Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Heute schreibe ich den letzten Adventskalender Minikrimi 2023. Morgen stelle ich euch ein wunderbares Weihnachts-Krimigedicht vor, einen Netzfund auf Bluesky. Doch jetzt schreibe ich noch einmal selbst. Von Thriller bis Komödie habe ich diesmal verschiedene Genres bedient. Heute nun: Fantasy. In Ansätzen. Weil ich das Grauen der Realität manchmal sublimieren möchte, um an das Gute zu glauben, trotzdem. Und gerade jetzt, einen Tag bevor, das glaube ich, die Liebe in die Welt geboren wird. Immer wieder neu.

Ein tödlicher Plan

Ein ganz normaler Morgen kurz vor Weihnachten. Geschäftiges Treiben, vielleicht, auf den Straßen. Einige Student*innen haben die letzte Uniwoche vor Weihnachten vorzeitig beendet und sind nach Hause gefahren. Die anderen folgen nur halb den Vorlesungen und planen die Feiertage mit ihren Freunden, mit der Familie.

Oder Schüler’innen freuen sich auf die Ferien, im Unterricht werden Filme geschaut, eine Weihnachtsaufführung wird geprobt.

Dann bricht ihr Alltag zusammen. Ein Amokläufer dringt in ihr Gebäude ein, schießt wahllos um sich und tötet, die ihm über den Weg laufen.

Auch der junge Amokläufer selbst hat seine Tat nicht überlebt. Ein ganzes Land trauert. Wie schrecklich! Wie viele Leben sind zerstört, für sehr lange Zeit, manche sogar für immer.

Wie oft wünschen wir uns, wir könnten die Geschichte umschreiben. Dem Entsetzlichen eine andere Wendung geben. Den Attentaten, die immer wieder Lernorte zu Schauplätzen brutaler Waffengewalt machen.

Allein, das geht nur in der Literatur.

Der junge Mann nahm die Welt um sich herum schon seit Monaten als schwarz wahr. Er kleidete sich schwarz, hatte seine schulterlangen Haare schwarz gefärbt und ging nur aus dem Haus, nachdem die Sonne untergegangen war. Oder wenn dunkle Wolken jedes Licht in graue Schatten verwandelten und Regen ihn wie ein Vorhang von anderen Menschen trennte.

Die letzte Therapie hatte er abgebrochen. Die Tabletten in die Toilette gekippt. Alles sinnlos. Lieber den rohen Schmerz ertragen, fühlen, wie er ihm das Herz zerriss, als im gefühllosen Nebel zu tapern. Die Schnitte, die er sich zufügte, ließen ihn zumindest noch ein wenig Leben spüren.

 Aber das war jetzt auch vorbei. So tief er sich auch in den Arm stach – so viel Blut auch aus der Wunde floss – er blieb völlig gefühllos.

Gut. Nächste Stufe. Wenn er sein eigenes Leiden nicht mehr spürte – andere konnten das noch. Und jetzt sollten sie bluten. Waren sie nicht schuld daran, wie es ihm ging?

Der junge Mann stieß die Haustür auf, sah sich nach links um, dann nach rechts. Kein Mensch weit und breit. Nur eine Rabenkrähe hockte auf dem kahlen Ast der Buche gegenüber. Seit Tagen, so schien es ihm, verfolgte sie ihn. Hockte auf dem immergleichen Ast und schwang sich in den bleiernen oder tintenschwarzen Himmel, ihm dicht auf den Fersen. Mehrmals schon hatte der junge Mann einen Stein aufgehoben und nach dem Vogel geworfen. Nie hatte er ihn getroffen. Die Kohleaugen starrten ihn wissend an, und krächzend erhob er sich in den Wind. Aber nur, um bald darauf wieder in der Nähe des jungen Mannes aufzutauchen.

„Verschwinde“, rief dieser jetzt. „Du Totenvogel. Hau ab!“ Er fand einen scharfen, spitzen Stein, zielte, und diesmal traf er die Rabenkrähe am Flügel. Sie taumelte und drehte ab. Mit gesenktem Kopf stapfte er weiter, die Hände in den Hosentaschen, Richtung Elbufer. Kurz nach der Sturmflut war hier niemand unterwegs. Er stiefelte durch das streckenweise noch knöcheltiefe Wasser. Nach dem letzten Glühweinstand, dort, wo der Strand begann, setzte er sich auf eine nasse Bank. Wasser und Horizont verschwammen, die großen Schiffe lehnten als dunkle Schatten am düsteren Himmel. Mit einem leisen Krächzen setze sich die Rabenkrähe auf die Lehne, mit einem halben Meter Abstand.


„Sch! Schsch! Verschwinde, oder ich dreh dir den Hals um, du schreckliches Vieh!“ „Das würde ich an deiner Stelle nicht machen. Ich bin doch nur hier, weil du mich gerufen hast.“

„Was? Du lügst!“ Der Umstand, dass der Vogel ihn angesprochen hatte, war für den jungen Mann nicht halb so unerhört wie die Tatsache, dass er ihn gerufen haben sollte.

