


SO sieht das Leben aus!
Ich sitze auf meinem Bett, viel goldfarbenes Metall, eines, vor dem meine Mutter mich mit wohldosierten Hinweisen auf unterschiedliche wissenschaftliche Studien gewarnt hätte und das ich genau deswegen ausgsucht habe. Übrigens kauere ich mehr, als ich site. Die Finger meiner rechten Hand umkrampfen ein Messer. X-beliebig, aus der erstbesten Küchenschublade gerissen. „Nur einen Schritt weiter, und ich steche zu.“ Meine Stimme so rau, mein Blick so heiß. Er bleibt auf der Schwelle zu meinem Zimmer stehen. Schwankt ein wenig. Aber kommt nicht näher.
Wie lange wir so da saßen und standen, ein makabres Tableau vivant – keine Ahnung. Dann kam sein Vater. „Du hast keine Polizei gerufen? Gut. ich hab dir gesagt, ich bringe das in Ordnung.“ Statt einer Antwort stehe ich auf, das Messer in meiner ausgestreckten linken Hand. Mit der rechten greife ich nach Tasche und Jacke, schlüpfe in der erste Paar Schuhe im Flur und öffne die Wohnungstür. „Warte, setz dich erst mal hin und lass uns alles in Ruhe besprechen. Mein Sohn hat das nicht ernst gemeint. “ Ich starre ihn an, den braungebrannten, weißhaarigen Freimaurer. Er hat keine Angst um mich, hat mich nicht gefragt, wie es mir geht. Er hat nur Angst um seinen Ruf. Seinen Job. Sein Amt in der Loge. „Also, er hat das nicht gewollt. Du siehst doch, dass er betrunken ist. Was hast du denn gesagt, um ihn so aus der Fassung zu bringen?“
Ich antworte nicht. Starre nur weiter. Als ich mit seinem Sohn zusammengezogen bin, haben die Eltern gesagt: „So, ab jetzt ist er deine Verantwortung.“
Die Verantwortung bestand dann darin, ihn, wenn er nicht in der Kaserne Dienst hatte, aus der griechischen Spelunke ums Ecke zu holen, sturzbetrunken. Und seine Zeche zu zahlen. Als ich darauf keine Lust mehr hatte und ihn verlassen wollte, hatte er mich geschlagen, zu Boden geworfen und dann mit seinem Bundeswehrstiefel auf mich eingetreten. Bis ich auf stehen, in die Küche gehen und mich mit einem Messer bewaffnen konnte. in der Küche lag aus das Telefon, Bis heute frage ich mich, warum ich seinen Vater angerufen habe. Vielleicht dachte ich, er würde mir helfen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich auf diesen Gedanken gekommen war.
Das alles ist lange her. Sehr lange. Die Zeit mit dem psychisch gestörten und alkoholabhängigen Bundeswehrsoldaten war nur eine kurze Episode in meinem Leben, kurz nach meiner Ankunft in München. Aber sie blieb nicht ohne Folgen. Der Arzt, den ich tags darauf konsultierte, sagte lapidar: „Ein Millimeter weiter, und sie wären tot.“ Ich bin zur Polizei gegangen, ich habe Anzeige erstattet. Sein Vater hat gegen mich ausgesagt, und am Ende ist der Sohn ungeschoren davongekommen. Es war alles meine Schuld. Die klassische Täter-Opfer-Umkehrung, wie in so vielen Fällen männlicher Gewalt gegen Frauen.
Aber waas heißt ungeschoren? Jahrzehnte später habe ich ihn auf Twitter „getroffen“. Da war ein Frührentner, Sozialhilfeempfänger und Aktivist einer Gruppe, die sich unter dem #Ichbinarmutsbetroffen austauscht und präsentiert. Er hat über 4000 Follower, Presse, Funk und Fernsehen berichten über ihn. Ich sehe ihn und erkenne – was Alkohol und Nikotin mit ihm und aus ihm gemacht haben. Ein Wrack. Jetzt auch physisch. Und ich erkenne auch, dass er die Realitäten nach wie vor nach seinem Empfinden buchstabiert.
Trotzdem bin ich mit ihm in Kontakt. Sehr sporadisch. Warum? Weil ich wissen will, ob er sich an diesen Vormittag in einer kleinen Wohnung in Haidhausen erinnert, an dem er um ein Haar – wortwörtlich – zum Mörder und ich zum Femizid-Opfer geworden wäre. Weil ich darauf warte, dass er seine Schuld eingesteht. Sich bei mir entschuldigt.
Nichts.
Letztes Jahr dann eine Nachricht von ihm: er ist schwer an Krebs erkrankt. Die Lunge. Es wundert mich nicht, nach über 40 Jahren massivem Nikotin-Abusus. Ich willige in ein Treffen ein. In einer Kneipe neben seiner aktuellen Wohnung. Er sitzt da mit Bier und Zigarette. Und berichtet. Vom Sohn, den er alleine großgezogen hat, nachdem die Mutter weggelaufen ist. Misshandelt? Und der Vater hatte wieder seine Freimaurerhände im Spiel? Aber das ist meine Spekulation. Er berichtet davon, wie schlecht er behandelt wurde, von Behörden, Kolleg*innen. Der Welt. Erzählt, dass er mit einer bekannten jungen Unternehmerin ein Buch schreibt – über Armutsbetroffenheit. Und kramt Erinnerungen aus.
An Gedichte, die ich geschrieben, Gerichte, die ich gekocht habe. Prahlt vor Saufkumpanen mit meinem Intellekt und meinen Büchern.
Ich gehe.
Lese noch zwei, dreimal auf Whatsapp. Es gehe ihm gut, er habe alles im Griff. Sein Sohn kümmere sich rührend um ihn.
Und dann auf Facebook. dass er „an seiner Krankheit verstorben“ sei. Viel zu jung. Ein weiteres Opfer der Armut Lange überlege ich, was ich unter diesen Post schreiben möchte. Formuliere eine Mail an seinen Sohn. Aber dann schreibe ich doch lieber diesen Beitrag hier in meinem Blog.
Warum hat mich sein Tod so betroffen?
Weil ich bis zuletzt auf die Chance gehofft habe, ihm zu vergeben. Nachdem er mich darum gebeten hat. Ist nicht passiert. Aber ich vergebe ihm trotzdem. Dennoch: ich werde mich immer an ihn erinnern. Besonders, wenn das Wetter umschwingt und mein Nacken schmerzt. RIP.
Brandmauer, Flächenbrand, Beben, Dammbruch, Flut – schon die Sprache, mit der das aktuelle politische Geschehen in Deutschland behandelt wird, ist dramatisch und katastrophenschwanger. Mit Neuwahlen am Horizont und wenig Aussicht auf einen erfolgreichen winterlichen Mikrowahlkampf (zu wenig Zeit, zu wenig Aktive, zu wenig Menschen auf den Straßen und Plätzen) verlagert sich der Showdown im Kampf um die Wähler*innengunst ins Parlament. Ins Allerheiligste unserer Demokratie, also.
Dort gehört er m.E. nicht hin. Denn im Bundestag sollen Entscheidungen getroffen werden, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen im Land haben, so sie die weiteren rechtstaatlichen Instanzen erfolgreich durchlaufen. Was dem Migrationsantrag von Friedrich Merz nie gelungen wäre. Verfassungsrechtliche Bedenken, Widerstand aus der Gesellschaft, fehlender Konsens im Bundesrat – und schließlich die Unpraktikabilität und Unausgereiftheit hätten dem Entwurf sehr bald den Garaus gemacht.
