Was, wenn Maria heute leben würde?


Natürlich gibt es viele Mariae. Ist nach wie vor ein beliebter Name, aktuell in seiner Kurzform „Marie“. Gestern habe ich in der Christmette darüber nachgedacht, wie und wer Maria heute sein könnte. Nicht 1.0, nicht 2.0, sondern Maria 1-4, aber immer eine von uns.

Maria, die Mutter Jesu, hat vor vielen tausend Jahren gelebt. Aber nicht nur dann.

Sie war nicht die erste und nicht die letzte in einer langen Folge von „Mariae“.

Die einen auf Händen getragen, minnebesungen, kleingehalten. Die anderen als Herrscherinnen verehrt und getötet. In diesem Spannungsfeld lebt Maria bis heute.

In dieser Christmette lade ich euch ein, vier Mal Maria heute kennenzulernen.

Maria 1: die Hausfrau

Die kennt ihr vielleicht sogar? Oder erkennt euch in ihr wieder, teilweise?

Von der staden Zeit im Advent hat sie nicht viel mitbekommen. Alles dekoriert. Plätzchen gebacken, mindestens 10 Sorten. Geschenke ausgedacht, gekauft und eingepackt. Das Haus geputzt.

Mann und Kinder zu Weihnachtfeiern gebracht und abgeholt. Zwischendrin die kranke Nachbarin zum Arzt begleitet. Oder so.

Den Baum geschmückt. Weihnachtsessen geplant, gekauft, gekocht.

Jetzt ist es 22 Uhr. Irgendwo läuten Glocken.
Jetzt einen Moment die Stille genießen. Wäre schön.

Maria 1 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.
Was ist das?

Maria heute: die schwangere Geflüchtete

Maria 2 kennt ihr bestimmt. Persönlich oder aus den Medien. Den Nachrichten., den Sozialen Netzwerken. Je nach Medium neutral, positiv oder als Hasssymbol dargestellt.

Sie ist vor drei Monaten hier angekommen. Nach einer endlosen, lebensgefährlichen Flucht aus ihrer Heimat. Nicht, weil sie es dort nicht mehr lebenswert fand, cool oder hip. Nicht, weil sie sich in Deutschland die Zähne richten lassen wollte, oder ohne Arbeit im Geld schwelgen.

Nein, in ihrer Heimat wurde ihr Leben bedroht. Weil den Frauen dort alle Rechte genommen wurden: Das Recht auf Bildung. Das Recht, sich frei zu bewegen – ohne Mann an ihrer Seite. Das Recht, zu sprechen. Das Recht, sich zu kleiden. Das Recht, zu arbeiten.

Weil sie in ihrem Land von Männern immer und ungestraft misshandelt werden konnte. Maria 2 war Lehrerin. Vor dem Berufsverbot. Mit ihrem letztem Geld hat sie die Flucht bezahlt.

Während dieser Flucht wurde sie vergewaltigt. Mehrfach. Übrigens wie alle alleinreisenden Geflüchteten, sagten die Ärztinnen in den  Erstaufnahmeeinrichtungen.

Als Maria 2 hier ankommt, ist sie schwanger. Alleine. Fremd. Schutzlos, sogar in dem Haus, in dem sie leben muss, bis die Behörden über sie entscheiden.

Irgendwo läuten Glocken.

Jetzt tief Luft holen. Unbeschwert. Wäre schön.

Maria 2 schaut aus dem Fenster. Sieht oben am Himmel ein helles Licht.

Ist das für mich?

Maria heute: Die Klimaaktivistin

Maria 3 habt ihr vielleicht in eurer Familie?

Sie ist jung, intelligent. Unangepasst. Unangenehm.

Sie macht nicht, was von ihr erwartet wird: Schule, Ausbildung, Beruf, Arbeiten, Auto, Urlaub, Heirat, Kinder, Eigenheim.

Maria 3 macht sich Sorgen. Um die Welt, in der sie lebt. Sie fürchtet, dass bald niemand mehr hier wird leben können. Dass sie keine Zukunft hat. Dass Kinder morgen keine Zukunft haben.

Maria 3 erkennt die Zeichen des Klimawandels. Sieht, was alle sehen, aber sucht nicht nach Entschuldigungen. Sie glaubt, dass die Welt gerettet werden muss. Und wer, wenn nicht sie, kann das tun? Sie, zusammen mit immer mehr anderen, die auch so sehen, denken und handeln.

Maria 3 fühlt sich unverstanden. Von der Familie gemieden. Beschimpft. Heute, am Heiligen Abend, ganz besonders. Diese Berge von Geschenken, Essen, Konsum. Am Ende alles Müll.

Irgendwo läuten Glocken.

Nur einen Menschen finden, der versteht. Das wäre schön!

Maria 3 schaut aus dem Fenster. Da ist ein Licht oben am Himmel.

Der Anfang vom Ende?

Maria heute: alt und einsam

Maria 4 kennen wir alle, und keiner will so werden. Und doch…

Sie war eine wunderschöne Frau. Geliebt. Sie hatte ein tolles Leben. Kein einfaches, kein besonderes. Sie und ihr Mann haben alles gmeinsam gemacht und gemeistert. Sind zusammen Rad gefahren. Gewandert.

Sie war immer da für alle. Ihre Eltern, ihren Mann, die Kinder. Die Kinder sind weggezogen. Der Mann ist gestorben. Die Freundinnen und Freunde auch.

Irgendwann war das Alleineleben zu beschwerlich. Den Einkauf schleppen, den Blutdruck messen, die Wohnung putzen.

Die Kinder haben ein Heim für sie gefunden. Da sind alle so wie du, da passt du super rein, haben sie gesagt. Aber als alte Frau ist es nicht leicht, sich irgendwo neu einzufinden. Sie läuft schlecht, hört schlecht, und sehen tut sie auch nicht mehr gut.

Die Kinder kommen schon lange nicht mehr. Auch heute nicht, am Heiligen Abend. Sie haben ein Paket geschickt. Mit 4711. Dass es das noch gibt?

