Adventskalender Minikrimi am 4. Dezember


In der Weihnachtsbäckerei

Die Wochen vor Weihnachten waren in der „Nice to meat you“-Agentur traditionell die stressigsten des gesamten Jahres. Jeder Kunde, so schien es den erschöpften Mitarbeitenden, hatte plötzlich noch eine zündende Idee für einen last-minute-Flyer, um mit phlippinischem Balut, gefülltem Meerschweinchen oder gegrillter Nutria-Ratte verwöhnten Gourmands die letzten Kröten aus der Tasche zu ziehen.

Kein Wunder, dass zumindest die weiblichen Angestellten mindestens Flexitarier waren, viele tendierten inzwischen sogar zu veganer Kost. Als Nervennahrung in dieser hochaktiven Zeit kursierten demzufolge auf den Schreibtischen des 500 qm open space Offices keine frittierten Insekten, sondern Schokoriegel in allen Variationen. Und Plätzchen, natürlich.

Eigentlich hatte niemand nach einem 15-Stunden-Tag im Büro noch die Kraft, sich in die Küche zu stellen, Teig auszurollen und Bleche mit Ausstecherlis zu belegen. Niemand – außer Frau Schmitt. Frau Schmitt arbeitete als Sekretärin für die Marketing-Abteilung, und zwar schon so lange, dass niemand sich an eine Zeit erinnern konnte, als sie noch nicht an ihrem Schreibtisch gleich hinter der Glastür, direkt neben Kopierer und Faxgerät, gesessen hatte. Immer makellos gekleidet in unfarbige Twinsets und knielange Stoffröcke. In flachdunklen Schuhen. Mit weißblondem Pagenschnitt, der im Verlauf der Jahre wohl blondweiß wurde, ohne dass ein Unterschied zu sehen gewesen wäre.

Frau Schmitt passte weder zu den schwarzen Kostümkreativen noch zu den jovial Kragenlosen. Sie schwebte zwischen den Gegensätzen von Tradition und Moderne, von allen gebraucht und von jedem belächelt.

Aber einmal im Jahr, in der hektischen Vorweihnachtszeit, wurde Frau Schmitt über Nacht zum magnetischen Mittelpunkt des Büros. Zwischen dem 30. November und dem 1. Dezember schien sie sich gleichsam zu verpuppen, um dann, pünktlich mit dem ersten Adventskalendertürchen, als vanilleduftende, zuckerbestäubte Makronenfee zu erscheinen.

Natürlich war sie immer noch Frau Schmitt, und sie sah auch so aus. Wie immer. Fast. Denn manchmal klebte ein wenig Eigelb an einer Strähne ihres Pagenschnitts. Oder sie trug Puderzucker auf der Nase, sie, die ganz sicher noch nie mit Make-Up in Berührung gekommen war.

Jeden Tag trug sie in ihrer braunen Tasche Plastikdosen voll zerbrechlicher Vanillekipferl, knuspriger Florentiner und saftiger Golatsch an ihren Arbeitsplatz. Stellte sie in die Küche – und lud alle ein, sich zu bedienen.

Warum tut sie das? hatten sich Generationen von silhouettierten Mitarbeitenden gefragt. Ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Die Legende besagte, dass Frau Schmitt, deren Privatleben in der Agentur völlig unbekannt war, ihr Herz an den früheren Chef verloren hatte. Dieser wiederum liebte Linzer Golatschn über alles. Und so hatte sie versucht, über seinen Magen seine Liebe zu erlangen. Alle Jahre wieder. Und immer umsonst.

Inzwischen war die Agentur an ein erfolgreiches Ehepaar verkauft worden und hatte sich auf die exklusive Fleischbranche spezialisiert. Im Oktober hatte die Chefsekretärin gekündigt – sie hatte sich einen lukrativeren Posten geangelt, als Ehefrau eines Garnelenimporteurs.

Nur war die Not groß. Wer konnte das immense Arbeitspensum der Vorweihnachtszeit erledigen, ohne zu murren, ohne zu schludern oder zusammenzubrechen und vor allem, ohne eine Gehaltserhöhung zu fordern?

Da kam nur eine in Frage. Frau Schmitt. Jeder wusste es. Auch sie. Und sie begann bereits, ihren Schreibtisch zu ordnen und sich nach Schuhen umzusehen, die für den weiten Weg vom Büro der Chefsekretärin bis zu Kopierer und Faxgerät tauglich wären.

Aber dann lernte der Chef in einer Hotelbar eine ebenso kurven- wie listenreiche Brünette kennen. Sie versicherte ihm, Überstunden seien für sie kein Problem. Und in punkto Bezahlung war sie flexibel und akzeptierte auch Gold und Silber. So hieß es.

Jedenfalls zog nicht Frau Schmitt in den verwaisten Vorraum zum Chefsessel, sondern die junge Dame aus der Hotelbar. So hieß es.

Und Frau Schmitt saß mit ihren neuen Schuhen am alten Platz. Das hätte in dem 500qm großen open space Office keinen gestört – wäre der Zeitpunkt nicht so überaus ungünstig gewesen. Denn selbstverständlich gingen alle Mitarbeitenden davon aus, dass Frau Schmitt angesichts dieser schlechten Behandlung auf Rache sinnen – und dieses Jahr keine Plätzchen backen würden. Oder vielleicht würde sie sie ja backen, aber mit Sicherheit würde sich keines davon ins Büro verirren. Wie schrecklich!

In den schlimmsten Albträumen wurden die Bäckerein und Konditoreien in der näheren und weiteren Umgebung heimgesucht. Und allesamt für unwürdig befunden. Sie hielten dem Vergleich zu Frau Schmitts Gebäck natürlich nicht stand.

Wie groß war die Verwunderung, und unmittelbar danach die Freude, als, pünktlich am 1. Dezember, Frau Schmitt mit ihrer braunen Tasche in der Hand und Puderzucker auf der Nase den Raum betrat – eingehüllt in eine Wolke süßen Vanilleduftes.

Alle stürzten sich sogleich auf die unbeschreiblich saftig glänzenden Linzer Golatschn und waren sich einig: so gut wie in diesem Jahr waren sie Frau Schmitt noch nie gelungen.

Frau Schmitt indes schaute von ihrem Arbeitsplatz gleich hinter der Glastür auf das gefräßige Treiben und lächelte. Verschmitzt.

Es war dieses Lächeln, das die Polizei auf ihre Spur brachte. In Hausmantel und Lockenwicklern öffnete sie einem grimmig dreinschauenden Kommissar samt Assistenten – denn nur in Kriminalfilmen kommen die Beamten alleine und lassen sich überwältigen.

