Der Adventskalender-MiniKrimi am 4. Dezember


Immer die Falsche. Oder: Wann treffen wir zwei wieder zusamm? 

Er ist nicht für’s Alleinsein geschaffen. Dass er es immer wieder ist, liegt nicht an ihm. Er fliegt einfach immer auf die falschen Frauen. Die erste große Liebe – er hätte ihr die Sterne vom Himmel geholt, aber sie begnügte sich mit ein paar gehäufelten Isarkieseln, die ihr ein windiger Künstler am Flussufer aufstapelte. Seine Ehefrau – auf Händen hatte er sie getragen. Ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Das Parfum aus dem Youtube-Channel. Die Designer-Kollektion von Lidl. Die Pauschalreise nach Malle. Und dann sogar die 2 Wochen Cuba all inclusive. Es hat alles nichts genützt. Als ihr ein Kunde mit dem Geld für Latte Macchiato und Croissant ein Flugticket nach Dubai auf den Tresen gelegt hat, ist sie einfach ausgezogen. Hat ihn sitzenlassen. Im Einfamilienreihenhaus mit der Ikeacouch, der Cewe-Fotobuchsammlung. Und nicht nur ihn, auch die Mädchen. Einfach sitzengelassen mit ihren pinkfarbenen Barbieschlössern, den Plastikeinhörnern und einem Schrank voller T-Shirts und Leggins.

Es ist nicht leicht gewesen. Er hat viel arbeiten müssen, um seinen Töchtern jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Die Holzofen-Salamipizza, das von den GNTM-Stars empfohlene Shampoo, die kussfeste Wimperntusche und der wasserfeste Lippenstift. Oder so. Am schlimmsten war ihr Undank. Er reißt sich den A…. auf, um ihnen alles zu kaufen, und sie beschweren sich, dass er erst um 18 Uhr nach Hause kommt und zum Abendessen Wurstbrote hinstellt.

Aber jetzt wird alles anders. Mit Chantal hat er die Richtige gefunden. Endlich! Wie sie sich gefreut hat, als er ihr den Gebrauchtwagen vor die Tür gestellt hat. Einfach so. Wie sie sich für ihn zurechtmacht, jeden Abend. Liebevoll Käse und Brot auf den Küchentisch stellt, für ihn. Gut. die Mädchen kommen mit ihr noch nicht klar. Und sie nicht mit ihnen. Sie will ihn am liebsten ganz für sich allein. Das gefällt ihm! Wie lange hat er dieses Gefühl vermisst, begehrt zu werden, nicht einfach nur gebraucht.

Deshalb kann und will er jetzt keine Kompromisse machen. Will sich ganz auf Chantal einstellen und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, bevor er noch darin zu sehen ist!

„Die ist voll oberflächlich“, sagt Jule. „Und wir sind ihr komplett egal.“ „Was erwartest Du? Papa ist auch komplett oberflächlich. Und wir sind ihm mehr als egal. Wann hat er das letzte Mal richtig für uns gekocht? Oder abends ein Spiel gespielt?“ „Ne, aber er hat uns immer das Shampoo gekauft, das grade in der Fernsehwerbung lief.“

„Genau. Wenn’s nach mir ginge, könnte er das dämliche Shampoo zum Kloputzen nehmen.“ „Oder umgekehrt.“

Und die Freundin, die das Bad betritt um die siebente Stund? Ei, die litt mit.

Chantal verließ ihn ohne Haare. Die waren dem mit WC-Reiniger versetzten Shampoo zum Opfer gefallen. Ansonsten nahm sie alles mit. Den Wagen, die Couch und die Barbieschlösser. Dafür verzichtete sie auf eine Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung gegen die Mädchen. Die kriegen zur Strafe kein Shampoo mehr gekauft. Und müssen abends für den Vater kochen, bevor er am Küchentisch mit ihnen die Hausaufgaben durchgeht.

Er nennt es eine Mordsstrafe. Sie finden es cool. Eingentlich.