Warum also hat Fritze Merz diesen Antrag überhaupt eingereicht? Ich halte es für lohnend und wichtig, diess Frage zu beantworten (was in diversen Talkshows ja bereits gemacht wurde).
Wir rekapitulieren zunächst die zentralen Punkte des Antrags:
Dieses 15-Punkte-Programm soll im Falle eines Wahlsiegs der Union innerhalb der ersten 100 Tage umgesetzt werden.
Schon der erste Punkt ist wegen Deutschlands Unterschrift unter die Genfer Konvention nicht durchsetzbar. Warum? Stellt euch vor, ihr müsst eure Heimat bei Nacht und Nebel verlassen und habt keine gültigen Papiere (nicht jedes Land ist so bürokratisiert wie Deutschland, und selbst hier gibt es Menschen ohne gültigen Ausweis – mich z.B.). Bzw. Ihr habt aufgrund der politischen Situation nicht die Möglichkeit, Papiere zur Ausreise zu erlangen. Gerade, wenn tatsächlich Gefahr für Leib und Leben besteht, kommen Geflüchtete oft ohne Papiere hier an. Oder die Schlepper haben ihnen alles abgenommen. Die geringste Zahl von Menschen auf der Flucht hat einen sauberen Ordner mit allen Papieren dabei, die in Deutschland gefordert werden (Ausweis, Geburts- und ggf. Heiratsurlunde, Schulabschlusszeugnisse, Diplome etc.).
Tatsächlich habe ich während meiner Arbeit im Bereich Migration nur wenige Menschen erlebt, die mit Papieren gekommen sind. Darunter die Familie eines hochrangigen togoischen Generals. Der hätte die aber gar nicht gebraucht, denn er war bekannt. Die allermeisten stehen ohne Papiere vor dir – dafür mit blankem Entsetzen im Gesicht. Natürlich gibt es unter ihnen auch Kriminelle und psychisch Kranke. Erstere kommen allerdings meistens sehr schnell durchs Asylverfahren, weil sie durch die internationale Mafia mit allem Nötigen versorgt werden. Die deutschen Behörden nicken dann sehr oft einfach alles ab.
Und die psychisch Kranken? Erhalten leider allzu oft nicht die dringend notwendige Behandlung – was der Verweigerung eines Menschenrechts nahe kommt. Dadurch verschlimmert sich ihre Krankheit. Hinzu kommt, dass die deutschen Beörden, Ämter etc. in solchen Fällen nicht ausreichend kooperieren („ist ja nur ein Ausländer“) – mit in Einzelfällen katastrophalen und tödlichen Folgen.
WIchtig ist, festzuhalten: die Zahl solcher von Geflüchteten begangener Straftaten ist in der Relation sehr gering, auch, wenn die Medien und die Rechtsrextremen anderes sagen. Die meisten Femizide passieren durch deutsche Männer, z.B. Trotzdem sagt mir eine Krankenschwester beim Blutabnehmen, sie habe im Dunkeln Angst vor ausländischen Männern. So funktioniert „gute“ Propaganda. Interessanterweise habe ich noch nie gehört, dass jemand Angst vor ausländischen Frauen hat. Aber „alle Ausländer raus“?
Doch ich schweife ab. Auch die weiteren migrationsspezifischen Punkte des Merz-Antrags kollidieren mit gesundem Menschenverstand (wir brauchen Arbeitskräfte, sollen denen aber die Arbeitsaufnahme erschweren?) oder dem Rechtsstaat.
Warum also dieser Antrag?
Alle möglichen Antwortszenarien machen mir Angst.
Egal, welches Szenario der Wahrheit am nächsten kommt: alle sind erschreckend und beweisen, dass es diesem Kanzlerkandidaten nicht um das Wohl der Menschen in Deutschland geht, sondern einzig um sich. Nicht mal um seine Partei. Denn sonst hätte er sich einen Moment Zeit genommen, um auf diejenigen zu hören, die ihn (und als Kennerin der Prozesse, die einem solchen Antrag innerparteilich vorausgehen, bin ich davon überzeugt, dass es die gegeben hat) vor den möglichen Konsequenzen in der Öffentlichkeit gewarnt haben. Warum haben einige CDU-Abgeordnete bei der namentlichen Astimmung zum Zustrombegrenzungsgesetz dagegen gestimmt? Vielleicht aus demokratischem Pflichtbewusstsein. Aber ich denke, sie taten das vor allem, weil ihnen im Zweifel das Hemd näher ist als die Hose, sprich, weil der Protest in ihrem Wahlkreis sie für den 23. Februar ein persönliches Debakel befürchten ließ.
In diesem Zusammenhang frage ich mich, worauf die ungewöhnliche Stille des Bayerischen Ministerpräsidenten bezüglich der aktuellen Ereignisse im politischen Berlin beruhen mag…
Erstaunlich auch, dass Merz offenbar nicht mit den erfolgten deutschlandweiten Protesten gerechent zu haben scheint. Das deutet für mich schon fast auf „trumpeske“ Züge hin.
So betrachtet, ist also auch das knappe Scheitern des Gesetzentwurfs am Freitag (349 Abgeordnete stimmten gegen den Entwurf, 338 dafür, bei fünf Enthaltungen) kein Sieg der Demokratie. Aber es bedeutet eine Atempause, in der wir uns sammeln können für weitere Proteste. Für ein Aufschreien, Aufschreiben gegen das rechte Schreckgespenst an den parlamentarischen Wänden.
ich fürchte, es ist in der Tat 5 vor 1933. Und wir wissen, wie das Wegschauen ausgegangen ist, damals. Das „ich bin ja nicht betroffen“ – weil kein Jude und keine Jüdin, kein*e Behinderte*r, kein*e Sinti oder Roma, kein*e Linke*r. Am Ende war ein ganzes Volk be- und getroffen. Ein ganzes Land. Ganz Europa.
Ha, sagt ihr, schau doch mal in dein italien. Was macht die Meloni denn da? Ja, ich schaue dorthin. Mit Bangen. Aber – wir italiener sind halt doch anders. Zu individualistisch für eine stringente Massenbewegung. Was sich in der Vergangenheit als politische Instabilität erwiesen hat, ist jetzt vielleicht ein Glück. Übrigens: auch der zweite Transport von Geflüchteten nach Albanien musste zurückgepfiffen werden. Wäre das in Deutschland auch möglich?, frage ich.
Fazit: Merzens Generalprobe ist im Parlament im zweiten Anlauf gescheitert. Das ist kein Grund zum Aufatmen, aber ein Beweis dafür, dass „das Volk“ sehr wohl Macht hat.
Meine Bitte: Nutzt diese Macht. Zeigt durch eure Haltung, durch eure Präsenz, durch das, was ihr sagt, jeden Tag, beim Bäcker, in der Kirche, an der Ampel., im Büro, in der Kita, dass wir mehr sind. Mehr als die Neofaschisten, mehr als die Fake News Verbreiter. Mehr als die Hasser. Dass wir daran glauben, dass auch komplizierte Situationen am besten in einer Demokratie zu bewältigen sind. Und dass Wohlstand immer ein Geben und Nehmen ist, dass wir „ein gutes Leben“ nie für uns alleine werden verwirklichen können, sondern nur in der Gemeinschaft.