Auf die Frage, womit sie die Golatschn gefüllt habe, antwortete Frau Schmitt zunächst gar nicht. Sie wurde sehr rot im Gesicht, blickte zu Boden und gestand schließlich, die fertigen Plätzchen und auch die Johannisbeer-Konfitüre, mit der sie die dürftige Füllung per Hand aufgepeppt hatte, in einem Discounter erstanden zu haben. „Ich bin dort so schlecht behandelt worden, ich wollte ihnen einen Denkzettel verpassen. Sie sollten am eigenen Leib erleben, wie das schmeckt. Schlechte Behandlung.“

„Und deshalb haben Sie die ganze Belegschaft vergiftet?“

„Vergiftet? Um Gottes Willen, nein! Ich habe nur billige Plätzchen und billige Konfitüre gekauft und ihnen statt meiner leckeren Golatschn dieses Industriegebäck hingestellt. Damit ihnen der Appetit vergeht.“

„Frau Schmitt – die Leute, die Ihre Plätzchen gegessen haben, liegen im Krankenhaus. Ihr Chef und seine Sekretärin werden wahrscheinlich nicht durchkommen. Gestehen Sie endlich, dass Sie das Zeug vergiftet haben.“

Frau Schmitt konnte ihre Unschuld beteuern, so oft sie wollte. Sie kam in Untersuchungshaft. Der Kommissar und sein Assistent wollten partout keinen Zusammenhang sehen zwischen ihren Linzer Golatschn und einer Charge verdorbener Konfitüre eines großen Discounters, die in verschiedenen anderen Städten zu schweren Lebensmittelvergiftungen geführt hatte.

Adventskalender Minikrimi am 3. Dezember


Image by Stefan Keller from Pixabay
Rapunzel, lass dein Haar herunter
München, die Singlehauptstadt. Andreas hätte es schlechter treffen können mit dem Ort seiner Facharztausbildung. Da würde er neben einem netten Job und einer schönen Wohnung auch bald eine hübsche Freundin sein Eigen nennen. Das hatte er zumindest gedacht. Doch heute, gut zwei Jahre nach seinem Umzug aus dem unter medizinischen und landschaftlichen Aspekten sicher reizvollen, aber für einen Endzwanziger mit entsprechender Testosteronlast nur bedingt aufreizenden Städtchen war in Sachen Beziehung enttäuschend wenig gelaufen. Im Gegensatz zu Samson, seinem roten Kater, hatte Andreas bisher nicht einmal so etwas wie eine leidenschaftliche Affäre gehabt. Auch Krankenschwestern waren heute offensichtlich nicht mehr unbedingt auf charmanten Ärztenachwuchs aus. 
 
Aber dann geschah es: eines Morgens klingelte jemand an seiner Wohnungstür im ersten Stock eines renovierten Altbaus im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Sturm. Eine Frau stand vor ihm, mit schulterlangen blonden Locken, wutsprühenden grünen Augen und einem Scharlachmund, dem wunderbar modulierte Alttöne entsprangen. Im ersten Moment dachte er tatsächlich, sie sänge. Dann hörte sie abrupt auf und starrte ihn erwartungsvoll an. Er schwieg fasziniert. „Haben Sie mich nicht verstanden? Das ist Katzenkot“, und sie hielt ihm einen offenen Gefrierbeutel vor die Nase. Der Geruch war eindeutig. „Soeben auf frischer Tat ertappt! Wenn Ihr elender Kater noch einmal in meine Rosen scheißt, bringe ich Sie um. Haben Sie mich jetzt verstanden?“ 
„Warum mich?“ fragte Andreas, als er sich von seinem Stupor erholt hatte. Aber die Worte rieselten von den Wänden, ohne sie zu erreichen. Sie war schon den Gang entlang und die Treppe hinabstolziert. Auf 10 cm Absätzen.
 
Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zumindest von seiner Seite aus. Nach einer Woche wusste er genau, wann sie die Wohnung verließ und  wann sie wieder nach Hause kam. Sie musste im medizinischen Bereich tätig sein, vielleicht war sie Ärztin, genau wie er. Wenn das kein Zeichen war. Wie gut, dass er seinen romantischen Traum von der großen Liebe nicht aufgegeben und sich irgendeiner Patientin an den Hals geworfen hatte. Er hatte sich für sie aufgehoben. Das musste ihr gefallen.
Wenn er ihr morgens „rein zufällig“ an der Haustür begegnete, hielt er ihr diese galant auf. Hatte sie eine Tüte mit Abfällen in der Hand, ging er ihr voraus zum Müllhäuschen und hob den Deckel der Restmülltonne für sie hoch. Sie bedankte sich mit einem Lächeln, noch knapper als ihr Lederrock. Andreas fand es absolut in Ordnung, dass sie reserviert war. Er hätte nichts anderes von ihr erwartet. 
 
Nur sein Kater machte ihm zu schaffen. Der Kerl war ein Despot. Schon immer gewesen, seit er ihn vor 20 Jahren von der Straße gekratzt und zum Entsetzen seiner Mutter ins Haus geschleppt hatte. Ohne besondere Pflege hatte sich das Tier erholt,  bis auf den Verlust eines Auges und ein leichtes Humpeln hatte es keinen Schaden davongetragen. Zumindest körperlich. Psychisch, davon war Andreas überzeugt, war der Kater seither ziemlich abgestumpft. Bzw. war er ein Menschenhasser geworden. Auch Andreas wurde von ihm nur geduldet. Er ließ sich nie streicheln. Aber nachts lag er auf einem eigenen Kopfkissen in dem optimistischen Kingsize-Bett. Obgleich sie einander keinerlei Liebe eingestanden, waren die beiden unzertrennlich. Allerdings hatte Andreas keine Macht über den Kater, der über die Katzentreppe vom ersten Stock in die Gärten ging und wieder kam, wie er wollte. Seltsamerweise aber machte er sein Geschäft nie wieder in den Garten von Dr. Verena Mießtal – den Namen hatte das Klingelschild preisgegeben.
 
Nach einem Monat intensiven Werbens zwischen Haustür und Müllhäuschen ging Andreas zum Angriff über. An einem Sommerabend um 20 Uhr stand er vor ihrer Tür. Während des Heimwegs auf dem Rennrad von der Klinik und dann unter der Dusche hatte er sich den Verlauf des Abends ausgemalt. Nein, vorgestellt. Er wusste genau, was passieren würde. Und hatte sicherheitshalber das Fenster, an dem die Katzentreppe montiert war, geschlossen, um jedwede Störung ihrer ersten gemeinsamen Nacht auszusperren.
 
