Meine Fans


Ich bin – rein geburtstechnisch betrachtet – nicht mehr ganz taufrisch. Mental, psychisch und im Hinblick auf mein Selbstbild mag das anders sein. Da bin ich je nach Gemütszustand, körperlicher Verfassung, besonderen Glücksmomenten mal 5, mal 15 oder auch mal 100.

Nun habe ich den Verdacht, dass es einigen meiner „Fans“ genauso geht. Gestern hatte ich eine fantastische Lesung in Moosch. Im „Seniorenclub Lebensfreude“. Im Vorfeld hatte ich mich bei der Leiterin nach der mentalen Verfassung meiner Zuhörer*innen erkundigt, um die Lesung entsprechend zu gestalten. Die Antwort wies mich – freundlich – in die Schranken. Die Mehrzahl der Damen sei ungefähr so alt wie wir (!), lebe alleine und selbstversorgt und sei mit allem ausgestattet, was ein moderner Alltag mit sich bringe: Handy, Computer, Internet und Hörgeräte.

Letztere trage ich auch, seitdem die Hersteller versprechen, damit auch einem Tinnitus beizukommen. Klappt bei mir leider nur so lala, weshalb ich permanent ein Konzert in den Ohren habe und infolgedessen zuweilen einfach nicht verstehe, was mir Menschen über diesen kopfinternen Lärm hinweg zu sagen versuchen. Aber sei’s drum: ich bin meinen Zuhörer*innen tatsächlich auf vielen Ebenen verbunden.

Gestern stand ich nun in dem gut gefüllten Saal – und begegnete erwartungsvollen Augen. „Wird’s spannend?“, „Wird’s auch deutlich genug`“ „Laut genug?“ Der Saal hat eine grauenhafte Akustik, die durch ein Mikro nicht wirklich verbessert wird. Ich stellte mich also vor, fragte ab, ob meine Zuhörerinnen (kein Gendern nötig) thrillertauglich seien („Je brutaler, desto besser“, war die Antwort 🙂 ) und machte gleich einen Verständnistest. Ich war, so hatte mir die Leiterin berichtet, das Highlight im herbstlichen Veranstaltungskalender. Die Latte hing also hoch.

Und ich begann.

Meine Lesungen sind „szenisch“, bzw. „performe“ ich eher, als dass ich nur lese. Oft erzähle ich auch zwischendrin und weiche vom Text ab. Dabei schaue ich immer in die Gesichter und reagiere spontan auf das, was ich sehe. Mache einen Scherz mehr, singe ein Liedchen weniger. Ihr wisst, was ich meine. Nun, gestern stand ich vor einem sehr vielfältigen Ausdrucksmix. Die einen lachten, die anderen lächelten, einige schauten konzentriert – und eine döste mit geschlossenen Augen. Zuviel Kaffee, Kuchen, zu warme Luft?

Ich ezählte gerade, wie die Gräfin S. den Seitensprung ihres zweiten Mannes mit der Büste ihres ersten Mannes aus rotem Alicante Marmor erschlug, da erklärte vorne links eine Dame, in Alicante gäbe es keinen Marmor. Und breitete ihr Wissen über dieses edle Gestein aus, das das meine bei weitem übertraf. Ich hatte lediglich bei Goggle nachgefragt.

Da öffnete die „Dösende“ die Augen und schoss mir einen scharfen, freundlich-komplizenhaften Blick zu. Sie hatte alles genau verfolgt und die Augen nur der besseren Konzentration halber geschlossen. Soweit zu voreiligen Schlüssen.

Nach einer Stunde und drei Geschichten war ich heiser – und froh, dass ein paar der Damen meinten, es sei für heute genug. Den anderen musste ich versprechen, bald wiederzukommen. Und eine gab mir noch den Stoff für einen neuen Thriller mit auf den Weg., WOW. WOW. Ihr werdet ihn lesen. Im MiniKrimi Adventskalender.

Was mir noch nachzutragen bleibt: Es war ein toller Nachmittag. Die älteren Zuhörerinnen waren viel kritischer und aufmerksamer als so manche jungen. Ach ja, mit dem Alicante Marmor hatte ich recht. Uff.

Und auf dem Foto seht ihr mich mit den „Fans“, die bereit waren, allem Datenschutz zum Trotz mit mir abgelichtet zu werden.,

Danke, liebe Frau Röck, für die Einladung. Ich komme gerne wieder.

Die Zeit vergeht schneller. als ich ihr folgen kann….



Die Frankfurter Buchmesse war TOLL. Es war wunderschön, so viele liebe Kolleginnen und Mörderische Schwestern zu treffen.

Das Gastland Italien hat mich mit seinem Auftritt begeistert. Nein, nicht (oder nicht nur), weil das meine emotionale Heimat ist, also mein „Vaterland“ im Wortsinn. Es war ein eindrucksvoller, Herz und Sinne ansprechender Mix dessen, was Italien und seine Kultur ausmacht. Schade nur, dass Meloni linken Autor*innen den Aufritt dort verweigert hat. Nie wieder Faschismus, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien! Ich werde mich, wenn ich dort wohne, ganz sicher für den antifaschistischen „Kampf“ engagieren. Friedlich, selbstverständlich.

Ja – und dann war da die Notte Criminale im Café Wacker. Sehr schön, sehr spannend, mit kriminell guter Musik – von Mimi bis zu Macki Messer und dem Kriminal Tango. Danke Michael Klimo (Trompete) und Pit Gerten (Keyboard).

Ich habe dort meine neueste Episode der Agentur zweites Glück vorgestellt; Bella und ihr Gespür für Leichen. Was soll ich sagen? Kam gut an 🙂

Toll waren auch die Lesungen meiner Mörderischen Schwestern Franziska Franke, Monja Luz, Andrea Maluga und Cornelia Mohrmann. Sie entführten das Publikum ins England Sherlock Holmes‘, in Casanovas Venedig – komplett mit Kleid und Perücke!, auf die düstere Seite von Mainz und in die mafiöse Umgebung eines Italienischkurses bei der Berliner VHS.

Es war MEGA.

Und dann hatte und habe ich noch andere Highlights. Der zweite Arche Noah Gottesdienst in der Magdalenenkirche war so schön. Mit Hunden und Menschen und swingender Musik von Raphaela Ulrich und Vera v. Schumann.

Manchmal bedauere ich schon, dass ich nächstes Jahr nicht mehr „einfach so“ Events in München und Deutschland planen kann. Aber ich komme immer mal wieder. Für einen Auftritt allema!.

Heute habe ich noch etwas ganz besonderes vor: ich lese im Seniorenclub der Diakonie Moosach vor krimibegeisterten Menschen, die beinahe mein Alter haben. Tja, let’s face it 🙂

Ich freue mich riesig darauf, habe Emma Peel und John Steed im Gepäck – und werde euch berichten.

