Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Heute sollte es ein Schneechaos-Krimi werden? Hatte ich mir fest vorgenommenb, stimmt. Aber dann war ich bei einem Fotoshooting, dass viviènne model management für Kinder der Deutschen Lebensbrücke als Weihnachtsgeschenk vorbereitet hatte. Kinder mit zum Teil lebensbedrohlichen Krankheiten. Oder Kinder, die morgens ohne Früshtück in die Schule gehen und von der Deutschen Lebensbrücke etwas Leckeres vor dem Unterrichtsbeginn bekommen. Mit viel Liebe und Sorgfalt hatte das Team besondere Kleidungsstücke rausgesucht, die Kids wurden geschminkt, gestylt – und sahen hinterher natürlicher und frischer aus als vorher, aber keine Spur von aufgesetzt.

Jedenfalls dauert das Shooting – natürlich – länger als von mir geplant. Ihr werdet noch davon lesen, und ich werde auch ein paar Fotos hochladen. Das war für die Kids ein unvergessliches Erlebnis. Und dann schickte mir meine früher Twitter-, jetzt Blue Sky-Freundin Birgit Schiche einen wunderschönen, spannenden, tiefsinnigen Adventskrimi. Und den gibt es heute hier zu lesen.

Viel Spaß dabei!

Die Weihnachtsbande

„Mama, kommt der Weihnachtsmann eigentlich zu allen Kindern in der Welt?“

„Ja, mein Schatz, zu allen, die es sich wünschen.“

„Aber, Mama, wie schafft der Weihnachtsmann es denn, an nur einem Tag überall in der Welt Geschenke zu bringen?

Jonas war fünf Jahre alt und ein aufgewecktes Kind.

„Weißt du, das ist so“, setzte Melanie an und Jonas wusste, nun würde sie ihm eine Gute-Nacht-Geschichte darüber erzählen. Er kuschelte sich wohlig unter seine Decke.

Seine Mutter erzählte ihm, dass der Weihnachtsmann viele Helfer hat: den heiligen Nikolaus und Knecht Ruprecht, Santa Claus in den USA, die Hexe Befana in Italien, Väterchen Frost in Russland und in Schweden den Weihnachtswichtel, genannt Jultomte, das Christkind in Süddeutschland nicht zu vergessen. Sie erzählte auch davon, dass die Kinder zwar hier in Deutschland an Heiligabend beschenkt werden, aber in anderen Ländern am 25. Dezember, in der Neujahrsnacht oder sogar erst am 6. Januar, dem Dreikönigstag. Jonas war froh, dass er nur noch bis Heiligabend und nicht noch länger auf die Bescherung warten musste. Und morgen war doch schon Nikolaus, da würden sicher ein kleines Geschenk und Süßigkeiten in seinem Stiefel stecken. Mit diesen angenehmen Gedanken schlief er ein.

Zur gleichen Zeit auf einem gut besuchten Weihnachtsmarkt saß eine kleine Gruppe an einem Tisch. Alle wärmten sich die Hände an ihren Glühweinbechern. Es herrschte dichtes Gedränge, der Duft von Schmalzgebäck, gebrannten Mandeln und Grillwürstchen vermischte sich mit dem Glühweinduft, und von überall her ertönte Weihnachtsmusik.

„So eine Kostümprobe ist doch albern, und dann noch hier draußen an so einem scheißkalten Tag“, murmelte Igor schlecht gelaunt in seinen weißen Bart und zupfte seinen blauen Väterchen-Frost-Mantel zurecht. „Väterchen Frost ist kalt“, die darin liegende Ironie ließ Nikola schmunzeln. Sie war als Christkind verkleidet und trug eine dicke Thermostrumpfhose und Angora-Unterwäsche unter ihrem aus Wollstoff gefertigten Kostüm und eine Perücke mit blonder Lockenpracht auf dem Kopf. Das ließ sie zwar ziemlich mollig aussehen, hielt aber einigermaßen warm. Nikola mochte die Weihnachtszeit nicht, obwohl sie am morgigen Nikolaustag ihren 30. Geburtstag feiern konnte. Oder gerade deswegen, denn dass sie nach dem heiligen Nikolaus benannt war, hatte in ihrer Kindheit zu ganzjährigen Lästereien ihrer Mitschüler geführt. Klaus, Jahrgang 1958 und mit einem klassischen Weihnachtsmannkostüm ausstaffiert, und Nico, gerade 20 Jahre alt und als Jultomte verkleidet, konnten Nikola verstehen, denn auch sie hatten ähnliche Hänseleien ertragen. Cordula war die Fünfte in der Runde und trug ein Hexenkostüm. Sie hatten alle auch Masken dabei, die ihre Gesichter vollständig verbargen, und die sie jetzt jedoch in ihren Taschen ließen. Als Sechster hatte Ruprecht am Tisch Platz genommen. Ja, er hieß zu seinem Leidwesen wirklich so, und damit war sein Kostüm ebenfalls festgelegt: ein pelziges, schwarzes Teufelskostüm. Er war der Stratege unter ihnen und hatte die Generalprobe einberufen.

„Nur bei so einer Kostümprobe können wir sehen, ob man uns wirklich nicht erkennt und ob uns die Kostüme ausreichend Bewegungsfreiheit geben. Klaus und Igor, achtet darauf, dass eure Mäntel nicht zu lang sind, ihr könnt sonst nicht schnell laufen, falls das notwendig wird!“

In aller Öffentlichkeit besprach die illustre Runde ihre Pläne für die Weihnachtszeit. Zur Freude des Standbesitzers blieb es nicht bei nur einer Runde Glühwein. Viele Gäste des Weihnachtsmarktes freuten sich über die kostümierten Geschenkeboten, blieben stehen und bestellten ebenfalls heiße Getränke am Stand.

„Am Abend des gestrigen Nikolaustages fand in der größten Einkaufspassage der Stadt ein mysteriöser Raubüberfall statt. Die umsatzstärksten Geschäfte der Passage wurden um ihre Einnahmen gebracht. Die Täter wurden als Weihnachtsmann, Christkind, Weihnachtself oder -wichtel, Hexe und Knecht Ruprecht beschrieben. Sie alle verschwanden ohne Aufsehen zwischen den weihnachtlichen Attraktionen der Einkaufspassage“, berichtete die Nachrichtensprecherin a, 7.Dezember. Melanie schaltete das Autoradio ab und sah im Rückspiegel nach Jonas, der in seinem Kindersitz schlief. Gestern waren sie noch in dieser Einkaufspassage gewesen, die mit vielen passend kostümierten Schauspielern und Schauspielerinnen mehr Publikum anlocken und diese in Kaufstimmung bringen wollte. Das war auch gelungen – zum Vorteil der „Weihnachtsbande“, wie sie von den Medien nun plakativ bezeichnet wurde. Jonas hatte sich so gefreut, dass seine Mutter ihm die Figuren aus seiner vorweihnachtlichen Gute-Nacht-Geschichte dort alle zeigen konnte. Mit dem Jultomte, Väterchen Frost und der Hexe Befana, die er alle noch nie gesehen hatte, hatte er sogar Fotos machen dürfen – für Jonas das größte Highlight in der Adventszeit.

Am 23. Dezember traf sich die Weihnachtsbande erneut für ihre letzten Absprachen am Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt, diesmal schon am frühen Nachmittag. Igor hatte Skiunterwäsche und einen extra dicken Weihnachtspulli unter seinem Väterchen-Frost-Kostüm und nippte gut gelaunt an seinem heißen Glühwein. Leider vermieste ihm Ruprecht die gute Laune: „Diesmal lasst ihr Trottel euch nicht wieder fotografieren! Ihr könnt von Glück reden, dass niemand die Fotos an die Polizei weitergeleitet hat!“

Am Heiligen Abend brachen Knecht Ruprecht und seine weihnachtlichen Gesellen und Gesellinnen beim größten Online-Händler der Region ein und stahlen sämtliche Waren, die als Retoure zurückgekommen waren. Der Online-Händler ließ diese Waren einfach nur vernichten, denn das war für ihn billiger, als sie erneut in den Handel zu bringen. Die Weihnachtsbande erbeutete jede Menge neuwertige elektronische Artikel, Schmuck, Modewaren, Spielzeug. Niemand wunderte sich über die weihnachtlich kostümierten Gestalten, die riesige Säcke gefüllt mit Geschenken davon schleppten – es war schließlich Heiligabend. Na ja, fast niemand: Melanie und Jonas fuhren im Auto gerade dort vorbei, als sie im Gänsemarsch die Beute zu ihrem Kleintransporter trugen. Melanie und Jonas kamen gerade von den Großeltern zurück, die Jonas sein erstes Smartphone geschenkt hatten. Kaum war der Akku geladen, hatte Jonas ständig Fotos von allem und jedem gemacht. Nun fotografierte er die Weihnachtsgestalten im Gänsemarsch, Knecht Ruprecht und das Christkind gleich vorneweg. Dummerweise trugen diese diesmal keine Masken zu ihren Kostümen, wie Jonas betrübt feststellte. Aber die Kamera war wirklich toll, selbst wenn man aus einem fahrenden Auto knipste. Die gute Straßenbeleuchtung hatte natürlich geholfen.

Am 25. Dezember überfiel die Weihnachtsbande die Bankfiliale, die direkt am Weihnachtsmarkt lag. Bei ihren wiederholten Besuchen am Glühweinstand hatten sie sie vorher gründlich ausspioniert. Bei dem Trubel auf dem Marktgelände war niemand stutzig geworden, diese kostümierten Gestalten gehörten doch offensichtlich zum Programm. Nun war der Platz menschenleer. In der Innenstand wohnte kaum jemand, so dass es auch keine Zeugen für den Bankraub gab. Santa Klaus, wie er in der Runde nur noch genannt wurde, war so umsichtig gewesen, die Überwachungskameras der Bank mit Farbe zu besprühen. Leider war Igor weniger umsichtig als er mit seinem Mantel an einer Türklinke hängen blieb und sich hektisch losriss. Ein Stück von dem billigen blauen Stoff mit Kunstpelzrand war das einzige Indiz, das die Polizei später finden konnte. Es brachte die aufmerksamen Beamten auf die Verbindung mit dem Überfall auf die Einkaufspassage.

„Nikolaustag, Heiligabend und der 1. Weihnachtstag – das ist doch kein Zufall“, meinte Hauptkommissarin Thomsen. Die Soko „Weihnachtsbande“ war am 2. Weihnachtag einberufen worden.

„Na, zum Glück ist Weihnachten ja jetzt vorbei!“, der Polizist hielt seinen Spruch für klug und witzig.

„Nein, nein“, warf seine Kollegin Carina Marino ein. „In Italien feiern wir erst am 6. Januar Bescherung, wenn die heiligen drei Könige kommen und die Hexe Befana Geschenke für die Kinder bringt.“ Als Kind hatte sie die Weihnachtsferien oft bei den Großeltern in Italien verbracht und sich ziemlich vor der Hexe gegruselt.

Doch leider hatten die Beamten keinerlei Anhaltspunkte um vorherzusehen, ob und wo ein weiterer Überfall geplant sein könnte.

Carina Marino sollte Recht behalten. In der Nacht vom 5. Auf den 6. Januar wurde ein Juwelier überfallen, der gerade einige besonders hochwertige Schmuckstücke im Tresor aufbewahrt hatte. Am Tatort fand man keinerlei Spuren bis auf eine Hexenmaske. Diese war allerdings gründlich desinfiziert und gereinigt worden, bevor man sie dort platziert hatte. Mit besten Grüßen von der Weihnachtsbande. Die Polizei ermittelte vergeblich, die dreisten Täter wurden nie gefasst.

Keiner von ihnen hat je erfahren, dass der kleine Jonas sehr gelungene Fotos der Mitglieder der Weihnachtsbande hatte. Die Hexe Befana, Väterchen Frost und der Jultomte, die in der Einkaufspassage fröhlich für Bilder mit Jonas posierten, die seine Mutter mit ihrem Handy aufnahm. Die Bande, als sie mit dem Diebesgut vom Online-Händler im Gänsemarsch zu ihrem Kleintransporter marschierten und keine Masken trugen – festgehalten auf Jonas‘ neuem Smartphone mit der ausgezeichneten Kamera.

Es hat auch nie jemand erfahren, von wem all die nützlichen Dinge wie Kleidung, Spielwaren und Elektroartikel und die in großen Mengen gekauften Lebensmittel und Medikamente kamen, die sich im Kleintransporter auf den Weg nach Osteuropa zu den Menschen in den Flüchtlingslagern machten. Ruprecht am Steuer des Kleintransporters pfiff leise ein Weihnachtsliedchen vor sich hin. Die Weihnachtsbande nahm ihre Rolle als Überbringer von Geschenken sehr ernst. Der Weihnachtsmann und seine Helfer und Helferinnen kamen eben zu jedem, der es sich wünschte. Na ja, und manchmal auch zu denen, die es sich nicht wünschten. Auch in diesem Jahr.

Adventskalender MiniKrimi am 2. Dezember


Eigentlich sollte es heute ein Schneechaos-Krimi werden. War ja selbst mittendrin in den nicht enden wollenden nassen Schneemassen, die sich über München ergossen. Aber dann erzählte mir mein Sohn von einer Krimi-Idee, die ihm – er ist Anästhesist – mal im OP gekommen war. Er warf mir die Gedankenknochen hin. Und ich fand das Thema so spannend, dass ich Fleisch dransetzte (die Allegorie habe ich natürlich mit Absicht gewählt). Et voilà. Schnee kommt dann morgen. Vielleicht.

Am I legend?

„Was ist denn das für ein Geräusch? Der Wecker! Ich hab verschlafen!“ Er setzt sich auf, die Augen noch halb geschlossen, und schiebt die Beine über den Bettrand. Oder vielmehr: er will, aber es gelingt ihm nicht. Irgend etwas fesselt ihn. Das Piepsen wird eindrindlicher. Er öffnet die Augen. „Wo bin ich?“ Das ist nicht sein Schlafzimmer, sondern ein gekachelter Raum mit einer Unmenge an Geräten rund um sein Bett, das nicht mehr als eine schmale Liege ist. „Was hab ich da im Gesicht?“ Er reißt sich die Maske herunter und starrt auf den Tubus, der von ihr zur Quelle des Geräusches führt, das ihn geweckt hat. Ihm wird schwindlig. Er schließt die Augen, lässt sich auf die Liege zurücksinken und versucht, sich zu erinnern. Egal an was.

„Ja. Heute war der Termin für meine Karpaltunnelsyndrom-OP. Ich war schon Tage vorher sp aufgeregt, dass die Ärztin mir zu einer Vollnarkpse geraten hatte. Meine Frau hat mich in die Klinik gefahren. Ich habe die Ärztin gsprochen, dann kam der Anästhesist. Und dann?“

Blackout. Die Ärztin? Die Assistenz? Pflegeperspnal? Keiner da? „Hallo!“, ruft er. Er atmet tief ein. Hebt den Kopf. Schaut sich um. „Verdammt! Bin ich im falschen Film oder hab ich nen Albtraum?“ Um ihn herum verteilt im kleinen Operationssaal liegen die Ärztin und ihre Assistenz, der Anästhesist, eine Krankenschwester. Alle reglos. Langsam und mühevoll richtet er sich auf. Die Ärztin hat noch das Skalpell in der Hand. Sie sieht friedlich aus. Vielleicht ein klein wenig erstaunt. Jedenfalls nicht verwundet. Aber woher kommt dann das Blut. das auf ihre blassen Lippen tropft? „Das bin ja ich! Ich blute! Die haben mich aufgeschnitten und nicht mehr zusammengenäht!“ Tatsächlich klafft in seiner linken Hand eine tiefe Wunde. Zu tief für den geplanten Eingriff. „Was geht hier vor? Wollten die mich umbringen?“ Nun, das scheint jedenfalls gründlich schiefgegangen zu sein.

Er steht auf. Dabei reißt er sich alle möglichen Drähte und Schläuche vom Körper. Ihn fröstelt. Kalt hier. Vor allem in dem dünnen OP-Hemd. Er muss hier raus und jemanden finden, der ihm hilft. Der ihm erklärt. was passiert ist. Was das hier soll.

Im zentralen Aufwachraum stehen einige Betten mit Patienten. Alle reglos. Alle blass. Genauso tot wie die Leute hinter der Theke.

Jetzt wird er wütend. „Was ist denn das für ein Schlendrian? Es ist wirklich höcshte Zeit, dass sich etwas ändert. Als erstes werde ich die Handchirurgie schließen. Die Abteilung bringt nicht nur zu wenig Kohle, die Leute sind die reinsten Zombies.“

Da kommt ihm ein Verdacht. Sollte der kaufmännische Leiter der Klinik nach dem Gespräch mit seinem neuen Investor trotz ihrer Abmachung geplaudert haben? War die OP ein abgekartetes Spiel, um ihn an der Übernahme des Krankenhauses und den geplanten Schließungen zu hindern?

Aber warum sind dann die anderen tot – und nicht er? Systematisch durchkämmt er das Haus. Und findet überall Leichen. Ohne erkennbare Verletzungen, ohne verkrampfte Gesichtszüge. Aber ganz offensichtlich leblos.

Er irrt durch menschenleere Flure, zieht eine rote Blutspur hinter sich her wie den Ariadnefaden. Keine Menschenseele. Oder vielleicht doch, aber dann nur noch Seelen. Schließlich gelangt er zu einer massiven Metalltür. ‚Kontrollraum‘ steht auf einem angegrauten Schild an der Wand. Daneben ein Knopf. EIn leichter Druck, und die Tür gibt die Sicht frei auf die Kommandobrücke eines veralteten Raumschiffs. Gleich wird Käptn Kirk sich von seinem Thron erheben und…. Da ist er schon. Allerdings sieht er weniger wie ein Sterneflotten-Kommandant aus. Eher wie Rambo. Ein Muskelpaket mit tätowiertem Hals.

„Hey, was machst du hier? Warum? Warum? Bist du nicht tot, wie die anderen? Du musst das Cyanid doch auch eingeatmet haben?“ „Cyanid? Keine Ahnung, was für ein Stoff da in meinem Beatmungsgerät war“, anwortet er.