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihm die Tür öffnete. Aber dann wurden seine kühnsten Erwartungen übertroffen.Da stand sie vor ihm, mit tropfenden Haaren, nur in ein Badehandtuch gehüllt. „Ja`?“ fragte sie, während sich um ihre Füße eine kleine Wasserlache bildete, aus der der Duft von Jasmin aufstieg.“Da bin ich“, sagte er, hielt ihr die roten Rosen entgegen, beugte sich ein wenig zu ihr herab – sie war etwas kleiner als er, nicht zu viel, nicht zu wenig – und küsste sie innig auf die halb geöffneten Lippen, am Ziel seiner Träume, endlich.
 
Aber dann: Filmriss! 
„Sag mal spinnst du? Du tickst ja wohl nicht richtig“ „Aber – ich dachte…“ „Du dachtest WAS? Nein, danke. Ich bin nicht interessiert!“
Während Andreas noch versuchte, ein paar passende Worte zu sammeln, passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Aus der Tiefe der Wohnung rief eine Stimme – hell, weiblich – „Was ist, Vreni? Soll ich die Polizei rufen?“ Und eine Frau, jünger als Verena, mit kurzem braunem Haar und ebenfalls nur in ein Badetuch gehüllt, trat aus dem Schatten des Flures. Eine rote Kugel flog mit markerschütterndem Gekreische an Andreas vorbei, landete im Gesicht der jungen Frau und durchpflügte es mit scharfen Krallen, bevor sie pfeilschnell in den ersten Stock hinauf verschwand.
 
Als Andreas am nächsten Abend nach Hause kam, lag der rote Kater tot auf dem Kopfkissen, äußerlich unverletzt.
 
Dr. Verena Mießtal konnte nicht ahnen, dass ihr Verehrer kürzlich am Rande einer Fortbildung aufgeschnappt hatte, dass der Wirkstoff Minoxidil, der in einem äußerst beliebten Haarwuchsmittel enthalten ist, schon in geringsten Dosen für Katzen tödlich ist, und dass Tierärzte das sehr wohl wissen, ihren humanmedizinischen Kollegen aber nicht sagen. Warum auch. Und wann. Sie hatte außerdem keinen Gedanken daran verschwendet, dass Andreas beim Erforschen ihres Lebens auch Kenntnis von ihrem Beruf als Veterinärin erhalten hatte. 
 
Nachdem er den leisen Geruch im Fell seines Katers identifiziert hatte, wartete er, still, gefühllos, geduldig, so lange abends am Müllhäuschen, bis Verena schließlich mit einer Abfalltüte in der Hand auftauchte. Der Messerangriff, der nur dank Verenas Gegenwehr nicht tödlich ausging, wurde als versuchter Raub behandelt, der Täter nie gefasst.
 
Sowohl Verena als auch Andreas verließen den wunderschönen Altbau in Bogenhausen. Hoffentlich in entgegengesetzte Richtungen.

Adventskalender Minikrimi am 2. Dezember


Magie? Oder doch bloß Zauberei?

„Ich habe dir ja immer gesagt, dass du einen Fehler gemacht hast, als du dich mit diesem Magier eingelassen hast! Mephisto! Das sagt doch schon alles. Teuflischer Typ!“

„Uwe ist kein Magier, Mutti. Er ist ein Zauberer.“

„Als ob da ein Unterschied wäre!“

„Und ob. Zauberei ist ein Handwerk, und Uwe ist Handwerker. Er lässt Kaninchen im Zylinder verschwinden und holt stattdessen Seidentücher daraus hervor. Mephisto ist sein Künstlername. Er heißt UWE. Nenn ihn bitte auch so.“

„Ach ja. Nur, dass Max aus UWEs Auto verschwunden ist und er nicht einmal ein Kaninchen auf dem Kindersitz hatte, als er zu Hause ankam. Wo bitte ist dein Kind? Machst du dir gar keine Sorgen?“

„Natürlich mache ich mir Sorgen. Meph – Uwe auch. Aber wenn du ständig auf ihm herumhackst, hilft uns das auch nicht weiter. Lass dir lieber was einfallen, um Max zu finden.“

Mit einem Ruck schiebt Yvonne den Stuhl nach hinten und greift im Aufstehen nach der Zigarettenpackung, die neben einem übervollen Aschenbecher auf dem Küchentisch liegt.

„Hör auf zu rauchen! Man sieht ja schon nicht mehr die Hand vor Augen in diesem Qualm. Wenn Max jetzt heimkommt, kriegt er keine Luft, das weißt du doch!“

„WENN er heimkommt…“ Yvonne zündet die Zigarette an. Ihre Hände zittern, immer wieder geht die Flamme aus. Endlich brennt die Zigarette, sie nimmt einen tiefen Zug und geht durch die Küchentür hinaus in den Garten. Auf und ab, auf und ab. von einer Ecke des schmalen Reihenhauses zur anderen. Beugt sich über den Jägerzaun, bis sie aus den Augenwinkeln die Straße sehen kann. Ein Kind hüpft den Bürgersteig entlang, in der einen Hand eine Schultasche, in der anderen einen Hasen. Einen Hasen? Yvonne reißt das Gartentor auf, ist mit zwei Sätzen auf der Straße. Leer. Kein Kind zu sehen. Sie wirft die Zigarette in den Rinnstein. Ihre Augen brennen, tränenlos. Wo ist Max?

„Wo ist Max? Hast Du ihn gefunden?“, flüstert sie ins Telefon, als Uwe anruft. „Nein, Schatz. Nein. Leider.“

„Dann gehe ich jetzt zur Polizei“, sagt Yvonne.

„Warte noch, Schatz. Vielleicht hat er irgendwas Spannendes gesehen, du weißt ja, wie er ist. Wenn die Polizei erst mal ermittelt, sind immer die Eltern Schuld. Am Ende nehmen sie dir Max sogar weg……Schatz, lass uns noch warten. Bis heute Abend. Ich suche den Park nach ihm ab. Dann den Bahnhof. Du bleibst zu Hause und wartest auf ihn.“

„Gut. Melde Dich.“

In der Küche hat Yvonnes Mutter die Tarotkartenj ausgelegt. „Wenn Mephisto glaubt, dass er der einzige Magier ist, hat er sich verrechnet“, murmelt sie.

„Mutti, lass das! Überleg lieber, warum Max aus dem Auto gestiegen ist. Irgendwas muss er gesehen oder gehört haben.“

„Ich glaube nicht, dass er von alleine ausgestiegen ist. Und die Karten helfen mir dabei, ihn zu finden.“ Während sie spricht, dreht sie die Karten um, eine nach der anderen. „So. Ja, klar. Der Hierophant. Der Narr. Der Magier. Und jetzt..:“ Sie lässt die letzte Karte fallen, als habe sie sich verbrannt. „Nein.“

„Mutti? Hör endlich auf damit. Mutti? Was ist?“

Yvonnes Mutter starrt auf den Küchentisch. Auf dem blanken Holz liegt die  13. Karte. Der Tod.

