MiniKrimi Adventskalender am 19. Dezember


In der Kürze liegt die Würze. Oder Mut zur Lücke? Vielleicht möchte ich aber auch nur einmal einen MiniKrimi OHNE Tippfehler veröffentlichen?

Alles und nichts von alledem. Heute Morgen las ich auf einer FB-Gruppe (für Krimi Autor*innen), deren Mitglied ich bin, folgende Tagesaufgabe: Minikrimi mit Handycap: max 30 Worte und keines darf 2x vorkommen.

Gesagt, getan. Ja, ich kann auch kurz und kürzer. Und Ihr freut Euch vielleicht, dass Ihr heute nicht so lange auf das Krimi Türchen warten müsst und schneller ins Bett kommt. Oder zu den noch nicht erledigten Vorweihnachtsaufgaben.

Et voilà. Der Titel wird übrigens nicht mitgezählt. Ebensowenig wie die Anführungszeichen.

Date à la carte

„Schatzi, wir ham nur noch eine Keule inner Truhe. Du musst wieder in die Dating App. Such diesmal aber bitte was mit mehr Fleisch auf den Rippen aus.“

MiniKrimi Adventskalender am 16. Dezember


Nach einem tollen „Not only Christmas“ Jazzkonzert mit dem zaberhaften Damen-Quartett Jeann d’Azz bleibt, um den heutigen MiniKrimi zu veröffentlichen, nur noch Zeit für den Griff in die Vergangenheit. Aber ich hoffe, dabei kommen auch meine hessischen Leser*innen auf ihre Kosten. Womit wir schon beim Thema wären:

Todeshappen

Alf trug sein Moleskin immer griffbereit entweder in der Jackentasche oder, falls er auf Reisen war, im Rollkoffer bei sich. Denn die besten Einfälle kommen unbemerkt und schleichen sie auf leisen Sohlen schnell wieder davon, wie professionelle Einbrecher, davon war er überzeugt. Eigentlich hatte er nur seinem Ärger über den Service und das kalte Essen Luft machen wollen. Vielleicht – oder vor allem – auch seinem Frust über das verpatzte Wiedersehen mit Carla unmittelbar vor diesem schicksalhaften Restaurantbesuch. Wie auch immer: aus den Notizen, die er zwischen versalzenen Horsd’oeuvres und dem, von einer schlecht gelaunten und noch schlechter ausgebildeten Bedienung auf den Tisch geknallten, lauwarmen Hauptgang auf eine Moleskin-Seite gekritzelt hatte, wurde ein Beststeller. Sein ganz großer Wurf. Ein Gourmet-Krimi, der Alf von den untersten Regalen billiger Bahnhofs-Büchermarktketten in die Primezone renommierter Buchläden katapultierte.

Alf signierte, Alf las, Alf dinierte – auf Kosten von Verlegern und Restaurateuren, die sich im Schatten seines Romans etwas Ruhm erhofften. „Alf P. hat bei uns gespeist, es hat ihm vortrefflich gemundet, sein Moleskin lag die ganze Zeit geschlossen neben seinem Teller.“ Nachdem auch die dritte Auflage von „Mord aus kulinarischen Motiven“ vergriffen war, arbeitete Alf an einer Fortsetzung mit dem Arbeitstitel „Rache ist Blutwurst“. Dafür schlug er sich durch die Imbissbuden der Nation. Warum, das wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht war er die vielen Sternemenüs leid, die er, wenn auch kostenfrei, hatte verdauen müssen. Vielleicht hoffte er aber auch, bei seinen Streifzügen durch die Stehgastronomie Carla wieder zu treffen, die als Kommissarin sicher an irgendeinem dieser Stände irgendwo in Deutschland ihre mittägliche Currywurst verzehrte – denn diese Essgewohnheit hatte Alf aus den unzähligen Krimiserien im deutschen Fernsehen verinnerlicht.

Und so stand er nun an einem regnerischen Wintertag am Mainkai unter einem triefenden Sonnenschirm mit „Binding-Bier“-Werbung, starrte auf die Frankfurter „Mainhatten-Skyline“ und sinnierte darüber, wie er seinen Buchtitel mit der Standard-Speisekarte einer Imbissbude in Einklang bringen konnte. Denn leider hatte er bislang keine gefunden, die außer Curry- und Rot-, Thüringer und grober, ja sogar Veggie Bratwurst auch Blutwurst im Angebot hatte.