„Sch…..!“ grunzt Rambo und greift in die geräumige Tasche seines weißen Kittels. „Fehler meinerseits. Da hab ich in der Ausbildung nicht aufgepasst. Wenn du beatmet wirst, kriegst du das Gas natürlich nicht mit. Aber egal. Stirbst du eben später.“ Jetzt hält er eine Spritze in der Hand und hebt drohend den Arm. „Aber warum? Was ist denn hier los?“ „Was hier los ist? Ich hab gerade so meine Krankenpflege-Ausbildung geschafft. War tierisch kompliziert. Dann wollte mich keiner nehmen – Pflegenotstand hin oder her. Ich sei zu unberechenbar und psychisch instabil. Und als ich endlich doch ne Stelle gefunden habe, hier, da kommen Sie und wollten einfach meine Abteilung dichtmachen. Aber nicht mit mir! Ich lass euch alle hops gehen. Sie und die anderen eingebildeten Idioten hier. Ihr steckt doch alle unter einer Decke. Hättet mir wenigstens eine Chance geben können!“

Jetzt stehen sie sich gegenüber. Blitzschnell hebt der Pfleger die Hand und jagt die Spritze in seinen Feind.

„So, das war’s. Hallo? Herr Meister? Hallooo! Ah, da sind Sie ja. Willkommen zurück. Hatten Sie einen schönen Narkosetraum?“

Der Investor starrt den Arzt wortlos an. Später, auf dem Weg nach Hause, fasst er den Entschluss, sich nochmal gründlich über das Krankenhaus zu informieren, bevor er endgültig in die Finanzierung einsteigt.

MiniKrimi Adventskalender 2023


Ein paar Worte vorweg

Ja, meine Lieben: es ist wieder soweit! Und diesmal könnte der Advent nicht vorweihnachtlicher beginnen. Denn auch wenn Schnee dort, wo Weihnachten seinen Ursprung nimmt, nämlich in Palästina, nicht zum jahreszeitlichen Standard gehört – für uns kommt die Zeit rund um das Fest gefühlt am besten weiß daher. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass wir uns gerade jetzt so gerne an unsere Kindheit erinnern. „Leuchtet der Himmel rit: Christkind backt Kuchenbrot.“ „Von drauß vom Walde komm ich her..:“. Oder „Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft.“

Ja. Solche Erinnerungen sind ein Privileg, das nur wenige Menschen weltweit teilen. Gerade jetzt, so kommt es uns vor, sind so viele von Krieg und Leid betroffen. Ganz in unserer Nähe. Und in dem Landstrich, in dem das Christentum seinen Ursprung hat. Aber die Wahrheit ist, dass es immer überall auf der Welt gewaltame Konflikte gibt. Und oft dauern diese über Jahrzehnte an, vor allem in Afrika und in Asien, aber auch in Südamerika. Und der jüngere Konflkt im Nahen Osten ist über hundert Jahre alt.

Was bedeutet das für uns und unser Weihnachtsgefühl? Dürfen wir das überhaupt, uns freuen? Über den Schnee, über den Duft nach Glühwein und Zimt? Auf das Fest, auf die Geschenke? Wenn um uns herum so viele Menschen leiden?

Die Antwort darauf müsst Ihr selbst finden. Mich machen die Erinnerungen an weihnachtliche Momente und die Vorfreude auf eine hoffentlich schöne Zeit empfindsamer und aufmerksamer für andere. Ich bin dankbar für alles, was ich habe und erhalte, für den Frieden, den ich leben darf. Und ich versuche, gerade jetzt noch bewusster darauf zu achen, dass jch nicht nur nehme, sondern gebe. Nicht nur den Menschen um mich herum, die ich kenne, schätze und liebe, sondern auch denen, die mir ganz zufällig begegnen.

Von Meister Eckhart ist der Satz überliefert: „Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht, und das notwendigste Werk ist immer die Liebe.“

So möchte ich es halten. Nicht nur, aber vor allem in dieser Adventszeit.

In diesem Jahr freue ich mich ganz besonders, dass mein MiniKrimi Adventskalender nicht nur von mir, sondern auch von meinen „Mörderischen Schwestern“ mit spannenden, mystischen, dramatischen, vielleicht auh komischen Geschichten gefüllt wird. Dazu gesellen sich hoffentlich wieder liebgewonnene Weggefährtinnen aus den letzten MiniKrimi Jahren.

Den Anfang macht heute eine Autorin, die ich als die (heute ehemalige) Präsidentin der Mörderischen Schwestern kennen und schätzen gelernt habe. Ihre Geschichte passt gut zu meinen Vorüberlegungen und ist ein nachdenklicher Anfang dieses Adventskalenders.

Morgen geht’s dann tragisch und komisch „zur Sache.“

Pupuze Berbers Geschichte ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Aber die Reflektion von Erlebtem, Gefühltem und Gedachten aus ihrer Kindheit in einem türkischen Dorf ist voller Dramatik.

Danke, liebe Pupuze Berber, für diesen Beitrag.

Mehr von und über Pupuze Berber lest Ihr hier: https://pupuze.de/pupuze-berber/

Adventskalender MiniKrimi vom 1. Dezember

Die Bürde der Kindheit

Es fällt mir schwer, nach so langer Zeit zu rekonstruieren, warum ich ausgerechnet an diesem Tag einen Witz brauchte, und wie ich auf die Idee kam, einen zu erfinden. Ich und ein Witz, das ist an sich schon witzig. Ich kann nicht mal welche erzählen. Möglicherweise ist dieses Achtsamkeitsbuch schuld. Achtsam sein. Nicht die Gedanken einfach so frei lassen, wie meine Großmutter ihre Kühe aus dem Stall, sondern ihnen bewusst auflauern und merken, wohin sie gehen. Das tat ich dann auch. Ich ließ meine Gedanken grasen in dem verregneten Grün, aber das machte den Kühen rein gar nichts aus. Sie waren verrückt, sprangen vor Freude in die Luft, muhten laut, verdrehten ihre Augen, warfen den Kopf hin und her, konnten sich nicht satt sehen und riechen an der feuchten Luft und den vielen Trieben, die kurz davor waren, aus der Erde zu schießen. Der Frühling war da! Was so ein Winter aus uns macht?

Dann sah ich die erste Verkaufsbude, die Läden zwar noch geschlossen, aber das würde sich bald ändern. Endlich. Der Spargel und die Erdbeeren. „Wo bleibt der Witz?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich pfiff und holte meinen Gedanken zurück von der Bude und hin zu Herrn Becker. Es würde nicht so schwer sein, auf Kosten des Politikers Witze zu machen, denn er hatte die Wahl verloren. Seine vielen Plakate lagen geknickt am Boden. Vermutlich hatten sich Jugendliche einen Spaß erlaubt, neben dem Auftragen des kurzen Bärtchens auf Kandidatenoberlippen. Ich wollte mir den Spaziergang ein wenig spaßiger gestalten, wenn ich schon trotz Regenschirm nass wurde. Also machte ich ein paar gedankliche Anläufe, um einen Witz zu kreieren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat nichts verloren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Er hatte keine Wahl zu gewinnen.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat gewonnen.

Herr Becker hat die Wahl nicht vermehren können, weil er nicht wusste wie. Die Wahl ist gestorben.

Herr Becker hat die Wahl verloren und nicht wiedergefunden. Er könnte nicht mal einen Regenwurm finden.

Meine Witze waren zum Schreien schlecht.  Und der Regen war inzwischen so stark, dass ich Mühe hatte, voranzukommen, ohne auf die vielen Regenwürmer zu treten. Ich lief achtsamer. Es war interessant, zu beobachten, wie sie sich fortbewegten. Der vordere Teil raffte sich ineinander, woraus dann der Kopf nach vorne schoss und den hinteren Teil nach sich zog. Ich kniete nieder und schoss mit Mühe ein Foto. Und dann machte ich noch ein Video, um genau diese Bewegung festzuhalten. Im Innern des Wurms sah ich weiße kleine Kügelchen, und ich könnte behaupten, er habe Styropor gefrühstückt, aber weder wusste ich, ob Regenwürmer frühstücken, noch von was sie sich ernährten. Fraßen sie sich nicht durch die Erde hindurch, um sich fortzubewegen, und behielten das Nahrhafte nicht bei sich? Ich setzte meinen Weg fort.

Wie vermehrten sich Regenwürmer? Legten sie Eier? Hatten sie ein Geschlecht? Ich stellte mir diese Fragen und kannte die Antworten tatsächlich nicht. Was wusste ich über Regenwürmer? Nichts. Oder doch? Hatte ich nicht wegen Regenwürmern jahrelang Panik, bei Regen einzuschlafen? Und das kam so:

„Das ist eine wahre Geschichte. Eine Frau hat sie mir im Krankenhaus unter Tränen erzählt“, hatte Mutter mit ihrer Erzählung begonnen. Ich war fünf Jahre alt, als ich sie hörte.

„In einem Dorf…“, fuhr sie fort. Sie hatte nicht erwähnt, wie dieses Dorf hieß oder wo es war, es könnte auch unseres gewesen sein, denn damals hatte ich noch keine Vorstellung von der Größe der Welt. Ich kannte nur unser Dorf und die kleine Stadt, in der ich zweimal beim Arzt und einmal beim Fotografen gewesen war. Und weil mir diese Geschichte so eine entsetzliche Furcht einjagte, verortete ich den Vorfall sehr weit weg von uns. So waren ich und alle anderen Kinder geschützt, dachte ich.

„…lebte eine Stiefmutter. Sie hatte zwei Stiefkinder, die sie loswerden wollte, und zwar so unauffällig und natürlich wie möglich. Denn die Kinder hatten Vater, Oma, Opa, Tanten, Onkel, also ein ganzes Dorf, das sie beschützte. Also sammelte die Frau Regenwürmer, wenn es regnete.“ Leider regnete es bei uns sehr oft.

„Nachts, wenn die Kinder schliefen, schlich sie sich zu ihren kleinen Köpfen und setzte die Regenwürmer in deren Nasenlöcher. Die Würmer fraßen sich durch den Rotz bis zum Gehirn durch. Und auch dort fraßen sie weiter und nisteten sich ein.“ Das Gehirn war ihre Erde geworden, nie regnete es, nie mussten sie raus, so wie ich heute.

Wegen dieser Geschichte – denn bald wussten alle im Ort darüber Bescheid und erzählten es in diversen Varianten, fügten weitere grausame Details hinzu, machten aus zwei Kindern drei, vier, oder fünf, manch einem reichte das nicht aus, und auch die Großeltern der Kinder mussten dran glauben, bei manchen sogar das frisch gekalbte Rind inklusive aller eierlegenden Hühner und so weiter – hatte ich aus kindlicher Neugier einen Regenwurm zerteilt. Anstatt zu verbluten, wie mein Kälbchen beim Schlachten, bewegte sich jede der Hälften in unterschiedliche Richtungen.

Die Regenwürmer würden sich also im Kopf der Kinder in Ringe teilen wie Salamischeiben. Und aus jeder Scheibe würde ein eigenständiger Wurm heranwachsen und anfangen, sich im Gehirn durchzufressen. Und auch diese Würmer würden sich teilen und vermehren und…

„Sie fraßen, und fraßen, bis sie nichts mehr hatten. Als der Raum im Schädel leer war, waren die Würmer vor Hunger verzweifelt und fielen übereinander her. Und weil sie so viele geworden waren, krochen sie aus Nase, Ohren und Augen der Kinder wieder heraus. Die Unglücklichen waren da schon längst tot, Gott hatte Erbarmen gehabt. Die Verwandten beweinten sie und vermuteten, die unaussprechliche Krankheit habe sie in kurzer Zeit dahingerafft. Die kleinen Körper wurden unter Tränen gewaschen, in weiße Tücher gewickelt und, geschnürt wie kleine Bonbons, der nassen Erde übergeben.“

Mutter hatte die Geschichte nicht so erzählt, ich übertreibe wieder, wie immer. Sie hatte in ihrer Version nichts ausgeschmückt, nichts erklärt, und hörte auf, als die Stiefmutter den Kindern die Regenwürmer in die Nase legte und diese daraufhin starben. Sie wusste nicht mal, dass ich lauschte, während sie mit den anderen Frauen am Feuer saß und erzählte. Sie wusste nichts über den Kopierungsvorgang der Regenwürmer durch Sprengung der Körperringe, das hatte ich mir ausgedacht und mich dadurch schlimmsten Ängsten ausgesetzt. Ab da schlief ich bei Regen nicht ein. Denn da kamen sie aus der Erde.

Und Mutter… ich nannte sie Mutter, aber…war sie meine Mutter? Einmal war ich mitten in der Nacht hochgeschnellt und saß nun kerzengerade im Bett. Meine Körperhaare hatten sich aufgestellt wie die Stacheln eines Igels, kalte Schauer rannen mir den Rücken hinunter wie Regenfäden am Fenster. Sie war definitiv nicht meine Mutter,  und sie würde mich umbringen! Mit Regenwürmern!

Heute weiß ich, auch dank des Achtsamkeitszwangs, warum ich an Mutter gezweifelt hatte. Das Chaos meiner Kindheitstage konnte ich glücklicherweise entwirren, und die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge hatten mir vieles erklärt. Denn diese vermeintliche „Wahrheit“ hatte ich erfahren, als ich etwas jünger gewesen war, das lag ein halbes Jahr zurück, und daran hatte ich mich in dieser Nacht erinnert.

Wie alles andere, war auch das meiner Neugierde geschuldet. Meine Großmutter und ich waren mit den Kühen unterwegs gewesen, ließen sie grasen. Sie hatte ihr Strickzeug dabei, ließ die Wolle von einem Stoffbeutel über ihren Nacken zu ihrem linken Zeigefinger gleiten und strickte, hinter dem Vieh herschlendernd, Wollsocken für den Winter. Ich inspizierte rote Käfer, machte mit den Zähnen verschiedene Muster in große Bohnenblätter, suchte nach Heidelbeeren, bis ich die Unterhaltung von zwei Frauen hörte, die auf dem Weg zur Mühle waren.

Die Jüngere sagte: „Sie kommt aus Aron, was willst du machen.“

Die Ältere schnalzte drei Mal mit der Zunge, drehte dabei ihren Kopf von rechts nach links und antwortete: „Dabei sage ich immer: wenn dein Rock eine aus Aron berührt, zieh ihn aus und verbrenne ihn.“ Erst hatte mich diese Unterhaltung nicht weiter beschäftigt, meine Umgebung, Großmutter und die Kühe boten viel Abwechslung. Doch zu Hause, als wir bettfertig gemacht wurden, fragte ich Mutter, woher ich kam.

Vermutlich schickte es sich nicht, mir die Wahrheit zu sagen, nämlich dass ich die Frucht ihres Geschlechtsverkehrs mit meinem Vater sei. Stattdessen antwortete sie:

„Dich habe ich in Kestanlik gefunden.“ Ausgerechnet Kestanlik. Das ist noch heute ein dunkler steiler Abhang mit Esskastanien, daher kommt der Name, von der Kastanie. Natürlich wollte ich auch wissen, wo sie meinen jüngeren Bruder fand.

„In Düz“.

Das traf mich hart. Düz ist vielleicht der schönste und ebenste Platz in unserem bergigen Dorf, wo wir Ball spielen konnten, ohne ständig den den Hang heruntergerollten Ball suchen gehen zu müssen, was sehr anstrengend war, denn wir waren mehr hinter dem Ball her als beim Spielen. Er ist aus Düz und ich aus Kestanlik. Mein Bruder und ich stammten also nicht aus demselben Ort. Sind wir denn überhaupt noch Geschwister? Ist er mein Bruder? Ist sie dann meine Mutter? Die Sonne schien im Hof, und sie knetete in der Zinkwanne die Schmutzwäsche mit ihren Händen wie Brotteig. Ab und an stiegen Seifenblasen über ihren Kopf. Mein Bruder hatte seinen Spaß und wollte sie fangen, doch sie zerplatzten, sobald er sie berührte. Er schrie vor Freude und jauchzte über die zerplatzten Laugenblasen, immer und immer wieder, bis er hinfiel und seine Nase blutete, Mutter ihre Hände an ihrem Rock abtrocknete und sich um ihn kümmerte. Dieser Trottel, da war ich fast froh, mit dem nicht verwandt zu sein.

Aber dann war ich ganz allein.

Agentur zweites Glück


Das ganze Jahr über waren in der eleganten Siedlung am Rande von München Hunde gestorben. Im Frühling Milka, dann über den Sommer verteilt Edi, Nero, die Chihuahuadame Chéri und im Spätherbst der West Highland Terrier Soda. Elvira Obermaier, Mitte vierzig, rote Locken, wacher Blick, bekam dieses Hundesterben nur deshalb mit, weil sie auf ihren Gassigängen mit ihren Dobermännern Emma Peel und John Steed immer weniger Menschen begegnete.

Da sie nicht unter einem beschädigten Selbstwertgefühl litt, glaubte sie keinen Moment daran, dass ihr plötzlich alle Hundebesitzer nacheinander aus dem Weg gingen. Deshalb fragte sie ihre Nachbarin Silke. Die Antwort war ebenso plausibel wie aufschlussreich – und, wie sich herausstellen sollte, folgenschwer.

Nach dem Umzug an den Stadtrand und begünstigt durch immer häufigere Homeoffice-Tage hatten sich viele Bewohner*innen über die Jahre einen Hund zugelegt, ziemlich gleichzeitig und aus der gleichen Motivation heraus: Sie wollten Bewegung in grüner Umgebung, und weil sie allein zu faul zum Laufen waren, musste ein Hund her. Natürlich gewöhnten sie sich an ihre vierbeinigen Trimm-Dich-Partner, und Silke berichtete Elvira von den abenteuerlichsten Formen, die die Trauer um den verlorenen Freund annahm, wenn er aus mannigfaltigen Gründen, sei es Alter, Verfettung oder einfach nur Rattengift, aus dem Leben schied. Weil die Bestattung im eigenen Umfeld sich oft als problematisch erwies, hatten die meisten ihren Liebling verbrennen lassen. Die Urnen in den schillerndsten Farben und bizarrsten Formen zierten nun Kaminsimse und Nachttischchen. Einige hatten sogar Statuen von Cora, Apollo oder Lumpi anfertigen lassen – komplett mit einem Erinnerungsdiamanten in Herzform aus der Asche ihrer Schätzchen.