Ohne nachzudenken greift Yvonne zum Telefon. Die Polizei nimmt ihren Anruf ernst. Die Suche nach dem 7-jährigen Max wird umgehend eingeleitet. Sie finden das Kind schließlich im ICE von Frankfurt nach Paris in einem Koffer mit doppeltem Boden. Erstickt. Der Koffer gehört Uwe Reber, Künstlername Mephisto. Reber lässt sich ohne Gegenwehr festnehmen und gesteht sofort, schuld am Tod seines Stiefsohnes zu sein.

„Es war ein Unfall. Max träumte davon, ein großer Zauberer zu werden. Ich sollte ihm immer Tricks beibringen. Wenn eine Schulstunde ausfiel, rief er mich an, ich holte ihn ab und wir fuhren in meinen Probenraum, um zu „üben“. Wie heute. Er wollte unbedingt den Trick mit dem doppelten Boden ausprobieren. Also habe ich ihn da „verschwinden“ lassen. Natürlich wollte ich ihn gleich wieder rausholen. Aber dann stand plötzlich Yvonne in der Tür. Sie war „zufällig“ vorbeigekommen und wollte die Zeit, bis ich Max von der Schule abholen sollte, mit mir allein genießen, ohne Kind, ohne Oma…

Als sie gegangen war, befreite ich Max sofort aus dem Koffer. Es war zu spät!“

Adventskalender Minikrimi Countdown


Draußen schwimmen Wattewolken über blasses Blau. Sie flüstern von Schnee, von Kerzenlicht, vom ersten Advent. Um vom Adventskalender Minikrimi, der morgen sein erstes Türchen für Euch bereit hält. Krimifans und Shortie-Lovers, Romantikfreunde und eilig Lesende – alle kommen auch heuer wieder auf Ihre Kosten. Versprochen!

Wie in jedem freuen wir uns über Eure Anregungen. Ihr könnt uns „Clues“ schicken, Wörter, um die herum wir unseren Krimi ranken sollen. Oder eine spannende Idee. ODER: Euren Gastbeitrag!

Noch einmal schlafen, dann ist es soweit. Morgen Abend, am 1. Dezember, startet der Minikrimi Adventskalender nur auf mariebastide.blogchristmas-2933027__340

MiniKrimi vom 27. Dezember 2018


In den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Neujahr sind die Grenzen zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten bekannterweise sehr dünn, zuweilen sogar durchlässig. Kommt gut behütet durch die Zeit, und genießt den einen oder anderen Kurzkrimi. Heute ein Nachlese zum Heiligen Abend von Lydia Heck.

Tief verschneites Land

Selten,  sehr selten zeigt sich der Heilige Abend in dem Gewand, das wir von ihm erwarten. Tief verschneit und unter einem stahlblauen Himmel.  Dieses Jahr war alles perfekt. Die Landschaft um den Chiemsee herum lag unter meterhohem Schnee. In dem Hotel,  in dem das Paar Weihnachten verbringen würde,  zogen seit dem Morgen verführerische  Küchendüfte durch alle Räume.  Fast hatten die gut betuchten  Gäste das Gefühl,  zu Hause zu sein. Es war wie früher,  als die Mutter im Morgengrauen die Weihnachtsgans ins Rohr geschoben hatte. Und der Geruch des Bratens den ganzen Heiligabend begleitete.

Das war kein Zufall. Der Sternekoch,  der dieses Hotel ein paar Jahre zuvor, entgegen dem Rat seiner Kollegen, verwirklicht hatte, wusste genau, was seine Gäste an diesem Tag und an diesem Abend brauchten. Es war die Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit, welche an diesem Abend viele Menschen auf der Welt umtrieb. Jeder der solventen Teilnehmer an diesem besonderen „Abendmahl“ hatte seine ganz eigenen, gut gehüteten Gründe,  nicht im trauten Kreis einer Familie zu feiern. Und weder der Champagner zum Entree noch die zehn Gänge des Festessens auf zwei Sterne Niveau konnten darüber hinwegtäuschen. Genauso wenig wie die erlesenen Weine und Spirituosen,  die in Strömen flossen.

Selbstverständlich besuchte man später die Christmette in Aschau. Ein kleines Dorf,  dessen hellster Stern besagtes Hotel geworden war. Inklusive der Zwei Sterne-Küche. Nach der Christmette waren auch die letzten Hotelgäste von einem wohligen Gefühl erfüllt. Dieser Heiligabend war gelungen – und jeden Euro des mehrstelligen Betrages wert, den sie darin investiert hatten. Ganz sicher waren sie sich vorher nicht gewesen.  Die Erleichterung,  den Abend trotz der vielen unterschwelligen Probleme und der Einsamkeit so stilvoll im perfektem Rahmen absolviert zu haben,  gab ihnen Recht.  Sie hatten sich nichts vorzuwerfen.  Sie waren die einsame Spitze dieser Gesellschaft.

Niemand bemerkte den älteren Mann beim Verlassen der Kirche. Er lag zusammengekauert am Rande des Weges, zwischen dem Hotel und der Kirche.  Herr Klein hatte ein renommiertes Unternehmen aufgebaut.  Zusammen mit seiner Frau.  Im November war sie gestorben.  Die beiden Kinder waren schon lange aus dem Haus. Sie führten ihr eigenes Leben.  So hatten Herr Klein und seine Frau sie erzogen.  Stolz waren sie immer auf die Selbständigkeit ihrer Kinder gewesen. Herr Klein hätte seine Kinder  daher nie gefragt,  ob er das Fest bei ihnen verbringen dürfe.  Ein paar Gläser Wein zu viel  an diesem Abend, an dem niemand mehr als ein paar oberflächliche Worte mit ihm gewechselt hatte.  Er war nie ein Meister des Smalltalks gewesen, und selbstverständlich war keiner daran interessiert, die Trauer in seinen Augen näher zu ergründen. Mitmenschliche Gefühle war im Preis nicht inbegriffen.

Ob die anderen Gäste ihn auf dem Rückweg ins Hotel nicht sahen oder nur nicht sehen wollten? In den hellen, warme Räumen gab es noch eine hervorragende Feuerzangenbowle,  begleitet von Andersen Geschichte vom Mädchen mit den Streichhölzern, vorgetragen von einem bekannten Schauspieler. Allen waren sehr berührt. Halleluja.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 24. Dezember 2018


So schnell sind alle Türchen aufgegangen. Ich wünsche Euch eine gesegnete Weihnacht! Der MiniKrimi geht in unregelmäßigen Abständen weiter, vielleicht bis Maria Lichtmess, wenn Ihr wollt….

