Meine Fans


Ich bin – rein geburtstechnisch betrachtet – nicht mehr ganz taufrisch. Mental, psychisch und im Hinblick auf mein Selbstbild mag das anders sein. Da bin ich je nach Gemütszustand, körperlicher Verfassung, besonderen Glücksmomenten mal 5, mal 15 oder auch mal 100.

Nun habe ich den Verdacht, dass es einigen meiner „Fans“ genauso geht. Gestern hatte ich eine fantastische Lesung in Moosch. Im „Seniorenclub Lebensfreude“. Im Vorfeld hatte ich mich bei der Leiterin nach der mentalen Verfassung meiner Zuhörer*innen erkundigt, um die Lesung entsprechend zu gestalten. Die Antwort wies mich – freundlich – in die Schranken. Die Mehrzahl der Damen sei ungefähr so alt wie wir (!), lebe alleine und selbstversorgt und sei mit allem ausgestattet, was ein moderner Alltag mit sich bringe: Handy, Computer, Internet und Hörgeräte.

Letztere trage ich auch, seitdem die Hersteller versprechen, damit auch einem Tinnitus beizukommen. Klappt bei mir leider nur so lala, weshalb ich permanent ein Konzert in den Ohren habe und infolgedessen zuweilen einfach nicht verstehe, was mir Menschen über diesen kopfinternen Lärm hinweg zu sagen versuchen. Aber sei’s drum: ich bin meinen Zuhörer*innen tatsächlich auf vielen Ebenen verbunden.

Gestern stand ich nun in dem gut gefüllten Saal – und begegnete erwartungsvollen Augen. „Wird’s spannend?“, „Wird’s auch deutlich genug`“ „Laut genug?“ Der Saal hat eine grauenhafte Akustik, die durch ein Mikro nicht wirklich verbessert wird. Ich stellte mich also vor, fragte ab, ob meine Zuhörerinnen (kein Gendern nötig) thrillertauglich seien („Je brutaler, desto besser“, war die Antwort 🙂 ) und machte gleich einen Verständnistest. Ich war, so hatte mir die Leiterin berichtet, das Highlight im herbstlichen Veranstaltungskalender. Die Latte hing also hoch.

Und ich begann.

Meine Lesungen sind „szenisch“, bzw. „performe“ ich eher, als dass ich nur lese. Oft erzähle ich auch zwischendrin und weiche vom Text ab. Dabei schaue ich immer in die Gesichter und reagiere spontan auf das, was ich sehe. Mache einen Scherz mehr, singe ein Liedchen weniger. Ihr wisst, was ich meine. Nun, gestern stand ich vor einem sehr vielfältigen Ausdrucksmix. Die einen lachten, die anderen lächelten, einige schauten konzentriert – und eine döste mit geschlossenen Augen. Zuviel Kaffee, Kuchen, zu warme Luft?

Ich ezählte gerade, wie die Gräfin S. den Seitensprung ihres zweiten Mannes mit der Büste ihres ersten Mannes aus rotem Alicante Marmor erschlug, da erklärte vorne links eine Dame, in Alicante gäbe es keinen Marmor. Und breitete ihr Wissen über dieses edle Gestein aus, das das meine bei weitem übertraf. Ich hatte lediglich bei Goggle nachgefragt.

Da öffnete die „Dösende“ die Augen und schoss mir einen scharfen, freundlich-komplizenhaften Blick zu. Sie hatte alles genau verfolgt und die Augen nur der besseren Konzentration halber geschlossen. Soweit zu voreiligen Schlüssen.

Nach einer Stunde und drei Geschichten war ich heiser – und froh, dass ein paar der Damen meinten, es sei für heute genug. Den anderen musste ich versprechen, bald wiederzukommen. Und eine gab mir noch den Stoff für einen neuen Thriller mit auf den Weg., WOW. WOW. Ihr werdet ihn lesen. Im MiniKrimi Adventskalender.

Was mir noch nachzutragen bleibt: Es war ein toller Nachmittag. Die älteren Zuhörerinnen waren viel kritischer und aufmerksamer als so manche jungen. Ach ja, mit dem Alicante Marmor hatte ich recht. Uff.

Und auf dem Foto seht ihr mich mit den „Fans“, die bereit waren, allem Datenschutz zum Trotz mit mir abgelichtet zu werden.,

Danke, liebe Frau Röck, für die Einladung. Ich komme gerne wieder.

Die Zeit vergeht schneller. als ich ihr folgen kann….



Die Frankfurter Buchmesse war TOLL. Es war wunderschön, so viele liebe Kolleginnen und Mörderische Schwestern zu treffen.

Das Gastland Italien hat mich mit seinem Auftritt begeistert. Nein, nicht (oder nicht nur), weil das meine emotionale Heimat ist, also mein „Vaterland“ im Wortsinn. Es war ein eindrucksvoller, Herz und Sinne ansprechender Mix dessen, was Italien und seine Kultur ausmacht. Schade nur, dass Meloni linken Autor*innen den Aufritt dort verweigert hat. Nie wieder Faschismus, das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Italien! Ich werde mich, wenn ich dort wohne, ganz sicher für den antifaschistischen „Kampf“ engagieren. Friedlich, selbstverständlich.

Ja – und dann war da die Notte Criminale im Café Wacker. Sehr schön, sehr spannend, mit kriminell guter Musik – von Mimi bis zu Macki Messer und dem Kriminal Tango. Danke Michael Klimo (Trompete) und Pit Gerten (Keyboard).

Ich habe dort meine neueste Episode der Agentur zweites Glück vorgestellt; Bella und ihr Gespür für Leichen. Was soll ich sagen? Kam gut an 🙂

Toll waren auch die Lesungen meiner Mörderischen Schwestern Franziska Franke, Monja Luz, Andrea Maluga und Cornelia Mohrmann. Sie entführten das Publikum ins England Sherlock Holmes‘, in Casanovas Venedig – komplett mit Kleid und Perücke!, auf die düstere Seite von Mainz und in die mafiöse Umgebung eines Italienischkurses bei der Berliner VHS.

Es war MEGA.

Und dann hatte und habe ich noch andere Highlights. Der zweite Arche Noah Gottesdienst in der Magdalenenkirche war so schön. Mit Hunden und Menschen und swingender Musik von Raphaela Ulrich und Vera v. Schumann.

Manchmal bedauere ich schon, dass ich nächstes Jahr nicht mehr „einfach so“ Events in München und Deutschland planen kann. Aber ich komme immer mal wieder. Für einen Auftritt allema!.

Heute habe ich noch etwas ganz besonderes vor: ich lese im Seniorenclub der Diakonie Moosach vor krimibegeisterten Menschen, die beinahe mein Alter haben. Tja, let’s face it 🙂

Ich freue mich riesig darauf, habe Emma Peel und John Steed im Gepäck – und werde euch berichten.

Und dann… ja dann ist auch schon bald wieder Advent. Und damit wird sich hoffentlich jeden Tag ein MiniKrimi-Türchen öffnen. Nur hier und nur auf mariebastide.blog.

Ach ja: noch etwas gibt es zu berichten. Ich schreibe ja auch Haikus. Und einer davon, der „Tauferer Advent“ wird auf eine Glasstelle geätzt und wird den ganzen Advent über erleuchtet den Marktplatz von Mais im Vinschgau verschönern, zusammen mit 23 anderen Adventstexten übers Licht. Fotos folgen!

Stay tuned.

Täglich was aufs Auge gibt’s bei semisappho auf Instagram. Come in and join!

Freie Liebe


Auf der Ladies Crime Night in Leipzig fragte mich eine Zuhörerin, der meine „Agentur zweites Glück“ offenbar sehr gefallen hatte: „Und wie geht es weiter? Wo steht die Fortsetzung? Ehm – das war ein Einzelkrimi. Aber die Idee war geboren. Elvira und ihre Agentur sind mir viele weitere MiniKrimis wert. Und dann werde ich das Buch natürlich auch drucken. Wenn Ihr Vorschläge habt, wen, wann, wo und wie Elvira ihre Paare zursammenbringen soll – her damit! Ich erwähne euch als Ideengeber*in – Ehrensache!

Ein augenzwinkernder MiniKrimi über Lieben und Sterben im Europa ohne Grenzen

„Guten Morrrgen, Zeit zum Aufstöhn!“ Thea reißt erschrocken die Augen auf und schaut sich sekundenlang orientierungslos um. Weiß gekalkte Wände statt weicher Klippen, Betonboden statt Sand und ein Flickenteppich dort, wo gerade noch ihr leuchtend rotes Handtuch lag. Das Meer rauscht ungehört jenseits des Fensters. Eben hat sie sich noch wohlig in der schaumigen Brandung geräkelt. So ein schöner Traum. Aber eben nur ein Traum. Die Wirklichkeit ist eng und riecht nach ungewaschenem Körper, Urin und altem Fett. Und sie ist laut. „Guten Morrrgän“, schreit es wieder, diesmal energischer.

„Thea, heast du ned, Odysseus ruft. Wenn du runter gehst, bring mir glei an Kaffee rauf“.


Das „Bitte“ ist auf dem Weg vom ersten Kennenlernen bis zu Theas Einzug in das Exchikò, das strahlende Ferienhaus mit den blauen Fensterläden hoch über der schönsten Bucht von Kefalonia, verlorengegangen. Geblieben sind Harrys starke Hände. Nur, dass sie jetzt nicht mehr streicheln, sondern Theas Handgelenk umkrallen. „Thea!“ Harrys Stimme ist heiser von zu viel Ouzo und Zigaretten. Aber immer noch kräftig. Genau wie sein Griff.