 

 

 

 

Der Adventskalender-MiniKrimi am 3. Dezember 2017


Bildergebnis für fitnessstudio mord

(Copyright: http://www.pictaram.life/user/5804788383)

„Sport ist Mord.“ Die Auflösung.

Liebe Adventskalender-MiniKrimi-Fans,

die Lösung war gar nicht so schwer. Thymi hat sie auf Anhieb erraten. Diejenigen, die den Krimi vom 2. Advent nicht gelesen haben, springen am besten erstmal einen Tag zurück – und rätseln noch schnell mit. Für alle anderen – und für den unverbesserlichen Herrn Obermeier – hier Kommissar Grubers Auflösung des Fitness-Studio Mordes.

„Lieber Obermeier, was so ausehen sollte wie eine Blutrache war in Wirklichkeit ein sehr dilettantisches Ablenkungsmanöver. Denn auch wenn wir den Mafiosi als Süditalienern eine nur rudimentäre Kenntnis ihrer Muttersprache unterstellen wollen (was an sich ja schon recht arrogant ist) – keiner von ihnen würde das in ihrer Mentalität so zentrale Thema „Vendetta“ falsch schreiben, nämlich mit „W“.

Wenn nun ein Blutrachemord ausscheidet – welches Motiv bleibt uns dann? Erinnern wir uns an Agatha Christies Basics: es geht immer im Liebe. Oder um Geld. Liebe scheidet in diesem Fall aus. Dazu ist die Leiche entweder nicht verstümmelt genug – oder zu unspektakulär bzw. gar nicht drapiert.

Bleibt das Geld. Dazu müssen wir uns fragen: welches finanzielle Mordmotiv konnte Carmela Santamaria aus Neapel bieten? Keines. Richtig. Also stellen wir die Frage anders: War die junge Neapolitanerin das, wofür sie sich ausgab? Antwort: Nein. Frage: Wer war sie dann? Hier hilft der kleine goldene Anhänger weiter, genauso wie der Jogginganzug selbst, an dem der Anhänger befestigt war. Denn wie kommt eine Putzfrau an einen Jogginganzug der AW-Fitness-Studios?  Obermeier? Hören Sie noch zu?“

Grubers Assistenz lässt nicht zum ersten Mal die zwar messerscharfe, aber gleichzeitig doch selbstgefällige Sosoaufklärung eines Falles über sich ergehen. Wir verzeihen im seine Unaufmerksamkeit. Jetzt schüttelt er sich, allerdings mehr innerlich, um seinen Chef nicht noch weiter zu düpieren, denn das würde den Monolog mindestens verdoppeln, zeitlich. „Ich bin ganz Ohr, Chef“, sagt er. Und Gruber fährt fort:

„Ich habe ein wenig recherchiert (Obermeier verflucht den Tag, als er mit seinen Kollegen dem Chef sein neues Smartphone geschenkt hat): Anita Wagner hat ihre Fitness-Studios als Frenchiseunternehmen aufgebaut – gezielt und extrem erfolgreich. Sie führt ein strenges Regime. Vor allem in punkto Abrechnung ist die junge Frau sehr penibel. Und radikal. Schon ein kleines Versehen bei einer Filial-Leitung führt zum Ausschluss. Da kamen wahrscheinlich doch Anitas mafiöse Gene zum Vorschein: ihre Mutter stammte aus Neapel und hieß mit Mädchennamen tatsächlich Santamaria. Als Anita bei der Münchner Filiale Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung auffielen, ging sie der Sache selbst auf den Grund. Die eizelnen Leitungen kommen normalerweise nie mit der Chefetage in Berührung, also bestand keine Gefahr, erkannt zu werden. Als Putzfrau schnüffelte sie allerdings überall herum. Und just an dem Abend ihrer Ermordung hatte sie alle Beweise beisammen.

Wie Kerstin Roth ihr auf die Schliche gekommen ist, ob alles nur ein Zufall war oder ob Wagner sie abgepasst, angerufen und zur Rede gestellt hat – vielleicht wird Frau Roth uns das im Laufe der Verhöre berichten. Ich gehe davon aus, dass sie schnell gestehen wird. Kann sein, dass sie auf Totschlag plädiert. Dafür würde sprechen, dass sie den Anhänger mit Anita Wagners Initialen übersehen hat. Andererseits – wer so blöd ist, Vendetta mit W zu schreiben…….!

