Bevor ihr in andächtig gemütliche Weihnachtsstimmung verfallt, lest erst einmal den Krimi von Lydia H. Und dann bleibt wachsam!
Oh Tannenbaum
Da die schöne Dachgeschosswohnung nach dem Ableben des Ehepaares Hochmut leider – oder glücklicherweise – verwaist war, begab es sich, es war kurz vor Heiligabend, dass eine neue Familie in die tief verschneite Minervastraße zog. Diese Gelegenheit konnten sich Marie und Joschka, beide 35, einfach nicht entgehen lassen. Vor einem Jahr noch hätten sie von einer so teuren Wohnung in einem so noblen Ambiente nicht einmal zu träumen gewagt. Als selbständiger Schreiner verdiente Joschka nicht wirklich viel, und Marie war seit der Geburt der Zwillinge Hausfrau. Eine unerwartete Erbschaft war ihr Weg aus der Armut und der Mietskaserne in einem sogenannten Münchner Glasscherbenviertel gewesen.
Der Umzug kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn Marie stand kurz vor der Niederkunft mit ihrem dritten Kind. Der ausgezählte Termin war Heiligabend. Ein Junge sollte es werden, und Christian sollte er heißen, sehnsüchtig erwartet nach den Zwillingen Clara und Mara, 6 Jahre alt. Die schäbige 3 Zimmer Wohnung war schon mit 2 Kindern eine Herausforderung gewesen. Nun würden die Mädchen ihr eigenes Reich bekommen, und Christian auch. Joschka würde die Kinderzimmer liebevoll mit fantasievollen Holzmöbeln einrichten, und Marie nähte Gardinen mit Sonne, Mond und Sternen.
Flashback
Genau an Heiligabend, ein Jahr zuvor, hatte ein großes Unglück seinen Lauf genommen. Petra, Maries 20 Monate jüngere Schwester, hatte sich kurzfristig selbst bei der Familie zur Weihnachtsfeier eingeladen. Nach der plötzlichen Trennung von ihrem damaligen Freund stand sie an Heiligabend alleine da. Die Eltern der Schwestern waren schon lange tot, und weitere Verwandte gab es nicht. Petra war in allem das genaue Gegenteil von Marie. Sie lebte auf großem Fuß, was sie ihren wechselnden, aber immer sehr wohlhabenden Lovern zu verdanken hatte. Petra war nicht nur sehr schön, sie hatte auch etwas Verführerische an sich, dem ihre meist deutlich älteren Männer nicht widerstehen konnten. Natürlich hatte Petra auch etwas nachgeholfen, was sie aber niemals zugegeben hätte. Neue große Brüste, eine aufwändige vergrößernde Neugestaltung der gesamten Augenpartie, aufgespritzte Lippen, Extensions in den pechschwarz gefärbten Haaren. Das Ganze komplettiert durch schwindelerregend hohe Louboutins und enganliegende, sündhaft teure Kleidung. Von ihrem Makeup ganz zu schweigen.
Volle 2 Stunden verbrachte Maries Schwester täglich damit, sich herzurichten. Eine gute Investition, fand Petra. Und ihr Kontostand gab ihr Recht. Nur der letzte Coup war ihr bislang misslungen. Ihr letzter Ex – ihre Reihe an lukrativen Exfreunden war länger als die Maximilianstraße – hatte bei Petras Verlangen nach einem sündhaft teuren Penthaus in Bogenhausen dann doch kalte Füße bekommen. Bei 3 Millionen Euro und Petras zuckersüß unterbreitetem Vorschlag, sie doch als alleinige Besitzerin einzutragen, weil sie ihn ja sowieso nach der Hochzeit (möglichst zügig, aber das sagte sie nicht) beerben würde, war dann wohl sogar für den 75-jährigen Edward zu viel gewesen. Offenbar hatte seine Liebesblindheit materielle Grenzen. Ein blöder Fehler, aber nach einem Jahr Hinarbeiten an den „alten Sack“, wie sie ihn Freunden gegenüber nannte, war Petra ungeduldig geworden. Bei ihren bisherigen Männern war sie schließlich immer deutlich schneller ans Ziel gekommen und musste auch nur 2 Mal etwas nachhelfen. Unauffällig, diskret und elegant natürlich, was angesichts des fortgeschrittenen Alters ihrer Zielgruppe nicht schwer gewesen war.