Irgendwo läuten Glocken.

Immer allein, da kann sie auch ganz verschwinden.

Maria 4 schaut aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers. Da ist ein Licht obe am Himmel!

Holt mich das Christkind zu sich?

Das Wunder

Maria 1, 2, 3 und 4 treffen sich auf dem kleinen Platz, um den herum sie zufällig alle wohnen. Sie schauen auf das helle Licht am Himmel. Ein Stern? Ein Strahler? Eine Drohne? Was auch immer.

Sie schauen sich um.

Sie schauen sich an.

Sie lächeln.

Verbunden durch diesen Moment des Lichts. Das ist ein Wunder, denkt jede für sich.

„Wunder gibt es immer wieder“ singt Katja Ebstein. „Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehn.“

„Wir sehen nur mit dem Herzen gut“, sagt der kleine Prinz.

Ich wünsche euch und uns, dass wir in diesem göttlichen Licht, das heute Nacht geboren ist, die Wunder sehen, die uns begegnen. Und dass wir für andere zu solchen Wundern werden.

Ein bombastischer Start


Die erste Online Kriminacht der Mörderischen Schwestern war fulminant. 5 Autorinnen, 5 Krimis, jeder anders, jeder besonders. Von einer Unfallflucht mit tödlichen Folgen über einen Umwelthriller in Portugal, Blutströme im Wohnzimmer und einer deutschen Ermittlerin im verträumten Spanien bis zur dreizehnten Fee , die einer Journalistin ihr Leben stiehlt, war alles dabei.

Eine Reise durch Europa im zehn-Minuten-Takt. Interessant, zu erleben, wie unterschiedlich Autorinnen ihre Werke präsentieren. Das alles funktionierte ohne Premierenpatzer dank der wunderbaren Tina Wälde und ihrem Mann, unserem Mörderischen Bruder, die die Lesung perfekt organisiert und vorbereitet hatten. Nochmal ein RIESEN DANKESCHÖN dafür.

Es hat richtig Spaß gemacht, und die Kommentare waren alle super nett!

Wer von euch gestern nicht online live dabei sein konnte, muss auf den spannenden Abend nicht verzichten. Hier ist der Link, unter dem ihr euch die Lesung anschauen könnt, wann immer ihr Zeit habt!

Und wenn ihr dann auf den Geschmack gekommen seid: schaut euch auf der Seite der Mörderischen Schwestern um. Da gibt es ganz viel zu entdecken.

Wir lesen uns schon übermorgen, wenn das erste Türchen meines MiniKrimi Adventskalenders 2026 aufgeht.

Ich verrate euch schon mal so viel: Diesmal entführen euch meine Co-Autorin Lydia H. und ich wieder in die Edelsiedlung in der Minervastraße. Da passieren wieder viele schlimme, spannende, witzige, aberwitzige, kriminelle Dinge. Ich sage nur „it’s cosy crime time.“

Außerdem sind 12 meiner Mörderischen Schwestern dabei und präsentieren ihre neuesten Werke. Also: nicht verpassen. Am Sonntag geht’s los!

Wir lesen uns!

Was macht eigentlich…..


Was macht Jesus eigentlich am Samstag nach seiner Keuzigung? Am Karsamstag oder am Ostersamstag? Schon, wie wir diesen Tag zwischen Tod und Leben nennen, hat viel mit unserer Gewichtung dieser Zeit zu tun.

Karsamstag verharrt in der Trauer, gefangen in Tod und Vergänglichkeit. Ostersamstag öffnet den Hoffnungsblick hinter den Horizont.

Am Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag ist der Spalt dieser Tür schon ein wenig geöffnet, die den Raum zum Leben freigibt.

Was macht Jesus am Samstag? In einigen Kirchen liegt er aufgebahrt in einem Blumenmeer. Eine Tradition, die bis ins 10. Jahrhundert zurückführt. Ein mir sehr lieber Monsignore schrieb heute auf Instagram dazu, Jesus räume heute schon mal die Unterwelt auf.

Oder ruht er im Grab? Ist er sich vielleicht selbst nicht ganz sicher, ob er auferstehen wird, morgen? Oder schläft er, endlich, geborgen und unerreichbar für die Welt mit ihren Wünschen, Forderungen, Drohungen, mit ihrer Heldenverehrung und ihrem Hass. Mit ihrer tödlichen Gewalt?

Natürlich ist es müßig, sich solche eine Frage zu stellen. Sie kam mir gestern während eines Orgelkonzerts in der Sendlinger Himmelfahrtskirche. Die Töne brausten, rauschten, zischten, dröhnten, sie flüsterten und schmeichelten. Und da es um Jesus ging, in diesem Bachkonzert, kam mir die Frage in den vom Alltag leergefegten Sinn.

Was mache ich an diesem Samstag? Ergebe ich mich der Hektik, die einem Fest beinahe zwingend vorauszugehen scheint? Wenn Menschen kaufen, als stünde das Ende der Konsumwelt bevor, über ich mich in Zurückhaltung.

Aber ich mähe und pflanze und dünge, als gäbe es morgen kein Urbi et orbi, sondern ein Obi et Orbi, wie der Kolumnist im Sonntagsblatt treffend schrieb.

Nein. ich feiere kein Frühlingsfest und auch nicht das Erwachen der Natur. Das zelebriere ich bei meinen täglichen Hunderunden und dokumentiere seit 2 Monaten, wie sich die Knospen aus dem Winterschlaf schälen.

Ich feiere das Licht, das meine Dunkelheit zerreißt. Nachhaltig. Auf ewig.

Auch, wenn mir gerade jetzt die Menschen und die Tiere, die ich liebe und die ich nicht mehr um mich habe, ganz besonders fehlen. Auch, wenn mir gerade jetzt die Kraft ausgeht und ich tatsächlich denke, dass ich im Grunde gerne dieser Sehnsucht und meinen Lieben folgen möchte. Lieber früher als später. Jetzt sofort. Gerade dann spüre ich die Dankbarkeit darüber. dass ich daran glauben darf: es geht weiter. Besser. Ohne diesen Glauben wäre ja auch meine Trauer abgrundtief und bodenlos.

