Yoga Stunde ruft. Ohne Kaffee! Esther nimmt alles nur durch einen Schleier wahr. Den kalten Raum, den Buddha mit den Räucherstäbchen, die roten, grünen, pinken Matten, und darauf pinke, grüne, rote Gestalten, um Frische bemüht, aber nur langsam und ächzend in Bewegung kommend. Man hat sie der Gruppe der Ü50 zugeordnet, bemerkt Esther lakonisch. Wohl wegen des Rauchens. Aber als sie versucht, sich durch den Sonnengruß zu räkeln, von Tadasana, der Bergpose, über Kobra und Hund und wieder zur Ausgangspose, ist sie froh, nicht mit den beiden Coolen von gestern Abend zusammen zu sein. Das wäre zu peinlich geworden.

Bis zum Frühstück vergehen noch zwei Stunden in meditativer Stille – regelmäßig unterbrochen von Esthers grummelndem Magen. Und auch da wieder nur Tee! Sie mustert mit unverhohlener Neugier die anderen Gäste. Es sind rund 30. Alle gut gekleidet, wohlgenährt und offenbar auch gut betucht. So ein Retreat Wochenende kostet leicht ein paar Tausend Euro – und das ohne die Massagen und Einzelstunden, die quasi ein Muss sind.

„Wenn ich bei so einer Einzelstunde Mäuschen sein könnte, zwischen einer knackigen Novizin und einem nicht ganz ehrwürdig ergrauten Yogi – dann hätte ich wenigstens was für die Klatschspalte.“ Aber Esther fürchtet, dass sowas hier nicht passiert. Dafür sind die Yogis und Yoginis alle zu bieder. Geradezu spießig, auf ihre spirituelle Art.

Esther steht auf und macht eine Erkundungstour auf dem weitläufigen Gelände. Große, helle Räume mit hohen Fenstern, Matten, Altären. Und alles riecht nach Räucherstäbchen.

Durch einen nicht ganz zugezogenen Vorhang kann sie unbeobachtet einer Einzelstunde zuschauen. Was sie sieht, ist Yoga in höchster Vollendung. Zumindest beinahe. Mit Unterstützung des Yogi versucht eine blonde Frau sich an den schwierigsten Asanas der Welt. Das weiß Esther nicht, aber ihr ungeübtes Auge erkennt sofort, dass das an Akrobatik  grenzt. Kurbasana, Shalabhasana, Padmasana Mayurasana – hier kommt die Frau aber mit dem Kopf nicht vom Boden hoch – und Vrichikasana. Dabei gelingt es ihr nur mithilfe des Yogi, die Fußspitzen auf den Hinterkopf zu legen, aber nur kurz, Dann fällt sie unsanft zur Seite, das Kinn knallt hart auf den Boden. „Aua“, denkt Esther. „Yoga kann ja richtig gefährlich werden.“ Allerdings ist der Frau nichts weiter passiert, und der Yogi führt sie, einen Arm fürsorglich um ihre Schulter gelegt, aus dem Raum. Schade. Das wäre doch eine Schlagzeile gewesen.

Nach dem Mittagessen schwänzt Esther die Yogastunde, aus Recherchegründen, wie sie dem Pressereferenten erklärt. Sie will mit ein paar Gästen über ihre Erfahrungen auf dem spirituellen Weg sprechen. „Dann musst du unbedingt mit Prana reden. Sie kommt schon seit Jahren hierher.“ „Prana?“ „Ich bring dich zu ihr. Sie hatte heute Morgen eine anstrengende Stunde und ruht sich gerade aus. Aber für dich hat sie bestimmt Zeit.“

Prana liegt auf einer weichen Bank in einem sonnewndruchfluteten Raum, umhüllt von sanfter Handpan Musik.

Prana öffnet langsam die Augen und dreht sich zu Esther um. Es ist Irmgard. „Esther. Nach so vielen Jahren. Ausgerechnet hier. Was für eine Überraschung.“ Leise, im Singsang-Einklang mit der Musik. „Ich freue mich, dich zu sehen. Erinnerst du dich noch an mich? Aber natürlich! Wie kannst du dein schlechtes Gewissen vergessen? Die einzige Zeugin deines kleinen Betrugs, auf dem du aber offenbar dein Berufsleben ganz gut aufgebaut hast.“

Irmgard war eine Kommilitonin, damals an der Journalistenschule. Genial, aber desinteressiert. Während Esther unbedingt einen guten Abschluss haben wollte, machte sich Irmgard einen Spaß daraus, mühelos die besten Texte zu schreiben, die verrücktesten Stories zu finden und die Anderen, die Ernsthaften in den Schatten zu stellen. Esther hatte ihr für ihre damaligen Verhältnisse ein Vermögen gezahlt, damit sie ihr die Examensarbeit schrieb.

„Und jetzt bringt Buddha dich zu mir. Was bezweckt er wohl damit? Ich weiß: Es geht mir momentan finanziell nicht sehr gut. Diese ganzen Retreats gehen ziemlich aufs Geld. Weißt du was, Esther? Hilf mir doch mit ein paar Zehntausend aus. Dann vergesse ich ganz schnell wieder, dass ich dir damals deine Arbeit geschrieben habe. Lass dir ruhig Zeit. Wir sprechen heute Abend. Jetzt muss ich meine Asanas üben. Das sind die allerschwersten, übrigens. Du kannst auch gerne darüber berichten!“

Esther dreht sich wortlos um und geht aus dem Raum. So, das war’s. Kein Artikel, und jetzt auch noch eine Erpressung. Der sie nichts entgegensetzen kann. Für die sie keinen Cent übrig hat. Das Ende ihrer Karriere kommt plötzlich viel schneller auf sie zu als gedacht.

Oder?

Vom Mut der Verzweiflung getrieben, geht Esther zu dem Yogaraum, in dem Prana-Irmgard schon heute morgen ihre Asanas geübt hat. Das Fenster ist noch offen. Irmgard ist allein. Sie liegt bäuchlings am Boden, legt das Gewicht auf ihre angewinkelten Unterarme und hebt die Beine im 90 Grad-Winkel nach hinten. Rollt den Oberkörper auf und nähert die gestreckten Fußspitzen ihrem Hinterkopf. Sie ist hochkonzentriert und bemerkt nicht, dass Esther hinter ihr steht und mit einem entschlossenen Griff Pranas Kopf fest nach hinten reißt. Es knackt leise. Dann sackt Irmgard leblos in sich zusammen.

Esthers Exklusivstory mit dem Titel „Tödliches Asana im Luxus Ashram“ sprengt alle Verkaufsrekorde. Fritz ist begeistert, und plötzlich schauen die Yuppies und Hipsters sie sogar mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Bewunderung an.

„Vielleicht ist an dieser Sache mit der Spiritualität doch was dran?“, denkt Esther. „Oder warum ist mir Irmgard gerade dort über den Weg gelaufen?“

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Habt Ihr den Nikolaustag gut verbracht? Ich hoffe, es war so viel los bei euch, dass Ihr die Fortsetzung von Cop Orange nicht vermisst habt. Übrigens: was hat es mit dem Titel auf sich, warum steht da „orange“?

Gestern war „Kind“ angesagt. Wir hatten viel Gemeinsamzeit, und dann habe ich ihn mit zum Flughafen begleitet. Das erste Mal so weit und so lange weg von allen und allem. Ich hoffe, er hat sehr viele sehr schöne Erlebnisse und Momente und kommt erfüllt zurück.

Aber jetzt geht*s weiter mit

Cop Orange

Leise vor sich hin schimpfend steigt Arne aus. „Machen Sie mal den Kofferraum auf!“ „Was? Wieso? Was soll denn…“ Die Beamtin zückt ihr Mobiltelefon und schickt sich an, eine Nummer zu wählen.


