Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember 2018

 

Der Tausch

Frank hatte sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ganz selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur im seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mag. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Straße. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin. „Morgen gehen wir in den Zoo“; sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. 

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war im Entenbachstift zur Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Haus mit Einliegerwohnung organisierte, wo die demente Mutter mit einer Pflegerin wohnen konnte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter schmerzlich und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi vom 14. Dezember 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Letzte Ausfahrt Chemnitz

Vorbemerkung: Heute bin ich als Mitfahrerin nach Dresden gereist. Seit meiner Studentenzeit hat sich das Prinzip Mitfahrzentrale professionalisiert. Aber immer noch fahren Fremde miteinander von A nach B. Ich hatte wirklich Glück: der Wagen war komfortabel, die Mireisenden nett und der Fahrer konnte darüber hinaus auch noch richtig gut autofahren. Daher kommt heute und übermorgen (Fortsetzung) ein Mitfahr-Krimi.

Dafür, dass sie praktisch ohne Geld aufgebrochen war, Hals über Kopf geflohen, soszusagen, war Alina schon weit gekommen. Es erschien ihr, als habe sie Manuel und seine Finka an der Algarve schon vor einer Woche verlassen. Dabei waren kaum 48 Stunden vergangen, seit sie ihn mit der Galeristin Nadja im Bett erwischt und unmittelbar darauf ihre Sachen gepackt und ihn verlassen hatte. Den ersten Teil der Reise hatte sie per Autostop bewältigt. Es war erstaunlich schnell gegangen. Auf Parkplätzen hatte sie deutsche Touristen angesprochen und ihre Geschichte erzählt – tränenreich ausgeschmückt -, so war sie bis Frankreich gekommen. In der Schweiz allerdings war ihr der Fahrer eines Kühltransports  ihr an die Wäsche gegangen. Sie hatte sich nur durch einen Sprung aus der Fahrerkabine und einen Sprint in die nahegelegene Raststätte  retten können.

Drinnen suchte und fand sie – Smartphone sei Dank – eine Mitfahrzentrale, bei der sie online eine Fahrt von München nach Chemnitz buchen konnte.

Diesmal dauerte es lange, bis sie, von einem der parkenden Wagen zum nächsten schlendernd, jemanden fand, der sie bis München mitnehmen wollte. Genauer gesagt war es Frauenpärchen. Die beiden hatten sich in Portugal kennengelernt, waren voll ihres Glücks und nur zu gerne bereit, einer jungen Frau mit solch tragischem Schicksal zu helfen. Sie boten ihr sogar an, sie direkt bis zum Treffpunkt zu fahren.

Inzwischen war es dunkel geworden. Alina überlegte. Sie würden München frühestens um Mitternacht erreichen. Ihre Weiterfahrt war um sieben Uhr morgens geplant. „Lasst mich einfach an der Straße raus, wo ich abgeholt werde, da soll eine Bushaltestelle sein. Ich warte dort bis zum Morgen,“ sagte sie den beiden.

Sie konnte nicht ahnen, welchen Fehler sie damit beging.

……

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember 2018

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Drum prüfe, wer sich ewig bindet….

Es gibt wohl kaum ein Paar in der Minervastraße 89, über das so viel geredet wird wie über Salomé und Freddi Schlicht. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass sie die mit Abstand teuerste Wohnung im Haus gekauft haben – sie erstreckt sich über 2 komplette Etagen mit vier über Treppen verbundenen Terrassen. Das heißt, Salomé hat sie gekauft und, so will es die Hauslegende, auch noch bar bezahlt. Das allein ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche, und die brodelt, glauben Sie mir, in noblen Quartieren genauso wie in  sozialen Brennpunkt. 

Es ist aber noch ein anderer Umstand, der Salomé und Freddie zu begehrten Klatschobjekten macht, und das ist ihr beträchtlicher Altersunterschied. Salomé sieht aus wie eine gut erhaltene Fünfzigjährige, aber tatsächlich ist sie weit über 60. Freddie hingegen ist grade mal Ende zwanzig. Muskulös, durchtrainiert, knackig. Wenn man bedenkt dass die beiden schon 2 Jahre verheiratet sind, fragt man sich natürlich unwillkürlich…… warum?