„Ja. Du hast den Tod im Sinn. Und das ruft mich auf den Plan. Ich bin der Vorbote. Und der Tatortreiniger, zuweilen. Nun erzähl: was genau hast du vor? Und wie weit bist du mit deinen Vorbereitungen? Ich kann dir helfen, weißt du?!“

„Ich brauche keine Hilfe. Und deine schon gar nicht. Was ich vorhabe geht dich nichts an. Außer, dass ich dich vielleicht zum ersten Opfer mache.“

„Das würde ich nicht tun“, wiederholte die Rabenkrähe. „Es könnte sein, dass dich nach dem ersten Mord der Mut verlässt. Und das wäre doch schade für deinen Plan.“

„Was, einen Vogel zu töten soll mich beeindrucken? Du hast ja gar keine Ahnung. Mich beeindruckt nichts mehr. Und Schmerz spüre ich schon lange nicht mehr. Mitleid kenne ich gar nicht.“

„Soso. Du hast kein Problem damit, einen Vogel zu töten. Und auch keinen Menschen? Bist du dir da ganz sicher?“

Jetzt saß neben dem jungen Mann statt einem Vogel eine alte Frau. Ganz in schwarz, in Rock und Mantel, Stiefeln, Hut und Handschuhen. Mit einer Schnabelnase und Knopfaugen, die ihn scharf musterten. Der junge Mann zuckte zurück. „Was?“ setzt er an, aber die Alte fiel ihm ins Wort. „Geh nach Hause. Denk nochmal in Ruhe über deine Pläne nach. Morgen treffen wir uns wieder. Und wenn du dann immer noch der Überzeugung bist, dass du töten musst…“ „Was dann?“ „Dann helfe ich dir. Glaub mir, du wirst meine Hilfe brauchen.“

Und mit einem Krächzen, das in den Ohren des jungen Mannes wie ein Lachen klang, schwang sich die Rabenkrähe in den Abendhimmel und war sofort verschwunden.

Der junge Mann stand auf. Er ging nicht nach Hause, sondern in die Villa seines Vaters. Dort öffnete er den Waffenschrank und nahm die Waffen und Munition, die er morgen brauchen würde. Nachschlüssel hatte er schon vor Jahren machen lassen, unmittelbar nach einem Amoklauf in den USA. Seine Eltern waren auf Teneriffa. Schade, sonst hätte er mit ihnen angefangen. Ohne sie gäbe es ihn nicht. Sie waren die Wurzel seines ganzen Übels. Aber besser so. Was sie nach seiner Tat durchleben mussten war vielleicht noch schlimmer als ein schneller Tod. Vielleicht. Der junge Mann konnte das nicht beurteilen. Er spürte nichts. Noch nicht. Er hatte übrigens nicht vor, sich selbst ebenfalls zu richten. Zumindest nicht, bevor er wusste, ob das unumkehrbare Leiden anderer in ihm einen Funken Gefühl auslösen würde.

Am nächsten Morgen zog er sich mit außergewöhnlicher Sorgfalt an. Dem Anlass angemessen trug er saubere Hosen und Schuhe, einen Rollkragenpullover und darüber einen weiten Umhang, unter dem er den Rucksack mit den Waffen verstauen konnte. Allerdings war dieser so schwer, dass er sich entschloss, mit dem Bus zu fahren. Allein bei dem Gedanken traten ihm Schweißperlen auf die Stirn. Kurz überlegte er, ob er einfach das Massaker im Bus verüben sollte. Aber nein! Es sollte der Ort sein, an dem er gelitten hatte. Gedemütigt worden war. Von den Professoren und von seinen Kommilitonen.

Auf dem Weg zur Haltestelle war der junge Mann sich fast sicher, der Rabenkrähe zu begegnen. Aber nein! Die Fahrt führte ihn durch die halbe Stadt. Die Menschen um ihn herum waren ihm unerträglich. Er hatte sein Ziel fast erreicht, da setzte sich eine alte Frau neben ihn. Er wandte automatisch den Kopf ab und schaute aus dem Fenster.

„Ich sehe, du bleibst bei deinem Vorhaben. Das ist ganz nach meinem Geschmack. Lass dich von einem einmal gefassten Entschluss nicht abbringen.“

Träumte er, oder war das tatsächlich die Alte von gestern? Aber wer sollte sonst ihr heikles Gespräch aufnehmen wie eine gerade fallengelassene Masche? „Ich hab dir gestern schon gesagt, ich zieh das alleine durch. Ich brauche dich nicht.“

Er stand auf und stürmte aus dem Bus. Eine Haltestelle zu früh, aber besser, als noch länger neben der verrückten Krähenfrau zu sitzen. „Du kannst mich nicht abschütteln, junger Mann“, sagte ihre Stimme neben ihm. Er fing an zu rennen. Sie schwang sich in die Lüfte und begleitete ihn leise krächzend. Um ihn herum waren jetzt einige Studenten, so dass er sich nicht traute, einen Stein nach dem Vogel zu schleudern. Schließlich kamen sie an. Er ging durch das Tor – keiner interessierte sich für ihn. Exzentrik war bei vielen Studierenden ein Markenzeichen. Er musste noch eine Viertelstunde warten, bis alle in ihren Vorlesungen waren. Dann hatte er leichtes Spiel. Er setzte sich auf eine Bank in einem Flur, dessen Räume wegen Renovierung leer standen.

