Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Stürmische Erbschaft

Wer kennt ihn nicht, den Onkel aus Amerika? Den es dann doch nicht gibt, oder wenn, dann hat er nix zu vererben?

Es geht auch umgekehrt. Über eine der vielen Ahnenforschungsseiten im Internet hatte Janet Becker aus Albany, New York, ihre Großtante väterlicherseits gefunden. Sie hieß Elfriede Jost, geb. Becker, war gesunde 91 Jahre alt und wohnte in Lübeck.

Janet war schon immer ein Papakind, und als sie nach der Scheidung ihrer Eltern zu ihrem Dad zog, wurde das Verhältnis der beiden noch intensiver. An ungezählten Winterabenden, während draußen der dichte Schnee am Fenster vorbeirieselte und drinnen ein munteres Kaminfeuer prasselte, erzählte Daddy ihr gerne die Geschichte, wie sein Vater Ernst 1939 als junger Dichter und glühender Antifaschist nach New York gekommen war.  Um zu überleben, war er Redakteur einer kleinen Lokalzeitung geworden, später Herausgeber und Inhaber. Er hatte geheiratet und einen Sohn bekommen, Janets Dad. In Deutschland hatte er eine um etliche Jahre jüngere Schwester hinterlassen, und sein ganzes amerikanisches Leben über hatte er davon geträumt, sie zu sich zu holen. Doch, warum auch immer – es war ein Traum geblieben.

Kurz vor seinem Tod hatte er seinen einzigen Sohn gebeten, nach Elly, so nannte er seine Schwester liebevoll, zu suchen. Aber irgendwie war dieser letzte väterliche Wunsch in Vergessenheit geraten. Bis Janet, ambitioniert, kreativ, unstet und immer in Geldnöten, die fixe Idee entwickelte, Tante Elly hätte ein Vermögen und keine Verwandten, denen sie dieses vererben könnte. Bevor es irgendein Tierschutzverein bekam, oder, schlimmer noch, ein Verein zur Bewahrung deutscher Volkslieder (Janet hatte sehr rudimentäre Vorstellungen von Europa und seinen Bewohnern und hielt sie allesamt für hinterwäldlerische Nationalisten. Diese Vorstellung stieß sich übrigens nicht an ihrer Vorliebe für Donald Trump…), wollte sie, Janet Becker, ihr rechtmäßiges Erbe antreten.

Eile war geboten, denn Janet wusste, dass Tante Elly bereits die Schwelle zum zehnten Lebensjahrzehnt überschritten haben musste. Aber es dauerte dann doch ein paar lange Monate, bis sie Namen und Kontaktdaten von Elfriede Jost beisammenhatte. Was sie über ihre Großtante in Erfahrung brachte, war vielversprechend. Ihr verstorbener Mann, Manfred Jost, war Inhaber einer Kette von Bekleidungshäusern gewesen. Er war vor gut 20 Jahren gestorben, die Ehe war kinderlos geblieben, und Jost hatte keine leiblichen Verwandten. Da musste ganz schön was zu holen sein.

Die erste Kontaktaufnahme verlief etwas holprig. Um die alte und sicher schon recht demente Dame nicht zu sehr zu verwirren, hatte sie ihr vorab eine Mail geschrieben. Sehr vorsichtig und vage gehalten, denn sie musste davon ausgehen, dass der junge Betreuer sie Elly vorlesen würde. Die süße Alte konnte wahrscheinlich kaum noch aus den Augen schauen. Erstaunlicherweise kam Ellys Antwort schon nach ein paar Stunden. Freundlich, aber distanziert fragte sie nach Janets „Credentials“. Sie war nicht bereit, so ohne weiteres an eine plötzlich aufgetauchte Enkelin zu glauben. Es gäbe in Deutschland leider so viele Verbrechen mit der „Enkeltrick-Methode“, erklärte sie in ihrer in gutem Englisch geschriebenen Mail. Der Betreuer musste ein großes Interesse an Elly haben, um ihr so viel Zeit zu widmen. Oder – und das hielt Janet für wahrscheinlicher – er wollte sich das Geld der Alten selbst unter den Nagel reißen. Aber da hatte er die Rechnung ohne Janet gemacht.

Sie konnte die Verwandtschaft zu Großtante Elfriede lückenlos nachweisen. Und als sie schließlich das erste Mal telefonierten, sprach sogar Janets Dad ein paar Worte in dem gebrochenen Deutsch, an das er sich aus der Zeit mit seinem Vater erinnern konnte. Elfriede schien gerührt darüber, dass ihr Bruder quasi an seinem Totenbett an sie gedacht hatte. Wie schade, dass sie sich nie mehr gesehen hatten. Aber das Leben hatte sie einfach nicht mehr zusammengeführt. Wie gerne würde sie wenigsten einmal an Ernstens Grab stehen.