Dazu müssen Sie wissen – und dieses Geheimnis kennt in der Minvervastraße 89 niemand – , dass Salomé ihren durchaus beträchtlichen Reichtum mit einer Reihe von Bordellen erworben hat. Sie hat mit knapp 17 selbst als Bordsteinschwalbe angefangen und sich dann zielstrebig nach oben gearbeitet, gespart, gekauft, gemanagt, protegiert. Junge Mädchen, junge Männer. Und hat immer mal wieder einen jungen Menschen gerettet, vor dem Absturz in die Drogen oder in die Kriminalität. In ihren Etablissements waren alle Angestellten clean.

Freddie wäre heute ohne Salomé entweder tot oder im Gefängnis. Aber es gibt Tage, da ist er nicht sicher, worin sich der goldene Käfig, in dem er hier lebt, vom einem Strafgefängnis unterscheidet. Denn Salomé lässt ihn jeden Tag spüren, dass sie für seine Rettung Dankbarkeit erwartet – und unbedingten Gehorsam. Tag und Nacht…….

Vom Frühstück am Morgen über ausgiebige Massagen am Nachmittag bis zum frisch zubereiteten Abendessen reichen Freddies Pflichten. Tagein tagaus. Zu seinem Glück ist er ein kreativer und passionierter Koch, so dass ihm zumindest diese Pflicht auch Vergnügen bereitet.  Was Salomé dazu bewogen hat, ihm in einem großzügigen Moment einen Kurs „Kundalini kochen“ bei dem Sternekoch und Shootingstar der exotischen Küche, An Lee, zu schenken. Seitdem lodert in Freddie die Leidenschaft. Wofür auch immer….

Heute  soll es endlich soweit sein. Freddie wagt sich an An Lees kunstvollste Kreation. Er hat den Esstisch besonders liebevoll dekoriert, Lotusblüten, schwimmende Kerzen und Räucherstäbchen verzaubern die Wohnung. Er zelebriert das Essen wie einen Tanz und reicht Salomé jede Schale mit einer tiefen Verbeugung. Sie lächelt aus kohlschwarzen Augen. Er lächelt zurück. Sie essen. „Die Erdnüsse hast Du aber weggelassen, mein Liebling?“ „Natürlich, Salomé, ich will Dich doch nicht vergiften!“ Er folgt jeder Bewegung, mit der sie den Löffel zum Munde führt. Folgt ihr so lange, bis sich sein Magen verkrampft, bis er sich am Boden krümmt und schließlich reglos liegen bleibt.

Arsenvergiftung, stellt der Pathologe fest. Salomé scheidet als Täterin aus, denn beide haben genau das gleiche gegessen, wie die Überwachungskamera („Die läuft eigentlich nur nachts, Freddie muss vergessen haben, sie auszuschalten“)  eindeutig beweist. Und ihr geht es gut, abgesehen von ein paar unangenehmen Auswirkungen einer leichten Erdnussintoleranz (Seit Freddie seine Liebe für’s Exotische entdeckt hat, hat sich Salomé in aller Stille einer intensiven Desensibilisierung unterzogen. Sicher ist sicher).

Als die Polizei der Gründlichkeit halber die Wohnung durchsucht, fehlt in Salomés Bibliothek Dorothy Sayers Beststeller „Strong Poison“. Sicher ist eben sicher.

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember 2018

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Was ist nur aus Deutschland geworden?

„Soweit sind wir jetzt schon. Weihnachten haben die uns komplett kaputt gemacht.“ Kopfschüttelnd betrachtet Elfriede das Video, das ihre Freundin Alma ihr auf WhatsApp geschickt hat. Zu den Klängen von Stille Nacht spulen sich Bilder von 60er Jahre Weihnachtsmärkten ab, Kinder in schwarzweiß strahlen Zuckerwatte an, der Kölner Dom leuchtet. Dann Szenenwechsel, Flammen und Heavy Metal, während ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast. „Raus mit dem Pack!“, murmelt Elfriede vor sich hin, während sie ihre ganze Wut auf den Vorwerk VT 300 überträgt und dabei die Schiekraftregulierung des Saugwischers durcheinanderbringt. 