Und sofort saß die Alte wieder neben ihm. „Du bist dir wirklich sicher? Und was, wenn es schiefgeht? Dann wäre alles umsonst. Besser, du nimmst meine Hilfe an.“

„Nein!“, rief er und spürte einen euphorischen Moment lang so etwas wie Hass in sich aufkeimen. „Gut. Du lässt mir keine andere Wahl. Dann gehe ich jetzt ins Sekretariat und warne sie alle.“ Die Alte stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, den Flur entlang in Richtung Hauptgebäude.

„Das wirst du nicht tun!“, schrie der junge Mann. Er sah plötzlich rot. Wortwörtlich. Er sprang auf. Mit zwei Sätzen war er bei der Alten, legte ihr beide Hände um den Hals und drückte zu. Mit der ganzen Kraft seiner aufgestauten Verzweiflung. Sie sackte in sich zusammen und lag dann gekrümmt auf dem Steinboden. Ein schwarzes, lebloses Häuflein. „Ahhhh“, glaubte er zu hören. Dann Stille.

Und jetzt die anderen, dachte er. Und blieb stehen. Jetzt die anderen! Er blickte auf das reglose Kleiderbündel, das gerade noch mit ihm gesprochen hatte. Mit dem er gesprochen hatte. Zum ersten Mal seit. Ja, seit wann? Die Alte mochte eine Hexe gewesen sein. Aber sie hatte ihm zugehört. Anteil genommen. Ihr war es gelungen, sein Nichtfühlen zu durchbrechen, seinen unbändigen Hass herauszuholen aus einer Tiefe, zu der er den Zugang verloren hatte.  

Aber jetzt war der Hass verflogen. Und wie ein Kater kam die Traurigkeit. Was hätte aus dieser Begegnung werden können? Und wenn diese Begegnung in ihm Totes auferweckt hatte – vielleicht konnte das wieder geschehen? Mit anderen? Mit denen, die er im Begriff war, zu töten?

Er griff nach seinem Rucksack und rannte den Flur entlang, die Treppen hinunter. Hinaus aus dem Gebäude. Durch den Park und das Tor. Er rannte weiter, bis er ans Elbufer kam. Er setzte sich auf die gleiche Bank, auf der er gestern mit der Alten gekauert hatte. War das erst gestern gewesen?

Unwillkürlich schaute er in den Himmel. Keine Rabenkrähe. Natürlich.

Irgendwann ging er nach Hause. Aus dem Copy Shop gegenüber kam ihm eine junge Frau entgegen. „Hey, Maximilian! Ich hab dich ewig nicht gesehen. Ich dachte, du seist weggezogen. Sag mal, hast du Lust auf nen Kaffee, ganz spontan?“ Sie sieht ihn skeptisch an, weiß, dass Spontaneität nicht sein Ding ist. Aber „ja, warum nicht?“, hört er sich sagen. Und nebeneinander gehen sie die Straße entlang. „Schau mal, die Rabenkrähe. Kennst du die? Ich glaube, sie hat dir gerade zugezwinkert“, sagt die junge Frau. Sie meint es ernst. „Ja, wir sind alte Bekannte. Freunde, eigentlich.“ Er meint das genauso ernst.

Das Attentat in Prag hat mich zu diesem MiniKrimi zwar inspiriert, aber meine Geschichte hat nichts damit zu tun. Wie schön wäre es, wenn jeder von uns eine Rabenkrähe hätte. Beinahe besser als ein Schutzengel. Oder?

MiniKrimi Adventskalender am 7. Dezember

Magierin mit schwarzen Augen und schwarzem Schleier

Ich bin nicht nur Krimiautorin, ich bin auch Theologin. In der Kombination faszinieren mich biblische Frauengestalten, oder solche in älteren Schriften, z.B. dem Talmud, ganz besonders. Denn die spielen beileibe keine unterwürfigen Rollen. Ganz im Gegenteil. Sie sind mutig, sie sind klug, sie entscheiden die Schicksale ganzer Völker. Und sie sind zudem oft auch richtig sexy. Kein Wunder, dass sie jahrhundertelang unter Theologen kaum Beachtung fanden.

Ich hole sie zurück ins Rampenlicht – und versetze sie und ihre Geschichten in die Gegenwart. Das Ergebnis sind knallharte Thriller, nicht immer mit einem Happy End.