Heute Abend präsentiere ich froh und dankbar den Krimi von Bettina Reimann. Herzlichen Dank dafür!

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Leuchtende Sterne

Er roch es, gleich nachdem er die Tür aufgehebelt hatte. Hier hatte doch jemand Kekse gebacken!

Man sollte keinen Einbruch begehen, wenn man Hunger hat, dachte er. Leise schlich er durch die Küche, deren Außentür jetzt offen stand. Das Licht der Taschenlampe fiel auf ein großes Blech mit Keksen. Es roch nach Zimt und wunderbar süß.

Er konnte ja mal einen probieren. Ein zweiter ging auch noch.

Das Haus hatten seine Freunde ausgespät. Er wusste genau, wohin er jetzt gehen musste. Die Besitzer waren nicht im Haus, das hatten seine Kumpels herausgefunden und warteten vor dem Restaurant, in dem die Hausbewohner speisten, um ihn gegebenfalls zu warnen.

Im Wohnzimmerschrank, linke Tür, untere Schublade, da waren sie, die Werte, auf die er es abgesehen hatte. Er lachte auf dem Weg in das Wohnzimmer. Und drehte plötzlich um, denn er wollte auf jeden Fall noch so einen Keks. Mann, waren die lecker.

Er stopfte die Kekse gierig in sich rein und konnte schon bald ein glückliches Lachen nicht mehr unterdrücken. Auch kam ihm das Haus jetzt gar nicht mehr so dunkel und leer vor, es schien sogar zu leuchten. Und der Himmel da draussen, in der kalten Nacht, er strahlte auf einmal – alle Sternen schienen zu leuchten und ihn anzuziehen.

Ohne nachzudenken verließ er das Haus wieder, er wollte diesen Sternen nah sein. Er ging immer weiter, bis er am Fluss angekommen war. Die Weihnachtslichter der Gebäude am anderen Ufer strahlten so herrlich! Er stellte die Tasche mit dem Einbruchswerkzeug ab und lief eine ganze Weile lang auf dem Uferweg. Dann setzte er sich auf eine Bank, immer noch lachend, ganz allein in frostiger klarer Luft.

Als sie nach Haus kamen, merkten sie gleich, dass etwas nicht stimmt. Der kalte Luftzug aus der Küche….

Der Polizei sagten sie später, es fehle nichts. Das stimmte ja auch – und von den frisch gebackenen Haschkeksen mussten die Freunde und Helfer wirklich nichts wissen.

Die Spur des Einbrechers endete an der Straße – da war nichts zu machen. Er konnte überall sein.

Er konnte das Handyklingeln nicht hören – seine verlassene Tasche stand weit entfernt, achtlos am Wegesrand. Seine Freunde fuhren noch ein paar Mal die Gegend ab, um ihn zu finden und verließen die Stadt vor dem Morgengrauen.

Schließlich schlief er ein – auf der einsamen Bank am Flussufer in eisiger Nacht. Seine letzten Gedanken galten den Sternen, die in dieser Nacht so viel schöner geleuchtet hatten als je zuvor.

Ein erfrorener Mann auf einer Parkbank, nur eine kleine Meldung wert in einer Stadt, in der es in jedem Winter Obdachlose erwischte.

Wieder jemand, der nicht vermisst wurde – ohne Ausweis und viel zu dünn angezogen, um draußen zu übernachten. Traurig.

Adventskalender MiniKrimi vom 22. Dezember 2018


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Meine lieben Leserinnen, vor allem meine lieben Leser: diese Geschichte ist ASBOLUT frei erfunden. Sie entspringt meinem zugegen zuweilen etwas exaltierten Autorenhirn und sollte von Euch „cum grano salis“ gelesen werden.

Die etwas andere Agentur

Das ganze Jahr über waren ringsherum Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst dann der West Highland Terrier Soda. Emily, die es schon in den Sandkastenjahren ihres Kindes vermieden hatte, auf dem Spielplatz mit anderen Müttern zu kommunizieren und alle Kindsnamen auswendig zu kennen, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen immer weniger Menschen begegnete.

Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, dachte sie keinen Moment, dass ihr alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.

Nach ihrem Einzug in das neue Wohngebiet in der Minervastraße hatten sich viele Bewohner einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten raus ins Grüne, das die Minervastraße umgab, aber weil sie allein zu faul waren, musste ein Hund her. Mit der Zeit wurden die Tiere zu echten Gefährten, und Silke berichtete Emily von den verschiedenen Formen, die die Trauer um den verlorenen Vierbeiner angenommen hatte. LEIDER waren ja Tiergräber im hauseigenen Park verboten, ebenso wie Seebestattungen im Naturteich. Deshalb hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den abenteuerlichsten Farben und Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen.

Emily verbrachte ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen auf das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Outdoor-Gummistiefeln, mit Pfeifen, Leckerli und Kotbeuteln gefüllten neuen Funktionsjacken, und einem neuen Hund, genauer gesagt einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr angesagt, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador aus dem ungarischen Tierschutz. Allerdings war der sicher nicht ganz reinrassig, dachte sich Emily. Aber sie hütete sich, etwas zu sagen. Und so ging es weiter. Nach und nach kamen ihr auf ihren Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Minervischen Hundesterben.

Emily hoffte insgeheim, dass mit dem neuen Hund und dem neuen Glück auch ein friedlicheres Miteinander bei den tierischen Begegnungen einhergehen würde. Ihre beiden Dobermänner waren zwar optisch womöglich furchteinflößend, vor allem für Chihuahua-Erstbesitzer in Slim fit Jeans auf Highheels. Diese rissen die armen Tierchen schon hektisch in die Arme, wenn Emily sich mit ihren beiden am Horizont der Minervastraße zeigte. Aber Emma und Mr. Steed gehorchten aufs Wort. Was von den meisten anderen Vierbeinern nicht gesagt werden konnte. Sie überlegte schon,  eine Welpenschule zu gründen – ihre 2-Frauen-Werbeagentur lief momentan nicht besonders, da kam ihr eine viel bessere Idee.

Denn nach den Hunden hatten in der Minervastraße im nächsten Frühling etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet. Auch hier das gleiche Prinzip: Die Ehepaar, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, versterben.

Auch wenn Emily von keiner Witwe gehört hatte, die ihren Mann im Naturteich hätte beisetzen wollen oder seine Asche in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich sicher nicht mehr, dass ich noch lese“) – die Damen trauerten. Und Emily dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.

Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem stattlichen Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den  mäandernden Weg im Park der Minervastraße an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger,  und bald taten es ihr andere Witwen gleich.

Emily stellte eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas frischeres.

Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Emily schließ einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer -Weidenhoff! Emily mochte die elegante 80jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich beide die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen mehr, dafür aber Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war inzwischen mit Sicherheit, dafür war ihm seine Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.

Aber der Professor hing an seinem Dasein mit einem eisernen Willen. Gleichzeitig tyrannisierte er seine arme Ehefrau mehr denn je. Einmal sah Emily sogar blaue Flecken an ihren Armen. Leonardo wurde langsam unruhig. Da schritt Emily, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.

Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen, dass sie bei den Damen in der Minervastraße vielleicht sogar unter Verdacht geraten würde. Aber weit gefehlt! Sie sah sich vielmehr von ihrer Kundschaft geradezu genötigt, ihre Agentur um ein „rundum-sorglos“ Angebot erweitern……

Adventskalender MiniKrimi vom 21. Dezember 2018


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Schwarze Schwingen

„Papa, ist es noch weit? Papa, ich mag nicht mehr laufen…“

Sie war sein Ein und Alles. Gewesen. Nur wegen ihr war Andreas mit Anna zusammen geblieben. So lange. Er hatte ihr alle Wünsche von den Augen abgelesen, sogar die, von denen sie noch gar nichts wusste. Das Prinzessinnenkleid mit Swarowskisteinen. Den Wuschelhund. Das Zimmer mit Rutsche und Himmelbett.

Es war ihm nicht leicht gefallen, die Wohnung in der Minervastraße zu kaufen. Dann hatte Anna aufgehört zu arbeiten, einfach so. Keine Lust mehr. Von heute auf morgen. Sie wollte Emma lieber selbst ins Bett bringen. Dabei war die Nachtschicht im Krankenhaus gut bezahlt. Er hatte mehr Projekte übernommen – und weniger Zeit für seine Prinzessin gehabt.

Aber nach einer Weile war ihr sogar das nicht genug. Als er am Abend des 21. Dezembers nach Hause kam, stand Emma im Kinderzimmer, neben sich einen prallen Koffer, im Arm ihr Schlummerle.

„Was ist los?“ hatte er gefragt. „Wir gehen. Hat Mama gesagt. Sie bringt nur noch den Wuschel ins Tierheim.“ Er hatte die weinende Emma auf den Arm genommen, die Treppe runter, ins Auto. Und los. Bis zum Waldrand. Dann weiter zu Fuß. Wenn Anna ihm Emma wegnehmen wollte – dann sollte auch sie ihre Tochter nicht mehr haben.

„Papa, fahr nicht so schnell, mir wird schlecht….“

Ich fahre nicht schnell, ich fahre nur zügig, hatte Oliver gedacht. Zügig, um nicht zu spät nach Hause zu kommen. Um zu vermeiden, dass Lea wieder Stress machte. Wie immer, wenn er mit Yannick bei seinen Eltern war. Dabei war sie nur eifersüchtig, weil sie dort nicht willkommen war. Nicht standesgemäß. Stimmte ja auch.

Olivers Fuß drückte aufs Gaspedal. Der neue Chayenne ging ab wie Schmidts Katze. Dunkel war es an diesem 21.Dezember. Und neblig. Der Schnee wollte sich nicht einstellen, dafür stieg zähe Feuchtigkeit aus den Wiesen entlang der Landstraße.

Noch so ein Thema. Warum können Deine Eltern nicht hier in der Stadt wohnen? In der Minervastraße ist sicher noch was frei. Wenn das nicht edel genug ist, weiß ich auch nicht, sagte Lea immer wieder. Und sie mochte es nicht, wenn er so lange in Huglfing blieb. Die Strecke sei so kurvig, und er trinke zu viel, weil er nicht nein sagen könne, bei seinen Eltern.

So ein Schmarrn!, dachte Oliver noch. Dann sah er die Lichter des entgegenkommenden Autos. Er wich aus und prallte gegen einen Baum am Straßenrand. Weder er noch der Chayenne nahmen großen Schaden. Oliver konnte sich wirklich nicht mehr daran erinnern, ob er Yannick zu Fahrtbeginn angeschnallt hatte……..

 

„Mama, die Bonbons sehen lustig aus, darf ich sie essen?“

Sunny antwortete nicht. Das tat sie selten, wenn es Abend wurde. Und heute, am 21. Dezember, war es ganz besonders schnell dunkel geworden. Wenn sie morgens aufwachte, war Sunny der Meinung, dass sie den Tag ganz gut hinbekommen würde. Oft schaffte sie es, aufzustehen, bevor Tante Isi Selina-Michelle zum Kindergarten abholte. Selina nannte sie so, obwohl sie nicht ihre Tante war, sondern die Sozialarbeiterin.

Wenn es ihr besonders gut ging, setzte Sunny ihre Tochter sogar in den Hochstuhl und schob ihr eine Schüssel Cocopops hin. Sollte die Tante ruhig sehen, wie gut sie für ihre Tochter sorgen konnte!

Manchmal wusch sie dann noch etwas Wäsche, machte die Betten und ging in den Supermarkt. Tomaten, O-Saft und Nudeln. Kein Alk. Aber gegen Monatsende war das Geld wieder alle. Wie sollte sie ihre Tochter gesund ernähren, ohne Geld und ohne einen vernünftigen Job? Teufelskreis.

Jetzt hatte im Briefkasten wieder eine Absage gelegen. Sie hätte einen unzuverlässigen Eindruck gemacht, das passe nicht zum Spirit des Unternehmens. Ha! Sie hätte nur Päckchen einpacken sollen. Sunny war wütend. Und traurig. Der Griff zu den Antidepressiva war ein Reflex, und weil sie immer weniger wirkten, spülte sie sie mit Wodka runter.

Sie hörte Selina-Michelles Frage nicht. Sie sah nicht, wie viele Tabletten die Kleine in den Mund nahm und runterschluckte. Sie wurde erst wach, als Tante Isi sie am Morgen packte und schüttelte, hysterisch schreiend, das passte irgendwie gar nicht zu einer Sozialarbeiterin. Da war ihre Tochter schon ganz weiß und kalt.