Und: lest euch das Wahlprogramm der AfD durch – in Häppchen, mit Tee oder Wein zur Beruhigung, und zitiert es in euren Gesprächen! Denn, frei nach dem Film „One life“: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ D.h. wer einen AfD-Sympathisanten gewinnt, gewinnt die ganze Wahl.
Ihr Lieben, nur eine Sekunde trennt das neue Jahr vom alten. Und diese Einteilung ist willkürlich und in anderen Kulturen und Religionen anders. Juden feiern heute keinen Jahreswechsel, sondern Rosch-ha-Schana. Im Vietnam, im Iran, in Indien wird kein Silvester gefeiert, bspw.
Binsenweisheiten, ich weiß. Aber zuweilen tut es gut, sich an die Beliebigkeit dieses Datums zu erinnern. Und etwaigen Ballast von Unerledigtem, von zu vielen zu hehren Vorsätzen, von zu hoch gesteckten Zielen und Wünschen abzuwerfen.
Hey, morgen ist ein Tag wie heute. Und wir können uns jederzeit auf den Weg machen. Nicht nur zu Silvester.
Für mich zählt vor allem, dass ich G*tt an meiner Seite weiß. Wohin ich auch gehe, ich habe seine Unterstützung und ihre Liebe dabei. Das macht mich stark für gute Vorhaben. Für mich und für andere.
ich wünsche euch einen wunderschönen Abend und einen guten Start in das Kalenderjahr 2025.
Ein Jahr des Friedens und der Kraft, der Liebe und der guten Initiativen. We can make it if we try!
Der letzte MiniKrimi -Beitrag in diesem Kalender ist von meiner Mörderischen Schwester Ingrid Zellner. Ich hoffe, ihr hattet Spaß – und vielleicht ein paar Inspirationen – beim Öffnen der Türchen.
Es gibt auch unterm Jahr immer wieder Neues hier auf http://www.mariebastide.blog. MiniKrimis, Features, Essays, Gedichte. Schaut doch ab und zu mal rein. Oder abonniert die Seite am besten, dann werdet ihr gleich informiert, wenn es etwas Neues gibt.
von Ingrid Zellner
Sonntag, 24. Dezember
„Fürchtet euch nicht! Ich habe eine Freudenbotschaft für euch: Der Heiland ist für euch geboren! Er heißt Jesus und liegt dort im Stall in einer Krippe!”
Sämtliche Köpfe in der Kirche hatten sich umgewandt und schauten hinauf zur Orgelempore, wo die kleine Emma stand (sehr offensichtlich auf einem Podest) und mit ausgebreiteten Armen zu den Hirten sprach, die im Mittelgang lagerten und ihren Worten aufmerksam lauschten. Zum ersten Mal, seit Pfarrer Stocker die Gemeinde zur Kindermette und dem Krippenspiel begrüßt hatte, vergaß Falko Geiger für einen Moment die Unruhe, die in ihm schwelte, und sah voller Vaterstolz zu, wie seine Tochter in ihrem weißen Kleid mit goldenen Engelsflügeln, die schulterlangen weizenblonden Haare mit einem Goldreif gebändigt, ohne jede Nervosität und mit klarer Stimme die frohe Botschaft verkündete.
Doch als die Hirten sich daraufhin auf den Weg zu der Heiligen Familie machten, die vor dem Altar zwischen mehreren aufeinandergetürmten Strohballen auf sie wartete, war von draußen in einiger Entfernung ein Martinshorn zu hören, und prompt flackerte die Unruhe in Falko wieder auf. Er hatte vorhin, als Kicki sich flüsternd bei ihm nach dem Verbleib von Maria erkundigt hatte, lediglich geantwortet, dass sie sich wohl aus irgendeinem Grund verspätet hatte und sicher noch nachkommen würde. Von den angeblichen Schüssen im Haus der Biber-Brüder, wo sie ja lebte, hatte er ihr in dem Moment wohlweislich noch nichts erzählt. Solange sie nichts Genaueres wussten, genügte es, wenn bloß er sich Sorgen machte.
Die Hirten beendeten ihren Besuch bei dem Jesuskind. Nun stimmte der Organist das Lied „Wir kommen daher aus dem Morgenland” an, das Kirchentor wurde geöffnet, und wieder drehten sich alle um, um den Einzug der Heiligen Drei Könige nicht zu verpassen. Ein wenig Unruhe kam auf, als ferne Klänge von Martinshörnern die feierliche Orgelmusik störten, doch dann wurde das Tor hinter den Königen wieder geschlossen und sperrte alle Töne, die nicht zum Krippenspiel gehörten, aus.
Falko war hin und her gerissen. Eigentlich wollte er unbedingt bleiben – schließlich würde es jetzt nicht mehr lange dauern, bis sich sämtliche Mitwirkenden, einschließlich seiner kleinen Prinzessin, vor dem Altar versammelten und gemeinsam mit den Zuschauern das traditionelle „Stille Nacht, heilige Nacht” anstimmten. Aber andererseits wurde er das Gefühl nicht los, dass das alles irgendwie zusammenhing: Schüsse im Biber-Haus – Maria, die entgegen ihrer Vereinbarung nicht zur Kirche gekommen war – und nun auch noch die Martinshörner, denn es waren eindeutig mehrere gewesen … und das ließ auf einen Großeinsatz schließen. Großer Gott. Was war passiert?
Er hielt es nicht mehr aus, raunte seiner Frau eine hastige Entschuldigung zu und verließ unter den verwunderten Blicken der anderen Besucher so leise und so schnell wie möglich die Kirche. Draußen blieb er stehen und lauschte angespannt. Die Martinshörner waren noch immer in einiger Entfernung zu hören, es kam ganz eindeutig aus der Richtung des Dorfrands, wo das Anwesen der Familie Biber lag. Und dann entdeckte Falko die Rauchsäule, die dort in den klarblauen Winterhimmel stieg.
Ohne zu überlegen rannte er los. Schon von weitem nahm er jenseits des Ortsausgangs ein Meer von rotierenden Signalleuchten in Blau und Orange wahr, dazu eine hohe Wasserfontäne. Dann stieß er auf eine Absperrung, und ein Beamter in Uniform hinderte ihn sehr bestimmt daran, weiterzulaufen. Er blieb stehen und rang keuchend nach Atem. Jetzt erst spürte er die sengende Hitze, die ihm entgegenschlug, und wie gelähmt starrte er auf die roten Flammen, die vor seinen Augen emporloderten.
Die Biber-Villa brannte lichterloh.
Montag, 25. Dezember
Polizeihauptmeister Peter Wötzel stand vor den ausgebrannten Überresten einer vormals wohl vergleichsweise stattlichen Villa am Rande des Dorfes Buchelfingen und fragte sich mit wachsendem Missmut, womit er das verdient hatte.
Normalerweise hätte er jetzt nämlich frei, würde mittags in seinem Lieblingsrestaurant Rehbraten essen gehen und später zuhause heimlich im Fernsehen Sissi anschauen. Aber er hatte zugunsten von Otto Berger verzichtet, der ausnahmsweise mal an Weihnachten einen auf Familie machen wollte – und nun stand er hier in der eisigen Winterkälte, sehnte sich nach einem heißen Kaffee und musste sich mit einem Tatort befassen, der inzwischen nicht mehr nur aufgrund eines Hausbrands nach Ermittlern verlangte. Denn als die Kollegen sich auf die Suche nach der Brandursache gemacht hatten, waren sie in der Ruine auf zwei Leichen gestoßen.