„Ich geh ja schon. Hatte nur gerade so einen wunderschönen Traum. Ich – wir, korrigiert sie hastig – haben gebadet, unten am Xi. Das Wasser war ganz weich und warm. Du, wollen wir da heute mal hin?“

„Ich glaub, du spinnst. Wie soll ich denn da hinkommen? Willst mi die Klippen runterkippen, im Rollstuhl, oder was? Seit i di kenn, bin i doch a kompletter Krüppel worn!“

Thea beißt sich auf die Lippen, während sie ihr graugesträhntes Haar von den Schultern schiebt, ein T-Shirt über ihr Nachthemd streift und in die Mules schlüpft. Dabei lehnt sie sich kurz an den Bettrand. Und schon greift Harrys Hand in ihren Schritt. „So verkrüppelt dann doch nicht, was?“ Unwillkürlich muss Thea lachen. „Lass los, Odysseus wird ungeduldig.“ Von unten ist jetzt ein Rasseln zu hören, ein Geratter wie von einem startenden Motorrad. „Ruhe, Odysseus. Ich bin schon da.“

Mit geübtem Schwung zieht sie das Laken von der großen Voliere und öffnet die Tür. Odysseus, der 40 Jahre alte Graupapagei, starrt sie an. „Guten Morrgen“, krächzt er in perfekter Harry-Parodie. Zwei Gestrandete auf einer Insel. Schade, dass Harry das Federvieh nicht Freitag genannt hatte. Vielleicht wäre er dann freundlicher geworden. Oder wenigstens handzahm.

Während Thea den Kaffee kocht und einen Apfel in mundgerechte Bissen schneidet, trippelt der Papagei auf dem Holztisch hin und her. „Hungerrrr“, krächzt er. „Thea, Kaffee!“ Das ist Harry. „Ja doch!“ Sie füllt das heiße Gebräu in eine Tasse, dazu ein paar Tropfen aus einer Phiole und vier Löffel Zucker. Gestern hat Harry nur am Kaffee genippt. „Der schmeckt so bitter, was hast da reingetan?“ Heute wird er ihn hoffentlich trinken. „Thea, Kaffä“, schnarrt Odysseus. Sie schleudert dem Vogel ein Apfelstück hin, knapp an der Tischkante vorbei. Doch statt sich den Kopf anzuschlagen, fängt der Papagei es geschickt auf. „Dankä“, schnarrt er. Das Tier wird ihr zunehmend unheimlich. 

Thea schaut in den sonnigen Morgen und seufzt. Das dauert alles viel zu lange. „Kein Angst, diesmal klappt alles wie am Schnürchen“, hatte Elvira, ehemalige Krankenschwester und jetzt Inhaberin der Agentur „Zweites Glück“ ihr versichert. Und tatsächlich hatte es auch so ausgesehen, im Mai, auf Elviras Agentursofa im regnerischen München, mit dem umfangreichen Ordner und seinen vielversprechenden Junggesellen vor sich auf dem Couchtisch. „Das hast du bei Jean Claude und Salvatore auch gesagt“, hatte Thea gemurmelt. Und dann – ein Fiasko nach dem anderen.

„Na ja, wer konnte schon ahnen, dass Jean Claudes romantisches Schloss in der Normandie tatsächlich nur ein rostiges Vorhängeschloss an einer klapprigen Fischerhütte war, seine florierende Kreuzfahrflotte ein marodes Schmugglerboot und das Foto auf seinem Profil ein Fake?“, hatte Elvira gefragt. „Jeder, der sich mit KI auskennt. Und eigentlich hättest du auch sehen können, dass das Porträt bearbeitet war. Zuviel Haare und zu wenig Bauch.“ „Ach kommt, du konntest doch nicht schnell genug aus München wegkommen. Die Normandie war dir ja gerade mal weit genug entfernt. Warum eigentlich?“

Die Antwort darauf war Thea Elvira schuldig geblieben. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Wahrheit? Ich habe versucht, meinen Mann zu vergiften, bevor er mein ganzes Geld mit seinem blonden It-Girl durchbringt. Leider hat sie den Cocktail getrunken, er ist nur um Haaresbreite dem Gefängnis entkommen, und jetzt jagt er mich durch ganz Europa?

Jean Claude war ihr wie ein rettender Engel erschienen. Allerdings hatte er sich als komplette Nullnummer erwiesen. Kein Schloss, keine Erotik, dafür jede Menge gefährliche Macken. Als er sie auf der Rückfahrt von einer Schmuggeltour bei rauer See – Windstärke 7 mindestens – mitsamt der Ladung schottischen Whiskys über Bord gehen ließ, um der Gendarmérie Maritime zu entgehen – zog Thea die Reißleine. Aber nicht, ohne Jean Claude noch eine Flasche auf den Kopf zu schlagen. Der Whiskyverkauf reichte gerade mal für die Rückfahrt nach München. Dort las sie von dem bedauerlichen Tod eines international bekannten Schmugglers im Ärmelkanal. Die genaue Todesursache war – zu Theas Glück – nicht mehr zu ermitteln gewesen. Zu starke Brandung, zu viele Verletzungen.

Mittellos und immer noch auf der Flucht hatte Thea erneut Elviras Ordner studiert. Salvatore war ein in die Jahre gekommener italienischer Selfmademan im maßgeschneiderten Nadelstreifen-Anzug. Er versprach Thea eine sorglose Zukunft, gependelt zwischen seiner Luxusjacht auf dem Pazifik und seiner Villa auf Sizilien. Leider hatte er bis zu ihrer Landung in Messina vergessen, zu erwähnen, dass ihr Aufenthalt stets räumlich begrenzt sein würde – nämlich auf Schlafzimmer und Küche. Offenbar hatte er Thea für so schüchtern, einfältig oder beides gehalten, dass ihn ihr Angriff mit seinem eigenen Stilett völlig überrascht hatte. Sie stand in der Küche über die Spüle gebeugt, wo sie für ihren neuen Gebieter eine Flasche Champagner öffnen sollte. Er drängte sich von hinten an sie, wobei ihm das Klappmesser – unglücklicher Zufall oder göttliche Fügung? – aus der Hosentasche fiel. Thea bückte sich blitzschnell und zu Salvatores ausgesprochenem Vergnügen – welches aber nur so lange währte, bis sie ihm das Messer bis ins Heft in die Brust stieß. „Das schöne Hemd“, dachte sie noch.

Die Polizei schien ihrer Version der Ereignisse – brutaler Angreifer aus dem Dunkel, Blutrache eines verfeindeten Clans – Glauben zu schenken, im Gegensatz zu Salvatores Familie. Und so war Thea, lediglich im Besitz ihrer Kleidung, einer Rolex und einem Platinarmband, wieder auf der Flucht.

Mit Harry sollte alles anders werden. „Er ist ein solider Bayer. Vor zwanzig Jahren hat er seine Liebe zu Griechenland entdeckt, seinen Job als Manager eines IT-Konzerns an den Nagel gehängt und sich auf Kefalonia niedergelassen. Mit seiner Abfindung hat er sich ein nettes Häuschen gekauft und den Rest seines Vermögens in sicheren Aktien angelegt. Er führt Wandergruppen über die Insel und wird von den Bewohnern dafür geliebt, dass er zuverlässig für einen Strom angenehmer Touristen sorgt. Nicht die Partyheinis, sondern Leute, die das Land, die Natur und die Kultur lieben. Er sieht zwar nicht umwerfend aus, ist aber für sein Alter recht gut in Form. Und seien wir ehrlich, liebe Thea, du ähnelst deinem Profilbild auch nur noch im Dunkeln und ohne Brille. Wir werden eben alle älter. Er sucht eine Frau in den besten Jahren – also dich! Auf geht’s!“

Zur Sicherheit und quasi als Entschädigung für die beiden fehlgeschlagenen Vermittlungen hatte Elvira Thea ein Fläschchen aus ihrem „Insektengiftschrank “ mitgegeben. Nur für den äußersten Notfall. Also um sich und ihr eigenes Leben zu retten. „Du scheinst ja vom Pech geradezu verfolgt zu sein“; hatte sie gesagt. „Da ist es vielleicht am besten, wenn du sowas wie eine Versicherungspolice bei dir hast. Aber Vorsicht: Missbrauch von Neonicotinoiden ist strafbar und wird mit Gefängnis bis zu 25 Jahren geahndet.“ Denn das ist in Deutschland die tatsächliche Verweildauer hinter Gittern für eine lebenslängliche Haftstrafe.

Thea schaut aus dem Fenster auf das immer gleiche Bild. Ein Wirrwarr malerischer Dächer, bergabwärts meandernde Sträßchen und Gassen, umrahmt vom wogenden Graugrün einer dank des Inselklimas wollüstig üppigen Vegetation. Und dann das Meer. Bis zum Horizont, und dahinter der Himmel. Blau in schwelgendem Blau. Tag für Tag.

Aber was nützt mir das alles?, fragt sie sich. Was habe ich davon? Ich bin eingemauert in diesem gleißenden Haus. Mit einem mürrischen Alten und einem schizophrenen Papagei.

Sie hat sich nichts vorzuwerfen. ist von Anfang an ehrlich gewesen. „Ich suche ein neues Zuhause“, hat sie Harry gesagt, als er sie von der Fähre abgeholt hat. Der erste Eindruck war gar nicht so schlecht gewesen. Weiße Leinenhose, gestreiftes Matrosenhemd, ein keck gewinkelter Panamahut über dem tief gebräunten Gesicht. „Ein neues Zuhause.“ Keinen neuen Mann. Aber Harry hat es nicht so mit Worten, und er zerklaubt auch keine Sätze nach Mehrdeutigkeiten.

Gut, die ersten Nächte waren anstrengend. So ein alternder Lebemann ist halt auch nur in seinen eigenen Augen ein Adonis. Für andere kommt er eher als Nereus daher, allerdings ohne die dazugehörige Portion Weisheit. Aber schlau ist er schon, der Harry. Er weiß sich in Szene zu setzen. Es dauerte ein paar Wochen, bis Thea das Viagra-Versteck fand. Und einen Monat, bis sie herausbekam, dass seine Beliebtheit im Dorf in direkter Beziehung zu der Menge an ausgegebenen Ouzo-Runden in der Taverne am Platz steht. Und dass Harry von vielen sogar gefürchtet wird. Denn von ihm und seiner Schilderung der Insel und ihrer Bewohner hängt es ab, ob der Strom angenehmer Touristen auch im nächsten Jahr munter fließt – oder versiegt.