Zu blöd, dachte Alf. Zückte sein Moleskin und schickte sich an, die Imbissbude am Mainkai in bösen Stichworten zu verewigen. Matschige Pommes, ein Haar im Curryketchup. Dass es sein eigenes war, kümmert ihn wenig. „Alles gut, der Herr?“, säuselte die ölige Stimme des Budenbesitzers zu ihm herüber. „Wolle Se ’n Schnäppsche zum Runnerspüle?“

Alf dreht sich halb zu dem dreisten Mann um. Offenbar wusste der nicht, wen er da vor sich hatte. Oder doch? „Komme Se, Herr P.“, sagte der Mann doch jetzt und kam mit einem Schnapsglas in der Hand aus seinem Wagen zu Alf an den Stehtisch. „Den werde Se brauche, dann tut des net gar so weh, in Ihre letzte Minute“. Gerade als Alf anfangen wollte, sich zu fragen, was der Mann mit diesem kryptischen Satz wohl meinen könnte, traf die erste Schmerzwelle seinen Magen wie eine Attacke mit japanischen Küchenmessern.

Alf zuckte zusammen, krümmte sich und sackte schließlich am Tisch hinab in den schlammigen Boden. Regen fiel kühl auf seinen plötzlich glühend heißen Nacken. „Nur damit Se wisse, warum Se jetzt den Löffel abgebbe“, fuhr der Imbissbuden-Besitzer in freundlichem Plauderton fort. „Nach Ihrem Bestseller-Buch hat bei mir keiner mehr esse wolle. Nach em halbe Jahr war isch pleite. Die Imbissbude is alles, was isch noch hab, als Existenz. Und jetzt wolle Sie mir die aanoch wegnemme? Ebbe reischts.“

Das letzte, was Alf aus seinem Autorenleben mitnahm, war der Geschmack nach ranzigem, mit Blausäure vermischtem Fett im Gaumen.

MiniKrimi Adventskalender am 12. Dezember


Ein Mord, wie er im Buche steht

Er steht bereits eine ganze Weile vor dem öffentlichen Bücherschrank. Er wartet ohne das mindeste Zeichen von Ungeduld. Die Fußgängerampel an der Schleißheimer Straße wird rot und grün und wieder rot. Und grün. Er wippt auf den Ballen und macht einen Ausfallschritt in Richtung des riesigen Baustellenkraters, wo noch vor einem Jahr der Karstadt stand. Sic transit gloria mundi, denkt er, denn er hat einmal Latein gelernt. Bis zum Abitur. Und was hat ihm die Bldung gebracht? Sei nicht so ungerecht, weist er sich selbst zurecht. Ohne Bildung, Kultur und Bücherkenntnis könntest du diesen Job nicht machen. Und es ist keineswegs ein gewöhnlicher Job. Lukrativ ist er obendrein. Und er kostet ihn nicht einmal sonderlich viel Zeit. Nur Planung. Behutsamkeit. Umsicht. Und Konzentration.

Er entscheidet sich gegen den Wechsel der Straßenseite. Er schaut nach rechts, er schaut nach links. Der Platz ist menschenleer, keine Straßenbahn in Sicht, und auf seiner Fahrbahnseite stehen keine Autos an der Ampel. Er dreht sich abrupt um, schiebt die Glastür des öffentlichen Bücherschrankes auf und greift ganz gezielt nach einem Buch. Anna Karenina. Ein wahrhaft dicker Brocken. Wieder schaut er nach links und rechts, dann schreitet er gemessenen Schrittes davon, stadteinwärts die Elisabethstraße hinunter.

An der übernächsten Straßenecke öffnet er das Buch und entnimmt ihm einen dünnen Zettel mit einer aufgedruckten Adresse und dem Zusatz: Schlüssel unter der Restmülltonne. Warum immer die Restmülltonne? Dem nächsten Kunden wird er sagen, dass er die Papiertonne nehmen soll. Restmüll kostet in Zukunft 100 Euro extra.

Er geht ins Haus, öffnet die Tür und legt den Schlüssel gemäß der Anweisung auf das Sidebord im Eingang. „Johann, Johaaaannn, du warst aber lange weg, wo bleibt mein Kaffee? Soll ich den ewig warten?“, ruft eine schrill energische Stimme aus der Wohnungstiefe. Er antwortet nicht, das sei nicht nötig, hat sein Auftraggeber ihm erklärt.