Und dann… ja dann ist auch schon bald wieder Advent. Und damit wird sich hoffentlich jeden Tag ein MiniKrimi-Türchen öffnen. Nur hier und nur auf mariebastide.blog.

Ach ja: noch etwas gibt es zu berichten. Ich schreibe ja auch Haikus. Und einer davon, der „Tauferer Advent“ wird auf eine Glasstelle geätzt und wird den ganzen Advent über erleuchtet den Marktplatz von Mais im Vinschgau verschönern, zusammen mit 23 anderen Adventstexten übers Licht. Fotos folgen!

Stay tuned.

Täglich was aufs Auge gibt’s bei semisappho auf Instagram. Come in and join!

Freie Liebe


Auf der Ladies Crime Night in Leipzig fragte mich eine Zuhörerin, der meine „Agentur zweites Glück“ offenbar sehr gefallen hatte: „Und wie geht es weiter? Wo steht die Fortsetzung? Ehm – das war ein Einzelkrimi. Aber die Idee war geboren. Elvira und ihre Agentur sind mir viele weitere MiniKrimis wert. Und dann werde ich das Buch natürlich auch drucken. Wenn Ihr Vorschläge habt, wen, wann, wo und wie Elvira ihre Paare zursammenbringen soll – her damit! Ich erwähne euch als Ideengeber*in – Ehrensache!

Ein augenzwinkernder MiniKrimi über Lieben und Sterben im Europa ohne Grenzen

„Guten Morrrgen, Zeit zum Aufstöhn!“ Thea reißt erschrocken die Augen auf und schaut sich sekundenlang orientierungslos um. Weiß gekalkte Wände statt weicher Klippen, Betonboden statt Sand und ein Flickenteppich dort, wo gerade noch ihr leuchtend rotes Handtuch lag. Das Meer rauscht ungehört jenseits des Fensters. Eben hat sie sich noch wohlig in der schaumigen Brandung geräkelt. So ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eng und riecht nach ungewaschenem Körper, Urin und altem Fett. Und sie ist laut. „Guten Morrrgän“, schreit es wieder, diesmal energischer.

„Thea, heast du ned, Odysseus ruft. Wenn du runter gehst, bring mir glei an Kaffee rauf“.


Das „Bitte“ ist auf dem Weg vom ersten Kennenlernen bis zu Theas Einzug in das Exchikò, das strahlende Ferienhaus mit den blauen Fensterläden hoch über der schönsten Bucht von Kefalonia, verlorengegangen. Geblieben sind Harrys starke Hände. Nur, dass sie jetzt nicht mehr streicheln, sondern Theas Handgelenk umkrallen. „Thea!“ Harrys Stimme ist heiser von zu viel Ouzo und Zigaretten. Aber immer noch kräftig. Genau wie sein Griff.

„Ich geh ja schon. Hatte nur gerade so einen wunderschönen Traum. Ich – wir, korrigiert sie hastig – haben gebadet, unten am Xi. Das Wasser war ganz weich und warm. Du, wollen wir da heute mal hin?“

„Ich glaub, du spinnst. Wie soll ich denn da hinkommen? Willst mi die Klippen runterkippen, im Rollstuhl, oder was? Seit i di kenn, bin i doch a kompletter Krüppel worn!“

Thea beißt sich auf die Lippen, während sie ihr graugesträhntes Haar von den Schultern schiebt, ein T-Shirt über ihr Nachthemd streift und in die Mules schlüpft. Dabei lehnt sie sich kurz an den Bettrand. Und schon greift Harrys Hand in ihren Schritt. „So verkrüppelt dann doch nicht, was?“ Unwillkürlich muss Thea lachen. „Lass los, Odysseus wird ungeduldig.“ Von unten ist jetzt ein Rasseln zu hören, ein Geratter wie von einem startenden Motorrad. „Ruhe, Odysseus. Ich bin schon da.“

Mit geübtem Schwung zieht sie das Laken von der großen Voliere und öffnet die Tür. Odysseus, der 40 Jahre alte Graupapagei, starrt sie an. „Guten Morrgen“, krächzt er in perfekter Harry-Parodie. Zwei Gestrandete auf einer Insel. Schade, dass Harry das Federvieh nicht Freitag genannt hatte. Vielleicht wäre er dann freundlicher geworden. Oder wenigstens handzahm.

Während Thea den Kaffee kocht und einen Apfel in mundgerechte Bissen schneidet, trippelt der Papagei auf dem Holztisch hin und her. „Hungerrrr“, krächzt er. „Thea, Kaffee!“ Das ist Harry. „Ja doch!“ Sie füllt das heiße Gebräu in eine Tasse, dazu ein paar Tropfen aus einer Phiole und vier Löffel Zucker. Gestern hat Harry nur am Kaffee genippt. „Der schmeckt so bitter, was hast da reingetan?“ Heute wird er ihn hoffentlich trinken. „Thea, Kaffä“, schnarrt Odysseus. Sie schleudert dem Vogel ein Apfelstück hin, knapp an der Tischkante vorbei. Doch statt sich den Kopf anzuschlagen, fängt der Papagei es geschickt auf. „Dankä“, schnarrt er. Das Tier wird ihr zunehmend unheimlich. 

Thea schaut in den sonnigen Morgen und seufzt. Das dauert alles viel zu lange. „Kein Angst, diesmal klappt alles wie am Schnürchen“, hatte Elvira, ehemalige Krankenschwester und jetzt Inhaberin der Agentur „Zweites Glück“ ihr versichert. Und tatsächlich hatte es auch so ausgesehen, im Mai, auf Elviras Agentursofa im regnerischen München, mit dem umfangreichen Ordner und seinen vielversprechenden Junggesellen vor sich auf dem Couchtisch. „Das hast du bei Jean Claude und Salvatore auch gesagt“, hatte Thea gemurmelt. Und dann – ein Fiasko nach dem anderen.

„Na ja, wer konnte schon ahnen, dass Jean Claudes romantisches Schloss in der Normandie tatsächlich nur ein rostiges Vorhängeschloss an einer klapprigen Fischerhütte war, seine florierende Kreuzfahrflotte ein marodes Schmugglerboot und das Foto auf seinem Profil ein Fake?“, hatte Elvira gefragt. „Jeder, der sich mit KI auskennt. Und eigentlich hättest du auch sehen können, dass das Porträt bearbeitet war. Zuviel Haare und zu wenig Bauch.“ „Ach kommt, du konntest doch nicht schnell genug aus München wegkommen. Die Normandie war dir ja gerade mal weit genug entfernt. Warum eigentlich?“

Die Antwort darauf war Thea Elvira schuldig geblieben. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, bevor er mein ganzes Geld mit seinem blonden It-Girl durchbringt. Leider hat sie den Cocktail getrunken, er ist nur um Haaresbreite dem Gefängnis entkommen, und jetzt jagt er mich durch ganz Europa?