„Kein Problem, Auntie,“ sagte Janet. Ich komme nach Germany und hole dich ab. Dann musst du die weite Reise nicht alleine machen. What do you think? Und ich möchte so gerne die lovely Heimat meines Grandpas besuchen!“

„Aha. Na gut. Dann komm.“ Wenn Janet gedacht hatte, ihre liebe Auntie würde ihr ein Flugticket schicken, hatte sie sich allerdings getäuscht. Aber ihr Dad war plötzlich und ebenso unerwarteter- wie glücklicherweise komplett auf Familie gebürstet und kaufte Janet das Ticket. Sie selbst allerdings musste sich für eine große Investition in ihre goldene Zukunft von ihren besten Freunden das Geld für die Überfahrt für zwei Personen auf einem Luxusliner von Hamburg nach Ney York borgen. „Ihr kriegt es mit Zinsen zurück, sobald ich Auntie beerbt habe“, versprach sie ihnen. Und da ihrPlan dafür plausibel klang, hatte sie das Geld bald beisammen.

Erstaunlicherweise verstanden sich Janet und Elfriede vom ersten Moment an sehr gut. Janet war nicht nur ehrgeizig und bis zu einem gewissen Grad hemmungslos, sondern auch intelligent. Schnell akzeptierte sie, dass Auntie Elly noch komplett selbständig war und das Firmenimperium, das zwar nominell von ihrem Mann, de fakto aber von ihr geleitet worden war, immer noch beriet. Sie verfasste und las ihre E-Mails alleine, und Samuel, der gutaussende 35-Jährige, der bei ihr wohnte, war eine Mischung aus Sekretär, Koch und und Personal Trainer.

Für einen kurzen Moment dachte Janet daran, ihn in ihre Pläne einzuweihen, entschied sich aber dagegen. Teilen war einfach nicht ihr Ding.

Zwei Monate vergingen wie im Flug. Dann eröffnete Janet ihrer Großtante, dass sie ihr eine Überfahrt auf einem Luxusliner geschenkt hatte. „Du sollst genau so nach New York kommen wie dein geliebter Bruder“, lächelte sie. „Du bist wirklich bezaubernd, Janet“, antwortete Elly. „Und du hast sehr viel von meinem Bruder, deinem Großvater.“ „Ja, Blut ist eben dicker als Wasser“, sagte Janet. Und gestand, dass sie leider kein Ticket für Samuel gekauft hatte und das Schiff inzwischen komplett ausgebucht war.

„Dann reisen wir beide eben alleine“. Elly schien nicht das geringste Problem damit zu haben.

Die Überfahrt ließ sich sehr gut an, zumindest, solange die See ruhig war. Als das Wetter rauer wurde, blieb Janet öfter unter Deck. Ihr Magen vertrage die heftigen Bewegungen einfach nicht, erklärte sie. Und feilte an dem Plan, der sie noch vor Erreichen des heimatlichen Hafens zu Millionenerbin machen sollte – sofern die Elemente mitspielten.

Und dann endlich kam der ersehnte Sturm. Er war zu erwarten gewesen, in dieser Jahreszeit. Elfriede hatte auf dem Weg zum Dinner noch kurz bei Janet reingeschaut, aber die lag mit ungesund grüner Gesichtsfarbe im Bett.

Elfriede konnten Wind und Wellen nichts anhaben. Die Besatzung bemühte sich, alle Passagiere unter Deck zu bugsieren, als der Sturm an Stärke zunahm. Aber Elly wollte noch kurz das Naturschauspiel genießen.

Später versuchte der erste Offizier, den Hergang des Dramas zu rekonstruieren. Auf dem Weg zur Brücke war ihm die junge Amerikanerin begegnet, Janet Becker. Sie sei auf der Suche nach ihrer Tante, sie mache sich sorgen, weil die alte Dame doch nicht ganz sicher auf den Beinen sei, in ihrem Alter! Und dann dieser Sturm! Sein Angebot, mitzukommen, hatte Janet abgelehnt. Die Tante sei Fremden gegenüber noch sturer als mit Familienangehörigen. Er setzte also seinen Weg fort – und hörte plötzlich einen markerschütternden Schrei, der sogar das Sturmgeheul übertönte. Und dann hieß es auch schon: „Mann über Bord“, bzw. in diesem Fall „Frau“.