Gleichgleichgleich kommt dein Kaffee, flüstert er. Und was für einer. Der ist einzigartig. Er geht in die Küche und macht sich an die Arbeit, misst ab, rührt, mixt. Dabei schaut er immer wieder in das Buch. Nur keinen Fehler machen, jetzt! „Fertig ist der caffé speciale nach Art des Hausherrn“, summt er vor sich hin und trägt die Tasse ins Wohnzimmer. „Das wurde aber auch Zeit“, schrillt die Stimme, und die Besitzerin greift nach dem Kaffee, ohne ihn, den Überbringer, auch nur anzuschauen. Auch das hatte ihm sein Auftraggeber vorab versichert.

Die übriggebliebenen Ingredientien steckt er in einen dünnen weißen Umschlag, auf den er vorab bereits ein Wort gedruckt hat: „erledigt.“ Auf ihn ist immer Verlass.

Am nächsten Tag steht er wieder eine ganze Weile vor dem Bücherschrank. Geduldig und ohne das geringste Anzeichen von Unruhe schaut sich um und vergewissert sich, dass ihm niemand gefolgt ist und ihn keiner beobachtet. Dann öffnet er die Glastür und stellt das Buch wieder hinein. An genau die Stelle, wo er es gestern rausgenommen hat. Er ist immerhin ein Profi. Auftragsbestätigung ist bei ihm Ehrensache.

Eigentlich müsste er der Stadt einen Dankesbrief schreiben. Anonym, aber trotzdem. Diese Bücherschränke sind die idealen Briefkästen. 100% anonym, versteht sich. Wie gut, dass die Stadtverwaltung fast in jedem Viertel einen aufgestellt hat.

Morgen geht’s nach Bogenhausen. Dort wartet Madame Bovary auf ihn.

MiniKrimi Adventskalender am 10. Dezember


Liebe im Winter

Über Nacht war es Winter geworden. Die Natur hatte sich der Sehnsucht der Menschen gebeugt und spiegelte endlich die Lieder wieder, die seit drei Wochen in vieler Munde und aller Ohren schwangen und sangen. Zuckerwatte auf den Ästen, die Hecken und Mauern trugen glitzernde Decken und alle Pfosten spitze weiße Hüte.

Inka, die das Adventswochenende bei ihren Eltern verbrach hatte, damit der Pflicht genüge getan und sie über Weihnachten von Familientreffen befreit war, hatte nur eines im Sinn: sie wollte so schnell wie möglich nach Hause. Zu Hause, das war eine verträumte Maisonette in einem modernisierten Jugendstilhaus am Rande des Glockenbach-Viertels. Unten waren Küche, Lounge und Inkas Raum. Oben auf der schmalen Galerie, die die gesamte Wohnung umrundete, breitete sich Ellas Reich aus, so bunt und üppig wie ihre blumige Persönlichkeit. Beim Einzug war Inka sofort klargewesen, dass sie die Wohnung nur so aufteilen konnten. Ella brauchte ein Wolkenkuckucksheim, um ihren Gedanken Form zu geben. Sie brauchte Licht, um sie auf die Leinwand zu bannen. Wobei bannen das falsche Wort war. Sie brachte die Leinwand mit kraftvoll strahlenden Farben zum Leuchten, zum Vibrieren, und keiner, der ein Bild von Ella sah, konnte dem Impuls widerstehen, zu schweben. Trotzdem verkaufte sie selten ein Bild. Sie war keine Verhandlungskünstlerin. „Ich bin doch nur unteres Mittelmaß“, sagte sie, wenn wieder ein Austellungstraum geplatzt war. Aber Inka wusste es besser. Es musste nur der richtige Mensch kommen, einer mit einer ganz besonderen Seele. In der Zwischenzeit stapelten sich die Bilder an den Wänden der Galerie entlang.

„Ella, bin wieder daaaa!“, rief Inka, während sie den Schlüssel abzog und ihren Rollkoffer in den kleinen Flur schob. „Ella?“ Komisch. Um diese Zeit war ihre Mitbewohnerin eigentlich gerade erst aufgewacht und versuchte, mit einer großen Portion Koffein die Traumweben aus dem Kopf zu verscheuchen. Ah, wahrscheinlich saß sie oben im Wintergarten und genoss zum Frühstück den Ausblick auf den plätschernden Glockenbach und seine verschneiten, efeudurchfurchten Ufer. Durch die gotischen Fenster streute die Wintersonne breite Strahlen von der Galerie hinunter in die Lounge.

