#wirbleibendrin. Notizen einer zwangsläufigen Wohngemeinschaft


„Kann ich mal die Butter haben?“ „Aber es ist nicht mehr viel da, lass uns was übrig. Morgen müssen wir einkaufen gehen“. „Ich hab Knieschmerzen, hoffentlich bin ich bis morgen wieder fit.“ „Ich find meine EC-Karte grade nicht. Ich beteilige ich mich dann am nächsten Einkauf.“ „Gibt’s noch Bratkartoffeln?“ „Ja, in der Küche……Du kannst schon mal was raustragen, wenn Du sie holst.“ „Ach, ich weiß nicht, mein Knie…“ „Wollen wir noch ne Runde Wizzard spielen?“

Zwei Männer über 60, eine Frau knapp darüber und eine über 70. Ein Alter, in dem man anfängt, sich „rein theoretisch“ überBetreutes Wohnen zu informieren, Mehrgenerationenhäuser. Wer kann ich schon darauf verlassen, dass das „Kind“ die Eltern einmal ernähren wird? Und beherbergen….

Und jetzt Corona. Was liegt näher, als dass sich vier Angehörige der Risikogruppe „Ältere“ zu einer solidarischen WG zusammentun? Gemeinsam einsam ist besser als alleine einer ungewissen Zukunft entgegenzuhocken, in vier Wänden, die mit jedem Tag näher auf einen zurücken. Also sind T und O zu M und R gezogen, in eine Doppelhaushälfte am Rand von München. M ist schon klar, dass sie damit im Falle einer Ausgangssperre prvilegiert sind – sie können zumindest die Sonnenstrahlen draußen genießen und können sich drinnen in einzelne Zimmer zurückziehen, bevor sie sich im Wohntzummer vor dem Fernseher wegen des Programms die Köpfe einschlagen. Die Hunde können durch den Park gegenüber in einen verwunschenen Wald. Das ist Luxus pur.

Aber wie alles hat auch dieser Luxus seinen Preis. In diesem Fall das Zusammenleben von vier voll ausgebildeten Persönlichkeiten, Individuen, jede und jeder mit sehr ausgeprägten Eigenschaften. Das kann ja heiter werden.

Leben und Sterben in Zeiten von Corona


Pestdoktor

Heben sich so die Menschen am Anfang der Pest-Epidemie gefühlt? Voller Angst, voller Unglauben, und gleichzeitig unwillig, konsequent das zu tun, was die Ausbreitung eindämmen könnte? Unzählige Bilder – jahrhundertealt und tagesaktuell. Tanzende Menschen, auf Plätzen, vor züngelnden Feuern, in hohen Hallen, Schatten auf Häusern, in Straßen. Geigen und Trommeln. Bässe und Beats. Und dann – Leere. Stille. 

Damals zogen sie von einer Stadt zur anderen, büßend die einen, plündernd die anderen. Heute schwärmen sie durch Supermärkte und Shoppingmalls, auf der Jagd nach Verzweiflungsschnäppchen. In Venedig tanzten sie im ausgehenden Mittelalter, bis sie zu Boden fielen und die Pestmasken auf den Wellen der Kanäle schaukelten. Letztes Wochenende feierte die venezianische Jugend, und als die Lokale geschlossen wurden, nahmen sie die Flaschen eben mit an den Strand.

Veranstaltungen über 1000 Personen absagen. Na gut – auch, wenn das verpasste Konzert, das Bundesligaspiel schmerzen. Aber jetzt auch noch auf den Kinobesuch verzichten? Den Zumbakurs? Das geht doch entschieden zu weit! Am Ende schließen sie auch noch die Schulen! Die Geschäfte! Diskotheken! 

Meine Familie in Italien berichtet von Ausgangssperren. Keine Gottesdienste mehr landauf. landab. Der Papst feiert alleine vor Fernsehkameras. Bei einer Mortalität von 10% ist dort auch den überzeugtesten Präventionskritikern das Lachen erfroren. Zu lange haben wir zu viel Nähe zugelassen, Küsschen links und rechts, gemeinsam gepflegtes Leiden in Bars und Restaurants. Nun ist das ganze Land eine Schutzzone. Und in München? Undenkbar!, sagen immer noch viele. Zu viele.

Die Wirtschaft stöhnt, und, ja!, für Freischaffende ist die Situation unter Umständen existenzbedrohend. Aber nicht lebensbedrohend – wie der Besuch eines Konzerts, eines Theaters, eines Festivals. Und zwar nicht einmal unbedingt für den Besucher selbst. Aber für seine Angehörigen, die vielleicht einer Risikogruppe angehören, weil sie alt sind, krank sind, weil, sie, wie ich, eine Immuntherapie machen, die die Reaktion ihres Körpers auf ein für viele harmloses Virus zum russischen Roulette werden lässt…. 

