MiniKrimi vom 11. Dezember 2014


Heute wieder ein Gastkrimi, diesmal von Petra Scheuermann. Ganz herzlichen Dank für diese „kriminelle“ Spende. Mehr über die Autorin finden Sie hier: www.petrascheuermann.de. Ihr erster Roman „Schoko-Leiche“ ist im Oktober bei KSB-Media erschienen. 

Das Jubiläum

Katharina sah aus dem Küchenfenster auf ihren Garten, der jetzt im Dezember etwas grau wirkte. Mit Pflanzen kannte sie sich aus. Zum Glück! Vorsichtig knetete sie ihr besonderes Gewürz in den Teig der Elisenlebkuchen. Katharinas Weihnachtsgebäck war in der Firma berühmt. Morgen würde sie die Lebkuchen wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit ihrem Chef reichen. Immer und immer wieder hatte Katharina sich überlegt, mit welchem Präsent die Firma sie zu ihrem 30. Jubiläum überraschen würde. Mit diesem Geschenk allerdings hatte sie nicht gerechnet. Beim Aufräumen hatte sie ihre eigene Kündigung in einer Unterschriftenmappe gefunden. Auf einem gelben Klebezettel stand: „Durch Jüngere zu ersetzen!“ Als letzter Tag ihres Arbeitsverhältnisses war der Tag ihres Jubiläums angegeben.

Während sie die Lebkuchen in den Ofen schob, dachte sie: ‚Dieser junge Schnösel von Chef geht vor mir. Und es wird aussehen wie ein Herzinfarkt.’

MiniKrimi vom 10. Dezember


Himmlische Töne

Der Mesner schaut nervös auf die Uhr. Fünf vor zehn. Vom Organisten noch keine Spur. „Nicht, dass er gestern wieder über die Stränge geschlagen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. Obwohl – das kann eigentlich nicht sein. Als ich nach Hause kam, waren Eva und ihre Freundinnen noch beim Plätzchenbacken, und dann sind wir ins Bett gegangen. Aber vielleicht pfeift der Organist ja auf mehr als einer fremden Hochzeit….“

Gerade schwingt die letzte Glocke langsam aus, da stürmt der Organist durch die kleine Seitentür und schleicht, so leise es die knarrenden Holztreppen erlauben, auf die Empore. Ein paar Köpfe drehen sich in seine Richtung, andere drücken vorwurfsvoll schüttelnden Missmut aus. „Dieser Organist ist eine Schande für unsere Gemeinde“, flüstert Regierungsrat Hohlstein seiner Frau ins Ohr. „In der nächsten Gemeinderatssitzung werde ich das ansprechen.“ Da setzen auch schon die ersten Akkorde ein – wie immer zu hastig, zu schludrig, zu wenig präzise. „Wofür kriegt der eigentlich sein Geld, wenn er vor dem Gottesdienst nicht übt?“ Frau Hohlstein gibt ihrem Mann einen Stoß in die Rippen. Sie hat eigentlich nichts gegen den Organisten einzuwenden, seit sie ihn vor einiger Zeit zum ersten Mal mit Eva bei Starbucks in München getroffen hat. Er sieht ganz passabel aus, besser jedenfalls als die meisten Männer hier im Dorf. Und lustig ist er obendrein. Sie hat die beiden dann noch öfter gesehen, in der Stadt. Rein zufällig. Aber man sagt ja, jede Stadt ist ein Dorf. Gut, es heißt, dass er immer mal zuviel trinkt. Aber was soll er auch sonst machen, in diesem Kaff? Er ist ja nicht verheiratet.

Der Pfarrer findet heute wieder mal kein Ende und predigt, als hinge sein Seelenheil davon ab, möglichst alle Gottesdienstbesucher mit seiner monotonen Stimme in den Schlaf zu salben. Endlich steigt er von der Kanzel herab. Jetzt noch das Abendmahl – Frau Hohlstein überschlägt im Kopf, ob sie die Zeitschaltuhr des Backofens richtig eingestellt hat. Nicht, dass der Sonntagsbraten austrocknet!

Der Kreis ist klein. Nachdem der Regierungsrat wie üblich einen extra großen Schluck Messwein getrunken hat, reinigt der Mesner sorgfältig den silbernen Kelch und schenkt frisch ein. Als letzter klettert der Organist von der Empore herab. Sonntagsstille senkt sich auf den Kirchenraum, als der den Kelch aus den Händen des Pfarrers entgegennimmt und ehrfürchtig an seine Lippen führt. Fast, als sei er sich der Tragweite des Augenblicks bewusst.

Das nächste Lied spielt er irgendwie schleppend. Und dann, bei der Musik zum Ausgang, verharrt er sekundenlang auf den Pedalen. „Jetzt schläft der wohl schon an der Orgel ein!“, entrüstet sich der Regierungsrat, als der Schlussakkord krachend auf die Gemeinde donnert. Frau Hohlstein dreht sich erschrocken um. Und sieht, wie der Organist von der Orgel zum Emporengeländer wankt, genau zu der Stelle,  wo die senkrechten Holzstreben morsch sind. Eigentlich hätte der Mesner sie gestern austauschen sollen. Aber dann ist ihm leider etwas dazwischen gekommen. Wie in Zeitlupe sieht Frau Hohlstein den Organisten mit dem vollen Gewicht gegen das Geländer fallen und mitsamt dem wurmzerfressenen Holz in die Tiefe stürzen. Wie ein  Schneeengel liegt er jetzt auf den Fliesen des Mittelgangs, ein Schneeengel mit einer roten Aureole.