Der Offizier rannte an Deck und sah sich nach Janet um. Sie hatte es ganz offenbar nicht geschafft, ihre Tante rechtzeitig zu finden.

Doch dann entdeckte er Elfriede Jost, geb. Becker, in eine Decke gehüllt und von pitschnassen Helfern in Ölhäuten umringt, an der Reling stehen.

„Es ging alles so schnell“, sagte Elfriede später. Janet kam auf mich zu, streckte ihre Hände nach mir aus – und da kam diese Riesenwelle und spülte sie einfach von Deck. Schrecklich! Wenn ich nicht so dicht an der Trennwand gestanden und mich mit meinem Stock festgekrallt hätte, wäre ich sicher auch über Bord gegangen. Mein tägliches Fitnessprogramm mit meinem Personal Trainer hat mir wohl das Leben gerettet.“

Elfriede verkniff sich den salbungsvollen Satz „um mich alte Frau wäre es nicht schade gewesen, aber sie war doch noch so jung“. Stattdessen sagte sie: „Und sie erinnerte mich so an meinen Bruder.“ In Gedanken fügte sie inzu: „Genauso gerissen und skrupellos. Er hat mich damals einfach hier sitzenlassen und mich auch noch bei der Gestapo angezeigt. Um ein Haar wäre ich im Konzentrationslager gelandet, als Preis für seine Freiheit. Und Janet hatte wohl geplant, mich auf der Überfahrt beseite zu schaffen.“ Allerdings war Elfriede ihr zuvorgekommen. Auch, wenn sie es nicht gern gehört hätte: Blut war eben dicker als Wasser.

Da Elfriede die alleinige Nutznießerin der Lebensversicherung war, die sie kurz vor der Abreise auf Janet abgeschlossen hatte, gönnte sie sich, gemeinsam mit dem schon in New York wartenden Samuel, eine faszinierende Rundreise durch die USA. Leider reichte die Zeit weder für einen Kondolenzbesuch bei Janets Dad noch für einen Abstecher zum Grab ihres Bruders. 

Die Idee für diesen MiniKrimi kam mir beim Lesen einer Zeitungsnotiz, dass eine Riesenwelle eine Amerkanerin auf einem Schiff von Bord gespült habe.

MiniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


Was sind schon Frauen?

„Jerome, ich habe einen großen Wunsch an dich. Und ich weiß, du wirst ihn erfüllen. Denn das ist mein Vermächtnis: ich will, dass du es im Leben zu etwas bringst. Du sollst studieren, Medizin oder Jura. Damit du ein gutes Leben hast.“

Er muss nicht lesen, was auf den lange vergilbten Seiten steht. Er kennt jedes Wort. Hat das Buch hunderte Male durchgeblätter,t, diesen einen Schatz, den seine Mutter für ihn vor ihrem Tod geschrieben hat. Erinnerungen an sie, an die Heimat, an ihr gemeinsames Leben.

Mit dem Daumen streicht er liebevoll über das Gesicht der Frau auf dem ausgebleichten Foto. Dünn ist sie da schon, vom Tod gezeichnet, dem Preis für ihre Beziehung zum Gutsverwalter Mbabazi.  Zur Belohnung für ihre „Dienste“ hatte er Jerome zur Schule geschickt. Und ihm immer etwas zu essen gegeben. Das war mehr als die meisten anderen Kinder im Dorf Iganga hatten. Aber seine Mutter hatte diese Privilegien mit ihrem Leben bezahlt. Wie unendlich viele afrikanische Frauen, die von Männern aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten mit AIDS angesteckt wurden.

Nach dem Tod der Mutter stürzte sich Jerome ins Lernen und leitete die stille Wut, die in ihm brodelte, in Energie und Leistung um. Als Mbabazi den Jungen aufs Feld schicken wollte, um seinen Unterhalt zu verdienen, schritt der Leiter des kleinen Schulzentrums ein. Seine Frau und er adoptierten Jerome. Da waren die beiden schon in den Fünfzigern, und als sie nach seiner Pensionierung zurück nach Amerika gingen, nahmen sie Jerome selbstverständlich mit. 

Er beendete die Highschool, danach das College und verließ die Harvard-Universität mit einem Prädikatsexamen in Jura. 