„Hallo, Elfriede, bin wieder da! Möchten Sie einen Kaffee?“ „Hallo Karim, nee. Nen Latte.“ Elfriede reinigt zweimal die Woche die Maisonette-Wohnung des Herzchirurgen Dr. Karim Abdelkader im Dachgeschoss der Minervastraße 89. Für 20 Euro die Stunde, schwarz. Das kollidiert mit ihrem Hass auf „die Ausländer“ ebensowenig wie der italienische Latte Macchiato, den Karim ihr auf einem Silbertablett serviert, mit zwei Stück Würfelzucker und vier Giottokugeln. Während der Kaffeepause erzählt Elfriede, was sie sich von ihrem Mann zu Weihnachten wünscht: einen Urlaub auf Ibiza nächstes Jahr, und was sie ihrem pubertierenden Sohn schenken wird: das neue Egoshooter Computerspiel (eigentlich ab 18)  und einen Paintball-Nachmittag mit Freunden. 

Karim hört zu und lächelt. Er ist höflich, und Elfriede putzt gut und will nichts Privates von ihm wissen. Jedenfalls nicht im Gespräch.

Auf dem Weg nach Hause macht Elfriede einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz. Obwohl ihr schon auf der U-Bahn-Treppe ein verführerischer Duft nach gebrannten Mandeln entgegenweht und ihr Bus erst in zehn Minuten kommt. An der Haltestelle rempelt sie eine junge Frau mit Kopftuch und Kinderwagen an, aus Versehen, aber sie entschuldigt sich nicht. Murmelt stattdessen wieder: „Raus mit dem Pack.“ 

Daheim schreibt sie in die Timeline ihres Sozialen Netzwerks, dass sie heute nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ist, weil „eine verdächtige arabische Frau mit Kopftuch und Kinderwagen“ ihr Angst gemacht hat. „In dem Wagen hätte ne Bombe sein können, man weiß ja nie, heutzutage. Was ist nur aus Deutschland geworden. Kein Verlass mehr auf die Polizei. Früher hätten die solche Leute sofort verhaftet und postwendend über die Grenze geschickt.“

Einer der vielen zustimmenden Kommentare auf ihren Post lautet: „Früher, da herrschte noch Recht und Ordnung bei der Polizei. Da ham die mit Ausreisepflichtigen kurzen Prozess gemacht.“ „Ja genau, Scheiß Polizei. Alles Merkels Schuld“, pflichtet ein anderer bei. Elfriede fühlt sich bestätigt. Es wird Zeit, dass Deutschland wieder ein Rechtsstaat wird. Die Ausländer müssen raus. Oder ins Gefängnis. Solange, bis sie ausgewiesen werden.

Am nächsten Morgen klingelt es Sturm. Draußen ist es noch dunkel. Elfriedes Mann brummt unwirsch: „Geh nachschauen, das hört sonst nie auf.“ Im Morgenmantel öffnet sie die Tür. Und steht dem funktionierenden Rechtstaat gegenüber, der sie vorschriftsmäßig in Handschellen abführt. Im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Rotkreuzplatz geplant haben. Und den Mord an der internationalen Herz-Koryphäe Dr. Abdelkader. 

Elfriede verneint. Elfriede schreit. Elfriede weint. Schließlich beschimpft sie die Polizei. Den Rechtsstaat. Ihr Pflichtverteidiger sieht die Polizeiakten ein – alles bestätigt, mit Zeugenaussagen und allem drum und dran, sogar mit konspirativen Fotos. „Am besten, sie geben alles zu. Das macht dann vor Gericht einen guten Eindruck.“

Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken der Shitstorm gegen Elfriede schon begonnen. Nestbeschmutzerin ist noch das netteste, womit ihre Freunde vom rechten Rand sie beschimpfen. 

Erst nach Monaten in U-Haft klärt sich die Sache. Ihr Sohn hatte die Nase voll von EgoShootern und wollte sich mal als Hacker ausprobieren. Seine Mutter nervte ihn, und ein paar Monate ohne sie stellte er sich richtig cool vor. Als er keine Wäsche mehr hat, Kühlschrank und Tiefkühltruhe lange leer sind und der Vater zur Nachbarin gezogen ist, geht Kevin missmutig zur Polizei und gesteht die selbst gebastelten „Fake News.“   

Elfriedes Glaube in den Rechtsstaat und seine Exekutive ist wiederhergestellt. Irgendwie. Oder so. 

Adventskalender MiniKrimi vom 11. Dezember 2018

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Der MiniKrimi von heute stammt aus der Feder einer Literatur-Debütantin, L. Na, ist ihr kriminalistisches Coming out gelungen?