Zum Glück sorgt der Regierungsrat dafür, dass der „Unfall“ von den Behörden diskret abgehandelt wird. Der Mesner nimmt den Abendmahlskelch mit nach Hause, um ihn sehr gründlich von möglichen Rückständen zu befreien. Aber zuvor gibt er seiner Frau Eva noch einen Schluck Messwein daraus zu trinken, auf den Schock nach der Nachricht vom Tod ihres Organisten.

MiniKrimi vom 9. Dezember


Heute mal was „für’s Herz“ – und zum Vorlesen für die ganze Familie. Oder so…. Morgen wird’s dann wieder brutaler. 

Commisario Felices erster Fall

Was ist denn da los? Mit äußerstem Widerwillen verlässt Felice die sonnenwarme Sommerwiese, auf die ihn sein Traum geführt hatte, und kehrt in die Wirklichkeit eines kalten Wintertages zurück. Unten streiten Chiara und Bruna, und das so lautstark, dass sie ihn aus seinem Nachmittags-Nickerchen gerissen haben. Dabei wissen die Mädels genau, dass ein alter Herr wie er seine Ruhe braucht! Was soll’s, zum Glück ist er auf dem rechten Ohr schwerhörig. Also dreht er sich auf diese Seite, rollt sich auf der Mikrofaserdecke ein und versucht, seinen Sommerwiesentraum wieder einzuholen.

Umsonst. Die Tür zu seinem Schlafzimmer wird aufgestoßen, und mit einem Satz landet Bruna, er weiß genau, dass sie es ist, auch, wenn er sie nicht sehen kann, neben ihm auf dem Bett. „Felice“, japst sie, und dabei schlägt ihm eine Thunfischwolke entgegen. Thunfisch! Sie hat sich schon wieder von seinem Teller bedient. Na warte, du Luder. Er holt mit aller seinen alten Muskeln innewohnenden Kraft aus, um ihr eine Ohrfeige zu geben. Aber sie ist natürlich schneller, die Jugend! „Felice, lass das. Hör zu, etwas furchtbares ist geschehen“. „Natürlich. Du hast meinen Thunfisch gestohlen.“ „Ach, wegen so einer Lappalie würde ich dich doch nicht aus deinem Mittagsschlaf holen. Nein. Cecilia ist verschwunden!“

Felice runzelt die Stirn. Seine blinden Augen schillern, wie immer, wenn er nachdenkt. Dann antwortet er: „Unmöglich. Wie kommst du darauf?“ „Weil sie uns schon seit zwei Stunden nicht mehr gerufen hat. Das bedeutet, sie ist weg.“ Chiara sitzt, ganz Prinzessin, kerzengerade neben dem Bett. „Unsinn. Habt ihr sie denn überhaupt schon gesucht?“ Felice spürt, wie Chiara und Bruna sich anschauen. „Natürlich“, entfährt es Bruna gereizt. „Oder hältst du uns für blöd?“ Felice zieht anstelle einer patzigen Antwort eine nicht viel diplomatischere Grimasse. „Wahrscheinlich ist sie auf der Toilette. Bei uns Alten kann so ein Geschäft sehr lange dauern.“ Er spricht aus leidvoller Erfahrung. „Nein. Da ist sie nicht. Und auch nicht im Bad oder in der Küche. Sie ist überhaupt nirgends. Und jetzt wird es schon dunkel. Ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist.“ Bruna ist noch klein, jetzt zittert ihre Stimme vor Sorge. „Wirklich, es wird schon dunkel?“ Ich verschlafe den ganzen Tag, denkt Felice. Früher war ist von morgens bis abends auf Achse. Und heute? Stecke ich die Nase nicht mal zum Zeitungslesen aus dem Haus. Mühsam und mit schmerzenden Knochen setzt er sich auf. Reckt den Kopf und zieht bedächtig die Luft ein. Seine Augen sind blind, seine Ohren halbtaub. Aber seine Nase funktioniert immer noch bestens. „Wenn sie draußen ist, dann solltet ihr sie schnell finden. Sie hat nicht einmal einen Mantel an“, stellt er fest. Die rote Winterdaune mit seiner Geruchsexplosion nach Straße, Staub, kalten Hecken und altem Urin hängt am Türhaken. Das riecht er ganz deutlich. „Wie konnte das überhaupt passieren“, schimpft er dann. „Ihr wisst doch genau, dass Cecilia nicht alleine aus dem Haus gehen soll. Wofür seid ihr eigentlich da?“

„Wir waren ja mit draußen,“ mault Bruna. „Aber dann war da ein Igel hinten im Holzhaufen.
Wir haben ihn nicht gefangen, aber plötzlich war Cecilia weg. Dann sind wir reingegangen, weil wir dachten, sie sei auch schon wieder drinnen. Was machen wir jetzt bloß?“

Die Situation ist in der Tat alles andere als einfach. Cecilia ist alt und dement. Manchmal findet sie nicht einmal den Weg vom hinteren Gartenende zurück zur Terrasse. Aber im Haus klappt es noch mit der Orientierung. Und bis jetzt hat sie noch nie vergessen, sich, Felice, Chiara und Bruna zu füttern. Bis jetzt. Felice merkt allein an seinem knurrenden Magen, dass es Abend geworden ist. Wenn sie die Alte nicht finden, haben die drei ein echtes Problem.