Elvira verbrachte mit Emma Peel und John Steed ein paar begegnungsarme Wochen im nahegelegenen Wäldchen. Doch als es auf Weihnachten zu ging, traf sie am Morgen just dort das Ehepaar Wagner, beide in nagelneu glänzenden Gummistiefeln, mit Pfeifen und Kotbeuteln gefüllten Funktionsjacken und – einem Labradorwelpen. Labradore waren im Moment offenbar sehr en vogue, denn schon eine Woche später begegnete ihr Frau Hausmann, ebenfalls mit einem Labrador, allerdings aus dem ungarischen Tierschutz und völlig unzähmbar. Nach und nach kamen ihr auf den Morgen-, Mittags- und Abendrunden wieder die gleichen Menschen entgegen wie im letzten Jahr, vor dem großen Hundesterben.

Leider waren viele Besitzer mit ihren neuen Hundebabies erziehungstechnisch restlos überfordert, im Gegensatz zu Elvira. Ihre imposanten und natürlich nicht kupierten Dobermänner gehorchten aufs Wort. Sie überlegte schon, eine Welpenschule zu gründen – ihre 1-Frau-Werbeagentur lief momentan nicht besonders gut, und sie war auf der Suche nach einem zweiten beruflichen Standbein – da kam ihr eine viel bessere Idee.

Denn nach den Hunden hatten in ihrer Umgebung im letzten Frühling auch etliche Ehemänner das Zeitliche gesegnet – nach dem gleichen Prinzip: Die Ehepaare, die vor rund einem Jahrzehnt eingezogen waren, um hier ihren Lebensabend beschaulich zu genießen, waren in die Jahre gekommen, in denen, rein statistisch gesehen, Männer, in diesem Falle Ehemänner, eben sterben.

Auch wenn Elvira von keiner Witwe gehört hatte, die die Asche ihrer verstorbenen Hälfte in einer Urne auf dem leeren Kopfkissen lagerte („Gute Nacht, Erich, jetzt stört es dich ja nicht mehr, dass ich noch lese“) oder ihn als Diamant an Finger oder Busen trug – die verwitweten Damen trauerten. Und die mitfühlende Elvira dachte darüber nach, wie sie diese Trauer lindern könnte.

Sie besuchte eine Dame nach der anderen, mit Kuchen und einem schnell wachsenden Din A 4 Ordner. Sie kam einmal, zweimal, dreimal. Und irgendwann sah man Frau Weber den mäandernden Weg um die Siedlung an der Seite eines gut und gepflegt aussehenden Mannes entlangschreiten, der sogar viel besser zu ihr zu passen schien als der Ex. Sie wirkte um Jahre jünger, und bald taten es ihr andere Witwen gleich und traten mit Elvira in Kontakt.

Kurz darauf stellte Elvira sogar eine Headhunterin ein, denn die Wünsche der Witwen waren teilweise sehr exklusiv. Die Tatsache, dass es in ihrer Alterskategorie naturgemäß weniger Männer als Frauen gab, fiel nicht ins Gewicht, denn die Damen wünschten sich ohnehin lieber etwas Frischeres.

Die Nachfrage war so groß und die Warteliste so lang, dass Elvira schließlich einige Bewohnerinnen, von denen sie wusste, dass sie eventuell in einer nicht allzu fernen Zukunft auf sie zukommen würden, sehr dezent darauf hinwies, dass eine rechtzeitige Reservierung – ggf. sogar noch zu Lebzeiten des Angetrauten – von Vorteil sein könnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Frau Dr. Kramer-Weidenhoff! Elvira mochte die elegante 80-jährige besonders gern, denn sie wusste, dass das Leben mit dem exzentrischen und schon vor der einsetzenden Demenz aggressiven Wissenschaftler Prof. Dr. Dr. Weidenhoff kein Zuckerschlecken gewesen war. Sie gönnte der alten Dame von Herzen einen goldenen Lebensherbst, und deshalb schauten sie sich die Fotos in dem beträchtlich gewachsenen Ordner ganz besonders intensiv an. Und wurden schließlich fündig. Leonardo von Medberg hatte zwar kein Vermögen, dafür aber exzellente Manieren – und den innigen Wunsch, gut (aus)gehalten zu werden. Treu war er mit Sicherheit, dafür war ihm eine stabile Zukunft zu wichtig. Alles schien perfekt.

Doch der demente Professor hing an seinem Dasein mit einem geradezu eisernen Willen und weigerte sich hartnäckig, den Platz für ein zweites Glück seiner Frau zu räumen. Gleichzeitig tyrannisierte er die Ärmste mehr denn je. Einmal entdeckte Elvira sogar blaue Flecken an den faltigen Armen. Und Leonardo wurde langsam ungeduldig. Immerhin war Frau Dr. Kramer-Weidenhoff nicht die einzige Seniorin auf Freiersfüßen.

Die Situation spitzte sich zu.

Da schritt Elvira, die ehemalige Krankenschwester, zur Tat.

Sie hatte erwartet, dass ihr Gewissen sie plagen würde. Sie hatte befürchtet, bei den Damen in ihrer Kundeinnenkartei unter Verdacht zu geraten. Sie hatte geträumt, dass die Polizei sie festnehmen und des Mordes überführen würde.

Aber weit gefehlt!

Vielmehr sah Elvira Obermaier sich schon nach kurzer Zeit genötigt, die Agentur um ein ganz spezielles „Rundum-sorglos“ Angebot zu erweitern.

MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Mini Bibel Thriller: Das Abschiedsgeschenk


Merle und David waren eigentlich schon immer zusammen. Als Nachbarskinder zogen sie zu Halloween als Hexe und Vampir von Tür zu Tür und teilten sich die gesammelten Süßigkeiten. In der Grundschule saßen sie so lange nebeneinander, bis die anderen anfingen, sie deshalb zu hänseln. Irgendwann zwischen Tanzkurs und Abi hatten sie dann ihre erste gemeinsame Nacht. Und allen war klar: Merle und David gehören zusammen, sind einfach DAS Paar.

David machte nach der Schule eine Lehre als Bankkaufmann und stieg schnell im Devisenbereich auf. Merle wusste nicht so recht, was sie studieren sollte. Schließlich entschied sie sich für Sozialpädagogik. Da hatte David schon einen Karriereboost hingelegt und wurde von seiner Bank ins Ausland geschickt. England, dann Spanien. Merle machte verschiedene Praktika bei Wohlfahrtsverbänden und Projekten. Dazwischen jobbte sie als Kellnerin.

Wenn David nach Hause kam, erzählte er vom spannenden Leben in London und Barcelona. Von der Hektik an der Börse, von brenzligen Situationen und davon, wie er sie gerettet hatte. Als er immer weniger davon berichtete, wie er seine Freizeit verbrachte, begann Merle notgedrungen, sich ein Leben ohne ihn vorzustellen.

Und dann war da noch Jonas. Den kannte sie eigentlich schon genauso lange wie David. Jonas wohnte im Haus gegenüber und war ihr bester Freund. Er tröstete sie, als die Eltern sich scheiden ließen, er fälschte die Unterschrift unter dem schlechten Zeugnis. Half ihr beim Kellnern, holte sie ab, wenn es regnete. Kennt Ihr das Lied „Tausend mal berührt, tausendmal ist nix passiert…. Tausendundeine Nacht, und es hat boom gemacht“.

Jonas hatte Merle schon immer geliebt. Jetzt waren sie ein Paar. Zogen zuhause aus und in eine kleine gemeinsame Wohnung. Bescheiden, denn Jonas machte sich gerade selbständig mit einem Weinladen. Öko und Orange Weine waren seine Nische. Als Merle eine Festanstellung in einem Projekt für Kinder mit psychischen Entwicklungsstörungen bekam, brachte Jonas vorsichtig das Thema Verlobung zur Sprache. „Hm. Ja, warum nicht? Aber eigentlich geht’s uns doch auch so sehr gut, oder?“ Merles Reaktion hätte Jonas auf die zukünftigen Ereignisse vorbereiten können. Aber er zog es vor, darüber hinwegzuhören.

Und dann kam David zurück. Ohne Job, ohne allzu viel Geld – denn er hatte sich verspekuliert – und ohne Frau. Er saß eines Abends in der Kneipe, in der Merle nostalgiehalber noch samstags kellnerte. Nachdem alle gegangen waren, saß er immer noch da, und Merle daneben. David schüttete ihr sein Herz aus. Schonungslos ging er mit sich selbst ins Gericht. Und erwartete nichts von Merle. Vielleicht war es das. Vielleicht waren es die vielen Erinnerungen, die sie teilten und sich erzählten. „Hey, weißt du noch?“ „Wahnsinn, wie hieß dieser Typ, der uns damals fast…“ „Wenn ich mir vorstelle, dass wir beide in Las Vegas beinahe…“ Spätestens nach der zweiten Flasche Wein was das Ende vorprogrammiert.

Merle wachte in Davids möbliertem Einzimmerappartement auf. So gelöst, so rundum glücklich und vollkommen. Und als David mit einer Tasse Kaffee vor ihr stand, ein Löffel Zucker, zwei Schuss Hafermilch, war beiden klar: wir gehören zusammen. Wir sind ein Paar.

Merle ist ein zutiefst ehrlicher Mensch. Sie scheut keine Konflikte, bleibt bei der Wahrheit, auch, wenn das schwerer ist als eine Lüge. Doch als sie in ihre Wohnung kam, waren keine Erklärungen nötig. Jonas saß am Küchentisch. Vor sich ein kalter Espresso. Er blickte aus dem Fenster, ohne draußen etwas zu sehen. Aber so intensiv, dass Merle dachte, er habe sie nicht kommen hören. „Wann heiratet ihr?“, fragte er, ohne sie anzuschauen.

Das ist jetzt sechs Monate her. Gestern hat Merle Jonas zum ersten Mal seit diesem Sonntagmorgen wiedergesehen. Da kam er mit einer Flasche Wein zu ihren Eltern, wo Merle die letzte Nacht und die letzten Stunden vor der Hochzeit verbringt. „Merle, bitte. Ich kann nicht so ganz ohne dich leben. Lass uns Freunde sein. Wie früher. Hier, das ist aktuell mein allerbester Wein. Der ist nur für euch, für dich und für David. Ich lasse euch ein paar Kisten mit einer Auswahl aus meinem Laden ins Restaurant schicken. Als Hochzeitsgeschenk.“

„Ach, Jonas!“ Merle fällt ihm um den Hals. Küsst ihn links, rechts, und wieder links auf die Wange. „Dass du gekommen bist ist das allerschönste Geschenk. Du hast mir auch so gefehlt! Ja klar, wir sind Freunde. Für immer! Und David auch. Er mag dich. Wir müssen uns treffen, regelmäßig. So wie früher. Wir alle drei!“

Jonas erinnert sich nur schemenhaft und äußerst ungern an die paar Male, als er mit Merle und David unterwegs war. Früher. Sie waren das typische Pärchen, dass den ganzen Abend turtelt und die Begleitperson wie das völlig überflüssige fünfte Rad am Wagen behandelt. Nämlich gar nicht. Nein, Jonas will ganz bestimmt nie wieder etwas zu dritt unternehmen, mit den beiden. „Ja klar“, lächelt er und zwickt Merle kumpelhaft in die Schulter. Sie zuckt zusammen. „Au“. „Oh, sorry.“ Wie oft hat er diese Schulter massiert. Mit sanften Händen. Mit zärtlichen Lippen. Nein. Hör auf, Jonas. Das ist vorbei, weist er sich selbst zurecht.

„Wenn du mir sagst, wo ihr feiert, lass ich den Wein hinbringen.“ „Quatsch, Jonas. Du kommst natürlich zur Hochzeit! Nein, keine Widerrede. Jetzt, wo wir uns wiedergefunden haben, lass ich dich nicht wieder aus!“

  „Na gut. Dann sehen wir uns morgen. Soll ich eure Flasche dann auch wieder mitnehmen?“ „Nein. Die bekommt einen Ehrenplatz auf unserem Tisch. Bis morgen. Ich hab dich lieb!“ Merle drückt Jonas fest an sich, dann schließt sie die Haustür.

Jonas bleibt außen vor. Ausgeschlossen aus dem Leben, von dem er geträumt hatte und das schon zum Greifen nah war. Bevor David zurückgekommen ist.

„Das Leben geht weiter. Für die einen. Für die anderen…“, murmelt er vor sich hin. Dann steigt er ins Auto. Er hat noch einiges zu organisieren.

„Stell dir vor, Jonas spendiert uns den Wein für morgen. Was sagst du dazu?“ Zunächst ist David reserviert. Ganz hinten in seinem Kopf lauert immer noch die Eifersucht. Aber dann denkt er: Was soll’s. Jonas ist Merles ältester Freund. Der beste. Ist doch schön, wenn die zwei sich wieder vertragen. Und dass er uns den Wein schenkt ist ne tolle Geste!

Der Hochzeitstag bricht an. Und mit ihm die ganz normale Hektik. Wo sind die Ringe? Am Kleid fehlt ein Knopf! Wann kommt Papa mit dem Mercedes? Hilfe, die Blumen lassen die Köpfe hängen! Nur eines verspüren weder Merle noch David: Torschlusspanik und die Angst, einen Riesenfehler zu machen. Sie wissen: wir gehören zusammen. Ist das nicht schön?

Jonas hat sich sorgfältig angezogen. Seine Geschäfte gehen gut, er kann sich elegante Kleidung leisten. Wahrscheinlich hat er bedeutend mehr Geld zur Verfügung als David, im Moment. Aber Kohle hat Merle noch nie beeindruckt. Oder interessiert.

Es ist Zeit für die Kirche. Mit Schrecken stellt er fest, dass Merle ihn in der zweiten Reihe platziert hat, neben ihrer Schwester Jette. Sie ist auch ohne Begleitung da. Hoffentlich ist das kein Versuch, ihn zu verkuppeln! Denn Jonas hat sein Herz schon verloren. Damals. Und als die Liebe vorüber war, war sein Herz zerbrochen. Bis heute. Heute wird er es wieder ganz machen. Und füllen. Wenn schon nicht mit Liebe, dann mit Hass.

Die nächsten Stunden ziehen an Jonas vorbei, und er zieht mit, ferngesteuert. Lächelt fürs Gruppenfoto, hilft Merles Mutter aus dem Auto. Rückt Jette den Stuhl im Restaurant zurecht. Schon wieder neben ihm!

Gespannt schaut er zum Brauttisch hinüber. Sie sitzen ihm schräg gegenüber, nur einen Meter entfernt. Rote Rosen auf weißem Damast. Wie altbacken und kitschig. Typisch David. Weiße Teller, silberne Untersetzer, funkelnde Gläser. Und genau in der Mitte zwischen den Gedecken des Brautpaars prangt seine Flasche Wein. Das goldene Etikett fängt die Sonnenstrahlen ein, die durch die französischen Fenster fließen. Jonas greift automatisch unter seinen Stuhl. Dort steht in einem reich verzierten Präsentkorb eine zweite, identische Flasche. Schon geöffnet. Bereit, in der Panik vertauscht zu werden, die losbrechen wird. Gleich. Sobald das Brautpaar die Gläser gehoben hat.

Das Leben geht weiter. Für die einen. Aber für die anderen… endet es genau dann, wenn es am schönsten ist. Vermeintlich. Denn wer Wind säht, darf sich nicht wundern, wenn er Sturm erntet. So ist das, David. So ist das, Merle.

Genau in diesem Moment schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Eine einzige schwarze Wolke im ansonsten tiefblau ungetrübten Himmel. Ein Windstoß bläht die Vorhänge, und ein Donner zerschlägt die Sommerluft.

Merle zuckt zusammen. Sie greift nach Davids Hand. Es ist eine unbewusste Geste. Aber er umschließt sie, behutsam und sehr sanft. Und schaut sie an. Seine Frau. Mit einem Blick, so tief, so dunkel, so geborgen, dass Merle sich darin versenkt. Sie entspannt sich. Und dann – lächeln sich die beiden an. Ort- und weltvergessen. Yin und Yang. Ein Paar, das zusammengehört. Im Leben. Und danach.

Aber bis dahin haben die beiden noch einen langen gemeinsamen Weg vor sich. Das erkennt Jonas jetzt, nachdem die Brille aus Hass und Neid zersplittert ist, zertrümmert durch diesen einen mächtigen Donnerschlag.

Nachdem die Festgesellschaft sich von dem Schreck über den himmlischen Paukenknall erholt hat, greift Jonas zur goldenen Weinflasche. Schenkt seiner Frau und dann sich selbst etwas ein, steht auf und erhebt das Glas. Jonas starrt gebannt auf Davis Hände. Gelähmt. Dann, plötzlich, unvermittelt und beinahe ungewollt zieht er mit einem Ruck am Tischdamast. Krallt sich daran fest und kippt seitwärts mitsamt dem Stuhl zu Boden. Teller, Gläser, alles fällt. Die Gäste rufen, Merle reißt die Augen auf. In dem Tumult gelingt es Jonas, die Flaschen zu vertauschen. No harm done. „Mir geht’s gut. Der Donner hat mich umgehauen, buchstäblich. Sorry!“, entschuldigt sich Jonas und mimt den Zerknirschten.

Nun denn: Neue Gläser, neuer Inhalt. Und dann die Rede. Alle trinken auf das Brautpaar. Auch das Brautpaar.

Der Rest der Feier verläuft so, wie bei Hochzeiten üblich. Jonas tanzt mit Jette. Und wird von Merle abgeklatscht. Als er sie in seinen Armen hält, taucht er tief ein in ihren Duft und ist unendlich glücklich, dass er nicht zum letzten Mal mit seiner besten Freundin tanzt. Der Frau eines anderen. Ja. Aber ein Teil von ihr gehört zu ihm. Und das genügt ihm. Jetzt.