Home, Smart Home.

„Nein, nein, nein!“ Miriam schrie aus Leibeskräften und schlug dabei auf ein Kissen ein. Immer wieder.

So hatte sie es in der Therapie gelernt,  die sie seit einem Jahr wegen Ihrer Angststörung machte. Keine simple Spinnenphobie, nein. Eine generalisierte Angststörung, deren Ursache in einer starken Verlustangst begründet war. Im Zusammenspiel von Therapie und Psychopharmaka konnte sie in den letzten Monaten ein fast normales Leben führen.  Und zum ersten mal seit langem abends ausgehen. Sie genoss diese Normalität. Endlich so tun können, als sei sie eine von denen, die sich da auf der Tanzfläche drehten. Die an der Bar saßen und tranken und redeten. Sogar ihre Mutter begegnete ihr kaum noch, weder auf der anderen Straßenseite noch hinter den Scheiben einer U-Bahn.

An einem dieser Abende hatte sie ihn kennengelernt, David. Gutaussehend, erfolgreich. Unternehmensberater. Zuerst dachte Miriam, sie sei für ihn nur ein Spielzeug, Abenteuerfrau für eine Nacht.  Sie,  die Verrückte, die Verkäuferin in einem großen Modehaus.  Normalerweise begegnete sie Männern wie David ausschließlich an ihrem Arbeitsplatz, wenn sie in Begleitung einer wunderschönen Frau in ihre Abteilung kamen. Sie schauten dann mehr oder weniger gelangweilt auf die Displays ihrer Smartphones,  während Miriam den Damen die neueste und teuerste Kollektion schmackhaft zu machen versuchte.  Sie war gut im Umgang mit der Jeunesse Dorée – und für einen fünfstelligen Umsatz. Nach ein, zwei Stunden Modeberatung landete unweigerlich die Kreditkarte des Begleiters im Kartenleser.

Eigentlich hätte Miriam es ahnen müssen,  aber die Psychopharmaka in Kombination mit dem Alkohol hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes leichtsinnig gemacht.  Leicht und sinnig. Sinnlich. Die auf die erste Begegnung mit David folgenden Wochen waren die schönsten ihres Lebens.  Und nun das. Ungläubig sah sie noch mal auf die SMS. Zum hundertsten Mal. Mit einer SMS abgefertigt.  Verlassen. Weggeworfen.  So, wie ihre Mutter sie damals in einem Einkaufszentrum zurück gelassen hatte. Einfach so. Und danach jeden Kontakt zu ihr vermieden hatte.  Bis heute. Sie nahm all ihren Mut zusammen und bat David telefonisch um eine letzte Aussprache, bei ihm, in der noblen Minervastr 89a. Er, offenbar irgendwie geschmeichelt durch ihre Anhänglichkeit, sagte ja.
Auf dem Weg zum Aufzug sah Miriam plötzlich ihre Mutter. Sie ging Richtung Ausgang, und als Miriam sie rief, rannte sie schnell zur Tür und löste sich auf. Eine Fata Morgana.

Die Aussprache endete im Bett. Miriam verabschiedete sich für immer von David und verließ die Minervastraße. David begab sich,  nur in Unterhose, auf seinen Balkon, um eine Zigarette danach zu rauchen.  Eiskalt, heute! Minus 10. Brrrrrr.

Von unten schaute Miriam hinauf. Neben ihm sah sie wieder ihre Mutter. Ebenfalls rauchend. Wie war sie nur raufgekommen. Egal – zwei Fliegen mit einer Klappe!

David ließ sich Zeit mit der Zigarette. ihm blieben von 5 Minuten,  bevor die Programmierung in seinem Smart Home, die Rolläden vor dem Balkon bis zum nächsten Morgen herunter lassen würde. David spürte die Kälte nicht. Im Gegenteil. Ein wenig Abkühlung konnte nicht schaden nach diesem hitzigen Liebesakt. Plötzlich hörte er im Rücken das Geräusch des Rolladens. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen,  was geschehen war. Und dann konnte er es nicht glauben.

Miriam,  dieses Miststück von einer durchgeknallten Verkäuferin. Sie musste die Zeitschaltuhr für die Rolläden in seinem Smart Home  verstellt haben, während er im Bad war. Unglücklicherweise waren die Nachbarn vom Balkon gegenüber grade auf den Malediven. Und lautes Schreien wurde in der Minervastraße  aus Prinzip überhört.