Jean Claude war ihr wie ein rettender Engel erschienen. Allerdings hatte er sich als komplette Nullnummer erwiesen. Kein Schloss, keine Erotik, dafür jede Menge gefährliche Macken. Als er sie auf der Rückfahrt von einer Schmuggeltour bei rauer See – Windstärke 7 mindestens – mitsamt der Ladung schottischen Whiskys über Bord gehen ließ, um der Gendarmérie Maritime zu entgehen – zog Thea die Reißleine. Aber nicht, ohne Jean Claude noch eine Flasche auf den Kopf zu schlagen. Der Whiskyverkauf reichte gerade mal für die Rückfahrt nach München. Dort las sie von dem bedauerlichen Tod eines international bekannten Schmugglers im Ärmelkanal. Die genaue Todesursache war – zu Theas Glück – nicht mehr zu ermitteln gewesen. Zu starke Brandung, zu viele Verletzungen.

Mittellos und immer noch auf der Flucht hatte Thea erneut Elviras Ordner studiert. Salvatore war ein in die Jahre gekommener italienischer Selfmademan im maßgeschneiderten Nadelstreifen-Anzug. Er versprach Thea eine sorglose Zukunft, gependelt zwischen seiner Luxusjacht auf dem Pazifik und seiner Villa auf Sizilien. Leider hatte er bis zu ihrer Landung in Messina vergessen, zu erwähnen, dass ihr Aufenthalt stets räumlich begrenzt sein würde – nämlich auf Schlafzimmer und Küche. Offenbar hatte er Thea für so schüchtern, einfältig oder beides gehalten, dass ihn ihr Angriff mit seinem eigenen Stilett völlig überrascht hatte. Sie stand in der Küche über die Spüle gebeugt, wo sie für ihren neuen Gebieter eine Flasche Champagner öffnen sollte. Er drängte sich von hinten an sie, wobei ihm das Klappmesser – unglücklicher Zufall oder göttliche Fügung? – aus der Hosentasche fiel. Thea bückte sich blitzschnell und zu Salvatores ausgesprochenem Vergnügen – welches aber nur so lange währte, bis sie ihm das Messer bis ins Heft in die Brust stieß. „Das schöne Hemd“, dachte sie noch.

Die Polizei schien ihrer Version der Ereignisse – brutaler Angreifer aus dem Dunkel, Blutrache eines verfeindeten Clans – Glauben zu schenken, im Gegensatz zu Salvatores Familie. Und so war Thea, lediglich im Besitz ihrer Kleidung, einer Rolex und einem Platinarmband, wieder auf der Flucht.

Mit Harry sollte alles anders werden. „Er ist ein solider Bayer. Vor zwanzig Jahren hat er seine Liebe zu Griechenland entdeckt, seinen Job als Manager eines IT-Konzerns an den Nagel gehängt und sich auf Kefalonia niedergelassen. Mit seiner Abfindung hat er sich ein nettes Häuschen gekauft und den Rest seines Vermögens in sicheren Aktien angelegt. Er führt Wandergruppen über die Insel und wird von den Bewohnern dafür geliebt, dass er zuverlässig für einen Strom angenehmer Touristen sorgt. Nicht die Partyheinis, sondern Leute, die das Land, die Natur und die Kultur lieben. Er sieht zwar nicht umwerfend aus, ist aber für sein Alter recht gut in Form. Und seien wir ehrlich, liebe Thea, du ähnelst deinem Profilbild auch nur noch im Dunkeln und ohne Brille. Wir werden eben alle älter. Er sucht eine Frau in den besten Jahren – also dich! Auf geht’s!“

Zur Sicherheit und quasi als Entschädigung für die beiden fehlgeschlagenen Vermittlungen hatte Elvira Thea ein Fläschchen aus ihrem „Insektengiftschrank “ mitgegeben. Nur für den äußersten Notfall. Also um sich und ihr eigenes Leben zu retten. „Du scheinst ja vom Pech geradezu verfolgt zu sein“; hatte sie gesagt. „Da ist es vielleicht am besten, wenn du sowas wie eine Versicherungspolice bei dir hast. Aber Vorsicht: Missbrauch von Neonicotinoiden ist strafbar und wird mit Gefängnis bis zu 25 Jahren geahndet.“ Denn das ist in Deutschland die tatsächliche Verweildauer hinter Gittern für eine lebenslängliche Haftstrafe.

Thea schaut aus dem Fenster auf das immer gleiche Bild. Ein Wirrwarr malerischer Dächer, bergabwärts meandernde Sträßchen und Gassen, umrahmt vom wogenden Graugrün einer dank des Inselklimas wollüstig üppigen Vegetation. Und dann das Meer. Bis zum Horizont, und dahinter der Himmel. Blau in schwelgendem Blau. Tag für Tag.

Aber was nützt mir das alles?, fragt sie sich. Was habe ich davon? Ich bin eingemauert in diesem gleißenden Haus. Mit einem mürrischen Alten und einem schizophrenen Papagei.

Sie hat sich nichts vorzuwerfen. ist von Anfang an ehrlich gewesen. „Ich suche ein neues Zuhause“, hat sie Harry gesagt, als er sie von der Fähre abgeholt hat. Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht gewesen. Weiße Leinenhose, gestreiftes Matrosenhemd, ein keck gewinkelter Panamahut über dem tief gebräunten Gesicht. „Ein neues Zuhause.“ Keinen neuen Mann. Aber Harry hat es nicht so mit Worten, und er zerklaubt auch keine Sätze nach Mehrdeutigkeiten.

Gut, die ersten Nächte waren anstrengend. So ein alternder Lebemann ist halt auch nur in seinen eigenen Augen ein Adonis. Für andere kommt er eher als Nereus daher, allerdings ohne die dazugehörige Portion Weisheit. Aber schlau ist er schon, der Harry. Er weiß sich in Szene zu setzen. Es dauerte ein paar Wochen, bis Thea das Viagra-Versteck fand. Und einen Monat, bis sie herausbekam, dass seine Beliebtheit im Dorf in direkter Beziehung zu der Menge an ausgegebenen Ouzo-Runden in der Taverne am Platz steht. Und dass Harry von vielen sogar gefürchtet wird. Denn von ihm und seiner Schilderung der Insel und ihrer Bewohner hängt es ab, ob der Strom angenehmer Touristen auch im nächsten Jahr munter fließt – oder versiegt.

Die Deutschen geben eben viel auf die Meinung so genannter Spezialisten. Und Harry ist so einer. Mit jeder Veröffentlichung in einem Abenteuerblatt, einem Blog oder auch einer populären Tageszeitung kann er Kefalonia bewerben – oder die Insel in Misskredit bringen. So jemanden behandelt man mit Vorsicht, mit Ehrfurcht – aber nicht mit Vertrauen oder gar Zuneigung.

