Ungebunden an die Zeit


Kindheitsmuster verschlungen bis die Seiten Eselsohren hatten und das dünne, schlechte Papier die zerlesenen Buchstaben nicht mehr halten konnte. Anders als „Licht über weißen Felsen“ und „Winnetou“, diesen in ihrem Gegensatz ähnlichen, pathetisch-ideologischen Indianer-Epen ohne Nähe zum Sujet, verwandelte sich „Kindheitsmuster“ nicht unter dem Kaleidoskop meines Erwachsenenblicks. Nachdenken über Christa T. Kassandra. Kein Ort. Nirgends. Ihre Art, die Welt zu sehen und ihre Fähigkeit, mir ihren Blick zu öffnen, habe ich bewundert und verehrt. Sie konnte als Frau schreiben, ohne sich die Feministin auf die Stirn zu heften. Für mich sperrte sie sich allen Schubladen. „Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit …“. Das war sie, und allein deshalb gehören Lob und Kritik zu ihre wie die Tage ihres Lebens umhüllend nicht verwischend. Ich fand, sie stand. In sich und zu sich. Das ist mehr, als wir von vielen deutschen, ach was, von vielleicht den meisten „Literaten“ überhaupt sagen können….

Jetzt ist sie zeitlos ungebunden. Körperlich. Kassandra ruft aber weiter, und die Kindheitsmuster ziehen Kreise an den Horizonten unserer Lesewelten.

Ich trauere um Christa W.

Adventskalenderkrimi 2.0: 1.Dezember. Einsamer Wintermorgen.


Ein Scheißtag schon wieder! Kaltnebel knebelt meine Gedanken. Wie lange noch soll ich gefangen sein in diesen sinnlosen Tunneltagen? Aufstehen, arbeiten – immer zu viel, Geld verdienen -immer zu wenig, heimkommen – immer alleinkommen. Wenn in den Schaufenstern die Lichterketten glitzern, in den Fenstern die Jakobsleitern blinken, dann will ich auf dem Balkon keine Einsamzigarette rauchen. Verdammt. Ich will meinen Glühwein teilen. Mein Herz ist heiß genug für zwei! Auf der Parkbank vorne hockt gleich einer, zwei Flaschen Bier und so drei vier Gedanken neben sich, Kippe im Mund. Na und? Ne, laufe ich weiter. So am unteren Ende der Leiter bin ich noch nicht. Aus den Augenwinkeln sehe ich ihn noch in den Straßenrand kippen…..

Adventskalenderkrimi 2.0: 1. Dezember


Gebt es ruhig zu: das ganze Jahr hindurch habt Ihr auf DIESEN Tag gewartet. In heißen Sommernächten schlaflos dem herbstlichen Blättertaumel entgegengefiebert. Den dunklen Frösten den eisigen lichterkettenloh leuchtenden Dezembernächten. Und heute ist es soweit. Marie löst das Schweigeschloss vor ihrem Blog und schreibt. Microkurze Adventskalenderkrimis. 24 an der Zahl. Wie im letzten Jahr freue ich mich auf und über Eure Anregungen, Ideen und Hinweise. Aber ich möchte die Interaktivität noch etwas intensivieren und lade Euch ein, den Lauf der Geschichte(n) mit zu gestalten. Oder auch zu verändern. In den Kommentaren ist genug Platz für Eure Fantasie. Also: lasst uns – gemeinsam – beginnen.

 

Herbstrauschen


Nachdem der Eiswind im Kälterausch die Blätter von den Bäumen gerissen hat, kaum, dass sie erblassen durften, nachdem es kurz vor Geisterstunde ist und nachdem mir kein Haiku einfallen will, nein, es gefällt keinem Gedicht in meiner Gedankenwelt, heute regennacht, nachdem ich zu müde bin, um den Chiara-Blog einzurichten und zu deprimiert, um mich mit einer Tasse Schokolade über meine Schreibfehlzeiten hinwegzutrösten, nachdem die Arbeit in meinem Nacken sitzt und an meinen Stunden nagt, gnaden- und einfallslos –

erzähle ich die Geschichte von der Nordseesturmnacht zu Ende. So, wie ich sie erinnere. So, wie meine Mutter sie uns Kindern bei Kerzenschein und Oktoberstürmen erzählt haben mag.