Jedes Mal, wenn Inka die Wohnung betrat, fühlte sie sich so wohl, dass es schmerzte und sie befürchtete, es müsse gleich ein Unglück geschehen, weil so viel Freude zuviel Freude für einen einzigen Menschen war. Aber sie war ja nicht allein. Sie genossen dieses Glücksgefühl zu zweit. Auch ein Jahr nach ihrem Einzug konnte Inka die Verkettung von Zufällen nicht fassen, die sie und Ella in dieser WG zusammen gebracht hatte. Beide auf Wohnungssuche, beide verliebt in die Maisonette, beide realistisch genug, um zu wissen, dass sie den Preis dafür alleine nicht zahlen konnten. Bis der Makler beiläufg erklärte: „Sie müssen natürlich beide im Mietvertrag stehen, aber das ist ja selbstverständlich. “ Er hatte gedacht – ja, was?

Ein Jahr später waren Inka und Ella nicht nur Mitbewohnerinnen, sondern Freundinnen geworden. Gegensätze ziehen sich an, sagt der Volksmund, auf den weder Ella und noch Inka etwas gaben. Und trotzdem: die Malerin und die Bankerin harmonierten wie die zwei Seiten einer Medaille. Sie verstanden sich so gut, dass sogar ihre Freundeskreise zu einem einzigen verschmolzen.

„Ella, bist du im Bad?“ Inka meinte, Wasserrauschen zu hören. Eigentlich badete Ella meist am Abend. Aber wer weiß, vielleicht war sie gestern nach dem Termin zu müde gewesen. Ein wichtiger Termin mit einem jungen Galeristen, der Interesse an Ellas Bildern gezeigt hatte. Sie wollten Details einer Ausstellung im Frühjahr besprechen. In Wien! Inka hatte den ganzen Abend und die halbe Nacht hindurch immer wieder auf ihr Handy geschaut und auf eine Nachricht von Ella gewartet. Aber naja, wer weiß, vielleicht hatte sie keine Zeit zum Texten gehabt. Vielleicht war sie nicht alleine gewesen. Bei diesem Gedanken spürte Inka einen Stich dort, wo sie ihr Herz verortete. Sie waren gute Freundinnen. Beste, vielleicht sogar. Aber nicht mehr. Nein! Und dennoch: Inka wollte sich nicht vorstellen, was Ella mit dem Galeristen getan haben könnte. Basta.

„Ella!“ Inka lief die Treppe zur Galerie hinauf. Was war das? Die Stufen waren nass? Jetzt erst sah sie, dass der Teppich in der Lounge offenbar durchtränkt war. Sie eilte ins Bad. Das Wasser lief in die Wanne und über den Rand, die Fliesen entlang, in den Flur und die Treppe hinunter. Und in der Wanne lag Ella. Bleich und mit aufgeschnittenen Pulsadern. Längs.

Nach dem ersten Schock war Inka sofort klar, was passiert sein musste. Der Galerist! Irgend etwas musste bei dem Treffen gestern schiefgelaufen sein. Inka lief zum karmesinroten Sofa, das den Mittelpunkt der Galerie bildete. Beschattet von einem smaragdgrünen Baldachin und mit ungezählten Kissen in safran, orange, pink und blau. Aber statt mit einladenden Polstern war das Sofa jetzt mit Ellas Bildern übersät, mit verstümmelten, zerstörten Kunstwerken. Zerschnittene Leinwände hingen lose an zerbrochenen Rahmen. Einige davon waren sogar verkohlt. Verkohlt? Tatsächlich, in dem großen Glasaschenbecher, in dem Ella normalerweise Räucherkegel abbrante, lagen fünf Zigarettenstummel.

Und darunter, halb unter dem Sofa versteckt, ein goldener Manschettenknopf. Unfassbar! Es musste zum Streit gekommen sein, warum auch immer. Dann hatte der Mann Ella ermordet. Ob kaltblütig oder im Affekt, das sollte die Polizei herausfinden. Jedenfalls hatte er alles getan, um Ellas Tod wie Selbstmord aussehen zu lassen. Ella und Selbstmord! Inka wusste natürlich, dass allein die Vorstellung absurd war. Aber sie würde schon dafür sorgen, dass die Ermittlungen in die richtige Richtung liefen und zur Festnahme des Mörders führten.

Inka ging in ihr Zimmer. Bevor sie die Polizei rief, setzte sie sich auf ihr Bett und zwang sich, zur Ruhe zu kommen. Sie musste jetzt alle fünf oder besser noch sieben Sinne beisammen haben.