Die Deutschen geben eben viel auf die Meinung so genannter Spezialisten. Und Harry ist so einer. Mit jeder Veröffentlichung in einem Abenteuerblatt, einem Blog oder auch einer populären Tageszeitung kann er Kefalonia bewerben – oder die Insel in Misskredit bringen. So jemanden behandelt man mit Vorsicht, mit Ehrfurcht – aber nicht mit Vertrauen oder gar Zuneigung.

Sei’s drum. Thea bemühte sich um die Gunst aller. Um Harrys, um die der Dorfbewohner und auch um die des Papageien, der um die gleiche Zeit wie Harry auf dem griechischen Eiland gestrandet ist. Seitdem bilden die beiden eine unzertrennliche Einheit. Während Harry und die Dorfbewohner sich bald Theas schüchternem Charme öffneten, blieb Odysseus misstrauisch. Und er ist, im Gegensatz zu den Menschen auf Kefalonia, unbestechlich. Weder gekochte Kartoffelstückchen noch Obst, Nüsse oder – heimlich hinter Harrys Rücken zugesteckt, feine Schokolade schienen die Abneigung des Papageien gegenüber der Neuen im Haushalt aufzuweichen. Im Gegenteil. Odysseus hatte die Schokolade vorsichtig mit seiner rechten Kralle ergriffen, zum Schnabel geführt, beäugt und dann, ohne Vorwarnung in Harrys unnachahmlich heiserem Bariton trompetet: „Schokolaaaaade. Schlächt für Odyssois. Sehrrr schlecht! Mörrrder.“  Was zum ersten Streit zwischen Harry und Thea führte. Oder eigentlich nur zur ersten offenen Konfrontation.

Denn wie Thea schnell bemerkte, war Harry durch ihre Anwesenheit immer wieder irritiert. „Schließ die Küchentür ned ab. Das machen wir im Dorf ned. Nein, hier klaut niemand.“ Glaub ich nicht, dachte Thea, als sie ihr silbernes Armband nicht finden konnte. „Warum trägst du auch sowas“, war Harrys einzige Reaktion. „Geh ned mit kurzen Hosen ins Dorf. In deinem Alter machen das die Frauen hier ned.“ Kein Wunder, bei der Figur, die die meisten haben, dachte Thea. In diesem griechischen Dorf scheint die Welt stehengeblieben zu sein. Die verheirateten Frauen, Mütter und Großmütter, tragen dunkle, lange Röcke, viele sogar ein Kopftuch. Wenn ich das bei uns erzähle, glauben die, ich sei in einem islamischen Land und nicht in einem unserer beliebtesten Urlaubsziele. Überhaupt merkt Thea, dass sie die kulturellen Unterschiede nicht nur unterschätzt, sondern überhaupt nicht „auf dem Schirm gehabt“ hat. Das Leben ist hier ganz anders. Das fängt beim Umgang miteinander an und hört bei der Struktur der Tage nicht auf. Thea hat das Gefühl, auf der Dorfstraße durch ein Lasergitter neugieriger Blicke zu laufen. Was kauft die Deutsche ein? Wann steht sie auf? Wann fegt sie den Hof, wann geht sie zum Strand und wie und wie lange? Schau mal, sie hat sich einen tüchtigen Sonnenbrand geholt – typisch deutsch. Wer bleibt schon über Mittag am Meer?

In den ersten Wochen hat Thea versucht, sich anzupassen. „Musst du immer so auffallen?“, hatte Harry sie gefragt, als sie am Abend an „seinem“ Tisch in der Taverne saßen, vor sich einen Teller mit würzigem Schafskäse, zart hellgrünen Paprikaschoten und glänzenden Oliven. „Wie meinst du das?“ „Die Frauen hier tragen koan knallroten Lippenstift. Und sie trinken koan Schnaps. Des schadet meinem Ruf im Dorf.“

Ihr erster Impuls war, jetzt erst recht und ganz gezielt aufzufallen. Aber das wäre nicht klug gewesen. Also hat Thea versucht, sich, wenn schon nicht anzupassen, dann wenigstens im Schatten aufzuhalten. Unauffällig. Leise. Unsichtbar, außer, wenn es darum geht, Harry zu unterstützen. Ihn zu stützen. Denn seit ein paar Wochen scheint er an Kraft zu verlieren. Die letzte Wanderführung über die Insel musste er abbrechen. Seine Beine versagen ihm immer öfter den Dienst. Starrsinnig wie er ist, weigert er sich, auch nur an Hilfsmittel zu denken. Einen Arzt will er ebenfalls nicht aufsuchen. Das einzige Zugeständnis ist der Bergtee, den ihm die bucklige Nachbarin vor die Tür gestellt hat.

Immer öfter schreit er Thea jetzt an – mit dem ganzen Dorf als Zeugen, da Thea die Fenster meist geöffnet hat. Wenn sie danach im Dorfladen Eier kauft, Honig oder Harrys Zigaretten und Schnaps, wird sie von Daphne, der Inhaberin, freundlich angelächelt. Ihr Mann hat ihr neulich den Korb mit den schweren Kartoffeln vor die Haustür getragen. Sonntagmorgen ist sie in die Kirche gegangen, ohne Lippenstift, im grauen Kleid und mit einem passenden Schultertuch. Der Pfarrer hat die Brauen hochgezogen. Aber vor der Tür der kleinen Kapelle haben ihre mehrere Frauen still die Hand auf den Arm gelegt.

Läuft doch. Sogar an die vielen Katzen und Mücken kann man sich gewöhnen. Wenn der Papagei nicht wäre, könnte Thea sich vorstellen, einen der streunenden Hunde aufzunehmen. Den schwarzen mit den treuen Augen. Kommt Zeit, kommt Rat.

Im August geht es Harry zunehmend schlechter. Er nimmt ab, wird immer aggressiver und lässt eigentlich nur noch Odysseus an sich ran. Anfang September hält Thea es nicht mehr aus. Sie packt einen Koffer und bittet Daphnes Ehemann, sie nach Argostoli zu fahren, der Inselhauptstadt. Der alten Nachbarin hat sie 50 Euro zugesteckt mit der Bitte, einmal am Tag nach Harry zu schauen. Für alle Fälle hat sie ihr ihre Mobilnummer aufgeschrieben.

Es dauert drei Tage. Dann ruft die Alte an. Sie hat Harry tot im Bett gefunden. Der Arzt aus dem Nachbardorf stellt einen natürlichen Tod fest. Wegen des Deutschen machen sie kein großes Aufheben. Zumal er keine Angehörigen hat. Außer Thea. Und die hat es in letzter Zeit schwer genug gehabt, mit ihm.

Als sie ins Dorf kommt, hat der Bürgermeister schon die Beerdigung organisiert. Die griechischen Behörden sind zufrieden mit der Versicherung von Daphne und Harrys alter Nachbarin, dass Harry Thea das Haus überlassen wollte. Er hat ja sonst niemanden. Von den Aktien weiß hier ohnehin keiner.

Thea sitzt auf der Terrasse und schaut hinunter auf den Strand von Xi. Die Luft ist schwer mit dem würzigen Duft von Lavender und Thymian. Ein leichter Wind trägt Spätsommergeräusche herüber. Lachen und Musik. Thea legt ihre Hand auf den Kopf von Hades, dem schwarzen Hund. Odysseus hackt mit dem Schnabel auf die Stäbe der Voliere ein. Thea lässt ihn täglich raus und hofft, dass er einfach fortfliegt. Aber er bleibt im Garten und krächzt „Harrrriiiie“, „Harriieee, komm zu Odyssois“. So täuschend ahmt er die Stimme seines toten Freundes nach, dass Thea jedes Mal zusammenzuckt und nervös über die Schulter schaut.

Jetzt sieht sie einen Wagen die Dorfstraße hochfahren. Die schwarze Limousine hält vor ihrem Haus. Ihrem Haus in ihrer neuen Heimat. Ein blonder Mann im Anzug steigt aus. Klopft an die Tür. Eine Klingel hat Harry nie gewollt, und Thea hat noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.

„Frau…?“ „Friedrich.“ „Sie sind, äh, Sie waren die Lebensgefährtin von Herrn Müller?“ „Ehm. Ja.“ „Bergengrün von der Deutschen Botschaft. Ich… wollte nur mal nach dem Rechten sehen.“ Thea ist ganz kurz versucht, die Tür zu schließen. Die Kette vorzulegen. Und abzuwarten. Aber das würde nichts nützen. Im Gegenteil. Also: „Kommen Sie doch rein.“

Bergengrün wartet im hellen Vorraum. Die Küchentür steht offen. Plötzlich fliegt ein grauer Schatten herein. Lässt etwas aus seinem Schnabel fallen. Direkt vor Bergengrüns Füße. Der Mann ist schneller als Thea. Nachdenklich dreht er die Phiole in seinen Händen. Sie ist leer. „Harriiie, Harriiee“, krächzt der Vogel mit der Stimme des Toten und dann, laut und deutlich: „Mörrderr!“

Adventskalender MiniKrimi am 18. Dezember


Heute wird es mystisch im MiniKrimi Adventskalender. Die heutige Story stammt aus der Feder von Patrick Woywod. Er hat ein Faible für Krimis, Msytik und hilfebedürftige Tiere. Viel Spaß beim Lesen seines MiniThrillers.

„Die Schatten des Vergehens“

Robert war schon immer fasziniert von der Polizeiarbeit. Seit seiner Kindheit träumte er davon, eines Tages bei Scotland Yard Verbrecher zur Strecke zu bringen. Sein Interesse für das Unheimliche und das Mysteriöse machte ihn zu einem wahren Krimi-Fanatiker.