Die Familie saß also in ihrem Ferienhaus an der Nordsee. Es war ihr erster Urlaub am Meer, und sie genossen ihn in vollen Zügen. Wattwanderungen und Muschelsammeln, Strandburgen und Dünenklettern. Es gab so viel zu tun, dass die Kinder am Abend müde in die karierte Bettwäsche fielen, und die Eltern auch.

Doch in dieser, der besagten, der schon vorab an-erzählten Nacht, wurden sie vom Sturm geweckt. Der Wind war schon heftig gewesen, als sie beim Abendbrot saßen (wären sie ins Dorf gegangen und hätten sie gemütlich in einem schönen Restaurant ein Touristenmenu gegessen, hätte der Wind ihnen beim Hinausgehen so heftig in die Gesichter geblasen, dass sie im Hotel ein Zimmer mit vier Betten genommen hätten. Und wäre die Geschichte mit dem Ausblasen der Kerze nach der Gutenachtgeschichte zu Ende gewesen.

Aber die Eltern wollten sparen oder es gab kein offenes Restaurant oder die Kinder waren zu müde – jedenfalls gab es wahrscheinlich nur Wurst- und Käsebrote – deutsche Familien essen Wurst- und Käsebrote zu Abend, auf Brettchen, so dachte ich mir das, und manchmal, aber nur manchmal, wünschte ich mich an einen deutschen Abendbrottisch, wenn es bei uns paniertes Hirn gab oder Minestrone als primo. Aber sonst war ich immer zufrieden mit dem, was es bei uns, wie in jeder italienischen Familie – so dachte ich – zum Abendbrot gab. Pasta oder Reis und dann Salat und Gemüse und Frittata oder Huhn und dann Yoghurt und Obst oder  – aber nicht immer – Kuchen und Eis. Ich war ein recht dickes Kind.

Die Familie hatte also schon am Abendbrottisch gehört, dass draußen der Wind mächtig wehte. Nachts wachten sie auf, weil der Sturm sich an die Hauswände schmiegte und dann mit wehenden Fingern um die Ecken griff, so, als wolle er das kleine Ferienhäuschen mal eben durch die Luft wirbeln. Die Kinder hatten Angst und krochen zu den Eltern ins Bett. Und da hörten sie es. Laut und deutlich. Ein dumpfer Schlag. Er kam aus dem Esszimmer. Da, wieder einer. Aus dem Wohnzimmer? Rrrummmms, die Wand bebte und das Bücherregal kippte um. Dann Stille. Nur der Wind heulte. Nur der Wind? Nein, da heulte noch etwas anderes. Laut und klagend klang es durch die Nacht. Vermischte sich mit dem Dröhnen der Wellen und dem Grollen des Donners. Und dann wieder rrrrrrrrrummmmms. De Teller kippten aus der Anrichte. RRRRRRRuuuuuummmmmms. Ein Fenster ging zu Bruch. Und diese Stimme. Dieser Gesang. So unendlich traurig. Wie aus einer anderen, untergegangenen Welt.

Rrrummms. Rrrummmms. RRRuuummmmms. Die Schläge gegen das Haus wurden immer heftiger. Sie schienen von allen Seiten auf die Wände hereinzuprasseln. Dann flaute der Sturm langsam ab, und auch die Schläge verminderten ihre Wucht. Zusammengekauert verbrachte die Familie den Rest der Nach in einer Ecke des Schlafzimmers.

Am nächsten Morgen war es windstill, und durch die zerbrochenen Fensterscheiben lachte die Sonne aus einem stahlblauen Himmel. Vorsichtig öffnete der Vater die Tür. Es ging nicht. Vergeblich stemmten sie sich alle gemeinsam dagegen.