Jesus, der Christus, war vielleicht nie so sehr Mensch wie am Karfreitag. Welche Schmerzen, welches Leid. Und welche Ängste. Jeder, ob er oder sie glaubt oder nicht, kann das nachvollziehen. Jedem ist Jesus an diesem Tag nah. Als einer von Millionen, die gequält, gefoltert und getötet wurden und werden. Als einer von uns, die wir sterben werden. Viele, die nicht glauben – an Gott. an Götter, an Schuld und Erlösung, betrachten mich heute mitleidig oder, auch das, verächtlich. Manche werden angesichts meiner Osterfreude sogar aggressiv. Dabei ist unsere Motivation genau die gleiche. Nur mit umgekehrten Vorzeichen.

All das Leid, die Ungerechtigkeit, das Unvollkommene, all die Gewalt auf unserer Erde und in unserer Welt – für mich sind gerade sie Grund und Anlass zum Glauben. Verankert im Ostergeschehen.

Egal, was Jesus heute gemacht hat.

Ich gehe ins Bett. Und freue mich darauf, morgen das Licht zu feiern. In mir. Und zu hoffen, dass ich es weitergeben kann. Wortlos und nur mit einem Lächeln.

Information und Predigt am Sonntag Reminiszere

Eine brennende Kerze steht vor einem Fenster

Fürbitte für die Christ*innen und Jesid*innen im Irak

Nachfolgend findet ihr den Text meiner Predigt von heute, 16.3.2025.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

einmal im Jahr gedenken wir der verfolgten Christ*innen in der ganzen Welt. Sie bilden nach wir vor die größte verfolgte religiöse Gruppe. Weltweit sind mehr als 380 Millionen Christ*innen in 78 Ländern wegen ihres Glaubens intensiver Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Tendenz leider steigend.

Für uns schwer vorstellbar – aber wir haben bei uns ein Gemeindeglied, dass genau aus diesem Grund hierher geflohen ist. Wer mit ihm gesprochen hat, hat vielleicht eine Ahnung davon, wie gefährlich der Glaube in manchen Teilen der Welt sein kann, während er für uns selbstverständlich oder für viele sogar nebensächlich ist.

Dieses Jahr hat die EKD den Irak in den Mittelpunkt des Gedenkens gestellt.

Steht in der „Rangliste“ der Länder, in denen Christ*innen verfolgt werden,
auf Platz 17. Auf den Plätzen 1-5 stehen Nordkorea und Somalia, der Jemen, Libyen und der Sudan. Wir selbst kennen Menschen, die aus dem Irak bis zu uns nach München geflohen sind.

Aktuelle Situation im Irak

Auch wenn im Irak kein offener Krieg mehr herrscht und die Isis-Krieger als besiegt gelten – die Gewalttäter des Krieges leben weiter in dem Land. Vielen von ihnen waren aus der Armee von Saddam Hussein zur Isis übergetreten, die die Christ*innen und Jesid*innen verfolgt und ermordet haben.

Die Hauptsorge der Minderheiten im Irak ist es, dass es dem Iran gelingt, seinen Einfluss auszuweiten, um auch den Irak in einen Gottesstaat iranischer Prägung zu verwandeln. Ihre einzige Hoffnung ist die Erhaltung einer religiösen und kulturellen Vielfalt im Land, damit auch die Minderheiten in Zukunft friedlich dort leben können. Deshalb halten die Minderheiten im Irak zusammen. Meist treten Jesid*innen und Christ*innen gemeinsam auf, wenn sie ihre Stimme erheben.

Die Minderheiten im Irak tragen wesentlich zum reichen kulturellen und sozialen Mosaik des Landes bei. Ihre einzigartigen Sprachen, Kulturen, Traditionen und religiösen Praktiken machen den Irak zu einer lebendigeren Gesellschaft und zu einem der vielfältigsten Länder im Nahen Osten. Diese Vielfalt fördert den Zusammenhalt und das Verständnis füreinander. In wirtschaftlicher Hinsicht haben die Minderheiten im Irak seit jeher zur Alphabetisierung, zum Finanzwesen, zum Handel, zum Handwerk und zu verschiedenen qualifizierten Berufen beigetragen und das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Mehrheit bereichert.

Übrigens: Die ständige Sorge vor neuer Gewalt bewirkt, dass bisher nur etwa fünf bis zehn Prozent der Christ*innen in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind, nachdem sie aus Angst um ihr Leben geflohen waren. Nicht nur in die autonome Region Kurdistan, sondern in die ganze Welt. Das gleiche gilt für die Jesid*innen.

Die chaldäische katholische Gemeinde in München schätzt die Zahl der chaldäischen Christ*innen in Deutschland auf rund 20.000, mit Schwerpunkten in Bayern, insbesondere in München, Augsburg und Nürnberg. In München leben geschätzt rund 4000 Jesid*innen.

Der Predigttext, den wir gerade gehört haben, spricht davon, mit welcher Motivation und Aufgabe Jesus auf die Welt kam und was daraus folgt. Er verbindet den Glauben sehr eng mit dem, was wir an Gutem tun, in G*ttes Namen. Jesus will die unheilvollen Verflechtungen lösen und uns durch seine Liebe zur Wahrheit führen, steht da. Wer die Wahrheit tut, der kommt zum Licht. Und im Licht brechen die Gebäude aus Lügen und Bosheit zusammen.


Das klingt abstrakt? Für uns vielleicht. Denn wir sind meist nicht lebensbedrohlich von solchen bösen Verflechtungen betroffen. Gottseidank. Aber die Christ*innen und die Jesid*innen im Irak klammern sich täglich an diese Gewissheit, dass die bösen Werke im Licht Jesu zerfallen werden. Der chaldäische Erzbischof Najeeb Michael von Mossul betont, dass allein dieser Glaube seinen verfolgten Gemeinden Hoffnung gibt – für uns kaum vorstellbar!