Die Kriminalbeamten waren sehr nett. Sie hörten Inka aufmerksam zu, nahmen die Beweismittel – Zigarettenstummel und Manschettenknopf – an sich und versicherten Inka, alles Nötige zu tun, um den Fall schnell abzuschließen. Ella war jetzt kein Mensch mehr, kein pulsierendes, vibrierendes lebendiges Wesen. Sie war ein Falll. Das war alles SEINE Schuld. Und das sollte er büßen!

Eine Woche lang hörte Inka nichts von der Polizei. Sie rief täglich an, doch die „Kollegen“ waren nie für sie zu sprechen.

Eines Abends, Inka saß mit hochgezogenen Knien auf Ellas Sofa und starrte in die immer noch magisch weiße Winterwelt, klingelte es an der Tür.

„Frau Behrens, dürfen wir reinkommen?“ „Ja, natürlich! Endlich! Sie haben „den Fall“ abgeschlossen? Hat er gestanden?“

Frau Behrens, leider müssen wir sie bitten, mit aufs Kommissariat zu kommen.“ „Wie bitte? Ich? Warum?“ „Das erklären wir Ihnen dann alles genau. Möchten Sie einen Anwalt oder eine Anwältin hinzuziehen?“

Wie eine Marionette ließ Inka sich von den Beamten aus der Wohnung begleiten, in den Fahrstuhl, auf die Straße und in ihr wartendes Auto. Im Kommissariat saßen sie an einem Metalltisch, um sie herum Technik und grelles Licht.

„Frau Behrens, haben Sie Ihre Freundin ermordet?“ „WAS?“ Schlagartig war Inkas Lethargie verflogen. „Was fällt Ihnen ein? Ich soll Ella ermordet haben? Was für ein Schwachsinn. ich habe sie geliebt! Wir haben uns geliebt!“ So. Jetzt hatte sie es gesagt. Zum ersten Mal. Aber zu spät.

„Frau Behrens, die Sache kann sich nicht so abgespielt haben, wie Sie sie uns geschildert haben. Zum Zeitpunkt, als Frau Bach starb, war Herr Walter, der Galerist, nicht mehr in ihrer Wohnung, sondern bei seinem Freund, wo er übrigens auch übernachtet hat. Er kann es also nicht gewesen sein. Aber Sie haben Beweismittel unterschlagen.

„Ich habe was?“ Der Kommissar öffnete die Akte auf dem Tisch und entnahm ihr eine Plastikhülle. Darin lag ein Stück Papier. Löschpapier.

„Ihre Freundin hat mit Tinte auf Papier geschrieben, eine Seltenheit, heutzutage. Und dann hat sie das Geschriebene auch noch mit Löschpapier getrocknet. Unseren Spezialisten ist es gelungen, den Inhalt des Briefes wiederherzustellen. Er war für sie. Ich denke mal, Sie haben ihn in Ihrem Zimmer gefunden. Und in Ihrer Trauer und Ihrer Wut haben Sie beschlossen. sich an Walter zu rächen und ihm den Selbstmord Ihrer Freundin als Mord in die Schule zu schieben.

Soll ich Ihnen den Brief vorlesen?“

„Nicht nötig,“ flüsterte Inka unter Tränen. „Aber er hat sie umgebracht. Indirekt. Er ist Schuld an ihrem Tod. Er hat mir Ella weggenommen. Mir und der ganzen Welt. Ich wollte, dass er leidet. Es geschieht ihm Recht.“

Ellas Abschiedsbrief:

Liebste Inka,
bitte, du darfst nicht erschrecken, wenn ich dich so nenne. Ich habe das nie gemacht. Aber du bist für mich viel mehr als „nur“ eine Freundin. Ich…. liebe dich. Und ich hoffe, ich spüre, du liebst mich auch. Wie traurig das Leben ist! Was hätten wir beide zusammen alles erleben können. Aber ich kann nicht mehr. Die Ausstellung im Frühjahr war meine letzte Hoffnung. Die Brücke zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Aber als Walter meine Bilder sah, sagte er, das sei gefällge Kunst.Schön und bunt. Aber in seiner Galerie stellt er nur große Talente aus. Meine Bilder seien gutes Handwerk, aber nicht genial. Und als ob er mich damit nicht schon genug gedemütigt hätte, bot er mir einen „Deal“ an. Weil er mich nett fand. Ich sollte mit ihm ins Bett gehen. Eigentlich bevorzugt er Männer, aber bei mir würde er gerne eine Ausnahme machen. Und dann könnten wir nochmal über die Ausstellung sprechen.