„Jaja, Moment.“ Mit klammen Fingern drückt Arne auf die Fernbedienung. Der Kofferraumdeckel hebt sich. „Was haben wir denn da? Was ist in dem Aktenkoffer?“

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht!“ Arne wird plötzlich kämpferisch. Vielleicht liegt es am Alkohol, vielleicht an der Kälte. Vielleicht ist er auch einfach müde und hat die Situation satt. „In einer Verkehrskontrolle entscheidet die Polizei, was sie etwas angeht und was nicht“, belehrt in die Beamtin. Sie ist nicht mal unfreundlich. Schade, dass er ihr Gesicht nicht erkennen kann. Bleibt sie absichtlich im Schatten?

„Aufmachen!“ befiehlt sie jetzt, „na los, wird’s bald!“ Arne beugt sich in den Wagen und nestelt am Verschluss des Koffers. Da trifft ihn ein harter Schlag auf den Kopf. Er verliert das Bewusstsein.

3 Stunden später.

Polizeinspektion Frankfurt Seckbach. Arne ist verzweifelt.

„Glauben Sie mir nicht, oder was? Sie werden ja wohl nicht denken, dass ich mir selbst mit einer Flasche Glühwein auf den Kopf gehauen habe. Ich sage doch, das war eine Kollegin von Ihnen. Sie hatte so eine Kelle für die Verkehrskontrollen. Und sie hatte eine Polizeimütze auf. Nein, ich sag Ihnen doch, sie war die ganze Zeit im Dunkeln, ich konnte das Gesicht nicht sehen. Nein, keine Ahnung, wie sie hieß. So, wie die drauf war, wollte ich sie bestimmt nicht nach ihrem Namen fragen.

Wie – heute gab es in Seckbach gar keine Verkehrskontrolle? Sie meinen wohl, ich hab‘ das geträumt? Und wer hat mir dann die Tageseinnahmen aus dem Koffer geklaut? Ja, schon klar, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus…

Was soll ich machen? Eine Anzeige gegen Unbekannt? Ich weiß, was ich mache. Ich gehe an die Presse. Das mache ich! Was? Das wollen wir ja mal sehen, ob die mir nicht glauben. Ich bin sicher, die Zeitung mit den vier Großbuchstaben interessiert sich dafür!“

Flughafen Rhein-Main. Zwei Frauen Mitte Dreißig, die eine, Sina, hat kurze braune Haare, die andere, Susi, lange blonde. Sie haben die Sicherheitskontrolle passiert und steigen jetzt in ihren Flieger nach Bangkok.

Sina: „Ich kann’s noch gar nicht fassen, Susi. Es hat geklappt! Wir sind FREI!“

Susi: „Wahnsinn, geht mir genauso. Hast du ‘ne Ahnung, wieviel Schiss ich hatte, als ich den Typen angehalten habe? Ich dachte, der checkt das sofort, gibt Vollgas und fährt mich über den Haufen!“

Sina: „Dein Plan war perfekt. Alles bis ins kleinste Detail vorbereitet, und dann nur noch auf den richtigen Augenblick gewartet. Aber als du mich dann angerufen und gesagt hast, dass es losgeht, da war mir plötzlich komplett komisch. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo Patrick die Kelle hingelegt hatte.“

Susi; „Ich habe Gernots Mütze auch beinahe nicht gefunden. Er setzt sie ja praktisch nie auf, aber ich musste so lange suchen, ich dachte, ich schaffe es nicht mehr, bei dir die Kelle zu holen und rechtzeitig in Seckbach zu sein. Und dann musste ich noch ‘ne Stunde warten, bis der Typ endlich aufgekreuzt ist. Meinst du, unsere Männer checken, dass ihnen eine Kelle und eine Mütze fehlen und dass wir die geklaut und bei einem Überfall benutzt haben?“

Sina: „Keine Ahnung. Eher nicht. Dazu sind sie zu sehr von sich eingenommen. Egal. Wir haben‘s hinter uns. Ab jetzt ist entspannen angesagt. Und chillen. Und Party. Vielleicht.“

Susi: „Vielleicht. Aber diesmal passen wir genau auf, um nicht wieder an Typen wie unsere Ehemänner zu geraten. Wenn mich nochmal ein Mann anfasst – frühestens, wenn die letzten blauen Flecken, die Gernot mir verpasst hat, unter der Bräune verschwunden sind -dann nur, um mich zu streicheln. Sonst verpass ich ihm gleich eine, dass er weiß: diese Frau wird nicht misshandelt.“

Sina: „Jetzt hast du ja Übung darin, ’nem Mann einen überzuziehen. Damit hättest du viel früher anfangen müssen.“

Willkommen an Bord des Lufthansa Flugs 772 nach Bangkok. Ich bin Ihr Kapitän, mein Name ist Luisa Wolf, tönt es aus dem Lautsprecher.

Sina: „Eine Pilotin. Unser zweites Leben fängt supergut an.“

Frankfurt Höchst. Zwei Männer sitzen in einem Wohnzimmer, vor sich zwei Flaschen Henninger Bier. Sie schauen sich immer wieder an und schütteln die Köpfe. Ratlos.

Gernot: „Was machen wir jetzt? Meinst du, der Überfall auf den Typen hat was damit zu tun, dass wir am Nachmittag genau bei dem Juwelier waren wegen dem Ladendiebstahl?“

Patrick: „Kann ich mir gar nicht vorstellen. Woher sollte die Frau mit der falschen Verkehrskontrolle denn wissen, dass wir dem Filialleiter geraten hatten, die Tageseinnahmen mitzunehmen?“

Gernot: „Und dass die wie ‘ne Polizistin aussah? Ist das etwa auch Zufall?“

Patrick: „Was sonst?“

Gernot: „Mein Handy ist manipuliert worden. Vielleicht hat jemand alles mitgehört.“

Patrick: „Du schaust zuviel CSI.“

Gernot: „Und wo sind unsere Frauen? Hast du mal nachgeschaut, ob deine Ausrüstung komplett ist? Bei mir fehlt die Mütze.“

Patrick: „Du meinst, Sina und Susi? Die sind doch viel zu blöd für sowas. Außerdem haben wir die doch extra ins Wellness Wochenende in den Taunus geschickt, damit wir in Ruhe pokern können. Ich hoffe, du hast genug Geld dabei!“

Gernot: „Als mir das letzte Mal die Hand ausgerutscht ist, hat Susi gesagt: das machst du nie wieder. Oder ich mach dich fertig. Vielleicht stecken die zwei wirklich dahinter. Und was machen wir dann?“

Patrick: „Nichts! Oder willst du deinen Beamtenstatus und den Job verlieren? Wenn sie die Kelle und die Mütze jemals finden, können wir immer noch sagen, dass sie uns gestohlen wurden. Aber so dumm sind die Mädels sicher nicht. Wir haben sie einfach die ganze Zeit unterschätzt. Vor dem Typen brauchen wir keine Angst zu haben. Dem glaubt eh keiner. Und das geklaute Geld? Der hat bestimmt ‘ne top Versicherung. Nee, nee, wir halten schön still. Aber was machen wir mit Sina und Susi, wenn sie aus dem Urlaub zurückkommen?“

Gernot: „Zurückkommen? Du glaubst wohl noch an den Weihnachtsmann? Sieh*s mal positiv. Keine Scheidung, keine Verluste. Sollen die zwei mit dem Geld glücklich werden, solange es geht. Das sind eh die klassischen Opfer. Die haben in null Komma nix wieder den nächsten Herrn und Meister an der Backe.“

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Adventskalender MiniKrimi am 5. Dezember


Heute gibt es nur einen halben Krimi. Denn heute muss ich mich um mein „Kind“ kümmern, das morgen für mehrere Monate weit weg fliegt. Da sind Gespräche, Mutmachen und einfach zusammensein gefragt.