Die Tochter – oder war es der Sohn – schließlich kletterte durch das zerbrochene Fenster. Und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Die anderen stiegen eilig hinterher. Sie umrundeten das Haus, auf der Suche nach dem Kind. Das saß neben einem riesengroßen Wal, der in der Sturmnacht am Strand genau neben ihrem Häuschen gestrandet war. Und mit der Flosse recht unsanft angeklopft hatte.

Ich kann mich nicht erinnern, ob der tot war, der Wal. In meiner Version 2011 holen die vier alle Decken und tränken sie mit Wasser, legen sie auf den Wal und kühlen ihn, bis die Flut wieder kommt. Holen Hilfe, und mit dem halben Dorf gelingt es ihnen, das Tier wieder ins Meer zu schieben.

 

Hommage an Jack Sparrow


Berlin lichtet die Anker, Jack Sparrow segelt durchs Internet und das Sorgenmeer mit seinen grauen Wogen, der Krisensturm und das Wirtschaftstief verschwinden im Sog der Entereuphorie. 15 Mann an Deck, und „Anti“ als Programm. Naja – bei dieser Bundesregierung ist die Utopisierung der Hauptstadt eigentlich keine Überraschung.

Eine Überraschung war auch unser Abendessen nicht – ich wusste, es würde lecker werden. Grün war es in weiten Strecken, rot auch. Nur gekapert habe ich es nicht, finde die kleinen dunklen Beeren zu salzig für die Geschmacksharmonie. Nur eine kulinarische Zwangskoalition gab es zu guter Letzt: die Piadine aus der Metro sind halt salziger und leider viel dicker als ihre italienischen Vorbilder. Erwärmt und mit flüssiger Schokolade und gelben Kiwi gefüllt prallen Zucker und Salz als Oppositionelle recht heftig aufeinander. Nehmt also lieber Crêpes, wenn ihr stabile Mehrheiten sucht.

O’zapft is!


Ein paar Tagstunden noch hatte der Himmel ein Einsehen. Und ließ Riesenräder, Eurostars und Geisterbahnen in den Sonnenhimmel fahren. Dirndl im Sommerwind wehen und Raucher trockenen Hauptes vor den Bierzelten lungern. Trockenen Fußes eher nicht, denn auf den Holzbohlen schwamm sicher schon bald das Bier in Lachen. Wie „über den Wolken“, nur gespiegelt, im Himmel der Bayern.

Ein paar Stunden Oktoberfestsonne sind jetzt vorbei. Mit einem Paukenschlag und einem gleißenden „Spot“ kam das Nachtgewitter. Gleich beim ersten Blitz fiel der Fernseher aus. Die Kerzen brannten schon seit einer Stunde, und hinter schwarzen Scheiben zählte ich weiße Hagelkörner beim Terrassentanz.

Als dickes Kind wohnte ich in der Schlossstraße. 250 Quadratmeter, Stuckdecken über 4 Meter hohen Räumen, geschnitzte Ornamente über den Türen und bei jedem Gewitterguss Plastikeimer unter den riesigen Sprossenfenstern. War es ein längerer Regen, mussten wir den ein oder anderen Eimer zwischendurch ausleeren.

Und dann blitzte es und die große  Linde auf dem Hofplatz wurde grau und dann, ganz kurz, grellgrün. Und dann war es dunkel um uns. Und wir hatten schon wieder vergessen, di Streichhölzer auf den Tisch zu legen. Suchten die Kerzen und tappten uns auf die Füße und quiekten und kicherten. Und mein Vater, der das Feuerzeug  immer in der Hosentasche hatte, ließ uns gewähren.

Im Kerzenschein durften wir länger als üblich aufbleiben. Keine zehn Pferde hätten mich ins Bett gebracht. Vampire und Werwölfe, Hexen und Mörder hätten sich unbemerkt in mein Zimmer schleichen können, in der Dunkelzeit. Also spielten wir Schattentheater am Küchentisch – wohlig sicher in den klobigen, warmgepolsterten Bootshausstühlen. Die Kerzen flackerten, heiße Schokolade dampfte in unseren Tassen, meine Mutter sang ein Lied, und mein Vater räusperte sich. Hmhm. Begann er.