Und hier eine andere Schluss-Variante. Welche gefällt euch besser?

Es ist weit nach Mitternacht. Ganz hinten am Horizont lungert schon der neue Tag und wartet auf Einlass. Das Dunkel trägt einen rosenroten Saum. Merle geht an den verwaisten Tischen entlang, streicht mit leichten Fingern hier über eine welkende Rose, dort über ein gekraustes Blatt. „Ich kann es gar nicht glauben. Heute ist der Anfang unserer gemeinsamen Unendlichkeit“, sagt sie. Und dann: „Hey. Schau mal, hier unterm Tisch steht noch ne offene Flasche Wein. Komm, mein lieber Mann. Auf uns und unser Leben!“ Sie nimmt einen Schluck aus der Flasche und reicht sie David, der ebenfalls genüsslich daraus trinkt.

MiniKrimi Adventskalender am 24.Dezember/Heiligabend


Und heute kommt der zweite Teil. Etwas früher, um euch das Warten auf das Christkind zu verkürzen. Oder Ihr lest die Geschichte komplett in den nächsten Tagen. Vielleicht eignen sich die Raunächte ja besonders dafür.

Euch allen eine GESEGNETE, FIREDOVLLE WEIHNACHT. Danke, dass Ihr mir und meinem Kalender gefolgt seid.

Molotow Madonna Teil 2

Kapitel 5

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Molière

Frankfurt am Main, 21.6.2004, mittags

Der Kontrast zwischen dem schmalen Reihenmittelhaus in Eschersheim und Thomas luxuriöser Altbauwohnung könnte kaum größer sein. Und doch waren Thomas und Frank einmal unzertrennlich. Gleiche Ideen, gleiche Clique, gleiche Zigaretten, gleiche Frisur und gleiche Freundinnen. Wobei Thomas den Aufriss machte  und Frank den Tröster spielte. Bei Melanie war er hängengeblieben. Oder war sie seine große Liebe? Vielleicht, denkt Maria, denn in der Flüchtigkeit, mit der er seiner Frau einen Begrüßungskuss ins Haar haucht, auf den Scheitel zwischen weißer Haut und grauem Ansatz, liegt ein unendlich leiser Schatten alter Zärtlichkeit. Da sind sie schon über einen Haufen Turnschuhe gestiegen,  zwei zum Bersten volle Mülltüten und eine kläglich maunzende Perserkatze mit zerrissenem Ohr und coupiertem Schwanz.

Maria lehnt sich an den abgestoßenen Türrahmen, und die Katze schmiegt sich an ihr Bein. Wir stehen da wie Dominosteine, ein Wort von Frank, und wir kippen um, denkt sie. „Hättest du nicht mal den Müll raustragen können?“ Melanies Stimme ist hoch und spitz.  „Hier stinkt‘s wie im Scheißhaus. Und das Katzenklo macht auch keiner sauber. Ich hab seit fünf Uhr früh Regale eingeräumt, wenn ich heimkomme, kann ich wenigstens ein Minimum an Ordnung erwarten, oder? Und du hast wieder im Wohnzimmer geraucht!“ „Na und?  Das erste  was du machst, wenn du zur Tür rein kommst, ist meckern. Meckermeckermecker. Ja, hier stinkt’s nicht nur wie im Scheißhaus, das ist ein Scheißhaus. In einer Scheißstadt. Ich hab die Nase voll. Von hier, von dir, von diesem ganzen Scheißleben.“ Frank sieht eigentlich noch genauso aus wie vor 20 Jahren. Die Augen etwas aufgedunsen und die Haare nur unmerklich dünner, aber immer noch so leuchtend blond. Adonis, witzelte Justus. Und Frank wurde dann immer rot. Er wollte nicht wegen seines Aussehens beliebt sein oder geliebt werden. Er kam aus einer Arbeiterfamilie, sein Vater stand bei Opel in Rüsselsheim am Fließband. Grundschule, Gymnasium, Einserabitur. Frank war der Überflieger, und auch sein Jurastudium machte er mit Links. Das war es, was Thomas an ihm faszinierte. Justus schätzte Frank wegen seiner messerscharfen Urteilskraft. Als sie ihr Manifest  entwarfen, musste Frank jeden Satz lesen und freigeben. Nur, was vor Franks Urteil bestehen konnte, war gut genug für die Öffentlichkeit.

Melanie sonnte sich im Schatten ihres schönen klugen Freundes. Mit ihm heilten die Wunden, die Thomas in ihr Selbstbewusstsein gerissen hatte, als er ihr den Laufpass gab. Melanie, die Mitläuferin. Plapperte alles nach, Hauptsache, es klang nach Intelligentia und hatte mindestens drei Fremdwörter im Satz. Hatten sie ihre Rollen getauscht? Aber Frank war schon immer ein Denker gewesen, ein Träumer, ein Idealist mit einer Schwäche für Bücher und wissenschaftliche Theorien. Ohne diese Nacht säße er heute als Ordinarius für Jura an einer renommierten deutschen Uni. Stattdessen hockt er mit ausgebeulten Jeans, fettigen Haaren und Dreitagebart auf einem durchgesessenen Sofa. Und wartet auf Melanie, die abgelaufene Lebensmittel aus dem Supermarkt nach Hause bringt.

Auf dem Tisch stapeln sich Bücher. Juristische Fachliteratur. Zeitungsartikel über den Frankfurter Kessel 1984. Und über die spektakuläre Festnahme einer studentischen Terrorzelle unmittelbar vor einem Sprengstoffanschlag auf die Deutsche Bundesbank.

Frank scheint nicht im Mindesten überrascht, Maria zu sehen. Aber darüber wundert sie sich inzwischen nicht mehr.  Er begrüßt sie fast mit den gleichen Worten wie Peter. „Ach, Maria. Hallo. Du hast lange gebraucht. Sehr lange. Ich habe das kaum noch ausgehalten.“ „Hallo, Frank. Es …. tut mir leid. Ich wusste nicht…. Hast du auf mich gewartet?“ Maria bahnt sich ihren Weg zwischen Bergen von Illustrierten, schmutzigen Socken, einem Teller mit dem Rest eines Marmeladenbrötchens und einem Korb voll vergilbter Bügelwäsche. „Entschuldige das Chaos“, Frank wedelt mit der Hand von links nach rechts und betrachtet das kleine Reihenhauswohnzimmer, als sähe er es zum ersten Mal. „Ich muss mal wieder saubermachen. Weißt du, Melanie arbeitet viel, sie hat drei Jobs. Die Kinder sind ja nicht mehr klein, aber deshalb kosten sie nicht weniger, im Gegenteil. Es geht mir nicht gut, Maria. Ich habe Depressionen. Und keine Arbeit.“ „Es ist gut, Frank. Alles ist gut.“ Was für ein blöder Satz. Justus hätte ihn ihr um die Ohren gehauen. Nichts ist gut, fast nie im Leben. Für einen Moment flackert das alte Feuer in Franks Augen. „Nein. Ist es nicht“, zischt er. Greift unvermittelt nach einer Schachtel Zigaretten auf der Fensterbank, macht die Terrassentür auf und geht in den kleinen Garten. Maria folgt ihm.

Auf dem schmalen Streifen zwischen zwei verfallenen Gartenzaunreihen fristen verlorene Grasbüschel ein kümmerliches Dasein. Am hinteren Ende haben Efeu und Giersch ihren Eroberungsfeldzug begonnen, Forsythien, Flieder und Pfingstrosen haben bereits kapituliert und strecken nur noch vereinzelte Blüten aus der Unkrautumzingelung. Am bemoosten Ast eines krummen Apfelbäumchens lässt eine erschlaffte Hängematte ihre Fäden auf die Erde baumeln. „Schau dich ruhig um, Maria. Das ist mein Paradies. Meine Hölle. Mein Garten Eden. Mein Getsemani. Hier stehe ich jede Nacht, statt zu schlafen. Sehe das Blaulicht und die vermummten Polizisten, höre die Sirenen und die Stimme aus dem Lautsprecher. Und frage mich, wo wir uns verrannt haben. Und wann. Und ob. Dann gebe ich mir die Schuld. Wenn ich nicht mit Melanie rumgeknutscht hätte, statt ordentlich aufzupassen, hätte ich vielleicht was bemerkt. Hätte Justus warnen können. Vielleicht. Aber weißt du, Maria, das sind alles nur Schattengefechte. Die Entscheidung hat jemand anders getroffen, an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit. „Alea iacta est.“ In der Nacht da draußen vor der Deutschen Bundesbank war alles schon längst beschlossene Sache. Wir waren die Marionetten. Der Drahtzieher saß ganz woanders.“

Maria ist müde. Sie hat kaum geschlafen, unruhig auf jedes Geräusch reagiert und mit wachsender Panik auf das Schlüsselloch gestarrt in der Erwartung einer dieser typischen Hitchock-Szenen, in  denen sich der Schlüssel lautlos langsam zu drehen beginnt und du auf das Unausweichliche wartest, unfähig, es aufzuhalten. So trostlos dieser Garten auch ist, Maria hatte grade angefangen, sich fallen zu lassen in einem Abziehbild von Familienleben, so brüchig und verschlissen es auch sein mag. Aber jetzt dreht sie sich zu Frank, ist ganz wach und ganz bei dem, was er gesagt hat. „Der Drahtzieher? Dann stimmt es und ich hatte Recht. Die ganze Zeit hatte ich Recht?!“ „Womit hattest du Recht, Maria? Damit, dass du dich geweigert hast, in Justus einen Terroristen zu sehen? Oder mit deiner Behauptung, dass er sich nie und nimmer selbst umgebracht hätte?“ „Mit beidem, Frank. Mit beidem. Und jetzt erzähl mir, was du weißt. Bitte. Pack aus. Schlepp dein Wissen nicht länger allein mit dir herum.“

Frank hat sich auf die rissigen Waschbetonfliesen gehockt, wippt mit gespreizten Knien mechanisch auf und ab. „Mit jedem Tag, jedem Monat, jedem Jahr, in dem ich geschwiegen habe, wurde sie drückender, dieses Last. Wie oft habe ich dir geschrieben, in Gedanken und wirklich. Ich hab sogar deine Email-Adresse recherchiert, kürzlich. Aber dann….“ „Warum hast du so lange geschwiegen?“ „Ich weiß nicht. Ich rede mir ein, wegen Thomas. Weil ich ihn …. immer noch mag. Ihn nicht reinreiten will. Er ist doch der Einzige von uns, der es zu was gebracht hat. Der nicht kaputt gegangen ist, an der Nacht. Er ist unser Leuchtfeuer, sowas wie ein Wahrzeichen, der Beweis, dass unsere Ideen nicht umsetzbar waren, nichts als wirres Marihuanagewäsch. Er hat unseren Positionen den Rücken gekehrt und ist erfolgreich geworden.“ „Hast du dich denn nie gefragt, ob sein Erfolg auf eurem Scheitern aufbaut?“ „Doch. Aber das habe ich schnell wieder verdrängt. Das bringt doch nichts. Vorbei ist vorbei.“ „Nicht ganz. Du kannst für dich entscheiden, wie du leben willst, Frank. Aber du hast kein Recht, die Erinnerung an andere durch Lügen zu verfremden. Zu verdunkeln. Zu kriminalisieren. Du hast kein Recht, durch dein Schweigen das Leben anderer zu blockieren. Genau das hast du getan. Bis heute.“

„Komm, setz dich neben mich“. Misstrauisch folgt Maria ihm zur Hängematte. Nein, ein Sturz aus dieser Höhe kann nicht gefährlich sein, entscheidet sie. Aber die Fäden halten zusammen. Und die kleine Veränderung des Blickwinkels genügt, um sie beide in eine andere Dimension zu schaukeln.  In das Frankfurt der 1980er Jahre, den Hörsaal der Johann-Wolfgang-Goethe-Uni, die Altbau-WG. Die Taunusanlage vor der Deutschen Bundesbank. Während Frank erzählt, fallen die Jahre von ihm ab, er spricht wieder so wie damals, flüssig, überzeugend, moduliert, mitreißend.

Sie galten schnell als die Elitetruppe von Professor van Xanten. Als er ihnen seine große, interdisziplinäre Studie anvertraute, war klar: die vier sind zu ganz Hohem berufen. Die wandern direkt aus der Uni in die Chefetagen der Wirtschaft, der Gerichte, der Politik. Das Zeug dazu hatten sie. Vier hoch intelligente, extrem motivierte junge Männer und ein Groupie. Letztendlich war es ihre Kompetenz, ihre Gründlichkeit, die ihnen zum Verhängnis wurde. Denn je tiefer sie in die Materie eindrangen, desto klarer wurde ihnen, dass sie mit ihren empirischen Daten nicht weiter kamen. Tiefgreifendere Analysen, Feldstudien, vor allem Interviews mit Menschen, Erfahrungsberichte. Nur so konnten sie die Grundlagen schaffen für eine gesicherte Prognose über die Zukunft der Gesellschaft. Vor allem: Eine Beschreibung des Status Quo allein erschien ihnen nicht nur ungenügend und lächerlich, sondern geradezu kriminell. Sie waren jung, sie waren Genies. Sie wussten, was kommen würde. Sie mussten ein Konzept ausarbeiten zur Weichenstellung, um zu vermeiden, was sie empirisch gesichert voraussagen konnten. Ein grundlegender Wandel musste her, in Gesellschaft und Wirtschaft, gesteuert von der Politik und getragen von allen Bevölkerungsschichten. Als sie ihrem Professor ihr Manifest vorstellten, hatten sie mit allem gerechnet, Erstaunen, Skepsis, Enthusiasmus, Bewunderung. Aber: „nie wieder habe ich diesen Ausdruck gesehen, bei einem Menschen. Das war die nackte Angst, gepaart mit einem Schuss Wahnsinn“, sagt Frank. Ausgeschlossen, Sie haben sich verrannt. Ich entziehe Ihnen die Studie. Verbrennen Sie alles, was damit zusammenhängt. Oder kommen Sie zur Vernunft, meine Herren, meine Dame.

Der Schock, die Betäubung hatten eine ganze Woche angehalten. Dann hatten sie zu diskutieren begonnen. Thomas war dafür, den Rat des Professors zu befolgen. Die Studie nach Plan abzuschließen und den verdienten Erfolg einzufahren. Und dann, in einem weiteren Schritt, vielleicht vorsichtig zu versuchen, das Manifest in kleinen, akzeptablen Portionen an entscheidender Stelle anzubringen. Mit dem Renommée, das sie sich erworben hätten, wäre das leicht gewesen, und  dann hätte er versucht, über Vickys Familie Türen zu öffnen. Er hatte das Mädchen kürzlich auf einer Demo gegen Studiengebühren kennen gelernt, und es hatte ihn fasziniert, dass sie aus purer Solidarität mitging, obwohl ihr Vater ihr jede Privatuni hätte zahlen können.

Justus war strikt dagegen. Er nannte Thomas einen Heuchler. Peter pflichtete ihm bei. Melanie versuchte zu schlichten und schlug vor, sich erst mal den Starbahn West Demos anzuschließen und dort zu schauen, wie ihre Ideen bei „sozial engagierten“ Leuten ankämen.

Das machten sie dann auch, aber die Gruppe war schon gespalten. Als Professor van Xanten die Veröffentlichung der „revolutionärsten Gesellschaftsstudie seit Marcuse“ ankündigte, unter seinem Namen, natürlich, gab das allen neuen Auftrieb. Sogar Thomas war jetzt der Meinung, dass sie sich dagegen wehren müssten, wenn sich jemand mit ihren Federn schmücken wollte. Und so arbeiteten sie den Plan zur spektakulärsten Aktion seit Erfindung der Demos aus. Sie malten die Thesen ihres Manifestes auf ein Transparent – in Vickys gestochener Schrift. In der Mittsommernacht wollten sie das Dach der Deutschen Bundesbank erklimmen, den Gipfel der Finanzmanipulation, sozusagen, und von dort das Manifest entrollen. Kurz vorher sollten Melanie und Frank Flugblätter in allen Redaktionen und auf den Straßen verteilen, um auf die Aktion aufmerksam zu machen. Sie waren sich sicher, dass der Medienhype groß genug sein würde, um ihnen zumindest ein erstes Gehör zu verschaffen. An der Überzeugungskraft ihres Chefdenkers, Justus, zweifelten sie keinen Augenblick. Alles Weitere wäre dann wie ein Sonntagsspaziergang. „Ich glaube, an diesem Punkt unserer Planung waren wir alle ziemlich bekifft“, grinst Frank unwillkürlich. „Anders kann ich mir diese Selbstüberschätzung heute nicht erklären.“ „Und Thomas? Wieso war der plötzlich so umgeschwenkt?“ „Ja, diese Frage hätten wir uns damals mal stellen sollen“, sagt Frank.

„Und dann?“ „Ja, dann kam der Abend vor der Nacht. Kurz bevor es losgehen sollte, verschwand Justus. Und stieß erst vor der Deutschen Bundesbank wieder zu den anderen. Daraus wurde ihm dann der Strick gedreht. Im wörtlichen Sinn…. Der Polizeizugriff kam völlig überraschend. Aber noch unglaublicher war die Anschuldigung, wir hätten vorgehabt, die Bank in die Luft zu jagen.  Völlig absurd! Aber dann wurde Sprengstoff in einem Rucksack oben auch dem Dach gefunden. Molotowcocktails und Dynamit.“ „Woher kam das?“ „Keine Ahnung. Wir hatten das auf alle Fälle nicht eingepackt“. Der einzige, der schon oben war, war Thomas. Ihn musst du fragen. Seinen Teil der Geschichte muss er dir selbst erzählen“.