Gerade das Johannesevangelium gibt den Gemeinden Kraft. Denn auch Johannes stellt in einer Situation der Bedrängnis das Vertrauen auf die Kraft der göttlichen Liebe als Trost und Mutmacher immer wieder heraus.

Jesid*innen leiden noch mehr unter Verfolgung

Ich arbeite u.a. für eine private Hilfsorganisation, die schwer kranken Kindern in Deutschland lebensrettende Behandlungen ermöglicht. Eines dieser Kinder ist Aza – auf dem Faltblatt. Aza und ihre Familie sind Jesiden.

Die Situation der Jesid*innen ist noch dramatischer als die der Christen im Irak. Das sich hartnäckig haltende Vorurteil, sie würden eigentlich den Teufel anbeten, war in der Geschichte immer wieder Grund, sie blutig zu verfolgen. Bis heute werden Jesid*innen in weiten Kreisen der muslimischen Mehrheitsbevölkerung im Irak als Ungläubige gesehen. 

2014 verübte die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) einen brutalen Völkermord an den Jesiden. In nur wenigen Tagen brachten sie 10.000 Jesid*innen jeden Alters auf grausame Weise um. 7.000, vor allem Frauen und Mädchen, wurden verschleppt und als (Sex)-Sklavinnen an IS-Kämpfer verkauft. Einige konnten sich selbst befreien oder wurden mit hohen Lösegeldsummen von ihren Familien freigekauft. 3.000 sind aber noch immer in Gefangenschaft.  Der deutsche Bundestag hat den Völkermord an den Jesid*innen im Januar 2023 anerkannt. 

Aza und ihre Familie sind Jesiden. Das Mädchen kam als Baby nach Deutschland. Ihr Dorf wurde angegriffen, Frauen verschleppt. Wenn die Flucht nicht gelungen wäre, wäre Aza ganz sicher getötet worden, denn sie kam mit einer Behinderung auf die Welt: ihr linkes Bein ist nur halb so lang wie das rechte. Inzwischen ist Aza schon 7 Jahre alt. Sie geht in Deutschland in die Schule, und ein amerikanischer Beinverlängerungsspezialist bemüht sich, die Beine so weit wie möglich anzugleichen. Wäre sie im Irak geblieben, wäre sie tot.

Die Mutter spricht gut Deutsch und macht eine Ausbildung zur Familienhelferin. Aber es hat lange gedauert, bis sie die Ängste vor Verfolgung und die Albträume hinter sich lassen konnte.

380 Millionen Schicksale

Liebe Brüder, liebe Schwestern, hinter jedem der 380 Millionen Verfolgten steckt ein Mensch mit einem Schicksal, so wie Aza. Es ist wichtig, sie nicht zu vergessen. Es ist wichtig, auf verschiedenen Ebenen für sie einzutreten. Politisch. Kirchlich. Betend – wie wir das heute tun.

Und helfend. Zum Beispiel, wenn Geflüchtete es bis zu uns schaffen. Viele kommen nicht mit einem perfekten Aktenordner mit allen Papieren, die in Deutschland verlangt werden. Das bringt die Flucht so mit sich. Bzw. gibt es in vielen Ländern gar nicht all die Dokumente, die die deutschen Behörden verlangen. Das fängt bei der Geburtsurkunde an und hört bei der Heiratsurkunde noch lange nicht auf. Dennoch brauchen die Allermeisten Hilfe. Dennoch suchen die Allermeisten Schutz. Dennoch wollen die Allermeisten nur in Frieden und Sicherheit leben. Mit ihrer Familie und ihrem Glauben. Das gilt nicht für verfolgte Christ*innen.

Es ist unsere Aufgabe, ihnen nicht die Tür vor der Nase zuzuknallen. Es gibt einen Unterschied zwischen Migration und Flucht. Während Flucht eine erzwungene Entscheidung aufgrund von Gewalt und Konflikten ist, stellt Migration eine freiwillige Bewegung aus sozialen und wirtschaftlichen Notlagen dar. Auch diese Notlagen können lebensbedrohlich sein, fallen aber nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK, 1951). Deutschland hat diese Konvention unterzeichnet, und das gibt uns Helfenden den rechtlichen Rahmen für unser Engagement. In der Konvention steht u.a. – Grundsatz des Non-Refoulement (Art. 33 GFK):

Als Christ*innen müssen wir, wo und wie es in unserer Macht steht, helfen

Geflüchtete dürfen nicht in ein Land abgeschoben werden, in dem ihnen Verfolgung aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, politischer Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe droht. Dieser Schutz gilt unabhängig davon, ob die Person als Flüchtling anerkannt wurde oder nicht.

Einmal im Jahr an die religiös Verfolgten zu denken, ist wenig. Aber nehmen wir es als Erinnerung, auch während der restlichen 364 Tage offen zu sein, sie zu sehen, für sie einzutreten, wo es uns möglich ist, und für sie zu beten – für alle aus religiösen Gründen Verfolgten in aller Welt. Heute können für als Zeichen dafür eine Kerze ins Fenster stellen.

Amen.

Hier findet ihr Informationen und Texte der EKD zur Fürbitte für verfolgte Christ*innen

Und hier erfahrt ihr mehr über die Situation von verfolgten Christ*innen weitweit

Es brennt! Löscht mit!


Brandmauer, Flächenbrand, Beben, Dammbruch, Flut – schon die Sprache, mit der das aktuelle politische Geschehen in Deutschland behandelt wird, ist dramatisch und katastrophenschwanger. Mit Neuwahlen am Horizont und wenig Aussicht auf einen erfolgreichen winterlichen Mikrowahlkampf (zu wenig Zeit, zu wenig Aktive, zu wenig Menschen auf den Straßen und Plätzen) verlagert sich der Showdown im Kampf um die Wähler*innengunst ins Parlament. Ins Allerheiligste unserer Demokratie, also.