Gute Nacht, Obermeier. Passen Sie nächstes Mal einfach besser auf, dann hör ich IHNEN zu. Versprochen!“

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 18. Dezember


Weihnachtskerze bild 2

Das vierte Licht

Blog-Eintrag Samstag, 17. Dezember. „Liebe Online-Freundinnen und Freunde, mein Postulat ist fast vorüber. Wenn die vierte Kerze am Tannenkranz in unserer kleinen Kapelle entzündet wird, werde ich als vollwertiges Mitglied in diesen Orden aufgenommen. Ich freue mich sehr darauf, endlich aller Welt zu zeigen, wohin ich gehöre.

Ich verspreche Euch, ich werde diesen Blog auch nach dem Noviziat weiterführen. Eure vielen Zuschriften haben mir klar gemacht, wie wichtig es ist, mit den Menschen in der Sprache der Zeit zu sprechen und mit ihren Mitteln. Danke für Eure Anteilnahme und für Euer Interesse an meinem Leben. Danke auch für Eure Besuche. Aber eines muss ich Euch versichern: diejenigen unter Euch, die sagen, dass sie durch den Kontakt zu mir zum Glauben gefunden haben, irren sich. Es war Gott selbst, der sie geführt hat. Vielleicht hat Maria, unsere Patronin, Eure Hand genommen, vielleicht hat sie Euch durch mich angesprochen. Aber mir gebührt kein Dank! Soli Deo Gloria.

Schade, dass nicht alle Menschen, vor allem rund um unser Kloster hier im Brandenburger Land, meinen Blog lesen. Sonst hätte der freundliche, aber doch irgendwie unheimliche Mann, der immer auf mich wartet, sobald ich am Marktplatz aus der Straßenbahn steige, längst verstanden, dass er sich keine Hoffnungen zu machen braucht. Sicher hat meine zivile Kleidung ihn getäuscht. Ich habe ihn nie ermutigt, ihm nie ins Gesicht geschaut, und bis gestern nie auf seine Fragen geantwortet. Aber weil morgen der vierte Advent ist, habe ich mich gestern auf dem Weg über den Marktplatz zu ihm umgedreht und habe ihm gesagt: „Bitte folgen Sie mir nicht mehr. Ich bin schon vergeben. Übermorgen werde ich in der Klosterkapelle heiraten.“

Noch jetzt brennt sein Blick in meinem Augen. Fürchte dich nicht, hat Gott gesagt. Aber in diesem Moment hatte ich wirklich Angst.

Nun, meine Freundinnen und Freunde, lösche ich das Licht, mache den Computer aus und gehe zu Bett. Am Montag werdet Ihr mich auf einem Foto sehen, glücklich und in meinem neuen Habit mit dem geweihten Schleier  und meinem neuen Namen: Schwester Angelica. Gute Nacht. Eure Antonia.“

Blog-Eintrag Montag, 19. Dezember. „Guten Tag. Ich bin Hauptkommissarin Engel. Ich wähle diesen ungewöhnlichen Weg, weil ich Sie um Mithilfe bitte bei der Aufklärung des Mordes an Antonia Mittelhuber. Sie wurde in den Morgenstunden des 4. Advent in der Kapelle ihres Klosters ermordet, unmittelbar  vor Beginn des Festgottesdienstes, in dem sie ihr zeitliches Gelübde ablegen sollte. Auf der Leiche lag ein Zettel, auf dem stand „Bitch – außer mir kriegt dich keiner!“ Bitte wenden Sie sich für sachdienliche Hinweise an die Polizeidirektion Brandenburg Süd, Kommissariat A1. Abschließend noch ein Hinweis an den Mörder: in diesem Fall hatten Sie mir Ihrer Behauptung wohl Unrecht.“

 

 

 

 

 

 

 

AdventsKalender Mini“Krimi“ vom 15. Dezember


felicia

Tief unter dem Fell/ II.