Sei’s drum. Thea bemühte sich um die Gunst aller. Um Harrys, um die der Dorfbewohner und auch um die des Papageien, der um die gleiche Zeit wie Harry auf dem griechischen Eiland gestrandet ist. Seitdem bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit. Während Harry und die Dorfbewohner sich bald Theas schüchternem Charme öffneten, blieb Odysseus misstrauisch. Und er ist, im Gegensatz zu den Menschen auf Kefalonia, unbestechlich. Weder gekochte Kartoffelstückchen noch Obst, Nüsse oder – heimlich hinter Harrys Rücken zugesteckt, feine Schokolade schienen die Abneigung des Papageien gegenüber der Neuen im Haushalt aufzuweichen. Im Gegenteil. Odysseus hatte die Schokolade vorsichtig mit seiner rechten Kralle ergriffen, zum Schnabel geführt, beäugt und dann, ohne Vorwarnung in Harrys unnachahmlich heiserem Bariton trompetet: „Schokolaaaaade. Schlächt für Odyssois. Sehrrr schlecht! Mörrrder.“  Was zum ersten Streit zwischen Harry und Thea führte. Oder eigentlich nur zur ersten offenen Konfrontation.

Denn wie Thea schnell bemerkte, war Harry durch ihre Anwesenheit immer wieder irritiert. „Schließ die Küchentür ned ab. Das machen wir im Dorf ned. Nein, hier klaut niemand.“ Glaub ich nicht, dachte Thea, als sie ihr silbernes Armband nicht finden konnte. „Warum trägst du auch sowas“, war Harrys einzige Reaktion. „Geh ned mit kurzen Hosen ins Dorf. In deinem Alter machen das die Frauen hier ned.“ Kein Wunder, bei der Figur, die die meisten haben, dachte Thea. In diesem griechischen Dorf scheint die Welt stehengeblieben zu sein. Die verheirateten Frauen, Mütter und Großmütter, tragen dunkle, lange Röcke, viele sogar ein Kopftuch. Wenn ich das bei uns erzähle, glauben die, ich sei in einem islamischen Land und nicht in einem unserer beliebtesten Urlaubsziele. Überhaupt merkt Thea, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht nur unterschätzt, sondern überhaupt nicht „auf dem Schirm gehabt“ hat. Das Leben ist hier ganz anders. Das fängt beim Umgang miteinander an und hört bei der Struktur der Tage nicht auf. Thea hat das Gefühl, auf der Dorfstraße durch ein Lasergitter neugieriger Blicke zu laufen. Was kauft die Deutsche ein? Wann steht sie auf? Wann fegt sie den Hof, wann geht sie zum Strand und wie und wie lange? Schau mal, sie hat sich einen tüchtigen Sonnenbrand geholt – typisch deutsch. Wer bleibt schon über Mittag am Meer?

In den ersten Wochen hat Thea versucht, sich anzupassen. „Musst du immer so auffallen?“, hatte Harry sie gefragt, als sie am Abend an „seinem“ Tisch in der Taverne saßen, vor sich einen Teller mit würzigem Schafskäse, zart hellgrünen Paprikaschoten und glänzenden Oliven. „Wie meinst du das?“ „Die Frauen hier tragen koan knallroten Lippenstift. Und sie trinken koan Schnaps. Des schadet meinem Ruf im Dorf.“

Ihr erster Impuls war, jetzt erst recht und ganz gezielt aufzufallen. Aber das wäre nicht klug gewesen. Also hat Thea versucht, sich, wenn schon nicht anzupassen, dann wenigstens im Schatten aufzuhalten. Unauffällig. Leise. Unsichtbar, außer, wenn es darum geht, Harry zu unterstützen. Ihn zu stützen. Denn seit ein paar Wochen scheint er an Kraft zu verlieren. Die letzte Wanderführung über die Insel musste er abbrechen. Seine Beine versagen ihm immer öfter den Dienst. Starrsinnig wie er ist, weigert er sich, auch nur an Hilfsmittel zu denken. Einen Arzt will er ebenfalls nicht aufsuchen. Das einzige Zugeständnis ist der Bergtee, den ihm die bucklige Nachbarin vor die Tür gestellt hat.

Immer öfter schreit er Thea jetzt an – mit dem ganzen Dorf als Zeugen, da Thea die Fenster meist geöffnet hat. Wenn sie danach im Dorfladen Eier kauft, Honig oder Harrys Zigaretten und Schnaps, wird sie von Daphne, der Inhaberin, freundlich angelächelt. Ihr Mann hat ihr neulich den Korb mit den schweren Kartoffeln vor die Haustür getragen. Sonntagmorgen ist sie in die Kirche gegangen, ohne Lippenstift, im grauen Kleid und mit einem passenden Schultertuch. Der Pfarrer hat die Brauen hochgezogen. Aber vor der Tür der kleinen Kapelle haben ihre mehrere Frauen still die Hand auf den Arm gelegt.

Läuft doch. Sogar an die vielen Katzen und Mücken kann man sich gewöhnen. Wenn der Papagei nicht wäre, könnte Thea sich vorstellen, einen der streunenden Hunde aufzunehmen. Den schwarzen mit den treuen Augen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Im August geht es Harry zunehmend schlechter. Er nimmt ab, wird immer aggressiver und lässt eigentlich nur noch Odysseus an sich ran. Anfang September hält Thea es nicht mehr aus. Sie packt einen Koffer und bittet Daphnes Ehemann, sie nach Argostoli zu fahren, der Inselhauptstadt. Der alten Nachbarin hat sie 50 Euro zugesteckt mit der Bitte, einmal am Tag nach Harry zu schauen. Für alle Fälle hat sie ihr ihre Mobilnummer aufgeschrieben.

Es dauert drei Tage. Dann ruft die Alte an. Sie hat Harry tot im Bett gefunden. Der Arzt aus dem Nachbardorf stellt einen natürlichen Tod fest. Wegen des Deutschen machen sie kein großes Aufheben. Zumal er keine Angehörigen hat. Außer Thea. Und die hat es in letzter Zeit schwer genug gehabt, mit ihm.

Als sie ins Dorf kommt, hat der Bürgermeister schon die Beerdigung organisiert. Die griechischen Behörden sind zufrieden mit der Versicherung von Daphne und Harrys alter Nachbarin, dass Harry Thea das Haus überlassen wollte. Er hat ja sonst niemanden. Von den Aktien weiß hier ohnehin keiner.

Thea sitzt auf der Terrasse und schaut hinunter auf den Strand von Xi. Die Luft ist schwer mit dem würzigen Duft von Lavender und Thymian. Ein leichter Wind trägt Spätsommergeräusche herüber. Lachen und Musik. Thea legt ihre Hand auf den Kopf von Hades, dem schwarzen Hund. Odysseus hackt mit dem Schnabel auf die Stäbe der Voliere ein. Thea lässt ihn täglich raus und hofft, dass er einfach fortfliegt. Aber er bleibt im Garten und krächzt „Harrrriiiie“, „Harriieee, komm zu Odyssois“. So täuschend ahmt er die Stimme seines toten Freundes nach, dass Thea jedes Mal zusammenzuckt und nervös über die Schulter schaut.

