MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Ent-blättert


Gestern las ich auf Facebook einen Post in Zusammenhang mit der „Affäre Aiwanger“, der mich streckenweise an meine eigene Vergangenheit erinnerte. Deshalb – und weil ich denke, dass vielleicht auch einige von euch ähnliche Erinnerungen und Erfahrungen haben, „antworte“ ich darauf in meinem Blog.

In dem Post ging es darum, dass der Verfasser schrieb, in den 1960er und 1970er Jahren seien, auch in den Schulen, „Judenwitze“ kursiert. Er beschrieb die Reaktion seines Vaters, als er aus der Schule einen solchen Witz nach Hause brachte und vortrug: eine schallende Ohrfeige. Die habe sich ihm eingebrannt und ihn bis heute sensibilisiert für antisemitische Äußerungen.

Auch ich erinnere mich, in der Schule, es muss die 1. Klasse des Gymnasiums gewesen sein, solche Witze gehört und weitererzählt haben. Ich weiß genau, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, was oder wer Juden waren. Ich werde den Witz hier nicht wiedergeben. Aber als Kind fand ich ihn ob seiner evidenten Absurdität tatsächlich lustig.

Zuhause beim Mittagessen gab ich ihn zum Besten. Und nein: ich erntete keine Ohrfeige. Stattdessen nahmen sich meine beiden Eltern viel Zeit, um mich, lange, bevor das Thema im Geschichtsunterricht an der Reihe war, sehr ausführlich über die Shoah und all das, was im Dritten Reich passiert war, aufzuklären.

Mein Großvater mütterlicherseits war Fotograf und Kinobesitzer. Seine Welt bestand zum Großteil aus Menschen jüdischen Glaubens. Er hat einer Reihe von ihnen aktiv geholfen, Deutschland zu verlassen. Durchaus unter Lebensgefahr. Er hat schon 1936 vor dem Krieg gewarnt.

Mein Vater war während des Krieges für das italienische Rote Kreuz tätig. Auch er hatte viele jüdische Freund*innen, die er während der deutschen Besetzung unterstützte.

Meine Eltern erzählten mir von persönlichen Erfahrungen, von ihren jüdischen Freundinnen und Freunden. Davon, dass viele Familien zu lange nach Hitlers Machtergreifung nicht daran dachten, auszureisen, sich in Sicherheit zu bringen. Denn „wir sind doch Deutsche“ bzw. „wir sind doch Italiener“. Es war für sie unbegreiflich, dass man sie aufrund einer Religionszugehörigkeit – die viele nicht einmal ausübten – verfolgen oder gar töten könne. „Das geht vorbei“, sagten sie. Oder „das werden unsere deutschen Landsleute nicht zulassen.“

Und dann geschah genau das. Und ihre Landsleute nahmen entweder an der Verfolgung, der Enteignung, der Verschleppung, der Ermordung teil, oder sie schauten zu – oder weg. „Wenn heute jemand sagt, sie hätten nichts von der Shoah gewusst, dann lügen sie. Allein der Geruch war unverkennbar,“ hat meine Mutter mir erklärt.

Ich Kind konnte nicht verstehen, was damals geschehen war. Aber ich verstand sehr wohl, dass die Menschen, die „in den Aschenbecher des VWs passten“, verbrannt worden waren. Noch lange nach diesem Tag hatte ich Albträume. Ich sah große Kinderaugen, schreckgeweitet. Ich sah hohe Öfen – und stellte sie mir vor wie den Backofen der Hexe in Hänsel und Gretel. Ich hörte ihre Schreie.

In der Schule schaut ich verstohlen meine Lehrer an, von denen fast die meisten so alt waren, dass sie Nazideutschland erlebt hatten, und fragte mich: „hat der auch Juden verbrannt?“

Ich wurde in der Zukunft eine glühende Feministin und Pazifistin. „Nie wieder“, lautete mein Credo. „Nie wieder – und ich muss meinen Beitrag dazu leisten.“

Mir ist völlig unverständlich, vom Denken wie vom Fühlen her, wie jemand in den 1980er Jahren, mitten in der Friedensbewegung, aus einer Schulkultur heraus, in der der Holocaust ausführliches Unterrichtsthema war, auf den Gedanken kommen konnte, eine solche Hetzschrift (das Wort wird dem Aiwanger-Pamphlet nicht gerecht, doch mir fällt kein schlimmeres ein, dass ich hinschreiben könnte) zu verfassen. Und zu verbreiten.

ich kann mir das nur so erklären, dass der familiäre Nährboden mit natianalsozialistischem Gedankendünger getränkt war. Dass der Holocaust nicht nur niemals thematisiert, sondern das sehr wahrscheinlich eine antisemitische Haltung gezeigt wurde. Wie sonst kommt ein Schüler auf die Idee, aus Rache an einem Lehrer so ein bodenloses menschenverachtendes Werk zu produzieren?