Heute ist Jerome ist Juniorpartner einer angesehenen Kanzlei in Chicago. Seine Wurzeln aber hat er nie vergessen. Seine Adoptiveltern haben immer wieder mit ihm gemeinsam im Memory Book gelesen, das seine Mutter für ihn gemacht hat, Anfang des neuen Jahrtausends. Sie haben in ihm die Liebe zu Afrika wach gehalten und genährt. In seiner Kanzlei ist er zuständig für Wirtschaftsverträge zwischen amerikanischen Firmen und Partnern in Afrika. Er möchte etwas zurückgeben von dem, was seine Mutter ihm hinterlassen hat. Liebe und Achtung. 

Das Telefon unterbricht Jeromes Tagtraum. „Mister Miller, brauchen Sie noch etwas für Ihren Termin für die Verhandlungen von Stevenson Inc. mit der Ugandischen Regierung? Dolmetscher, zum Beispiel?“ „Nein, danke, Grace. Englisch ist neben Suaheli Amtssprache, ich komme gut zurecht.“ Jerome lächelt. Er bezweifelt, dass seine Sekretärin über seine Herkunft und seinen Werdegang informiert ist. Wozu auch? Behutsam legt er das kostbare Buch zurück in die oberste Schublade seines Mahagoni-Suhreibtisches. In Iganga hatten sie alle zusammen nur einen klapprigen Holztisch, an dem wurde gegessen, gearbeitet – und oft, nach dem langen Heimweg von der Schulweg durch die sirrende Hitze, auch geschlafen. 

Ja, er hat einen langen Weg hinter sich. Von Iganga nach Chicago. Einen erfolgreichen Weg. Und jetzt setzt er sich dafür ein, dass Kinder wie er in ihrer Heimat ein besseres Leben führen können. 

Er ist gespannt auf die Vertreter der ugandischen Regierung. Angeblich sind sie von der Premierministerin Nabbanja persönlich ausgesucht worden. Er weiß, dass Zeit in seiner Heimat anders bewertet wird, und hat Rogers und Jennings von Stevenson Inc. entsprechend gebrieft. Als sich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin die Tür zum Sitzungsraum öffnet, lächeln die beiden nur freundlich erleichtert.

Aber niemand hat Jerome auf den Schock vorbereitet, der ihn bei der Begrüßung der Männer aus Uganda trifft.

Er ist alt geworden, das Haar schütter und weiß. Er ist kleiner, drahtiger. Aber Jerome würde ihn immer und überall erkennen. Mbabazi, den Mörder seiner Mutter! Er bringt die Verhandlungen hinter sich wie ein Schlafwandler. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist sich sicher, dass alle Anwesenden wissen müssen, was in ihm vorgeht. Aber sie bleiben entspannt. Mbabazi erkennt in Mister Miller ganz offensichtlich nicht den kleinen Jungen aus Iganga, Malaikas Sohn, dem er die Mutter genommen hat. 

„Diesen Abschluss müssen wir unbedingt feiern“, sagt Jerome zu Mbabazi. „Ich kenne da eine ganz besondere Bar, die wird Ihnen gefallen.“ Mbabazis Kollege entschuldigt sich. Doch Jerome hat den Alten richtig eingeschätzt. Es gibt Züge im Charakter eines Menschen, die verändern sich nie. 

Die Bar ist angenehm dunkel, auf der Tanzfläche räkeln sich junge Mädchen. Jerome geht hier nie alleine hin, nur, wenn er bestimmte Kunden begleiten muss. Nach einigen Whiskys wirdv Mbabazi redselig.  Erzählt von seiner Vergangenheit. Wie er 2006 als Gutsverwalter eines amerikanischen Farmers plötzlich krank wurde. Und dass sein Boss so große Stücke auf ihn hielt, dass er ihn zur Behandlung nach Amerika schickte. „Wie sie sehen: ich habe überlebt! Und ich sage Ihnen, ich genieße mein zweites Leben in vollen Zügen!“

„Und die Frauen, die sich angesteckt haben? Sicher haben sie Frauen angesteckt?“ „Mein Schohn“ – Mbabazis Aussprache beginnt zu verwischen – mein Schohn: Was sind schon Frauen? Was bedeutet ihr Leben?“ „Ja, was?“ , fragt Jerome und verzieht sein Gesicht zu einem höhnisch grausamen Grinsen.

Chicago ist immer belebt, auch nachts. Taxis drängeln sich auf den Spuren, überholen auf der Jagd nach Kunden. Mbabazi ist diesen Trubel nicht gewöht. In Kampala geht es ruhiger zu. Jerome greift nach dem Arm des Alten, als er unvermittelt die Fahrbahn betritt, genau vor einem großen schwarzen Wagen.