Dort gehört er m.E. nicht hin. Denn im Bundestag sollen Entscheidungen getroffen werden, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen im Land haben, so sie die weiteren rechtstaatlichen Instanzen erfolgreich durchlaufen. Was dem Migrationsantrag von Friedrich Merz nie gelungen wäre. Verfassungsrechtliche Bedenken, Widerstand aus der Gesellschaft, fehlender Konsens im Bundesrat – und schließlich die Unpraktikabilität und Unausgereiftheit hätten dem Entwurf sehr bald den Garaus gemacht.

Warum also hat Fritze Merz diesen Antrag überhaupt eingereicht? Ich halte es für lohnend und wichtig, diess Frage zu beantworten (was in diversen Talkshows ja bereits gemacht wurde).

Wir rekapitulieren zunächst die zentralen Punkte des Antrags:

  1. Dauerhafte Grenzkontrollen und Zurückweisungen: Die Einführung permanenter Kontrollen an den deutschen Grenzen, mit der Möglichkeit, Personen ohne gültige Papiere oder ohne Aufenthaltsrecht direkt zurückzuweisen.
  2. Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte: Ein vorläufiger Stopp des Familiennachzugs für Personen, die nur einen eingeschränkten Schutzstatus besitzen.
  3. Verschärfte Abschieberegelungen: Die Einführung strengerer Maßnahmen zur Abschiebung ausreisepflichtiger Personen, einschließlich längerer Abschiebehaft für Straftäter.
  4. Ablehnung der erleichterten Einbürgerung: Eine klare Absage an die von der aktuellen Regierung geplanten erleichterten Einbürgerungsregelungen.
  5. Steuerliche Entlastungen: Vorschläge zur Steuerbefreiung von Überstundenzuschlägen und eine Reduzierung der Umsatzsteuer in der Gastronomie.
  6. Sozialpolitische Maßnahmen: Die Einführung einer sogenannten „Aktiv-Rente“ zur Unterstützung älterer Arbeitnehmer.

Dieses 15-Punkte-Programm soll im Falle eines Wahlsiegs der Union innerhalb der ersten 100 Tage umgesetzt werden.

Schon der erste Punkt ist wegen Deutschlands Unterschrift unter die Genfer Konvention nicht durchsetzbar. Warum? Stellt euch vor, ihr müsst eure Heimat bei Nacht und Nebel verlassen und habt keine gültigen Papiere (nicht jedes Land ist so bürokratisiert wie Deutschland, und selbst hier gibt es Menschen ohne gültigen Ausweis – mich z.B.). Bzw. Ihr habt aufgrund der politischen Situation nicht die Möglichkeit, Papiere zur Ausreise zu erlangen. Gerade, wenn tatsächlich Gefahr für Leib und Leben besteht, kommen Geflüchtete oft ohne Papiere hier an. Oder die Schlepper haben ihnen alles abgenommen. Die geringste Zahl von Menschen auf der Flucht hat einen sauberen Ordner mit allen Papieren dabei, die in Deutschland gefordert werden (Ausweis, Geburts- und ggf. Heiratsurlunde, Schulabschlusszeugnisse, Diplome etc.).

Tatsächlich habe ich während meiner Arbeit im Bereich Migration nur wenige Menschen erlebt, die mit Papieren gekommen sind. Darunter die Familie eines hochrangigen togoischen Generals. Der hätte die aber gar nicht gebraucht, denn er war bekannt. Die allermeisten stehen ohne Papiere vor dir – dafür mit blankem Entsetzen im Gesicht. Natürlich gibt es unter ihnen auch Kriminelle und psychisch Kranke. Erstere kommen allerdings meistens sehr schnell durchs Asylverfahren, weil sie durch die internationale Mafia mit allem Nötigen versorgt werden. Die deutschen Behörden nicken dann sehr oft einfach alles ab.

Und die psychisch Kranken? Erhalten leider allzu oft nicht die dringend notwendige Behandlung – was der Verweigerung eines Menschenrechts nahe kommt. Dadurch verschlimmert sich ihre Krankheit. Hinzu kommt, dass die deutschen Beörden, Ämter etc. in solchen Fällen nicht ausreichend kooperieren („ist ja nur ein Ausländer“) – mit in Einzelfällen katastrophalen und tödlichen Folgen.

WIchtig ist, festzuhalten: die Zahl solcher von Geflüchteten begangener Straftaten ist in der Relation sehr gering, auch, wenn die Medien und die Rechtsrextremen anderes sagen. Die meisten Femizide passieren durch deutsche Männer, z.B. Trotzdem sagt mir eine Krankenschwester beim Blutabnehmen, sie habe im Dunkeln Angst vor ausländischen Männern. So funktioniert „gute“ Propaganda. Interessanterweise habe ich noch nie gehört, dass jemand Angst vor ausländischen Frauen hat. Aber „alle Ausländer raus“?

Doch ich schweife ab. Auch die weiteren migrationsspezifischen Punkte des Merz-Antrags kollidieren mit gesundem Menschenverstand (wir brauchen Arbeitskräfte, sollen denen aber die Arbeitsaufnahme erschweren?) oder dem Rechtsstaat.

Warum also dieser Antrag?

Alle möglichen Antwortszenarien machen mir Angst.

  • Merz will die Wähler*innen am rechten Rand abfischen und zeigen, dass, wie schon von Frau Klöckner auf Instagram formuliert („Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht AfD wählen. Dafür gibt es eine demokratische Alternative: die CDU.“), die CDU auch für rechtsnationalistische Gesinnungen eine Heimat sein kann.
  • Merz will ausprobieren, ob die anderen Parteien, die den Brandmauer-Konsens unterschrieben haben, damit erpressbar sind – und er also alles durchsetzen kann, was er sich so vorstellt.
  • Merz will sich, das Parlament und die Öffentlichkeit schrittweise darauf vorbereiten, dass er seine Politik auch gerne mithilfe einer faschistischen Partei verwirklichen wird.
  • Merz ist so dermaßen von sich selbst eingenommen, dass er fest davon überzeugt ist, sein Wort sei Gesetz bzw. könne es jederzeit werden, unabhängig von jeglichen demokratischen Prozessen. Er kennt keine Verantwortung, außer für sich selbst.