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Ingrid Zellner
Website: https://www.ingrid-zellner.de/
Rattenweihnacht
Oertel+Spörer Verlag, 2023 (248 Seiten)
Kurz vor Weihnachten taucht in dem Dorf Buchelfingen eine Frau auf, die ihr Gedächtnis verloren hat und nicht mehr weiß, wer sie ist. Man gibt ihr den Namen Maria, und die etwas verschrobenen Brüder Gunnar und Leander Biber nehmen sie bei sich auf. Dabei haben sie derzeit eigentlich ganz andere Probleme: Ihre Mutter ist seit einer Woche spurlos verschwunden, und sie erhalten Drohbriefe, die ihnen ein Verbrechen unterstellen und Vergeltung dafür ankündigen. Bald werden im Dorf erste Vermutungen laut, dass diese rätselhafte Maria etwas damit zu tun haben könnte. Eine Frau ist sich sogar sicher, sie aus ihrer Jugendzeit zu kennen. Doch was tatsächlich hinter Marias Aufenthalt in Buchelfingen steckt, ahnt niemand…
Paperback (ISBN 978-3-965-55150-3): € 13,00
https://www.oertel-spoerer.de/produkt/rattenweihnacht/
https://www.amazon.de/Rattenweihnacht-Krimi-Ingrid-Zellner/dp/3965551507/ref=sr_1_1
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eBook (ISBN 978-3-96555-159-6): € 9,99
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Leben und sterben lassen
Helena arbeitet gerne beim ärztlichen Bereitschaftsdienst. Für die Chirurgin in einer großen Klinik sind die Einsätze die wenigen Momente, in denen sie nicht nur einen Körper „bearbeitet“, sondern den ganzen Menschen erlebt. Die vierfache Mutter, die so viel mit den Kindern zu tun hatte, dass sie ihren Husten so lange verdrängte, bis sie keine Luft mehr bekam. Den Rentner in seiner kleinen Wohnung, in der sie durch Zeitungsstapel waten und einen fauchenden Kater umgehen musste, um bis zu der Eckbank vorzudringen, wo er, vor Gallenschmerzen gekrümmt, kauerte. Das Pärchen in einer schicken Villa im Nobelviertel, das sich in Abwesenheit der Eltern mit Magic Mushrooms in einen Rausch katapultiert hatte, der bei einer der beiden in einen massiven Verfolgungswahn umgeschlagen war.
Ihre Arbeit beim ärztlichen Bereitschaftsdienst motiviert sie, weiterzumachen, wenn der Klinikalltag mit Bürokratie, engstirnigem Regelwerk und ständiger Bevormundung durch die dienstälteren Kollegen unerträglich zu werden droht.
Jetzt, in der Woche vor Weihnachten, hat sie gleich mehrere Schichten übernommen. Als Single in einer ihr noch fremden Stadt ist ihr das lieber als einsame Abende mit Rotwein und TV-Schnulzen. Nur heute würde sie gerne pünktlich zum Schichtwechsel um 22 Uhr Schluss machen. Denn sie hat sich mit ihrer besten Freundin, die für ein Jahr in New Orleans arbeitet, für ein Zoom-Treffen verabredet.
21 Uhr. Bis jetzt ist der Dienst mehr als ruhig verlaufen. Die Leute sind mit den Weihnachtsvorbereitungen offensichtlich zu beschäftigt, um krank zu werden. Und die Einsamen, Depressiven warten mit ihrem Blues vermutlich bis Heiligabend. Wo werde ich am 24. sein?, fragt sich Helena. Zuhause bei den Eltern, 400 physische Kilometer und Lichtjahre entfernt von ihrem Leben? Oder auf der X-Mas Single Party, auf der sie wahrscheinlich mehr als einen Kollegen treffen würde?
Das Telefon klingelt. „Helena, Einsatz. Nichts Lustiges, leider. Ne Leichenschau. Im Entenbachstift.“ „Aber das Stift hat doch seine eigenen Ärzt*innen?“ „Ja, aber die Anruferin hat explizit nach dir gefragt. Ihr Mann ist gestorben.“ „Wie, nach mir?“ „Also nach jemandem von uns. Fahr da mal hin. Vielleicht kriegst du ja auch was geschenkt.“ „Wie bitte? Das geht ja gar nicht!? „Der Dr. Hennig-Liske war mal dort und hat ne Flasche Champagner mitgebracht. Sei ihm regelrecht aufgezwungen worden, hat er erzählt.“ „Naja, wohl kaum, wenn sie gerade den Ehemann verloren hat. Ich bin schon unterwegs.“
Und so klingelt Helena am 21. Dezember um 21.20 Uhr bei Prof. Dr. Weimar. So steht es auf der Adresse., die Sybille ihr und dem Fahrer, Frank, mitgegeben hat.
„Du wartest?“ Die Frage ist rhetorisch. Natürlich wartet Frank. Und natürlich erwartet er, dass Helena nicht länger als nötig weg ist.
Der Türöffner summt, gleichzeitig sagt eine verzerrte Stimme aus der Gegensprechanlage: „4. Stock, gleich gegenüber vom Aufzug. Oder rechts neben der Treppe, wenn Sie lieber zu Fuß gehen.“
Als Helena oben ankommt, ist die Tür zur Wohnung Weimar angelehnt. Aus halbdunklen Tiefen tönt Musik: Mozarts Requiem. Die Frau hat Nerven wie Drahtseile, denkt Helena. Oder Stil. Oder beides.
„Guten Abend. Danke, dass Sie gekommen sind. Bitte hier entlang.“ Die Frau ist hochgewachsen und schlank, sie trägt einen weiten Hausanzug aus dunkelrotem Samt. Die gleiche Farbe wie ihre Lippen. Die grauen Haare fallen in weichen Wellen auf ihre Schultern. Die Augen schwarz, die Nase gerade, der Blick scharf. Eine sehr schöne Frau. Eine alte Dame. Unwillkürlich fühlt Helena sich zu ihr hingezogen. Das ist unprofessionell und ihr noch nie passiert.
Die alte Dame deutet auf eine Gestalt, die in der Ecke eines dunkelgrauen Sofas lehnt, den Kopf nach hinten gebeugt, in eine karmesinrote Decke gehüllt. „Mein Mann.“ Als wolle sie ihn Helena vorstellen. Er sieht aus, als würde er schlafen, und einen Augenblick lang denkt Helena, dass er aufstehen und ihr die Hand küssen wird, vielleicht mit einer gemurmelten Entschuldigung, weil er eingenickt ist. Seine Frau beugt sich über ihn, streicht ihm über das perfekt geschnittene Haar und streift seine Stirn mit einem leichten Kuss. Es ist ein Bild von unendlicher Nähe und Zärtlichkeit.
„Sie haben doch schon mal einen Toten gesehen?“ Jetzt erst merkt Helena, dass sie im Türrahmen stehengeblieben ist. „Natürlich.“ Sie gibt sich einen Ruck. Es fällt ihr nicht leicht, die Routine aufzunehmen in diesem gemütlichen Raum, der Leben und die Liebe dazu atmet. Von den deckenhoch in Reihen geordneten Büchern über das Sofa, die Lesesessel links und rechts vom Kamin, in dem ein küstliches Feuer flackert, bis zu den Fenstern, die die näctliche Stadt mit ihren Lichtern ungehindert teilhaben lassen an dem, was sich hier abspielt. Als sei es eine Bühne.