„Ich konnte ihn nicht halten“, wird er später der Polizei sagen, Erschütterung im Blick. Niemand hat gesehen, dass er den Mann nicht gehalten, sondern gestoßen hat.

Info:

Memory Books entstanden in Uganda. Rund 40 Tausend aidskranke Mütter schrieben sie für ihre Kinder, damit sie sich an sie und ihre Familie erinnern sollten, wenn die Mütter tot waren. In den Büchern stand immer auch der Wunsch, dass das Kind lernen und einen guten Beruf ergreifen sollte.

Wenn Ihr mehr über die Memory Books erfahren wolltm empfehle ich euch den ergreifenden preisgekrönten Film von Christa Graf als Video, Blue Ray oder bei Amazon Video Stream.


Europa Unita. Hommage an meine visionäre Demenzphilosophin.

Eine Hand lässt eine Friedenstaube fliegen

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Zu Deutsch: Der wichtigste Garant für Frieden und Wohlstand ist ein geeintes Europa. Nicht nur für die einzelnen europäischen Länder, sondern für die ganze Welt.

Standardsätze meiner Mutter, im Lauf der Jahre unzählige Male wiederholt, bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Den Wahlen zum Europaparlament. Den Berichten über EU-Gipfel, deutsch-französische Gespräche, die Einführung des Euro, natürlich, und die EU-Erweiterung. Dabei beugte sie sich in ihrem Sessel vor, sah dich direkt an, ihre Stimme war frisch, voller Überzeugung und Überzeugungskraft. Sogar als sie schon so dement war, dass sie zuweilen ihren Namen vergaß, rezitierte sie mehrfach am Tag dieses Credo. „L’Europa deve rimanere unita.“

Ich konnte es schließlich nicht mehr hören. 

Ja, diese Frau hatte einen Weltkrieg durchlebt, der Europa unter Trümmern begraben hatte. Seine Menschen, seine Ideale. Der Phoenix, der sich aus der Asche eines Kontinents herausgeschält hatte, mochte sie begeistern.

Und ja, zurecht. Einheit in Vielfalt, geballtes Wirtschaftswunder – von Amerikas Gnaden zwar und auf Kosten einer halben Heimat hinter dem eisernen Vorhang. Aber immerhin. Wie im Zeitraffer spulten sich vor den Augen ihrer Generation historische Veränderungen ab. Politisch, gesellschaftlich, sozial. (Eigentlich waren es keine Veränderungen, sondern Wiederholungen, aber die erlebte Geschichte ist für jede Generation natürlich einmalig). Flüchtlinge aus den Ostgebieten, Gastarbeiter, Binnenmigranten. Reisen, Konsum, sozialer Aufstieg, mehr Konsum. „Geh’n Se mit der Konjunktur, geh’n Se mit auf diese Tour“, schallte die Nachkriegshymne aus Autoradios und Frankfurter Küchen über die rasant dahinschmelzenden Schuttberge. 

Und das alles war nur möglich, weil Europa zusammenwuchs. Davon war meine Mutter überzeugt. Denn sie hatte es erlebt. 

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kam nicht der Frieden – „wir haben keinen Friedensvertrag“, auch so ein Standardsatz meiner Mutter -, sondern der Kalter Krieg. Statt zu verhandeln, wurde erst einmal aufgerüstet. Frei nach dem Motto: ein potentiell möglicher Angriff ist die beste Verteidigung, O-Ton meine Mutter, bewaffneten sich West und Ost mit Waffen, die einen unendlichen Overkill ermöglichten.

Derweil wurde der Waffenstillstand an den Grenzen durch Kriege im Innern gesichert., Prager Frühling, RAF, Brigate Rosse. Und dann die Friedensbewegung. Atomkraft – nein danke, Gorleben, Wackersdorf und Startbahn West. 

Während der Osten Proteste niederpanzerte, wuchs im Westen eine neue Kriegsform, der Terrorismus. Von 1970 bis 2016 haben in Europa etwa 4.280 Anschläge stattgefunden. Mit etwa 9.200 Todesopfern In den dreißig Jahren vor der Jahrtausendwende. Nordirland, Spanien, Italien –   lange vor den islamistischen Terrorkommandos hatten ethno-nationalistische Gruppen diese Kriegsform für sich adoptiert. 

Wie konnte meine Mutter da von „Frieden“ sprechen? Weil Europa zum ersten Mal so sehr geeint war. Wirtschaftlich und politisch. Trotz ihrer Demenz erkannte meine Mutter im neuen Jahrtausend die Risse. Und warnte. 