Übrigens: Auch die körperliche Seite der Liebe, der Sex, wurde – nicht nur im Hohelied Salomos – durchaus zelebriert. Doch kaum eine Frauenfigur ist so erotisch deämonisch wie

Lilith

Begleitet mich ins Deutschland am Ende der 1960, Anfang 1970er Jahre. Hier treffen wir ADAM.

Das erste Semester VWL in Berlin war für Adam ein Feuerwerk. Täglich neue Erlebnisse. Cafés, Kneipen, Geschäfte. Menschen mit Kopftuch, mit Turban, mit Irokesenschnitt, mit grünen, braunen oder gar keinen Haaren. Mit Ringen und Bemalungen an allen Körperteilen. Das Einzige, was er von zu Hause kannte, war die Lernroutine.

Und die allabendlichen Sauftouren mit den Kumpanen, jetzt Kommilitonen.


Adam war auf einem großen Gut in Norddeutschland aufgewachsen. Zwischen Weiden, Pferden, Grünkohl und Pinkel. Ungefähr das spannendste Geschehen war gewesen, am Sonntag in der Kirche zu sehen, wer von ihnen die Wette gewonnen hatte, wie blau der Pfarrer diesmal sein würde. Ob er nur die Worte beim Vaterunser verwechselte oder direkt die Altarstufen runterstolperte. Einmal hatte es ihn auf dem Weg nach oben glatt umgehauen!

Und jetzt die Uni. Große Freiheit. Fremde Welt. Politische Aktionen – Leute stellen plötzlich sein Weltbild in Frage, Kapitalismus als Feind. Statt Saufgelagen abendliche Diskussionen, Gitanes Mais und Marihuana.

Und mitten unter ihnen sie. Rothaarig, langbeinig, grünäugig. Sie hatte alles gelesen, was man brauchte, um politisch mitzureden. Marx und Lenin, Adorno, Horckheimer, Marcuse. Und war ganz offensichtlich bei der Lektüre nicht eingeschlafen! Sie schrieb regelmäßig Artikel für den „Anschlag“. Was sie sagte, war Gesetz. Und zwar nicht nur bei den Mädels. Auch die jungen Männer, langhaarig, krausbärtig, mit Schlaghosen, hingen an ihren Lippen.  Wie sie sie aufpeitschte, jedes Mal, bevor sie zu einer Demo gingen. Mit rauer Stimme und diesem Blick, der dich aufspießt, festhält und in dich hineinkriecht. Ganz tief. Bis dir heißt wird und du an ganz andere Dinge denkst als daran, die Flugblätter mitzunehmen und an die Passanten zu verteilen, die Gaffer, die sich die „wilde Generation“ mal von nahem anschauen wollen, wie Affen in einem Zoo.

Adam hatte nur Augen für Lilith, und eigentlich ging er zu den Asta-Versammlungen auch nur wegen ihr. Ob sie ihn überhaupt je bemerkt hatte? Adam wusste es nicht. Bis zu jenem Sonntag.

Zuvor hatte es bei einer Demo einen Toten gegeben. Ein junger Student, Benno Ohnesorg. Jetzt war die Gewalt offen ausgebrochen, und Demonstranten und Polizei gingen wie im Krieg aufeinander los. Was heißt wie: Das WAR Krieg. Straßenkrieg. Und sie, die Studenten, waren die Guten. Die anderen, die Polizisten, gingen mit Wasserwerfern und brutaler Härte vor. Schlagstöcke hagelten auf Frauen nieder, junge Männer wurden getreten, auch, als sie noch am Boden lagen. Sogar Kinder kassierten Schläge.

Die Demonstranten warfen Steine und Molotow-Cocktails. Adam rannte mit den restlichen Flugblättern unterm Arm die Allee hinunter. Hinter ihm drei Polizisten mit erhobenen Schlagstöcken. Da standen plötzlich vor ihm wie aus dem Nichts zwei weitere Beamte, einer davon mit der Waffe im Anschlag. „Das ist alles ein großes Missverständnis“, wollte Adam ihnen entgegenschleudern. „Ich bin der älteste Sohn der Familie von Bredow. In meinen Adern fließt das Blut deutscher Kaiser. Ich muss die Linie weiterführen, ihr dürft mich nicht…“

Da krallte sich eine Hand in seinen Arm, riss ihn in einen engen Hauseingang, ums Eck und eine Kellertreppe hinunter. Stockdunkel. Die Polizisten kamen in den Hof gerannt, schauten sich um – fanden niemanden und liefen weiter.

„Das war knapp, Adam, Süßer“, flüsterte eine raue Stimme. Und dann küsste sie ihn, als wolle sie ihn in sich aufsaugen. Adam war starr vor Schreck, aber nicht lange. Lilith riss ungeduldig an seiner Jeans, schob ihren Rock in die Höhe und setzte sich auf ihn. Mitten im Kohlenkeller wurde Adam entjungfert. So hatte er sich das in unzähligen feuchten Nächten in seinem Bredower Jugendzimmer nicht vorgestellt. Nein, das war besser als in seinen kühnsten Träumen. Was sein Vater wohl dazu sagen würde?