Eines Tages erhielt Robert einen Anruf von seinem besten Freund Marcus. Marcus war DS (Detective Sergent) bei der Hertfordshire Constabulary. Er berichtete beunruhigt von einer Serie ungelöster Morde, die die Stadt heimsuchte. Die Opfer wurden auf grausame Weise verstümmelt, und am Tatort fand man mysteriöse Symbole. Scotland Yard kam nicht weiter, denn alles Mystische wurde von vornherein ignoriert, und jeglicher Hinweis, der in diese Richtung deutete, landete unbearbeitet in der immer dicker werdenden Akte.

Deshalb griff Markus kurzentschlossen zu einer unorthodoxen Maßnahme und bat Robert um Hilfe bei der Aufklärung dieser unheimlichen Mordserie. Robert war von Marcus‘ Bitte begeistert und stimmte sofort zu. Gemeinsam durchkämmten sie die alten Polizeiakten und stießen auf eine verblüffende Tatsache: Alle Opfer hatten eines gemeinsam – sie waren Mitglieder einer alten Geheimgesellschaft, die vor vielen Jahren in der Stadt ihr Unwesen getrieben hatte.

Die Spuren führten Robert und Marcus zu einer verlassenen Villa am Stadtrand. Eine unheimliche Aura umgab das alte Gemäuer, und die Schatten der Bäume tanzten unheilvoll im Mondlicht. Mutig betraten sie das gruselige Anwesen, bereit, dem mysteriösen Täter auf die Schliche zu kommen.

In den dunklen Fluren der Villa schienen die Wände zu lauschen, und die alten Dielen knarrten bedrohlich unter ihren Füßen. Ein eisiger Luftzug jagte Robert Schauer über den Rücken, aber er konzentrierte all seine Sinne auf das Unerklärliche um sie herum.

Jetzt hörten sie ein heiseres Flüstern in den Schatten. Unerschrocken folgten die beiden Männer der geisterhaften Stimme und gelangten in einen geheimen Raum, dessen Wände mit mysteriösen Symbolen bemalt waren. Auf dem Boden lagen in staubigen Stapeln uralte Bücher. In der Mitte des Raumes stand ein Altar, und darauf lag ein blutbeflecktes Messer.

Robert erkannte, dass sie dem Täter auf der Spur waren. Endlich! Plötzlich wurde es dunkel: die Flammen der Kerzen auf dem Altar erloschen, und die Türen schlossen sich mit einem lauten Knall.

In der Dunkelheit hörten sie bedrohliches Lachen. Eine unheimliche Gestalt tauchte aus den Schatten auf. Sie trug ein langes schwarzes Gewand, ihr Gesicht war von einer Maske verdeckt. Es war der greise Anführer der alten Geheimgesellschaft, der die Mordserie inszeniert hatte.

Mit einer für sein hohes Alter unerwarteten Geschmeidigkeit sprang er auf die beiden Eindringlinge zu. Ein gezielter Stoß mit der blutbefleckten Waffe, und Marcus sank schwerverletzt zu Boden. Jetzt wandte der Mörder sich Robert zu. Unerbittlich drang er auf ihn ein und trieb ihn in die dunkelste Ecke des Raumes. Verzweifelt stemmte Robert beide Hände gegen die Wände hinter seinem Rücken. Er wollte den rasenden Alten mit einem Fußtritt zurückdrängen. Doch da ertasteten seine Finger kaltes Metall. Ein Säbel an einer brüchigen Wandhalterung. Robert riss ihn heraus. Mit der Kraft der Verzweiflung versetzte er seinem Widersacher einen Hieb, der dessen Schulter zerschnitt.  

Marcus überlebte den Anschlag nur knapp. Statt einer Belobigung für die Festsetzung eines gesuchten Serienmörders erhielt er eine – allerdings nur milde – Verwarnung, weil er sich alleine, nur in Begleitung einer Zivilperson, auf die Jagd nach dem „Schatten des Vergehens“ gemacht hatte. So ist die englische Polizei.

Adventskalender MiniKrimi am 17. Dezember


Die pure Lust

„Tschüss, Schatz. Ich bin spätestens um 19 Uhr wieder da.“

„Was, 19 Uhr? Jetzt ist es gerade mal drei. Was hast du den ganzen Nachmittag über vor?“

„Schatz,“ – leichte Ungeduld in ihrer Stimme – „ich bin bei Franck. Er ist nicht einfach ein Friseur, er ist ein Coiffeur, ein echter Haar-Künstler. Deshalb nimmt er sich für jede Kundin genau die Zeit, die er braucht, um ihre innere Schönheit nach außen leuchten zu lassen. So steht’s auf seiner Webseite, und genau so ist das auch. Jetzt schau mich nicht so an, ich kannte Franck schon, da hatte ich keine Ahnung, dass es dich irgendwo gibt. Deine Eifersucht ist hier wirklich fehl am Platz. Weißt du was, ruf deinen Freund Harald an und triff dich mit ihm im Fitnessclub. Der ist praktisch bei Franck um die Ecke. Dann kannst du mich abholen und mit deiner schicken Frau ins Schumanns gehen, auf einen Cocktail, und dich in den neidischen Blicken der Leute baden.“

Bevor sie Tom kennengelernt hatte, hatte sie ihr Single-Dasein in vollen Zügen genossen und nichts anbrennen lassen, wie man so schön sagt. Und Franck war immer hautnah dabei gewesen. Die Schmetterlinge im Bauch, die heißen Tränen und die kalte Wut – sie hatte alles mit ihm geteilt, denn sie hatte ihm alles mitgeteilt. Sie waren weit mehr als Friseur, pardon Coiffeur und Kundin. Über die Jahre hatte sich zwischen Waschtisch, Trockenhaube und Scheren eine Art Freundschaft entwickelt. Aseptisch und asexuell, trotz der weit über tausend Berührungen.

Sie genoss ihre Termine bei Franck, und egal, wie eifersüchtig Tom auch sein mochte, auf den Luxus, ihre Haare dem besten Friseur der Stadt anzuvertrauen, wollte und würde sie nicht verzichten. Sie hatte sich der zugegeben einzigen Macke ihres ansonsten praktisch perfekten Ehemanns schon oft genug gefügt. Der wunderbare Putzmann war einer unzuverlässigen Haushaltshife mit Staubblindheit und der Vorliebe für die Hausbar ihrer Arbeitgeber gewichen. Wenn sie den Wagen zur Inspektion brachte, achtete sie darauf, zu dem einzigen mit einer Frau besetzen Schalter zu gehen. Das gleiche galt für die Supermarktkasse. Wobei der stets zart gebräunte, glutäugige Filialleiter nicht nur schöner, sondern auch schneller war als die weiblichen Angestellten.

Aber bei Franck war Schluss. Sollte Tom doch endlich lernen, mit seiner völlig unbegründeten Eifersucht umzugehen!

In Francks Salon war kurz vor Weihnachten ungewöhnlich viel Betrieb. Normalerweise organisierte er seine Termine mit geradezu pedantischer Präzision. Aber Franck war eitel. Wenn Frau von Bodmer ihm am Telefon entgegenflötete: „Ach bitte, Franck, Sie müssen einfach ein Minütchen für mich finden. Die Horner-Backridges kommen am ersten Feiertag. Wenn Sie meine Haare nicht stylen, verkrieche ich mich in der Besenkammer!“ Also hatte er die von Bodmer noch reingezwängt, terminlich und räumlich, denn der Salon war mit nur drei Plätzen pures Understatement. Und dann war auch noch Susi Schwan von Sunny TV reingeschneit. Die vergaß nie, vor der Kamera zu erwähnen, dass „der liebe Franck“ ihr wieder so eine tolle Frisur gezaubert hatte.

Kurz, um fünf saß sie immer noch in dem einzigen eleganten und dem entsprechend unbequemen Besuchersessel. Um sechs endlich ging die Bodmer, unmittelbar gefolgt von einer glücklich glucksenden Susi.

„Uff! Sorry, Schätzchen, tut mir unendlich leid! Du weißt ja selbst, sowas ist mir bei dir noch nie passiert. Und auch bei keiner anderen. Aber jetzt habe ich nur noch Augen und Hände für dich. Komm, wir trinken erst mal ein Glas Champagner, zur Entspannung.“

Entspannung war genau das, was sie brauchte. Ihr Nacken fühlte sich an, als hätte ihn eine Horde Elefanten als Trampelpfad benutzt, Während sie sich mit dem kalt prickelnden Schampus zuprosteten, schaute sie auf die Uhr über der Tür und dachte flüchtig an Tom, der jetzt wahrscheinlich mit Harald beim Training war. Soll ich ihn anrufen und sagen, dass er mich nicht vor acht abzuholen braucht? Ach was, dann störe ich ihn nur beim Rudern oder was er sonst gerade macht. Wenn er da ist, ist er da. Muss er sich halt beim Warten langweilen. Dann sieht er wenigstens, dass seine Eifersucht total unbegründet ist.

Franck färbt ihr mit gekonnten Griffen die Haare. Nach einer dank der zweiten Flasche Champagner kurzweiligen Einwirkzeit geht’s an Auswaschen.

Mit geschlossenen Augen und zrurückgelehntem Kopf lässt sie sich von Franck massieren. Schläfen, Nacken, die empfindlichen Stellen hinter den Ohren. „Ooohhhh ja, Franck, das tut so gut. Ooohhh jaaa. Bitte, mach weiter, bitte, ja, jaaaaaa“, stöhnt sie genussvoll mit vom Alkohol angerauter Stimme und einen Tick lauter als nötig.