Hat Putin den Zeitpunkt für seine Aggression gegenüber der Ukraine gewählt, als die Einheit Europas zu bröckeln begann? Ist die EU zu schnell gewachsen? Oder ist sie gewachsen, ohne dass die Länder genug einende, verbindende Strukturen, Konzepte, Visionen hatten? War die Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt und Sicherheit im Schatten der Nato nicht genug? War noch zu viel Warschauer Pakt in der DNA der neuen Staaten? Fakt ist, innerhalb Europas wuchsen die Unstimmigkeiten. Arbeits- und Armutsmigration, „Flüchtlingsansturm“, neu aufkeimender Rassismus, Grenzschließungen, Erstarken des Ethno-Nationalismus. Letzteres keineswegs nur in der Ost-EU, sondern ebenso in Frankreich, Italien, Deutschland etc. Brexit und Covid-19 schließlich versetzten Europa einen Stoß, der die Einheit in gefährliche Schieflage brachte. 

Das ist der ideale Moment, um damit zu beginnen, mit den Demokratiebestrebungen im Umfeld Russlands dauerhaft aufzuräumen. Denn Putin will vielleicht einen breiteren Zugang zum Schwarzen Meer, aber er will vor allem nicht von aufkeimenden Demokratien umgeben sein. Deshalb wird er seinen Feldzug nicht stoppen wollen. Er hat mit wachsendem Widerstand in seinem Land zu kämpfen. Er hat den Kontakt zur Jugend weitgehend verloren. Und zu vielen Bevölkerungsschichten ebenfalls. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immens. Die Armen glauben der Regierung nicht. Sie lassen sich nicht impfen (Impfquote bei ca. 25%), weil sie vermuten, der Impfstoff sei vergiftet. Sie misstrauen sogar russischem Wodka, aus demselben Grund. Ein Heer von Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken haust unter unmenschlichen Bedingungen im Land, ausgebeutet und verachtet, Parias der Gesellschaft. Die Zahl der Straßenkinder wächst. Sie fliehen vor Missbrauch, Schlägen, unzumutbaren Wohnverhältnissen – oft 3 Generationen in einem Zimmer, alkoholisierte Eltern – auf die Straßen, nehmen Drogen, prostituieren sich, verkaufen ihre Organe. Nein, das ist keine Übertreibung. Leider. 

Wir fragen uns: was hat Putin davon, der Mächtigste in einem Land der Machtlosen, der Hoffnungslosen zu sein? Ich habe keine Antwort darauf. Außer, dass er ein Mensch mit einer großen psychischen Verletzung ist, der sich „vom Westen“ missachtet fühlt und um sich schlägt, einfach, weil er es kann. Nur, dass seine Schläge tödlich sind. Für die Menschen in der Ukraine, für seine Soldaten, und, sollte er seine Waffen ändern, für weite Teile der Welt. 

Wir fragen uns: wie kann man diesen Wahnsinnigen stoppen? 

Ich habe keine Antwort darauf. Aber ich höre meine Mutter: „La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.” Vielleicht ist das der Ansatz einer Antwort. Wenn nicht nur Europa, sondern weite Teile der Welt zusammenstehen, schrumpfen Kleptokraten wie Putin auf ein Maß, das bekämpft oder einfach unschädlich gemacht werden kann.

Dass China sich im UN-Sicherheitsrat bei der Resolution enthalten hat, ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass die so genannte Volksrepublik nicht um jeden Preis hinter Putin steht. Einmal, weil sie in ihrer Nähe keinen – weiteren – Diktator braucht. Zum anderen aber, weil sie auf einen finanzstarken Westen angewiesen ist, denn Chinas Waffe ist der Handel. 

Ja – es stimmt. Im Grunde genommen hat die Aufregung, in die die Menschen in Europa sich seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine versetzt haben, durchaus eine zynische, sogar makabere Note. Denn die Welt brennt in vielen Teilen. Und fast täglich werden UN-Konventionen verletzt. Sterben Menschen. Fliehen, werden verfolgt. Oft haben „wir“ an den Ursachen einen Anteil. Der Balkankrieg wurde lange vom Westen nicht wahrgenommen. Was im Nahen Osten passiert, wird kommentiert, was sich in Afrika tut, erreicht oft nur die Randnotizen der Nachrichten. 

Nun hat der Krieg unsere Haustür erreicht. Gut, das wir aufwachen. Besser wäre es, wenn daraus Konsequenzen gezogen würden, und zwar das gesamte politische und wirtschaftliche Handeln. Krieg ist immer schrecklich, egal, wo er stattfindet. 