Die einzig andere Erklärung wäre, dass die Eltern so extrem judenfreundlich und vielleicht sogar sozialistisch waren, dass den Söhnen daraus Nachteile erwachsen wären, dass sie Neid verspürt und versucht hätten, den Eltern „eins auszuwischen“. Aber das ist natürlich utopisch. Und Blödsinn.

Bleiben also die Fakten: mitten im Wahlkampf taucht eine über 30 Jahre alte Hetzschrift auf. Und sie wirkt so glaubhaft, weil der potentielle Verfasser immer wieder gezeigt hat, dass er durchaus nationalistische Tendenzen hat, die einem Vertreter einer demokrtaischen Regierung nicht gut anstehen. Das Volk müsse sich die Demokratie zurückholen, sagte Aiwanger erst kürzlich auf einer Kundgebung. Und die Zitatenreihe ließe sich fortsetzen.

Ob es nun Aiwanger selbst war, oder sein Bruder, Inhaber eines Waffengeschäfts, oder wer auch immer aus dieser Familie, tut, meine ich, nichts zur Sache. Vielmehr können wir uns fragen, warum die Schrift genau jetzt ans Licht der Öffentlichkeit tritt.

Und dafür gibt es mehrere Erklärungen. Neben der Absicht, Aiwangers Wahlchancen zu verringern und die CSU zu destabiliseren gibt es da noch eine ganz andere Hypothese.

Was, wenn Aiwanger selbst alles lanciert hat? 1987 sagte Franz Josef Strauß, rechts von der CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Wenn Aiwanger seine Freien Wähler so aufstellen würde, dass sie für alle, denen die CSU heute nicht mehr rechts genug ist, eine (r)echte Alternative für Bayern wären?

Wir werden sehen. Spätestens am 8. Oktober.

Fallobst oder „den Russen“ gibt es nicht


Ich könnte so viel schreiben. Ich hätte so viel zu sagen. Den Leuten, die „den Russen“ angreifen, denen, die „den Russen“ verteidigen- In den sozialen Netzwerken, mit echten oder falschen Fotos und Videos. Ich könnte meine Prognosen den endlosen Einschätzung auf allen Kanälen hinzufügen. Meinen Ängsten Ausdruck geben, meinem Mitleid.

Stattdessen poste ich heute eine Geschichte, die mir „durch Zufall“ – jedoch glaube ich nicht an Zufälle – eben wieder in die Hände gefallen ist. Sie entstand anlässlich eines Schreibworkshops 2014 im Rahmen eines Frauentages und basiert auf den Erinnerungen einer Teilnehmerin. Die Geschichte passt gut in die Gegenwart – und auch zum Weltgebetstag der Frauen, morgen.

Fallobst

Der kleine Hans stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Anrichte besser überblicken zu können. Vielleicht lag ja noch ein Kanten Brot auf dem Teller, oder ein Apfel. Aber nein, dort stand nur ein Krug mit klarem Wasser. „Mama, ich hab Hunger! Haben wir denn gar nichts mehr?“ Die Mutter kam aus der kleinen Kammer, die als Schlazimmer für sie und ihre drei Kinder diente. „So, Hunger hast du?“ „Ja. Aber Frieda auch“. Die Mutter drehte sich zu Frieda um, die, an den Türrahmen gelehnt, mit großen Augen zu ihr aufblickte. „Gut, dem können wir abhelfen. Heute ist ein sonniger Tag, wie geschaffen, um Fallobst aufzulesen“. Sie nahm die Hirtentasche vom Haken an der Tür und hing sie ihrer Tochter um. „Pass auf deinen kleinen Bruder auf und bleibt nicht zu lange weg. Es wird jetzt schon früh dunkel.“

„Komm“, sagte die siebenjährige Frieda zu ihrem Bruder, und die beiden machten sich auf den Weg. Sie gingen die Hauptstraße hinunter zu den Obstwiesen am Ortsende von Treffurt.