Sie alle seien drei Tage lang festgehalten worden, in getrennten Zellen. Am vierten Tag habe man sie entlassen und ihnen mitgeteilt, dass der „Rädelsführer“ Justus N. sich in seiner Zelle erhängt habe. Er habe ein ausführliches Geständnis hinterlassen. „Aber ich wusste, wo Justus war, an diesem Abend. Er misstraute Thomas und irgendwie auch mir. Er hatte einen persönlichen Kontakt zu einer Journalistin, Johanna. Er hat sich mit ihr getroffen und ihr von unserer Aktion berichtet. Exklusiv und vorab. Vielleicht hat er auch mit ihr geschlafen, ich glaube, sie war in ihn verliebt.“ „Und warum habe ich davon nichts in der Zeitung gelesen?“ „Johanna war zur Taunusanlage gekommen, und da hat sie den Polizeieingriff miterlebt. Sie hat versucht, zu fotografieren. Da hat ihr ein vermummter Polizist den Fotoapparat weggenommen und sie brutal zusammengeschlagen. Als sie aus dem Krankenhaus kam, war sie ihren Job bei der Rundschau los. Ich habe sie nur noch einmal gesehen, danach ist sie untergetaucht. Verstehst, du, Justus hat nie einen Terroranschlag geplant. Das hat ihm jemand untergeschoben. Um ihn zu vernichten. Uns zu vernichten. Ich wusste das. Aber ich habe einfach den Mund gehalten. Weißt du, Melanie war schwanger, damals“, fügt er dann noch hinzu, fast flüsternd.

Frank schweigt. Sein Mund ist ein schmaler Strich in einem grauen Gesicht. Jetzt sieht er aus wie ein alter Mann, vom Kummer gefaltet. Sie möchte ihm gerne etwas Freundliches sagen, aber ihr fällt nichts ein. Unsinnig, ihm Vorwürfe zu machen. Sie legt ihm die Hand auf den Arm, nur ganz kurz, spürt seine Kälte durch den dünnen Stoff des Hemdes. Dann schält sie sich aus der Hängematte und geht. Das Reihenhaus ist leer. Von Melanie und den Kindern keine Spur. Auch die Katze ist verschwunden.

Kapitel 6

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Bert Brecht

Frankfurt am Main, 21. Juni 2004, nachmittags

„Was fange ich an mit diesem schrägen Tag?“ Wäre das eines dieser Computerspiele, das ihre Freundin Assunta immer spielt, würde sie einfach auf Neustart drücken. Und sich nur mit einem kontinentalen Frühstücksbüffet zufriedengeben, gefolgt von einer entspannenden Massage und einer Viertelstunde Baden im Meer. Um dann bei Herder das neue Nummer 1-Buch der Spiegel-Beststellerliste zu kaufen und den Rest des Tages damit zu verbringen, es daheim auf der Terrasse in einem Stück zu verschlingen. Aber so geht das nicht. Maria ist in Frankfurt. Es ist Juni, ein kalter Juni. Und sie hat eine Aufgabe  zu erfüllen, bevor sie überhaupt jemals wieder in Ruhe und Frieden ein Buch lesen kann. Vor allem will sie in den Fotoalben blättern, die den Weg ihres Sohnes säumen. Das Baby im Krankenhaus, der Kleine im Laufställchen, mit der mannshohen Schultüte, am Meer bis auf den Kopf eingegraben im Sand. Justus mit Zigarre und Zylinder auf der Abifeier. Justus vor den Toren der Uni. Mit seinen Freunden in der WG. Beim Pastaessen, alle aus einer Schüssel. Justus mit Brille vor dem riesigen Computerungetüm, das sie ihm besorgt hatte, eine echte Neuheit. Justus mit ihr, Maria, seiner Mutter. Gleiche Augen gleiches Lachen ungleiches Schicksal. Es ist nicht richtig, dass der Sohn vor der Mutter stirbt. Sie weiß plötzlich, worin der Fehler liegt in der Statue von Michelangelo in der Basilica di San Pietro in Rom. Wie bei einem Wimmelbild hat sie lange gebraucht, um ihn zu finden. Tief in sich. Die Anordnung der Figuren sollten umgekehrt sein. Der Sohn sollte die tote Mutter in seinen Armen halten!

Als Maria aus ihren Gedanken auftaucht, ist sie schon bis zur Eschenheimer Landstraße gelaufen. Sie sucht einen Taxistand und fährt in die Böhmerstraße hinter der Alten Oper. Sie hat es jetzt plötzlich eilig. Will alles erledigen, hinter sich lassen und dann zurück. Nach Rom. Zu den Bildern ihres Sohnes, die sie seit 20 Jahren nicht mehr angeschaut hat.

Sie blickt hinauf zu den Fenstern im zweiten Stock und nimmt eine leise Bewegung wahr, spürt sie mehr, als dass sie sie sieht. Noch bevor sie die Klingel berührt hat, hört sie den Summer. Sie geht in den kühldunklen Hauseingang, die getäfelten Wände riechen schon nach Sonne und Licht. Und nach Pfeifentabak. Maria zögert. Da fällt die Tür hinter ihr ins Schloss. Gut, dass einem manche Entscheidungen abgenommen werden, denkt sie.

Thomas erwartet sie an der Wohnungstür. „Ich hätte es wissen müssen, Maria. Vielmehr, ich wusste es ja. Aber gut, einen Versuch war es wert.“ „Für wen? Für dich oder van Xanten?“ Die Eile in ihr wird immer drängender. Kein Wort zuviel, keine Minute zu lang. „Ich kenne jetzt in groben Zügen die Wahrheit, Thomas. Wir brauchen uns nicht mehr mit Details aufzuhalten. Ich will von dir nur noch Bestätigungen. Und das Wissen um das gesamte Ausmaß deiner Schuld. Keine Sorge, ich nehme dieses Wissen mit mir mit und bewahre es auf. Falls mir dein Pfeife rauchender Freund dazu noch die Gelegenheit lässt.“

Thomas setzt einen bestürzten Gesichtsaufdruck auf. Vielleicht ist er ja sogar echt. Denn als Thomas sich im Wohnzimmer großzügig von seinem kostbaren Cognac bedient, zittern seine Hände, und etwas von der goldgelben Flüssigkeit fällt auf den  Tábriz unter seinen Füßen. Sofort verbreitet sich ein Aroma von Eiche und Tagetes im Raum und verflüchtigt sich wieder.

„Maria, also wirklich. Was denkst du von mir?“ „Nur das Schlechteste, Thomas. Nur das Schlechteste.“

„Also gut. Ich werde nicht versuchen, dich umzustimmen. Aber ich fürchte, du wirst selbst erkennen, dass du dich irrst.“ Irgendwo in den Tiefen der Wohnung fällt etwas um. Thomas zuckt zusammen. Geht zur Zimmertür, schaut auf den Flur, geht kurz hinaus, Stimmengemurmel, dann kommt er zurück, schließt die Tür hinter sich. Er setzt sich auf das breite Ledersofa und schlägt die Beine übereinander.

„Ich nehme an, Frank hat dir erzählt, dass er Beweise dafür hat, dass Justus in der Stunde vor unserer Aktion keinen Terroranschlag vorbereitet hat?“ Maria schaut ihn an und schweigt. „van Xanten mochte Justus. Er wollte ihn aufbauen, etwas aus ihm machen. Als seinen Protégé. Natürlich war eine gehörige Portion Eitelkeit mit im Spiel. Er wusste genau, in Puncto Genie konnte er Justus nicht das Wasser reichen. Aber ein Förderer, der die Vorzüge seines Schützlings erkennt, steht im gleichen Lichtkegel und kann ihn sogar lenken. Aber so war Justus nicht. Er war weder käuflich noch korrumpierbar.“

„Das war der größte Unterschied zwischen euch beiden“, wirft Maria ein. Ganz sachlich und ohne Betonung. „Du bist seine Mutter,“ sagt Thomas und seufzt. „Um dich habe ich Justus immer am meisten beneidet. Wenn du nicht gewesen wärst, du und deine Gespräche, deine Überzeugungen, hätte er sich vielleicht von van Xanten überreden lassen. Aber du, du, du….“ „Du gibst mir die Schuld? Ist es so schlimm, für dich?“ „Egal. Also, van Xanten war von Justus enttäuscht, ja. Aber vor allem hatte er Angst. Angst um sein Prestige. Angst um seine persönliche Stellung. Es ging nicht darum, dass er unsere Ideen für eine echte politische Gefahr hielt. Wir waren für ihn nicht mehr als ein Haufen in die ideologische Irre gelaufener Jungspunde. Was ihm Sorgen machte, große, existentielle Sorgen, war das Potential, das er in Justus erkannt hatte. Kombiniert mit der Tatsache, dass er sich nie würde benutzen lassen, umdrehen, integrieren, war das eine gefährliche Mischung.“ „Eine tödliche Mischung, ja?“ fragte Maria. „Ja“, Thomas nickte.

„Als van Xanten einmal den Entschluss gefasst hatte, Justus zu eliminieren, was alles weitere nur Routine. Den Sprengstoff organisieren und placieren, falsche Informationen an der richtigen Stelle streuen. Der Innenminister und der Polizeipräsident waren nicht nur mit ihm „per Du“, sie spielten im selben Golfclub.“ „Und in der gleichen Korruptionsliga“, unterbricht ihn Maria spöttisch. „Aber warum musste Justus sterben? Warum genügte es nicht, ihn festzunehmen und dann nach einiger Zeit wieder laufen zu lassen?“ „Das fragst du nicht wirklich, oder? Weil Justus nie klein beigegeben hätte. Keine Drohung der Welt hätte ihn davon abgehalten, die Wahrheit zu sagen. Oder zu versuchen, sie herauszufinden.“

„Und dann wäre es auch dir an den Kragen gegangen, stimmt‘s, Thomas?“ Marias Stimme schneidet den Raum in zwei scharf abgegrenzte Bereiche. Gut und Böse. Er steht auf der falschen Seite. „Wer hat den Sprengstoff auf‘s Dach geschmuggelt? Du als Fensterputzer. Mit Erlaubnis der  Bank. Deshalb konntet ihr eure Aktion überhaupt ungehindert starten. Ohne, dass euch ein Wachmann dabei gestört hat. Was war für dich drin, Thomas? Sag‘s mir!“

„Vicky und ich wollten heiraten. Ihr Vater und van Xanten kannten sich natürlich. Ich war ein No Name ohne Geld und Adel, sozusagen. Nicht gerade die Nummer 1 unter den Bewerbern um die Hand der Millionenerbin. Van Xanten versprach mir, meinen Namen wieder mit auf die Studie zu setzen.“

„Das ist alles? Für eine schnöde Erwähnung unter einem Haufen Papier hast du Justus verraten?“ „Ich habe ihn nicht verraten! Ich wollte ihn schützen! Van Xanten hatte mir erzählt, dass der Verfassungsschutz hinter Justus her sei, weil er  bei den Startbahn-West-Demos verdächtige Kontakte zur militanten Szene geknüpft hatte. Er hat mir versprochen, dass er sich dafür einsetzen würde, dass Justus trotzdem eine berufliche Karriere an der Uni machen könnte.“

„Und das hast du ihm geglaubt?“ „Ich wollte es glauben, ja.“ „Und dann?“ „Dann rastete Justus in der U-Haft völlig aus. Wir waren ja alle verhaftet worden. Nur pro Forma, wie mir van Xanten versichert hatte. Aber Justus schrie die ganze Zeit rum, beschimpfte mich als Verräter. Und er zog Vicky mit rein. Sie würde nichts mehr von mir wissen wollen, wenn sie erst wüsste, was für ein Judasschwein ich sei.“ „Und das war dann sein Todesurteil? Hast du ihn umgebracht, Thomas? Warst du das?“ „Wo denkst du hin, Maria! NEIN!“ Thomas schreit. Er steht auf, fängt an, auf und ab zu laufen. Stolpert über den Tàbriz. Tritt gegen die Bar. „Nein! So war das nicht! Ich war ja selbst total überrascht, als ein Polizist mich in ein Zimmer führte und ich van Xanten am Fenster stehen sah. Unser ursprünglicher Plan gehe nicht auf, sagte er mir. Unser Plan! Justus werde nie und nimmer auf sein Angebot eingehen. Er sei geradezu hysterisch. Und er würde mich gnadenlos mit hineinziehen, das hätte ich ja wohl selbst bemerkt. Ich versicherte ihm, dass Justus sich in der Zelle schon wieder beruhigen würde. Aber er glaubte mir nicht. Er wollte noch einen Versuch machen und ihm ganz offen andeuten, dass dir, seiner Mutter, etwas zustoßen könnte.  Da bat ich van Xanten, mich zu ihm zu lassen und zu versuchen, ihn umzustimmen. Er gab mir zehn Minuten.

Zuerst wollte Justus nichts von mir hören. Er hockte sich in eine Ecke und hielt sich Augen und Ohren zu. Er war völlig blutverschmiert. Mein Gott, die Polizisten hatten ihn richtig zusammen geschlagen. Terroristen, auch mutmaßliche, waren seit der RAF sowas wie das rote Tuch der Staatsmacht.

Dann fragte ich, ob er wüsste, wo du seiest. Und da schaute er mich an. Ich ging ganz dicht zu ihm hin und flüsterte ihm ins Ohr, ganz gleich, was irgendwer ihm auch immer sagen, womit auch immer man ihm drohen würde, dir würde nichts passieren. Ich schütze Maria, wenn‘s sein muss mit meinem Leben. So, als wäre sie meine Mutter. Habe ich gesagt. Dann hat der Polizist an der Tür mich am Arm gepackt und rausgeführt. Aber Justus letzter Blick hängt bis heute an mir. Ich habe Wort gehalten.“

„Oh, dann verdanke ich dir ja noch viel mehr, als ich dachte, Thomas. Nicht nur meine Freiheit, nein, mein Leben! Wann hast du denn entschieden, dich von deinem Versprechen zu entbinden? Immerhin hätte ich mir gestern Abend beinahe das Genick gebrochen beim Sturz in der Pension. Aber das weißt du ja alles.“

„Maria, das Versprechen das ich Justus gegeben habe, gilt, solange ich lebe. Glaube mir. Wir blieben zwei Tage in U-Haft. Am dritten Tag wurden wir entlassen. Und erfuhren, dass Justus sich in seiner Zelle erhängt hatte. Angeblich hatte er ein Bekennerschreiben hinterlassen. Ich ging gleich zu van Xanten, ich wollte mich vergewissern, dass es den Brief wirklich gab. Er war für mich nicht zu sprechen. Aber am Abend traf ich ihn im Haus bei Vickys Vater. Sie hatte mich heimlich reingelassen. Sie war erschüttert. Ich hatte nie bemerkt, wie sehr sie Justus verehrte. Wahrscheinlich bin ich auch für sie nur die zweite Wahl gewesen! Ich stellte van Xanten zur Rede, ich war schon ziemlich betrunken. Er packte mich am Arm, zerrte mich in die Bibliothek und zischte: Justus hat gekriegt, was er verdient hat. Du hast jetzt nur eine Wahl: entweder du hältst die Klappe, dann liegen vor dir eine glänzende Karriere und ein tolles Eheleben. Oder du endest wie Justus. Und jetzt hau ab und werd nüchtern.

„Ich bin nicht stolz auf mich, Maria. An diesem Abend hätte ich Vicky die Wahrheit sagen können. Und mit den Konsequenzen leben. Vielleicht allein, vielleicht nicht reich. Aber mit einem etwas reineren Gewissen. Ich war zu schwach. Das Einzige, was ich gemacht habe, war, dich aus dem Gefängnis abzuholen, wohin sie dich gebracht hatten, um Justus Leichnam zu identifizieren, pro Forma. Und dich nach Italien zu begleiten. Aber ob ich das ohne Vicky geschafft hätte, keine Ahnung. Jetzt weißt du alles. Mach, was du willst. Aber bitte geh hier durch die Hintertür raus. In der Ecke im Garten ist ein Loch im Zaun. Ich passe auf, dass dir niemand mehr folgt. Leb wohl, Maria. Schade. Ich wäre gerne dein Sohn gewesen.“

Kapitel 7

Was soll der fürchten, der den Tod nicht fürchtet? Friedrich Schiller, die Räuber

Frankfurt am Main, 21. Juni 2004, abends

Maria sitzt auf der Bank am Schaumainkai, direkt gegenüber spiegeln sich Abendwolken in den Fenstern der Deutschen Bundesbank. Peter ist nicht da. Aber sie spürt Justus so nah bei sich wie nie mehr seit dem Tag, als die Polizei sie im Streifenwagen abgeholt und ins Untersuchungsgefängnis gefahren hat, um ihren toten Sohn zu sehen. Stundenlang, so schien es, hatte sie da gesessen, in dieser unendlichen Stille, die entsteht, wenn die Grenzen der Welt durchlässig werden für die Ewigkeit. Hatte ihn in den Armen gehalten wie damals als Kind. Das war er immer noch. Ihr Kind. Aber so kalt. So nah und so unerreichbar weit weg. So sinnlos. So tot.

„Und was macht van Xanten heute?“, hatte Maria Thomas gefragt, schon an der Hintertür. „Wie, das weißt du nicht? Ach stimmt, du hast ihn ja nie selbst gesehen. Er hat geheiratet und den Namen seiner Frau angenommen. Echter Adel, weißt du. Er heißt jetzt von Ronneberg.“ „Der Ministerpräsident?“ „Genau der.“

Maria schaut sich um. Kein Mensch in der Nähe. Sie stellt die große Einkaufstüte neben sich. Darin liegen ein Kittel, ein Kopftuch, professionelles Reinigungsmaterial. Und eine Reihe chemischer Zutaten. Maria kann sich gut an das Rezept für ihren „Lieblingscocktail“ erinnern, auch, wenn das nie mehr als ein Running Gag zwischen Justus und ihr war. Justus hatte sich immer so sehr auf Weihnachten gefreut. Auch, als er eigentlich kein Kind mehr war. „Einmal werden wir noch wach…“ hatten sie gemeinsam gesungen, am Vorabend der Bescherung. Ja. Genau. Einmal werden Sie noch wach, Herr Ministerpräsident.