Das war es, was mich an der Äußerung meiner Mutter so störte. Dieses Betonen der EU. Aber – sie hatte Recht. Denn ein gerechtes, geeintes Europa sollte ein Zeichen sein und Zeichen setzen für eine gerechte Welt. 

Ein anderer Lieblingssatz meiner Mutter war: Change it, leave it or love it. Also, Mum: I had a dream. I have a dream. Let’s dream it all. Let it get real.

Heute Abend live im Stemmerhof….. und wannIhrwollt im Blog.


Guten Abend, meine Damen und Herren. Ich darf den Reigen heute hier beginnen, damit Sie sich nachher noch erholen können und nicht in tiefer Depression nach Hause gehen. Nicht, dass Sie dann auf dumme Gedanken kommen. Also.

Sie kennen den Spruch: trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Deshalb würde ich heute Abend gerne meine eigene, also „unsere“ Statistik machen. Ihr Einverständnis vorausgesetzt….. ok?

Ich stelle Ihnen ein paar Fragen, und Sie antworten mit Handzeichen, alles klar?

  • Wer von Ihnen kennt Edward Snowden? Also nicht persönlich….
  • Wer von Ihnen weiß, wie der neue amerikanische Präsident heißt?
  • Wer von Ihnen findet ihn gut?
  • Wer von Ihnen glaubt, dass innere Sicherheit wichtig ist?
  • Wer von Ihnen glaubt, dass innere Sicherheit das ist, was uns Bürgerinnen und Bürger schützt?
  • Wer von Ihnen ist der Meinung, dass der Staat als oberstes Interesse den Schutz seiner Bürgerinnen und Bürger hat?
  • Und schließlich:wer von Ihnen glaubt, dass die „innere Sicherheit“ im Zweifelsfall mehr wiegt als die Rechte des Einzelnen?

 Freedom is the right to act. Freiheit bedeutet das Recht, selbst zu handeln.

Das hat Edward Snowden auf einer Videokonferenz letzten Sonntag gesagt. Vor rund 600 Teilnehmern in der Münchner Muffathalle. Ich war dabei. Ich habe gehört, wie er Beweise vorgelegt hat dafür, dass Martin Luther King zwei Tage nach seiner Rede von seinem Traum (I have a dream) von der amerikanischen Regierung als Staatsfeind Nummer eins eingestuft worden ist. Vor schwarzem Hintergrund in einem unbestimmten Raum irgendwo in Russland sagte der Whistleblower mit einschlägiger beruflicher Geheimdiensterfahrung, dass Innere Sicherheit nie die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger eines Landes bedeutet, sondern immer die Erhaltung der aktuellen Machtstrukturen…….

Snowden ist übrigens nicht begnadigt worden, im Gegensatz zu Herrn oder Frau Manning. Ich frage mich, ob Snowden sich nicht auch fragt, wie lange er noch überleben kann. In Russland und überhaupt. Jetzt, wo zwei ziemlich beste Freunde Anstalten machen, die Welt endgültig unter sich aufzuteilen….

Krieg ist in der Welt, und nicht nur in der ersten, sondern auch in der zweiten, dritten und vierten, bis heute gewinnbringender als Frieden. Wer die Macht hat, hat das Geld. 8 Leute besitzen mehr als die halbe Menschheit bzw. 3,6 Milliarden Menschen. Die materielle Ungleichheit wächst. Und gleichzeitig war Geld und Besitz noch nie so sexy. Die Medien erklären den Leuten in bunten Bildern, dass die Welt aus Konsum besteht und Konsum der Sinn des Lebens ist. Dass Wäsche weich sein muss und Kaffee süß, dass man jede Mode mitmachen muss und das auch kann, weil Kleidung ja so billig ist.

Geld regiert die Welt. Da ist längst kein blöder Spruch mehr, das ist die Wahrheit. Wer die Macht hat, braucht das Geld, um an der Macht zu bleiben. Und wer das Geld hat, braucht die Macht, um noch mehr Geld zu machen. Ich stelle mir vor, dass Wladimir Putin eines Morgens aufgewacht ist und zum Telefon gegriffen hat und einen amerikanischen Milliardär angerufen hat, mit einem unmoralischen aber unausschlagbaren Angebot. Ich mache dich zum nächsten Präsidenten, und dafür machst du mich zum mächtigsten Mann der Welt.