Sie nähert sich dem Mann. Dem Toten. Das kann sie zweifelsfrei feststellen. Der Körper ist noch warm, doch die Haut beginnt schon, abzukühlen, und Helena erkennt einzelne Totenflecken. Die Augen sind geschlossn. „Waren Sie das?“, fragt Helena die Frau. „Nein, er hat die Augen selbst zugemacht. Ihm war komisch, hat er gesagt.“ „Und wann war das?“ „Keine Ahnung. Vor zwei Stunden, vielleicht.“ „Warum haben Sie nicht gleich einen Arzt gerufen?“ „Er wollte das nicht. Und es ging ihm ja nicht schlecht. Ihm war, wie gesagt, nur komisch.“ „Und wann haben Sie gemerkt, dass er tot war? Waren sie die ganze Zeit bei ihm?“ „Nein, ich zwar zwischendurch in der Küche und im Bad. Ich habe immer mal wieder nach ihm gerufen. Als er nicht mehr geantwortet hat, bin ich sofort zu ihm gegangen. Da hat er nicht mehr geatmet.“
Helena versucht, die Situation in Augenschein zu nehmen. Woran der Mann gestorben ist, kann sie nicht erkennen. Er sieht friedlich aus. Es hat mit Sicherheit keinen Kampf gegeben. Weder mit einem anderen Menschen noch mit dem Tod. „Als habe er ihn willkommen geheißen“, denkt sie. Und schüttelt den Kopf. Sie ist sonst nicht romantisch veranlagt. Aber dieser Raum verbreitet eine ganz eigene Athmosphäre. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass die Musik immer noch an ist. Sie kann keine Anlage erkennen, der Klang scheint frei im Raum zu schweben. Eine teure Wohnung, das ist klar. Ein reiches Paar.
Helena stellt die obligatorischen Fragen. Litt der Mann an einer oder mehreren Krankheiten? Natürlich. Mit 91. Bluthochdruck, Arthrose, er hatte grauen Star. Und mehere Bypässe. Aber vor allem war er alt. „WIr beide sind alt“, sagt seine Frau. Sind. Nicht waren. Denn ihr Mann ist noch hier, ist noch präsent. Helena bemerkt, dass kein Fenster geöffnet ist. Keine Seelenwanderung geplant, offensichtlich.
„Ging es ihm schlecht, heute? Hat er über etwas gekasgt?“ „Nein, nicht mehr als üblich. Er konnte seine Brille nicht finden, und die Butter war nicht salzig genug. Männer ertragen das Alter schwerer als Frauen, wussten Sie das? Aber nein, dafür sind Sie zu jung.“
Tatsächlich kann Helena ein Lied davon singen, wie wehleidig Männer sind. Aber daran sterben sie normalerweise nicht. Was also soll sie auf den Totenschein schreiben?
« Ich kenne weder die unmittelbar zum Tod führende Krankheit noch eine ursächliche Krankheit, die die unmittelbare Todesursache herbeigeführt haben könnte. Vor allem: sogar ein moribunder Patient kann rein theoretisch eines unnatürlichen Todes sterben. Ich kann – auch bei fehlenden äußeren Verletzungszeichen – nicht ausschließen, dass ein Verbrechen vorliegt, eine Vergiftung, zum Beispiel“, sagt sie. Eigentlich ist die Bescheinigung eines natürlichen Todes nur im Krankenhaus möglich, und auch dann nur, wenn der Tote vorher immer unter ärztlicher Kontrolle stand.
Helena muss eine Entscheidung treffen. Soll sie – mit erheblichem finanziellen und, für sie und für Frank, zeitlichen Aufwand eine Obduktion veranlassen? An einem 91-Jährigen, der in einem luxuriösen Seniorenstift wohnte? Helena sieht die Überschriften der lautesten Boulevard-Zeitschriften vor sich: Bereitschaftsärztin schikaniert trauernde Witwe. Wer weiß, vielleicht war der Professor irgendeine bekannte Koriphäe?
„Und was machen wir jetzt?“, fragt seine Frau. „Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich brauche jetzt einen Gin Tonic. Und für Sie einen Tee, als Kompromiss, ja?“ Sie geht in die Küche, ohne Helenas Antwort abzuwarten. DIe ruft in der Zwischenzeit ihren Fahrer, Frank, an. „Du, das kann hier noch dauern. Ich muss das irgendwie abklären.“ „Wie, abklären? Isser tot oder nich?“ „Doch, schon.“ „Aber? Im Auto wird’s langsam kalt, und wir beide haben um 22 Uhr Schichtende. Das ist in 5 Minuten!“ „Ich weiß. Aber (Helena hat noch nie ihre Autorität raushängen lassen, doch jetzt tut sie es. Unwillkürlich. Und sehr bestimmt) ich brauche hier noch eine Weile. Fahr zurück, schick wen anders. Aber sag mir nicht, wie ich meine Arbeit machen soll.“ „Okokok!“ Frank ist hörbar beeindruckt.
„So, der Tee. Milch, kein Zucker, stimmt’s?“ „Ja. Danke. Woher…?“ „Ach, egal. Also, was müssen Sie wissen? Ich soll Sie überzeugen, dass ich meinen Mann nicht getötet habe? Hier sehen Sie den Beweis.“ Mit einer ausladenden Geste zeigt sie auf das Zimmer, die Wohnung. Die Bücher. Die vielen Fotos. alle von einem glücklichen, zufriedenen, ineinander ruhenden Paar. „Wir sind seit 50 Jahren verheiratet. Keine Kinder. Wir waren uns gegenseitig genug. Zwei Hälften eines Ganzen. Jetzt ist eine Hälfte zerbrochen. Ich werde nie wieder ganz sein. Warum hätte ich ihn umbringen sollen? Und damit einen Teil von mir?“
Helena schaut in den Tee. Earl Grey. Sie liebt ihn, kennt aber niemanden, der diese Vorliebe teilt. „Frau Weimer“, beginnt sind. Und wird unterbrochen. „Weimar, das war er. Julius. Mein Name ist Best. Elisa Best. Dr. aber das vergessen Sie gleich wieder. Und bevor Sie fragen: wir haben uns in Berlin kennengelernt, im Kalten Krieg. Er arbeitete für die USA. Ich – hatte auch einen spannenden Job. Ich habe Menschen geholften. Es war für uns beide die große Liebe. Bitte, glauben Sie mir. Sie wissen, wovon ich spreche!“, Elisa Best fixiert Helena mit diesem Blick, schwarz und tief.
Best. Best. Dieser Name.
Pltzlich muss Helena auf die Toilette. Granz dringend. „Der Tee…“, entschuldigt sie sich. „Sie haben sicher ein Gäste-WC.“ „Ach, gehen Sie einfach ins Bad. Gleich hier rechts.“
Als sie aus dem Badezimmer kommt – schwarz-weiße Kacheln, blitzender Chrom,, eine Badewanne auf goldenen Füßen und eine doppelt verspiegelte Vitrine als Schrank, geht Helena noch einmal zum Toten hinüber. Zu Julius. „So darf ich ihn doch nennen?“, fragt sie, und Elisa nickt. Mit einer, wie sie hofft, liebevollen Geste streicht Helena ihm übers Haar. Nimmt zärtlich seine Hand in die ihre. „Wie wunderbar er aussieht. Julius. Als würde er zu einem großen Fest gehen. Ein eleganter Anzug. Glänzende Shuhe. Und die Hände. Perfekt manikürt. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.“
Elisa kommt dazu. Legt ihren Arm um Helenas Schulter.