Liebe Inka,. du kannst dir das wahrscheinlich nicht vorstellen, aber da bin ich ausgerastet. Ich habe ihn an seinem Ärmel vom Sofa hochgerissen und praktisch die Treppe runtergestoßen.

Als die Haustür hinter ihm ins Schloss fiel, bin ich ins Bad gegangen. Die Wanne ist jetzt voll. Ich lege mich hinein. Bitte verzeih mir, aber ohne meine Kunst kann ich nicht leben. Und ohne dich auch nicht.

Leb wohl.

MiniKrimi Adventskalender am 9. Dezember


Diesen kurzen MiniKrimi habe ich schon 2014 geschrieben und heute nur etwas aufgepeppt. Er passt zum Münchenhimmel, heute, grau und schneebeladen, ahnungsvoll.

Luise und die Elster

Was ist passiert?

Benommen schaut Thea sich um. Das Zimmer dreht sich um seine eigene Achse, und sie lehnt sich an die Wand, um nicht umzukippen.

Wie ist sie hierhergekommen? Eben noch kauerte sie auf dem Kiesboden vor den Stufen, die zur großen, dunklen Haustür führen, und kramte vergeblich in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund. Thea hat die Villa von ihrer Großmutter geerbt, vor knapp einem Monat. Sie soll darin wohnen, das war Großmutters Wunsch. Aber sie ist sich noch nicht sicher, wie sie sich entscheiden wird. Alles ist so fremd, riesengroß, düster und bedrohlich, wie in einer Geschichte von Edgar Allen Poe.

Aber es war eine Elster, kein Rabe, die sie vom bröckelnden Fenstersims aus argwöhnisch beobachtete, bevor sie ihr ein paar gekrächzte Laute hinunterwarf und, als Thea nicht reagierte, energisch das schwarze Federköpfchen schüttelte. Zu spät.

Thea wurde schwarz vor Augen.

Und jetzt steht sie in einem ihr fremden und gleichzeitig entfernt vertrauten Raum. Ein Ankleidezimmer, ganz offensichtlich. In ordentlichen Reihen hängen altmodische Anzüge und Hemden, gegenüber Kleider im Stil der sechziger Jahre, allesamt schwarz. Pullover und Blusen, Socken und Schuhe, alles säuberlich eingeräumt. Es riecht nach Lavendel und Mottenpulver.

Was mache ich hier, fragt sie sich. Da rascheln die Kleider wie von einem plötzlichen Windstoß bewegt, die Röcke schwingen und die Schuhe klappern mit den Absätzen. „Finde die Wahrheit. Tu es für mich“, flüstert die Luft. Ein Nerzmantel schüttelt sich heftig, und aus seinen Falten weht ein kleines Foto heraus. Ein junges Mädchen mit frischem Gesicht, roten Locken und einem adretten Dienstmädchen-Häubchen. Das Foto ist schwarz umrandet, so, wie es früher bei Traueranzeigen üblich war. Luise, 1965, steht auf der Rückseite.

Thea öffnet die Verbindungstür, die zu einem Schlafzimmer führt, und da steht sie . Luise. Das Dienstmädchen-Häubchen liegt am Boden, eine Kaskade roter Locken fällt in rhythmischen Schlägen weich gegen ihren rosigen Rücken. Zwei Hände umklammern ihre nackten Pobacken, und ein Schopf braungrauer Haare schmiegt sich an ihren Hals. Ist es das, was ich sehen soll? Ein lautes, befriedigtes Stöhnen, Schopf und Hände lösen sich von dem Frauenkörper. „Zieh dich an und sag meiner Frau, meine Migräne sei besser geworden, dank ihres Kaffees, und dass ich gleich unten bin.“ Der Mann, der Theas Großvater war, geht in’s Badezimmer und erfrischt sein Gesicht mit Wasser und Parfum. Sie erkennt den Duft ihrer Kindertage. Eine Mischung aus Moschus, Tabak und Zufriedenheit.

Im Schlafzimmer zieht Luise sich die Kleider hoch und steckt die Haare unter das Häubchen. Sie geht zum Fenster und macht es weit auf, beide Flügel. Beugt sich hinaus in die Nacht, hebt das Gesicht zu den Sternen. Was sie wohl denkt? Thea, die unsichtbare Zuschauerin, spürt einen Lufthauch und sieht einen Schatten ins Schlafzimmer gleiten. Schwarze Schwingen erheben sich lautlos hinter Luise, und wie von selbst fällt das Mädchen aus dem Fenster. Der Sturz an sich wäre kaum tödlich gewesen, hätte nicht gerade dort eine Sense an der Hauswand gelehnt, die Klinge nach oben gerichtet.