 

Nach dem Abendkreis haben Andreas, Sunny und Oliver ihre Jacken übergezogen und sind in den Anstaltspark gegangen. Natürlich heißt die Klinik für forensische Psychiatrie, in der sie untergebracht sind, nicht Anstalt. Aber die drei machen sich über die anderen „Insassen“ lustig. Immerhin sind sie „anders“. Auch, wenn sie das nur dann zeigen können, wenn sie unter sich sind. Wie heute Abend. Es ist der 21. Dezember. Ein Datum, das sie verbindet. Sie gehen an der Mauer entlang. Unüberwindbar. Aber was sie gefangen hält, sind ihre eigenen Ängste und Schuldgefühle.

„Glaubt ihr, es gibt einen Platz, von wo aus sie uns sehen können?“ Sunny klingt besorgt und hoffnungsvoll zugleich. „Sicher. Vielleicht.“ „Und von wo aus sie mit uns Kontakt aufnehmen? Und wann?“ „Wenn, dann nur heute.“ Nebel zieht in schweren Fetzen um die Bäume. Er kauert sich auf die Mauer und kriecht langsam hinunter ins welke Laub. „Mamaaaa“. Sunny erstarrt. „Meine Kleine!“ „Ein Käuzchen!“ „Wuuschel, Wuuschel!“ „Der Wind!“ „Halt annn, halt annn!“ „Was für ein blöder Streich! Wir gehen ins Haus!“

Drei Schatten lösen sich von den verwitterten Steinen, sammeln die Dunkelheit um sich herum und streichen mit schwebenden Schwingen den Fliehenden hinterher. Umgreifen, umgeben sie. Saugen den Atem auf und verwandeln ihn in pechschwarze Angst.

Die Lokalzeitung berichtet als Aufmacher von der kollektiven Selbsttötung dreier Kindsmörder. Der Bundestag befasst sich mit der Problematik des Maßregelvollzugs bei Tätern mit angenommener psychischer Schädigung. Und der EuGH rügt Deutschland wegen zu laxer Handhabung der Sorgfaltspflicht.

Adventskalender MiniKrimi vom 20. Dezember 2018


Der Schutzpatron

Nur noch vier Tage bis Weihnachten. In dieser Zeit drängen die Erinnerungen immer mit besonderer Macht in Gregors Gedanken hinein. Silberne Glöckchen und ein heller Kindersopran, knisternde Erwartung, die Kerzen am Baum, die kalte Kirche, die Krippe mit Stroh. Das Weinen, die Wut, seine Ohnmacht. Genug! Gregor beschleunigt seinen Schritt, um schnell am Portal von Sankt Michael vorbei zu kommen. Da sieht er eine ältere Dame, die sich bemüht, die Stufen zur Kirche zu erklimmen. Widerwillig hilfsbereit eilt Gregor hinzu, nimmt den pelzummäntelten Arm und geleitet die Dame hinauf. Damit ist es aber nicht  genug, das sieht er. Also zieht er mit Kraft am kupfernen Griff (wollen die den Gläubigen den Eintritt erschweren oder verwehren?) und hält ihr die Tür auf. Ihr Lächeln nimmt er kaum wahr, sie sagt etwas, aber er hört nicht mehr hin. Wie in einem Orkan brausen die Bilder nun auf ihn ein.

Gregor war im 5. Studienjahr. Er wohnte im Priesterseminar und absolvierte mit einem Mitstudenten ein Gemeindeseelsorgepraktikum in Sankt Michael. Vor Weihnachten hatten sie besonders viel zu tun. Es gab unzählige Gründe für Depressionen angesichts des bevorstehenden Festes in dieser reichen, vereinsamenden Stadt. Zu wenig Geld, zu viel Geld. Niemanden zum Beschenken, zu viele herangetragene Wünsche. Keinen Glauben, enttäuschten Glauben. Und die Kirche schien alle anzuziehen wie ein Magnet. „Die Christmette muss etwas ganz besonderes sein, sie brauchen das, alle. Wir dürfen sie nicht enttäuschen“, hatte der Priester den Druck aufgebaut. Und so wurde der Baum golden geschmückt, und die Chorknaben probten unter der Leitung von Gregors Studienkollegen Stunde um Stunde. Gerade hatte  er mit Max, dem Glockensopran, eine Einzelprobe. So hatte er gesagt, und so dachte Gregor. Aber als er in den kleinen Chorraum hinter der Sakristei kam, sah er den Studenten von hinten über den Knaben gebeugt, und ganz deutlich hörte Gregor diesen weinen.

Erst stand er, zur Salzsäule erstarrt, dann rannte er weg. Nicht zum Priester. In sein Zimmer. Er wusste genau, was er tun musste. Und war zu feige dazu. Später versuchte er, seinen Kommilitonen zur Rede zu stellen. Doch dieser tat  so, als habe Gregor sich das alles erträumt: „Du hast ja eine ganz perverse Phantasie, hast Du. Wenn Du mit Deinen Verleumdungen hausieren gehst, sehe ich mich gezwungen, mit meinem Onkel dem Prälaten über Dich zu sprechen“.

Und während Gregor noch zauderte, nahm die Sache eine ganz andere Wendung. Max’s Mutter kam auf ihn zu, woher sie was wusste – keine Ahnung. Jedenfalls drohte sie ihm mit dem Schlimmsten, wenn er nicht….. Nun, sie hatte ganz offensichtlich Gefallen an Gregor gefunden. Ein Jahr lang hielt er das erzwungene Verhältnis aus. Dann konnte er, der sich wirklich hatte keusch halten wollten vor und für Gott, nicht mehr. Er wurde schwer krank, und nach seiner Entlassung aus der Psychiatrischen Klinik gab er das Theologiestudium auf. Einer Kirche war er in den vergangenen 30 Jahren nie wieder  nahe gekommen.

Jetzt steht Gregor im Mittelgang und zittert. Die Vergangenheit schüttelt ihn so stark, dass er die Hand auf seinem Arm zunächst nicht einmal spürt. „Greegor“, sagt eine Stimme an seinem Ohr. „Greegor!“ Sie alt geworden, vor der Zeit. Trotzdem hätte er sie erkennen können, in ihrem Pelzmäntelchen, wenn er sie nicht in der hintersten Ecke seiner Seele versteckt hätte. Und jetzt? Entschuldigt sie sich? Ist es dafür zu spät? Aber was sagt sie da? „Greegor,  Du hier. Mit mir. Das ist Schicksal, das ist Gottes Fügung. Komm, wir trinken einen Granatapfeltee, so wie immer. Du weißt ja, ich wohne ganz in der Nähe.“

Gregor spürt die Wut in sich aufsteigen. Die Scham. Unbändigen Zorn. Auf sie, die ihm sein Leben zerstört hat. Auf sich, weil er zu feige war, Max zu verteidigen. Auf die Kirche. Auf – er dreht sich zu ihr um, will ihr die Hände um den Hals legen und sie erwürgen. Vor seinen Augen dreht sich alles in Schwarz.

