Unbekannte Heimat


Welcher Ort, den du besucht hast, hat sich wie Zuhause angefühlt?

Ich hatte unbeschreiblich große Flugangst. Als ich den Auftrag zur Reportage erhielt, 2 Wochen Familien-Urlaub in Tunesien, neues Hotel, Kinderprogramm, Touristenhighlights. Alles frei, vom Allerfeinsten, dafür jede Menge coole Pics und ein Text, der die Leserinnen begeistert. Deal.

Mann, ich hatte solche Angst. Am liebsten hätte ich abgesagt. Aber zwei Wochen Sonne, Sand, Meer und Spaß for free und dann noch Autorenhonorar obendrauf sind ein Angebot, das eine alleinerziehende Mutter nicht einfach abschlagen kann.

Also hab ich die Zähne zusammengebissen, mir vom Arzt eine Tavor geben lassen – und dann ab zum Airport.

Der Flug war die Hölle. Das Kind hatte meine Angst natürlich mitbekommen und war quengelig bis aggressiv. Mich hatte die Tavor in die Magengrube getroffen. Mir war übel, ich hatte Schwindelattacken – und Panik.

Wie ich die 2 plus irgendwas Stunden überstanden hab – keine Ahnung. Aber dann landete das Flugzeug. Die Urlauber klatschten. Mein Sohn und ich schlängelten uns durch den Gang. Kletterten die Gangway runter. Ich war wackelig auf den Beinen, die Tavor hatte aus meinen Beinmuskeln Geleestäbchen gemacht.

Noch ein Schritt. Dann berührte mein linker Fuß den Boden.

Es war kein Blitz. Kein Beben. Nichts dergleichen. Auch kein Gefühl. Es war die Gewissheit, zu Hause zu sein. Endlich.

Den ganzen Urlaub, die Ganze Reportage über fühlte ich mich nicht wie eine Touristin. Und wurde von den Einheimischen auch nicht so gesehen und behandelt.

Ich habe keinerlei familiäre Beziehungen zu Tunesien. War noch nie vorher dort. Und dennoch: das Gefühl der unbekannten Heimat war mir, der Frau ohne Wurzeln, ebenso neu wie erdend.

Ich war nur noch einmal dort. Aber ich weiß jetzt, dass ich ein Zuhause habe. Irgendwann.

Agentur für eine Woche


Wenn du für eine Woche mit einer fiktiven Figur das Leben tauschen müsstest – wen würdest du wählen?

Ich weiß, wie sie aussieht. Ich weiß, wie sie tickt. Ich kenne ihr – bislang – dunkelstes Geheimnis. Ich liebe die Gegend, in der sie wohnt. Ich mag ihre Art, die zwischen herzlich und kühl oszilliert, je nachdem, ob sie mit einer Kundin oder einem neuen Bewerber spricht.

Also ja. Ich könnte mir durchaus vorstellen, eine Woche lang in die Haut von Elvira Obermaier zu schlüpfen. Allzu viele Überraschungen sollte ich dabei nicht erleben. Immerhin entstammt sie mitsamt allem, was sie umgibt, meiner Fantasie.

Und doch. Heißt es nicht, Protagonisten entwickeln eine ganz eigene Dynamik, die sich oft überhaupt nicht mit den Ideen, geschweige denn mit dem Plot ihrer Schöpfer deckt?

Wer weiß, wie sich Elvira in der Zeit, in der ich sie zugunsten anderer literarischer Projekte links liegen gelassen habe, weiterentwickelt hat. Vielleicht hat sie sich inzwischen aus den Reihen der wohlhabenden Seniorinnen ihrer Siedlung eine Vertraute, eine Gönnerin oder Mitarbeiterin erkoren? Oder gar eine Geliebte? Wenn ich mir‘s recht überlege, habe ich Elviras sexuelle Präferenzen überhaupt nicht angelegt oder bedacht.

Im schlimmsten Fall könnte sie aus ihrer Agentur Zweites Glück sogar einen Romantikclub gemacht haben, in dem athletische Herren ihren ehrwürdigen Kundinnen kühlen Champagner und heiße Massagen servieren.

Nein! Soweit darf ich es nicht kommen lassen. Ich muss sofort nach dem Rechten sehen, bevor Elvira mir meine Pläne für die gesamte Serie durcheinanderbringt.

Wie gut, dass mich wer auch immer mit dem heutigen Schreibimpuls an Elvira erinnert hat. Ich mache mich lieber gleich auf den Weg. Aber halt! Eines sollte ich vielleicht vorab noch schnell ändern. Kann ich aus Elviras Dobermännern Emma Peel und John Steed zwei Dackel machen, Charme und Melone, vielleicht? Oder sollte ich besser das Rudel erweitern, nicht, dass meine Leser*innen mir das Verschwinden der Dobermänner übelnehmen? Das entscheide ich am besten direkt vor Ort.

Also: ich bin dann mal weg. Wer mich sucht, findet mich zwischen den Zeilen der Agentur Zweites Glück. Direkt hier in meinem Blog.

Böse ist spannender als lieb


Hast du schon mal einen Bösewicht mehr gemocht als den Helden? Wen und warum?

Wenn ich meine Protagonist*innen „erschaffe“, faszinieren mich die Bösen oft mehr als die Guten. Wobei beide immer zwei Seiten haben. In jedem schlummert doch ein Janus.

Aber während die „Guten“ automatisch immer auf der „richtigen“ Seite stehen und dabei oft wie Scherenschnitte wirken, haben die „Bösen“ viel mehr Facetten. Wer fragt schon: wie ist der Gute bloß gut geworden?“

Bei den Bösen möchte man wissen, wo der Abweg begann. Wer ihn vielleicht wie verursacht oder beschleunigt hat. Und vor allem: gibt es eine Rettung? Gute brauchen keine Erlöser. Böse schon (wenn auch nicht unbedingt in ihren Augen).

Das mag auch die Freundschaften erklären, die sich zwischen Unbekannten über Gefängnismauern hinweg anbahnen, nicht selten zwischen gänzlich unbescholtenen Menschen und Schwerverbrecher*innen.

Mein Gereon, verrücktes Genie und Sternekoch in meinem Krimi „Miniataurus“ ist ein literarisches Beispiel für die Faszination des eigentlich Bösen, Gefährlichen.

Fange nicht an, die Vergangenheit ändern zu wollen


Ööö

Was ist der beste Rat, den du jemandem geben würdest, der jünger ist als du?

Abgesehen davon, dass ich selbst nicht wissen kann, ob dieser Rat der beste ist, würde ich einer jüngeren Person dazu raten, mehr nach vorne als zurück zu schauen und gar nicht erst anzufangen, die Vergangenheit verändern zu wollen.