Deshalb kommt hier heute der erste Teil von

Cop Orange

„Stop. Polizei“. In der Dunkelheit leuchtet das rote Licht der Kelle wie das Auge eines Raubtiers. „Oh nein,“ flucht Arne, der gerade von der Weihnachtsfeier seiner Firma kommt.

„So, guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“

„Moment“, Arne kramt vergeblich in den Taschen seines Anoraks. Weder links noch rechts wird er fündig. Dann erinnert er sich, dass er mit dem Firmenwagen unterwegs ist.  Er greift unter die Sonnenblende. Nichts. „Keine Ahnung, die müssten eigentlich…“  „Sie wissen nicht, wo Sie Ihre Papiere haben?“ „Doch, natürlich. Ehm. Nein. Das ist nicht mein Auto.“ „Wie bitte?“ „Nein! Das ist unser Firmenwagen, und die Papier müssten eigentlich..:“

„Zeigen Sie mir erst mal Ihren Führerschein. Haben Sie auf der Weihnachtsfeier was getrunken?“

„Ich, nein. Woher?“ Arne schiebt den Führerschein durch das nur halb heruntergelassene Fahrzeugfenster. Die Polizistin richtet ihre Taschenlampe darauf. Ihr Gesicht ist im Schatten, die Mütze sitzt ihr fast auf den Augen. „Zu groß“, denkt Arne. Auch die Jacke ist weit. Vielleicht hat sie kürzlich abgenommen. „Herr Junghans? Antworten Sie bitte. Wo fahren Sie hin?“ Nicht: wo kommen Sie her.

„Nach Hause. Wohin denn sonst?“ „Steigen Sie bitte aus und machen Sie den Kofferraum auf.“ „Was? Warum das denn?“ „Herr Junghans, steigen Sie jetzt aus. Sonst muss ich Verstärkung anfordern, und haben Sie gleich ein Verfahren wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt am Hals.“

Forsetzung folgt. ABER: Ihr könnt mir schreiben, wie Ihr euch die Story wünscht. Ich bin gespannt!

Adventskalender MiniKrimi am 4. Dezember


So, heute kommt endlich die versprochene Geschichte mit dem Schnee. Obwohl sie ganz anders geworden ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber Ihr kennt das: die Figuren verselbständigen sich, die FInger schreiben von alleine, und das Resultat ist für einen selbst unerwartet. Viel Spaß beim Lesen.

Pech mit den Männern

Rina hat Pech mit den Männern. Und die in langen Therapiestunden herausgearbeitete Erkenntnis, dass die toxische Beziehung ihrer Eltern der frühkindliche Auslöser für ihre Probleme mit dem anderen Geschlecht ist, hift ihr leider auch nicht weiter.

Letzte Woche war wieder so eine typische Situation. Nach 20 völlig indiskutablen Angeboten, die ihr das Jobcenter zugeschickt hatte, fand sie diese Stelle richtig interessant: Mitarbeiterin in der Notrufzentrale der Münchner Polizei. Die Stellenbeschreibung hörte sich spannend an, die Arbeit war Teilzeit, und da sie keine familiären Bindungen hatte, wäre der Schichtbetrieb für sie auch kein Problem.

Rina bereitete sich sorgfältig auf das Treffen mit dem Sachgebietsleiter vor. Elegant, aber unaufdringlich. Blaues Kostüm – aber kein Uniformton, natürlich, dezente Bluse, eine Reihe Perlen um den Hals. Halbhohe Pumps. Eine Herausforderung, die sie sicher unterm Schreibtisch würde ausziehen können…..

Im Wartebereich saß ein weiterer Bewerber und schaute missmutig von seinem Handy auf, als Rina freundlich grüßte. Nach einer kurzen Musterung ihres Konkurrenten machte sie es sich auf dem freien Plastikstuhl bequem. Jeans, Karohemd und Sweatshirt. Turnschuhe. Viele Muskeln, ungepflegter Bart. Nein, den würde sie mit links ausstechen.

Aber als er nach einer erstaunlich langen Zeit das Büro des Sachgebietsleiters verließ, verabschiedete dieser den Mann mit einem letzten Lachen. Sie hörte den Halbsatz: „…dafür bringen Sie ja beste Voraussetzungen mit. Wir melden uns auf alle Fälle bei Ihnen.“

Mist. Rina hatte sich schon ausgemalt, wie sie jeden Tag genau diesen Weg zur Arbeit nehmen würde. Da blieb ihr nur eines übrig: sie musste den Gegner ausstechen. Also log sie, was das Zeug hielt. Langjährige Erfahrung in verschiedenen Notrufzentralen in England Frankreich und Italien. Ja, die Sprachen waren für sie kein Problem. Vor allem konnte sie auch die Basics auf Türkisch. Das machte Eindruck.

Als Rina eine Woche später mit dem unterschriebenen Vertrag in der Hand aus dem Gebäude ging, kam ihr ihr Konkurrent entgegen. „Schlampe“, zischte er im Vorbeigehen, und Speichelfäden flogen ihm dabei aus dem Mund. Rina reckte den Kopf in die andere Richtung und stolzierte mit aufrechtem Gang und Sinn an ihm vorbei. „Nur die harten komm‘ in‘ Garten“, flötete sie ihm nach. Warum musste er so aggressiv sein? Sicher hatte sie wieder sowas opfermäßiges ausgestrahlt. Typisch, halt. Pech!

Das war vor einer Woche Inzwischen hat sich viel getan. Zum Glück ist sie bisher noch nicht in die peinliche Situation geraten, ihre nicht vorhandenen Türkischkenntnisse unter Beweis zu stellen. Alle Anrufer*innen haben mehr oder weniger verständlich gesprochen, bis auf die eingefleischtesten Bayern, aber davon gibt es in München ja gottseidank nicht mehr so viele.

Heute Früh hatte Rina Mühe, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Es muss die ganze Nacht durchgeschneit haben, denn als sie die Haustür öffnete, leckte der Neuschnee schon an ihrer unteren Treppenstufe. Rias Haus ist alt und eigentlich viel zu groß für sie. Sie hat es von ihrer Mutter geerbt, und diese von ihrem Vater. Rina hängt daran, ohne das Geld zu haben, die dringend notwendigen Reparaturen machen zu lassen. „Du musst dir einen Mann finden, der handwerklich geschickt ist“, hat ihre Mutter ihr immer wieder eingeschärft. Wahrscheinlich aus leidvoller Erfahrung mit Rinas Vater, der nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen konnte, geschweige denn eine Dachrinne reparieren oder die Fassade streichen. Also bröckelt Rinas Außenwelt genauso vor sich hin wie ihr Innenleben.

„Wenn das so weiterschneit, komme ich morgen nicht mehr raus“, denkt sie beim Blick aus dem Fenster ihres Büros und verbindet geistesabwesend eine hektische Anruferin, deren Zuchtteckeldame Mary Jane beim Gassigang verschwunden ist, mit dem Drogendezernat. „ich brauche jemanden, der den Schnee wegschippt.“

„Hallo, ist das die Notrufzentrale?“ „Ja, wie kann ich Ihnen helfen?“ Rina sind die routinemäßgen Antworten immer noch nicht geläufig. Sie denkt einfach zuviel nach, statt mechanisch zu plappern.

„Ach, ich….“ „Ja?“ „Ich hatte vor ein paar Tagen angerufen, weil die alte Dame gegenüber den Fernseher die ganze Nacht an hatte und nicht reagiert hat.“Ja. Und?“ „Also das war falscher Alarm, tut mir leid. Sie war einfach nur eingeschlafen, hatte die Hörgeräte schon rausgenommen und hat einfach nichts mitgekriegt.“ „Ok.“ Pause. „Und jetzt?“ In der Schulung haben sie ihr gesagt, wie sie mit solchen Anrufen umgehen soll. Dass es Leute gibt, die sonst niemanden zum Reden haben und deshalb eben die Nummer der Notrufzentrale wählen. Immer wieder. Weil man ihnen da zuhört. Freundlich, aber bestimmt abweisen und auflegen. Mit dem Hinweis, das es inzwischen bei jemand anderem um Leben und Tod gehen könnte.