Ein leises Seufzen, voller Schmerz und Zufriedenheit. Kommt es aus Luises Mund? Oder von dem Wesen in schwarz., das sich aus dem Fenster lehnt und in die Dunkelheit hinunterschaut?

So, denkt Thea. Nun weiß ich also, dass mein Großvater ein Schürzenjäger und meine Großmutter eine Mörderin war.

Und jetzt? „Nichts, es genügt mir, dass es jemanden gibt, der weiß, wie ich wirklich gestorben bin“, flüstert es aus der Kastanie im Hof.

Thea schließt die Augen,. Einen Moment? Eine Stunde? Als sie sie wieder öffnet, kauert sie auf der obersten Steinstufe der alten Familienvilla, in die sie bald einziehen wird. Das weiß sie jetzt. Denn das Unheimliche ist einem Gefühl tiefen Friedens gewichen, so, wie ein Gewitterhimmel, der nach dem Sturm wieder leuchtend blau strahlt.

Über ihr krächzt eine Elster. Ein Windstoß weht ihr in einem leuchtenden Blätterbüschel den Schlüsselbund vor die Füße.

MiniKrimi Adventskalender am 6. Dezember


Liebe Leser*innen, bitte nehmt mir die Fehler in diesem Minikrimi nicht übel. Ich habe mein Daumengrundgelenk überstrapaziert – und mit Schiene und Schmerzen schreibt es sich schlecht.

Herzlichen Dank dem Ideengeber für den heutigen Nikolauskriimi. Ich kenne ihn, aber er hat mich gebeten, anonym zu bleiben. Völlig unnötigerweise, denn die Idee ist doch charmant, oder?

Showdown

„Ok. Du kriegst eine allerletzte Fristverlängerung. Spätestens heute Abend um zehn hast du die Kohle zusammen. Wenn nicht, mach ich dich fertig. Als erstes ist dein Köter dran. Und dann deine Tochter…“

„Cleo! Um Himmels willen. Sie ist doch noch ein Kind. Und was kann Julius dafür, dass ich in letzter Zeit so eine Pechssträhne hatte?“

„Vielleicht hättest du den Dackel an den Pokertisch setzen sollen. Schlechter als du hätte er bestimmt nicht gespielt. Also. Heute Abend zehn Uhr im Club. Oder Julius frisst Rattengift.“

Ehe Olaf reagieren kann, bückt sich der Spielschuldeneintreiber, klemmt sich Dackel Julius unter den Arm und springt in die schwarze Limousine, die mit laufendem Motor am Straßenrand auf ihn gewartet hat.

Olaf ist verzweifelt. Wie konnte es nur so weit kommen? Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen. Die Pandemie hat Olafs feines, aber kleines Herrenbekleidungsgeschäft an den Rand des Ruins gebracht. Monatelange Schließung, und als er wieder öffnen durfte, hatten die meisten Kunden sich das Nötige und dazu noch eine Menge unnötige Kleidungsstücke im Internet besorgt.

Aber die Ausgaben waren geblieben. Und ein zehnjähriges Mädchen im Homeschooling bei Laune zu halten war auch nicht billig. Olaf gab Unsummen für Hard- und Software aus. Und weil sie immer zu Hause waren, besuchte seine Frau einen Online-Gourmet-Kochkurs bei einem ebensp guten wie gewieften und teuren Sternekoch. Der ihr bis heute die extravagantesten Zutaten ins Haus liefert.

Irgendwann wusste Olaf nicht mehr, woher er das Geld für die Miete von Haus und Geschäft nehmen sollte. Entgegen seiner Gewohnheit ging er in einen Club, den ihm ein Kunde empfohlen hatte. Dort trank er einen Whiskey, dann noch einen, und sann auf einen Ausweg aus seinem finanziellen Dilemma.

Da geschah es. Wie ein Deus ex machina war ein Mann auf ihn zugekommen und hatte ihn gefragt, ob er einspringen könne, am Pokertisch. Ein Spieler sei ausgefallen.

Olaf hatte in früheren Jahren gerne und, so meinte er sich whiskeymutig zu erinnern, gut gespielt. Er nach diesem Strohlhalm wie ein Ertrinkender. Dabei unterließ er es , ein paar nicht ganz unwichtige Fragen zu stellen. Etwa, ob dieses Pokerspiel mit dem Gesetz im Einklang war. Oder warum gerade er gerade jetzt gefragt wurde. Und wer die Leute waren, die ihn so nonchalant einluden.