Kapitel 8

Ich hab zwei große Türen aufgemacht. Ludwig Hirsch

Frankfurt am Main, 22. Juni 2004, frühmorgens

Am nächsten Morgen geht Maria in aller Frühe zur Staatskanzlei. Hält dem Pförtner den Putzkolonnenausweis hin, den Thomas zwanzig Jahre lang aufbewahrt hat. Die Türen sind offen, wie versprochen. Im Putzwagen verborgen die Mollie mit Zeitzünder. Sie deponiert sie im Papierkorb des großen Büros, direkt unter dem Telefon. Pünktlich um neun wird Thomas den Ministerpräsidenten anrufen. Und dann. Schöne Bescherung!

Epilog

Es ist / Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen! / Es war auf Erden ihre Heimat nicht. Sappho

Basilica di San Pietro, Rom.

Ich weiß, du hättest so etwas nie gemacht, sagt sie der trauernden Mutter aus Stein. Ich weiß, dein Sohn hätte das nicht erlaubt. Meiner auch nicht, weißt du. Justus war immer und absolut gegen jede Gewalt. Und er ist ja auch nicht wieder lebendig geworden, nur, weil ich ein Molotowcocktail ins Büro des hessischen Ministerpräsidenten gelegt habe. Ich schäme mich dafür. Und ich bitte dich, verzeih mir! Es war ja dann letztendlich doch nur eine kleine Bombe. Er ist nicht gestorben, wie Justus. Ich weiß selbst, dass es falsch ist, aber ich fühle mich irgendwie befreit. Und nicht nur ich. Auch Thomas. Er hat wirklich versucht, die Vergangenheit rückgängig zu machen. Und Frank sei verändert, erzählte mir Melanie. Kümmere sich mehr um die Kinder und suche sich eine Arbeit. Nur Peter ist verschwunden. Aber ich denke, vielleicht sehe ich ihn eines Morgens bei mir auf der Terrasse stehen. Dann biete ich ihm einen Kaffee an und ein Margarinebrot. Und wir blättern in Justus Fotoalbum. Du bist nicht allein, Maria aus Stein. Und ich bin es auch nicht mehr.

MiniKrimi Adventskalender am 23. Dezember


Heute und morgen präsentiere ich euch hier nochmal einen „Bibelkrimi“. Dazu muss ich nichts erläutern, er ist selbsterklärend. Viel Spaß heute beim ersten Teil.

Molotow Madonna

Prolog.

Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es vergeht. Drum besser wär’s, wenn nichts entstünde. Johann Wolfgang von Goethe

Basilica di San Pietro, Rom. Wie lange steht sie schon  vor diesem Meisterwerk Michelangos, wie zu einem Gegenentwurf erstarrt?  In Marmor geschnittene Trauer, zur Unendlichkeit verdammt. „Signora? Lady? Itte ise closinge taime. Wire schlissene“. Der Custode steht jetzt dicht hinter ihr.  Sie riecht seinen Feierabenddunst nach Rasierwasser und Knoblauch an ihrer Schulter. Nicht unangenehm. Eher irdisch. Alltäglich. Es ist dieser Geruch mehr als seine Stimme, der sie erreicht und zurückholt aus der Erinnerung. Aus dem Traum. Eben noch hatte sie Justus Haut gespürt, kühl wie ein schattiger Stein, schweißfeucht und weich. Eben noch hatte er in ihren Armen gelegen. Und jetzt steht sie da, in der lebensleeren Kirche, und schaut auf die Pietà, diese ewige Mutter mit ihrem toten Sohn. Ausgeschlossen selbst von diesem einen großen Schmerz. Du bist wenigstens nicht allein, denkt sie, du hältst ihn fest. Ich bin einsamer als du. „Scusi. Adesso vado“,  sagt sie in die Tiefe der verlassenen Kirche hinein, geht schnell zur nächsten Tür hinaus und hinein in die Sonne, noch bevor das Echo ihrer Absätze auf dem Steinboden verhallt.

Kapitel 1

Parole, parole parole, Worte in den Wind gesprochen…… Dalida

Frankfurt am Main, 20. Juni 2004, mittags

„Gut siehst du aus! Ich hab oft an dich gedacht, wie es Dir wohl geht, was du wohl machst…“  „…ob ich wohl auch nicht zurück komme… Ob ich euch in Ruhe lasse…“ „Maria, bitte! Wie kannst du… Ahahaha, immer noch die gleiche scharfe Zunge! Daran muss ich mich erst wieder gewöhnen…“ „Willst du wirklich, dass ich so lange bleibe?“ Während Thomas zu weitschweifigen  Erklärungen ausholt, verbale Protuberanzen, wie Justus diese Art genannt hatte, mit der sich Thomas aus unangenehmen Situation herauszureden pflegte, schaute sie sich um. Eine geräumige Altbauwohnung, aufwendig und stilistischer saniert. „Was macht deine Frau denn beruflich?“, fragt sie und tastete sich Blick für Blick entlang an mokkabraunen Wänden, einem Kamin aus rotem Carraramarmor, Mahagonitischen mit exakt austarierten Bücherstapeln und üppigen Chrysanthemensträußen. „Innenarchitektin?“ „Woher weißt du das?“ Thomas klingt ehrlich besorgt. Vor allem das Ehrliche wundert sie. „Nur eine Vermutung. Du warst ja schon damals mehr an Inhalten interessiert als an der Verpackung.“ „Du erinnerst dich an unsere  nächtelangen Diskussionen? Das waren Zeiten!“

„Du und Justus, ihr konntet nichts einfach so stehen lassen. Jede These, jede Idee musste ausgereizt werden…“ „…zu Ende gedacht! Und dann entweder akzeptiert oder verworfen. Maria, dein Sohn und ich, wir hatten den Schlüssel zur idealen Gesellschaft in der Hand. Unser Plan war nicht einfach nur genial, er war der richtige! Wenn wir ihn damals umgesetzt hätten, sähe Europa heute anders aus. Keine Überalterung, kein Nord-Süd-Gefälle, keine Langzeitarbeitslosigkeit!“ „Und woran ist Euere Idee gescheitert, Thomas?“ „Keine Ahnung. Gesellschaft war noch nicht bereit? Vielleicht waren wir zu radikal? Justus  war absolut kompromisslos gegenüber dem Establishment…“ „…mit dem du ja schon geliebäugelt hast…Viktoria .. Die Bankierstochter … Ist sie das, da auf dem Foto?“

„Sie war mit dabei auf den Demos, damals. Ich hatte keine Ahnung von ihrem familiären Hintergrund. Außerdem…“ „Ja. Wo die Liebe hinfällt… Aber du hättet nicht ewig auf 2 Hochzeiten tanzen können. Morgens mit Justus und der Truppe die Weltrevolution ausrufen und abends zu Opernball und Champagnerempfang. Thomas, ich bin nicht zum Vergnügen hier. Ich habe nicht vergessen, dass du es warst, der mir geholfen hat. Geld, Papiere, eine neue Identität. Ohne Victorias Familie wäre das nicht möglich gewesen. Dass ich überlebt und den Schock nach Justus Tod überwunden habe, verdanke ich dir. Aber jetzt muss ich meinen Frieden finden. Du verstehst das doch, Thomas? Du musst das verstehen. Und du musst mir helfen“.

Thomas sitzt ganz still in seinem Sessel. Ist er eingeschlafen? Entschlafen, vielleicht? Nein. Er legt den Kopf zurück und beginnt einen verzweifelten Dialog mit der Stuckdecke. „Maria. Maria! Ich habe nie mehr etwas von dir gehört! Ich dachte, du hast ein neues Leben gefunden. Eine neue Familie, vielleicht sogar. Lass’ die Vergangenheit ruhen,  Maria. Und selbst wenn ich wollte, wie könnte ich dir helfen? Ich weiß doch auch nichts.  Ich habe zwanzig Jahre lang versucht, ein paar Stunden zu vergessen. Und es ist mir nicht einmal annähernd geglückt. Immer wieder holen sie mich ein, in diesem immer gleichen Albtraum. Und ich sehe Justus unten am Seil, wie er zu mir heraufschaut und mich anlacht. Und das Lachen wir lauter und lauter, und dann hängt er an einem anderen Seil, vom Fenster in der Gefängniszelle. Nein, Maria, ich will mich nicht erinnern! Keiner kann das von mir verlangen!“

Mit einem Ruck senkt Thomas den Kopf, reißt die Augen auf und flüstert: “bitte, geh.“ Sie sieht ihn an mit einem Blick, den er sofort erkennt, von Justus so gut kennt. Natürlich, sie ist ja seine Mutter. Und er versteht, dass sie die Wahrheit sucht. Aber er kann sie ihr nicht geben. „Versuchs doch mal bei Peter. Vielleicht kann der dir weiter helfen.“ „Peter? Und wo finde ich den? Hier in Frankfurt?“ „Jaaa. Eine Adresse hat er leider nicht. Er wohnt mal hier, mal da. Aber mittags und abends kannst du ihn in der Bahnhofsmission finden. Da holt er sich sein Margarinebrot.“ „Was? Peter? DER Peter? Euer  „Einsteinchen?“ „Was glaubst du denn, Maria? Dass Justus Tod nur dich zerstört hat? Wir waren alle total fertig, damals. Peter hat keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Studium geschmissen, Gelegenheitsjobs angenommen und soviel gesoffen, dass er die Probezeit nie überstanden hat. Ich helfe ihm von Zeit und Zeit und wo ich kann. Ich weiß genau, dass ich es nur Vicky zu verdanken habe, wenn ich heute nicht neben ihn am Mainkai übernachten muss“.

Thomas steht auf und geht zur Bar. Greift nach einem Cognacschwenker und einer aufwändig versilberten Karaffe. Schenkt sich großzügig ein. „Du auch einen Frapin Cuvé 1888?“ „Danke, mir ist schon schwindlig. Hoffentlich hast du Peter nichts davon angeboten, sonst kommt er noch auf den Gedanken, dass du genug Geld hättest, um ihm mehr als ein Margarinebrot zu spendieren.“ Thomas starrt in den honiggelben Branntwein. „Ja, ein Schluck hiervon würde ihn einen Monat lang ernähren. Das ist die Schmiede des Lebens. Du hast die Wahl. Bist du Hammer oder Amboss? Ich habe mich entschieden.“ Maria stützt sich mit beiden Händen auf den Sessellehnen ab. Ihre Beine sind schwer, ihre Füße geschwollen. „Ich finde hinaus“, sagt sie. Aber Thomas reagiert nicht einmal. Er steht unbeweglich am Fenster, eine schwarze, bauchige Silhouette vor einem rotvioletten Stadthimmel.

Kapitel 2

Was wollen wir trinken, sieben Tage lang, was wollen wir trinken, komm sag an! Bots

Frankfurt am Main, 20. Juni 2004, nachmittags, abends

Frankfurt Bankfurt. Das war einer der Sprüche, die auf den Transparenten standen, damals. Von wegen Occupy. In Frankfurt hatten die Studenten schon in den 1980er Jahren gewusst, welches Ende es nehmen würde, wenn die Banken nicht an die Kandarre kämen. Justus, Thomas, Frank und Peter hatten genaue Vorstellungen davon, was passieren würde, wenn die Märkte unkontrolliert wachsen und der Handel mit  Wertpapieren von Finanzjongleuren in ein Roulette verwandelt würden. Und sie hatten einen Plan entwickelt, um das zu verhindern. Politische Instrumente, die die Wirtschaft in den Dienst der Gesellschaft stellen würden. Und nicht umgekehrt. Ihre Ideen waren nicht wirklich neu. Und auch nicht revolutionär. Sie waren so logisch und leicht nachzuvollziehen, dass jeder, wirklich jeder davon überzeugt worden wäre. Wenn sie die Chance bekommen hätten, sie vorzustellen. Einer breiten Öffentlichkeit. Die Medien hätten sich darauf gestürzt, Talkshows und Interviews hätten die Truppe bekannt gemacht. Und das einfache Volk, der „deutsche Michel“, hätte zugehört. Und sich nicht weggedreht wie dieser Uniprofessor Franz Xaver von Xanten. Dabei war der Plan doch auf seinem Mist gewachsen, letztendlich. In seinen Seminaren  hatte er die Grundlagen dafür gelegt. Justus und Thomas hatten nur weiterentwickelt, was er als Grundriss skizziert hatte. Aber er? Wie Marcuse und Habermas hatte er offenbar keine Lust, mit anzusehen, wie seine Ideen Gestalt annahmen und Umsetzung….

Und heute? Zwanzig Jahre danach hat Bankfurt sein Profil geschärft. Die Skyline aus glitzernden Glasfassaden schmiegt sich an den Mainufern entlang, dazwischen Museen als sichtbares Zeichen der Allianz von Geld und Kunst. Sogar die Lokale im Bahnhofsviertel haben glänzende Schaufensterscheiben und sehen nicht annähernd so schäbig aus wie in den 80ern. Touristen und Busse, Fahrräder, dicke Autos und dazwischen dunkelhäutige Männer und Frauen mit Kopftüchern, alle in Eile, alles im Fluss. Auf der Hauptbahnhofsüdseite prallt der Lärm plötzlich von den renovierten Steinwänden ab. In der Baseler Straße riecht es nach Urin und altem Fett, und auf den Stufen der Bahnhofsmission sitzt eine Gruppe junger Japanerinnen mit mannshohen Rucksäcken und sonnenverbrannten Gesichtern.

Niemand nimmt von Maria Notiz, als sie an den Tischen und auf den Bänken nach Peter sucht. Sie ist sich sicher, dass sie ihn erkennen wird. Verwahrloster als damals kann er nicht aussehen. Schließlich fragt sie eine junge Praktikantin und nimmt ihr das Misstrauen mit der Erklärung, sie sei seine Tante und wolle ihn zum Essen einladen. „Ich fühle mich immer noch wie Mitte Dreißig, aber wenn ich mich für eine Sechzigjährige ausgebe, glaubt mir das jeder,“ merkt sie. Ihr Spiegelbild in dem blankgeputzten Fenster wirft ihr das Bild einer graumelierten, leicht untersetzten Frau mittleren Alters zurück. Mittleren Alters bei Annahme einer Lebenserwartung von 120. „Nein, tut mir leid, Herr Brenner ist heute noch nicht gekommen. Aber  schauen Sie doch mal ins Haus Windeck. Da hat er,  glaube ich, grade ein Zimmer. Er freut sich bestimmt, seine Tante zu sehen. Er hat ja so viel von Ihnen erzählt!“ Maria widersteht dem Bedürfnis, ein Missverständnis mehr in dieser Welt aufzuklären. Und geht hinaus in die Sonne der Baseler Straße, ein Margarinebrot in der Hand.

So lange war sie nicht in dieser Stadt. Sie hatte so gehofft, alle Brücken verbrannt zu haben, hinter sich. Aber während sie durch das Wirtschafts- Kultur- und Verwaltungsviertel wandert, kommen Erinnerungen geflogen wie Motten. Flattern ins Augenlicht. Justus am Römerberg. Verstecken spielen dort, wo heute die Schirn steht. Mama ein Eis, bitte! An der Kurt-Schumacher-Straße gibt sie den Kampf  gegen das Gestern auf und nimmt ein Taxi zur Windeckstraße. Die Dame am Empfang des Männerheims sieht aus wie eine Figur im Vorabendkrimi aus Hamburg.  Und sie will ihr partout nicht sagen, ob Peter hier wohnt oder nicht. „Seine Tante? Ach. Na dann lassen Sie mal ne Telefonnummer da, wenn er kommt, richte ich ihm aus, dass sie da waren“. Sie ist Majorin bei der Heilsarmee und spricht wie ein Feldwebel. Sie kennt keinen Widerspruch, und Maria wundert sich, dass die Männer hier im Wohnheim, immerhin allesamt an die rauen Stürme des Alltags gewöhnt und gewiss nicht zimperlich im Umgang mit Frauen, sich das gefallen lassen. Als wäre man ein kleines Kind. Genau, denkt sie dann. Und erinnert sich ganz unvermittelt im Gespräch an den „kleinen Peter“ und sein verschmitztes Glucksen, wenn er ihr die Augen zuhielt und fragte: „rate mal, wer das ist?“ Treffer. Mitten ins Mutterherz der Majorin. „Also für gewöhnlich sitzt er um diese Zeit auf einer Bank am Schaumainkai und betrachtet die Skyline,“ sagt sie. „Auf welcher Bank, kann ich Ihnen nicht sagen!“, schiebt sie noch hinterher, aber der Stahl in ihrer Stimme ist geschmolzen. „Natürlich, da hätte ich auch selbst drauf kommen können,“ kontert Maria, „Bänke und Banker waren schon immer seine Faszination“.

Das Mainufer im Sommer ist ein beliebter Treffpunkt. Für Verliebte ebenso wie für Hundebesitzer,  Halbwüchsige mit gesteigertem Alkohol- und Nikotinbedarf und Drogengeschäfte. Die Polizei hatte diesen Ort des flüssigen Geschehens schon in den 1980ern abgeschrieben und den Strom seinem Treiben überlassen. Maria muss nicht lange suchen. Peter hat den idealen Beobachtungsposten gewählt. Wenn es denn etwas zu beobachten gäbe, jenseits der trägdunkel dahinschaukelnden Fluten. Direkt gegenüber reckt sich der Turm der Deutschen Bundesbank in die granitgrauen Wolken, die sich drohend am Sternenhimmel zusammengeschoben haben wie ein spontan anberaumter Flashmob.

Sie setzt sich neben ihn. Einfach so. Den ganzen Weg bis hierher hat sie Worte wie Puzzleteile umhergeschoben, auf der Suche nach der richtigen Kombination für einen Begrüßungssatz. Schweigen erscheint ihr am natürlichsten. Was sollen sie sich auch sagen? Die Mutter, deren Sohn in einer Nacht vor zwanzig Jahren an der Hochhauswand auf der anderen Seite des Mains festgenommen und kurze Zeit später tot in seiner Zelle gefunden wurde, und der Freund, der dabei war, damals, der das alles überlebt hat und jetzt hier sitzt, nach Alkohol stinkend zwar, ungekämmt und wahrscheinlich sogar verlaust, aber am Leben, immerhin. 