Treffurt war damals, im Jahr 1946, eine kleine Stadt mit 3000 Einwohnern. Sie lag in Thüringen unmittelbar an der Grenze zu Hessen. Frieda und Hans waren mit Mutter, Großvater und der jüngsten Schwester als Donauschwaben in das mittelalterliche Städtchen evakuiert worden. Die Familie hatte, wie alle Flüchtlinge, ein ganzes Leben hinter sich gelassen. Den Bauernhof, die Tiere, die Freunde. Jetzt lebten sie schon seit zwei Jahren in zwei Zimmern in einem alten Haus voller Flüchtlinge aus Polen, der Slowakei und anderen Gebieten. Das Essen war rationiert, und wenn die Lebensmittelkarten aufgebraucht waren, gab es nur zwei Möglichkeiten: hungern oder Obst und Gemüse klauben. Kartoffeln von den abgeernteten Feldern und Fallobst von den Obstwiesen.

Frieda mit ihren Holzssandalen und Hans, der barfuß ging, kam der Weg zu den Apfelbäumen unendlich lang vor. Aber schließlich standen sie auf der Wiese. Nur noch ein paar wenige schrumpelige Äpfel lagen auf dem Gras. „Guck, mal, sind ja überall Würmer drin“, beklagte sich Hans. „Es sind aber keine anderen da, also müssen wir halt mit denen Vorlieb nehmen“ antwortete Frieda, die vernünftige. „Und pflücken dürfen wir nicht, der gehört uns ja nicht.“ Die Kinder bückten sich und sammelten nach und nach die einsamen Apfel in die Hirtentasche. Frieda summte vor sich hin. Und Hans träumte vielleicht schon vom Apfelkompott.

„Stojats“, hörten sie plötzlich eine laute Stimme direkt hinter Ihnen. „Was ihr machen?“ Erschrocken drehten sich die Kinder um. Vor Ihnen stand ein riesiger Soldat. Breitbeinig und mit aufgepflanztem Bajonett. Hans und Frieda ließen die Äpfel fallen, die sie in der Hand hatten. Frieda nahm ihren ganzen Mut zusammen: „Wir nehmen nur die, die schon am Boden liegen“, sagte sie trotzig, während Hans hinter ihrem Rücken hervorlugte. 

„Ihr dumme Kinder!“, dröhnte der Russe. Ging zum Baum und schüttelte ihn kräftig. Ein wahrer Apfelregen prasselte auf die Kinder herunter. Im Handumdrehen lagen so viele Apfel am Boden, dass sie nicht nur die Hirtentasche damit füllten, sondern auch die Hosentasche und die Schürze vollstopften. „Choroschego appetito“, lachte der Soldat, drehte sich um und ging zurück zu seinem Wachhäuschen hinter der Wiese.

Noch heute  im September, wenn die Äpfel reifen, geht Frieda mit ihren Enkelkindern zu dem Apfelbaum am alten Kirchlein in dem Dorf, in das sie als Erwachsene mit ihrem Mann gezogen ist. Sie sammeln das Fallobst auf und backen daraus einen Apfelkuchen. Und dann erzählt sie ihren Enkelkindern die Geschichte von dem russischen Soldaten und den Äpfeln.

Europa Unita. Hommage an meine visionäre Demenzphilosophin.

Eine Hand lässt eine Friedenstaube fliegen

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Zu Deutsch: Der wichtigste Garant für Frieden und Wohlstand ist ein geeintes Europa. Nicht nur für die einzelnen europäischen Länder, sondern für die ganze Welt.

Standardsätze meiner Mutter, im Lauf der Jahre unzählige Male wiederholt, bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Den Wahlen zum Europaparlament. Den Berichten über EU-Gipfel, deutsch-französische Gespräche, die Einführung des Euro, natürlich, und die EU-Erweiterung. Dabei beugte sie sich in ihrem Sessel vor, sah dich direkt an, ihre Stimme war frisch, voller Überzeugung und Überzeugungskraft. Sogar als sie schon so dement war, dass sie zuweilen ihren Namen vergaß, rezitierte sie mehrfach am Tag dieses Credo. „L’Europa deve rimanere unita.“

Ich konnte es schließlich nicht mehr hören. 

Ja, diese Frau hatte einen Weltkrieg durchlebt, der Europa unter Trümmern begraben hatte. Seine Menschen, seine Ideale. Der Phoenix, der sich aus der Asche eines Kontinents herausgeschält hatte, mochte sie begeistern.