Jetzt sieht sie einen Wagen die Dorfstraße hochfahren. Die schwarze Limousine hält vor ihrem Haus. Ihrem Haus in ihrer neuen Heimat. Ein blonder Mann im Anzug steigt aus. Klopft an die Tür. Eine Klingel hat Harry nie gewollt, und Thea hat noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.

„Frau…?“ „Friedrich.“ „Sie sind, äh, Sie waren die Lebensgefährtin von Herrn Müller?“ „Ehm. Ja.“ „Bergengrün von der Deutschen Botschaft. Ich… wollte nur mal nach dem Rechten sehen.“ Thea ist ganz kurz versucht, die Tür zu schließen. Die Kette vorzulegen. Und abzuwarten. Aber das würde nichts nützen. Im Gegenteil. Also: „Kommen Sie doch rein.“

Bergengrün wartet im hellen Vorraum. Die Küchentür steht offen. Plötzlich fliegt ein grauer Schatten herein. Lässt etwas aus seinem Schnabel fallen. Direkt vor Bergengrüns Füße. Der Mann ist schneller als Thea. Nachdenklich dreht er die Phiole in seinen Händen. Sie ist leer. „Harriiie, Harriiee“, krächzt der Vogel mit der Stimme des Toten und dann, laut und deutlich: „Mörrderr!“

Super!


Autor*innen sagt man ja zuweilen ein übergroßes Ego nach. Aber bitte, dieses geniale Bild von mir als Superwomen hat der fantastische Patrick Woywod ganz ohne Vorgaben von mir gemacht.

Ist es nicht toll?! Es ist natürlich eine Karikatur. Aber, wie immer, mit einem Körnchen Wahrheit. Denn manchmal will ich wirklich genau das: die Welt retten. Zumindest die um mich herum. Oft trete ich dann übergroß auf, ähnlich dem Elefanten im Porzellanladen. Oder schieße über das Ziel hinaus, wie der Bär bei Tschechow.

Bitte verzeiht mir diesen Überschwang. Manchmal gelingt es mir nämlich tatsächlich, eine Kuh vom Eis zu holen, einen Kater aus der Pflegestelle oder einen Krisenfall aus den Medien.

Und dann, ja, dann fühle ich mich ganz kurz genau so, wie Patrick mich überzeichnet hat.

DANKE, lieber Patrick! Du bist toll!

Und hier sitze ich neben Patrick. Sind wir nicht ein nettes literarisches Pärchen?

Übrigens: Patrick hat ein wunderbares Projekt ins Leben gerufen: eine Anthologie zugunsten des Gnadenhofes an seinem Wohnort. Einige meiner Mörderischen Schwestern sind dabei, und auch ich habe mich gleich mit einer ganzen Reihen von Erzählungen beteiligt. Hier schon mal das Coverfoto. Ich gebe euch Bescheid, sobald das Buch im Handel ist. Und dann: bitte kaufen, tolls Stories genießen und den Tieren etwas Gutes tun!

Welttag des Buches


Mein Vater, der kluge Karikaturist, hat mit spitzer Feder eine Waage gezeichnet. In der einen Schale liegen Bücher, gestapelt, meterhoch. In der anderen ein Gänsekiel. Ratet. was scjwerer wiegt?

Was bewegt uns Autor*innen, immer wieder immer noch das zu schreiben? Ist denn nicht längst alles gesagt, auch, wenn vielleicht noch nicht von allen? Ich kann nur für mich sprechen. Und wenn ich das, was in mir brodelt, stichelt, drückt und zwickt nicht rauslasse, als sinngebende Zeichen auf weißgraubunt, dann zerfrisst es mich, zerreist und beißt es mich um meinen Verstand.

Gottlob war es bisher immer so, dass das, was ich schreibe, bei anderen eher Balsam ist als Gift und eher Freude hervorbringt als Abscheu oder, schlimmer, Langeweile.

Scribo ergo sum. Ich schreibe, also bin ich.

Seid Ihr da bei mir?

Dann freuen wir uns gemeinsam auf die nächsten Geschichten.

Adventskalender Minikrimi am 21. Dezember


Wintersonnenwend-Tango

„Du musst unbedingt fitter werden, Teddy! Sonst kannst du In einem Jahr nicht mehr alleine wohnen.“

„Blödsinn. Und nenn mich nicht Teddy. Ich bin kein Bär!“ Thaddäus Richling war gereizt. Wie immer, wenn Ute, sein „guter Engel“, wie er die Chefin der Agentur Allein daheim nannte, weil das vor anderen und für ihn selbstständiger klang als „Tageshilfe“, ihn auf seinen Gesundheitszustand ansprach.

Aber Ute hatte Recht, das wusste er. Was nützte ihm sein ganzes Geld, was seine wunderschöne Villa, wenn er sich nicht mehr von einem Raum zum anderen bewegen konnte, geschweige denn in seinen geliebten Garten? Wenn er nicht mehr über die mäandernden Wege zwischen japanischen Kirschen, duftenden Rosen und Ginkgos zum schattigen Koi-Teich streifen konnte?

„Ich sage es dir nur ungern, Teddy. Aber du hast in den letzten zwei Monaten massiv abgebaut. Du musst deine Beine trainieren. Und damit meine ich keine gemächlichen 200 Meter-Spaziergänge von der Terrasse zum Fischteich (hier zuckte Thaddäus zusammen. Sein Koi waren doch keine Fische, sondern edle Zuchtkarpfen). Im Mehrgenerationen-Zentrum bieten sie Ballgymnastik an, und sie haben auch geführte Wandergruppen. Wir könnten doch mal zusammen hingehen und reinschauen?“

Allein bei dem Wort Mehrgenerationen-Zentrum stellten sich bei Thaddäus die Nackenhaare auf. Er sah sich im Stuhlkreis sitzen, umringt von Frauen, schrumpelig wie ein Apfel vom Vorjahr die einen, aufgeblasen wie ein zum Platzen reifer Luftballon die anderen, mit dünnen weißen Dauerwellen, grauen Karoröcken über braunen Stützstrümpfen und selbstgestrickten Wollwesten auf rosa Nylonblusen. Hier und da in den Kreis gestreut vielleicht ein gebeugter Mann mit senilem Lächeln und von Hosenträgern gehaltenen Beinkleidern aus Cord mit Urinflecken im Schritt. „Nein, da werden wir nicht hingehen“, intonierte er bestimmt.

Thaddäus war zwar nie ein sportlicher Mann gewesen – er hatte immer wieder gerne und mit ironischem Lächeln das erfundene Churchill-Zitat „no sports“ angeführt, aber er hatte sich bis ins Alter einen gepflegten Körper erhalten, wohl mehr aufgrund glücklicher genetischer Fügung als durch eigenes Dazutun. Worauf er allerdings selbst immer geachtet hatte, war ein tadelloses Äußeres. Nie sah man ihn ohne Hemd, Krawatte oder Halstuch, Manschettenknöpfe und Jackett. Nein! Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in einem Stuhlkreis zu sitzen und zum Geruch von Kohl, Schweiß und Urin Bälle zu werfen.