„Felice, komm mit, wir suchen gemeinsam“, bettelt Bruna. Aber das kommt nicht in Frage. Er kann nach seinem Wirbelbruch im Sommer kaum noch gerade gehen. Außerdem muss er sich nicht bewegen, es genügt, wenn seine kleinen grauen Zellen aktiv sind. Das hat er von seinem Lieblings-Detektiv, Hercule Poirot, gelernt. „Also, ihr sagt mir jetzt noch einmal ganz genau, wo ihr sie zuletzt gesehen habt“. „Im Garten“, antwortet Chiara, froh, irgend etwas tun zu können. „Wo im Garten?“, fragt Felice. „Am Zaun. Da war plötzlich alles voller Erde und Laub, an der Gartentür und auch auf der Straße. Hat Cecilia jedenfalls gesagt. Deshalb haben wir ja hingeschnüffelt und den Igel gerochen. Der muss das gewesen sein.“ „Und dann?“ „Dann haben wir ihn gesucht!“, triumphiert Bruna. Chiaras vorwurfsvoller Blick sagt mehr als tausend Worte. „ja, gut, wir waren abgelenkt“, gesteht Bruna. Aber Felice hört ihr nicht zu. Er hat die Augen geschlossen, und einen Moment lang denken die beiden, dass er eingeschlafen sei. Dann reißt er beide Augen wieder zu ihrer ganzen grün schillernden Größe auf. „Dann ist ja alles klar“, sagt er. „Wieso?“, fragen Bruna und Chiara gleichzeitig. „Ihr habt selbst gesagt, dass sie Blätter und Schmutz auf dem Gartenweg und der Straße bemerkt hat. Also hat sie Besen und Kehrschaufel geholt, um die Straße zu fegen.“ Das ist Cecilias Lieblingsbeschäftigung. „Gut. Aber wo ist sie jetzt?“, fragt Chiara. „So lange kann das nicht gedauert haben, die paar Blätter wegzukehren.“ „Tjaaaa.“ Felice atmet bedächtig ein, und aus, und wieder ein.

„Ich denke mal, dass einfach die Gartentür zugefallen ist, während sie draußen gekehrt hat. Sie hat sie nicht mehr aufbekommen und ist losgezogen, um jemanden zu suchen, der ihr hilft. Na, und wenn sie erst mal ein paar Meter die Straße runtergelaufen ist, hat sie sicher vergessen, wie sie zurückkommt.“

„Das ist ja schrecklich!“, murmelt Chiara. Sie weiß, dass Felice Recht haben könnte. „Aber was machen wir denn jetzt?“, jammert Bruna. „Ganz einfach. Ihr müsst raus in den Garten und sie rufen. So lange, bis sie euch hört. Vielleicht müsst ihr ihr auch entgegen gehen. „Allein? Auf die Straße?“ Bruna ist alles andere als begeistert. Aber Chiara, die ältere, praktische, ist schon aufgestanden. Sie streckt sich und geht vorsichtig die Treppen hinunter. „Bruna, mach mir die Tür auf“, befiehlt sie. Denn das kann sie, warum auch immer, nicht selbst. Die Kleine hat damit kein Problem. Sie stößt die Terrassentür auf, und Chiara läuft hinaus. In zwei Sätzen ist sie am Zaun und fliegt mit einem großen Sprung über das Gartentor. Dann steht sie auf der Straße. Sie stößt langgezogene Rufe aus. Immer wieder.

Irgendwann biegen zwei Gestalten in die Straße ein. Ein großer Mann und eine winzig kleine alte Frau. Sie trägt nur Hose und Pulli, ihre Nase ist rot vor Kälte. Chiara heult, aber diesmal vor Freude. „Ist das Ihr Haus?“, fragt der Mann. Cecilia nickt, während Chiara wie toll um sie herum springt. „Vielen Dank“, sagt Cecilia und fragt: „Wollen Sie reinkommen?“ Aber der Mann schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nie gesehen. Ein Hund, der einen Menschen ruft. Wie hätte er sich aber erst gewundert, wenn er gewusst hätte, dass der Plan im Kopf eines 20 Jahre alten blinden Katers entstanden war.

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MiniKrimi vom 8. Dezember


Sport ist Mord

Der Nebel hängt seit Tagen so tief, dass sich die Dunkelheit schon am frühen Nachmittag auf die Häuser senkt. Eigentlich hat sie gar keine Lust, nochmal raus zu gehen. Der Arbeitstag war anstrengend. Irgendwie scheint es, als wollten die Leute alles, was sie bis jetzt vor sich hergeschoben haben, noch vor Weihnachten erledigen. Sie schält sich aus Schal, Mütze, Mantel und zieht die Schuhe aus. Jetzt ein Bad und dann vor den Fernseher legen. „Sport ist besser als jede Pille“, erzählt der Moderator gerade. Da packt sie das schlechte Gewissen. Sie wird nur eine kleine Runde laufen, denkt sie. Und springt Minuten später in der Joggingkluft die Treppen runter.