Egal, welches Szenario der Wahrheit am nächsten kommt: alle sind erschreckend und beweisen, dass es diesem Kanzlerkandidaten nicht um das Wohl der Menschen in Deutschland geht, sondern einzig um sich. Nicht mal um seine Partei. Denn sonst hätte er sich einen Moment Zeit genommen, um auf diejenigen zu hören, die ihn (und als Kennerin der Prozesse, die einem solchen Antrag innerparteilich vorausgehen, bin ich davon überzeugt, dass es die gegeben hat) vor den möglichen Konsequenzen in der Öffentlichkeit gewarnt haben. Warum haben einige CDU-Abgeordnete bei der namentlichen Astimmung zum Zustrombegrenzungsgesetz dagegen gestimmt? Vielleicht aus demokratischem Pflichtbewusstsein. Aber ich denke, sie taten das vor allem, weil ihnen im Zweifel das Hemd näher ist als die Hose, sprich, weil der Protest in ihrem Wahlkreis sie für den 23. Februar ein persönliches Debakel befürchten ließ.

In diesem Zusammenhang frage ich mich, worauf die ungewöhnliche Stille des Bayerischen Ministerpräsidenten bezüglich der aktuellen Ereignisse im politischen Berlin beruhen mag…

Erstaunlich auch, dass Merz offenbar nicht mit den erfolgten deutschlandweiten Protesten gerechent zu haben scheint. Das deutet für mich schon fast auf „trumpeske“ Züge hin.

So betrachtet, ist also auch das knappe Scheitern des Gesetzentwurfs am Freitag (349 Abgeordnete stimmten gegen den Entwurf, 338 dafür, bei fünf Enthaltungen) kein Sieg der Demokratie. Aber es bedeutet eine Atempause, in der wir uns sammeln können für weitere Proteste. Für ein Aufschreien, Aufschreiben gegen das rechte Schreckgespenst an den parlamentarischen Wänden.

ich fürchte, es ist in der Tat 5 vor 1933. Und wir wissen, wie das Wegschauen ausgegangen ist, damals. Das „ich bin ja nicht betroffen“ – weil kein Jude und keine Jüdin, kein*e Behinderte*r, kein*e Sinti oder Roma, kein*e Linke*r. Am Ende war ein ganzes Volk be- und getroffen. Ein ganzes Land. Ganz Europa.

Ha, sagt ihr, schau doch mal in dein italien. Was macht die Meloni denn da? Ja, ich schaue dorthin. Mit Bangen. Aber – wir italiener sind halt doch anders. Zu individualistisch für eine stringente Massenbewegung. Was sich in der Vergangenheit als politische Instabilität erwiesen hat, ist jetzt vielleicht ein Glück. Übrigens: auch der zweite Transport von Geflüchteten nach Albanien musste zurückgepfiffen werden. Wäre das in Deutschland auch möglich?, frage ich.

Fazit: Merzens Generalprobe ist im Parlament im zweiten Anlauf gescheitert. Das ist kein Grund zum Aufatmen, aber ein Beweis dafür, dass „das Volk“ sehr wohl Macht hat.

Meine Bitte: Nutzt diese Macht. Zeigt durch eure Haltung, durch eure Präsenz, durch das, was ihr sagt, jeden Tag, beim Bäcker, in der Kirche, an der Ampel., im Büro, in der Kita, dass wir mehr sind. Mehr als die Neofaschisten, mehr als die Fake News Verbreiter. Mehr als die Hasser. Dass wir daran glauben, dass auch komplizierte Situationen am besten in einer Demokratie zu bewältigen sind. Und dass Wohlstand immer ein Geben und Nehmen ist, dass wir „ein gutes Leben“ nie für uns alleine werden verwirklichen können, sondern nur in der Gemeinschaft.

Und: lest euch das Wahlprogramm der AfD durch – in Häppchen, mit Tee oder Wein zur Beruhigung, und zitiert es in euren Gesprächen! Denn, frei nach dem Film „One life“: Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ D.h. wer einen AfD-Sympathisanten gewinnt, gewinnt die ganze Wahl.

MiniKrimi Traumgespinst


Ich möchte vorausschicken, dass dieser MiniKrimi einzig meiner Fantasie entspringt und jede Ähnlichkeit zu real existierenden Personen rein zufälliger Natur ist!

Spannende Caption: ich habe bewusst die WordPress-eigene KI für das Beitragsbild genutzt – und jede Ähnlichkeit von Big D mit bekannten Menschen wurde „vorauseilend“ minimiert. Es brauchte 6 Versuche, um zumindest das aktuelle Bild zu kreieren…..

Leider (?) nur ein Traum

Mal ehrlich, meine Herren – Jungs? Wovon habt ihr geträumt, nachts, in eurer Pubertät? Was hat euch angefixt, unter der Bettdecke, so mit 15? Der Bravo Starschnitt von Suzy Quatro? Jeanne Moreau in Jules et Jim? Oder doch Sophia Loren mit „tu vuoi fa l’americano“?

Big D hatte als 15-Jähriger nur einen Traum. Nacht für Nacht. In seinem schmalen Bunkerbett in der NYMA träumte er nicht von seinem Elternhaus oder seiner Schule in Queens, die ihn wegen „Verhaltensproblemen“ vor die Tür gesetzt hatte. Nein. Er sah sich in einem nur von Kerzen erleuchteten Saal, umringt von einer Schar glühender Anhänger in Smoking und Abendkleidern, die alle gekommen waren, um seinen Geburtstag zu feiern. Als Höhepunkt – im wörtlichen Sinn – wurde dann eine riesige Torte hereingeschoben, so eine wie in Singing in the rain, und heraus sprang: Marilyn Monroe. Sie schmiegte sich an ihn und hauchte verführerisch „Happy Birthday, Mister President“.