„Du bist zurück.“ „Ja.“ „Hast aber lange gebraucht, dafür.“ „Hm.“ „Ich komme jeden Tag hierher. War mein erster Weg, gleich als sie mich aus der Haft entlassen haben.“ „Ich wollte es wenigstens versuchen. Ich habe es versucht, Peter.“ „Was? Vergessen?“ „Verzeihen“. „Und du schaffst das nicht? Ausgerechnet du? Hahaha!“ Ein hohler Laut, heiser und höhnisch, eine Lache, kein Lachen, räkelt sich träge in seiner Kehle. So schwach, es bewegt nicht einmal seinen Adamsapfel. „Und jetzt willst du dich rächen. An mir!“ „Nein, Peter. Ich will nur die Wahrheit wissen. Ich habe ein Recht darauf. Als seine Mutter.“ „Seine Mutter und mehr. Sein Vorbild. An Mut, an Tatkraft. An Entschlossenheit. Kompromisslos und direkt.“ „Und ehrlich.“ Sie flüstert es, plötzlich zuversichtlich, ihn eingeschworen zu haben, auf die Sache, ihre gemeinsame Sache. „Ehrlich? Was ist denn ehrlich? Das frage ich mich seit der Nacht damals. Immer wieder.“

„Justus war ehrlich! So ehrlich, dass er am Ende sogar gestorben ist, daran.“ „Justus? War ehrlich? Das habe ich immer geglaubt. Aber war er das wirklich?“ Peter schüttelt den Kopf, langsam, er sieht aus wie Master Joda oder  eine animierte Schildkröte aus einem japanischen Zeichentrickfilm.  Dann fängt er übergangslos an zu erzählen, und Maria braucht selbst ein paar Sekunden, um zu verstehen, wovon er redet. Von der Nacht vor genau 2o Jahren.

„Wir haben uns den ganzen Tag ausgeruht, damit wir fit sind, richtig fit. Aber ich bin so müde, als hätte ich einen Marathonlauf durch den ganzen Taunus gemacht. Wir sollen nichts trinken, hat Justus gesagt. Und nicht einschlafen. Hellwach und nüchtern sollen wir sein, sonst kann die Aktion schnell lebensgefährlich werden. Hahaha!

Wir haben geübt, das ganze letzte Jahr. Sind im Taunus rumgeklettert. Naja, eigentlich sind wir erst dort auf die Idee zu der Aktion gekommen. Wir hängen da so am Felsen, an der Lorsbacher Wand, da ruft Justus plötzlich nach unten: Hey, stellt euch mal vor, das wäre die Fassade  der Deutschen Bundesbank. Da würden die Leute gucken, was?“ Erstmal war das nur sowas wie unser Running Gag. Aber irgendwann kam einer von darauf, dass so eine Aktion, genau so eine Aktion, uns mit einem Schlag bekannt machen würde. Was wir monatelang versucht hatten, in die Presse zu kommen, einen Termin beim Bürgermeister zu kriegen, in Bonn, im Wirtschaftsministerium. Keiner wollte was wissen von uns. Und Professor van Xanten war der Schlimmste von allen. Dabei hatte der uns doch erst darauf gebracht, dass wir eine neue Ordnung brauchen, wenn nicht alles vor die Hunde gehen soll, in Deutschland. In Europa. Auf der Welt. Ungebremstes Wachstum zerstört die Erfinder, das hat er uns immer wieder gesagt. Und „der Mensch ist des Menschen Wolf“. Aber dann, als wir zu ihm gekommen sind, mit unserem Plan? „Die Revolution frisst ihre Kinder“, hieß es dann plötzlich. Und: fangt erst mal mit eurem eigenen Leben an. Macht das Studium zu Ende. Findet ’nen Job. Ne Frau. Die ganze Cat Stewens-Leier. Scheiße, Mann. Darauf hatten wir keinen Bock, nee. Also ab in den Untergrund. Und da haben wir dann die Aktion geplant. 

Die Kletterseile und Karabiner haben wir in Darmstadt gekauft, um nicht aufzufallen. Die Helme in Mainz. Magnesia hätten wir beinah vergessen. Der Rest war Übung. Hahaha! Thomas hat sich bei ’ner Putzfirma anheuern lassen und die Fassade der Deutschen Bundesbank ausspioniert. Und Fotos gemacht. Ich hab ne Skizze angefertigt von der Route. Und auswendig gelernt. Kein Papier rumliegen lassen, im Zimmer. Oder sonstwo.  Thomas geht voraus, dann ich, Justus als letzter mit dem Transparent. So isses geplant. Also packen wir alles zusammen. Fangen um vier Uhr nachmittags an, viel zu früh. Wir haben einen Fahrradanhänger dabei, sowas neues, wo man die Kinder reinsetzt. Den können wir erst beladen, wenn es dämmert. Irgend so ein Depp schaut sonst bestimmt aus dem Küchenfenster raus in den Innenhof und fragt: „Hey was mache se denn mit dem Anhänger da, habbe se uff aamal Kinner?“

Wir gehen den Plan nochmal durch. Schritt für Schritt. Melanie und Frank sichern und machen einen auf Liebespaar, dabei. Haha. Weißt du, dass die jetzt verheiratet sind, Maria? Krank, was? Thomas geht als erster. Er kennt den Weg, und er hat ein paar Griffe montiert, beim Fensterputzen. Ich kapiere bis heute nicht, dass das keiner gemerkt hat! Haha, das kommt, weil die Banker zu sehr mit der Innensicht beschäftigt sind. Da kriegste nicht mit, was vor deinem Fenster passiert.“ „Ich habe gar nicht gewusst, dass ihr klettern konntet. Justus hat nie davon erzählt.“ „Justus hat viel nicht erzählt, Maria. Ganz viel, glaube ich.“ „Und dann?“ „Dann isses dunkel und wir wollen los. Packen alles in den Fahrradanhänger. Da sagt Justus, ich komme gleich nach. Muss noch schnell was erledigen. Wie, was? frage ich. Aber Thomas sagt nur ok, ok.

Ich kapier das nicht. Ich kann das nicht ab, wenn plötzlich was nicht nach Plan läuft. Pläne sind wichtig! Ich hab meinen Plan. Jeden Morgen ein Margarinebrot am Bahnhof. Mittags wieder. Am Abend ne Suppe bei der Majorin. Und dann ein Bier hier auf der Bank. Das ist mein Plan.“ „Ja, das ist dein Plan, Peter. Aber warum hat Justus euren Plan umgeworfen?“ Maria bemüht sich, ihre Stimme tief zu halten, sich nichts von ihrer Aufregung anmerken zu lassen. „Justus hat alles kaputt gemacht. Alles. Wir sind zur Deutschen Bundesbank gefahren. Melanie und Frank haben sich abgeknutscht und dabei die Straße im Auge behalten und das Transparent. Thomas ist losgeklettert, ich soll warten, bis Justus kommt. Aber er kommt nicht. Thomas macht von oben Zeichen mit der Taschenlampe. Dann endlich kommt Justus. Ganz blass und wortlos. Klappt das Transparent auseinander, schaut mich an und sagt: wenn du keine Lust mehr hast, dann geh. JETZT. Ich glaub ich spinn. Tickt er noch richtig? Ich starre ihn an. „Ok, Mann. Dann los jetzt!“, brüllt er. So laut, dass Melanie los schreit. Und ich klettere. Einen Meter, zwei. Drei. Ich höre Justus atmen, hinter mir. Und dann wird‘s plötzlich total hell. Überall Autos und eine Stimme, wahnsinnig laut: Hier spricht die Polizei. Kommen sie sofort da runter. Werfen Sie die Schusswaffen weg und nehmen Sie die Hände hoch. Ich schau runter. Schusswaffen? Was für Schusswaffen? Jemand reißt Justus auf den Boden. Er fällt hin. Ein Bulle tritt auf ihn ein. Ich schreie. Da sieht Justus mich an. Nur mich.“

Peter stützt seinen Kopf in die Hände, krümmt sich auf der Bank zusammen, als würde er die Schläge spüren, selbst, jetzt, nach zwanzig Jahren. „Er schaut mich an. Und der Plan? Justus? Was ist mit unserem Plan?

Ich habe einen Plan. Meinen Plan. Jeden Morgen ein Margarinebrot am Bahnhof. Mittags wieder. Am Abend ne Suppe….“ „Peter, ich weiß. Peter, hör mir zu. Was war passiert, Peter? Wer hat euch verraten?“ Aber Peter hört nicht mehr zu. „Justus, warum? Van Xanten war ein Arsch. Das wussten wir. Justus, warum? Wo ist dein Plan? Ich habe einen Plan, Justus. Ein Plan ist wichtig. Jeden Morgen ein Margarinebrot…“ „Peter. PETER! Was war mit van Xanten? Peter?“ Peter wiegt seinen schmächtigen, schlecht riechenden Körper hin und her. Murmelt: „Morgens ein Margarinebrot. Das ist mein Plan.“ Dann, plötzlich, hält er mitten in der Bewegung inne. Schaut Maria mit durchdringenden rot unterlaufenden Augen an. „Haste mal‘n Bier, Mädel?“  Maria steht auf und geht. Wortlos. So, wie sie gekommen ist.

Kapitel 3

Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realismus. Alfred Hitchcock

Frankfurt am Main, 20. Juni 2004, nachts

Plötzlich kommt Maria alles zu groß vor, zu laut. Das Knirschen der Kiesel unter ihren Schritten. Die von einer Windböe geschüttelten, nachtgrauen Kastanienblätter, die Umrisse des Bootshauses am Fuß der Treppe. Die schwarzen Wellen. Es riecht nach Wasser. Und nach Pfeifenrauch. Maria bleibt stehen. Nimmt Witterung auf und saugt die Nachtluft durch die  gekräuselte Nase. Der Raucher muss auf der Treppe stehen, auf der untersten Stufe. Er will nicht gesehen werden, aber doch bemerkt. Plötzlich ist der Schaumainkai wie ausgestorben. Keine Pärchen, keine Junkies. Keine Hunde und Besitzer. Geschweige denn eine Polizeistreife.

Sie zählt im Stillen bis fünf. Dann rennt sie los. An der Schweizer Straße hält sie ein Taxi an. Lässt sich atemlos auf die Rückbank fallen. Schweiß rieselt zwischen ihren Schulterblättern den Rücken hinunter. Zieht als dünnes Rinnsaal Streifen in das Makeup ihrer Stirn, klebt in den Augenfalten und bleibt in ihren Wimpern hängen. Sie ist noch nie gerne gejoggt. Mit sechzig ist sie dafür definitiv zu alt.

Der Nachtportier hebt nur kurz den Blick von seinem Buch, als Maria die Glastür aufschiebt. Ist sie so schwer oder bin ich so schwach? fragt sie sich. Zu alt! denkt sie wieder, als sie Sekunden braucht, um sich selbst in dem Spiegel an der Wand rechts neben der Rezeption zu erkennen. „Zimmer vierzehn, bitte. Hat jemand nach mir gefragt?“ „Wieder schaut der Nachtportier von seinem Buch auf, unwillig, wie ihr scheint. Er hält es aufgeschlagen in der linken Hand, während er im Sitzen den Oberkörper verdreht und mit der Rechten ihren Schlüssel vom Haken nimmt. Das Fach dahinter ist leer. „Nee, keiner“, brummt er. Maria hat plötzlich das unwiderstehliche Bedürfnis nach  einer Konversation mit einem normalen Menschen, einem ihr freundlich gesinnten. Und ein Leser ist doch ein freundlicher Mensch, oder? „Was lesen Sie denn da?“ fragt sie ihn mit, wie sie meint, genau austarierter stimmlicher Schwingung zwischen Interesse und Neugier. „Ein Rezept für Rippche mit Sauerkraut, mei Frau is im Krankehaus un da muss isch morsche koche. Bleibt einem abber auch nix erspaat. Wolle se sich noch was mit ruff nemme? Wasser und Bier is inner Minibar.“ „Danke, sehr freundlich. Nein. Ich bin müde. Bitte, wecken Sie mich morgen um acht. Gute Nacht.“

Kein Literat, aber freundlich. Maria steigt die mit abgewetztem rotem Teppich belegten Stufen hinauf, geht links einen Gang hinunter, ihr Zimmer ist das letzte hinten im Eck. Plötzlich geht mit einem dumpfen Klack das Deckenlicht aus. In der muffigen Finsternis tastet Maria nach der Wand, hebt  gleichzeitigen den rechten Fuß – und macht einen Schritt ins Leere. Sie verliert den Halt und fällt.

Eine Stufe, noch eine, eine dritte. Die Treppe ist hart und steil. Da fühlt sie eine Hand an ihrem linken Unterarm und eine an ihrer rechten Schulter. „Vorsicht, Stufe!“ sagt eine tiefe Stimme. „Ohne Licht ist das hier lebensgefährlich, gnädige Frau.“ Als sie wieder steht, lässt der Mann ihren Arm los. „Ist Ihnen nichts passiert? Soll ich Ihnen was zu trinken bringen? Oder …. wollen wir gemeinsam einen Absacker nehmen, auf den Schreck? Drüben in Sachsenhausen, vielleicht?“ Maria steht. Wacklig noch, aber sie steht. Langsam lockert der Schreck seinen Griff. und sie beginnt wieder, zu denken und zu fühlen. Immer noch fehlt das Licht. Vielleicht ist ihr Geruchssinn deshalb geschärfter als sonst. Fein aber ganz deutlich nimmt sie den Pfeifengeruch wahr. Pflaume und Whiskey. Der gleiche wie am Schaumainkai. Sie reißt ihre Augen auf, sicher sieht er das Weiße in ihnen im Dunkeln leuchten. Sie macht sich steif, lehnt sich so weit wie möglich nach hinten. Stille. Sekundenlang nur. „Sie sollten sich in Acht nehmen, wissen Sie“, flüstert es plötzlich heiser an ihrem Ohr. So dicht, dass sie bei jedem „t“ die Spucketröpfchen spürt, auf ihrem Hals. „Vielleicht ist Frankfurt einfach nicht das richtige Pflaster für Sie. In Italien ist es doch auch viel wärmer. Gehen Sie zurück. Bevor es zu spät ist.“ Mit einem Mal ist das Licht wieder an, und hastige Schritte eilen die Treppe hinauf. „Da bin ich aber beruhigt, dass Ihnen nichts passiert ist, gnädige Frau“, ruft der Pfeifenraucher überlaut in Richtung Gang. „Gute Nacht“ Und, leise: „Denken Sie an meinen Rat“.

„Iss Ihne werklisch nix bassiert?“ fragt der Nachtportier. Er ist ehrlich besorgt. „Das is in dreissich Jahre noch ned vorkomme. Da is einfach die Sischerung rausgefalle. Isch hab se grad widder reigedreht“.

„Danke, alles ist gut“, sagt Maria. „Nichts ist gut“, denkt sie und schließt die Tür ihres Zimmers zweimal ab.

Kapitel 4

In der Armut liegt ein Glanz verborgen, der Glanz des Authentischen. Ernesto Cardenal

Frankfurt am Main, 21. Juni 2004, am späten Vormittag

Alles sieht ganz anders aus und trotzdem genau wie früher. Die Fressgass war in den Achtzigern die Gourmetmeile Frankfurts, wo alle, die es sich leisten konnten oder so tun wollten, als ob sie das könnten, sich mit Lebens- und Genussmitteln eindeckten. Gänseleberpastete, Champagner, erlesene Parfums, feine Zigarren. Heute sind noch ein paar Läden mit biologischen Spezialitäten hinzu gekommen und einem Gütesiegel, dass die Verdoppelung eines überteuerten Preises rechtfertigt. Aber auch hier das für Frankfurt so typische Gedränge aus Menschen aller Haut-, Haar- und Augenfarben. Frauen in High Heels und Miniröcken, Frauen in Burkas, Frauen mit Pekinesen und Frauen mit Kinderwagen. Männer in Anzügen und Manschettenknöpfen, Männer mit Jelaba. Blonde Kinder mit heller Haut und dunkle Kinder mit Mandelaugen. Dazwischen Asiaten in Söckchen und Gruppen mit Fotoapparaten vor dem Bauch. Jetzt im Sommer  fallen sie wieder in Scharen ein. Touristen aus Amerika, aus Japan, sogar aus Russland. Vor der Konditorei Lochner bleibt sie stehen, plötzlich gepackt von der Lust auf Bethmännchen. Sieben Euro verlangt die Verkäuferin. Sie ist barsch und spricht sächsisch. Beides ist neu in der Fressgass, stellt Maria fest. Die Zeiten haben sich eben geändert. Mit der Bethmännchentüte in der Hand geht sie weiter zum Kornmarkt.

Um Wackers Kaffeegeschäft scheint die Zeit einen Bogen gemacht zu haben. Drinnen sieht es noch genauso aus wie in den Achtzigern. Die blank blitzenden Kaffeeschütten, die hohe Theke, auf der sich Schokoladen, Plätzchen und allerlei kleine Geschenke einladend türmen. Die kleinen wackeligen Tischchen und an jedem mindestens eine Person zu viel. Alle lachend, alle redend, Kaffee trinkend. Nur die Luft ist anders, heute, bemerkt Maria. Früher hatte jeder eine Zigarette in der Hand. Das gehörte dazu, zum Sehen und Gesehen werden. Wie oft hatte sie sich mit Justus hier verabredet. Sie kam aus dem Verlag und er aus der Uni. Sie wollte ihm nicht nachspionieren. Erwachsene Kinder sind zwar immer noch deine Kinder, aber sie sind eben auch erwachsen. Deshalb respektiere ihre Privatsphäre, so, wie du es dir von ihnen und von jedem anderen Menschen für dich wünschst. Das war Marias Maxime gewesen. Und je deutlicher sie diese geäußert und vor allem gelebt hatte, um so lieber hatte sich Justus mit ihr getroffen.

