Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Spieglein, Spieglein, an der Wand……

„..ich bin die Schönste im ganzen Land. Und gut, dass das bald auch alle im Land wissen werden“, dachte Sabina. Es war wirklich höchste Zeit. Sie hatte es satt, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen, und hatte lange genug auf diese Gelegenheit gewartet. Seit 4 Jahren, um genau zu sein. Seit sie ihren Salon „Sabinas Beauty Palast“ eröffnet hatte.

Die Kund*innen hätten in Strömen zu ihr kommen müssen, aber woher sollten die Menschen in Sachsen wissen, dass es nur bei ihr, in einer kleinen Sackgasse in Schkeuditz, die tollsten Frisuren, das coolste Makeup und die geilsten Nägel gab?

Aber jetzt würde die Beauty-Show in diesem Privatsender sie bekannt machen. Und nicht nur in Sachen! Deutschlandweit. Die Tatsache, dass sie, um den Hauptgewinn zu bekommen, ihre vier Konkurrent*innen besiegen musste, war für Sabina kein Problem. Wofür hat man Freunde? Wenn ihre Qualitäten die Mitbewerber*innen nicht überzeugen konnten, hatten ihre Leute genug schlagkräftige Argumente parat. Sie waren nicht umsonst in Windschatten der Wende aufgewachsen. Jetzt war Zahltag, und endlich war sie, Sabina, an der Reihe.

Heute war der letzte Tag. Mit dem Filmteam von „Spieglein, Spieglein“ waren sie eine Woche lang von München nach Lüneburg, von dort nach Stuttgart, dann weiter nach Schkeuditz und schließlich nach Berlin gezogen. Jeden Tag hatte eine*r der Beweber*innen die anderen Kolleg*innen im eigenen Salon „verwöhnt“ und war dafür bewertet worden. Pah, die dachten, sie seien die Superstars. Allein die Blicke, als die Sabinas Salon betreten hatten. Die Tigerfelle an den Wänden, der rosa Plüsch und die Lackmöbel. Ja, so sah es eben bei ihr eben aus. Und sie war stolz darauf. Hatte alles selbst ausgesucht und nicht irgend so einem Designerfutzi überlassen, wie die anderen. Wie gerne hätte sie es ihnen direkt bei der Behandlung heimgezahlt. Aber das ging nicht, schließlich waren sie live auf Sendung.

Als es dann aber an die Beurteilung ging, hatten ihre Freunde in der Zwischenzeit schon dafür gesorgt, dass ihre Noten gut ausfielen! Sehr gut, sogar.

Heute war nur noch Raffi dran. Dieser eingebildete Schönling. Machte einen auf Mädchen, klimperte mit seinen falschen Wimpern und flötete siegessicher: „Willkommen in der Hauptstadt des Stylings, meine Süßen alle.“ Dabei hatte er Sabina eine Kusshand zugeworfen. Ekelhaft! Na, der würde sich wundern. Nein, auch er konnte ihr den Sieg nicht wegschnappen. Denn ganz am Ende konnten die Zuschauer noch Bonuspunkte für den coolsten Style vergeben, und erst die brachten dann den Sieg. Sabina hatte keine Sorge. Ihr Style war der allerbeste.

Raffi gab sich alle Mühe. Oh, wie Sabina ihn hasste! Sein Laden war eiskalt. Nur schwarzer Marmor und Glas. An der Decke riesige Lüster. Wie in einem Schloss. Keine Spur gemütlich. Nicht so wie bei ihr. Und zu trinken gab’s statt Kaffee und Rotkäppchen Lassis und Smoothies. Also bitte! Naja, was sollte man auch anderes erwarten. Das war wohl auf der Südseeinsel, wo sein Vater herkam, so üblich. Aber nicht bei uns, dachte Sabina. Nicht bei uns!

Jetzt war sie an der Reihe. Die anderen saßen schon, frisch gewellt, gepealt, geschminkt im Tourbus und hatten Raffi mega Noten gegeben. Sabina sah ihren schwer erkämpften Vorsprung schwinden. Sie würde schon dafür sorgen, dass er es bei ihr verpatze. Egal, wie sie danach aussah. Hauptsache, er würde sich blamieren und von den Zuschauern keinen Extrapunkt bekommen.

„Was wünscht du dir denn, liebe Sabina?“, flötete Raffi und klimperte in die Kamera. „Ich will so aussehen wie mein größter Albtraum“, sagte sie und schaute Raffi direkt in die Augen. Damit bist du überfordert, dachte sie. Und freute sich darauf, am Abend mit den Freunden den Gewinn zu teilen.

Aber „sehr gerne“, lächelte Raffi. Und setze hinzu: „Und du bist dir ganz sicher?“ „Hundertprozentig“.

Die Prozedur war lang Und schmerzhaft. Die Kamera durfte hier nie dabei sein. Berufsgeheimnis. Mehr als einmal hatte Sabina nur mit Mühe ein Stöhnen unterdrückt. Denk an den Sieg, Mädchen, hatte sie sich Mut gemacht.

Endlich war es soweit. Raffi nahm ihr den Umhang ab, verband ihr die Augen und führte sie vor den Spiegel. Jetzt waren die Zuschauer zugeschaltet. Alle konnten sehen, wie hässlich sie aussah, und egal, ob es ihr Wunsch gewesen war oder nicht, Raffi würde damit keine Punkte machen.

Komisch, warum waren plötzlich alle so still? Das Team, die Mitbewerber? Keine Oh-Laute, kein abfälliges Flüstern. Nur eine ganz tiefe Stille.