Adventskalender MiniKrimi vom 9. Dezember 2018

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Ihr Liebhaber gepflegter Adventskriminalistik: heute mal was Preisgekröntes. Mit dieser explosiven Adventstragödie habe ich mal den Krimipreis Goldbroiler gewonnen. Viel „Spaß“ beim Lesen….

Der Tod eines Traums. Adventstragödie in vier Akten.

1.

„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft..“ „Marie, leise, Papa schläft. War so viel los in der Schule!“. Sie legte sich aufs Bett, stöpselte das Lied ins Ohr. Die Wohnung duftete nach Zimt und Plätzchen. Marie liebte den Advent, die gemütliche Heimlichzeit.

Sieht aus wie eine dicke rote Kerze. Passt perfekt in den Adventskranz.  Keiner bemerkt, wer sich vor dem Blumenladen eine Zigarette anzündet und den Docht dazu.  Jetzt schnell weg und weiter, ein sichtlich unsichtbarer Schatten in der Menge wogender Mäntel. Der Kirchturm wird zum Logenplatz, die Straße zur Arena. Ein Knall, klirrendes Glas von zerberstenden Scheiben. Schreie. Schreie und Blut.

2.

„…Man begegnet hin und wieder schon dem Nikolaus“ Er hatte immer was Süßes im Sack. Anziehend und unheimlich zugleich. Ein geheimnisvoller Fremder. Bis er ihr zu nahe kam.

Bunt und laut und weihnachtsdurstig wimmelt die Samstagsmenge in der jubelbeschallten Einkaufsmeile. Alle freuen sich und viele nehmen gern den Glühwein, den ihnen der dick vermummte Nikolaus freundlich lächelnd anbietet. Sie kommen nicht weit. Rattengift wirkt schnell.

3.

„Lieb verpackte Päckchen, überall versteckt“. Am letzten Schultag wurde gewichtelt. Marie hatte Jo ein Schokoherz gekauft. Und er? Als sie ihr Päckchen auspackte, grölte die ganze Klasse. Ein kaputter Vibrator für „Lehrers Liebling“!

Am letzten Schultag strömen alle in die Aula. Neunhundert Schüler bestaunen die Riesentanne mit den Paketen für arme Kinder darunter. Halleluja singt der Chor der Ehemaligen. Ritual und Tradition. Diesmal mit Feuerwerk. Ein Handy klingelt, und schon wirbeln Sänger, Äste, Kerzen durch die Luft. Wie vorgezogenes Silvester.

4.

„Alte Lieder, Dunkelheit, Bald ist es so weit!“ Es war so einfach. Internet sei Dank. Erst der Flirt, dann die Kalaschnikow. Ein volles Magazin. Drei Treppen und ein Flur. „Schöne Bescherung, Papa, jetzt ist Schluss mit Weihnachtsmann“, und sie entsichert die Waffe.

Adventskalender MiniKrimi vom 8. Dezember 2018

Verlorener Sohn

Der verlorene Sohn

In der Minervastraße war eine bestimmte Anzahl an Appartements behindertengerecht gestaltet, und es bestand ein Vertrag mit einem soliden, bis dato skandalfreien Pflegedienst. Damit entsprach die Siedlung dem in die Zukunft weisenden Konzepts eines Mehrgenerationen-Wohnens – wofür die Architekten einen extra Preis kassiert hatten.

In einer solchen Wohnung lebte das Ehepaar Alexander und Ursula Martini. Sie waren erst kürzlich schweren Herzens aus ihrer Villa am Nymphenburger Kanal in die Minervastraße 89 gezogen. Er konnte sich aufgrund einer ausgeprägten Arthritis kaum noch im Haus bewegen, geschweige denn Treppen steigen. Sie litt unter wiederkehrendem starken Schwindel, der sie daran hinderte, den Haushalt, das Haus und den Garten zu ihrer eigenen Zufriedenheit und der ihres Mannes in Schuss zu halten.

Auch in der Wohnung war Alexander nur noch mit dem Gehwagen unterwegs. Ursula fiel es immer schwerer, die nötigen Gänge zum Einkaufen, zum Arzt oder zur Apotheke zu erledigen. Mehr als einmal in der Woche fiel das Mittagessen aus, oft auch das Abendbrot. Den Martinis mangelte es nicht an Geld – aber sie waren zu stolz, Hilfe zu suchen. Und sie hätten auch nicht gewusst, wohin sie sich wenden sollten.