Und ja, zurecht. Einheit in Vielfalt, geballtes Wirtschaftswunder – von Amerikas Gnaden zwar und auf Kosten einer halben Heimat hinter dem eisernen Vorhang. Aber immerhin. Wie im Zeitraffer spulten sich vor den Augen ihrer Generation historische Veränderungen ab. Politisch, gesellschaftlich, sozial. (Eigentlich waren es keine Veränderungen, sondern Wiederholungen, aber die erlebte Geschichte ist für jede Generation natürlich einmalig). Flüchtlinge aus den Ostgebieten, Gastarbeiter, Binnenmigranten. Reisen, Konsum, sozialer Aufstieg, mehr Konsum. „Geh’n Se mit der Konjunktur, geh’n Se mit auf diese Tour“, schallte die Nachkriegshymne aus Autoradios und Frankfurter Küchen über die rasant dahinschmelzenden Schuttberge. 

Und das alles war nur möglich, weil Europa zusammenwuchs. Davon war meine Mutter überzeugt. Denn sie hatte es erlebt. 

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kam nicht der Frieden – „wir haben keinen Friedensvertrag“, auch so ein Standardsatz meiner Mutter -, sondern der Kalter Krieg. Statt zu verhandeln, wurde erst einmal aufgerüstet. Frei nach dem Motto: ein potentiell möglicher Angriff ist die beste Verteidigung, O-Ton meine Mutter, bewaffneten sich West und Ost mit Waffen, die einen unendlichen Overkill ermöglichten.

Derweil wurde der Waffenstillstand an den Grenzen durch Kriege im Innern gesichert., Prager Frühling, RAF, Brigate Rosse. Und dann die Friedensbewegung. Atomkraft – nein danke, Gorleben, Wackersdorf und Startbahn West. 

Während der Osten Proteste niederpanzerte, wuchs im Westen eine neue Kriegsform, der Terrorismus. Von 1970 bis 2016 haben in Europa etwa 4.280 Anschläge stattgefunden. Mit etwa 9.200 Todesopfern In den dreißig Jahren vor der Jahrtausendwende. Nordirland, Spanien, Italien –   lange vor den islamistischen Terrorkommandos hatten ethno-nationalistische Gruppen diese Kriegsform für sich adoptiert. 

Wie konnte meine Mutter da von „Frieden“ sprechen? Weil Europa zum ersten Mal so sehr geeint war. Wirtschaftlich und politisch. Trotz ihrer Demenz erkannte meine Mutter im neuen Jahrtausend die Risse. Und warnte. 

Hat Putin den Zeitpunkt für seine Aggression gegenüber der Ukraine gewählt, als die Einheit Europas zu bröckeln begann? Ist die EU zu schnell gewachsen? Oder ist sie gewachsen, ohne dass die Länder genug einende, verbindende Strukturen, Konzepte, Visionen hatten? War die Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt und Sicherheit im Schatten der Nato nicht genug? War noch zu viel Warschauer Pakt in der DNA der neuen Staaten? Fakt ist, innerhalb Europas wuchsen die Unstimmigkeiten. Arbeits- und Armutsmigration, „Flüchtlingsansturm“, neu aufkeimender Rassismus, Grenzschließungen, Erstarken des Ethno-Nationalismus. Letzteres keineswegs nur in der Ost-EU, sondern ebenso in Frankreich, Italien, Deutschland etc. Brexit und Covid-19 schließlich versetzten Europa einen Stoß, der die Einheit in gefährliche Schieflage brachte. 

Das ist der ideale Moment, um damit zu beginnen, mit den Demokratiebestrebungen im Umfeld Russlands dauerhaft aufzuräumen. Denn Putin will vielleicht einen breiteren Zugang zum Schwarzen Meer, aber er will vor allem nicht von aufkeimenden Demokratien umgeben sein. Deshalb wird er seinen Feldzug nicht stoppen wollen. Er hat mit wachsendem Widerstand in seinem Land zu kämpfen. Er hat den Kontakt zur Jugend weitgehend verloren. Und zu vielen Bevölkerungsschichten ebenfalls. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immens. Die Armen glauben der Regierung nicht. Sie lassen sich nicht impfen (Impfquote bei ca. 25%), weil sie vermuten, der Impfstoff sei vergiftet. Sie misstrauen sogar russischem Wodka, aus demselben Grund. Ein Heer von Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken haust unter unmenschlichen Bedingungen im Land, ausgebeutet und verachtet, Parias der Gesellschaft. Die Zahl der Straßenkinder wächst. Sie fliehen vor Missbrauch, Schlägen, unzumutbaren Wohnverhältnissen – oft 3 Generationen in einem Zimmer, alkoholisierte Eltern – auf die Straßen, nehmen Drogen, prostituieren sich, verkaufen ihre Organe. Nein, das ist keine Übertreibung. Leider. 