Wenn Adam gedacht hatte, durch diesen Kellersex sei er in einer Beziehung mit Lilith, dann war diese jedenfalls anders, als er sich eine Partnerschaft vorgestellt hatte. Nämlich so, wie bei seinen Eltern und allen anderen Leuten in und um Großosterode. Das hatte der Mann das Sagen, die Frau war zu Hause und wartete auf ihn, hübsch angezogen und mit dem fertigen Essen. Anders bei Lilith. Sie kam und sie ging, wann und wie sie wollte. Eines Tages zog sie bei ihm ein, allerdings ohne ihn gefragt zu haben.

Sie bediente sich an seinem Kühlschrank, an seinem Körper und seinem Geld.


Aber das alles war schon irgendwie ok, für Adam. Denn inzwischen durfte er sie sogar in der Öffentlichkeit küssen. Sie waren ein Paar. Zugegeben, sie stritten sich häufig, vor allem, wenn er nicht wollte, dass sie schon wieder auf eine Demo gingen statt auch mal in die Oper. Kapitalistengesülze, sagte Lilith dazu. Und setze sich durch.

Als Trauzeugen waren zwei Zufallsbekanntschaften mit auf dem Standesamt, und die Unterschriften waren in zwei Minuten erledigt. Adams Vater hatte auf den Anruf seines Sohnes mit der Einladung zur Hochzeit am nächsten Tag nur mit einem „Aha“ reagiert. Und Lilith hatte es wohl niemandem mitgeteilt.

Sie zogen in eine große Altbauwohnung, und schon bald campierten dort regelmäßig ziemlich dunkle, ungewaschene Gestalten. Als Adam eine Waffe im Waschbecken fand und sein Konto in den Miesen, stellte er Lilith zur Rede.

„Ich dachte, wir stehen beide an vorderster Front in diesem Klassenkampf, das ist doch das mindeste, was du tun kannst, um die Schuld deiner Familie zu sühnen“, erklärte ihm seine Frau. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass er sie lieben musste. Warum war er sonst mit ihr zusammen? Also ging er mit, als sie vermummt in die Bank einbrachen.

Lilith und die beiden Komplizen verschwanden mit einer Beute von 1000 DM. Adam verstauchte sich beim Sprung aus dem Fenster den rechten Fuß. Sein Vater sagte ihm nie, was es ihn gekostet hatte, die Anklage gegen den Sohn niederzubügeln.

Als er einen Monat später aus dem Krankenhaus kam – bei der Festnahme hatte er ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma erlitten, war die Altbauwohnung leer und Lilith verschwunden. Er suchte nach ihr in all den Kneipen, Cafés, Versammlungsräumen. Nichts. Schließlich steckte ihm ein früherer Kommilitone einen Zettel zu mit einer Adresse auf Cuba.

Es war nicht ganz leicht für Adam, die Reise dorthin zu organisieren. Aber mit Hilfe von ein paar amerikanischen Freunden gelang es ihm doch. Schließlich fand er Lilith. Sie trafen sich in einem Straßencafé, und das erste, was ihm an ihr auffiel, waren die schwarz gefärbten Haare. Das zweite ihr Babybauch. „Ein Kind ist die beste Tarnung“, erklärte sie ihm. José und ich haben schon 500 Mann, alle militärisch ausgebildet und mit den neuesten Waffen. First we take Manhatten, then we take Berlin.“ Sie lachte. Ihre Stimme war so rau wie immer. Dämonisch, irgendwie.

Woher hast Du das Geld dafür? Fragte Adam.

Kannst du dir nicht denken, was? Wieder dieses Lachen. Der Stammhalter der von Bredows muss die Linie weiterführen. Das war deinem Vater ganz schön was wert. Eine Million, um genau zu sein. Er hat sich den legitimen Enkel gekauft. Immerhin sind wir noch verheiratet. Über die näheren Umstände der Befruchtung wollte er nichts wissen. Gleich nach der Geburt bekommt er sein Eigentum. Wenn‘s sein muss, per Luftpost.

Und mit einem angedeuteten Griff an ihre Militärkappe verließ Lilith das Café und Adam. Für immer.

Der Rest ist auch hier Geschichte. Adam heiratete Eva, bekam mit ihr zwei Kinder und sie lebten ein ziemlich langweiliges Leben. Aus dem Paradies hatte eigentlich schon Lilith ihn vertrieben. Denn von ihr träumte er Zeit seines Lebens. Aber nur heimlich.