Als eines Tages das Treppenhaus von dichten Rauchschwaden und einem beißenden Geruch nach verbrannter Milch erfüllt war, ergriff die Nachbarin die Initiative. Kurz darauf trat Pfleger Boris in das Leben der Martinis, ein mittelgroßer, mittelkräftiger Mann mit längerem Haar und Vollbart. „Haben Sie denn keine Kinder?“ fragte er Ursula, während er ihr half, den Einkauf zu verstauen, und gleichzeitig die Suppe für Alexander kochte. Er hatte gemerkt, wie unangenehm es den beiden war, Fremde in ihre Privatsphäre zu lassen.

„Nein!“ war Ursulas einsilbige Antwort, nach unmerklichem Zögern. „Nein, wir haben keine Kinder.“ „Warum nicht?“ „Das hätte nicht zu unserem Lebensstil gepasst.“ Und dann „Wir sind viel bereits, wissen Sie. Beruflich. Mein Mann hatte viel im Ausland zu tun, seine Aufträge kamen immer sehr kurzfristig. Heute noch in Paris, und morgen hieß es plötzlich Koffer packen und ab in die Mongolei. Es war sehr spannend.“ Sie lächelte, für einem Moment in der Vergangenheit verloren. „Wow.Da haben Sie sicher viele Fotos,“ sagte Boris und sah sich suchend im Wohnzimmer um. Fehlanzeige.“Oh nein, Fotos gibt es nicht. Dazu waren seine Aufträge viel zu….. Egal. ich denke, Sie sollten Alexander jetzt seine Suppe bringen.“

Als Boris gegangen war, saß das Ehepaar nebeneinander auf der Couch und schwieg. Wie still es war. Die Kaminuhr tickte die Minuten herunter, unwiederbringlich verronnene Zeit. Sinnlos, ihr nachzutrauern, sie enthielt lange schon nichts als Leere. „Wenn das Telefon klingeln und ein Enkelkind seinen Besuch ankündigen würde….“, sagte Alexander. Ursula sah ihn überrascht an. „Sowas sagt DU? Wir waren uns doch beide einig, das….“ „Ja, natürlich. Ich konnte mich nicht um Jan-Joseph kümmern. Und Du..“ „Ich wollte nicht. Sprich es ruhig aus. Nein, in unserem Leben war kein Platz für ein Kind. Es wäre auch viel zu gefährlich gewesen. Kinder sind so unberechenbar . Und so fordernd.“ „Wir hätten ihn bei den Großeltern lassen können.“ „Du weißt genau, dass wir damit verwundbar geworden wären! Agenten dürfen keine Achillesferse haben. Und Jan-Joseph war eine.“

„Ob er das gespürt hat und deshalb zu nah an den Abgrund gekrochen ist?“ „Das ist doch Spekulation.Gut, dass Deine Leute den Vorfall unter den Teppich gekehrt haben. Ich hätte keine bohrenden Fragen tragen wollen.“

„Hättest Du nicht, Ursula. Nein. Aber warum nicht?“

„Gute Nacht, Alexander. Schaffst Du es allein ins Bett?“

Am nächsten Tag kam Boris wieder. Und am übernächsten. Immer wieder fragte er Ursula, ob sie keine Kinder hätten und warum nicht. Schließlich sagte sie ihm, dass sie einen anderen Pfleger haben wolle. Da saßen sie auf dem Balkon, alle drei. Es war ein lauer Frühlingsabend und Boris schlug vor, zum Abschied einen Prosecco zu trinken. Er war ihnen gar nicht böse, so schien es. Das freute Ursula. Ein Ärger weniger.

Als der Wein ihnen beiden bereits zu Kopf gestiegen war und sie sich schon nicht mehr bewegen konnten, setzte Boris sich vor sie hin und sagte: „Der Abgrund war nicht so steil. Einheimische nahmen mich auf und pflegten mich gesund. Sie konnten nicht verstehen, warum meine Mutter mich in den Tod gestürzt hatte. Mir war es lange egal. Aber dann wollte ich es wissen. Ob Du es bereust, Mutter. Jetzt weiß ich, Du tust es nicht. Siehst Du, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ich bereue auch nichts.“