Beide sind so in den Augenblick vertieft – sie in den entspannenden Genuss und der Coiffeur in seine Arbeit, dass sie das Klingeln der Salontür überhört haben müssen. Plötzlich steht Tom vor ihnen, Schweißperlen auf der hochroten Stirn. „Ich hab’s ja gewusst“, schreit er. „Ich hab dich schon an der Tür stöhnen hören. Jetzt tut nicht so unschuldig. Ihr seid ja wie die Tiere. Treibt es auf dem Friseurstuhl.“

Und schon stürzt er, die Schere in der Hand, auf Franck zu. Instinktiv hebt sie ihren Fuß, um Tom einen Tritt zwischen die Beine zu versetzen. Tom taumelt, rutscht auf dem nassen Boden aus – Franck hat vor Schreck die Brause über den Rand des Waschbeckens fallen lassen, und rund um den Stuhl hat sich eine Lache gebildet – und stürzt so ungeschickt, dass er sich die Schere in den Bauch rammt.

Nachdem der Krankenwagen mit Tom und Blaulicht in die nächste Klinik gefahren und die unter Schock stehende Kundin und der Coiffeur vom Notarzt mit einem Beruhigungsmittel versorgt worden waren, kehrte Ruhe ein, im Salon.

Eine zeitlose Weile saßen die beiden auf der Couch in Frankcs privatem Bereich und nipptem an frischem, eisgekühltem Champagner. Die Luft war schwer von edlen Räucherkerzen, und der vergoldete Buddha auf der Marmorsäule senkte dezent den Blick, als die zwei ausgehungert und nach betäubender Nähe lechzend endlich übereinander herfielen, ganz so, als hätten sie sich bereits tausendmal berührt.

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Heute, beim Friseur, brach meine Autorinnenwelt zusamm’en. Und das binnen 3 Sekunden. „Schreib einen kurzen Krimi mit den Inhalten ‚Freunde‚ und ‚anonym’ im Stil von mariebastide.blog„, forderte ich KI auf. Und ehe ich bis drei zählen konnte, war das Ergebnis da. Erschütternd, dachte ich. Zumal eine Kollegin gerade erst auf Facebook den – für mich inzwischen zumeist – unsäglichen Nida-Rümelin zitiert hatte, der wiederum offenbar Chomskys Verdikt über KI teilte: Keine künstliche Intelligenz, sondern banale Plagiatssoftware.

Ich weiß von Bekannten aus der Wissenschaft, dass sie KI nutzen, um die erste Rechercherunde zu einem Thema zu verkürzen. Sie lassen sich von KI eine gut sortierte Menge an Informationen zu ganz gezielten Fragestellungen zusammenstellen und bauen darauf dann ihre eigene tiefer gehende Recherche auf. Ihr Fazit: KI spart Zeit und hat einen unbestreitbaren Weitblick. Wenn die Fragen richtig gestellt werden.

Insofern ist sie natürlich mehr als Plagiatssoftware, denn sie kombiniert Gesammeltes neu.

Da viele meiner Kolleg*innen immer wieder aufschreien, KI wäre das Ende von uns Autor*innen, machte ich heute die Probe aufs Exempel.

Als die KI knapp 3 Sekunden nach meiner Aufforderung mit einem kompletten Kurzkrimi „im Stil von Marie Bastide“ aufwartete, brach also auch meine Welt zusammen.

Allerdings fügte sie sich bereits nach dem Lesen der ersten Sätze wieder zu einem runden, schönen Ganzen. Nicht nur macht KI Fehler, sowohl in der Satzbildung alsauch bezüglich Inhalt und Logik, nein, der Stil ist so schauderhaft, dass nur die vermehrte Nutzung von Adjektiven an meine Art zu schreiben erinnert. Und die Handlung ist deutlich abstruser aos die in meinen MiniKrimis. Viel Schein, wenig Sein, so lautet mein Fazit. Oder? Sagt selbst – was denkt Ihr über diesen KI-generierten MiniKrimi à la Marie Bastide?

Ach ja: noch eine fehlende Ähnlichkeit: er enthält keinerlei orthographische Fehler, die doch das Markenzeichen meiner jeden Abend frisch direkt in den Blog getippten Storys sind..

Ich bin so gespannt auf Eure Meinung!

KI MiniKrimi à la Marie Bastide

In den schummrigen Straßen von Noirville, einer Stadt, die ihre Geheimnisse mit Zigarrenrauch umhüllte, begann die Geschichte von Detective Adrian Bennett und seinem besten Freund, dem zwielichtigen Informanten, Vincent „Schatten“ Malone.

Eine Reihe anonymer Briefe, hinterlegt in verlassenen Bars und schäbigen Hinterzimmern, kündigten einen Mord von beispielloser Skrupellosigkeit an. Bennett, ein Mann mit einem düsteren Charme und einem scharfen Verstand, wurde in das Netz der Intrigen gezogen. Sein instinktives Gespür für Unheil führte ihn zu den Schatten, wo Vincent, mit einem Lächeln, das mehr verbarg als zeigte, auf ihn wartete.

Die Dunkelheit der Stadt spiegelte die verborgenen Abgründe der Freundschaft zwischen Bennett und Malone wider. Zwischen zwielichtigen Gestalten und gefährlichen Hinterzimmern begann ein Katz-und-Maus-Spiel, bei dem die Linie zwischen Recht und Unrecht verschwamm. Bennett verfolgte die Spuren des anonymen Killers, während er sich fragte, ob sein treuester Freund vielleicht mehr Geheimnisse barg, als er bereit war zuzugeben.

Die Atmosphäre der Noirville wurde von der rätselhaften Bloggerin Stella Obscura durchleuchtet. Auf ihrem Blog, durchzogen von Schattenbildern und kryptischen Einträgen, entfaltete sich die düstere Choreografie eines Verbrechens, das tiefer in die düsteren Seiten der Stadtgeschichte reichte als je zuvor gedacht.

In einer letzten Konfrontation zwischen Freund und Mörder enthüllte sich die Wahrheit, als Noirville selbst zu einem schweigenden Zeugen wurde. Zwischen verlassenen Lagerhäusern und hallenden Schritten auf dem Pflaster erreichte die Geschichte ihren Höhepunkt, wo die Freundschaft auf dem Spiel stand und die Schatten der Vergangenheit ihre letzten Geheimnisse preisgaben.

Adventskalender MiniKrimi am 14. Dezember


Früher, als Studentin, und auch später noch, bevor ich Mutter wurde, bin ich sehr oft und sehr gerne ins Kino gegangen. Vor allem die Nouvelle Vague Filme hatten es mir angetan. Aber auch Hitchcock. Und die Rocky Horror Picture Show. Die habe ich 15 Mal gesehen. Heute ist mein cineastisches Wissen ziemlich eingerostet. Aber der Fehler, der meinem Protagonisten Giovanni unterlaufen ist, wäre mir nicht passiert.

EInem Cineasten wär‘ das nicht passiert!

Seit zwei Jahren wohnt Michaela, genannt Michi, jetzt schon in dem Hochhaus am Stadtrand von München. Die Siedlung ist, entsprechend dem Münchner Modell, das Sozialwohnungen mit Eigentumswohnungen mixt, ein Kaleidoskop mit vielen Generationen, Kulturen und Lebensentwürfen. Trotzdem hat sie in ihrem Haus keine neuen Freunde gefunden. Bis auf Giovanni. Er arbeitet in einem Restaurant, Michi in einem Saunaclub. Seit sie sich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit eines Morgens um drei im Treppenhaus begegnet sind und gemeinsam vergeblich 10 Minuten auf den wieder mal defekten Fahrstuhl gewartet haben, treffen sie sich mindestens einmal pro Woche, um zusammen zu kochen, zu essen und einen kitschigen LIebesfilm zu schauen. Beide sind Single, und beide schmelzen jedes Mal dahin, wenn das Traumpaar nach 90-minütigen Irrungen und Wirrungen endlich für immer zueinander findet.

Seit drei Wochen ist Giovanni ganz verändert. Er versalzt das Pasta-Wasser, schaut wieder und wieder verträumt ins Nichts oder seufzt unvermittelt mit einem verklärten Lächeln im Gesicht. „Giovanni, gib’s zu, du bist verliebt“, hat Michi schon mehrfach gesagt. Aber Giovanni, der sonst all seine Geheimnisse mit der Freundin teilt, hat nur den Kopf geschüttelt. „Ich verrate nichts. Noch. Das bringt Unglück, sagt meine Großmutter.“ Seine sizilianische Großmutter ist Legende. Gegen ihre Lebensweisheiten kommt Michi nicht an. Also wartet sie ab.

„Was ist eigentlich mit der Nachbarin aus dem 9. Stock?“, fragt sie, um das Thema zu wechseln. „Ach, quella stronza (das übersetze ich jetzt nicht) hat mir schon wieder ihren Anwalt auf den Hals gehetzt. Und diesmal gleich mit einer Klageandrohung.“ „Warum denn diesmal?“ „Versuchter Mord. Angeblich habe ich sie mit einem Messer bedroht.“ „Schon wieder? Und warum? Letztes Mal hat sie doch ne Abfuhr von der Polizei kassiert wegen Notrufmissbrauch, weil du glaubhaft versichern konntest, dass du vor dem Müllhäuschen mit einem Kneipchen einen Amazon-Karton zerschneiden wolltest – und nicht ihre Kehle:“ „Ja, genau. Diesmal hat sie bei mir geklingelt, weil ich angeblich zu laut Musik anhatte. Gut, ich habe l’italiano vero von Toto Cotugno gehört und mitgesungen, ungefähr so: Lasciatemi cantaaareeeee..:“ „Ja, ist gut. Hör auf, ich kenne den Song und deine Interpretation. Zum Glück musst du im Restaurant nicht als singender Kellner auftreten. Aber was hat das mit dem Messerangriff zu tun?“ „Allora: ich war beim Zwiebelschneiden, und als sie geklingelt hat, bin ich gleich zur Tür gelaufen. Mit dem Messer in der Hand.“ „Lass mich raten, das Yaxell Gou mit 101 Lagen?“ „Genau.“ „Ok…“ „Sie hat mich gar nicht angeschaut, nur auf das Messer gestarrt, und hat angefangen, zu brüllen, als wäre sie ein Schwein und ich der Metzger. Ich wollte sie beruhigen, dabei habe ich wahrscheinlich gestikuliert.“ „Wie ein Italiener das halt macht.“ „Jedenfalls, als nächstes flattert mir dieses Schreiben ins Haus.“ „Und jetzt?“ „Jetzt warte ich auf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft.“

