Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Eine schöne Bescherung 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am schlimmsten. Wenn draußen die Lichtgirlanden, in den Fenstern die Jakobsleitern und am Adventskranz die Kerzen leuchten, wenn die Luft nach Glühwein duftet und gebrannten Mandeln, wenn sich im Keller die Dosen mit frisch gebackenen Plätzchen stapeln und das Radio „Last Christmas“ in Dauerschleife dudelt, packen die Erinnerungen Erika jedes Mal mit aller Macht. Denn genau in dieser magischen, wunschprallen, nach Vergebung und Liebe suchenden Zeit ist Erika die schlimmste Kränkung ihres Lebens widerfahren. 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am besten. Wenn draußen ein eisiger Ostwind den Schnee vor sich hertreibt und drinnen vor dem munter flackernden Kaminfeuer Whiskey und Pfeife auf ihn warten, genießt Eduard die Erinnerungen am meisten. Und während das Holz in den Flammen knistert, ergreift die Genugtuung wieder Besitz von jeder Faser seines Körpers, prickelnd und über die Maßen erregend.

Erika hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Erstgeborene, ein Mädchen statt des ersehnten Stammhalters, schmal und schmächtig. Aus der konnte nichts „Gescheites“ werden, das hatte die Mutter gleich beim Anblick der Neugeborenen prophezeit. Im Laufe ihres Lebens hat Erika diese Erwartungen voll und ganz erfüllt. Von einer scheuen Schülerin, die sich statt in Freizeitaktivitäten lieber in Bücherwelten stürzte, entwickelte sie sich zur einer musikbesessenen Medizinstudentin. Natürlich gaben ihr die Eltern keinen Pfennig dazu, und Erika verdiente sich Studium, Bücher, Unterkunft und Essen durch Klavierunterricht. Dass sie ihr überhaupt erlaubten, die Universität zu besuchen, lag ganz einfach daran, dass sie dadurch früh „aus dem Haus, dem Auge und dem Sinn“ der Mutter verschwand.

Eduard interessierte sich schon im Kinderwagenalter für Geschwindigkeit: er stellte sich kerzengerade in seinem Buggy auf und hieb mit einem langen Schnürsenkel auf die Schwester ein, die ihn, wie ein eingespanntes Pferd, in Windeseile über den Hof ziehen musste. Mit fünf zerschnitt er die Bremsen ihres Fahrrads, woraufhin sie wie ein Pfeil die Straße bergab und gegen den Baum an der ersten Kreuzung sauste. Selbstverständlich trat er nach dem Realschulabschluss in das elterliche Autohaus ein und verdrängte den Vater, so schnell es ging, aus dem Geschäft. Sein rasanter Lebensstil kostete im Laufe der Zeit allerdings mehr, als ihm seine diesbezügliche Expertise einbrachte. Schließlich stand das Autohaus – das Lebenswerk des Vaters – kurz vor dem Konkurs. Dann starb die Mutter, und nur mit ihrem Geld konnte er die geschäftliche „Kurve kriegen“. Allerdings war dazu mehr als sein eigener Erbanteil nötig...

Erika, inzwischen längst Landärztin mit eigener Praxis, Ehemann und zwei Kindern, saß bei der Testamentseröffnung kerzengerade auf dem Ledersofa. Sie musste gegen die ungehindert durch die großen Fenster in den Raum hineinstürzende Sonne blinzeln und nahm den Anwalt, den die Mutter offenbar kurz vor ihrem Tod mit ihren Angelegenheiten betraut hatte, – übrigens ein Kunde und Duzfreund ihres Bruders – nur als Scherenschnitt war.  Im Nachhinein hat sie versucht, das Testament anzufechten, um zumindest einen Pflichttei des Erbes zu erhalten. Vergeblich. Nachdem sie alle Instanzen durchlaufen hatte, nahm der Richter, der ihr in der letzten Verhandlung die allerletzte Hoffnung genommen hatte, sie beiseite. Ob ihr bewusst sei, dass ihr Anwalt zur Clique von Eduard gehöre? Er habe es wirklich geschickt angestellt, so dass ihm, dem Richter, bei dieser lückenlosen Vorgehensweise tatsächlich die Hände gebunden gewesen seien.

Eduard sitzt vor seinem Kamin. Verträumt betrachtet er die Glut. Um ihn herum nur die Stille einer sternenklaren Nacht. Er hat den Brief zweimal gelesen. Wort für Wort. Aber er kann keinen Fallstrick erkennen. Nur eine tiefe Traurigkeit. Erika war schon immer melancholisch veranlagt. Sie schreibt, dass ihr Mann gestorben sei. Ein Unfall, der die gesamte Familie in arge Bedrängnis gebracht habe. Sie könne die Praxis nicht mehr halten und werde wohl auch aus dem Haus ausziehen müssen. Das wenige Geld, das ihr bleibe, sei für die letzten Studienjahre ihre Kinder bestimmt. Nach so viel Leid habe sie das dringende Bedürfnis, in ihrem Leben Ordnung zu schaffen. Sie wolle den Zwist mit ihrem Bruder beilegen. „Lassen wir den Schnee von gestern doch einfach tauen“, schrieb sie. „Und endlich wieder wie Geschwister zueinander sein.“

Der dem Brief beigelegte Versöhnungstropfen muss noch aus dem Weinkeller seines Schwagers stammen. Ein vorzüglicher Chateau Lafitte. „Santé, Schwester“, sagt Eduard und hebt das Glas.