„Er war bereit. Komm. Lass ihn gehen. Bitte.“
Helenas Telefon unterbricht den Moment. Frank. „Ich hab doch gesagt, ich brauche noch etwas Zeit.“ „Ok, aber beeil dich. Hattest du nicht auch noch was vor, heute?“
Ja, hatte sie. Aber manchmal kommt dir das Leben eben dazwischen.
Sie breitet den Bogen aus, den sie ausfüllen muss. Schreibt und kreuzt an und schreibt.
„So“, sagt sie schließlich. „Ich gehe jetzt runter zu Frank und gebe ihm den Bogen mit.“
„Und dann?“ „Und dann komme ich nochmal rauf. Ich glaube, wir haben noch was zu besprechen, Elisa. Du und ich.“
Elisa nickt. Und dann, plötllich, schwimmt ein verdächtiger Schimmer in ihren Augen.
Es ist lange nach Mitternacht. Draußen, jenseits der Fenster, umrahmt von roten Samtportieren, gehen nach und die Lichter aus in der Stadt. Drinnen sitzen zwei Frauen am Feuer.. Eine alte, eine junge. Die Hände verschränkt. Die alte weint. Endlich. Zum ersten Mal, seit bei Julius vor über drei Jahren Alzheimer diagnostiziert wurde. In London. Von einem befreundeten Neurologen, der darüber Stillschweigen bewahrte.
„Seitdem tanzten wir beide auf dem Vulkan. Jedes Schachspiel, jeder Ausflug, jedes Abendessen waren plötzlich einzigartig, weil unwiederbringbar. Dann, vor einem Monat, erkannte Julius mich eines Morgens nicht mehr. Am Abend erinnerte er sich daran. Und wir wussten, jetzt ist es an der Zeit. Julius hat sein Leben lang immer selbst die Zügel in der Hand gehalten. Genau wie ich. Er wollte in Würde gehen. Und manchmal heißt lieben auch loslassen, gegen dein eigenen Willen. Oder die eigene Überzeugung. Ich hatte die Mittel. Und das Wissen. Und den Mut. Also habe ich ihm geholfen.“
„Und warum gerade heute?“, fragt Helena, obwohl sie die Antwort kennt. „Ich wusste, dass du die diensthabende KVB-Notärztin sein würdest.“
„Wie hast du mich gefunden?“ „Deine Großmutter und ich sind nach wie vor befreundet. Das passiert beim BND nicht so oft. Eigentlich gar nicht. Die meisten wollen ihre Agentenzeit lieber komplett vergessen. Aber wir beide – wir waren ein tolles Team.“
„Ich weiß. Die „Mad Women“, haben sie euch wohl genannt. Meine Großmutter hat das gleiche Foto“, sagt sie und zeigt auf ein S/W-Bild von zwei jungen Frauen, schön, stark, Rücken an Rücken und jede mit einem Revolver in der Hand.
„Ja, und stell dir vor, den Namen hat Julius uns gegeben! Aber woran hast du gemerkt, dass etwas an Julius Tod nicht stimmte? Ich bin eigentlich perfent und arbeite ohne Fehler.“
„Du warst perfekt. Fast. Ich habe im Bad herumgeschnüffelt. Dabei habe ich deine Diabetes-Spritzen gefunden. Und ein paar Antidementiva und Neuroleptika. Als ich Julius Hand genommen habe, habe ich unter dem Nagel noch die feinste Spur eines Einstichs gefunden. Aber warum ich überhaupt misstrauisch geworden bin? Ich glaube, ich habe dich einfach erkannt. Das Foto bei meiner Großemutter hat mich von klein auf fasziniert.“
„Ja. Ich glaube, wir beide wären verweandte Seelen, wenn es denn so etwas gäbe. Was machst du übrigens zu Weihnachten? Ich werde sehr einsam sein.“
„Nein. Zusammen wird keine von uns alleine sein. Und auch nicht einsam.“
von Carla Wolf
»Die Tödlichen Ladys tagen in der Stadt.« Die Journalistin Petra Koslowski saß an ihrem Schreibtisch in der Redaktion der Langener Morgenpost und scrollte durch ihre Mails.
»Was ist das? Ein Geheimbund von lauter Mörderinnen?« Frederik, der Praktikant, schob sich den überlangen schwarzen Pony aus der Stirn und schielte zu seiner Kollegin hinüber.
Die gluckste. »So ähnlich«, meinte sie. »Die morden, aber nur mit Worten. Sind alles Krimischriftstellerinnen. Die Crème de la Crème des Landes.«
Frederik, der vermutlich keine Krimis las, zuckte desinteressiert die knochigen Schultern.
»Ist gar nicht so einfach, dort Mitglied zu werden. Die sieben ganz schön aus«, fuhr Petra fort. Sie hatte inzwischen die Webseite des Clubs aufgerufen. »Es dürfen, halte dich fest, immer nur genau 100 Autorinnen in der Gruppe sein.« Sie zog ihren Notizblock zu sich und machte einen entsprechenden Vermerk.
»Was wollen die denn hier?« Frederik hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und ließ einen Bleistift zwischen seinen Fingern herumwandern.
»Sie halten jährlich eine Woche lang ein Arbeitstreffen ab. Immer vor der Frankfurter Buchmesse und immer in einer anderen Stadt. Dieses Jahr bei uns in Langen und standesgemäß im Sterzbacher Hof.«
»Schreibst du was über die?«
»Klar!« Petra grinste. »Die First Lady Marie-Theres Strobel hat uns eine Pressemitteilung geschickt.« Sie deutete auf den Bildschirm ihres PC. »Aber ich denke, ich reichere das Ganze mit ein bisschen Original-Ton und einem kleinen Interview an.«
»Strobel? Muss man die kennen?«
Petra seufzte. »Was liest du denn?«, fragte sie streng.
»Fantasy und Dystopien«, lautete Frederiks Antwort. Und dann legte er los und nannte eine ganze Reihe von Serien, unter denen taten es die Fantasy-Schreiberinnen und Schreiber offensichtlich nicht, die man einfach gelesen haben musste. Als er dann noch anfing, über Steampunk, High End und Urban Fantasy zu reden, winkte Petra ab.
»Nicht meine Welt«, befand sie.
Ehrlicherweise sagte ihr der Name der obersten Tödlichen Lady selbst auch nichts. Sie musste ihn in eine Suchmaschine eingeben. »Wow«, murmelte sie allerdings, nachdem sie sich ein bisschen eingelesen hatte. Die Frau hatte eine vom Feuilleton hoch gelobte Serie über eine Polizistin im vorigen Jahrhundert geschrieben. Feministisch angehaucht und erstklassig recherchiert, schrieb die Kritik. Das Publikum war eher gespalten, aber das war ja häufig so. Das einzige von der Autorin vorhandene Foto zeigte eine streng in die Kamera schauende Frau mittleren Alters, deren dunkelgraue Mähne wirkte, als sei sie durch eine rasante Fahrt in einem Cabrio gestylt worden.
Petra fuhr sich durch ihre kurz geschnittenen blonden Haare und griff zum Handy, um sich bei der Frau anzumelden.
Kaum geschehen, zog eine Mail, die sich durch ein leises Pling anmeldete, die Aufmerksamkeit der Journalistin auf sich.
»Das ist ja ein Ding!«, sagte sie halblaut vor sich hin.
»Ist was?«, Frederik schaute neugierig zu ihr.
»Kann man wohl sagen.« Petra war bereits dabei, ein paar Sachen in ihre Tasche zu werfen.