Seit gestern haben sich die Infektionen in München verdoppelt. Hey, Leute, das ist keine Laune der Natur. Und auch keine Grippe. Wir stehen damals wie heute am Rande der „Pest“. Und nur, weil wir unseren Konsumismus, unsere Gewohnheiten, unsere technische Überlegenheit nicht der Diktatur einer Krankheit unterwerfen wollen, riskieren wir die Eskalation?

Ich verstehe eigentlich nicht, warum es so schwer ist, sich einzugestehen, dass die Natur immer noch die Oberhand behalten kann. Auch in unserer Hightech-Gesellschaft. Und geradezu fassungslos stehe ich vor Auswüchsen des weltweiten Netzes, die CoVid-19 als Bioangriff eines verrückten amerikanischen Politikers entlarven, Geheimtipps zum Überleben preisgeben, wie das literweise Trinken heißen Tees, um das Virus im Hals abzutöten, oder 100% sichere Selbstdiagnosemaßnahmen anpreisen: einfach morgens für zehn Sekunden die Luft anhalten. Wenn Du das kannst, bist Du gesund. In einigen Whatsapp-Nachrichten wurden aus den Sekunden Minuten…… Auch eine hundert Prozent-Methode… 

Die allerbeste Nachricht aber ist diese: Hunde und Katzen haben in der Regel bereits eine Immunität gegen das Virus entwickelt. Diese können sie an ihre Besitzer weitergeben (ich glaube ja, das ist von einem ausgelaugten Tierheimbetreiber in die Welt gesetzt worden).

Wenn das öffentliche Leben sich nach innen kehrt, ist das kein Verzicht, sondern eine Umkehr, die ein Umdenken erfordert. Aber deshalb wird unser Leben nicht ärmer. Nur anders. Und auch, wenn Grenzen sich schließen – die Kommunikation über diese hinweg war noch nie so groß. Und so wichtig. Die Welt bricht nicht zusammen, wenn Kinder 6 Wochen keine Schule haben, die Wirtschaft Einbußen erlebt, statt jährlich neue Rekorde einzufahren, und wir unseren 6 Monate im Voraus geplanten All-Inclusive-Urlaub in einem Drittweltland nicht antreten können. 

Für die wenigen, die es noch nicht erfasst haben: Wenn Schulen, Läden, öffentliche Räume, Theater, Kinos geschlossen, Veranstaltungen verschoben oder abgesagt werden, geht es nicht in erster Linie darum, Gesunde zu schützen. Bei Kindern und Personen unter 50 ohne Vorerkrankungen geht Corona vorüber wie eine Erkältung. Und danach sind sie gegen diesen Typ immun. Es sind die Kranken und Alten, die gefährdet sind – und nein, ich befürworte eine solche demographische Bereinigung unserer Gesellschaft nicht! 

Wenn die Krankenhäuser mit Coronafällen überflutet werden, sinkt die Überlebenschance bei einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt, einem unter normalen Umständen nicht lebensbedrohlichen Unfall auf ein Minimum. Das gilt es zu verhindern. Und es gilt, unser medizinisches Personal zu schützen.

Aber, Leute, und das ist die gute Nachricht: Corona ist eine außergewöhnliche Chance! Warum? Darum:

  • Weil weniger Aktivitäten der Menschen dem Klima nachweislich bereits gut getan haben! Die Stickstoffemissionen haben sich in China seit Corona deutlich verringert….
  • Weil weniger Konsum Grundvoraussetzung ist für das Nullwachstum, das für einen Klimawandel unabdingbar ist. Und die eine und der andere vielleicht in dieser Zeit des erzwungenen Verzichts lernen, die einfachen Dingen wertzuschätzen (frommer Wunsch – aber ich bin halt Christin).
  • Weil ein Verzicht auf Globales uns dem Regionalen wieder näher bringt. 
  • Weil einsame Waldspaziergänge gesünder sind als Shoppingtripps. 
  • Weil ein Babyboom gut ist für unsere Demographie.
  • Weil wir vielleicht keine Hände mehr schütteln können (in meinen Augen ohnehin eine hygienisch nicht zu rechtfertigende Unart), dafür aber mehr auf anderen Kanälen kommunizieren. Briefe schreiben. Emails. Telefonieren. 
  • Weil wir lesen können. Schreiben. Backen, Nähen. Meditieren. Ruhen. Entschleunigen. Beten.
  • Weil wir Mitmenschlichkeit leben und erleben können. Indem wir auf einander schauen und achten. Auf die Nachbarn, zum Beispiel.

Sicher habt Ihr noch viele weitere Gründe, warum Corona eine so nie dagewesene Chance ist. Schreibt sie mir!

Und ansonsten: bleibt gesund! Das schönste, was ich von „meiner“ Pfarrerin im Zusammenhang mit Hygienemaßnahmen erfahren habe: 30 Sekunden soll man sich die Hände waschen. 30 Sekunden – das ist so lange, wie das Beten eines Vaterunsers dauert!