Dank seiner Selbstgerechtigkeit ist er kaum überrascht, als sie trotz vorgerückter Stunde vor seiner Tür steht, und es gelingt ihm gerade noch, ihr das Glas in die Hand zu drücken, als die Welt um ihn herum sich zu drehen beginnt. Sekunden später liegt er leblos auf dem Terracottaboden.

Frau Dr. Erika Monhaupt ist untröstlich, den Bruder so unmittelbar nach ihrem Wiedersehen verloren zu haben. Dabei verschweigt die Ärztin natürlich sowohl ihren Brief samt Versöhnungsgeschenk als auch ihre Kenntnis bezüglich der Ursache für den plötzlichen Tod ihres Bruders. 

Die Vorweihnachtszeit, denkt sie, während draußen dichte Schneeflocken tanzen und im Kamin ein lustiges Feuer prasselt, ist doch gar nicht so übel. Morgen kommen die Kinder. Ist das nicht eine schöne Bescherung?

Adventskalender MiniKrimi am 5. Dezember


Wunschlos glücklich

„Was wünscht du dir zu Weihnachten, Nicoletta? Egal was es ist, sag es uns. Wir werden versuchen, dir deinen Wunsch zu erfüllen. Wir sind so überglücklich, dass wir durch dich eine richtige Familie geworden sind, meine Süße!“

„Und so eine stolze. Mit so einer wunderhübschen Tochter.“ Antonia strahlt das kleine Mädchen an und streckt die Arme nach dem Kind aus. In Zeitlupe bewegt sich Nicoletta vom Ende der Couch in Richtung der Frau mit den langen blonden Locken, die sie erst seit 3 Monaten kennt und jetzt „Mama“ nennen soll. Dabei sah ihre Mama ganz anders aus. Schwarze Haare, so wie sie selbst. Große graue Augen und ein lustiges Grübchen am Kinn. Helena hieß sie – und sie war viel jünger als diese Frau. 

„Freust du dich denn gar nicht auf unser erstes gemeinsames Weihnachten?“, fragt die blonde Zweitmama jetzt. Zweitmama, so nennt Nicoletta sie heimlich. 

„Ich glaube, wir überfordern sie gerade, Antonia. Das ist alles ein bisschen viel für sie. Sie ist doch erst vor einer Woche bei uns eingezogen. Lass ihr etwas Zeit zum Eingewöhnen. Das ist hier alles neu für sie. Sie kommt sich wahrscheinlich vor wie in einem Märchen.“ Edgar ist ungefähr so alt wie seine Frau. Er hat braunes Haar, einen Bart und eine runde Brille. Eigentlich sieht er lustig aus. Lustig und so, als ob man ihm vertrauen könnte. Eigentlich. 

„Ja, das stimmt. Entschuldige, Nicoletta. Komm erst mal richtig an. Genieß dein großes rosa Zimmer, den verschneiten Garten, den Kamin. Das muss eine riesen Umstellung sein für dich, aus einer winzigen Sozialwohnung in so ein prächtiges Haus.“

„Antonia!“ Aber es stimmt. Edgar und seine Frau haben Nicoletta schon seit ihrem ersten Kennenlernen in Anwesenheit der Sozialarbeiterin nach Strich und Faden verwöhnt. Sie mit Kleidung überhäuft, sie hat ein Ipad bekommen und ein IPhone. Und ein komplett eingerichtes Zimmer mit einem Himmelbett und einem dreistöckigen Puppenhaus. Das Kind hat das alles an- und hingenommen und immer danke gesagt. Aber das einzige Mal, als Nicolettas Augen geleuchtet haben und sie übers ganze Gesicht gestrahlt hat, war, als Edgar ihr mit Puppy an der Leine entgegenkam. Einem blonden Retriever-Welpen. 

Auch jetzt dreht sie sich nach ihm um. Er ist immer in ihrer Nähe und schmiegt seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. 

„Vielleicht hat sie im Moment einfach keine offenen Wünsche mehr. Bist du wunschlos glücklich, Nicoletta?“, fragt Antonia.

Die Kleine zuckt mit den Schultern. Schaut auf Puppy. Dann hinaus in den Garten. „Also – einen Wunsch hätte ich schon. Aber ich weiß nicht, ob das geht…“

„Erzähl! Dann werden wir sehen“, ermutigt Edgar seine neue Tochter. 