„Also. Mir geht Ihre Stimme nicht mehr aus dem Kopf. Ich möchte sie gerne sehen.“ Darauf hat man sie in der Schulung nicht vorbereitet. Vielleicht kommt das erst im zweiten Block? „Du weißt, du hast immer Pech mit Männern. Leg auf. Jetzt gleich.“ Natürlich tut sie das nicht. Und als er nochmal nachhakt und fragt: „Was machen Sie zum Beispiel heute Abend?“, da kommt Rina eine Idee. Ein geradezu genialer Einfall. Und völlig ungefährlich noch dazu.

„Ich, also….. eigentlich mache ich sowas ja nicht. Hab das noch nie gemacht. Aber…. Sie klingen so nett. Ich bin um acht hier fertig. Wenn Sie wollen, treffen wir uns vor meinem Haus. Ich muss dann allerdings noch ziemlich viel Schnee wegschippen (ein Blick aus dem Fenster hat ihr gezeigt, dass es mindestens 20 cm sein müssten), aber danach können wir ja was trinken gehen.“

„Oh“, er klingt überrascht, und für den Bruchteil einer Sekunde fürchtet Rina, sie könnte ihn vergrault haben. Aber nein. „Sehr gerne. Vielen Dank. Und ich würde Ihnen liebend gern beim Schneeschippen helfen. Ich habe da vielleicht eine kleine Überraschung parat.“

Sie verabreden sich für halb neun. Rina hat keine Angst, einen Fremden zu treffen. Schließlich werden sie auf dem Gehweg stehen oder in der gut einsehbaren Einfahrt.

Der Weg von der U-Bahn nach Hause ist ein Abenteuer. Gefährlich und zauberhaft zugleich. Wie im Märchen, eben. Dazu passt die bevorstehende Begegnung. Alles fügt sich magisch. Der Sternenhimmel, die klirrend kalte Luft. DIe tanzenden Schneeflocken. Die Stille. Kein Mensch ist zu sehen. Bei diesem Wetter hocken alle in der warmen Stube hinter heruntergelassenen Rolläden. Ohnehin reichen die zur Seite geschobenen Schneehaufen schon fast bis an die Fensterbänke. „Denk dran, du hast immer Pech…“ flüstert es in ihrem Kopf. „Hallo, da sind Sie ja“, ruft es aus der Dunkelheit. Rina bemüht sich vergeblich, eine menschliche Gestalt zu erkennen. Sie sieht nur einen großen, unformigen Schatten, der sich von der milchweißen Winternacht abhebt. Dann wird ein Motor gestartet, und mit lautem Getöse setzt sich der Schatten in Bewegung, auf Rina zu.

Sie ist zur Salzsäule erstarrt, während er mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf sie zurollt. „Sehen Sie, das ist meine Überraschung.“ Er gräbt die Schaufel des Schneeräumers ein paar Meter vor Rina in die weiße Masse und entleert diese behend am Straßenrand. „Wow“, stöhnt Rina erleichtert, nachdem sie sich von dem Schreck erholt hat. „Das ist wirklich eine Überraschung. Wie nett von Ihnen. Ist das Ihrer?“ „Nein, der gehört der Firma, bei der ich angenfangen habe, nachdem Sie mir den tollen Telefonjob in der Notfallzentrale weggeschnappt haben. Sie Schlampe.“ Das Gesicht kann Rina immer noch nicht sehen. Aber sie erkennt den Tonfall, in dem er sie beschimpft.

Und dann fährt er auch schon los. Aber diesmal, das weiß sie, wird er nicht anhalten. „Ich habe wirklich immer Pech mit Männern“, ist ihr letzter Gedanke.

Und nun, meine Lieben, eine Frage an euch: was macht der mörderische Rächer jetzt? Entsorgt er die Leiche? Lässt er es wie einen Arbeitsunfall aussehen und fährt einfach weg? Oder?

Ich bin gespannt auf Eure Ideen. Habt eine spannende gute Nacht.

Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Heute sollte es ein Schneechaos-Krimi werden? Hatte ich mir fest vorgenommenb, stimmt. Aber dann war ich bei einem Fotoshooting, dass viviènne model management für Kinder der Deutschen Lebensbrücke als Weihnachtsgeschenk vorbereitet hatte. Kinder mit zum Teil lebensbedrohlichen Krankheiten. Oder Kinder, die morgens ohne Früshtück in die Schule gehen und von der Deutschen Lebensbrücke etwas Leckeres vor dem Unterrichtsbeginn bekommen. Mit viel Liebe und Sorgfalt hatte das Team besondere Kleidungsstücke rausgesucht, die Kids wurden geschminkt, gestylt – und sahen hinterher natürlicher und frischer aus als vorher, aber keine Spur von aufgesetzt.

Jedenfalls dauert das Shooting – natürlich – länger als von mir geplant. Ihr werdet noch davon lesen, und ich werde auch ein paar Fotos hochladen. Das war für die Kids ein unvergessliches Erlebnis. Und dann schickte mir meine früher Twitter-, jetzt Blue Sky-Freundin Birgit Schiche einen wunderschönen, spannenden, tiefsinnigen Adventskrimi. Und den gibt es heute hier zu lesen.

Viel Spaß dabei!

Die Weihnachtsbande

„Mama, kommt der Weihnachtsmann eigentlich zu allen Kindern in der Welt?“

„Ja, mein Schatz, zu allen, die es sich wünschen.“

„Aber, Mama, wie schafft der Weihnachtsmann es denn, an nur einem Tag überall in der Welt Geschenke zu bringen?

Jonas war fünf Jahre alt und ein aufgewecktes Kind.

„Weißt du, das ist so“, setzte Melanie an und Jonas wusste, nun würde sie ihm eine Gute-Nacht-Geschichte darüber erzählen. Er kuschelte sich wohlig unter seine Decke.

Seine Mutter erzählte ihm, dass der Weihnachtsmann viele Helfer hat: den heiligen Nikolaus und Knecht Ruprecht, Santa Claus in den USA, die Hexe Befana in Italien, Väterchen Frost in Russland und in Schweden den Weihnachtswichtel, genannt Jultomte, das Christkind in Süddeutschland nicht zu vergessen. Sie erzählte auch davon, dass die Kinder zwar hier in Deutschland an Heiligabend beschenkt werden, aber in anderen Ländern am 25. Dezember, in der Neujahrsnacht oder sogar erst am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Jonas war froh, dass er nur noch bis Heiligabend und nicht noch länger auf die Bescherung warten musste. Und morgen war doch schon Nikolaus, da würden sicher ein kleines Geschenk und Süßigkeiten in seinem Stiefel stecken. Mit diesen angenehmen Gedanken schlief er ein.

Zur gleichen Zeit auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt saß eine kleine Gruppe an einem Tisch. Alle wärmten sich die Hände an ihren Glühweinbechern. Es herrschte dichtes Gedränge, der Duft von Schmalzgebäck, gebrannten Mandeln und Grillwürstchen vermischte sich mit dem Glühweinduft, und von überall her ertönte Weihnachtsmusik.