»Pressekonferenz heute Nachmittag. Man hat eine Tote gefunden. Im Mühltal. Sieht nach einem Mord aus.«
Die Frontfrau des Autorinnenclubs Die Tödlichen Ladys sah in natura wesentlich weniger streng aus als auf dem Foto ihrer Webseite. Sie war eher klein, höchstens ein Meter sechzig, und statt einer ernsten Miene trug sie ein Lächeln im Gesicht. Wache braune Augen blickten durch eine modische Brille in die Welt. Die Haarpracht jedoch war unverkennbar. Nach allen Seiten standen die schwarzgrauen Wellen von ihrem Kopf ab und wirkten, als hätten sie gerade einen Orkan überstanden.
Marie-Theres Strobel winkte die Journalistin mit sich in einen kleinen Besprechungsraum. Über der Tür prangte ein weißes Transparent, gesprenkelt mit unregelmäßigen roten Spritzern. Als habe jemand Blut vergossen. In schwarzer Schrift stand dort: »Wir sind Die Tödlichen Ladys.« Und darunter der Slogan der Vereinigung: »Bei uns ist Krimi weiblich!«
»Mögen Sie?« Strobel deutete auf einen Servierwagen, auf dem eine chromfarbene Thermoskanne und ein Teller mit Hefeplunder standen.
»Kaffee sehr gern.«
Während die Vorsitzende der Autorinnenvereinigung ihnen beiden einschenkte, nahm Petra auf einem der Sessel der Sitzgarnitur Platz, schob auf dem Couchtisch ein Schälchen mit Zuckertüten und ein Milchkännchen zur Seite und legte ihren Notizblock ab.
»Nun, was möchten Sie über uns wissen?«, fragte Marie-Theres Strobel, nachdem auch sie sich gesetzt hatte.
»Nach allem, was ich bereits gelesen habe …«
Weiter kam Petra nicht. Die Tür flog auf und herein spazierte eine große Frau, deren Blick die Journalistin förmlich zu durchbohren schien.
»Mechthild Schmauser. Die zweite Vorsitzende unseres Netzwerks. Verantwortlich für die Finanzen«, erklärte Marie-Theres, als die andere herangekommen war. Ihr selbst war die Verwirrung über das Eintreffen ihrer Kollegin anzumerken. Petra hatte den Eindruck, dass das nicht abgesprochen war und sie sich nicht darüber freute.
»Viola kommt auch gleich«, sagte Mechthild in einem leicht schleppenden Tonfall.
»Ach ja?« Die Vorsitzende der Tödlichen Ladys wirkte jetzt definitiv verärgert.
Mechthild ließ sich aufs Sofa plumpsen, ohne auf Petras Gruß und die Irritation von Strobel zu reagieren.
»Wir sind zu dritt im Vorstand«, erklärte sie lediglich. Sie fuhr sich über das kurz geschnittene, rotblonde Haar, als wolle sie prüfen, ob das Gel, das sie reichlich verwendet hatte, seinen Zweck erfüllte.
»Mechthild schreibt Cosy Crime«, meldete sich die First Lady wieder zu Wort.
»Aha. Das sind eher heitere Krimis?«, hielt Petra das Gespräch am Laufen.
Mechthild nickte mit derartig finsterem Gesichtsausdruck, dass Petra sich insgeheim fragte, wo so ein Sauertopf wohl den Humor hernahm. Hoffentlich waren nicht alle Autorinnen so schlecht gelaunt. Doch gleich die Frau, die als nächste eintrat, zerstreute ihre Bedenken.
»Viola Habert, die dritte Vorsitzende und verantwortlich für die interne Kommunikation.« Marie-Theres winkte der Frau, die mit ihren langen hellblonden Locken und dem breiten Lächeln auf dem kirschrot geschminkten Mund aussah wie ein Rauschgoldengel, freundlich zu.
»Hallo!«, sagte Viola, reichte Petra die Hand und ließ sich ebenfalls auf das Sofa plumpsen. Die First Lady, jetzt eingerahmt von ihren beiden Stellvertreterinnen, saß stocksteif und eindeutig angespannter als noch vor wenigen Minuten da. Drei Augenpaare ruhten auf Petra.
»Dann wollen wir mal«, sagte die betont munter.
Erfreulicherweise ging das Interview recht zügig voran. Die Vorsitzende beantwortete alle Fragen. Mechthild und Viola nickten gelegentlich und insgeheim fragte sich Petra, warum die beiden so viel Wert darauf gelegt hatten, anwesend zu sein. Denn weder der Rauschgoldengel noch der Sauertopf griffen in das Gespräch ein. Das darüber hinaus dann überraschend und ziemlich abrupt endete.
Die Tür flog auf, eine Frau mit kurzem dunklen Haar, das abstand wie die Stacheln eines Igels, stürmte herein, ohne auf Petra zu achten.
»Zita«, keuchte sie und presste die Handflächen an ihre Schläfen. »Sie ist … es ist etwas geschehen … es ist so furchtbar …«
Carla Wolf: Mord im Mühltal, BoD (Books on Demand), Oktober 2024
Taschenbuch, 264 Seiten, 13.00 Euro, ISBN 978-3759792150
Mord im Mühltal ist überall im stationären und Online-Buchhandel erhältlich.

Liebe Leser*innen, liebe Freund*innen, liebe neue Neugierige!
Schön, dass Ihr wieder hier seid. Schön, dass es bei all dem Wandel um uns herum ein paar Konstanten gibt. Mit meinem MiniKrimi Adventskalender werde ich euch vom 1. bis zum 24. Dezember durch den Advent begleiten. Mit kriminellen Schmankerln, mal lustig, mal skurril, mal erotisch und auch immer mal wieder ziemlich mörderisch. Das kennt Ihr.
Aber weil nach vorne gehen bedeutet, Bewährtes zu bewahren und durch Neues zu ergänzen, wann und wo es passt, gibt es heuer zwei Premieren in meinen MiniKrimi Adventskalender:
Also, meine Lieben. Noch ein Mal schlafen – dann öffnet sich das erste Türchen des MiniKrimi Adventskalenders 2024, und zwar immer nachmittags oder abends, auf alle Fälle aber vor Mitternacht!
Und Ihr wisst: der Kalender ist nur echt mit dem einen oder anderen Tippfehler. Denn, und das bleibt gleich: meine MiniKrimis schreibe ich auch heuer wieder tagfrisch direkt in den Blog!
Heute ist Reformationstag. Ja, es gibt auch in Europa immer mehr Menschen, die heute Abend verkleidet auf die Straßen gehen, um andere zu erschrecken. Nein, um selbst Spaß zu haben, natürlich. Und die Kinder nicht vergessen! Für sie ist das ein Riesenspaß. Als Hexe, Vampir oder einfach als man selbst an Haustüren klingeln und Süßes oder Saures verlangen. Und erhalten. So oder so.
Ich halte für diese Zwecke immer ein paar Zitronen parat. Und erkläre den erstaunten Kids dann, worum es an diesem Abend eigentlich geht. Denn das wissen die Allermeisten nicht. Und ihre Eltern, Lehrer*innen, Erzieher*innen offensichtlich auch nicht. Sonst hätten sie ihr Wissen ja weitergegeben, oder?
Über die Ursprünge von Halloween gibt Wikipedia hinlänglich Auskunft. Ähnlich wie bei vielen Festen mit religiösem Hintergrund versandet das Wissen darüber. Was bleibt, ist die pure Lust am Feiern, Toben, Konsumieren.