Tja, und da sind wir jetzt. Geld regiert die Welt. Die Politik, die Medien. Und uns. Geld zerstört die Welt. Die Umwelt, das Wasser, das Land, die Luft. Und uns. Und wir sitzen in unseren Stühlen vor unseren Computern, auf der Sitzlandschaft vor den  TV-Plasmabildschirmen und schauen zu. Klimawandel, Naturkatastrophen, Kriege und Hungersnöte – ist ja fast so spannend wie ein Blockbuster. Darauf noch ein Bier und eine Tüte Popcorn.

Vielleicht beschleicht den einen und die andere von uns das Gefühl, dass da irgend was nicht stimmen kann. Dass das nicht passieren dürfte, dass das nicht so weitergehen kann. Und dann bekommen wir Angst. Angst davor, dass all das Schreckliche aus den Bildschirmen herauswabern und bis zu uns dringen könnte. Wir haben ja erlebt, wie schnell das gehen kann, vorletztes Jahr, diese Flüchtlingsschwemme. Unglaublich. Beängstigend. Und wie haben wir reagiert, in Europa? Wir haben uns den Populisten angeschlossen, die geschrieben haben: Europa gehört uns. Raus mit den Konsumgefährdern. Dabei gehört uns Europa gar nicht. Mehr .Europa gehört dem Geld. Wie der Rest der Welt.

Wir haben keine Flüchtlingskrise, sagt Srecko Horvath, Mitbegründer von Diem25. Wir haben eine Kulturkrise, eine moralische Krise, vielleicht, Aber wenn der Meeresspiegel nur noch um ein paar Zentimeter steigt, wenn die Dürre in Afrika durch Landgrabbing und Fracking sich noch ein bisschen ausweitet, DANN werden wir erleben, was eine Flüchtlingskrise ist. Dann kippt die Wippe von Armut und Reichtum, von Wohlstand und Elend, und plötzlich fallen WIR hinten runter.

Also liegt es doch in unser aller Interesse, vorzubeugen. Einhalt zu gebieten. Aber ach. Die Sofalandschaft ist einfach zu bequem. Und die Medien, RTL und SAT1 und ja, auch ARD und ZDF, die würden uns schon sagen, wenn es soweit wäre, dass wir uns bewegen MÜSSTEN. Tun sie aber nicht.Also bleiben wir sitzen.

Bleiben wir? Einige ja. Aber immer mehr NEIN. Und das, liebes Publikum, ist der Grund, warum ich überhaupt hier stehe, heute Abend. Ich bin nämlich keine Kassandra, ich mag kein Unheil verkünden. Ich bin lösungsorientiert, das lernst du als Krimiautorin als allererstes. Und deshalb sage ich Euch;

Jeder Grashalm hat nur eine kleine Wurzel, aber zusammen bilden sie eine große Wiese.

Es gibt sie, die Bewegungen von Menschen, nicht nur junge, nein, auch alte, so wie wir…. Sie gehen auf die Straße, sie schließen sich zusammen, sie protestieren gegen das Zuviel an Konsum und Macht, sie stehen auf gegen die Politik – und gegen Populisten, die uns glauben machen, dass wir nur eifrig weiter konsumieren müssen, wachsen und exportieren, Waffen und Kriege und Güter, die keiner braucht, und die uns gleichzeitig eintrichtern, dass wir uns einschließen müssen in unser Glashaus aus Wohlstand. Ein Widerspruch, den sie nicht aufklären.

Viele Graswurzeln, überall, in Europa, Amerika, in Asien, in China, und sogar in Afrika. Ja, daraus kann ein Teppich werden. Und endlich hat Globalität einen Nutzen. Mögen sie uns ruhig überwachen, wir vernetzen uns, und sie bekommen das mit. Das macht den einen Angst. Und den anderen Mut.

Und das tut gut! Also ich handle lieber, solange ich noch die Freiheit dazu habe! Und Sie?

Auszug aus Arabien


„Der Krieg dauerte sieben Jahre, kostete 4400 US-Soldaten das Leben und den amerikanischen Steuerzahler eine Billion Dollar: Jetzt hat die US-Armee ihre Kampftruppen aus dem Irak abgezogen“ – so titelt der Stern heute zum Abzug der letzten US-amerikanischen Kampfeinheit aus dem Irak.

Drei Fragen stellen sich mir beim Lesen: 1. Ist es präzise, das, was da heute zu Ende geht, als „Krieg“ zu bezeichnen? 2. Wie hoch waren die Verluste auf Seiten der anderen Kampfbeteiligten? und schließlich: 3. Wenn jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt: was beginnt ab heute? Im Irak? Oder auf den Kriegsschauplätzen, auf die sich die Auseinandersetzung verstärkt verlagern wird? Weiterlesen „Auszug aus Arabien“