Es war eine stürmische, wilde Neumondnacht. Ein Vater und seine Tochter fuhren in ihrer Kutsche nach Hause, überland. Sie hätten längst zu Hause sein wollen, aber das Unwetter erschwerte ihr Fortkommen. Da, plötzlich versank ein Rad tief im Morast, und die Achse brach. Zum Glück sahen sie ganz in der Nähe ein Licht. Sie stiegen aus und eilten, so schnell es der unebene Weg erlaubte, diesem Licht entgegen. Schon bald standen sie vor den wuchtigen Mauern eines alten Schlosses. Sie klopften, und nach einiger Zeit schob der Schlossherr selbst die eisernen Riegel beiseite.

„Ihr dürft gerne bei uns übernachten“, sagte der Schlossherr, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatten. „Aber ihr dürft euch nicht fürchten. Denn bei uns SPUKT es……“

Nach einer kleinen Stärkung, Brot, Wein, etwas Käse und Obst, süße Kuchen und Schokolade, nahm der Schlossherr den siebenarmigen Leuchter vom Tisch und sagte: „Es ist Schlafenszeit. Ich führe euch in eure Gemächer. Sie liegen im dritten Stock. Ich hoffe, das ist für euch nicht zu anstrengend.“

Vater und Tochter sagten Gute Nacht. „Verschließ deine Tür“, raunte der Vater der Tochter noch zu. Das tat sie. Und legte sich müde ins Bett. Sie war nicht von ängstlicher Natur, und schon bald fiel sie in einen  tiefen, traumlosen Schlaf.

Plötzlich schreckte sie auf. War hellwach und lauschte. Gänsehaut kroch über ihren Körper. Da. Schritte auf der Treppe. Und dann eine Stimme: „Stomm. Stomm. Stomm. Ich bin jetzt im ersten Stock“….

Wenn wir das Ende der Geschichte schweißgebadet überlebt hatten, machte meine Mutter meinem Vater stets Vorwürfe. Er solle uns nicht so erschrecken. Die eigene Tochter. Und dann auch noch den Kinderbesuch. Was würden die Eltern dazu sagen? Und dann erzählte sie uns ihre Geschichte.

Eine Familie machte Urlaub an der Nordsee. Sie wohnten in einem wunderhübschen kleinen Häuschen direkt am Strand. Lange war wunderschönes Wetter. Aber eines Abends tobte ein furchtbarer Sturm. Das Licht ging aus, und die Familie saß bei Kerzenschein um den einzigen Tisch in dem winzigen Häuschen. Die Wellen rollten und rauschten. Der Sturm rüttelte am Dach. Ungemütlich war das! Plötzlich krachte etwas mit voller Wucht an die Hauswand. Boammmm! Und dann gleich nochmal. Boammmmmm.

…………. Ich halte im Schreiben inne. Lausche. Tatsächlich. Der Regen hat aufgehört. Und unten singt Udo Lindenberg bei Schlag den Rab. Der Fernseher läuft wieder.

Papà, Mammina, hebt euch eure Geschichten für das nächste Gewitter auf! Oder gleich für den nächsten Kinderbesuch.

Tagliata


Von wegen „domani“. Aber manch gutes Ding will nun mal Weile haben. Und bevor ich ein Rezept „unausgegoren“ zum Besten gebe, lasse ich lieber Wartezeit verstreichen, denn die tagliata musst du nicht nur mit Hingabe genießen, sondern auch aufmerksam beschreiben.

Die Zutaten sind vorbereitet? Das Fleisch gut abgehangen?

Dann nimmt eine Handvoll Kräuter, Rosmarin, Salbei, Thymian, Origano, je nach Geschmack auch eine zerdrückte Knoblauchzehe. Die Kräuter putzt du und zerkleinerst sie – rupfen nicht schneiden, natürlich. In einen Topf gibst du zunächst das Olivenöl, drei, vier Esslöffel dürfen es sein, und dann die Kräuter. Vielleicht musst du Öl nachgießen. Dann aromatisierst du das Öl, indem du es auf sehr kleiner Flamme 10 bis 15 Minuten leicht erwärmst. Hat das Öl den Geschmack der Kräuter angenommen, seihst du es ab und stellst es beiseite.

