Agentur für eine Woche


Wenn du für eine Woche mit einer fiktiven Figur das Leben tauschen müsstest – wen würdest du wählen?

Ich weiß, wie sie aussieht. Ich weiß, wie sie tickt. Ich kenne ihr – bislang – dunkelstes Geheimnis. Ich liebe die Gegend, in der sie wohnt. Ich mag ihre Art, die zwischen herzlich und kühl oszilliert, je nachdem, ob sie mit einer Kundin oder einem neuen Bewerber spricht.

Also ja. Ich könnte mir durchaus vorstellen, eine Woche lang in die Haut von Elvira Obermaier zu schlüpfen. Allzu viele Überraschungen sollte ich dabei nicht erleben. Immerhin entstammt sie mitsamt allem, was sie umgibt, meiner Fantasie.

Und doch. Heißt es nicht, Protagonisten entwickeln eine ganz eigene Dynamik, die sich oft überhaupt nicht mit den Ideen, geschweige denn mit dem Plot ihrer Schöpfer deckt?

Wer weiß, wie sich Elvira in der Zeit, in der ich sie zugunsten anderer literarischer Projekte links liegen gelassen habe, weiterentwickelt hat. Vielleicht hat sie sich inzwischen aus den Reihen der wohlhabenden Seniorinnen ihrer Siedlung eine Vertraute, eine Gönnerin oder Mitarbeiterin erkoren? Oder gar eine Geliebte? Wenn ich mir‘s recht überlege, habe ich Elviras sexuelle Präferenzen überhaupt nicht angelegt oder bedacht.

Im schlimmsten Fall könnte sie aus ihrer Agentur Zweites Glück sogar einen Romantikclub gemacht haben, in dem athletische Herren ihren ehrwürdigen Kundinnen kühlen Champagner und heiße Massagen servieren.

Nein! Soweit darf ich es nicht kommen lassen. Ich muss sofort nach dem Rechten sehen, bevor Elvira mir meine Pläne für die gesamte Serie durcheinanderbringt.

Wie gut, dass mich wer auch immer mit dem heutigen Schreibimpuls an Elvira erinnert hat. Ich mache mich lieber gleich auf den Weg. Aber halt! Eines sollte ich vielleicht vorab noch schnell ändern. Kann ich aus Elviras Dobermännern Emma Peel und John Steed zwei Dackel machen, Charme und Melone, vielleicht? Oder sollte ich besser das Rudel erweitern, nicht, dass meine Leser*innen mir das Verschwinden der Dobermänner übelnehmen? Das entscheide ich am besten direkt vor Ort.

Also: ich bin dann mal weg. Wer mich sucht, findet mich zwischen den Zeilen der Agentur Zweites Glück. Direkt hier in meinem Blog.

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