Das Wäldchen liegt direkt gegenüber, auf der anderen Seite der kleinen Kopfsteinstraße. Die Laternen gießen gelbes Licht auf die Konturen grauer Bäume. Die Luft ist dick wie Zuckerwatte und dämpft die wenigen Geräusche. Um diese Zeit und bei diesem Wetter ist die Gegend wie ausgestorben. Sie schaltet ihren Pulszähler ein und läuft los. Taucht in den Wald ein, und die dunkle Stille schließt sich hinter ihr. Der Nebel zieht Fäden zwischen den Stämmen und Ästen, braunes Laub erstickt jeden Schritt. Einsamer als hier kannst du nicht sein, sagt sie sich, und der Gedanke kauert unangenehm auf ihrer Schulter.

Links hinter sich hört sie einen Laut, ein Rufen? Ein Bellen? Sie dreht sich im Laufen um, kann nichts erkennen, nur eine verdichtete Dunkelheit zwischen den Buchen. Sie läuft weiter. Da. Wieder. Jetzt schlägt sie einen Haken, biegt vom Hauptweg ab auf einen kleinen Pfad. Ein toter Stamm, von Efeuarmen umfangen, bietet ihr Schutz, sie bleibt stehen. Versucht, das wabernde Zwielicht zu durchdringen. Kühle Tropfen auf ihren Wimpern. Schweiß? Jetzt hört sie ganz deutlich das Knacken von Ästen. Ein unterdrückter Fluch. Sie atmet aus, pfeifend. Und fühlt, wie der andere stehen bleibt. Witterung aufnimmt. Von ihr. Sie stößt sich vom Baumstamm ab und rennt los. Füße suchen flüchtigen Halt, gleiten über Steine, bleiben an Wurzeln hängen. Und wie dumpfes Trommeln das Echo fremder Schritte auf ihrer Spur.

„Hey. Nicht weglaufen. Das bringt doch nichts. Bleib stehen. Verdammt nochmal. Ich erwisch dich doch. Mach es uns nicht so schwer, Baby.“

Davor haben ihre Freundinnen sie immer gewarnt. Ihre Mutter. Lauf bloß nicht im Dunkeln allein durch den Wald! Aber sie hat ja keine Angst. Was soll ihr schon passieren? Ja, was? Gleich wird sie es erleben. Die Schritte kommen näher, er ist schneller als sie. Scheint den Wald zu kennen wie seine Westentasche. Denn als sie über einen morschen Ast stolpert, der vor ihr aus dem Boden wächst, steht er vor ihr und greift hart nach ihrem Arm. Das war’s, denkt sie noch, als sie ins Unvermeidliche stürzt.

Da fällt sich etwas Schweres, Nasses über sie. Ein modriges Fell, ein stinkender Sack? Der Geruch nach Fäulnis und Verwesung nimmt ihr die Luft. Und dann seine Stimme. Wütend. Erregt.

„Baby, sitz! Lass die Frau in Ruhe! Pfui, wo hast du dich denn wieder gewälzt? Das war das letzte Mal, das ich ich dich hab laufen lassen. Sitz, hab ich gesagt.“ Und dann zu ihr gewandt: „Seit einer Stunde such ich das Miststück schon hier im Wald. Sieht so aus, als hätten sie sie zufällig gefunden. Oh, sie hat sie ganz schmutzig gemacht. Ich zahle natürlich die Reinigung.“

Sie rappelt sich wortlos auf und rennt davon. Hinter ihr kämpft der  Besitzer noch eine Weile mit seinem störrischen Setter.

MiniKrimi am 7. Dezember


Der heutige MiniKrimi stammt aus der Feder von Katrin Schroth. Sie ist Online-Journalistin, Musikwissenschaftlerin und nach eigenen Angaben ein Neuling in der Krimizunft.  Ich finde, ihr Debüt hat absolut Potential. Weiter so, liebe Katrin, wir sind gespannt! 

Mehr über sie findet Ihr auf http://www.katrinschroth.de 

 

Folgenreicher Einkauf

„Oh Mann“ denkt sie, „wird das heute noch was?“. Draußen ist es stockdunkel. Die Schlange an der Supermarkt-Kasse ist für Anfang Dezember eigentlich verhältnismäßig kurz. Doch ihr erscheint sie endlos lang. Ein lautes, entnervtes Ausatmen soll ihre Laune bessern, das gelingt aber nicht wirklich. Sie kontrolliert nochmal ihren Einkaufszettel: Butter – erledigt. Milch – zwei Tüten. Karotten: natürlich bio. Avocado: gab es leider keine in guter Qualität.

Keine Gedanken macht sie sich über die anderen Wartenden in der Schlange. Der neugierige Blick des jungen Mannes wäre ihr an einem ihrer besseren Tage bestimmt aufgefallen. Seit geraumer Zeit beobachtet er sie schon. Sonst lauert er seinen Opfern in Cafés auf und folgt ihnen unauffällig nach Hause. Sie hingegen ist ein echter Zufallsfund. Sie lief ihm einfach so im Supermarkt über den Weg. Ob sie ahnt, dass sie zum letzten Mal hier einkauft?

