Stille Tage zwischen Wolken und Wellen


Über mir schwimmen Wolken im blassen Grau. Unter mir schwappen Wellen im kräftigen Blau. Um mich herum schmiegen sich barocke Bäume zu undurchdringlichen Wäldern. Unkrautgirlanden umranken mannshohe Gräser und von Olivenbäumen baumeln Styroportäfelchen, schnabelzerpickt.

Lunigiana. Niemandsland zwischen Wasser und Himmel, Grenzgebiet auf vielfältige Weise. Kulinarisch. Geographisch. Sentimental. Der Horizont schwankt vom Träumen ins Grübeln, der Blick fokussiert mal die Echse im Stein mal den Tanker auf See.

Das Fenster zum Hof wendelt sich hölzern und steil vom DVD-Kino unter die Dachbalkensuite, und schon beim Kofferauspacken habe ich mehr als ein Brett vor dem Kopf. Spinnen nisten hinter Grace Kellys Spiegel, und das Bad hat einen muffigen Atem. Wie ein alternder Film. Über den holprigen Steinen blinken blaue Lichter, wir essen bei Kerzenschein und viel zu lauter Schlagermusik, und über dem gewürzträchtigen Duft der Tagliata schwebt wie ein Spätersommerfaden die Ahnung von Moder. Wir sind die einzigen Gäste. Das rote T-Shirt mit der hebräischen Schrift ist das einzige Kleidungsstück, das der Wirt zu besitzen scheint.

Die Grillen zirpen und die Sterne schauen uns einfach nur zu. Der Borgo aus dem 17. Jahrhundert im Schulterschluss mit der gelben Kapelle, die nahtlos angeklebten Häuser, zwanzig Stufen zwei Hunde eine Küche direkt neben unserer Miniatursuite – unser Avalon im See urwüchsiger ungebändigter unbändiger Vegetation.

Corrado kocht uns die Sterne vom Himmel, und Cinzia breitet die Welt vor uns aus in farbigen Anekdoten. Die Mailänder Skala das Pferd in den Marche der Markt von La Spezia, diesem unerreichbar nahen Hafen. Ghiblir der Schäferhund kräuselt die Krallen und riecht wie eine Wagenladung voll Parmaschinkenknochen.

Drei Tage zwischen Wolken und Wellen, Fisch und Fleisch, Bergen und Tälern, Stille und Lachen, Genuss und Geschmack. Ein Korb voller Filme. Ein Buch voller Bilder. Eine Seite voller Rezepte. Bruschetta, Focaccia, Gnocchi mit Steinpilzsoße, Pasta mit Muscheln und die Tagliata. Damit fangen wir an. Gleich morgen.

Hier vorab schon der Einkaufszettel:

pro Person 1 Entrecôte, gut abgehangen und ca. 2 cm dick;100 Gramm Rucola, eine Handvoll Datteltomaten, eine Handvoll Parmesanblätter, grobes und feines Salz, Pfeffer, verschiedene pflückfrische Kräuter, z.B. Salbei, Anis, Thymian, Origano, Rosmarin, gutes Olivenöl.

A domani, dunque.

Über das Alter durch den Tod


Als ich zwanzig war, stand ich mit einer Flasche Champagner an der Schlossmauer, stieß mein Glas in die Silversterglockenluft und sagte voller Stolz, ich sei wie eine Fackel. Schnell würde ich leben und intensiv lodernd und dann leuchtend verglühen. Mit vierzig, da war ich mir sicher, wäre ich sicher schon tot.

Heute begnüge ich mich damit, Parallelen zu einem Teelicht zu ziehen, dessen flüssiges Wachs lange in seinem unprätentösen Behälter schwimmt, derweil der Docht flackernd glimmt. Mitten im Wald sehe ich schon die Lichtung, den Horizont, und ich bin froh, das es noch eine Strecke dorthin sein mag, auf meinem Weg.

Aber ich ahne bereits, dass ich in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht mit Gleichmut zurückschauen werde, nicht hadernd ob der genommenen Abzweigungen, hoffentlich, aber auch nicht mehr neugierig auf die vielen anderen, übrig gebliebenen. Vielmehr kann es sein, dass ich einem ganz anderen Licht entgegen sehe. Einer Erfahrung, die ich noch nicht kenne, und die mich nach den Erkenntnissen, Leiden und Freuden im Diesseits mit Unbekanntem zu locken vermag.