„Es muss sein“, sagten sie. „Hier könnt ihr nicht bleiben. Hier will man euch nicht. Ihr fühlt Euch hier wie zu Hause, aber das ist keine Heimat für Euch. Ihr müsst gehen. Wir sind zu wenige, und ihr seid zu viele. Wir können Euch nicht auf Dauer beschützen.“ Eine Frau, eine Unbekannte, packte meine Sachen, legte mich in eine Tragetasche und nahm mich mit. Fort von der Finca und allem, was mir vertraut war. Die Reise war lang, erst auf der Straße und dann durch die Wolken mitten hinein in ein wattiges, dröhnendes Nichts. Meine Angst war sehr groß. Die Frau versuchte, mich zu beruhigen. Umsonst. Wir sind nicht dafür gemacht, den Himmel zu queren, ebenso wenig wie das Meer. Wir sollten auf dem Boden bleiben. In die Luft springen, schwimmen, das ja. Aber aus eigener Kraft oder nur, soweit die Schwerkraft es zulässt.

Und dann war es vorbei. Viele Menschen, hintereinander in schweigenden Reihen, gleißendes Licht. Der Herbstwolf war hier schon ganz weiß geworden. Sein Atem wuchs in Säulen aus dem Grau. Überall. Diese andere Welt hatte ganz offensichtlich keine Farben. Schließlich wurde die Tasche geöffnet, und ich war frei. Frei und sicher. Keine Fesseln mehr. Aber auch keine vertrauten Gesichter. Jeder Geruch neu und fremd. Meine Augen tränten von der langen Reise, ich hatte Hunger, war müde, verängstigt. Vor allem aber hatte ich meine Familie verloren. Meine Mutter und jetzt auch noch meine Schwester.

Ich bin im Juli geboren. Im Dezember kam ich in ein anderes Zuhause, zu einer fremden Familie. Ich bin daran gewöhnt, mich einzugewöhnen. Es geht mir gut. Ich bin satt, ich habe Spielsachen und genug Raum, um zu rennen und zu schlafen. Ich lasse mich streicheln, und ich gebe Zärtlichkeiten zurück, jeden Tag ein klein wenig mehr. Ich bin eine Katze unter Hunden. Ich bin noch klein. Wenn ich groß bin, werde ich mich wie ein Hund benehmen, weil ich unter Hunden aufwachse. Aber tief unter dem weißen Fell, auf der inneren Seite meiner Haut, bleibe ich eine Katze.

Menschen in den reichen Ländern Europas nehmen Tiere auf, die aus dem Ausland Zuflucht suchen, begleitet von Flugpaten und sehnsüchtig erwartet mit Futter, mit Decken, mit Spielzeug. Sie geben ihnen ein neues Zuhause und Sicherheit. Rund ein Million Tiere werden angeblich jährlich aus dem Ausland nach Deutschland vermittelt und mühelos als das integriert, was sie sind: Geflüchtete Hunde und Katzen. Eine Obergrenze ist nicht angepeilt. Tierliebe ist gut, aber sie ersetzt keine Menschenliebe.

Refugees welcome! Auf vier, aber auch auf zwei Beinen.