Endlich bezahlt! Hastig packt sie die Sachen in die Tüte, zieht ihre Handschuhe an und geht in die Kälte. Jetzt ein heißes Bad, freut sie sich. Der Mann, der ihr folgt, freut sich auch. Er ist innerlich angenehm erregt und wartet nur auf einen günstigen Augenblick, um zuzuschlagen.

 

MiniKrimi am 6. Dezember


Süßes Früchtchen 

Dieser MiniKrimi basiert auf den Clues von Monika. Du hast mich ganz schön ins Schwitzen gebracht, meine Liebe. Ich hoffe, das Ergebnis entspricht deinen Erwartungen… Die Clues habe ich im Text kursiv markiert.

Als es ihm endlich mit äußerster Mühe gelingt, die Augen zu öffnen, steht das Schlafzimmer Kopf. Als er dann versucht. einen Orientierungspunkt zu finden, fängt es auch noch an, sich zu drehen. Schnell macht er die Augen wieder zu. Montagmorgen, und die Woche ist irgendwie schon gelaufen. Da klingelt sein Handy. Nach der zweiten Strophe von „YMCA“ geht die Mailbox an. Sein Chef. „Alex, es ist Mittag, und Sie sind weder erschienen, noch haben Sie sich krank gemeldet. Was ist los? Entweder Sie sind in zehn Minuten im Büro, oder ich stelle Ihnen schon mal einen Karton für Ihre Sachen auf den Schreibtisch.“ Mittag? Verdammt. Die Erinnerung an den gestrigen Abend versinkt in einem Nebel aus zu vielen Limes. Alex schält sich aus dem Bett, klettert in die Anzughose und schleicht, Hemd und Krawatte überm Arm, die Treppe hinunter.

Er reißt die Kühlschranktür auf und sucht nach etwas, um den Kater zu bekämpfen, der sich in seinem Kopf so genüsslich räkelt. Saure Gurken! Er fischt eine nach der anderen aus dem Glas, dann schlüpft er ins Hemd, bindet sich die Krawatte um und pflückt die Autoschlüssel vom Louis-Seize-Tischchen im Flur. Dabei fällt sein Blick auf den Marmorboden unterhalb des Briefschlitzes. Dort liegt etwas rotes, glänzendes. Alex geht zur Tür, bückt sich – und hebt ein hauchzartes Bikinihöschen auf. Er runzelt die Stirn. Keine Ahnung, wie das dorthin kommt! Aber er hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, und steckt es einfach in seine Jackentasche.

Eine Woche vergeht, in der Alex in der Kanzlei so viel zu tun hat, dass er kein einziges Mal an das Bikinihöschen denkt. Aber als er am nächsten Montag nach dem Autoschlüssel greift, blickt er unwillkürlich wieder auf den Boden unter dem Briefschlitz. Dort liegt eine dicke blonde Haarsträhne, ganz offensichtlich von einer Perücke. Alex starrt sie an. Und plötzlich springen ihn Bilder an, in wirrer Folge, verschwommen und in kurzen Ausschnitten. Ein Tresen. Gläser, Flaschen. Gesichter, knallrote Lippen und Fingernägel. Lange blonde Haare. Und er hört Stimmen. Tiefe Stimmen, lachend, flüsternd. Er spürt Hände auf sich. Kräftige Hände. Behaarte Hände. Alex kneift die Augen zusammen, reißt sie wieder auf und versucht, die Visionen abzuschütteln.

Auf seinem Schreibtisch häufen sich die Akten. Er arbeitet an einem wichtigen Fall. Gewinnt er den Prozess, kann er zum Juniorpartner aufsteigen. Das weiß nicht nur er. Das wissen auch seine Neider. Es ist schon nach acht und stockdunkel, als einer von ihnen, Richard, seinen Kopf zur Tür hereinsteckt und sagt: „Ach, Alex, ich glaube, du hast da neulich was liegen lassen, in der Chi-Chi-Bar, wie ich zufällig erfahren habe. Pikant pikant. Überleg dir in Ruhe, wie du dich bei mir dafür bedankst, dass ich schweige.“ Und mit einem Luftkuss wirft er eine blonde Perücke auf Alex Schreibtisch.

Alex sitzt wie betäubt in seinem Sessel. Er stützt den Kopf in die Hände. Und dann kommt die Erinnerung an den Sonntag vor zwei Wochen zurück wie die Flut. Da war diese Bar, da waren die Männer. Nette Jungs und ein paar ganz aufreizend hübsche Mädels. Nur, dass das gar keine Mädels waren. Aber schön waren sie, vor allem die eine. Herrgott, das ist doch nur ein Spiel gewesen! Irgendwann waren Fremde in die Bar gekommen, hatten sich umgeschaut und waren dann schnell wieder verschwunden. Einer von denen muss Richard gewesen sein. Er muss ihm gefolgt sein. Und dann? Noch im Auto hat Alex sich wieder umgezogen. Die Frauenkleider in der Biotonne neben der Garage versteckt. Vollkommen blau. Aber schön war es gewesen!

BudaboyDie Tonne! Alex schließt das Büro ab und fährt nach Hause. Richtig, unter einer Schicht Gras und Blätter liegt  noch etwas, das Richard nicht gefunden hat. Alex zieht sich die Gartenhandschuhe über und nimmt den Schlagstock fest in die Hand. Er weiß, wo er Richard finden wird.