Aber Ute hatte Recht. Er musste etwas tun. Die rettende Idee kam ihm während des Besuchs seiner Großnichte Arabella. Arabella studierte Lateinamerikanistik, und das mit Geist, Seele und Körper. Letzteren hatte sie dem Tango Argentino gewidmet, und nach inzwischen vier Jahren hatte sie zwar immer noch keinen Bachelor, dafür war sie perfekt in allen Figuren dieses schmeichelnden Tanzes.

„Komm, Teddy (schon wieder dieser Kosename!), wir legen mal ne kesse Sohle aufs Parkett!“ Thaddäus protestierte. Er sah sich schon nach den ersten Drehungen im Rollstuhl landen, für immer gelähmt – oder schlimmeres. Doch Arabella war beharrlich, und schließlich nahm er seine Großnichte in den Arm, und sie schwebten über das Parkett. Vom Wohnzimmer in den Flur, dann wieder zurück. Es war kein Tanzen, vielmehr ein Gleiten, Schreiten, beinahe mühelos und gleichzeitig unglaublich anregend. Thaddäus fühlte sich beschwingt, verjüngt. Und dachte: „Ja! Wenn schon Sport, dann Tango.“

Er beauftragte die widerstrebende Ute, die beste Tangoschule ausfindig zu machen. „Ausgerechnet Tango, also bitte. Zum Tanzen bist du wirklich zu alt, Teddy“, versuchte sie ihn von seiner „fixen Idee“, wie sie das nannte, abzubringen. Umsonst. Teddy zahlte, also bestimmte er auch. An einem Montagabend gingen Ute und er zu einer Milonga, einem offenen Tango-Tanztreff. Und siehe da, die Tänzerinnen und Tänzer waren keineswegs alle blutjung und drahtig. Nein, der Tango schien Menschen mit 20 genauso anzusprechen wie mit 60 und mehr. „Sie wollen beweglicher werden, aber sich keine gefährliche Sportverletzung zuziehen? Dann ist Tango genau das richtige. Schauen Sie, wir schreiten im Kreis dahin. Sie machen keine abrupten Bewegungen, aber ihr ganzer Körper ist im Einsatz. So!“, sagte die Tanzlehrerin und umrundete, mit Thaddäus im Arm, den Saal.

Seitdem ging Thaddäus jeden Donnerstag ins „Corazon“. Er kaufte sich Schuhe und die passende Tangokleidung. Schon bald gelang es ihm, zwei Tänze ohne Schweißausbrüche zu durchschreiten. Selbst Ute musste zugeben, dass er sicherer auf den Beinen war, nicht mehr so schnell müde wurde und, ja, eine gewisse Elastizität im Gang und ein Leuchten in den Augen hatte. „Erzähl mal, wie sind denn so die Partnerinnen? Hast du eine feste, oder tanzt du immer mit verschiedenen?“ Denn auch ein alter Kater lässt das Mausen nicht, dachte sie. Und Thaddäus hatte die Damen immer sehr geliebt.

Als er aber, ganz gegen seine Gewohnheit, einsilbig blieb, kam Ute eines Abends „ganz zufällig“ ins Corazon. Und dort tanzte Thaddäus mit einer anmutigen, wohlgeformten Schönheit in einem enganliegenden roten Kleid, dunklen Glutaugen und einer Rose in der schwarzen Mähne. „Aha“, dachte Ute. „So ist das also.“ Sie blieb noch eine ganze Weile an ihrem Tisch ganz hinten in der Ecke sitzen und beobachtete das Tanzgeschehen. Eine ältere Dame fiel ihr auf. Sie war zierlich, aber offensichtlich muskulös, ganz in schwarz gekleidet, ihr silbernes Haar fiel in sanften Wellen auf die zarten Schultern. Grazil bewegte sie sich am Arm ihrer wechselnden Partner, und auch komplizierte Figuren meisterte sie mühelos. Thaddäus hingegen gelang es nicht, sein Bein elegant um das seiner schönen Partnerin zu wickeln, und mehr als einmal stockte er im Fluss der Melodie. Tango ist nämlich nur am Anfang ein Schreiten, später wird daraus doch so etwas wie gleitende Akrobatik. Und in dieser Liga bewegte sich der Achtzigjährige noch nicht ganz. Jetzt musste er, schweren Herzens, wie Ute an seinem Gesichtsausdruck ablesen konnte, seine Tänzerin einem anderen überlassen, und während sie leichtfüßig und wie von seiner Alterslast befreit am Knie des neuen Partners entlang glitt, stand Thaddäus verloren auf dem Parkett. Da nahm die „silberne Dame“, wie Ute sie nannte, seinen Arm und führte ihn bestimmt und behutsam zurück in das Wiegen der Musik. „Sie mag ihn“, wusste Ute. „Schade, dass er nur Augen für die Junge hat.“

Bald darauf überraschte Ute ihren Patienten, wie er am Telefon über die Möglichkeiten einer bedeutenden Schenkung sprach. „Soweit ist es schon! Die hat ihn an der Angel. Hoffentlich geht das gut.“

Und dann kam die Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres. Wie geschaffen für eine Milonga voller Leidenschaft. Das Corazon hatte zu einem Tanz im Freien eingeladen. Der Pavillon im dunklen Park war von unzähligen Kerzen beleuchtet. Wolken jagten in silbernen Fetzen über den Himmel. Der Mond kam und ging, der Wind sang ein eigenes Lied, mal in drohendem Crescendo, mal als säuselnde Klage. Die Schatten der Tänzer schmiegten sich an die Säulen des Pavillons. „Eine magische Nacht“, flüsterte Thaddäus und hielt seine Partnerin fest in den Armen. Doch sie entzog sich ihm, schelmisch lachend. „Komm, fang mich“, und sie glitt auf dem feuchten Boden hinüber zu den Marmortreppen, die die kleine Halle begrenzten. Glatt waren sie, ein falscher Tritt, ein Sturz, für junge Beine nicht weiter gefährlich. Für alte Knochen aber….  „Warte, warte doch“, rief Thaddäus atemlos gegen den Wind. Er streckte die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie und zog ihn mit ungeahnter Kraft. Thaddäus taumelte.

Doch plötzlich ließ sie ihn los. Sie stolperte über etwas, ein schwarzer Schuh? Und fiel nun ihrerseits die Stufen hinunter. Ein Schrei. Die Musik verstummte. Die Tanzlehrer umringten sie. Gottlob, nur ein verstauchter Knöchel.

„Ja, die Jugend ist resilient. Wir Alten nicht mehr so sehr“, sagte eine sanfte Stimme neben Thaddäus. „Wir brauchen hin und wieder einen Schutzengel, um nicht böse zu straucheln.