Dieses Bild verfolgte den ebenso unglücklichen wie missglückten Jungen durch seine gesamte – wir müssen ehrlich sein – nicht sonderlich erfolgreiche Schulkarriere – und weit darüber hinaus.

Big D – der damals noch nicht so genannt wurde, wobei das erstaunlich ist, weil sein Ego eigentlich schon immer mindestens so groß war wie seine Selbstüberschätzung – wusste genau: Um in den USA ganz nach oben zu kommen, brauchst du vor allem Geld. Und Beziehungen. Aber die erkaufst du dir am einfachsten mit – Geld. Also setzte der junge Mann alles daran, das familieneigene Immobilienunternehmen zu einem Imperium auszubauen. Weil er einerseits sehr risikofreudig und andererseits von keinerlei ethischen Skrupeln geplagt war, gelang ihm das eine ganze Zeit lang ziemlich gut. Denn während andere in seinem Alter Sportwagen sammelten, Yachten oder Freundinnen, galt seine Sammelleidenschaft vor allem einer „Sache“: der Macht. Er wurde reicher, er wurde bekannter. Und in dem Maß, in dem sein Einfluss auf die Finanz- und Wirtschaftswelt wuchs, wuchs auch die Zahl der Menschen, die ihn nicht mochten, verachteten, hassten.

Aber „D“ hatte sich aus dem Geschichtsunterricht genug gemerkt, um zu wissen, dass mit Anerkennung und Berühmtheit auch viel Missgunst einhergeht. Viel Ruhm, viel Neid – ihr kennt den Spruch. Gleichzeitig war D fest entschlossen, nicht solch kapitale Fehler zu begehen wie einige seiner Vorgänger, etwa Julius Caesar oder Napoleon. Nein. Er war nicht nur vorsichtig – er verstand es, sich mit einer mehrschichtigen getreuen Phalanx zu umgeben, die über ihn und seine Schritte und Tritte wachte.

Den engsten Kreis bildeten dabei Leute, die ihn nicht unbedingt mochten oder seine Meinungen teilten, die aber von ihm unmittelbar und in großem Ausmaß profitierten. Das waren seine treuen Opportunisten.

Dann gab es solche, die an gar nichts glaubten und niemanden mochten, außer eine sehr gute Bezahlung. Das waren seine Bodyguards.

Und dann gab es eine riesige und kontinuierlich wachsende Schar von Menschen, die an seinen Lippen hingen und jedes seiner Worte für bare Münze nahmen, oder es je zu hinterfragen – oder hinterfragen zu können. Denn diese Menschen waren schlicht oder, genauer gesagt, dumm. Sie glaubten seinen Versprechungen eines goldenen Zeitalters, in dem ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen und all ihre Widersacher tot umfallen würden. Ein Beispiel: während der Corona-Pandemie erklärte D öffentlich, statt sich mit einem hochgefährlichen und bislang an nur wenigen Millionen Menschen erprobten Vaccin impfen zu lassen, genüge es, einfach Desinfektionsmittel in großen Mengen zu trinken. Ich bin ja der Meinung, das war für ihn sowas wie eine Generalprobe dafür, wie weit er mit der Loyalität seiner Anhänger*innen rechnen konnte. Die Antwort war beeindruckend: tatsächlich bis zum Tod!

Aber ich schweife ab. D, inzwischen von seinen „Freunden“ „The D“ genannt, hatte natürlich nicht nur Erfolge. Im Gegenteil: seine Methode führte zwangsläufig dazu, dass seine geschäftlichen Kartenhäuser zusammenbrachen. Immer und immer wieder. Denn auch die treuesten Gefolgsleute der Kategorie 1 – engste Vertraute und Geschäftspartner – ließen sich nicht auf ewig hinhalten oder sogar verprellen. Und weil The D nur seinen eigenen Profit im Kopf hatte, gingen sie letztendlich leer aus. Und versuchten, es ihm heimzuzahlen.

Doch er schaffte es immer wieder, wie ein Phönix mit neuem Glanz aus der Asche seiner Pleiten aufzuerstehen. Größer und erfolgreicher als zuvor. Denn bei allem Auf und Ab verlor er sein großes Ziel nie aus den Augen. Ihr erinnert euch. Die Torte! Marilyn! Gut, die war inzwischen austauschbar, weil unerreichbar. Aber Blondinen gab und gibt es ja genug. Echte und nicht so Echte.  Bei der Auswahl bediente D sich im Laufe der Jahre natürlich ausgiebig. Sein Herz aber verlor er nie, so viele andere er auch brach. Nicht einmal als Penny, eine süße und äußerst talentierte Musical-Sängerin, sich von seinem D-Tower in den Tod stürzte, spürte er dort, wo bei anderen die Gefühle sitzen, den geringsten Stich. Penny hatte ihre Karriere hingeworfen, um sich ganz und gar ihrem Mentor D zu widmen, nur, um kurz darauf durch eine Fox-News-Journalistin ersetzt zu werden. Die behielt er auch nicht lange, und die Reihe seiner Exxen soll, so sagen sie, so lang sein wie die Panamerikana (immerhin 30 Tsd. Km!).

The D scherte sich nicht um die wachsende Schar der Leute, die ihn hassten. Dank seiner Phalanx fühlte er sich unbesiegbar. Das hatten allerdings auch Caesar & Co. von sich geglaubt.

Und so kam es, wie es kommen musste. Big D, wie er inzwischen von Fans und Gegnern genannt wurde, erkletterte alle Stufen der Macht. Und stand irgendwann ganz oben. Unter seinen Füßen das Volk. Um ihn herum die aktuellen Opportunisten. Und draußen, jenseits eines großen Zaunes, all jene, die sich immer noch fragten, wie er es hatte soweit bringen können. Wie sie es soweit hatten kommen lassen.