AdventsKalender MiniKrimi vom 11. Dezember


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TrashCrash auf der Brücke

Mitternacht. Die Brücke leuchtet gespenstisch im Scheinwerferlicht. „Scheiße, hoffentlich ist die Ampel an der Baustelle grün, sonst steh ich hier ewig.“ Nein, die Ampel ist nicht grün, sie ist aus. Aber das Schild am Straßenrand gibt ihm „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Mit 100 Sachen fährt der BMW-Fahrer weiter. Auf der anderen Seite der Brücke stoppt der Audifahrer kurz, aber die Ampel an der Baustelle ist abgeschaltet. Stattdessen gibt ihm ein Schild am Straßenrand „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Er fährt weiter. Gleichzeitig sehen beide gleißend helle Scheinwerfer auf sich zukommen. Vollbremsung, quietschende Reifen. In allerletzter Sekunde kommen beide Autos auf der Brückenmitte zum Stehen. Türen werden aufgerissen. „Sie Vollidiot“ „Sie Analphabet!“ „Wollten Sie mich umbringen?“ „Ich Sie? Sie mich!“ Wutentbrannt holt der BMW-Fahrer aus und stößt den Audifahrer vor die Brust. Der wehrt sich und schlägt ihm mit der flachen Hand die Brille von der Nase. Sie fliegt in hohem Bogen über das provisorische Brückengeländer. „Du Arschloch, Du…..“ Der BMW-Fahrer stürzt sich mit erhobenen Fäusten auf seinen Gegner. Die Männer sind gleich stark und durchtrainiert. Der Kampf tobt hin und her. Schließlich springt der Audifahrer auf das Dach des BMW und fängt an, wie wild darauf herum zu trampeln.Daraufhin holt der BMW-Fahrer den Wagenheber aus dem Kofferraum und zertrümmert die Windschutzscheibe des Audi. Glassplitter wirbeln wie Hagelkörner im Scheinwerferlicht. Der Audifahrer auf dem BMW-Dach nimmt kurz Anlauf, um dem Feind in den Nacken zu springen. Aber er verfehlt sein Ziel und kracht gegen das Brückengeländer – wir erinnern uns, es ist provisorisch. Er versucht noch, das Gleichgewicht wiederzugewinnen, aber der BMW-Fahrer ist schon zur Stelle, holt aus und befördert ihn mit einem kräftigen Fußtritt in die Tiefe. Leider hat auch er seine Kraft nicht genau bemessen. Der Schwung reißt ihn nach vorne, und kopfüber fällt auch er in den Fluss.

Am Ende der Brücke hört die schwarz gekleidete Gestalt zweimal kurz hintereinander ein Aufklatschen auf dem Wasser. „Sauber“, sagt er und räumt bedächtig die beiden „Vorrang vor dem Gegenverkehr“-Schilder in den Kofferraum seines VW-Busses. Am nächsten Tag berichten die Medien vom tragischen Unfall des Unternehmers K. und des Bankdirektors P. Beide waren unlängst schon mal in die Schlagzeilen geraten, der eine wegen skrupellosen Entlassungen und der andere, weil er den entlassenen Mitarbeitern Übergangskredite verwehrt hatte.

(Vielen Dank an Olga Maria Eggart für die Kooperation!)

AdventsKalender MiniKrimi vom 5. Dezember 2016


Morgen, Kinder, wird’s was geben….

Im Zuge der Rationalisierung hat die Post ihre Annahmestellen ausgelagert. In Supermärkte oder Tankstellen, zum Beispiel. Das Personal dort ist vielleicht nicht so geschult wie die Postbeamten hinter den gelben Schaltern, aber dafür in der Regel freundlicher. Die junge Frau, die am späten Nachmittag die Postfiliale in der Allguth-Tankstelle betritt, ist sichtlich überfordert, verschwitzt und ungekämmt. Sie schaut sich suchend um, dabei schiebt sie die dichten Haarsträhnen zur Seite, die ihr immer wieder ins Gesicht fallen. Vor ihr stehen zwei Männer und eine Frau in der Schlange. Wollen Pakete von Amazon und Zalando zurückgeben. Sie könnte schreien vor Glück. Hilflos zuckt sie die Achseln und reiht sich ein. Da taucht neben dem Mitarbeiter, der für die Nachmittagsschicht am Schalter abgestellt worden ist, eine Blondine auf. Mittelblond, mittelalt und nur mittelgut geübt im Posthandwerk, soll sie ganz offensichtlich eingearbeitet werden. Die junge Frau strahlt sie aus unschuldig blauen Augen an. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen, einen passenden Karton hierfür zu finden? Sonst halte ich den ganzen Betrieb auf, wenn ich dran bin….“. Und sie hält etwas in die Höhe, was aussieht wie ein sehr grober, überdimensionierter Strumpf. „Mein Sohn ist im Schullandheim, wissen Sie. Aber er wartet ganz bestimmt auf seinen Nikolaus.“ Die Blonde lächelt, sie hat vielleicht auch ein Kind. Schließlich finden sie einen geeigneten Karton. „Ist zwar für Flaschen, aber wenn wir den Strumpf etwas anpassen….“ „Ich mach schon“, sagt die junge Mutter. „Sind ja nur weiche Sache drin, außer dem Apfel.“ Sie drückt und quetscht, und in der Tat lässt sich der Inhalt gut genug verformen, um in die Verpackung zu passen. „Nur ein paar Tüten mit Mandeln“. Am Ende bleibt der Apfel draußen.