Wow. Armer Giovanni. Die Frau ist wirklich gestört. Michi vermutet, dass sie insgeheim in ihn verliebt ist, und weil er keinerlei Interesse an ihr hat, rächt sie sich, indem sie ihm einen Haufen Scherereien macht. „Das ist total schlimm, aber bitte, zieh nicht weg. Sonst bin ich hier komplett allein.“ „Nein, tesoro, mach dir keine Sorgen. Noch ziehe ich nicht weg. Vielleicht, wenn ich eine feste Freundin habe. Aber das dauert noch eine Weile.“

Michis ist sofort hellhörig und will Details erfahren. Aber mehr ist aus Giovanni nicht rauszuholen. „La nonna, du weißt ja.“

Aber schon eine Woche später rückt Giovanni endlich mit der Sprache raus. Gut gelaunt und in einem schicken neuen Hemd öffnet er ihr die Tür und streckt ihr zur Begrüßung ein Glas Limoncello Spritz entgegen. „Hey, was ist passiert?“ „Vieles. Erstmal hat die Staatsanwaltschaft die Anzeige der stronza über mir eingestellt. Kein hinreichender Tatverdacht.“ „Hey, super. Gratuliere. Und sonst?“ „Ach, ich bin doch auf dieser Dating-Plattform. Singles in München.“ „Aahaaaaa.“ „Ja, und da habe ich vor einem Monat eine tolle Frau kennengelernt. Blond und schöne wie ein Engel. Wir haben es bewusst ganz langsam angehen lassen und uns erstmal viel voneinander erzählt. Ich wollte sie ja schon lange treffen. Aber sie war zurückhaltend. Kommt aus einer gläubigen Familie, irgendwie.“ „Oh, Mann, kein Sex vor der Ehe? Giovanni, ob das mal gut geht?“ „No. So schlimm ist es nicht. Außerdem hat sie mir ja genau heute geschrieben, ob wir uns nicht auf einen Drink treffen wollen. Das war total cool. Erst hab ich in der Post die gute Nachricht wegen der Anzeige, und dann schlägt sie ein Date vor. Das ist mein Glückstag!“ „Ich freu mich für dich. Wann sehr Ihr Euch?“ „Heute! Sie hat gesagt, sie holt mich später ab. Sie hat einen Porsche. Dann muss ich nicht mit der U-Bahn reinfahren.“

„Aber dann kochen wir lieber nicht, und du machst dich fein.“ „In nessun caso. Auf gar keinen Fall. Wir essen unsere Spaghetti Alfredo. Und wenn du zur Arbeit musst, hab ich noch etwas Zeit, um mir die Zähne zu putzen und eine rote Krawatte anzuziehen. Mein Erkennungszeichen. Sie kommt um elf,“ und er grinst.

„So spät?“ Egal. Michi freut sich sehr für Giovanni. Sie selbst hat nach dem Scheitern ihrer letzten Beziehung noch keine neue Frau fürs Leben gefunden. Um so glücklicher ist sie, dass es bei ihm endlich zu klappen scheint.

Nach einem wunderbaren Essen macht sich Michi fertig für die Arbeit. Sie ist eine perfekte Rezeptionistin, die von Kunden und Saunaclub-Mitarbeiterinnen gleichermaßen geschätzt wird. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie jede Auseinandersetzung im Club dank ihres schwarzen Aikido-Gürtels im Keim erstickt.

Als sie aus dem Haus geht, ist es draußen stockdunkel. Die Außenlampe ist schon wieder zerschlagen worden! Bis zur nächsten Straßenlaterne sind es hundert Meter, aber Michi geht schnell und gezielt Richtung U-Bahn. Da löst sich ein Schatten aus dem Gebüsch und ist mit einem Satz neben ihr, in der einen Hand eine Spraydose, in der anderen ein Messer. Japanisch, registriert Michi automatisch, während sie bltzschnell der Waffe ausweicht. Doch der Pfeffer aus der Dose trifft ihr linkes Auge. „Du dreckige Nutte, machst mit Giovanni rum. Deshalb hat er mich verlassen. Jetzt kriegst du dein Fett. Und er gleich hinterher. Ich hab’s ja bei Gericht versucht. Aber Ihr steckt doch alle unter einer Decke. Bullen, Richter, Mafia. Ich mach euch beide kalt!“, zischt die Gestalt. Wut und Adrenalin verzerren die Stimme, aber nicht genug. Michi erkennt Giovannis Erzfeindin. Trotz des stechenden Nebels vor ihren Augen macht sie ein paar geübte und gezielte Bewegungen, und die Mieterin aus dem neunten Stock liegt wehrlos am Boden.

Schritte nähern sich. „Hallo, was ist da los? Was machen Sie? Lassen Sie sofort die Frau los“, ruft Giovanni und beleuchtet die Szene mit der Taschenlampe seines Handys. „Michi!“ Er starrt auf die am Boden liegende Frau im schwarzen Trench und mit roten High Heels. Ihr schwarzer Hut mit einer frischen roten Rose ist im Kampf auf den Weg gefallen. „Bella! Das ist Bella, mein Date. Sie hat sich extra für mich so angezogen. Schwarz rot. Und ich mit roter Krawatte.“ Givanni schluckt, schaut auf die am Boden liegende Frau und fragt schließlich: „Michi, was hast du getan?“

„Das ist nicht Bella. Das ist die „stronza“ aus der Wohnung über dir. Sie leidet ganz offensichtlich unter Wahnvorstellungen. Sie denkt, Ihr zwei wart ein Paar und ich habe euch auseinandergebracht. Deshalb wollte sie jetzt kurzerhand uns beide umbringen. Schau, sie hat sich extra ein Messer wie deines zugelegt. Aber sag mal, habt ihr denn keine Fotos ausgetauscht?“

„Doch, natürlich. Schau mal, das ist sie.“ Giovanni holt mit zitternder Hand den Computerausdruck eines Fotos aus der Jackentasche. „“Oh nein. Ich glaube, statt Herz-Schmerz-Schnulzen müssen wir uns in Zukunft französische Filme anschauen. Das ist ein Foto von Catherine Deneuve in jungen Jahren.“

Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Stürmische Erbschaft

Wer kennt ihn nicht, den Onkel aus Amerika? Den es dann doch nicht gibt, oder wenn, dann hat er nix zu vererben?

Es geht auch umgekehrt. Über eine der vielen Ahnenforschungsseiten im Internet hatte Janet Becker aus Albany, New York, ihre Großtante väterlicherseits gefunden. Sie hieß Elfriede Jost, geb. Becker, war gesunde 91 Jahre alt und wohnte in Lübeck.

Janet war schon immer ein Papakind, und als sie nach der Scheidung ihrer Eltern zu ihrem Dad zog, wurde das Verhältnis der beiden noch intensiver. An ungezählten Winterabenden, während draußen der dichte Schnee am Fenster vorbeirieselte und drinnen ein munteres Kaminfeuer prasselte, erzählte Daddy ihr gerne die Geschichte, wie sein Vater Ernst 1939 als junger Dichter und glühender Antifaschist nach New York gekommen war.  Um zu überleben, war er Redakteur einer kleinen Lokalzeitung geworden, später Herausgeber und Inhaber. Er hatte geheiratet und einen Sohn bekommen, Janets Dad. In Deutschland hatte er eine um etliche Jahre jüngere Schwester hinterlassen, und sein ganzes amerikanisches Leben über hatte er davon geträumt, sie zu sich zu holen. Doch, warum auch immer – es war ein Traum geblieben.

Kurz vor seinem Tod hatte er seinen einzigen Sohn gebeten, nach Elly, so nannte er seine Schwester liebevoll, zu suchen. Aber irgendwie war dieser letzte väterliche Wunsch in Vergessenheit geraten. Bis Janet, ambitioniert, kreativ, unstet und immer in Geldnöten, die fixe Idee entwickelte, Tante Elly hätte ein Vermögen und keine Verwandten, denen sie dieses vererben könnte. Bevor es irgendein Tierschutzverein bekam, oder, schlimmer noch, ein Verein zur Bewahrung deutscher Volkslieder (Janet hatte sehr rudimentäre Vorstellungen von Europa und seinen Bewohnern und hielt sie allesamt für hinterwäldlerische Nationalisten. Diese Vorstellung stieß sich übrigens nicht an ihrer Vorliebe für Donald Trump…), wollte sie, Janet Becker, ihr rechtmäßiges Erbe antreten.

Eile war geboten, denn Janet wusste, dass Tante Elly bereits die Schwelle zum zehnten Lebensjahrzehnt überschritten haben musste. Aber es dauerte dann doch ein paar lange Monate, bis sie Namen und Kontaktdaten von Elfriede Jost beisammenhatte. Was sie über ihre Großtante in Erfahrung brachte, war vielversprechend. Ihr verstorbener Mann, Manfred Jost, war Inhaber einer Kette von Bekleidungshäusern gewesen. Er war vor gut 20 Jahren gestorben, die Ehe war kinderlos geblieben, und Jost hatte keine leiblichen Verwandten. Da musste ganz schön was zu holen sein.

Die erste Kontaktaufnahme verlief etwas holprig. Um die alte und sicher schon recht demente Dame nicht zu sehr zu verwirren, hatte sie ihr vorab eine Mail geschrieben. Sehr vorsichtig und vage gehalten, denn sie musste davon ausgehen, dass der junge Betreuer sie Elly vorlesen würde. Die süße Alte konnte wahrscheinlich kaum noch aus den Augen schauen. Erstaunlicherweise kam Ellys Antwort schon nach ein paar Stunden. Freundlich, aber distanziert fragte sie nach Janets „Credentials“. Sie war nicht bereit, so ohne weiteres an eine plötzlich aufgetauchte Enkelin zu glauben. Es gäbe in Deutschland leider so viele Verbrechen mit der „Enkeltrick-Methode“, erklärte sie in ihrer in gutem Englisch geschriebenen Mail. Der Betreuer musste ein großes Interesse an Elly haben, um ihr so viel Zeit zu widmen. Oder – und das hielt Janet für wahrscheinlicher – er wollte sich das Geld der Alten selbst unter den Nagel reißen. Aber da hatte er die Rechnung ohne Janet gemacht.