Jetzt fragt Ihr euch: WAS bitte ist daran biblisch? Bittesehr:

Im Talmud wird berichtet, dass Gott an Adams Seite eine Frau namens Lilith schuf. Sie war diesem völlig gleichberechtigt und ebenbürtig, daher verstand sie sich als ein freies Wesen, dem Unterordnung völlig fremd war.  Ihr stolzes und selbstbewusstes Auftreten, ihre Weigerung, Adam zu dienen, stießen – so der natürlich auch von Männern verfasste Talmud, nicht gerade auf die Zustimmung Gottes, der Adam als Abbild seinesgleichen sah und damit ihren Freiheitswillen als Rebellion gegen sich verstand. Es wird weiterhin erzählt, dass Lilith beim Sex stets oben liegen wollte. Adam aber wollte sich die dominante Position nicht nehmen lassen, und schließlich kam es zum Eklat zwischen den beiden.

Lilith sprach den geheimen Namen des Herrn „Schem Hammephorasch“, eine Zauberformel, aus und flog davon. Auf Adams Flehen hin sandte Gott drei Engel (Sanvi, Sansanvi und Semangelaf) aus, um sie zurückzuholen. Aber Lilith brach nur in schallendes Gelächter aus ob deren Versuche und Adams Wehklagen.

Sie hatte sich an der Küste des Roten Meeres niedergelassen und war mittlerweile eine Verbindung mit dem Dämon Djinns eingegangen, mit dem sie viele Kinder gezeugt hatte. Als Strafe für ihren „Ungehorsam“ ließ Gott jeden Tag 100 ihrer Kinder töten. Vor Trauer wahnsinnig, begann sie nun selbst als kindermordende Dämonin Schrecken und Angst zu verbreiten. Auch soll sie die Schlange im Paradies gewesen sein, welche Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis angeboten hat.

Für Adam, der mit der umgänglichen Eva ein gutes Leben führte, hatte damit das Vergnügen wieder ein Ende. Bekanntermaßen mussten er und Eva aus dem paradiesischen Zustand heraus in die harte Wirklichkeit.

Wollt Ihr mehr über Lilith wissen? Bittesehr:

Die Geschichte von Lilith werdet ihr vergeblich in der Bibel suchen. Überhaupt sind die überlieferten Hinweise zu Lilith recht spärlich und noch dazu stark geprägt vom Zeitgeist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Jahrtausende lang haben sich die Patriarchen aller Konfessionen redlich Mühe gegeben, Lilith als verteufeltes Weib darzustellen, die sich Männern als verruchte Verführerin und widerspenstige Gottesgegnerin entgegenstellt, um sie vom rechten Weg abzubringen. In die entgegengesetzte Richtung zielen die jüngsten feministischen Bemühungen, Lilith schlicht als Symbol für ihren eigenen Freiheitsdurst und Kampf um Unabhängigkeit zu sehen. Obwohl wir Frauen aus Liliths Geschichte natürlich einiges lernen können, wenn wir sie als potentiellen Teil unserer Persönlichkeit wiederfinden. 

Der Name Lilith wird vom babylonischem Wort Lilitu abgeleitet und bedeutet übersetzt Windgeist. Im Alten Testament (Jesajas 34,14) wird sie als weiblicher Dämon ( die Nächtliche) erwähnt, ihren Ursprung hat sie allerdings eher in der babylonischen Mythologie, wo sie als Lilitu auftritt. Ihre sumerische Entsprechung findet sie in der Kiskil-lilla. Im bereits erwähnten Talmud gilt sie blutsaugendes Nachtgespenst, als ein Weib des Teufels. Die kabbalistische Schrift Sohar zeichnet ihr Bild in den typischen erotischen Fantasien sex- und frauenfeindlicher Männer. Mitunter wird aber auch als göttliches Geschöpf genannt, wie in Griechenland, wo sie sich mit Hekate verband.

Oft wird sie von Kopf bis Nabel als wunderschöne Frau dargestellt, hüftabwärts aber als brennendes Feuer, was ein eindeutiger Verweis auf ihre starke erotische Leidenschaft sein dürfte. Das ihr zugeordnete Tier ist die Eule, die sowohl als Sinnbild der Weisheit, wie auch als Totenvogel gilt.

Adventskalender MiniKrimi am 16. Dezember


Auf vielfachen Wunsch heute eine Fantasy-Geschichte. Oder ein Märchen. Nicht Korrektur gelesen, weil die Hunde mich zur Abendrunde abholen. Morgen miste ich die Fehler aus. Versprochen!

Die Hummel

„Du darfst sie nicht so nah an dich heranlassen.“ „Ja, klar. Aber wie mache ich das?“ Er saß auf der Treppe vor dem Einkaufszentrum, das Kinn auf sein Skateboard gestützt. Schwarze Strähnen fielen in sein blasses Gesicht. Die Augen, zwei Kohlestücke, hielten den Blick der gebeugten Frau fest, die eine Stufe unter ihm steht. „Wie?“ fragte er. Die beiden bildeten eine Oase im Vorweihnachtskauflauf, links und rechts schoben sich Menschen an ihnen vorbei, Konturen, die zu einer murmelnden Masse verschmolzen.