Aber während Weihnachten, Ostern & Co. irgendwo doch immer noch Familienfeste sind, findet Halloween für Kinder draußen statt. In dunklen, bestenfalls nebeldurchwaberten Straßen. Das ist gruselig. Und im Grunde bräuchte es dafür eine ganz gehörige Portion Gottvertrauen, denn so manches Schwarze lauert doch in dieser Vornovembernacht.
Ich erkläre den Kids also, was wir in Italien in der Nacht vor Allerheiligen feiern. Im Norden läuteten die Glocken, um die Seelen der Verstorbenen auf die Erde und in die Häuser zurückzuholen, wo man den Tisch gedeckt ließ, damit sie sich dort stärken konnten.
„Habt ihr vielleicht drüben im Park eine alte Dame gesehen? Mit weißem Haar? Vielleicht ist das meine Mum, die gerade auf dem Weg hierher ist.“ Große Kinderaugen. Hastiges Umdrehen.
„Auf Sizilien“, erzähle ich dann weiter. „werden die Festgelage direkt auf dem Friedhof abgehalten. Cool, oder? Macht das doch morgen auf dem Grab von eurem Opa.“
Spätestens jetzt fragen die Kids nicht mehr nach Süßem. Und wenn doch? Dann bitte ich sie, eine Handvoll Raffaello für meine Mum mitzunehmen und ihr zu geben, wenn sie ihr auf dem Rückweg durch den kleinen Park gleich begegnen werden.
Wow. Kinder können so schnell rennen.
Und jetzt Ihr: bin ich gemein? Nein! Ich kann es nur absolut nicht leiden, wenn Erwachsene Kinder nicht darüber aufklären, warum sie etwas machen sollen. Ja, sollen. Denn von alleine kommt kein Kind darauf, im Dunkeln an fremden Haustüren zu klingeln. Ja, ich weiß, die Peergroup. Aber der gehören dann meistens auch die Eltern an.
Im Übrigen feiere ich heute natürlich weder All Hallows‘ Eve noch die Nacht vor Ognissanti.
Allerdings feiere ich auch nicht wirklich das Protestanten höchstes Fest, den Reformationstag. Warum? Weil ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich so eine tolle Sache war, im Nachhinein betrachtet. Wie viel Leid ist daraus hervorgegangen, völlig unbeabsichtigt von Martin Luther. Aber dennoch.
Wäre die Kirche heute stärker, moderner, geeinter, akzeptierter, ohne Schisma? Wären Missbrauch von Macht und Menschen, Gewalttaten, psychische Folter dann seltener gewesen? Gäbe es dann mehr Frauen als Männer im Priester*innen-Amt? Würde Gott dann nicht mehr als rein männlich angesehen, mehrheitlich?
Meine Erfahrung als Theologin: Die Menschen, die ich kenne, unterscheiden nicht zwischen evangelisch und katholisch. Sie unterscheiden zwischen Angeboten, die ihnen guttun, und solchen, die ihnen schaden oder nicht helfen.
Tatsächlich ist in meinen Augen der einzige Vorteil der Reformation, dass Frauen in der evangelischen Kirche – theoretisch – gleichberechtigt sind.
Gut, das könnte ich feiern. Tue ich auch. In jedem Gottesdienst, der von Frauen gehalten wird. Auch von mir. Hallelujah.
Das ganze Jahr über waren in der eleganten Siedlung am Rande von München Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst der West Highland Terrier Soda. Elvira Obermaier, Mitte vierzig, rote Locken, wacher Blick, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen mit ihren Dobermännern Emma Peel und John Steed immer weniger Menschen begegnete.
Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, glaubte sie keinen Moment daran, dass ihr plötzlich alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.
Nach dem Umzug an den Stadtrand und begünstigt durch immer häufigere Homeoffice-Tage hatten sich viele Bewohner*innen über die Jahre einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten Bewegung in grüner Umgebung, und weil sie allein zu faul zum Laufen waren, musste ein Hund her. Natürlich gewöhnten sie sich an ihre vierbeinigen Trimm-Dich-Partner, und Silke berichtete Elvira von den abenteuerlichsten Formen, die die Trauer um den verlorenen Freund annahm, wenn er aus mannigfaltigen Gründen, sei es Alter, Verfettung oder einfach nur Rattengift, aus dem Leben schied. Weil die Bestattung im eigenen Umfeld sich oft als problematisch erwies, hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den schillerndsten Farben und bizarrsten Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen. Einige hatten sogar Statuen von Cora, Apollo oder Lumpi anfertigen lassen – komplett mit einem Erinnerungsdiamanten in Herzform aus der Asche ihrer Schätzchen.
Elvira verbrachte mit Emma Peel und John Steed ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen just dort das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Gummistiefeln, mit Pfeifen und Kotbeuteln gefüllten Funktionsjacken und – einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr en vogue, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador, allerdings aus dem ungarischen Tierschutz und völlig unzähmbar. Nach und nach kamen ihr auf den Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Hundesterben.
Leider waren viele Besitzer mit ihren neuen Hundebabies erziehungstechnisch restlos überfordert, im Gegensatz zu Elvira. Ihre imposanten und natürlich nicht kupierten Dobermänner gehorchten aufs Wort. Sie überlegte schon, eine Welpenschule zu gründen – ihre 1-Frau-Werbeagentur lief momentan nicht besonders gut, und sie war auf der Suche nach einem zweiten beruflichen Standbein – da kam ihr eine viel bessere Idee.
Denn nach den Hunden hatten in ihrer Umgebung im letzten Frühling auch etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet – nach dem gleichen Prinzip: Die Ehepaare, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, eben sterben.
Auch wenn Elvira von keiner Witwe gehört hatte, die die Asche ihrer verstorbenen Hälfte in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich ja nicht mehr, dass ich noch lese“) oder ihn als Diamant an Finger oder Busen trug – die verwitweten Damen trauerten. Und die mitfühlende Elvira dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.
Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem schnell wachsenden Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den mäandernden Weg um die Siedlung an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger, und bald taten es ihr andere Witwen gleich und traten mit Elvira in Kontakt.
Kurz darauf stellte Elvira sogar eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas Frischeres.
Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Elvira schließlich einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf. sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.
Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer-Weidenhoff! Elvira mochte die elegante 80-jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden schließlich fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen, dafür aber exzellente Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war er mit Sicherheit, dafür war ihm eine stabile Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.
Doch der demente Professor hing an seinem Dasein mit einem geradezu eisernen Willen und weigerte sich hartnäckig, den Platz für ein zweites Glück seiner Frau zu räumen. Gleichzeitig tyrannisierte er die Ärmste mehr denn je. Einmal entdeckte Elvira sogar blaue Flecken an den faltigen Armen. Und Leonardo wurde langsam ungeduldig. Immerhin war Frau Dr. Kramer-Weidenhoff nicht die einzige Seniorin auf Freiersfüßen.
Die Situation spitzte sich zu.
Da schritt Elvira, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.
Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen würde. Sie hatte befürchtet, bei den Damen in ihrer Kundeinnenkartei unter Verdacht zu geraten. Sie hatte geträumt, dass die Polizei sie festnehmen und des Mordes überführen würde.
Aber weit gefehlt!
Vielmehr sah Elvira Obermaier sich schon nach kurzer Zeit genötigt, die Agentur um ein ganz spezielles „Rundum-sorglos“ Angebot zu erweitern.