Ich ahne. Aber bis dahin kann es und darf es, von mir und meinem Heute aus, ruhig noch eine lange Wanderung sein.

Micromoments


ShivastreetEs stimmt nicht. Sonnenschein und blauer Himmel sind keine gute-Laune-Garanten. Ebensowenig wie blühende Blumen, grünende Gräser und schwärmende Schwalben.

Wenn du dich fühlst, als wäre deine Haut ein helles Gewand und innen wärest du schwarz ausgekleidet, ganz, dann duften die Wiesen nach Moder, die Singvögel flöten zum Trauermarsch und die Luft liegt schwer auf deinem Atmen.

Schwüle breitest du aus um dich. Doch dein Gewitter lauert auf Entladung. Wirst du aus dir fließen? Oder eine Seite weiter blättern und die Dunkelwolken UnterSchlagen?

Himmel blau


Der Park ist grasgrün. Die Büsche tragen ein gelb marmoriertes Oliv. Dahinter ragt in stoischer Eigenheim-Ruhe Jahrtausendwend-Architektur regengrau gesträhnt. Der Himmel spannt sich darüber, faltenlos blau, sommersatt glänzend und hitzerund.

Auf dem knirschenden Kies bewegt es sich langbeinig schattenhaft weiß. Dichtes Tuch streift das Gras legt die Gänseblümchen flach. Die Frau zeigt dem Licht nicht die kleinste Fläche gläubiger Haut. Ihr Kopf steckt fest im himmlischen Blau, wie eine allegorische Antwort auf meine sinnlose Frage.

Männer, was zieht ihr uns an?

Einheitspräsident


Fast wäre das gestern der Tag der Deutschen Einheit geworden. Fast. Nach 20 Jahren konsumertränkter Lethargie ging ein Ruck durchs Volk, medial gepuscht. Nicht geputscht. Leider. Und nur der plötzlich einsetzenden „Rationalisierung“ im Denken der ewig-Gestrigen ist es geschuldet, dass der Ruck das Wasserglas zwar stürmisch schüttelte, am Ende aber nichts verschüttet wurde von der ehrenrührigen Flüssigkeit im Wahlverhalten. Um Schadensbegrenzung bemüht lobte die schwarz-gelbe Einigkeit das blasse Produkt der dritten Wahl in die erste Klasse hinauf. Was war geschehen? Da hatte ein Mann aus dem Volk, aus dem Kirchenvolk, sogar, etwas mobilisiert, in uns. Mitten in der empatisch-emotionierten Euphorie zwischen Schland und Torwand traf er mitten hinein. Ins Herz. Stein-erweichend. Und es fielen die Mauern politischer Gleichgültigkeit, und es wären beinahe auch die Aktienkurse gefallen. Undenkbar, ein Oppositionskandidat macht das Rennen? Die politische Stabilitätsgarantie der Banker wäre dahin gewesen. Nun ja, Parteipolitik und Karriereüberlegungen sei dank, es ist nicht so weit gekommen.

Dabei hätte er uns vielleicht gut getan. Hätte vielleicht etwas christlichen Hauch in die Staatsgrandezza gebracht. Eine basisdemokratische Nostalgie, vielleicht. Viel und leicht, vielleicht. Ganz zu schweigen vom Imagegewinn des angeschlagenen Klerus! Nun, unter Umständen bahnt sich da eine ganz neue Elite an, in der zweiten Reihe. Von Käßmann bis Gauck. Aber was ist mit Mixa? Nixda.

Professionelle Barmherzigkeit?


Hungrige speisen, Durstige tränken, Kranke pflegen. Drei von sieben Werken der Barmherzigkeit, die das Christentum als Beispiele für Hilfeleistungen kennt und nennt. Hilfeleistungen, die zum sozialen Funktionieren einer mit-menschlichen Gesellschaft nötig sind. Hilfeleistungen, die Christen aus ihrer religiösen, aus ihrer an Christus angebundenen Glaubensgewissheit heraus leisten. Sollten….! Weiterlesen „Professionelle Barmherzigkeit?“