„Das ist ganz einfach – wenn du weißt, wie es geht.“ Jenseits des kleinen Mäuerchens, das die Eingangstreppen zum Einkaufszentrum begrenzte, sammelten sich vier junge Männer. Skateboards in den Händen, schauten sie zu dem ungleichen Paar hinüber, mit einer Mischung aus Häme und Verachtung. Einer rief: „Versteckst du dich hinter dem Rock deiner Oma! Warte, wir kriegen dich“, in diesem scharfen Flüstern, das so viel lauter ist als ein leises Wort.

„Oder auch nicht“, sagte die gebeugte Frau. 

Wenig später saßen sie in ihrem Häuschen, efeuumrankt, von einem knorrigen Birnbaum beschattet. Bis zur chrom- und glasglitzernden Einkaufswelt waren es nur ein paar Hundert Meter – und doch stand das Haus auf einem anderen Kontinent. Während er den Einkaufs-Trolley durchs hohe Gras zog – sie vorneweg und immer wieder rufend: „Vorsicht, nicht auf den Löwenzahn hier vorne treten“, und „Achtung, Gänseblümchen voraus“ oder „Wollen wir reingehen oder lieber zuerst der Hummel folgen?“ – fiel jedes Gefühl von Raum und Zeit von ihm ab. Zuerst konnte er nicht verstehen, warum er sich überhaupt mit den Skatern eingelassen und auf ihre Provokationen reagiert hatte. Dann vergaß er sie ganz und gar. 

In dem kleinen Zimmer mit der Tapete aus himmelblauem Samt, auf der gemütlichen Bank rund um den grünen Kachelofen, in dem trotz des Sommers ein munteres Feuer die Luft mit Wärme und Lavendelduft füllte, atmete der Junge so klar und frei wie lange nicht mehr. Wie noch nie, eigentlich. Seine Eltern waren geschieden, seine Mutter lebte in einer anderen Stadt, seinen Vater sah er nur, wenn er ihm das Wochengeld auf die Bettdecke legte. Der Junge wusste nicht einmal genau, wo er arbeitete – oder was genau. In der oberen Etage einer Bank, mit einer Sekretärin, die keine Anrufe durchstellte. Auch nicht, als sein Sohn von einem Bus angefahren worden war und der Vater die Einwilligung zu einer OP hatte geben sollen. 

Das war lange her. Und doch hatte sich wenig geändert. Er wohnte noch zu Hause. Die Schule hatte er hinter sich gelassen. Jetzt stand er vor seinem Leben und wusste nicht, welche Weg er nehmen sollte. Also ging er mal hierhin, mal dorthin, mit dem Skateboard unterm Arm und unter den Füßen. Er ließ sich treiben, ein Tropfen im Strom. So sah er sich. Doch die Menschen, denen er begegnete, schienen in ihm etwas anderes zu erkennen. Etwas, das störte. Sie. Ihren Rhythmus. Obwohl er nichts tat, außer einfach da zu sein. Sich zu bewegen, zu stehen, zu sitzen. Als sei er ein schwarzer Block, eine undurchdringliche Materie, die sich ihnen in den Weg stellte. Sie daran hinderte, weiterzumachen mit dem, was sie gerade taten. Er spürte ihre Unsicherheit, ihren Widerwillen, ihre Abneigung wie eine Druckwelle, ohne sie anzusehen. Manchmal gelang es ihm, an ihnen vorbeizugleiten wie Wasser. Aber oft hielten sie an, oder inne, und schimpften auf ihn ein. Rempelten, schlugen und traten ihn. Er wehrte sich nicht, wusste nicht wie und auch nicht warum. So war es auch heute gewesen. Er war mit dem Skateboard die Treppen heruntergefahren, ohne die anderen zu beachten. Doch sie hörten auf, sich gegenseitig mit Kunststücken zu überbieten, und machten Front gegen ihn. Drückten ihn an das Mäuerchen, griffen nach seinem Board. Ein gutes, teures. Wenn die gebückte Frau nicht gekommen wäre, hätten sie es ihm wohl weggenommen.

Aber auch das schien nun lange her zu sein. Sie schenkte ihm die dritte Tasse Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem winzige Blüten wie Schneeflocken schwammen. „Siehst du, so geht das. Wenn sie auf dich zukommen, ziehst du dich einfach zurück. Immer mehr. Stülpst dich ein. Sitzt auf der Bank und trinkst Tee. Lässt den Raum hinter dir, und die Menschen, die dich ummauern. Atmest die Weite. Ganz einfach.“

Er wusste nicht, was daran einfach sein sollte. Aber er fühlte, dass es so war. Nachdem er eine kleine Weile in dem Lavendelzimmer gesessen und Tee getrunken hatte, sagte sie: „Nun geh.“

Es nahm sein Skateboard und lief durch das hohe Gras bis zu dem windschiefen Tor im verwitterten Holzzaun. Als er es hinter sich schloss und sich zur Straße drehte, war es dunkel. Die Laternen gossen gelbe Streifen auf den Gehweg. Zuhause angekommen, sah er auf die Uhr. Es war weit nach Mitternacht.