Sie muss einen Schritt zurückgewichen sein, nicht einmal aus Angst. Um ihn besser zu sehen. Dabei tritt sie gegen die Absperrung um den Seitenaltar, der gerade restauriert wird. Ein Balken löst sich vom Gerüst. Sie ist auf der Stelle tot. Der Heilige Antonius schaut aus der Altarnische auf Gregor herab. Er kennt sich mit sowas aus.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 17. Dezember 2018


Ruhebereich

7.30 Uhr Claas Teuffel wird von seiner Tochter Merle mit einem nassen Waschlappen geweckt und merkt, dass er verschlafen hat.

8.05 Uhr Nachdem er seine Tochter auf dem Rücksitz festgeschnallt und den Schlitten für den Rodelausflug im Kofferraum verstaut hat, stellt er fest, dass der Wagen nicht anspringt. Sein Sohn hat vergessen, das Abblendlicht auszuschalten. (Und Claas Teuffel hat 2 Monate lang, den Wagen zur Werkstatt zu bringen, um die Abschaltautomatik zu reparieren).

8.30 Uhr Claas Teuffel ist von der Schule zurück und versucht, den Termin heute um 15.30 Uhr in Dresden auf morgen zu verschieben. Im Sekretariat seines Geschäftspartners verspricht man ihm, umgehend zurückzurufen, sobald man die Terminverschiebung geklärt hat.

9.30 Uhr Claas Teuffel ruft erneut in Dresden an und erfährt, dass der Termin nicht verschoben werden kann. Im Sekretariat entschuldigt man sich nicht mal dafür, dass man vergessen hat, ihm „umgehend“ Bescheid zu sagen.

90.40 Uhr Er setzt sich mit einem doppelten Espresso an den Computer, um sich eine Zugverbindung rauszusuchen.

10 Uhr Er hat immer noch keinen Zug gebucht, ist fünf Mal direkt vor dem Bezahlen rausgeflogen und erhält jetzt die Information, dass alle in Frage kommenden Züge ausgebucht sind, Bis auf einen. Dort gibt es noch einen einzigen Platz im Ruhebereich 2. Klasse.

10.45 Uhr Claas Teuffel sitzt im Abteil. Er hat seine Frau, die ausgerechnet heute den ganzen Tag in einer Gerichtsverhandlung ist, nicht erreichen können und hofft, dass seine Tochter Merle am Nachmittag von der Mutter ihrer Freundin mit nach Hause genommen wird, wenn sie merken, dass keiner zum Abholen kommt. Jetzt versucht er, ihr eine Whatsapp-Nachricht zu schreiben, aber er hat im ICE kein Netz.

11 Uhr Sein Telefon klingelt. Merles Schule. Er geht so schnell wie möglich ran und flüstert „Moment“. Sein Gegenüber wirft ihm einen bösen Blick zu und deutet mit spitzem Zeigefinger auf die Aufschrift „Ruhebereich“. Im Gang bespricht er mit der Lehrerin, wo Merle den Schlitten versteckt haben könnte, weil sie keine Lust auf den Rodelausflug hat.

11.30 Uhr Sein Telefon klingelt wieder.  Merles Schule. Er springt aus dem Sitz, murmelt „Entschuldigung“, aber sein Gegenüber und der Sitznachbar zischen wie aus einem Mund „Ruhäää!“ Im Gang erfährt er von der Lehrerin, dass der Schlitten wieder aufgetaucht ist.

12 Uhr Claas Teuffel hat sein Handy auf lautlos gestellt und geht in seinem MacBook die Tagesordnung für das Meeting durch. Weil er vergessen hat, den Lautsprecher abzustellen, ertönen zu Beginn der Präsentation laut die Eingangsakkorde von Richard Strauß’s Zarathustra.

Sein Gegenüber, der Sitznachbar und die Reisenden auf den Plätzen jenseits des Ganges brüllen alle lautlos „Ruhääääääää.“ „Gennse nisch läsn?“, flüsssstert eine blasse Dame in höchster Entrüstung über den Rand ihres Magazins „Reisen und Heilen“ hinweg.

13 Uhr Class Teuffel ist eingenickt. Er träumt, dass ihn sein Gesprächspartner mit einer seidenen Krawatte erwürgt, weil er zu spät zum Meeting gekommen ist. Das Gefühl ist unerträglich. Er reißt die Augen auf: sein Gegenüber hat ihn am Hemd gepackt und schüttelt ihn. Auf dem Holztisch leuchtet sein Handy und hat durch die Vibration den Tisch in melodiöse Schwingungen versetzt. 

Er geht in den Gang und sieht, dass seine Frau versucht hat, ihn zu erreichen. Als er sie zurückruft, ist wieder nur die Mailbox dran. Die Gerichtspause ist vorüber.

13.30 Uhr Er hat unbändigen Hunger, da er weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen hat. Als e in seine Manteltasche greift, um seinen Geldbeutel zu holen, ertastet er Merles Pausenbox, die sie dort versteckt hat, weil sie nicht mag, was ihre Mutter ihr einpackt. Er öffnet die Box: Möhren und Selleriesticks. Egal. Claas Teuffel hat unbändigen Hunger. Er steckt sich ein Selleriestange in den Mund und beisst ab, und dazu noch ein großes Stück Möhre. In der Stille des Ruhebereichs klingt sein Kauen wie eine Explosion.

13.35 Uhr Claas Teuffel versucht verzweifelt aber vergeblich, sich gegen die vier, sechs, zehn Paar Hände zu wehren, die ihn packen und gnadenlos durchs Abteil zerren. „Hilfeee“ ruft er, erhält aber als Antwort nur gezischte Beleidigungen: „Ruhestörer“, Stille-Attentäter“, „Seelenfriedensmörder“ usw.

13.40 Uhr Der ICE 6790 Michael Kohlhaas von München nach Leipzig fährt durch Jena, als eine Wagentür aufgerissen und etwas auf den Bahnsteig gestoßen wird. Ein kleiner metallener Gegenstand segelt hinterher.

13.41 Uhr Ein herbeigeeilter Reisender, der auf den Regionalzug von Jena nach Erfurt wartet, entdeckt den blutenden Mann auf dem Bahnsteig. Neben diesem klingelt ein Handy. Er hebt es auf und geht dran, während er gleichzeitig seinen Finger an den Hals des Mannes hält. „Hallo, hallo? Claas, kannst Du mich hören? Ich kann jetzt sprechen“, ruft eine Frauenstimme. „“Hallo? Nein, der kann sie nicht hören. Auch nicht sprechen. Der ist tot“, sagt der Reisende ins Telefon.