Schließlich ist alles verpackt, die Adresse des Schullandheims ist ein Briefkasten an einer oberbayerischen Straßenkreuzung. Die junge Mutter zerfließt fast vor Dankbarkeit. „Hier, nehmen Sie doch den Apfel“, sagt sie. Die Blonde freut sich über ihre gute Tat. Sie hat eine Mutter glücklich gemacht.

Und ihren Partner, der das reine Kokain am Nikolausmorgen aus dem Briefkasten an der oberbayerischen Straßenkreuzung fischt.  Spurlos verschwunden aus der Asservatenkammer am Münchner Flughafen. „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AdventsKalender-MiniKrimi vom 1. Dezember


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Der wahre Tatort

Der Sonntagabend ist mir heilig. Tatortzeit. Vorher noch schnell die Rolläden runterlassen, schließlich ist es draußen bitterkalt. Und stockdunkel. Plötzlich wird der Garten nebenan in gleißend helles Scheinwerferlicht getaucht. Eine Gestalt macht sich am Tomatenbeet zu schaffen. Ich gehe näher ans Fenster. Schaue hinab. Es ist der Neue aus der WG. Mit einem großen Spaten schlägt er die gefrorene Erde auf. Schon türmt sich ein großer Haufen neben dem Beet. Sieht aus wie ein Grabhügel. Sauberes Bürschchen, denke ich. Erst erwische ich ihn, wie er sich an meinem Streusalzeimer in der Garage zu schaffen macht. Ganz offensichtlich will er mein Streusalz klauen will. Dann macht er ein Riesentheater, als ich das Säckchen wieder in meinen Salzeimer ausleere.

Und jetzt das! Wahrscheinlich hat er seinen Mitbewohner umgebracht. Nicht nur ein Dieb, sogar ein Killer! Ha, der glaubt, hinter den meterhohen Hecken sieht keiner, was er treibt. Außer mir. Ich werde ihn stellen. Mit dem Fotoapparat in der Hand schleiche ich aus dem Haus um die Garage.

„Herr Nachbar, ich hab’s gewusst. Ihre Neugier bringt sie nochmal um. Eigentlich schade um die Ladung „Salz“.“ Ich höre seine Stimme, ich spüre einen Stich. Dann explodiert die Nacht, und ich stolpere in mein frisch ausgehobenes Grab.

Advent, Advent….. die Hütte brennt!


…..so scheint es zumindest, wenn ich den kurzen Weg vom Supermarkt nach Hause fahre (ja, mit dem Auto, weil Hundefutter, Joghurtgläser, Saft- und Milchflaschen – mein Sohn hat mir quasi per Ferngewissen verboten, Milch und Saft im Tetrapak und Joghurt im Plastikbecher zu kaufen, aber ob er bedacht hat, welche Mehrbelastung die Autofahrt gegenüber einer Fahrradstrecke bedeutet, entzieht sich meiner Kenntnis). Allüberall auf den Häuserspitzen sehe ich, ach was, nicht goldene, sondern kunterbunte Lichtlein blitzen. Mal in Sternform, mal in Rentier- oder Weihnachtsmann-Kontur. Ja, es ist weithin sichtbar: der Advent ist da. Und mit ihm, mit dem heutigen Datum, auch der MiniKrimi-AdventsKalender. Es gibt also wieder (fast) jeden Tag einen MiniKrimi auf mariebastide.de. Ich freue mich darauf! Und Ihr? Bitte – kommentiert fleißig und eifrig, gebt mir Anregungen, schreibt mir Clues, oder schickt mir Euren eigenen MiniKrimi, den ich naürlich unter Eurem Namen veröffentliche!