MiniKrimi am 5. Dezember


Die Rolle seines Lebens

Das ist ihm noch nie passiert! Er steht am Pult, und vor ihm, in angemessener, die Sicht leicht trübender Entfernung, schweigt ein ganzer Saal. Andächtige Blicke saugen an seinem Gesicht, heften sich an seine Augen, verkeilen sich in seinen Lippen. Er ringt nach Luft, muss würgen. Heraus kommt ein nur unartikulierter Laut. Arghh. Und sofort wirft das Echo ihm ein leises, ausatmendes „Aaah“ zurück. Die Stille wartet auf das „B“.

Aber er kann nicht sprechen. Heißt es nicht, dass in den letzten Sekunden noch einmal das ganze Leben wie in einem Zeitraffer an einem vorüberrast? Er sieht sich wieder auf dem unbequemen Sofa seiner Casting-Agentur sitzen und darauf warten, dass die schwere Eichentür ins Allerheiligste sich öffnet. Eine Stunde, zwei. Dann, endlich – geht sie auf, und eine Frau tritt mit energisch kleinen Trippelschritten in den Warteraum. „Tut mir leid, sobald wir jemand geeigneten finden, melden wir uns bei Ihnen“, salbt die Stimme seiner Agentin aus dem Off. Die Trippelfrau dreht sich nicht um. Wirft einen abwesenden Blick in die Runde, als wolle sie die auf Sofas, Stühlen, Hockern Harrenden vom Staub der Wartezeit reinigen. Dann sieht sie ihn an, er schaut zurück. Sie zieht eine Augenbraue hoch und ruft, ohne ihn loszulassen, „nicht nötig. Hier ist er doch. “

Damit fing alles an. Und jetzt steht er hier. Eine Woche Zeit für runde 100 Seiten Reden. Lächerlich! Das ist ja nicht einmal ein Viertel von King Lear! Dazu täglich Anproben, Sprech- und Gehtechnik. Schon nach drei Tagen ist er in die Villa eingezogen. Und heute dann der große Tag. Frühmorgens ausgiebige Toilette und eine letzte Gegenüberstellung. „Sie sind ja besser als mein Spiegel“. Das hat ihm bei seinen Theaterrollen nie einer gesagt. Dann in der Limousine bis vors Wahllokal, Kreuzchen machen unterm Blitzlichtgewitter. Lächeln aufgenäht. Das war die Generalprobe. Alles lief gut.

Und jetzt steht er hier. Der große Auftritt, volles Haus. jedes Theater ist ein Witz dagegen. Und er – hat den Text vergessen. Aus dem Publikum werden Rufe laut: „Leon, Leon, Leon“. Sie denken, er sei zu gerührt und das Glitzern in den Augen wären Tränen. Dabei ist es Schweiß. Und Angst.

Wieder räuspert er sich. Gut, ich hab’s vergeigt. Denkt er. Der Film vor seinen Augen spult sich vor. Er wird ganz einfach alles sagen.  Dass er ein Double ist. Ein Doppelgänger. Nur zur Sicherheit hierher bestellt. Gestellt. Aber nun ist ja alles gut, die Wahl vorbei, der Sieg errungen. Er will jetzt sein Honorar und dann die Südsee. Er blickt ins Publikum. Ein letztes Mal. Alles ist dunkel, nur direkt ihm gegenüber blitzt es auf, sekundenschnell. Er spürt nicht mehr als einen kleinen Stoß an seiner Brust, direkt am Herzen, schwankt und fällt. „Arghh“, will er sagen. Doch stattdessen schreit der Saal. Er hört es nicht.

Dann fällt sein Vorhang.

MiniKrimi am 4. Dezember


Eine Frage des Stylings

Perfekt! Danke dir, mein Goldschatz. Komm her, lass dich drücken!“ Gerne, aber leider ein klein wenig zu schnell schmiegt er sich in ihre einladend geöffnete Umarmung. So schnell, dass ihr Griff nach der Schere sein Sichtfeld wie ein Schatten streift, nicht mehr. Dann sticht sie zu, und das letzte, was er sieht, bevor sein Blick zerbricht, ist der neue Glanz in ihren Augen. Die Frage, ob das die Krönung seines Stylings ist oder doch eine vorwitzige Träne, stellt Gino sich nicht mehr. Aber Gaia spürt die Feuchtigkeit am Wimpernrand und tupft verblüfft und vorsichtig mit einem Kleenex nach. Gefühle kommen noch vor Masern und sind das Allerletzte, womit sie sich jetzt anstecken sollte. Eine letzte Spiegelprüfung, dann geht sie in den Flur. Legt Feuer an die lange Zündschnur und verlässt eilig doch gemessenen Schrittes die Gartenlaube. „Diebesbanden schrecken vor nichts zurück“, wird das BLATT in seiner Nachtausgabe titeln, und aus den Autospuren auf einen erneuten Anschlag der Grenzräuber schließen, die fortan Grenzmörder heißen. Aber das wird Gaia nicht mehr lesen, denn im Ausland kauft sie keine deutsche Zeitung.

Sie pustet Milchschaum über den Tassenrand in Richtung Meer. Eine Himbeersonne taucht am Horizont in einen dunklen Spiegel, sprudelnd. Der Abendwind frischt auf, und sie knotet ein Tuch um ihre wehend schwarzen Haare. Nicht, dass sie ihr davonfliegen!