Sie konnte die Verwandtschaft zu Großtante Elfriede lückenlos nachweisen. Und als sie schließlich das erste Mal telefonierten, sprach sogar Janets Dad ein paar Worte in dem gebrochenen Deutsch, an das er sich aus der Zeit mit seinem Vater erinnern konnte. Elfriede schien gerührt darüber, dass ihr Bruder quasi an seinem Totenbett an sie gedacht hatte. Wie schade, dass sie sich nie mehr gesehen hatten. Aber das Leben hatte sie einfach nicht mehr zusammengeführt. Wie gerne würde sie wenigsten einmal an Ernstens Grab stehen.

„Kein Problem, Auntie,“ sagte Janet. Ich komme nach Germany und hole dich ab. Dann musst du die weite Reise nicht alleine machen. What do you think? Und ich möchte so gerne die lovely Heimat meines Grandpas besuchen!“

„Aha. Na gut. Dann komm.“ Wenn Janet gedacht hatte, ihre liebe Auntie würde ihr ein Flugticket schicken, hatte sie sich allerdings getäuscht. Aber ihr Dad war plötzlich und ebenso unerwarteter- wie glücklicherweise komplett auf Familie gebürstet und kaufte Janet das Ticket. Sie selbst allerdings musste sich für eine große Investition in ihre goldene Zukunft von ihren besten Freunden das Geld für die Überfahrt für zwei Personen auf einem Luxusliner von Hamburg nach Ney York borgen. „Ihr kriegt es mit Zinsen zurück, sobald ich Auntie beerbt habe“, versprach sie ihnen. Und da ihrPlan dafür plausibel klang, hatte sie das Geld bald beisammen.

Erstaunlicherweise verstanden sich Janet und Elfriede vom ersten Moment an sehr gut. Janet war nicht nur ehrgeizig und bis zu einem gewissen Grad hemmungslos, sondern auch intelligent. Schnell akzeptierte sie, dass Auntie Elly noch komplett selbständig war und das Firmenimperium, das zwar nominell von ihrem Mann, de fakto aber von ihr geleitet worden war, immer noch beriet. Sie verfasste und las ihre E-Mails alleine, und Samuel, der gutaussende 35-Jährige, der bei ihr wohnte, war eine Mischung aus Sekretär, Koch und und Personal Trainer.

Für einen kurzen Moment dachte Janet daran, ihn in ihre Pläne einzuweihen, entschied sich aber dagegen. Teilen war einfach nicht ihr Ding.

Zwei Monate vergingen wie im Flug. Dann eröffnete Janet ihrer Großtante, dass sie ihr eine Überfahrt auf einem Luxusliner geschenkt hatte. „Du sollst genau so nach New York kommen wie dein geliebter Bruder“, lächelte sie. „Du bist wirklich bezaubernd, Janet“, antwortete Elly. „Und du hast sehr viel von meinem Bruder, deinem Großvater.“ „Ja, Blut ist eben dicker als Wasser“, sagte Janet. Und gestand, dass sie leider kein Ticket für Samuel gekauft hatte und das Schiff inzwischen komplett ausgebucht war.

„Dann reisen wir beide eben alleine“. Elly schien nicht das geringste Problem damit zu haben.

Die Überfahrt ließ sich sehr gut an, zumindest, solange die See ruhig war. Als das Wetter rauer wurde, blieb Janet öfter unter Deck. Ihr Magen vertrage die heftigen Bewegungen einfach nicht, erklärte sie. Und feilte an dem Plan, der sie noch vor Erreichen des heimatlichen Hafens zu Millionenerbin machen sollte – sofern die Elemente mitspielten.

Und dann endlich kam der ersehnte Sturm. Er war zu erwarten gewesen, in dieser Jahreszeit. Elfriede hatte auf dem Weg zum Dinner noch kurz bei Janet reingeschaut, aber die lag mit ungesund grüner Gesichtsfarbe im Bett.

Elfriede konnten Wind und Wellen nichts anhaben. Die Besatzung bemühte sich, alle Passagiere unter Deck zu bugsieren, als der Sturm an Stärke zunahm. Aber Elly wollte noch kurz das Naturschauspiel genießen.

Später versuchte der erste Offizier, den Hergang des Dramas zu rekonstruieren. Auf dem Weg zur Brücke war ihm die junge Amerikanerin begegnet, Janet Becker. Sie sei auf der Suche nach ihrer Tante, sie mache sich sorgen, weil die alte Dame doch nicht ganz sicher auf den Beinen sei, in ihrem Alter! Und dann dieser Sturm! Sein Angebot, mitzukommen, hatte Janet abgelehnt. Die Tante sei Fremden gegenüber noch sturer als mit Familienangehörigen. Er setzte also seinen Weg fort – und hörte plötzlich einen markerschütternden Schrei, der sogar das Sturmgeheul übertönte. Und dann hieß es auch schon: „Mann über Bord“, bzw. in diesem Fall „Frau“.

Der Offizier rannte an Deck und sah sich nach Janet um. Sie hatte es ganz offenbar nicht geschafft, ihre Tante rechtzeitig zu finden.

Doch dann entdeckte er Elfriede Jost, geb. Becker, in eine Decke gehüllt und von pitschnassen Helfern in Ölhäuten umringt, an der Reling stehen.

„Es ging alles so schnell“, sagte Elfriede später. Janet kam auf mich zu, streckte ihre Hände nach mir aus – und da kam diese Riesenwelle und spülte sie einfach von Deck. Schrecklich! Wenn ich nicht so dicht an der Trennwand gestanden und mich mit meinem Stock festgekrallt hätte, wäre ich sicher auch über Bord gegangen. Mein tägliches Fitnessprogramm mit meinem Personal Trainer hat mir wohl das Leben gerettet.“

Elfriede verkniff sich den salbungsvollen Satz „um mich alte Frau wäre es nicht schade gewesen, aber sie war doch noch so jung“. Stattdessen sagte sie: „Und sie erinnerte mich so an meinen Bruder.“ In Gedanken fügte sie inzu: „Genauso gerissen und skrupellos. Er hat mich damals einfach hier sitzenlassen und mich auch noch bei der Gestapo angezeigt. Um ein Haar wäre ich im Konzentrationslager gelandet, als Preis für seine Freiheit. Und Janet hatte wohl geplant, mich auf der Überfahrt beseite zu schaffen.“ Allerdings war Elfriede ihr zuvorgekommen. Auch, wenn sie es nicht gern gehört hätte: Blut war eben dicker als Wasser.

Da Elfriede die alleinige Nutznießerin der Lebensversicherung war, die sie kurz vor der Abreise auf Janet abgeschlossen hatte, gönnte sie sich, gemeinsam mit dem schon in New York wartenden Samuel, eine faszinierende Rundreise durch die USA. Leider reichte die Zeit weder für einen Kondolenzbesuch bei Janets Dad noch für einen Abstecher zum Grab ihres Bruders. 

Die Idee für diesen MiniKrimi kam mir beim Lesen einer Zeitungsnotiz, dass eine Riesenwelle eine Amerkanerin auf einem Schiff von Bord gespült habe.

Adventskalender MiniKrimi am 5. Dezember


Heute gibt es nur einen halben Krimi. Denn heute muss ich mich um mein „Kind“ kümmern, das morgen für mehrere Monate weit weg fliegt. Da sind Gespräche, Mutmachen und einfach zusammensein gefragt.

Deshalb kommt hier heute der erste Teil von

Cop Orange

„Stop. Polizei“. In der Dunkelheit leuchtet das rote Licht der Kelle wie das Auge eines Raubtiers. „Oh nein,“ flucht Arne, der gerade von der Weihnachtsfeier seiner Firma kommt.

„So, guten Abend, allgemeine Verkehrskontrolle. Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“

„Moment“, Arne kramt vergeblich in den Taschen seines Anoraks. Weder links noch rechts wird er fündig. Dann erinnert er sich, dass er mit dem Firmenwagen unterwegs ist.  Er greift unter die Sonnenblende. Nichts. „Keine Ahnung, die müssten eigentlich…“  „Sie wissen nicht, wo Sie Ihre Papiere haben?“ „Doch, natürlich. Ehm. Nein. Das ist nicht mein Auto.“ „Wie bitte?“ „Nein! Das ist unser Firmenwagen, und die Papier müssten eigentlich..:“

„Zeigen Sie mir erst mal Ihren Führerschein. Haben Sie auf der Weihnachtsfeier was getrunken?“

„Ich, nein. Woher?“ Arne schiebt den Führerschein durch das nur halb heruntergelassene Fahrzeugfenster. Die Polizistin richtet ihre Taschenlampe darauf. Ihr Gesicht ist im Schatten, die Mütze sitzt ihr fast auf den Augen. „Zu groß“, denkt Arne. Auch die Jacke ist weit. Vielleicht hat sie kürzlich abgenommen. „Herr Junghans? Antworten Sie bitte. Wo fahren Sie hin?“ Nicht: wo kommen Sie her.

„Nach Hause. Wohin denn sonst?“ „Steigen Sie bitte aus und machen Sie den Kofferraum auf.“ „Was? Warum das denn?“ „Herr Junghans, steigen Sie jetzt aus. Sonst muss ich Verstärkung anfordern, und haben Sie gleich ein Verfahren wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt am Hals.“

Forsetzung folgt. ABER: Ihr könnt mir schreiben, wie Ihr euch die Story wünscht. Ich bin gespannt!