Und nun sah Petra sich gezwungen, Heiligabend mit ihrer armen Familie zu verbringen. Mit Grausen sah sie die alte und immer frisch gebohnerte Treppe vor sich, die ihr wegen der hohen Schuhe schon beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Einen Aufzug gab es in der Mietkaserne aus Vorkriegszeiten natürlich nicht. Selbstverständlich brachte sie das Abendmahl mit – wer weiß, was ihre Schwester ihr sonst zu essen angeboten hätte. Am Ende sogar Wiener Würstchen vom Discounter mit Kartoffelsalat! Also holte Petra aus einem üppigen Picknickkorb Gänsestopfleber, warme Brioches. Dazu natürlich eine Kiste Dom Perignon, um Petra in die Lage zu versetzen, diesen Abend mit Anstand durchzustehen. Nur ein einsamer Abend zuhause wäre noch unerträglicher gewesen.
Auch für angemessene Weihnachtsschmuck würde Petra sorgen. Schließlich hatte sie im letzten Jahr von Edward eine Kollektion kostbaren antiken Weihnachtsschmuck geschenkt bekommen, dessen Krönung ein wunderschöner silberner Stern war. Nur die Besorgung des Tannenbaumes hatte sie ihrem Schwager überlassen. Nicht ohne genaue Instruktionen natürlich. Darum machte Petra sich schwankend – sie hatte den Champagner doch kosten müssen – auch schon um 17:00 Uhr auf den Weg zu ihrer Familie. Die zur Feier des Tages besonders hohen Stilettos verliehen Petra schon im nüchternen Zustand, was allerdings nicht oft vorkam, den Gang eines Matrosen auf hoher stürmischer See.
Der Heilige Abend verlief unspektakulär und soweit nach Plan. Jedenfalls bis Petra die zweite Flasche Champagner intus hatte. Die Kinder waren im Bett, und die Erwachsenen ließen den Abend ausklingen. Da begann Petra, eigentlich mehr aus Gewohnheit denn aus echtem Interesse, ihrem Schwager schöne Augen zu machen, und dieser, unter dem Einfluss einer beträchtlichen Menge Alkohol, schien nicht abgeneigt zu sein. Schließlich hatte seine Schwägerin bis dahin nur Häme für ihn, den Versager, übriggehabt. Nach einer weiteren Flasche Dom Perignon platzte Marie schließlich der Kragen. Schon in ihrer Kindheit hatte Petra ihr mehrmals den Mann ausgespannt. Sie schmiss Petra regelrecht raus. Diese wiederum forderte lautstark ihren exklusiven Weihnachtsschmuck zurück, was Marie und Joschka sofort in die Tat umsetzten. Zuoberst in dem schweren Karton kam der Weihnachtsstern zu liegen. Eine Absicht konnte den beiden später nicht nachgewiesen werden. Immerhin erreichte Petra noch die 2. Etage, bevor sie auf der spiegelglatten Treppe ausrutschte und unter Gepolter im ersten Stock zu liegen kam. In einer großen Blutlache. Der Weihnachtsstern hatte ihr das Herz durchbohrt.
1 Jahr später
Christian kam tatsächlich an Heiligabend zur Welt, und machte das Glück von Marie und Joschka perfekt. Es war die erste Hausgeburt in der Minervastraße, und alle anderen Hausbewohner ließen es sich nicht nehmen, den kleinen Christian auf dieser Welt zu begrüßen. Die ganze heilige Szenerie wurde erleuchtet von dem funkelnden Weihnachtsschmuck, der, neben 2 Millionen Euro, Teil des Erbes von Petra gewesen war. Und über allem aber strahlte der silberne Stern.
In diesem Sinne wünscht Euch die gesamte Minervastraße gesegnete, unfall- und natürlich mordfreie Weihnachten. Seid wachsam!