„So, liebe Sabina, schau dich an. Hier sitzt dein größter Albtraum“, deklamierte Raffi und enthüllte mit dramatischer Geste den Spiegel.

Sabina hielt die Luft an. Starrte auf das Bild. Die Welt um sie herum blieb stehen. Bis sie schrie. Aufsprang und hinausrannte. Auf die Straße. Und verschwand.

Sie hatte in dem Spiegel nicht mehr Sabina gesehen, sondern einen zweiten Raffi. Und zwar so perfekt hergerichtet, dass der Berliner von den Zuschauern für diese Leistung die nötige Punktzahl erhielt, um Sabina zu überholen und sich den Titel „Der Schönste im Land“ zu holen.

Sabinas Beauty Palast suchte kurz danach einen neuen Pächter. Ein Hundefriseur zog ein und erfreute sich bald großer Beliebtheit, auch weit über die Grenzen Sachsens hinaus.

Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?


Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.

 

Ansichtssache. Oder Stilfrage?


alles dreht sich um ein HaarNach diesem Aufschrei kniff ich beide Augen fest zusammen, wie, um kein Schampoo rein zu bekommen. Aber was ich vermeiden wollte war keine Seife, sondern die Realität nach der Sekunde NULL.

Schließlich zwinkerte ich. Erst rechts – auf dem Auge bin ich kurzsichtig. Dann links. OH! Ein kurzer Vollblick in den Spiegel – und ich hechtete zum Telefon. Das steht zum Glück auf der Kommode im Arbeitszimmer nur zwei Meter und eine Ecke entfernt. „Hallo? Silvia“ (Name geändert, Anm. d. Red. 🙂 ), hauchte ich mit letzter Kraft. „Silvia, ich brauche ein Wunder. Und nur SIE können das schaffen.“ Ich weiß nicht, ob meine Friseuse Hellseherin ist (oder sagt man Friseuerin? Haarstylisten erscheint mir für Silvia zu hoch gegriffen –  sie arbeitet allein in ihrem kleinen, violett und weiß und allem Anschein nach selbst gestalteten Studio, riecht ganz ungeniert nach Zigaretten, wäscht sich täglich die Haare, coloriert sie selbst in knallmattschwarz und ist erfrischend down to earth…!). Vielleicht ist sie auch nur lange genug im Geschäft. Jedenfalls fragte sie gelassen – und ich hörte, wie sie dabei genüsslich Rauch herausblies – „wie viel ham’s denn abgeschnittn?“ „Naja, so zehn, fünfzehn Zentimeter…. aber nur an einer Seite…“ „Oha.“ Jetzt klang auch Silvia alarmiert, und ich fühlte mich ungefähr so wie der Patient, dessen Arzt diesen Ausruf beim Betrachten der Lungenradiographie ausstößt. Aber sie hatte sich gleich wieder im Griff (Friseusen oder auch Friseurinnen, egal, haben halt viel Ähnlichkeit mit Doktoren. Sind ja auch welche. Haar- und Seelenpfleger in einem, sogar..). Und sagte: „Moment. Da muss ich meinen ganzen Tagesplan umstellen.“ P a u s e . „Kommen’s inra Stund vorbei. Aber bis dahin NICHTS mehr abschneiden, ok?“

„Ok. Danke“, seufzte ich. Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich die Wartezeit verbracht habe. Auf die Sekunde genau stand ich vor der Haarstudiotür. Daheim hatte ich einen schwarzen Schal um den Kopf gebunden und eine dunkle Brille aufgesetzt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und huschendem Gang überbrückte ich die Meter vom Parkplatz zum Laden. Ein letzter konspirativer Blick über die Schulter. Die Straße war leer. Ich zog den Schal vom Kopf. „Also ich hätts mir schlimmer vorgestellt“, war Silvias lakonischer Kommentar, bevor sie meine Haare mit destilliertem Wasser befeuchtete.

Über die nächste Stunde bewahre ich Stillschweigen. Zwischen Freundinnen gibt es Dinge, die für immer ein Geheimnis bleiben. Eines nur kann ich preisgeben: als ich Silvias Laden verließ, zählte ich sie zum engen Kreis meiner besten Freundinnen. Mit Ira, meiner Kosmetikerin, habe ich davon inzwischen also schon zwei.

Nachtrag: als der Rest meiner Familie sich am Abend um den (wie üblich von mir und einzig und allein von mir) gedeckten und mit italienischen, selbstverständlich selbstgekochten Köstlichkeiten angereicherten Tisch einfand, stürzten sich alle auf das Essen und kauten und schmatzten mehr oder weniger. Auf meine erwartungsvolle Frage: „Und, fällt euch nix auf?“ erntete ich schuldbewusste, kurze Blicke. „Hast du wieder Soja genommen statt Fleisch?“ mutmaßte mein Sohn. „Es ist alles so wie immer – einfach köstlich“, echote meine Mutter ihren eigenen Standardsatz. Die Katze schnurrte. Der Hund bettelte. Ich stand auf, sprintete zum nächsten Spiegel – und beruhigte mich schließlich mit der Erkenntnis, dass ich einfach gut aussehen musste. Sonst wäre es ihnen wahrscheinlich aufgefallen. Oder auch nicht. Das nächste Mal, wenn ich eine krasse Stilveränderung vornehme, werde ich zusätzlich das Essen versalzen. Dann schauen sie mich wenigstens an.

Und morgen gehe ich entweder tanzen oder ins Fitness-Studio. Viellleicht finde ich da noch eine Freundin…..