Und nicht nur er. Auch seine Freunde liebten es, mit Maria zu diskutieren. Über das Habermas-Interview in der taz, über den Washington-Consensus in der Wirtschaftstheorie und über den Club of Rome. Sie mochten ihre „anarchistischen Anschauungen“, wie Thomas sie nannte. Der Tisch ganz hinten am Fenster war ihr Stammplatz gewesen. Unwillkürlich geht Maria in den Laden. Hinter der Theke fremde Gesichter. Ihr Platz ist besetzt. Natürlich. Es duftet nach frisch gemahlenem Kaffee und Brötchen. Maria schließt die Augen. Für einen Moment erwecken diese vertrauten Düfte die Vergangenheit wieder zum Leben. Und sie sieht sich dort sitzen, eine dynamische, noch junge Frau mit braunen Locken, großer Brille und feinen Falten um Mund und Augen, Lachfalten, Glücksfalten. Um sie herum junge Studentinnen und Studenten. Lebenshungrig. Wissensdurstig. Voller Tatendrang und dem Wunsch, die Welt zu verändern. Zu verbessern.

Und? Was haben sie erreicht? Nichts! Die Welt dreht sich weiter, aber Justus ist tot. Nein. Das ist nicht seine Schuld und nicht die Konsequenz seiner Ideen, seiner Überzeugung. Das ist die Schuld eines anderen. Eines Menschen mit bösen Hintergedanken und ausreichender Macht, um sie auszuführen. Wenn Justus Tod nicht umsonst sein soll, dann muss Maria diesen Mann finden. Und zu Ende bringen, was Justus nicht anfangen konnte. „Was kann ich für Sie tun? Möchten Sie eine Tasse Kaffee? Wir haben eine ganz neue Mischung! Wollen Sie sich einen Moment setzen? Da hinten wird grade ein Tisch frei“. Maria lächelt. Sie lächelt, als sie sich auf ihren alten Platz setzt. Lächelt mit der Kaffeetasse am Mund. Lächelt die Leute am Nebentisch an. Sie weiß jetzt, was sie tun muss. Wie Michelangelos Pietà in der Basilica von San Pietro wird sie die Erinnerung an ihren Sohn bewahren und halten.

„Entschuldigung, ist hier noch frei?“ Die Frau ist nicht mehr ganz jung, aber auch noch nicht alt. Mitte vierzig, schätzt Maria. So wie sie damals. Irgendetwas an ihr wirkt vertraut. Die Stimme mit ihrem Klang nach leicht gesprungenem Glas? Die prüfend unter gesenkten Wimpern hervorstechenden Blicke? Die zärtliche unbewusste Bewegung, mit der ihr linker Mittelfinger über den rechten Handrücken streicht? Damals waren die Hände weicher, heller, nicht so rissig, und auch die Adern kamen nicht so deutlich hervor. „Melanie. Melanie Wenzel!“ Die Frau beugt sich mit einem Ruck nach vorne. Schießt einen Blick auf Maria ab, der sich in ihren Augen verhakt. „MARIA! Was machst du denn hier in Frankfurt? Warst du immer hier? Die ganzen Jahre?“ Maria liest die Sorgen aus Melanies  Fältchen, kleine Alltagsnöte, zuviel Monat übrig und kein Geld mehr da, Schulprobleme. Und große Lasten. Kein Job in Aussicht, kein Argument gegen Franks Alkoholkonsum. Und immer wieder die Erinnerung an damals. Natürlich, warum wäre sie sonst hier, heute Mittag? Sorgfältig faltet Maria Melanies Kummer in die Papierserviette vor sich. Schiebt sie unter die Kaffeetasse und sagt: „Zwanzig Jahre lang habe ich meinen Mut gehäufelt. Jetzt bin ich hier. Wegen Justus. Wegen mir. Und wegen dir. Und Frank und Peter. Ich will wissen, was passiert ist. Ich bin stark genug für die Wahrheit und entschlossen genug, um sie herauszufinden. Und dann, wenn alles klar ist, können wir einen Schlussstrich ziehen  und ein zweites Mal anfangen zu leben. Zu denken. Zu planen. Das bin ich euch schuldig.“ Melanie rührt mit dem Löffel in ihrem Kaffee. Kleine kreisende Bewegungen, die immer schneller werden. Bis braune Tropfen auf die weiße Tischdecke schwappen. „Ohne aufzuschauen, Maria anzuschauen, sagt sie, und sie betont dabei jedes einzelne Wort: „Komm. Wir gehen zu Frank.“

MiniKrimi Adventskalender am 22. Dezember


Kein richtiger Krimi, schlussendlich. Stimmt. Aber – was würdet Ihr sagen, wenn Euch das passieren würde? Keine Sorge, lehnt Euch entspannt zurück, in der Gewissheit, dass Euer Heiligabend ganz sicher weniger aufregend ablaufen wird.

Die Weihnachtserbin

Heiligabend: Frida hat ihren Mann Jan und die Kinder auf den Weihnachtsmarkt geschickt, um in Ruhe die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Alles wie jedes Jahr, sie erwarten Oma Anita, Opa Bernd und Jans arroganten Bruder David. Sie gilt als perfekte Gastgeberin. Aber heute fragt sie sich, ob sie in den letzten Jahren, seit sie in das Haus am Stadtrand von Berlin gezogen sind, nicht zu oft nachgegeben und zu wenig an sich gedacht hat. Ihr Blick fällt auf die rote Küchenuhr, die ihre besten Tage hinter sich hat. Vielleicht geht es mir genauso, denkt Frida. Und sie spürt, wie so etwas wie Unmut in ihr aufsteigt und Unzufriedenheit. Da klingelt es an der Tür. Wer kann das sein?

„Ja, bitte?“, fragt sie in das Schneegestöber. Vor ihr steht ein Mann mit roter Mütze. Nein, nicht der Weihnachtsmann, das erkennt Frida an der grimmigen Miene, mit der er ihr einen aufgeweichten Umschlag entgegenstreckt. „Frida Rosenzweig?“, schnauzt er sie an. „Ja. Haben Sie was gegen meinen Namen?“ „Ist mir egal, solange er auf dem Briefkasten steht.“ „Aber das tut er doch nicht!“ „Eben. Deshalb musste ich so lange suchen. Eilauftrag vom Kunden. Und das an Heiligabend. Hier, unterschreiben!“ Natürlich passt ihr ganzer Name, Kahler-Rosenzweig, nicht auf das Signaturpad. Ebenso wenig wie auf den Briefkasten. „K. Rosenzweig“ krakelt Frida auf das Pad, dann stürmt der Mann zurück auf die Straße.  „Frohe Weihachten“, ruft sie ihm hinterher, um ihrem perfekten Image noch irgendwie gerecht zu werden.

Dann setzt sie sich mit dem Brief in die Küche. Dr. Ernst R. Schreck, Notar, steht auf dem Umschlag. Er enthält die Einladung zur „Testamentseröffnung im Erbfall Pepita Rosenzweig“ am 24.12.2015, 13 Uhr, in der Straße zum Löwen 12 in Wannsee. Frida schaut auf die Küchenuhr. Fünf vor zwölf. Wie passend, denkt sie. Was mache ich jetzt? Du kannst da unmöglich hin, sagt die perfekte Gastgeberin in ihr. Die Vorbereitungen! Na und, antwortet  eine Stimme, die Frida nicht mehr gehört hat, seit sie hier eingezogen ist. Denk an dich! Pepita muss Oma Anitas totgeschwiegene Zwillingsschwester sein. Bestimmt hat sie dir was vererbt, sonst hätte dich dieser Schreck nicht eingeladen.

Frida  schaut sich in der Küche um, sieht die abblätternde Farbe an den Fensterrahmen, die angeschlagenen Kacheln. „Willst du  so weitermachen? Das Haus muss dringend renoviert werden. Aber dafür fehlt euch das Geld. Jan ist lieb und nett, aber er verdient nicht genug. Nimm die Sache selbst in die Hand. Zieh den Mantel an und geh.“

Und das tut Frida. Der Weg nach Wannsee über leergefegte Straßen ist kürzer als gedacht. Das Anwesen Nummer 12 entpuppt sich als majestätische Gründerzeit-Villa mit Auffahrt und Freitreppe. Frida parkt den alten Familienvolvo direkt neben einem grün funkelnden Jaguar XJ. Sie  wird erwartet, in der Tür steht ein untersetzter Mann mit Kugelbauch und schütterem Haar. Auch kein Weihnachtsmann, konstatiert Frida mechanisch. „Frau Rosenzweig, schön, dass Sie da sind. Schreck“, sagt er mit öliger Stimme.

Die nächste Stunde vergeht wie im Traum. Das getäfelte Arbeitszimmer, die hohen Stühle. Das Video, in dem eine Frau wie ein Rabe im schwarzen Kleid mit funkelnden Knopfaugen sagt, dass sie Haus, Auto und Bankkonten ihrer Großnichte Frida vererben will. „Die einzige Bedingung, die du erfüllen musst“, krächzt ihre brüchige Stimme aus den Lautsprechern, „ist, zu beweisen, dass du nicht so verlogen bist wie der Rest meiner Familie.“ „Und wie?“ fragt Frida. „Ganz einfach“, erklärt der Notar, „Sie müssen vollkommen ehrlich sein. Und zwar alle.“ „Das sind wir doch immer“, strahlt Frida. Wenn’s weiter nichts ist. In Gedanken zieht sie schon in die prachtvolle Villa ein. Das Treppengeländer ist eine prima Skater-Rail für Finn, und im Garten könnte Annas Pony stehen. „Gehen wir?“ Dr. Schreck sieht sie auffordernd an. „Wir? Wohin?“ „Zu Ihnen nach Hause. Ihre Großtante hat mich mit der Überprüfung Ihrer Ehrlichkeit betraut“. 

Die Rückfahrt verläuft schweigsam. Bestimmt würde Dr. Schreck den Heiligen Abend lieber woanders verbringen. „Mein Gänsebraten ist vorzüglich“, flötet Frida und öffnet die Tür. Rauchschwaden vernebeln die Sicht, ein beißender Geruch nach verbranntem Fleisch straft ihre Behauptung Lügen. Mit einem Schrei stürzt Frida in die Küche. Sie hantiert immer noch hektisch mit Töpfen und Pfannen, als Jan und die Kinder nach Hause kommen. „Was ist denn hier passiert?“ Anna rümpft die Nase. „Das stinkt.“ „Kinder, riecht doch lecker.“ Jan will die Stimmung retten. Da sieht er den rundlichen Mann, der Frida ein spöttisches Lächeln zuwirft. „Das gilt noch nicht“, sagt sie hastig. „Erst muss ich alles erklären.“

Jan runzelt kritisch die Stirn. Aber die Kinder sind begeistert. „Zum Glück ist die dumme Gans angebrannt“, ruft Finn. „Jetzt gibt’s Spaghetti mit Tomatenketchup, ok?“ „Das fängt ja gut an“, wispert Frida ihrem Mann zu. „Das wir noch viel besser“, antwortet er.

Statt eines „Du wirst immer jünger, wie machst du das bloß?“ hilft Jan Oma Anita mit der Bemerkung aus dem Mantel: „Du hast ganz schön zugenommen!“ Und Finn brüllt: „Pelz ist Mord! Freiheit für alle Tiere jetzt sofort!“ Opa Bernd erlangt nach Fridas Erklärung zu diesem „etwas anderen“ Heiligabend als erster die Fassung wieder. „Wir können endlich aufhören mit dem Theater, Anita.“ Dann fragt er: „Frida, darf mein Mann dazukommen?“ Denn Bernd und Anita gehen schon lange getrennte Wege. Sie unterhält einen Swingerclub auf Malle, und er hat seine heimliche Liebe Adam geheiratet. „Glaubt bloß nicht, dass ihr den Sommerurlaub bei mir verbringen könnt“, warnt Anita vorsorglich. “Ihr seid viel zu spießig für meine Gäste.“ Frida wundert sich, warum Anita und Pepita sich nicht vertragen haben. Wo sie sich so ähnlich sind. Zwillinge eben.

Als David kommt, macht es ihr sogar richtig Spaß, ehrlich zu sein. „Du bist viel zu spät. Wie immer. Gut, so haben wir wenigstens ohne deine Anzüglichkeiten essen können“, wirft sie ihm an den Kopf. Und setzt noch eins drauf: „Wir haben kein Geschenk für dich. Du bringst ja auch nie was mit.“ „Stimmt nicht“, antwortet David, zieht ein zerknülltes Päckchen aus der Manteltasche und beweist seine Anpassungsfähigkeit an die besonderen Umstände mit der Bemerkung: „Beim Ausmisten habe ich deine alten Topflappen gefunden, die musst du bei mir vergessen haben, als du zu Jan gezogen bist. Hier – stehen dir ganz wunderbar“.

Da stößt Finn einen Wutschrei aus. Anna und er haben ihre Geschenke ausgepackt. Der Junge hält einen Chemiebaukasten in die Höhe. „Papa. Was soll das? Wo ist mein neues Skateboard?“ „Kannst du mir mal sagen, warum dieses Kind sich für nichts von alledem interessiert, was mir als Kind Spaß gemach hat?“, fragt Jan leise seine Frau. „Das liegt vielleicht daran, dass er gar nicht dein Sohn ist, sondern der deines Bruders“, flüstert Frida zurück. Was für ein Albtraum, denkt sie. Und: hätte ich bloß diesen Brief nie bekommen!

Der Rest des Abends versinkt im Chaos. Bernd hat sich von Adam abholen lassen. David haben die beiden gleich mitgenommen, mitsamt dem Veilchen, das ihm Jan verpasst hat. Anita sitzt mit Dr. Schreck auf der Terrasse und raucht einen Joint. „Das habe ich mir auf Malle angewöhnt. Hilft super gegen Arthrose“. Jan hat die Kinder ins Bett gebracht. Jetzt steht er im Schlafzimmer und packt seinen Koffer. „Mensch Jan, bitte. Es tut mir so leid. Das war einfach alles zu viel für mich“, sagt Frida und macht eine ausladende Armbewegung. „Alles“ meint dieses Leben. „Wollen wir es nicht noch mal versuchen? In Tante Pepitas Haus? Ohne Sorgen?“ „Und wie bringen wir Dr. Schreck dazu, in uns eine ehrliche Familie zu sehen?“, fragt ihr Mann. „Hm, wir geben ihm einfach so viel zu trinken, dass er sich morgen an nichts mehr erinnert!“

Am 25. sitzen alle beim Frühstück. Frida und Jan, Finn, Anna und Oma Anita, als Dr. Schreck die Treppe hinunter kommt. Sein Aussehen macht seinem Namen alle Ehre. „Guten Morgen“, ruft Frida gut gelaunt. „Schauen Sie, die perfekte ehrliche Familie!“ „Von wegen“, sagt Schreck. „Sie sind verlogen! Sie haben mich gestern betrunken gemacht, damit ich mich an nichts erinnere. Aber hier, ich habe alles aufgenommen“, und er zeigt auf sein Handy. Da klingelt es an der Tür. „Das ist mein Taxi. Auf Nimmerwiedersehen, Familie Kahler-Rosenzweig,“ „Halt, Sie können uns doch nicht so einfach sitzen lassen, nach allem, was wir wegen Ihnen durchgemacht haben“, ruft Frida verzweifelt und versucht, ihn festzuhalten. Es klingelt ein zweites Mal. „Lassen Sie mich los“, faucht Dr. Schreck. Aber Frida ist mit ihren Nerven völlig am Ende. Soll Dr. Schreck ihrenTraum von einer rosigen Zukunft zum Platzen bringen? Sie greift nach dem schweren Klöppel, der am Eingang neben dem alten Gong hängt. Und schlägt zu.

Als es zum dritten Mal klingelt, fährt Frida zusammen. Ist sie doch glatt am Küchentisch eingenickt! Es riecht nach verbranntem Braten, und durch dicke Rauschschwaden fällt ihr Blick auf die rote Uhr. So spät! Sie rennt zur Tür. „Schatz, wir haben die Zeit vergessen, nicht böse sein!“ Jan legt ihr mit beschwichtigender Mine den Arm und die Schultern. „Macht nichts!“ Frida strahlt ihre Familie an. „Ich bin auch noch nicht fertig. Hatte wichtigeres zu tun. Was haltet ihr davon, wenn wir Heiligabend heute mal anders feiern? Nicht perfekt, aber dafür so, dass alle Spaß haben?“ „Au ja“, ruft Anna. „Können wir statt dem Gänsebraten Spaghetti essen?“ Und Finn ergänzt hoffnungsvoll: „Mit Tomatenketchup?“

MiniKrimi Adventskalender am 20. Dezember


Heute: der MIniKrimi im Doppelpack. Denn ich kann mich nicht entscheiden. Also überlasse ich euch die Wahl. Welcher ist besser? Unter allen Antworten verlose ich ein Exemplar meines winterlichen Fünf-Seenland-Krimis „Miniataurus“, passend zur Jahreszeit.

  1. Saitenwechsel

Er kam unerwartet früher als geplant von der Dienstreise zurück und wurde von schrillen Dissonanzen empfangen. Seine Frau Gina hatte offensichtlich ein neues Hobby: sie übte Violine. „Diese Seite von dir kannte ich noch gar nicht,“ sagte er und ergriff  – bildlich gesprochen und wörtlich genommen – die einmalige Gelegenheit, eine andere Saite seines Lebens aufzuziehen, nachdem er die alte G-Saite runtergedreht, ausgefädelt, die neue Saite eingefädelt und einmal fest über das Ende ihres Halses gewickelt hatte.

2. Gestreift

„Wie süß, Schnucki, dass du mich doch noch mitgenommen hast, in deinen Skiurlaub. Eine Woche ohne dich, das hätte ich nicht ausgehalten. Ich will dich doch jede Sekunde bei mir haben.“

„Klar, mein Zuckerstückchen. Eine Woche Kitzbühel nur mit meinen Freunden – das wäre ja nicht zum Aushalten gewesen.“

Sie kichert. Und fragt: „Schnucki, hier steht Streif. Ist das auch ganz sicher eine Anfängerpiste?“

„Ganz sicher, mein Häschen. Da kommst du ohne zu schieben gar nicht voran. Deshalb habe ich deine Skier heute morgen extra nochmal gewachst. Und jetzt ab mit dir.“

„Ahhhhhhhhh!“