Wir fragen uns: was hat Putin davon, der Mächtigste in einem Land der Machtlosen, der Hoffnungslosen zu sein? Ich habe keine Antwort darauf. Außer, dass er ein Mensch mit einer großen psychischen Verletzung ist, der sich „vom Westen“ missachtet fühlt und um sich schlägt, einfach, weil er es kann. Nur, dass seine Schläge tödlich sind. Für die Menschen in der Ukraine, für seine Soldaten, und, sollte er seine Waffen ändern, für weite Teile der Welt. 

Wir fragen uns: wie kann man diesen Wahnsinnigen stoppen? 

Ich habe keine Antwort darauf. Aber ich höre meine Mutter: „La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.” Vielleicht ist das der Ansatz einer Antwort. Wenn nicht nur Europa, sondern weite Teile der Welt zusammenstehen, schrumpfen Kleptokraten wie Putin auf ein Maß, das bekämpft oder einfach unschädlich gemacht werden kann.

Dass China sich im UN-Sicherheitsrat bei der Resolution enthalten hat, ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass die so genannte Volksrepublik nicht um jeden Preis hinter Putin steht. Einmal, weil sie in ihrer Nähe keinen – weiteren – Diktator braucht. Zum anderen aber, weil sie auf einen finanzstarken Westen angewiesen ist, denn Chinas Waffe ist der Handel. 

Ja – es stimmt. Im Grunde genommen hat die Aufregung, in die die Menschen in Europa sich seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine versetzt haben, durchaus eine zynische, sogar makabere Note. Denn die Welt brennt in vielen Teilen. Und fast täglich werden UN-Konventionen verletzt. Sterben Menschen. Fliehen, werden verfolgt. Oft haben „wir“ an den Ursachen einen Anteil. Der Balkankrieg wurde lange vom Westen nicht wahrgenommen. Was im Nahen Osten passiert, wird kommentiert, was sich in Afrika tut, erreicht oft nur die Randnotizen der Nachrichten. 

Nun hat der Krieg unsere Haustür erreicht. Gut, das wir aufwachen. Besser wäre es, wenn daraus Konsequenzen gezogen würden, und zwar das gesamte politische und wirtschaftliche Handeln. Krieg ist immer schrecklich, egal, wo er stattfindet. 

Das war es, was mich an der Äußerung meiner Mutter so störte. Dieses Betonen der EU. Aber – sie hatte Recht. Denn ein gerechtes, geeintes Europa sollte ein Zeichen sein und Zeichen setzen für eine gerechte Welt. 

Ein anderer Lieblingssatz meiner Mutter war: Change it, leave it or love it. Also, Mum: I had a dream. I have a dream. Let’s dream it all. Let it get real.

Cui bono?


Sind „die Deutschen“ in der ersten Runde der Fußball-EM alle queer geworden? Bzw. zu 100% LGBTQ-tolerant? Schön wär’s – und es wäre sicher auch an der Zeit.

Um es gleich vorwegzunehmen: ich glaube nicht, dass dem so ist. Was hat es also mit dem „Regenbogen“-Phänomen auf sich, dass momentan durch die Bundesrepublik weht – auf Fahnen und Plakaten, auf Klamotten, an Armen, in Gesichtern – und natürlich allenthalben in den so genannten „sozialen“ Netzwerken?

Ich bin jetzt mal ganz, ganz böse: Corona war gestern. Verschwörungstheorien bezüglich einer Staatsdiktatur, DNA-Klau per Impfung etc. hypen auch nicht mehr, zumindest momentan. Wohin mit der Aktionseuphorie? Da kommt die Regenbogen-Kiste doch gerade recht. Man kann sich zwar nicht mehr über Querdenker aufregen, aber über Orban, bzw., auf der Gegenseite, über die, die das tun.

Der Aufhänger Sport ist, davon bin ich – leider – überzeugt, hier absolut zufällig. Es ist halt EM, wir dürfen „raus“ – und haben das Bedürfnis, unsere Meinung kundzutun, so bunt wie möglich. Und in der Masse.