Also Freunde: lassen wir’s krachen, blitzen, klirren. Auf eine mordsmäßige Weihnachtszeit!

(Bildquelle)

 

 

Minikrimi-Adventskalender 2016


Es geht lohooooos!
Na, dachtet Ihr, diese Jahr ist Ebbe mit den Adventskalenderkrimis? Hattet Ihr etwas gehofft. ich überlasse Euch der gemütlichen Kuschelstimmung und das einzige, was knistern würde, wäre der Kamin? Weit gefehlt! Hier kommt also der erste Adventskalender-Minikrimi 2016. Ach ja – teilt Eure Minikrimifreude ruhig mit anderen. Ich freue mich über alle, die sich einklicken, hier. Also…
Tadaaaaaaaaaaaaaaaa!

 

Kein Ferrari... aber eine Explosion
Kein Ferrari… aber eine Explosion

 Minikrimi am 1. Dezember: Eine Familienangelegenheit

„Ich hätte auf meine Mutter hören müssen. Sie hat mir von Anfang an gesagt, dass ich dir nicht vertrauen kann. Dass du ein Mistkerl bist!Du und eine Familie…“
„Ah ja, deine Mamma. Aber dafür, die ganze Hochzeit zu bezahlen, im Schloss, inklusive der Suiten für die Gäste, dafür war der Mistkerl deiner Mamma gut genug?“
„Sie wollte mich eben glücklich sehen…!“
„Und, das warst du doch auch, Mia, cara!“
„Keinen Schritt näher! Diesmal wickelst du mich nicht um den Finger. Ich weiß genau, was du gemacht hast, als du angeblich mit Sandro Billard gespielt hast. Billard! Ha. Du warst mit Sophie zusammen. Wenn die mit Kugeln gespielt hat, dann sicher nicht Billard.“
„Amore, sei nicht so ordinär. Gut, ja, ich war mit Sofia unterwegs. Aber es ist nicht so, wie du denkst…“
„Wie oder was ich denke, das weißt du doch gar nicht. Es hat sich aus-ge-amoret. Du hast mich nur geheiratet, um eine Alibi für deine Eskapaden zu haben.“
„Amore….. sei still. Sprich nicht von Alibi. Du redest dich gerade um Kopf und Kragen…. Was ist, wenn Papà jetzt reinkommt…?“
“ Hör mir auf mit deiner „Ehre“. Ich habe keine Angst vor deinem Vater. Und das werde ich dir beweisen. Auf der Stelle.“
„Cara, wo gehst du hin? Bleib hier. Ich kann dir alles erklären!“

„Aber meine Kleine, was ist denn los? Hat mein Sohn dich verärgert?“
„DU hast mir gerade noch gefehlt! Geh mir aus dem Weg. Ich habe genug von eurer „Familie“.
„Cara, wo willst du hin?“
„Das wirst du schon sehen. Und ich versichere dir, ich werde allen erzählen, wie es bei euch zugeht!“
„Aber Cara, beruhige dich doch. Schau mal, ich habe dir etwas mitgebracht. Ich schlage vor, du machst gleich eine kleine Probefahrt. Und ich bin sicher, dabei werden sich deine Sorgen von alleine zerschlagen.“
„Salvatore! Ein Ferrari! Gut, danke für die „Probefahrt“. Aber denk bloß nicht, dass du mich damit kaufen kannst.“

„Keine Angst, meine Kleine. Das habe ich nicht vor.“
Mit diesen Worten packt Salvatore seinen Sohn am Arm und zieht ihn ins Haus. Der versucht, sich loszureißen, schreit: „Mia, NEIN!“ Und dann, „Papà, halt. Du machst einen Fehler. Sie ist doch nur eifersüchtig….“

Aber da hat Mia bereits den Zündschlüssel umgedreht. Die Explosion ist eines Ferrari würdig.