„So eine Kostümprobe ist doch albern, und dann noch hier draußen an so einem scheißkalten Tag“, murmelte Igor schlecht gelaunt in seinen weißen Bart und zupfte seinen blauen Väterchen-Frost-Mantel zurecht. „Väterchen Frost ist kalt“, die darin liegende Ironie ließ Nikola schmunzeln. Sie war als Christkind verkleidet und trug eine dicke Thermostrumpfhose und Angora-Unterwäsche unter ihrem aus Wollstoff gefertigten Kostüm und eine Perücke mit blonder Lockenpracht auf dem Kopf. Das ließ sie zwar ziemlich mollig aussehen, hielt aber einigermaßen warm. Nikola mochte die Weihnachtszeit nicht, obwohl sie am morgigen Nikolaustag ihren 30. Geburtstag feiern konnte. Oder gerade deswegen, denn dass sie nach dem heiligen Nikolaus benannt war, hatte in ihrer Kindheit zu ganzjährigen Lästereien ihrer Mitschüler geführt. Klaus, Jahrgang 1958 und mit einem klassischen Weihnachtsmannkostüm ausstaffiert, und Nico, gerade 20 Jahre alt und als Jultomte verkleidet, konnten Nikola verstehen, denn auch sie hatten ähnliche Hänseleien ertragen. Cordula war die Fünfte in der Runde und trug ein Hexenkostüm. Sie hatten alle auch Masken dabei, die ihre Gesichter vollständig verbargen, und die sie jetzt jedoch in ihren Taschen ließen. Als Sechster hatte Ruprecht am Tisch Platz genommen. Ja, er hieß zu seinem Leidwesen wirklich so, und damit war sein Kostüm ebenfalls festgelegt: ein pelziges, schwarzes Teufelskostüm. Er war der Stratege unter ihnen und hatte die Generalprobe einberufen.

„Nur bei so einer Kostümprobe können wir sehen, ob man uns wirklich nicht erkennt und ob uns die Kostüme ausreichend Bewegungsfreiheit geben. Klaus und Igor, achtet darauf, dass eure Mäntel nicht zu lang sind, ihr könnt sonst nicht schnell laufen, falls das notwendig wird!“

In aller Öffentlichkeit besprach die illustre Runde ihre Pläne für die Weihnachtszeit. Zur Freude des Standbesitzers blieb es nicht bei nur einer Runde Glühwein. Viele Gäste des Weihnachtsmarktes freuten sich über die kostümierten Geschenkeboten, blieben stehen und bestellten ebenfalls heiße Getränke am Stand.

„Am Abend des gestrigen Nikolaustages fand in der größten Einkaufspassage der Stadt ein mysteriöser Raubüberfall statt. Die umsatzstärksten Geschäfte der Passage wurden um ihre Einnahmen gebracht. Die Täter wurden als Weihnachtsmann, Christkind, Weihnachtself oder -wichtel, Hexe und Knecht Ruprecht beschrieben. Sie alle verschwanden ohne Aufsehen zwischen den weihnachtlichen Attraktionen der Einkaufspassage“, berichtete die Nachrichtensprecherin a, 7.Dezember. Melanie schaltete das Autoradio ab und sah im Rückspiegel nach Jonas, der in seinem Kindersitz schlief. Gestern waren sie noch in dieser Einkaufspassage gewesen, die mit vielen passend kostümierten Schauspielern und Schauspielerinnen mehr Publikum anlocken und diese in Kaufstimmung bringen wollte. Das war auch gelungen – zum Vorteil der „Weihnachtsbande“, wie sie von den Medien nun plakativ bezeichnet wurde. Jonas hatte sich so gefreut, dass seine Mutter ihm die Figuren aus seiner vorweihnachtlichen Gute-Nacht-Geschichte dort alle zeigen konnte. Mit dem Jultomte, Väterchen Frost und der Hexe Befana, die er alle noch nie gesehen hatte, hatte er sogar Fotos machen dürfen – für Jonas das größte Highlight in der Adventszeit.

Am 23. Dezember traf sich die Weihnachtsbande erneut für ihre letzten Absprachen am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt, diesmal schon am frühen Nachmittag. Igor hatte Skiunterwäsche und einen extra dicken Weihnachtspulli unter seinem Väterchen-Frost-Kostüm und nippte gut gelaunt an seinem heißen Glühwein. Leider vermieste ihm Ruprecht die gute Laune: „Diesmal lasst ihr Trottel euch nicht wieder fotografieren! Ihr könnt von Glück reden, dass niemand die Fotos an die Polizei weitergeleitet hat!“

Am Heiligen Abend brachen Knecht Ruprecht und seine weihnachtlichen Gesellen und Gesellinnen beim größten Online-Händler der Region ein und stahlen sämtliche Waren, die als Retoure zurückgekommen waren. Der Online-Händler ließ diese Waren einfach nur vernichten, denn das war für ihn billiger, als sie erneut in den Handel zu bringen. Die Weihnachtsbande erbeutete jede Menge neuwertige elektronische Artikel, Schmuck, Modewaren, Spielzeug. Niemand wunderte sich über die weihnachtlich kostümierten Gestalten, die riesige Säcke gefüllt mit Geschenken davon schleppten – es war schließlich Heiligabend. Na ja, fast niemand: Melanie und Jonas fuhren im Auto gerade dort vorbei, als sie im Gänsemarsch die Beute zu ihrem Kleintransporter trugen. Melanie und Jonas kamen gerade von den Großeltern zurück, die Jonas sein erstes Smartphone geschenkt hatten. Kaum war der Akku geladen, hatte Jonas ständig Fotos von allem und jedem gemacht. Nun fotografierte er die Weihnachtsgestalten im Gänsemarsch, Knecht Ruprecht und das Christkind gleich vorneweg. Dummerweise trugen diese diesmal keine Masken zu ihren Kostümen, wie Jonas betrübt feststellte. Aber die Kamera war wirklich toll, selbst wenn man aus einem fahrenden Auto knipste. Die gute Straßenbeleuchtung hatte natürlich geholfen.

Am 25. Dezember überfiel die Weihnachtsbande die Bankfiliale, die direkt am Weihnachtsmarkt lag. Bei ihren wiederholten Besuchen am Glühweinstand hatten sie sie vorher gründlich ausspioniert. Bei dem Trubel auf dem Marktgelände war niemand stutzig geworden, diese kostümierten Gestalten gehörten doch offensichtlich zum Programm. Nun war der Platz menschenleer. In der Innenstand wohnte kaum jemand, so dass es auch keine Zeugen für den Bankraub gab. Santa Klaus, wie er in der Runde nur noch genannt wurde, war so umsichtig gewesen, die Überwachungskameras der Bank mit Farbe zu besprühen. Leider war Igor weniger umsichtig als er mit seinem Mantel an einer Türklinke hängen blieb und sich hektisch losriss. Ein Stück von dem billigen blauen Stoff mit Kunstpelzrand war das einzige Indiz, das die Polizei später finden konnte. Es brachte die aufmerksamen Beamten auf die Verbindung mit dem Überfall auf die Einkaufspassage.

„Nikolaustag, Heiligabend und der 1. Weihnachtstag – das ist doch kein Zufall“, meinte Hauptkommissarin Thomsen. Die Soko „Weihnachtsbande“ war am 2. Weihnachtag einberufen worden.

„Na, zum Glück ist Weihnachten ja jetzt vorbei!“, der Polizist hielt seinen Spruch für klug und witzig.

„Nein, nein“, warf seine Kollegin Carina Marino ein. „In Italien feiern wir erst am 6. Januar Bescherung, wenn die heiligen drei Könige kommen und die Hexe Befana Geschenke für die Kinder bringt.“ Als Kind hatte sie die Weihnachtsferien oft bei den Großeltern in Italien verbracht und sich ziemlich vor der Hexe gegruselt.

Doch leider hatten die Beamten keinerlei Anhaltspunkte um vorherzusehen, ob und wo ein weiterer Überfall geplant sein könnte.

Carina Marino sollte Recht behalten. In der Nacht vom 5. Auf den 6. Januar wurde ein Juwelier überfallen, der gerade einige besonders hochwertige Schmuckstücke im Tresor aufbewahrt hatte. Am Tatort fand man keinerlei Spuren bis auf eine Hexenmaske. Diese war allerdings gründlich desinfiziert und gereinigt worden, bevor man sie dort platziert hatte. Mit besten Grüßen von der Weihnachtsbande. Die Polizei ermittelte vergeblich, die dreisten Täter wurden nie gefasst.