Die Rucola, evtl. gemischt mit anderen Salatkräutern wie Löwenzahn oder Pimpernell, wäschst du, trocknest sie ab und legst sie als Bett auf eine entsprechend große Servierplatte. Dann verteilst du die geviertelten Datteltomaten darauf. Schließlich hobelst du den Parmesan zu Blättern und legst ihn beiseite.

Nun erhitzt du eine Grillpfanne sehr stark. Du kannst grobes Salz auf die Pfanne streuen, dadurch wird das Fleisch außen knuspriger. Wenn die Pfanne raucht, legst du die Entrecôte-Stücke hinein. NICHT mehr berühren. Je nach Geschmack drei bis fünf Minuten grillen – du kannst du Hitze etwas verringern, die Pfanne ist ja heiß genug. Dann das Fleisch umdrehen, danach wieder nicht berühren, drei bis fünf Minuten auf der zweiten Seite grillen. Willst du das Fleisch „durchgebraten“, dauert der Vorgang natürlich länger. Ist aber an sich schade……..

Die fertigen Entrecôte-Stücke schneidest du quer in ca 1 cm breite Streifen und auf dem Salatbett wieder „zusammenlegen“ (das sieht schöner als, aus wenn du sie nur verteilst). Nun übergießt du das Ganze mit dem noch warmen aromatisierten Öl und lässt es etwas einziehen. Vor dem Servieren bestreust du die tagliata mit den gehobelten Parmesanblättern.

Dazu passt Focaccia. Alternativ aber auch Ciabatta oder, denke ich, als internationaler Touch, Fladenbrot. Und ein nicht zu kräftiger, gerne moussierender Rotwein.

Buon Appetito….

Ach, ein Foto folgt, nachdem ich das nächste Mal tagliata zubereitet habe, also wahrscheinlich schon morgen…..

Stille Tage zwischen Wolken und Wellen


Über mir schwimmen Wolken im blassen Grau. Unter mir schwappen Wellen im kräftigen Blau. Um mich herum schmiegen sich barocke Bäume zu undurchdringlichen Wäldern. Unkrautgirlanden umranken mannshohe Gräser und von Olivenbäumen baumeln Styroportäfelchen, schnabelzerpickt.

Lunigiana. Niemandsland zwischen Wasser und Himmel, Grenzgebiet auf vielfältige Weise. Kulinarisch. Geographisch. Sentimental. Der Horizont schwankt vom Träumen ins Grübeln, der Blick fokussiert mal die Echse im Stein mal den Tanker auf See.

Das Fenster zum Hof wendelt sich hölzern und steil vom DVD-Kino unter die Dachbalkensuite, und schon beim Kofferauspacken habe ich mehr als ein Brett vor dem Kopf. Spinnen nisten hinter Grace Kellys Spiegel, und das Bad hat einen muffigen Atem. Wie ein alternder Film. Über den holprigen Steinen blinken blaue Lichter, wir essen bei Kerzenschein und viel zu lauter Schlagermusik, und über dem gewürzträchtigen Duft der Tagliata schwebt wie ein Spätersommerfaden die Ahnung von Moder. Wir sind die einzigen Gäste. Das rote T-Shirt mit der hebräischen Schrift ist das einzige Kleidungsstück, das der Wirt zu besitzen scheint.

Die Grillen zirpen und die Sterne schauen uns einfach nur zu. Der Borgo aus dem 17. Jahrhundert im Schulterschluss mit der gelben Kapelle, die nahtlos angeklebten Häuser, zwanzig Stufen zwei Hunde eine Küche direkt neben unserer Miniatursuite – unser Avalon im See urwüchsiger ungebändigter unbändiger Vegetation.