Gaia Edmund war ein leises, scheues Kind und später eine freundliche, zurückhaltende Frau. Sie saß gerne stundenlang an der äußersten Spitze des Stegs. Roch das Holz, sommerwarm, herbstfeucht, regennass. Zählte die weißen Flecken auf dem See, Schaumkronen oder Segel. Hüllte sich in ihre Gedanken. Stülpte sie den Stunden auf, Hüte aus Wünschen, Mûtzen voller Pläne. Um nichts in der Welt wollte sie darauf verzichten. Das musste sie auch nicht. Nach dem Archäologiestudium heiratete sie Gerd und mit ihm den Steg. Und die Wellen, die Wolken, die grenzenlosen Träume. Die Welt war im Lot. Bis Lotta auftauchte. Wortwörtlich, aus dem Schaum ihres sinkenden Segelboots.  Wie die Venus von Milo. Kleine Seejungfrau, taufte Gerd sie. Und wahrscheinlich hätte er es sich gern gemütlich gemacht, zwischen Erde und Wasser. Aber zwei Frauen passten nicht auf den Steg, dachte Gaia. Und nicht in das Haus, meinte Lotta. Und nahm davon Besitz. Gaia tat, was sie immer schon am liebsten gemacht hatte. Sie saß auf ihrem Steg, ganz vorn, auf der Grenze zum Horizont. Am Abend fand Gerd ihr blutgetränktes Kleid. Es schaukelte wie eine große verletzte Sonne auf den Wellen. Lottas und Gerds gemeinsames Alibi war zu schlüpfrig, als dass der Kommissar es geglaubt hätte. Zumal ihre DNA überall war, auf dem Seidenstoff und auf dem Messer in der Ritze am Steg, zusammen mit Gaias Blut. Das sei zuviel für Gerd gewesen, mutmaßte der Kommissar. Lotta gelang es nicht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Zumal an dem Glas mit dem tödlichen Mix aus Whiskey und dem vom Hausarzt verschriebenen Diazepam ausschließlich seine Fingerabdrücke waren.
Um zu verhindern, dass Lotta sich auch noch entmaterialisierte, wie der Kommissar süffisant und in Anspielung auf ihren Venus von Milo-Auftritt sagte, aber natürlich nur zu den Kollegen, wurde sie in Sicherheitsgewahrsam genommen.
Bei diesem Wellengang wäre ihr eine Schaumgeburt nicht gelungen, denkt Gaia. Schade um Gino, aber seine Stylings entsprachen ja nicht wirklich ihrem Typ. Sie wird sich mit dem Geld vom Schweizer Nummernkonto eine dauerhaft neue Identität zulegen. Ein Grundstück mit einen eigenen Steg. Und mit etwas Glück wird sie sogar echte Schätze ausgraben. Keine Seltenheit, hier in Griechenland. Es hat sich ausgezahlt, dass sie sich eher auf Athene verlassen hat als auf Venus, denkt sie, wischt sich etwas Milchschaum von Brombeerlippen und schlendert in aller Ruhe in den Sonnenuntergang.

MiniKrimi am 3. Dezember


Darum geht es nicht.

„Mist, Mist, Mist. Verdammter Mist!“ Manfred spürt, wie ihm die Hitze in die Stirn steigt. Schweißperlen tropfen vom Rand der Skimaske auf seine Wimpern. „Verdammt, Harry, wo bleibst du?“ Er schüttelt sein Handy. Eine reine Übersprungshandlung. Das Display bleibt dunkel. Harry ruft nicht an. Bis jetzt ist alles perfekt nach Plan verlaufen.  Von dem Moment an, wo Manfred in den Schalterraum gesprungen ist und gebrüllt hat (etwas zu laut, aber daran waren die vielen US-Serien schuld, die er sich als Trainingsvideos reingezogen hatte) „Das ist ein Überfall“, bis jetzt, wo er mit einem Rucksack und zwei Plastiktüten voller Geld an der Tür steht. Die Leute in der Bank haben mitgemacht, als hätten sie ihre Rollen auswendig gelernt. Die Kunden haben sich auf den Boden gelegt, die Angestellten unter die Bänke. Keiner hat gewagt, den Alarm auszulösen, nachdem Manfred dem Filialleiter rein prophylaktisch die Hand zerschossen hat, mit seiner alten, vor Jahren geklauten Walther PPK. Die Männer haben sich vor Angst in die Hosen gemacht! Und die Frauen haben gewimmert. „Bitte, tun Sie mir nichts!“ Und es hat fast so geklungen, als wären sie bereit, sogar die Beine breit zu machen, für ihn, wenn er es ihnen befehlen würde. Eine Sekunde lang spielt Manfred mit dem Gedanken. Wenn er sowieso auf Harry warten muss….. Aber das ist natürlich nur ein Trick, den ihm das Adrenalin spielt. Er weiß genau, er hat noch höchstens fünf Minuten, dann kriegen die Bullen Wind von dem Überfall. Schon stehen die ersten Passanten vor der Bank, einer zückt sein Handy. „Verdammt, Harry, warum kommst du nicht?“

Manfred weiß es nicht, aber Harry kann nicht kommen. Auf dem Weg zur Bankfiliale ist ihm einer reingefahren, während er in seinem gestohlenen Wagen brav an der roten Ampel hielt. In diesem Moment klebt Harry am Airbag, sieht tausend Sterne und wird von Passanten so aufmerksam umsorgt, dass er nicht mal abhauen kann, bevor die Polizei auftaucht.