„Sie weigert sich, jemals wieder mit mir zu tanzen!“ Thaddäus war untröstlich, und Ute gelang es nicht, ihn davon zu überzeugen, dass die junge Schönheit vielleicht Arges im Schilde geführt hatte. Doch mit der Zeit wurden Thaddäus und Mimosa, die elegante, gewandte Dame mit den silbernen Haaren und muskulösen Beinen, das Schaupaar der Tanzschule Corazon. Wenn sie durch den Saal glitten, machten alle anderen Paare ihnen Platz. Mimosa führte. Aber das durfte Thaddäus von seinem Schutzengel ja wohl auch erwarten.

Adventskalender MiniKrimi am 17. Dezember


Die pure Lust

„Tschüss, Schatz. Ich bin spätestens um 19 Uhr wieder da.“

„Was, 19 Uhr? Jetzt ist es gerade mal drei. Was hast du den ganzen Nachmittag über vor?“

„Schatz,“ – leichte Ungeduld in ihrer Stimme – „ich bin bei Franck. Er ist nicht einfach ein Friseur, er ist ein Coiffeur, ein echter Haar-Künstler. Deshalb nimmt er sich für jede Kundin genau die Zeit, die er braucht, um ihre innere Schönheit nach außen leuchten zu lassen. So steht’s auf seiner Webseite, und genau so ist das auch. Jetzt schau mich nicht so an, ich kannte Franck schon, da hatte ich keine Ahnung, dass es dich irgendwo gibt. Deine Eifersucht ist hier wirklich fehl am Platz. Weißt du was, ruf deinen Freund Harald an und triff dich mit ihm im Fitnessclub. Der ist praktisch bei Franck um die Ecke. Dann kannst du mich abholen und mit deiner schicken Frau ins Schumanns gehen, auf einen Cocktail, und dich in den neidischen Blicken der Leute baden.“

Bevor sie Tom kennengelernt hatte, hatte sie ihr Single-Dasein in vollen Zügen genossen und nichts anbrennen lassen, wie man so schön sagt. Und Franck war immer hautnah dabei gewesen. Die Schmetterlinge im Bauch, die heißen Tränen und die kalte Wut – sie hatte alles mit ihm geteilt, denn sie hatte ihm alles mitgeteilt. Sie waren weit mehr als Friseur, pardon Coiffeur und Kundin. Über die Jahre hatte sich zwischen Waschtisch, Trockenhaube und Scheren eine Art Freundschaft entwickelt. Aseptisch und asexuell, trotz der weit über tausend Berührungen.

Sie genoss ihre Termine bei Franck, und egal, wie eifersüchtig Tom auch sein mochte, auf den Luxus, ihre Haare dem besten Friseur der Stadt anzuvertrauen, wollte und würde sie nicht verzichten. Sie hatte sich der zugegeben einzigen Macke ihres ansonsten praktisch perfekten Ehemanns schon oft genug gefügt. Der wunderbare Putzmann war einer unzuverlässigen Haushaltshife mit Staubblindheit und der Vorliebe für die Hausbar ihrer Arbeitgeber gewichen. Wenn sie den Wagen zur Inspektion brachte, achtete sie darauf, zu dem einzigen mit einer Frau besetzen Schalter zu gehen. Das gleiche galt für die Supermarktkasse. Wobei der stets zart gebräunte, glutäugige Filialleiter nicht nur schöner, sondern auch schneller war als die weiblichen Angestellten.

Aber bei Franck war Schluss. Sollte Tom doch endlich lernen, mit seiner völlig unbegründeten Eifersucht umzugehen!

In Francks Salon war kurz vor Weihnachten ungewöhnlich viel Betrieb. Normalerweise organisierte er seine Termine mit geradezu pedantischer Präzision. Aber Franck war eitel. Wenn Frau von Bodmer ihm am Telefon entgegenflötete: „Ach bitte, Franck, Sie müssen einfach ein Minütchen für mich finden. Die Horner-Backridges kommen am ersten Feiertag. Wenn Sie meine Haare nicht stylen, verkrieche ich mich in der Besenkammer!“ Also hatte er die von Bodmer noch reingezwängt, terminlich und räumlich, denn der Salon war mit nur drei Plätzen pures Understatement. Und dann war auch noch Susi Schwan von Sunny TV reingeschneit. Die vergaß nie, vor der Kamera zu erwähnen, dass „der liebe Franck“ ihr wieder so eine tolle Frisur gezaubert hatte.

Kurz, um fünf saß sie immer noch in dem einzigen eleganten und dem entsprechend unbequemen Besuchersessel. Um sechs endlich ging die Bodmer, unmittelbar gefolgt von einer glücklich glucksenden Susi.

„Uff! Sorry, Schätzchen, tut mir unendlich leid! Du weißt ja selbst, sowas ist mir bei dir noch nie passiert. Und auch bei keiner anderen. Aber jetzt habe ich nur noch Augen und Hände für dich. Komm, wir trinken erst mal ein Glas Champagner, zur Entspannung.“

Entspannung war genau das, was sie brauchte. Ihr Nacken fühlte sich an, als hätte ihn eine Horde Elefanten als Trampelpfad benutzt, Während sie sich mit dem kalt prickelnden Schampus zuprosteten, schaute sie auf die Uhr über der Tür und dachte flüchtig an Tom, der jetzt wahrscheinlich mit Harald beim Training war. Soll ich ihn anrufen und sagen, dass er mich nicht vor acht abzuholen braucht? Ach was, dann störe ich ihn nur beim Rudern oder was er sonst gerade macht. Wenn er da ist, ist er da. Muss er sich halt beim Warten langweilen. Dann sieht er wenigstens, dass seine Eifersucht total unbegründet ist.

Franck färbt ihr mit gekonnten Griffen die Haare. Nach einer dank der zweiten Flasche Champagner kurzweiligen Einwirkzeit geht’s an Auswaschen.

Mit geschlossenen Augen und zrurückgelehntem Kopf lässt sie sich von Franck massieren. Schläfen, Nacken, die empfindlichen Stellen hinter den Ohren. „Ooohhhh ja, Franck, das tut so gut. Ooohhh jaaa. Bitte, mach weiter, bitte, ja, jaaaaaa“, stöhnt sie genussvoll mit vom Alkohol angerauter Stimme und einen Tick lauter als nötig.

Beide sind so in den Augenblick vertieft – sie in den entspannenden Genuss und der Coiffeur in seine Arbeit, dass sie das Klingeln der Salontür überhört haben müssen. Plötzlich steht Tom vor ihnen, Schweißperlen auf der hochroten Stirn. „Ich hab’s ja gewusst“, schreit er. „Ich hab dich schon an der Tür stöhnen hören. Jetzt tut nicht so unschuldig. Ihr seid ja wie die Tiere. Treibt es auf dem Friseurstuhl.“

Und schon stürzt er, die Schere in der Hand, auf Franck zu. Instinktiv hebt sie ihren Fuß, um Tom einen Tritt zwischen die Beine zu versetzen. Tom taumelt, rutscht auf dem nassen Boden aus – Franck hat vor Schreck die Brause über den Rand des Waschbeckens fallen lassen, und rund um den Stuhl hat sich eine Lache gebildet – und stürzt so ungeschickt, dass er sich die Schere in den Bauch rammt.