Keiner von ihnen hat je erfahren, dass der kleine Jonas sehr gelungene Fotos der Mitglieder der Weihnachtsbande hatte. Die Hexe Befana, Väterchen Frost und der Jultomte, die in der Einkaufspassage fröhlich für Bilder mit Jonas posierten, die seine Mutter mit ihrem Handy aufnahm. Die Bande, als sie mit dem Diebesgut vom Online-Händler im Gänsemarsch zu ihrem Kleintransporter marschierten und keine Masken trugen – festgehalten auf Jonas‘ neuem Smartphone mit der ausgezeichneten Kamera.

Es hat auch nie jemand erfahren, von wem all die nützlichen Dinge wie Kleidung, Spielwaren und Elektroartikel und die in großen Mengen gekauften Lebensmittel und Medikamente kamen, die sich im Kleintransporter auf den Weg nach Osteuropa zu den Menschen in den Flüchtlingslagern machten. Ruprecht am Steuer des Kleintransporters pfiff leise ein Weihnachtsliedchen vor sich hin. Die Weihnachtsbande nahm ihre Rolle als Überbringer von Geschenken sehr ernst. Der Weihnachtsmann und seine Helfer und Helferinnen kamen eben zu jedem, der es sich wünschte. Na ja, und manchmal auch zu denen, die es sich nicht wünschten. Auch in diesem Jahr.

Adventskalender MiniKrimi am 2. Dezember


Eigentlich sollte es heute ein Schneechaos-Krimi werden. War ja selbst mittendrin in den nicht enden wollenden nassen Schneemassen, die sich über München ergossen. Aber dann erzählte mir mein Sohn von einer Krimi-Idee, die ihm – er ist Anästhesist – mal im OP gekommen war. Er warf mir die Gedankenknochen hin. Und ich fand das Thema so spannend, dass ich Fleisch dransetzte (die Allegorie habe ich natürlich mit Absicht gewählt). Et voilà. Schnee kommt dann morgen. Vielleicht.

Am I legend?

„Was ist denn das für ein Geräusch? Der Wecker! Ich hab verschlafen!“ Er setzt sich auf, die Augen noch halb geschlossen, und schiebt die Beine über den Bettrand. Oder vielmehr: er will, aber es gelingt ihm nicht. Irgend etwas fesselt ihn. Das Piepsen wird eindrindlicher. Er öffnet die Augen. „Wo bin ich?“ Das ist nicht sein Schlafzimmer, sondern ein gekachelter Raum mit einer Unmenge an Geräten rund um sein Bett, das nicht mehr als eine schmale Liege ist. „Was hab ich da im Gesicht?“ Er reißt sich die Maske herunter und starrt auf den Tubus, der von ihr zur Quelle des Geräusches führt, das ihn geweckt hat. Ihm wird schwindlig. Er schließt die Augen, lässt sich auf die Liege zurücksinken und versucht, sich zu erinnern. Egal an was.

„Ja. Heute war der Termin für meine Karpaltunnelsyndrom-OP. Ich war schon Tage vorher sp aufgeregt, dass die Ärztin mir zu einer Vollnarkpse geraten hatte. Meine Frau hat mich in die Klinik gefahren. Ich habe die Ärztin gsprochen, dann kam der Anästhesist. Und dann?“

Blackout. Die Ärztin? Die Assistenz? Pflegeperspnal? Keiner da? „Hallo!“, ruft er. Er atmet tief ein. Hebt den Kopf. Schaut sich um. „Verdammt! Bin ich im falschen Film oder hab ich nen Albtraum?“ Um ihn herum verteilt im kleinen Operationssaal liegen die Ärztin und ihre Assistenz, der Anästhesist, eine Krankenschwester. Alle reglos. Langsam und mühevoll richtet er sich auf. Die Ärztin hat noch das Skalpell in der Hand. Sie sieht friedlich aus. Vielleicht ein klein wenig erstaunt. Jedenfalls nicht verwundet. Aber woher kommt dann das Blut. das auf ihre blassen Lippen tropft? „Das bin ja ich! Ich blute! Die haben mich aufgeschnitten und nicht mehr zusammengenäht!“ Tatsächlich klafft in seiner linken Hand eine tiefe Wunde. Zu tief für den geplanten Eingriff. „Was geht hier vor? Wollten die mich umbringen?“ Nun, das scheint jedenfalls gründlich schiefgegangen zu sein.

Er steht auf. Dabei reißt er sich alle möglichen Drähte und Schläuche vom Körper. Ihn fröstelt. Kalt hier. Vor allem in dem dünnen OP-Hemd. Er muss hier raus und jemanden finden, der ihm hilft. Der ihm erklärt. was passiert ist. Was das hier soll.

Im zentralen Aufwachraum stehen einige Betten mit Patienten. Alle reglos. Alle blass. Genauso tot wie die Leute hinter der Theke.

Jetzt wird er wütend. „Was ist denn das für ein Schlendrian? Es ist wirklich höcshte Zeit, dass sich etwas ändert. Als erstes werde ich die Handchirurgie schließen. Die Abteilung bringt nicht nur zu wenig Kohle, die Leute sind die reinsten Zombies.“

Da kommt ihm ein Verdacht. Sollte der kaufmännische Leiter der Klinik nach dem Gespräch mit seinem neuen Investor trotz ihrer Abmachung geplaudert haben? War die OP ein abgekartetes Spiel, um ihn an der Übernahme des Krankenhauses und den geplanten Schließungen zu hindern?

Aber warum sind dann die anderen tot – und nicht er? Systematisch durchkämmt er das Haus. Und findet überall Leichen. Ohne erkennbare Verletzungen, ohne verkrampfte Gesichtszüge. Aber ganz offensichtlich leblos.

Er irrt durch menschenleere Flure, zieht eine rote Blutspur hinter sich her wie den Ariadnefaden. Keine Menschenseele. Oder vielleicht doch, aber dann nur noch Seelen. Schließlich gelangt er zu einer massiven Metalltür. ‚Kontrollraum‘ steht auf einem angegrauten Schild an der Wand. Daneben ein Knopf. EIn leichter Druck, und die Tür gibt die Sicht frei auf die Kommandobrücke eines veralteten Raumschiffs. Gleich wird Käptn Kirk sich von seinem Thron erheben und…. Da ist er schon. Allerdings sieht er weniger wie ein Sterneflotten-Kommandant aus. Eher wie Rambo. Ein Muskelpaket mit tätowiertem Hals.

„Hey, was machst du hier? Warum? Warum? Bist du nicht tot, wie die anderen? Du musst das Cyanid doch auch eingeatmet haben?“ „Cyanid? Keine Ahnung, was für ein Stoff da in meinem Beatmungsgerät war“, anwortet er.

„Sch…..!“ grunzt Rambo und greift in die geräumige Tasche seines weißen Kittels. „Fehler meinerseits. Da hab ich in der Ausbildung nicht aufgepasst. Wenn du beatmet wirst, kriegst du das Gas natürlich nicht mit. Aber egal. Stirbst du eben später.“ Jetzt hält er eine Spritze in der Hand und hebt drohend den Arm. „Aber warum? Was ist denn hier los?“ „Was hier los ist? Ich hab gerade so meine Krankenpflege-Ausbildung geschafft. War tierisch kompliziert. Dann wollte mich keiner nehmen – Pflegenotstand hin oder her. Ich sei zu unberechenbar und psychisch instabil. Und als ich endlich doch ne Stelle gefunden habe, hier, da kommen Sie und wollten einfach meine Abteilung dichtmachen. Aber nicht mit mir! Ich lass euch alle hops gehen. Sie und die anderen eingebildeten Idioten hier. Ihr steckt doch alle unter einer Decke. Hättet mir wenigstens eine Chance geben können!“

Jetzt stehen sie sich gegenüber. Blitzschnell hebt der Pfleger die Hand und jagt die Spritze in seinen Feind.