Manfred muss sich entscheiden. Er fuchtelt ein letztes Mal mit der Walther in der Luft herum, schießt eine Neonröhre von der Decke und schreit: „Keiner rührt sich, bis ich weg bin, ich knall euch auch durch die Scheibe ab, wenn’s sein muss!“ Dann geht er auf die Straße und hält das rote Auto an, das gerade vor der Bank einparkt. Er springt auf die Straße, reißt die Fahrertür einen Spalt weit auf und zischt: „Los, aussteigen, aber’n bisschen pronto.“ Dabei hält er der Fahrerin die Pistole direkt vors Gesicht. Sie schaut ihn an. Aus großen, braunen, mit schwarzem Kajal ummalten Augen. Sagt kein Wort. Und bewegt sich nicht. „Hey, du Schlampe. Wird’s bald?“ Keine Reaktion. Sie schaut ihn nur an aus ihren großen braunen Augen. Schweigend. Und Manfred schaut zurück. Das hat er noch nie erlebt. Sie gehorcht ihm einfach nicht. Gehorcht. Ihm. Nicht. Hat sie keine Angst? Was mach ich jetzt?, schießt es ihm durch den Kopf. Seine Verwirrung dauert nur ein, zwei Sekunden. Doch das genügt. Sie packt den Griff der Autotür von innen und schlägt sie ihm, so fest sie kann, gegen den zu ihr gebeugten Kopf.

Manfred fällt zu Boden. Und dann, endlich, kommen zwei, drei, vier Personen, entreißen ihm die Waffe. Die Polizei ist da. Als sie ihm Handschellen anlegen, dreht er den Kopf und schaut herüber zu der Frau im Auto. Auf der Scheibe klebt ein großes Rollstuhlfahrerzeichen. „Warum haben Sie das nicht gesagt?“ hört er sich rufen.

„Darum ging es nicht“, ruft sie zurück. Und schaut ihn an. Aus großen, braunen, schwarz ummalten Augen.

MiniKrimi am 2. Dezember


Ich freue mich sehr, dass der MiniKrimi-Adventskalender in diesem Jahr von Kolleginnen und Kollegen mit gestaltet wird! Danke, liebe Autorinnen und Autoren, für das Vertrauen, mit dem Ihr mir Eure Krimis ans Herz gelegt habt!

Ich bin für die Inhalte der MinKrimis meiner Kolleginnen und Kollegen nicht verantwortlich. Auch dürfen diese nicht von dieser Seite kopiert und vervielfältigt werden.

Den heutigen Gast-MiniKrimi hat HL Ween geschrieben. Mehr von und über ihn gibt es hier: http://www.wolfganghiller-hlween.com/index.htm

Messerscharf –Nanokrimi von HL Ween (Wolfgang Hiller)

Papa ist lieb. Und er sieht ganz gut aus. Mindestens für sein Alter. Seit Mama ertrunken ist, bin ich ganz allein sein Liebling. Gehört sich auch so. Schließlich habe ich nachgeholfen, als ich sie sturztrunken in der Badewanne fand. Seitdem darf ich neben ihm schlafen. Das ist praktisch. Früher musste er in mein Zimmer schleichen, um mir was vorzulesen. Sagen Sie nicht, ich sei verdorben. Es war alles ganz harmlos. Oder glauben Sie an die Lolita-Falle?

Heute beim Frühstück wurde er plötzlich ganz ernst. „Weißt du, wie alt du bist?“

Dumme Frage! Zu meinem Dreizehnten waren doch erst vorgestern etliche Freundinnen gekommen. „Vierzehn!“, neckte ich ihn.

„Vierzehn, so, so. Dann kannst du Mama bald völlig ersetzen …“

Was er damit wohl meinte? Doch nicht etwa weitere Hausarbeit? Meiner Lieblingslehrerin erzählte ich gleich von Vaters Worten. Schmückte alles ein wenig aus. Schließlich habe ich null Bock auf Abwaschen. Frau Brunn hörte mir mit offenem Mund zu. Stotterte dann: „Du hast aber eine krude Fantasie!“

Von ihr kann ich keine Hilfe erwarten. Von anderen schon, wenn ich erzähle, was er mit mir hat machen wollen.

Da, ich höre Schritte. Ist er es? Papa? Keine Antwort. Instinktiv greife ich unter die Bettdecke, schließe die Augen und kratze mich, bis es blutet. Dann ist er auch schon neben mir.

„Ich liebe dich“, kreische ich. Immer und immer wieder, bis er meinen Mund zuhält. Darauf habe ich gewartet.

Als das große Fleischmesser in seinen Bauch fährt, weiß ich, dass ich frei sein werde. Ins Gefängnis muss ich ohnehin nicht, bin ja noch strafunmündig. Und aus dem Erziehungsheim bin ich nach einer Stunde draußen. Dafür sorgt schon Onkel Luitpold. Der ist viel reicher als Papa, sieht hübscher aus und wird die arme Vollwaise bestimmt ohne Ende verwöhnen.