MiniKrimi vom 15. Dezember


Dieser Krimi ist den stud. med. gewidmet, die morgen  hoffentlich in B. ihre „Ana“-Prüfung mit Glanz und Gloria bestehen werden, einem davon ganz besonders.

 

Gehirntraining

„Zeigen Sie mal her ihr Rigorosum-Präparat!“ Professor V., schon an guten Tagen ein reizbarer Geist, ist heute sichtbar schlecht gelaunt. Wahrscheinlich hat er verschlafen, in seinem weißen Bart kleben Eigelbtropfen und ein Stück Schale. Er hasst es, früh aufzustehen, und die Studenten müssen heute dafür büßen, dass er den Kollegen M. morgens um acht Uhr im Präparationssaal vertreten muss. Er tritt zu dem Tisch, um den herum drei Studenten ihre Werke betrachten, jeweils eine Portion dessen, was einmal die Denk- und Schaltzentrale eines Menschen gewesen ist. Doch das ist lange her. Der frühere Besitzer – vielleicht war es auch eine Besitzerin – ruht, weitgehend in Einzelteile zerlegt, nicht in Frieden, sondern in Formalin.

Professor V. nähert sich dem ersten Präparat. „Was ist denn das? Und das? Und das?“ Bei jeder Frage macht er einen Schnitt mit dem Skalpell ins Präparat. Noch bevor sich der entsetzte Student von seinem Schrecken erholen kann, ist V. schon beim nächsten. „Schlampig gearbeitet“, schimpft er. Und säbelt drauflos. Die dritte Studentin will ihr Präparat in Sicherheit bringen, aber V. ist schneller. Und so zerlegt er auch dieses in  unbrauchbare Einzelscheiben. „So, und jetzt machen Sie ein neues anatomisches Präparat. Sonst können Sie morgen nicht zur Präparationsprüfung zugelassen werden.“

„Aber Herr Professor“, findet einer der drei endlich die Sprache wieder. „Es gibt keine Leichen mehr bzw. kein Gehirn!“ „Also wissen Sie, es ist mir wirklich egal, wo Sie ihr Gehirn für morgen herbekommen. Lassen Sie sich was einfallen, junger Mann. Sonst fallen Sie eben durch.“ Professor V. rauscht aus dem Raum. Jetzt geht es ihm schon entschieden besser. Während er bei Kaffee und zweitem Frühstück sitzt, fragt er sich amüsiert, wie die armen Studenten wohl bis morgen ein neues Präparat erstellen werden.

Am nächsten Tag ist Professor M. pünktlich zur Stelle, um die Präparationsprüfung für das Rigorosum abzunehmen. Im Saal herrscht gespannte Stille, während er von Tisch zu Tisch geht und die Arbeiten begutachtet.

„Ah, was ist denn das?“ Er steht am Tisch der drei unglücklichen Opfer von Professor V, „Ihre Proben haben eine etwas andere Färbung. Und der Geruch….“ Professor M. betrachtet nachdenklich die Präparate. Aber außer des ungewöhnlichen frischen Erscheinungsbildes kann er rein gar nichts daran aussetzen. „Gut, gut. Sehr gut“, murmelt er und nickt den dreien zu. „Ich denke, Sie haben bestanden.“

Nach dem Ende der Prüfung, als alle Studenten schon gegangen sind, die einen niedergeschlagen und die anderen hoch erhobenen Hauptes, räumt der technische Assistent die Präparate weg und reinigt die Tische. Studenten sind doch alle gleich. Er hat noch nie einen gesehen, der seinen Tisch sauber zurückgelassen hat. Hier liegt sogar noch ein halbes Gehirn. Ist doch schade, es wegzuwerfen. Es sieht so gut aus. Der Assistent trägt es in den Kühlraum. Und siehe da, Unordnung auch hier: eine Kühlzellen-Luke ist nicht richtig verschlossen.

Als der Assistent die Luke öffnet, kippt ihm der Kopf von Professor V. entgegen. Im Barthaar kleben Reste von Eigelb und Schale. Die Schädelkalotte wurde eröffnet, und das Gehirn gewebsschonend entnommen.