„So, das war’s. Hallo? Herr Meister? Hallooo! Ah, da sind Sie ja. Willkommen zurück. Hatten Sie einen schönen Narkosetraum?“

Der Investor starrt den Arzt wortlos an. Später, auf dem Weg nach Hause, fasst er den Entschluss, sich nochmal gründlich über das Krankenhaus zu informieren, bevor er endgültig in die Finanzierung einsteigt.

MiniKrimi Adventskalender 2023


Ein paar Worte vorweg

Ja, meine Lieben: es ist wieder soweit! Und diesmal könnte der Advent nicht vorweihnachtlicher beginnen. Denn auch wenn Schnee dort, wo Weihnachten seinen Ursprung nimmt, nämlich in Palästina, nicht zum jahreszeitlichen Standard gehört – für uns kommt die Zeit rund um das Fest gefühlt am besten weiß daher. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass wir uns gerade jetzt so gerne an unsere Kindheit erinnern. „Leuchtet der Himmel rit: Christkind backt Kuchenbrot.“ „Von drauß vom Walde komm ich her..:“. Oder „Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft.“

Ja. Solche Erinnerungen sind ein Privileg, das nur wenige Menschen weltweit teilen. Gerade jetzt, so kommt es uns vor, sind so viele von Krieg und Leid betroffen. Ganz in unserer Nähe. Und in dem Landstrich, in dem das Christentum seinen Ursprung hat. Aber die Wahrheit ist, dass es immer überall auf der Welt gewaltame Konflikte gibt. Und oft dauern diese über Jahrzehnte an, vor allem in Afrika und in Asien, aber auch in Südamerika. Und der jüngere Konflkt im Nahen Osten ist über hundert Jahre alt.

Was bedeutet das für uns und unser Weihnachtsgefühl? Dürfen wir das überhaupt, uns freuen? Über den Schnee, über den Duft nach Glühwein und Zimt? Auf das Fest, auf die Geschenke? Wenn um uns herum so viele Menschen leiden?

Die Antwort darauf müsst Ihr selbst finden. Mich machen die Erinnerungen an weihnachtliche Momente und die Vorfreude auf eine hoffentlich schöne Zeit empfindsamer und aufmerksamer für andere. Ich bin dankbar für alles, was ich habe und erhalte, für den Frieden, den ich leben darf. Und ich versuche, gerade jetzt noch bewusster darauf zu achen, dass jch nicht nur nehme, sondern gebe. Nicht nur den Menschen um mich herum, die ich kenne, schätze und liebe, sondern auch denen, die mir ganz zufällig begegnen.

Von Meister Eckhart ist der Satz überliefert: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

So möchte ich es halten. Nicht nur, aber vor allem in dieser Adventszeit.

In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders, dass mein MiniKrimi Adventskalender nicht nur von mir, sondern auch von meinen „Mörderischen Schwestern“ mit spannenden, mystischen, dramatischen, vielleicht auh komischen Geschichten gefüllt wird. Dazu gesellen sich hoffentlich wieder liebgewonnene Weggefährtinnen aus den letzten MiniKrimi Jahren.

Den Anfang macht heute eine Autorin, die ich als die (heute ehemalige) Präsidentin der Mörderischen Schwestern kennen und schätzen gelernt habe. Ihre Geschichte passt gut zu meinen Vorüberlegungen und ist ein nachdenklicher Anfang dieses Adventskalenders.

Morgen geht’s dann tragisch und komisch „zur Sache.“

Pupuze Berbers Geschichte ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Aber die Reflektion von Erlebtem, Gefühltem und Gedachten aus ihrer Kindheit in einem türkischen Dorf ist voller Dramatik.

Danke, liebe Pupuze Berber, für diesen Beitrag.

Mehr von und über Pupuze Berber lest Ihr hier: https://pupuze.de/pupuze-berber/

Adventskalender MiniKrimi vom 1. Dezember

Die Bürde der Kindheit

Es fällt mir schwer, nach so langer Zeit zu rekonstruieren, warum ich ausgerechnet an diesem Tag einen Witz brauchte, und wie ich auf die Idee kam, einen zu erfinden. Ich und ein Witz, das ist an sich schon witzig. Ich kann nicht mal welche erzählen. Möglicherweise ist dieses Achtsamkeitsbuch schuld. Achtsam sein. Nicht die Gedanken einfach so frei lassen, wie meine Großmutter ihre Kühe aus dem Stall, sondern ihnen bewusst auflauern und merken, wohin sie gehen. Das tat ich dann auch. Ich ließ meine Gedanken grasen in dem verregneten Grün, aber das machte den Kühen rein gar nichts aus. Sie waren verrückt, sprangen vor Freude in die Luft, muhten laut, verdrehten ihre Augen, warfen den Kopf hin und her, konnten sich nicht satt sehen und riechen an der feuchten Luft und den vielen Trieben, die kurz davor waren, aus der Erde zu schießen. Der Frühling war da! Was so ein Winter aus uns macht?

Dann sah ich die erste Verkaufsbude, die Läden zwar noch geschlossen, aber das würde sich bald ändern. Endlich. Der Spargel und die Erdbeeren. „Wo bleibt der Witz?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich pfiff und holte meinen Gedanken zurück von der Bude und hin zu Herrn Becker. Es würde nicht so schwer sein, auf Kosten des Politikers Witze zu machen, denn er hatte die Wahl verloren. Seine vielen Plakate lagen geknickt am Boden. Vermutlich hatten sich Jugendliche einen Spaß erlaubt, neben dem Auftragen des kurzen Bärtchens auf Kandidatenoberlippen. Ich wollte mir den Spaziergang ein wenig spaßiger gestalten, wenn ich schon trotz Regenschirm nass wurde. Also machte ich ein paar gedankliche Anläufe, um einen Witz zu kreieren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat nichts verloren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Er hatte keine Wahl zu gewinnen.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat gewonnen.

Herr Becker hat die Wahl nicht vermehren können, weil er nicht wusste wie. Die Wahl ist gestorben.

Herr Becker hat die Wahl verloren und nicht wiedergefunden. Er könnte nicht mal einen Regenwurm finden.

Meine Witze waren zum Schreien schlecht.  Und der Regen war inzwischen so stark, dass ich Mühe hatte, voranzukommen, ohne auf die vielen Regenwürmer zu treten. Ich lief achtsamer. Es war interessant, zu beobachten, wie sie sich fortbewegten. Der vordere Teil raffte sich ineinander, woraus dann der Kopf nach vorne schoss und den hinteren Teil nach sich zog. Ich kniete nieder und schoss mit Mühe ein Foto. Und dann machte ich noch ein Video, um genau diese Bewegung festzuhalten. Im Innern des Wurms sah ich weiße kleine Kügelchen, und ich könnte behaupten, er habe Styropor gefrühstückt, aber weder wusste ich, ob Regenwürmer frühstücken, noch von was sie sich ernährten. Fraßen sie sich nicht durch die Erde hindurch, um sich fortzubewegen, und behielten das Nahrhafte nicht bei sich? Ich setzte meinen Weg fort.

Wie vermehrten sich Regenwürmer? Legten sie Eier? Hatten sie ein Geschlecht? Ich stellte mir diese Fragen und kannte die Antworten tatsächlich nicht. Was wusste ich über Regenwürmer? Nichts. Oder doch? Hatte ich nicht wegen Regenwürmern jahrelang Panik, bei Regen einzuschlafen? Und das kam so:

„Das ist eine wahre Geschichte. Eine Frau hat sie mir im Krankenhaus unter Tränen erzählt“, hatte Mutter mit ihrer Erzählung begonnen. Ich war fünf Jahre alt, als ich sie hörte.