Corrado kocht uns die Sterne vom Himmel, und Cinzia breitet die Welt vor uns aus in farbigen Anekdoten. Die Mailänder Skala das Pferd in den Marche der Markt von La Spezia, diesem unerreichbar nahen Hafen. Ghiblir der Schäferhund kräuselt die Krallen und riecht wie eine Wagenladung voll Parmaschinkenknochen.

Drei Tage zwischen Wolken und Wellen, Fisch und Fleisch, Bergen und Tälern, Stille und Lachen, Genuss und Geschmack. Ein Korb voller Filme. Ein Buch voller Bilder. Eine Seite voller Rezepte. Bruschetta, Focaccia, Gnocchi mit Steinpilzsoße, Pasta mit Muscheln und die Tagliata. Damit fangen wir an. Gleich morgen.

Hier vorab schon der Einkaufszettel:

pro Person 1 Entrecôte, gut abgehangen und ca. 2 cm dick;100 Gramm Rucola, eine Handvoll Datteltomaten, eine Handvoll Parmesanblätter, grobes und feines Salz, Pfeffer, verschiedene pflückfrische Kräuter, z.B. Salbei, Anis, Thymian, Origano, Rosmarin, gutes Olivenöl.

A domani, dunque.

Über das Alter durch den Tod


Als ich zwanzig war, stand ich mit einer Flasche Champagner an der Schlossmauer, stieß mein Glas in die Silversterglockenluft und sagte voller Stolz, ich sei wie eine Fackel. Schnell würde ich leben und intensiv lodernd und dann leuchtend verglühen. Mit vierzig, da war ich mir sicher, wäre ich sicher schon tot.

Heute begnüge ich mich damit, Parallelen zu einem Teelicht zu ziehen, dessen flüssiges Wachs lange in seinem unprätentösen Behälter schwimmt, derweil der Docht flackernd glimmt. Mitten im Wald sehe ich schon die Lichtung, den Horizont, und ich bin froh, das es noch eine Strecke dorthin sein mag, auf meinem Weg.

Aber ich ahne bereits, dass ich in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht mit Gleichmut zurückschauen werde, nicht hadernd ob der genommenen Abzweigungen, hoffentlich, aber auch nicht mehr neugierig auf die vielen anderen, übrig gebliebenen. Vielmehr kann es sein, dass ich einem ganz anderen Licht entgegen sehe. Einer Erfahrung, die ich noch nicht kenne, und die mich nach den Erkenntnissen, Leiden und Freuden im Diesseits mit Unbekanntem zu locken vermag.

Ich ahne. Aber bis dahin kann es und darf es, von mir und meinem Heute aus, ruhig noch eine lange Wanderung sein.

Merlin träumt


Der Bach war ausgetrocknet. Merlin hockte an seinem Ufer, die Füße im Schlamm, die Augen auf die Welt gerichtet. Unfokussiert, aber immerhin. Er schaute und sah. Die Wiese. Die Weide. Den Weg. Den Tag.

Gerade, als er sich anschickte, aufzustehen, aus dem Bachbett zu steigen und in die Welt hinaus zu gehen, so ungastlich sie ihm vorkam in ihrer blassen Realität, so viel weniger leuchtend als die samtseidigen Traumräume von Ninianes Gnaden, so viel härter und kälter so abrupt und so grell, gerade da kam Niniane zurück.

Hielt in ihrem staubgrauen Wagen am gegenüberliegenden Straßenrand, das Gesicht tarnabgewandt, ein orangefarbenes Anstecktuch an die vergangenen Jahre geheftet. Und Merlin stieg ein. Wehrhafte Worte auf den Lippen und Selbstsicherheit zwischen den Zähnen. Doch als sich am Mittleren Ring ihre Finger berührten, versank er wieder in ihrem bunt schillernden Traum.

Niniane sang ihn behutsam und zärtlich in den aus Zukunft gesponnenen Schlaf. Und als sie sicher sein konnte, dass nichts ihn aus ihrem Bachbett entführen konnte, fuhr sie davon, nach Nordwesten.

Ach Niniane, nicht eine Himmelsrichtung ist dir genug. Was fängst du an mit dem träumenden  Merlin?

Was? Fängst. Du. An?