Nachdem der Krankenwagen mit Tom und Blaulicht in die nächste Klinik gefahren und die unter Schock stehende Kundin und der Coiffeur vom Notarzt mit einem Beruhigungsmittel versorgt worden waren, kehrte Ruhe ein, im Salon.

Eine zeitlose Weile saßen die beiden auf der Couch in Frankcs privatem Bereich und nipptem an frischem, eisgekühltem Champagner. Die Luft war schwer von edlen Räucherkerzen, und der vergoldete Buddha auf der Marmorsäule senkte dezent den Blick, als die zwei ausgehungert und nach betäubender Nähe lechzend endlich übereinander herfielen, ganz so, als hätten sie sich bereits tausendmal berührt.

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Heute, beim Friseur, brach meine Autorinnenwelt zusamm’en. Und das binnen 3 Sekunden. „Schreib einen kurzen Krimi mit den Inhalten ‚Freunde‚ und ‚anonym’ im Stil von mariebastide.blog„, forderte ich KI auf. Und ehe ich bis drei zählen konnte, war das Ergebnis da. Erschütternd, dachte ich. Zumal eine Kollegin gerade erst auf Facebook den – für mich inzwischen zumeist – unsäglichen Nida-Rümelin zitiert hatte, der wiederum offenbar Chomskys Verdikt über KI teilte: Keine künstliche Intelligenz, sondern banale Plagiatssoftware.

Ich weiß von Bekannten aus der Wissenschaft, dass sie KI nutzen, um die erste Rechercherunde zu einem Thema zu verkürzen. Sie lassen sich von KI eine gut sortierte Menge an Informationen zu ganz gezielten Fragestellungen zusammenstellen und bauen darauf dann ihre eigene tiefer gehende Recherche auf. Ihr Fazit: KI spart Zeit und hat einen unbestreitbaren Weitblick. Wenn die Fragen richtig gestellt werden.

Insofern ist sie natürlich mehr als Plagiatssoftware, denn sie kombiniert Gesammeltes neu.

Da viele meiner Kolleg*innen immer wieder aufschreien, KI wäre das Ende von uns Autor*innen, machte ich heute die Probe aufs Exempel.

Als die KI knapp 3 Sekunden nach meiner Aufforderung mit einem kompletten Kurzkrimi „im Stil von Marie Bastide“ aufwartete, brach also auch meine Welt zusammen.

Allerdings fügte sie sich bereits nach dem Lesen der ersten Sätze wieder zu einem runden, schönen Ganzen. Nicht nur macht KI Fehler, sowohl in der Satzbildung alsauch bezüglich Inhalt und Logik, nein, der Stil ist so schauderhaft, dass nur die vermehrte Nutzung von Adjektiven an meine Art zu schreiben erinnert. Und die Handlung ist deutlich abstruser aos die in meinen MiniKrimis. Viel Schein, wenig Sein, so lautet mein Fazit. Oder? Sagt selbst – was denkt Ihr über diesen KI-generierten MiniKrimi à la Marie Bastide?

Ach ja: noch eine fehlende Ähnlichkeit: er enthält keinerlei orthographische Fehler, die doch das Markenzeichen meiner jeden Abend frisch direkt in den Blog getippten Storys sind..

Ich bin so gespannt auf Eure Meinung!

KI MiniKrimi à la Marie Bastide

In den schummrigen Straßen von Noirville, einer Stadt, die ihre Geheimnisse mit Zigarrenrauch umhüllte, begann die Geschichte von Detective Adrian Bennett und seinem besten Freund, dem zwielichtigen Informanten, Vincent „Schatten“ Malone.

Eine Reihe anonymer Briefe, hinterlegt in verlassenen Bars und schäbigen Hinterzimmern, kündigten einen Mord von beispielloser Skrupellosigkeit an. Bennett, ein Mann mit einem düsteren Charme und einem scharfen Verstand, wurde in das Netz der Intrigen gezogen. Sein instinktives Gespür für Unheil führte ihn zu den Schatten, wo Vincent, mit einem Lächeln, das mehr verbarg als zeigte, auf ihn wartete.

Die Dunkelheit der Stadt spiegelte die verborgenen Abgründe der Freundschaft zwischen Bennett und Malone wider. Zwischen zwielichtigen Gestalten und gefährlichen Hinterzimmern begann ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Linie zwischen Recht und Unrecht verschwamm. Bennett verfolgte die Spuren des anonymen Killers, während er sich fragte, ob sein treuester Freund vielleicht mehr Geheimnisse barg, als er bereit war zuzugeben.

Die Atmosphäre der Noirville wurde von der rätselhaften Bloggerin Stella Obscura durchleuchtet. Auf ihrem Blog, durchzogen von Schattenbildern und kryptischen Einträgen, entfaltete sich die düstere Choreografie eines Verbrechens, das tiefer in die düsteren Seiten der Stadtgeschichte reichte als je zuvor gedacht.

In einer letzten Konfrontation zwischen Freund und Mörder enthüllte sich die Wahrheit, als Noirville selbst zu einem schweigenden Zeugen wurde. Zwischen verlassenen Lagerhäusern und hallenden Schritten auf dem Pflaster erreichte die Geschichte ihren Höhepunkt, wo die Freundschaft auf dem Spiel stand und die Schatten der Vergangenheit ihre letzten Geheimnisse preisgaben.

MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Meine MiniKrimis auf der Lesebühne Abgebrüht


Am 1. September von 20 bis 22 Uhr lese ich, gemeinsam mit meinen Mörderischen Schwestern Thea Lehmann und Daniela Hartinger im Kulturhaus Milbertshofen.

Musikalisch umrahmt wird der „kriminelle“ Abend virtuos von Multitalent Franz Esser.

Aus aktuellem Anlass werden ich einen brandneuen MiniKrimi präsentieren. ich verrate nur soviel: es geht um etwas richtig Widerliches, das jahrzehntelang in einer Aktentasche schlummerte und dann wieder zum bösen Leben erweckt wurde. Aber von wem?

ich freue mich darauf, euch zu sehen: am 1.9.2023 um 20 Uhr im Kulturhaus Milbertshofen am Curt-Metzger-Platz 1. Das ist quasi im Herzen von München und mit öffentlichen Verkehrsmitteln super zu erreichen (z:B. U 2).

EInlass ab 19.30 Uhr, Eintritt 8 Euro.

Moderiert wird der Abend von der wunderbaren, humorvollen Martina Pahr!

Hier der Link zur Hompage für alle weiteren Infos.