Adventskalender MiniKrimi am 4. Dezember


So, heute kommt endlich die versprochene Geschichte mit dem Schnee. Obwohl sie ganz anders geworden ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Aber Ihr kennt das: die Figuren verselbständigen sich, die FInger schreiben von alleine, und das Resultat ist für einen selbst unerwartet. Viel Spaß beim Lesen.

Pech mit den Männern

Rina hat Pech mit den Männern. Und die in langen Therapiestunden herausgearbeitete Erkenntnis, dass die toxische Beziehung ihrer Eltern der frühkindliche Auslöser für ihre Probleme mit dem anderen Geschlecht ist, hift ihr leider auch nicht weiter.

Letzte Woche war wieder so eine typische Situation. Nach 20 völlig indiskutablen Angeboten, die ihr das Jobcenter zugeschickt hatte, fand sie diese Stelle richtig interessant: Mitarbeiterin in der Notrufzentrale der Münchner Polizei. Die Stellenbeschreibung hörte sich spannend an, die Arbeit war Teilzeit, und da sie keine familiären Bindungen hatte, wäre der Schichtbetrieb für sie auch kein Problem.

Rina bereitete sich sorgfältig auf das Treffen mit dem Sachgebietsleiter vor. Elegant, aber unaufdringlich. Blaues Kostüm – aber kein Uniformton, natürlich, dezente Bluse, eine Reihe Perlen um den Hals. Halbhohe Pumps. Eine Herausforderung, die sie sicher unterm Schreibtisch würde ausziehen können…..

Im Wartebereich saß ein weiterer Bewerber und schaute missmutig von seinem Handy auf, als Rina freundlich grüßte. Nach einer kurzen Musterung ihres Konkurrenten machte sie es sich auf dem freien Plastikstuhl bequem. Jeans, Karohemd und Sweatshirt. Turnschuhe. Viele Muskeln, ungepflegter Bart. Nein, den würde sie mit links ausstechen.

Aber als er nach einer erstaunlich langen Zeit das Büro des Sachgebietsleiters verließ, verabschiedete dieser den Mann mit einem letzten Lachen. Sie hörte den Halbsatz: „…dafür bringen Sie ja beste Voraussetzungen mit. Wir melden uns auf alle Fälle bei Ihnen.“

Mist. Rina hatte sich schon ausgemalt, wie sie jeden Tag genau diesen Weg zur Arbeit nehmen würde. Da blieb ihr nur eines übrig: sie musste den Gegner ausstechen. Also log sie, was das Zeug hielt. Langjährige Erfahrung in verschiedenen Notrufzentralen in England Frankreich und Italien. Ja, die Sprachen waren für sie kein Problem. Vor allem konnte sie auch die Basics auf Türkisch. Das machte Eindruck.

Als Rina eine Woche später mit dem unterschriebenen Vertrag in der Hand aus dem Gebäude ging, kam ihr ihr Konkurrent entgegen. „Schlampe“, zischte er im Vorbeigehen, und Speichelfäden flogen ihm dabei aus dem Mund. Rina reckte den Kopf in die andere Richtung und stolzierte mit aufrechtem Gang und Sinn an ihm vorbei. „Nur die harten komm‘ in‘ Garten“, flötete sie ihm nach. Warum musste er so aggressiv sein? Sicher hatte sie wieder sowas opfermäßiges ausgestrahlt. Typisch, halt. Pech!

Das war vor einer Woche Inzwischen hat sich viel getan. Zum Glück ist sie bisher noch nicht in die peinliche Situation geraten, ihre nicht vorhandenen Türkischkenntnisse unter Beweis zu stellen. Alle Anrufer*innen haben mehr oder weniger verständlich gesprochen, bis auf die eingefleischtesten Bayern, aber davon gibt es in München ja gottseidank nicht mehr so viele.

Heute Früh hatte Rina Mühe, rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Es muss die ganze Nacht durchgeschneit haben, denn als sie die Haustür öffnete, leckte der Neuschnee schon an ihrer unteren Treppenstufe. Rias Haus ist alt und eigentlich viel zu groß für sie. Sie hat es von ihrer Mutter geerbt, und diese von ihrem Vater. Rina hängt daran, ohne das Geld zu haben, die dringend notwendigen Reparaturen machen zu lassen. „Du musst dir einen Mann finden, der handwerklich geschickt ist“, hat ihre Mutter ihr immer wieder eingeschärft. Wahrscheinlich aus leidvoller Erfahrung mit Rinas Vater, der nicht einmal einen Nagel in die Wand schlagen konnte, geschweige denn eine Dachrinne reparieren oder die Fassade streichen. Also bröckelt Rinas Außenwelt genauso vor sich hin wie ihr Innenleben.

„Wenn das so weiterschneit, komme ich morgen nicht mehr raus“, denkt sie beim Blick aus dem Fenster ihres Büros und verbindet geistesabwesend eine hektische Anruferin, deren Zuchtteckeldame Mary Jane beim Gassigang verschwunden ist, mit dem Drogendezernat. „ich brauche jemanden, der den Schnee wegschippt.“

„Hallo, ist das die Notrufzentrale?“ „Ja, wie kann ich Ihnen helfen?“ Rina sind die routinemäßgen Antworten immer noch nicht geläufig. Sie denkt einfach zuviel nach, statt mechanisch zu plappern.

„Ach, ich….“ „Ja?“ „Ich hatte vor ein paar Tagen angerufen, weil die alte Dame gegenüber den Fernseher die ganze Nacht an hatte und nicht reagiert hat.“Ja. Und?“ „Also das war falscher Alarm, tut mir leid. Sie war einfach nur eingeschlafen, hatte die Hörgeräte schon rausgenommen und hat einfach nichts mitgekriegt.“ „Ok.“ Pause. „Und jetzt?“ In der Schulung haben sie ihr gesagt, wie sie mit solchen Anrufen umgehen soll. Dass es Leute gibt, die sonst niemanden zum Reden haben und deshalb eben die Nummer der Notrufzentrale wählen. Immer wieder. Weil man ihnen da zuhört. Freundlich, aber bestimmt abweisen und auflegen. Mit dem Hinweis, das es inzwischen bei jemand anderem um Leben und Tod gehen könnte.

„Also. Mir geht Ihre Stimme nicht mehr aus dem Kopf. Ich möchte sie gerne sehen.“ Darauf hat man sie in der Schulung nicht vorbereitet. Vielleicht kommt das erst im zweiten Block? „Du weißt, du hast immer Pech mit Männern. Leg auf. Jetzt gleich.“ Natürlich tut sie das nicht. Und als er nochmal nachhakt und fragt: „Was machen Sie zum Beispiel heute Abend?“, da kommt Rina eine Idee. Ein geradezu genialer Einfall. Und völlig ungefährlich noch dazu.

„Ich, also….. eigentlich mache ich sowas ja nicht. Hab das noch nie gemacht. Aber…. Sie klingen so nett. Ich bin um acht hier fertig. Wenn Sie wollen, treffen wir uns vor meinem Haus. Ich muss dann allerdings noch ziemlich viel Schnee wegschippen (ein Blick aus dem Fenster hat ihr gezeigt, dass es mindestens 20 cm sein müssten), aber danach können wir ja was trinken gehen.“

„Oh“, er klingt überrascht, und für den Bruchteil einer Sekunde fürchtet Rina, sie könnte ihn vergrault haben. Aber nein. „Sehr gerne. Vielen Dank. Und ich würde Ihnen liebend gern beim Schneeschippen helfen. Ich habe da vielleicht eine kleine Überraschung parat.“

Sie verabreden sich für halb neun. Rina hat keine Angst, einen Fremden zu treffen. Schließlich werden sie auf dem Gehweg stehen oder in der gut einsehbaren Einfahrt.

Der Weg von der U-Bahn nach Hause ist ein Abenteuer. Gefährlich und zauberhaft zugleich. Wie im Märchen, eben. Dazu passt die bevorstehende Begegnung. Alles fügt sich magisch. Der Sternenhimmel, die klirrend kalte Luft. DIe tanzenden Schneeflocken. Die Stille. Kein Mensch ist zu sehen. Bei diesem Wetter hocken alle in der warmen Stube hinter heruntergelassenen Rolläden. Ohnehin reichen die zur Seite geschobenen Schneehaufen schon fast bis an die Fensterbänke. „Denk dran, du hast immer Pech…“ flüstert es in ihrem Kopf. „Hallo, da sind Sie ja“, ruft es aus der Dunkelheit. Rina bemüht sich vergeblich, eine menschliche Gestalt zu erkennen. Sie sieht nur einen großen, unformigen Schatten, der sich von der milchweißen Winternacht abhebt. Dann wird ein Motor gestartet, und mit lautem Getöse setzt sich der Schatten in Bewegung, auf Rina zu.

Sie ist zur Salzsäule erstarrt, während er mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf sie zurollt. „Sehen Sie, das ist meine Überraschung.“ Er gräbt die Schaufel des Schneeräumers ein paar Meter vor Rina in die weiße Masse und entleert diese behend am Straßenrand. „Wow“, stöhnt Rina erleichtert, nachdem sie sich von dem Schreck erholt hat. „Das ist wirklich eine Überraschung. Wie nett von Ihnen. Ist das Ihrer?“ „Nein, der gehört der Firma, bei der ich angenfangen habe, nachdem Sie mir den tollen Telefonjob in der Notfallzentrale weggeschnappt haben. Sie Schlampe.“ Das Gesicht kann Rina immer noch nicht sehen. Aber sie erkennt den Tonfall, in dem er sie beschimpft.

Und dann fährt er auch schon los. Aber diesmal, das weiß sie, wird er nicht anhalten. „Ich habe wirklich immer Pech mit Männern“, ist ihr letzter Gedanke.

Und nun, meine Lieben, eine Frage an euch: was macht der mörderische Rächer jetzt? Entsorgt er die Leiche? Lässt er es wie einen Arbeitsunfall aussehen und fährt einfach weg? Oder?

Ich bin gespannt auf Eure Ideen. Habt eine spannende gute Nacht.