Dass Politiker*innen das machen, ist im Wahljahr 2021 mehr als verständlich. Es geht um die Wählergunst. Wobei ich bezweifle, dass diese Rechnung aufgeht. Denn der Anteil der Wähler*innen, bei denen Diversitätspolitik stimmentscheidend ist, ist zu gering, um wahlentscheidend zu sein. Außerdem hoffe ich sehr, dass diese Menschen den Inhalt des jeweiligen Wahlprogramms höher bewerten als ein regenbogenfarbiges Lippenbekenntnis. Dass Lieschen Müller und Hans Meier folgen und allenthalben ihren persönlichen Regenbogen posten, ist, mit Verlaub, peinlich.

Woher ich mir das Recht nehme, so etwas zu behaupten? Nun, vor allem aus den Kommentaren, die ich zu Artikeln, Posts und Statements in den letzten Tagen gelesen haben. Daraus war allzu oft allzu deutlich herauszulesen (wahlweise oder auch in Summe):

  • Nicht inhaltlich ausformulierte Antipathie gegen Orban, gegen Ungarn, gegen Organisationen wie die UEFA, gegen… ja, gegen, halt!
  • Stromverhalten
  • Hetze gegen einen sportlichen Gegner als Variante von Nationalismus
  • Unkenntnis dessen, worum es inhaltlich eigentlich gehen sollte.

Ich wage sogar, zu behaupten, dass die meisten zumindest die Stirn runzeln würden, wenn in der Mannschaft ihres Kindes ein*e Spieler*in sich als schwul, lesbisch, trans, bi oder was auch immer „outen“ würde. „Du bist doch aber nicht so, oder? Lass dich bloß nicht anfassen!“ Nein, das ist nicht weit hergeholt, das kenne ich aus dem engsten Familien- und Bekanntenkreis, und brandaktuell!

Hier wird gerade Politik mit Sport vermischt. Wahrlich nicht zum ersten Mal. Aber in Verbindung mit dem Thema der Akzeptanz unterschiedlicher Ausprägungen von Sexualität und Selbstempfinden ist das in meinen Augen besonders gefährlich. Ich höre es schon: „Wir sind absolut offen, schauen Sie auf unseren Regenbogen.“ Deshalb sind keine weiteren Änderungen nötig. Nicht im Verhalten, nicht in Regelungen, nicht in Gesetzen. Denn „wir haben doch den Regenbogen hochgehalten.“ Das ist aber leider ein reines – nein, nicht Lippen-, sondern Augenbekenntnis. Dadurch ändert sich rein gar nichts.

Um beim Fußball zu bleiben: erst ab einem LGBT-Anteil von mindestens 7,4% in deutschen Vereinen (Gesellschaftsumfrage Startup-Dalia von 2013, Quelle jetzt.de) glaube ich, dass die Haltung hinter dem Regenbogen verinnerlicht wurde.  Der Weg dahin ist novch lang: Aktuell gibt es in den deutschen Männer-Profi-Ligen angeblich KEINEN aktiven und offen schwulen Spieler (statistisch gesehen müssten es entsprechend dem Bevölkerungsdurschnitt von 3-10% ca. 45-150 sein. Und nicht null). International sieht es genauso aus.

DESHALB finde ich die Regenbogen-Welle, die hier gerade im Zusammenhang mit dem Sport geritten wird, heuchlerisch.

Leider – wirklich leider! – würde sich auf FB, Twitter & Co. kaum jemand mit dem Regenbogen schmücken, wenn es „nur“ darum ginge, eine zutiefst menschenverachtende Entscheidung eines europäischen (!) Politikers zu kritisieren. Das wäre, wiederum mit Verlaub – den allermeisten Deutschen einfach „wurscht.“ Dabei wäre es angebracht, um zu versuchen, Deutschland und die EU zu Sanktionen gegenüber der ungarischen Staatspolitik zu bewegen.

Nota bene: ich spreche/schreibe nicht von den Engagierten, Aktiven, sondern von der gemeinhin sich als eher „apolitisch“ bezeichnenden Mehrheit.

Daher meine Bitte: Leute – lasst den Ball im Stadion – und engagiert Euch für die Rechte von LGBTQ – aber bitte IMMER und ÜBERALL. Fangt am besten mit eurem individuellen Verhalten an.  Das bewirkt mehr als ein eingefärbtes Profil. Aber Vorsicht: an dieser Nachhaltigkeit könntet Ihr gemessen werden 