„Meine Mama, also, meine echte Mama“ – dabei schaut das Kind entschuldigend zu Antonia hinüber, die bemüht lächelt – „hat mir immer erzählt, dass der Weihnachtsmann in der Heiligen Nacht durch den Kamin kommt und die Geschenke bringt. Aber ich habe ihn nie sehen können, weil – wir hatten doch keinen Kamin. Ich wünsche mir so sehr, dass der Weihnachtsmann mir die Geschenke bringt – und ich möchte ihm dabei zusehen. Nur ganz heimlich, durchs Schlüsselloch. Damit er mich nicht entdeckt…. Meint Ihr, das geht?“

Antonia und Edgar schauen sich an. Nein, das geht auf keinen Fall, und überhaupt, glaubst du noch an den Weihnachtsmann? Der Satz liegt Antonia noch auf den Lippen, als Edgar schon antwortet: „Wenn’s weiter nichts ist! Klar geht das. Wir haben doch einen extra guten Draht zum Weihnachtsmann!“ 

Und endlich lächelt Nicoletta. Sie lächelt Edgar an, nicht nur mit dem Mund, sondern mit strahlenden Augen.

Später, als die Kleine im Bett liegt, kommt es zu einer heftigen Diskussion zwischen den frisch gebackenen Eltern.

„Wie konntest du ihr sowas versprechen. Das Kind ist acht Jahre alt! Was soll der Quatsch mit dem Weihnachtsmann? Und dieser Blödsinn mit dem Kamin! Wie willst du das anstellen? Bei uns ist die Bescherung außerdem an Heiligabend, nicht erst am Weihnachtstag. Nur, weil ihre Mutter aus Italien oder England oder so kam, müssen wir uns doch nicht anpassen.“

„Es ist ihr erstes Weihnachten bei uns! Und die Sache ist ganz einfach! Ich verkleide mich als Weihnachtsmann und verstecke mich im Kamin, während Du Nicoletta holst. Dann gibst du mir ein Zeichen, du hustest, oder so, und ich rutsche runter und verteile die Geschenke. Im Zimmer ist es dunkel, und ich bin mit Rauschebart und Haaren sowieso nicht erkennbar. Dann scheuchst du sie schnell wieder ins Bett. Das ist alles. No problem.“

An Heiligabend geht Nicoletta früher als sonst ins Bett. Die Aufregung…! Antonia hat ihr fest versprochen, sie nachts zu wecken und mit ihr dem Weihnachtsmann aufzulauern. Aber vorher drehen die Eltern noch eine Runde mit Puppy.

Dann ist es gleich soweit. Erwartungsvoll starrt Nicoletta durch’s Schlüsselloch. Puppy schmiegt wie immer seine weiche Schnauze in Nicolettas Hand. Antonia steht gelangweilt daneben. „Ohhhh“, flüstert Nicoletta plötzlich. Dann „Ahhhh!“.

Von drinnen kommt wie eine Antwort ein Schrei: „AHHHHHHH!“ Und noch einer: „AHHHHH! Antoniaaaaa!“ Antonia reißt die Tür auf und bleibt vor Schreck erstarrt auf der Schwelle stehen. Im Kamin prasselt ein lustiges Feuer, und der Weihnachtsmann tanzt davor herum, in wilden Sprüngen, wie eine lebendige Fackel. Antonias Versuche, ihren Mann zu löschen, kommen zu spät. Weißer Phosphor ist tückisch und brennt mörderisch.

Nicoletta ist nicht schuldfähig, aber da Antonia sich weigert, das Kind auch nur eine Nacht länger unter ihrem Dach zu beherbergen, kommt die Kleine zunächst in ein Heim mit psychiatrischer Betreuung.

Sie erzählt frei und ohne Scheu von ihrem Plan, sich am Mörder ihr Mama zu rächen. Den weißen Phosphor hatten sie gemeinsam am Elbstrand gefunden. Es sah aus wie Bernstein, aber Mamas damaliger Freund erklärte ihnen den lebensgefährlichen Unterschied. Nach seinen Anweisungen hob Nicoletta ihn in einer Metalldose auf, bis sie ihn in den Kamin zum Trocknen legen konnte. 

Dass Edgar unmöglich der Mörder ihrer Mutter sein könne, scheint sie nicht zu interessieren. Der Mann, der die junge Frau vor den Augen der Tochter überfahren und dann einfach weitergebraust war, fuhr den gleichen goldenen SUV und hatte ebenfalls braune Haare.  „Übertragung“ nennt die Psychiaterin das. Nicoletta ist das egal. Sie hat ihre Mama gerächt. 

Adventskalender-MiniKrimi am 21. Dezember


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Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer seinen Fang, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch einem  flüchtigen Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und schon Stunden später bitterlich bereut.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heilig Abend nicht zu mir. Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“