Und jetzt, endlich, war es soweit. Big D war wieder 15. Er stand in einem nur von Kerzen erleuchteten Saal, umringt von einer Schar glühender Anhänger in Smoking und Abendkleidern, die alle gekommen waren, um seinen Geburtstag zu feiern. Als Höhepunkt wurde kurz vor Mitternacht eine riesige Torte hereingeschoben, eine genaue Replique von der aus Singing in the rain. Trommelwirbel, dann: Stille. Allenthalben „Ah“ und „oh“! Der Deckel der Gigantentorte wurde von zwei schlanken Armen hochgehoben, und eine langbeinige Blondine entstieg dem kunstvollen Gebäck. Wie lange hatte Big D diesem Moment entgegengefiebert. Wie lange hatte er nach ihr gesucht und sie endlich gefunden. Die Verkörperung all seiner Träume. Stella, blutjung und nur in zarten Tüll gehüllt. „Happy Birthday, Mister President“, hauchte sie. Bückte sich kurz und stand dann in ihrer ganzen Schönheit vor ihm und den Gästen. In den Händen allerdings kein Mikrofon, sondern eine geladene Kalaschnikow. „Fare well now, Mister President“, hauchte sie, immer noch zärtlich. Und schoss. Eine Runde und dann noch eine. Und noch eine.

Tja – statt Singing in the rain hatte sie sich ganz offensichtlich die Schlüsselszene von Some like it hot zum Vorbild genommen.

Bevor sie von den ihr längst treu ergebenen Bodyguards nach draußen geleitet wurde, stupste sie den am Boden liegenden Big D mit der Spitze ihrer Silbersandalette an und sagte noch: „Mit liebsten Grüßen aus dem Jenseits von meiner Mutter Penny. Fahr zur Hölle.“

Welttag des Buches


Mein Vater, der kluge Karikaturist, hat mit spitzer Feder eine Waage gezeichnet. In der einen Schale liegen Bücher, gestapelt, meterhoch. In der anderen ein Gänsekiel. Ratet. was scjwerer wiegt?

Was bewegt uns Autor*innen, immer wieder immer noch das zu schreiben? Ist denn nicht längst alles gesagt, auch, wenn vielleicht noch nicht von allen? Ich kann nur für mich sprechen. Und wenn ich das, was in mir brodelt, stichelt, drückt und zwickt nicht rauslasse, als sinngebende Zeichen auf weißgraubunt, dann zerfrisst es mich, zerreist und beißt es mich um meinen Verstand.

Gottlob war es bisher immer so, dass das, was ich schreibe, bei anderen eher Balsam ist als Gift und eher Freude hervorbringt als Abscheu oder, schlimmer, Langeweile.

Scribo ergo sum. Ich schreibe, also bin ich.

Seid Ihr da bei mir?

Dann freuen wir uns gemeinsam auf die nächsten Geschichten.

Karfreitag


„Am Karfreitag regnet es doch normalerweise“, hat ein Freund mir gerade am Telefon gesagt.. Tut es das? Ich erinnere mich an sonnig sommerwarme Karfreitags-Nachmittage in meiner Kindheit. Da saß ich auf dem Balkon und malte mit meinem Vater ausgeblasene Eier für den Osterstrauß an. Er abstrakt, ich kindlich gegenständlich. Leider sind die kleinen Kunstwerke meines Vaters und zum Glück meine Kreationen nicht mehr erhalten.

Mit 18 verbrachte ich denkwürde Karfreitagsstunden mit meinem Freund beim „Metonkel“ mitten in einem schon maigrünen Wald. Wir saßen auf klapprigen Campingstühlen vor seinem alten Bauwagen und tranken aus schmutzigen gesprungenen Gläsern trüben Met zum Zwitschern unsichtbarer Vögel. Weder den Wagen noch den Metonkel und schpn gar nicht diese Vögel gibt es heute noch.

Ein Hauch von Vergänglichkeit liegt über diesem Tag. Eigentlich sollte es regnen.

Der Tod ist wie ein Punkt am Ende des Satzes. Unweigerlich nötig, weil auch die schönsten Wortgebilde sich nicht in die Unendlichkeit fortsetzen können. Und ihrer Einzigartigkeit beraubt, wären sie auch nicht mehr schön, Vor allem gäbe es dann nur noch begrenzten Raum für Neues. Stellt Euch vor, wenn jeder Satz, gedacht oder gesprochen, ewig wäre! Wir würden ersticken und verstummen vor der Gewalt all dieser nie gestillten Worte.

Aber zum Glück wurde irgendwann die Interpunktion erfunden.

Sie gilt für unsere Sätze und auch für unser Leben. Irgendwann ist Schluss. Das wird uns Christen heute durch das Leiden Jesu und aller anderen Gekreuzigten vor Augen geführt. Durch den zerrissenen Vorhang im Tempel. Und die Angst der Zurückgebliebenen.

Aber natürlich stirbt Jesus nicht zufällig gerade in dieser Jahreszeit. Pessach. Zuckerfest. Frühlingserwachen. Im Tod liegt schon der Keim zum Werden. Dieses Motiv ist älter als jede Religion. Sie ist der Pulschlag, seit es Leben gibt.

Trauer und Freude dürfen nebeneinander liegen, aufeinander, durcheinander. Du hast jemanden verloren, der dir fehlt? Weine. Und lache. Denn kein Verlust ist ewig. Mindestens in deinem Herzen und in deinen Erinnerungen kannst du Verlorene finden. Glaube mir! Versuche es.

Ich leide heute mit Jesus Christus und mit allen, die gequält und getötet wurden und werden. Ich bin dankbar für ihren Mut.

Als Christin bin ich außerdem unendlich froh darüber, dass mir ohne Ansehen meiner Schwächen, meiner Fehler, meiner Feigheiten eine Tür geöffnet wurde, die vom tiefsten Karfreitagsschwarz direkt ins Grün führt. Ins Blau. Ins Licht.

MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.