Schon bald stand er wieder da, diesmal in der Schlange vor einem Eiscafé, als die Leute hinter ihm plötzlich anfingen, mit ihm zu streiten. Er hatte nichts gesagt und auch nichts getan. Außer dazustehen. „Was drängelst du dich vor? Was glaubst du, wer du bist? Hey, fass meine Freundin nicht an.“ Und schon begann ein bedrohliches Schieben und Stoßen. „Lass sie nicht zu nah an dich ran“, murmelte die gebeugte Frau. „Ich versuche es. Kann ja nur besser werden“, dachte der Junge und begann, sich in sich selbst zurückzuziehen. Erst die linke Hand, dann die rechte, dann die Beine, schließlich stülpte er sich ganz und gar ein. Als er sich wieder entfaltete, stand er vor dem windschiefen Tor mit dem verwitterten Holzzaun. Er ging durch das hohe Gras, achtete auf den Löwenzahn und die Gänseblümchen und  – nein – ging auch diesmal nicht der Hummel hinterher. Drinnen saß er auf der Bank vor dem grünen Kachelofen, und diesmal war die Luft mit warmem Melissenduft erfüllt. Die gebeugte Frau schenkte ihm Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem lila Blüten wie Feenaugen schwammen. Irgendwann sagte sie wieder: „Nun geh.“ 

Draußen vor dem Café stand nur er. Der Laden war längst geschlossen, und Krähen zankten sich um die Eiswafellreste, die neben dem Mülleimer lagen.

Immer, wenn er wieder angegriffen wurde, zog der Junge sich zurück. Immer war das Holztor offen, immer blühten Löwenzahn und Gänseblümchen, auch, wenn er eben noch auf dem Eiskanal gestanden und Schlittschuh gelaufen war. Aber wenn er wieder zurückkam, war es manchmal nicht mehr Abend, sondern ein neuer Tag war bereits angebrochen. Oder schon wieder vorbei. Das machte dem Jungen nichts aus, denn was hatte er schon zu tun? Oder zu verlieren?

Eines Tages, kurz vor der Wintersonnenwende, ging er bei Anbruch der Dunkelheit in den Englischen Garten. An dem kleinen See mit der Schwaneninsel flackerten Fackeln, Menschen standen in Gruppen zusammen, tranken Glühwein und aßen Maroni. Den Jungen überkam eine tiefe traurige Einsamkeit. Wie gern würde er sich daneben stellen. Dabei sein. Dazugehören. Er ging hinunter zum Wasser. Kleine Wellen schwappten leise ans Ufergras. Die Gänse schliefen längst in den Büschen, nur Fledermäuse zogen von Baum zu Baum. Da stand plötzlich ein Mädchen neben ihm. Haare so lang wie seine, nur rot. Augen so groß wie seine, nur grün. Im Fackelschein sprühten sie Funken. „Bist du auch allein?“, fragte sie. Und er nickte. „Dann sind wir schon zwei.“ Sie lächelte und streckte die Hand nach ihm aus. So vertraut war diese Geste, dass er vergaß, sich zurückzuziehen. Und dann war es zu spät. Sie zog und zerrte an seinem Arm, riss ihn mit sich, hinein in den See, in die leisen, schwarzschwappenden Wellen. Immer tiefer und weiter. Nur mit größter Anstrengung gelang es ihm, seine Finger von den ihren zu lösen. Und er schlüpfte in sich hinein. Erst mit dem linken Arm, dann mit dem rechten. Mit den Beinen, das war schwierig, weil der nasse Stoff steif und unbeweglich war. Aber schließlich gelang es ihm.

Das Holztor klemmte, und er musste mit aller Kraft drücken, um es zu öffnen. Das Gras war kniehoch, und statt Löwenzahn und Gänseblümchen hatten sich Kletten und Giersch breit gemacht. Die Hummel suchte er vergebens. Aber drinnen war alles wie immer. Die Bank und der Kachelofen. Nur roch die Wärme diesmal nach Weihrauch. Und der Tee schmeckte rauchig. Er saß und trank, er atmete und trank. Ohne Raum. Ohne Zeit. „Willst du mich heute nicht fortschicken?“, fragte er die Frau. Auch sie war anders. Grauer. Zerstaubt. Die Stimme wie brüchiges Pergament. „Nein. Du gehst oder bleibst, heute ist es an dir, zu entscheiden.“

Als der kürzeste Tag des Jahres anbrach, fanden Spaziergänger einen leblosen Jungen am Ufer des kleinen Sees mit der Schwaneninsel. Zartrotes Sonnenlicht koste sein schwarzes Haar. Eine Hummel setze ihren Flügelschlag aus und berührte mit ihrem flaumigen Körper die kalte Stirn.