„In einem Dorf…“, fuhr sie fort. Sie hatte nicht erwähnt, wie dieses Dorf hieß oder wo es war, es könnte auch unseres gewesen sein, denn damals hatte ich noch keine Vorstellung von der Größe der Welt. Ich kannte nur unser Dorf und die kleine Stadt, in der ich zweimal beim Arzt und einmal beim Fotografen gewesen war. Und weil mir diese Geschichte so eine entsetzliche Furcht einjagte, verortete ich den Vorfall sehr weit weg von uns. So waren ich und alle anderen Kinder geschützt, dachte ich.

„…lebte eine Stiefmutter. Sie hatte zwei Stiefkinder, die sie loswerden wollte, und zwar so unauffällig und natürlich wie möglich. Denn die Kinder hatten Vater, Oma, Opa, Tanten, Onkel, also ein ganzes Dorf, das sie beschützte. Also sammelte die Frau Regenwürmer, wenn es regnete.“ Leider regnete es bei uns sehr oft.

„Nachts, wenn die Kinder schliefen, schlich sie sich zu ihren kleinen Köpfen und setzte die Regenwürmer in deren Nasenlöcher. Die Würmer fraßen sich durch den Rotz bis zum Gehirn durch. Und auch dort fraßen sie weiter und nisteten sich ein.“ Das Gehirn war ihre Erde geworden, nie regnete es, nie mussten sie raus, so wie ich heute.

Wegen dieser Geschichte – denn bald wussten alle im Ort darüber Bescheid und erzählten es in diversen Varianten, fügten weitere grausame Details hinzu, machten aus zwei Kindern drei, vier, oder fünf, manch einem reichte das nicht aus, und auch die Großeltern der Kinder mussten dran glauben, bei manchen sogar das frisch gekalbte Rind inklusive aller eierlegenden Hühner und so weiter – hatte ich aus kindlicher Neugier einen Regenwurm zerteilt. Anstatt zu verbluten, wie mein Kälbchen beim Schlachten, bewegte sich jede der Hälften in unterschiedliche Richtungen.

Die Regenwürmer würden sich also im Kopf der Kinder in Ringe teilen wie Salamischeiben. Und aus jeder Scheibe würde ein eigenständiger Wurm heranwachsen und anfangen, sich im Gehirn durchzufressen. Und auch diese Würmer würden sich teilen und vermehren und…

„Sie fraßen, und fraßen, bis sie nichts mehr hatten. Als der Raum im Schädel leer war, waren die Würmer vor Hunger verzweifelt und fielen übereinander her. Und weil sie so viele geworden waren, krochen sie aus Nase, Ohren und Augen der Kinder wieder heraus. Die Unglücklichen waren da schon längst tot, Gott hatte Erbarmen gehabt. Die Verwandten beweinten sie und vermuteten, die unaussprechliche Krankheit habe sie in kurzer Zeit dahingerafft. Die kleinen Körper wurden unter Tränen gewaschen, in weiße Tücher gewickelt und, geschnürt wie kleine Bonbons, der nassen Erde übergeben.“

Mutter hatte die Geschichte nicht so erzählt, ich übertreibe wieder, wie immer. Sie hatte in ihrer Version nichts ausgeschmückt, nichts erklärt, und hörte auf, als die Stiefmutter den Kindern die Regenwürmer in die Nase legte und diese daraufhin starben. Sie wusste nicht mal, dass ich lauschte, während sie mit den anderen Frauen am Feuer saß und erzählte. Sie wusste nichts über den Kopierungsvorgang der Regenwürmer durch Sprengung der Körperringe, das hatte ich mir ausgedacht und mich dadurch schlimmsten Ängsten ausgesetzt. Ab da schlief ich bei Regen nicht ein. Denn da kamen sie aus der Erde.

Und Mutter… ich nannte sie Mutter, aber…war sie meine Mutter? Einmal war ich mitten in der Nacht hochgeschnellt und saß nun kerzengerade im Bett. Meine Körperhaare hatten sich aufgestellt wie die Stacheln eines Igels, kalte Schauer rannen mir den Rücken hinunter wie Regenfäden am Fenster. Sie war definitiv nicht meine Mutter,  und sie würde mich umbringen! Mit Regenwürmern!

Heute weiß ich, auch dank des Achtsamkeitszwangs, warum ich an Mutter gezweifelt hatte. Das Chaos meiner Kindheitstage konnte ich glücklicherweise entwirren, und die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge hatten mir vieles erklärt. Denn diese vermeintliche „Wahrheit“ hatte ich erfahren, als ich etwas jünger gewesen war, das lag ein halbes Jahr zurück, und daran hatte ich mich in dieser Nacht erinnert.

Wie alles andere, war auch das meiner Neugierde geschuldet. Meine Großmutter und ich waren mit den Kühen unterwegs gewesen, ließen sie grasen. Sie hatte ihr Strickzeug dabei, ließ die Wolle von einem Stoffbeutel über ihren Nacken zu ihrem linken Zeigefinger gleiten und strickte, hinter dem Vieh herschlendernd, Wollsocken für den Winter. Ich inspizierte rote Käfer, machte mit den Zähnen verschiedene Muster in große Bohnenblätter, suchte nach Heidelbeeren, bis ich die Unterhaltung von zwei Frauen hörte, die auf dem Weg zur Mühle waren.

Die Jüngere sagte: „Sie kommt aus Aron, was willst du machen.“

Die Ältere schnalzte drei Mal mit der Zunge, drehte dabei ihren Kopf von rechts nach links und antwortete: „Dabei sage ich immer: wenn dein Rock eine aus Aron berührt, zieh ihn aus und verbrenne ihn.“ Erst hatte mich diese Unterhaltung nicht weiter beschäftigt, meine Umgebung, Großmutter und die Kühe boten viel Abwechslung. Doch zu Hause, als wir bettfertig gemacht wurden, fragte ich Mutter, woher ich kam.

Vermutlich schickte es sich nicht, mir die Wahrheit zu sagen, nämlich dass ich die Frucht ihres Geschlechtsverkehrs mit meinem Vater sei. Stattdessen antwortete sie:

„Dich habe ich in Kestanlik gefunden.“ Ausgerechnet Kestanlik. Das ist noch heute ein dunkler steiler Abhang mit Esskastanien, daher kommt der Name, von der Kastanie. Natürlich wollte ich auch wissen, wo sie meinen jüngeren Bruder fand.

„In Düz“.

Das traf mich hart. Düz ist vielleicht der schönste und ebenste Platz in unserem bergigen Dorf, wo wir Ball spielen konnten, ohne ständig den den Hang heruntergerollten Ball suchen gehen zu müssen, was sehr anstrengend war, denn wir waren mehr hinter dem Ball her als beim Spielen. Er ist aus Düz und ich aus Kestanlik. Mein Bruder und ich stammten also nicht aus demselben Ort. Sind wir denn überhaupt noch Geschwister? Ist er mein Bruder? Ist sie dann meine Mutter? Die Sonne schien im Hof, und sie knetete in der Zinkwanne die Schmutzwäsche mit ihren Händen wie Brotteig. Ab und an stiegen Seifenblasen über ihren Kopf. Mein Bruder hatte seinen Spaß und wollte sie fangen, doch sie zerplatzten, sobald er sie berührte. Er schrie vor Freude und jauchzte über die zerplatzten Laugenblasen, immer und immer wieder, bis er hinfiel und seine Nase blutete, Mutter ihre Hände an ihrem Rock abtrocknete und sich um ihn kümmerte. Dieser Trottel, da war ich fast froh, mit dem nicht verwandt zu sein.

Aber dann war ich ganz allein.