Heut ist Olaf schlauer. „Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen“, denkt er. Aber am Anfang lief alles so gut. Er hatte eine Glückssträhne und gewann so viel, dass er einen Monat lang endlich wieder ohne Geldsorgen einschlafen konnte. Er hatte sogar Frau und Tochter mit einem Spontanurlaub nach Mallorca überraschen können.

Doch nach dem Glück kam, natürlich, das Pech. Und jetzt sitzt ihm der Spielschuldeneintreiber im Nacken. Und wenn ihm bis heute Abend nichts einfällt, wird Julius sterben. Julius, der kleine, flinke, pfiffige Kaninchendackel!

Selbstmord ist keine Lösung, denn die Lebensversicherung hat er schon letzten Monat aufgelöst. Verzweifelt starrt Olaf auf den weihnachtlich beleuchteten Marktplatz. Draußen vor dem Weihnachtsbaum steht ein Nikolaus und verteilt kleine Geschenke an die Passanten. Da kommt ein zweiter hinzu. Und ein dritter.

„Heute ist Nikolaustag“, erinnert sich Olaf. Und seine verzweifelten Gedanken formen sich zu einer Idee.

In der AgipTankstelle am Reuterring steht Jo fassungslos vor einem Riesenkarton mit gerade angekommenen Süßigkeiten. Genauer gesagt Tausende von Euro in kleinen Scheinen und glänzenden Münzen. Eigentlich hätten sie schon am Vormittag in die Regale einsortiert werden müssen. Aber der Lieferant hatte eine Panne, und jetzt soll Jo nicht nur die Kasse bedienen, Würstchen heiß machen und Cappucino servieren, sondern auch noch die gesamte Lieferung unterbringen. Und das alles für 520 Minijob-Euronen. „Echte Sch…“, flucht er und macht sich an die Arbeit.

Er hat gerade die Theke mit Euro-Koffern und Münzen-Dosen vollgehäuft, als er aus dem Augenwinkel etwas Rotes an die Kasse kommen sieht. „Augenblick, bin gleich bei Ihnen“, sagt Jo und denkt: Auch ein Nikolaus braucht scheinbar mal ne Kaffeepause. Dann doch lieber Schokomünzen sortieren, als im Schneeregen Hohoho rufen.

„Hände hoch, das ist ein Überfall. Her mit dem Geld. Alles hier in den Sack, aber schnel!, oder ich schieße!“ Der Nikolaus hält Jo mit der einen Hand eine Waffe entgegen und mit der anderen einen Sack. „Na, wird’s bald?“

Der macht das bestimmt zum ersten Mal, denkt Jo miiten in seinem Schrecken. Die Stimme zittert, und warum kneift er die Augen so zusammen? Jo will in die Kasse greifen – er wird bestimmt nicht sein Leben aufs Spiel setzen wegen ein paar Hundert Kröten, die ihm nicht gehören – aber der Nikolaus zischt: „Machen Sie schon. Packen Sie das ganze Geld da auf der Theke in den Sack, alle Dosen, und auch die Geldkoffer.“

Soll das ein Witz sein? Oder ist er in einer Sendung von Verstehen Sie Spaß? Egal. Jo packt das ganze Schokogeld in den Sack. Da fährt draußen eine Streife der PI 42 vor, die trinken hier um diese Zeit immer eine Cola und essen ne Bockwurst. Der Nikolaus erstarrt, entreißt Jo den Sack und stürmt aus dem Kassenraum. Dabei wirft er beinahe den Ständer mit den Nikolausruten um. Offensichtlich ist der arme Mann nicht nur verwirrt, sondern auch noch extrem kurzsichtig.

Es dauert einige Minuten, bis Jo sich von seinem Lachanfall erholt hat. Schock, Erleichterung und die Komik der Situation sind zuviel für den jungen Mann.

Inzwischen hat Olaf das Nikolauskostum aus und seine starke Brille wieder angezogen und fährt, so schnell er sich traut, zum Club. Drinnen wirft er dem Eintreiber den Sack vor die Füße. „Hier hast du das Geld. Und jetzt gib mir meinen Hund zurück!“

Julius hat die Stimme seines Herrn gehört und kommt aus dem Hinterzimmer gesaust. Dann bleibt er wie angewurzelt stehen, hin und hergerissen zwischen der Wiedersehensfreude und dem spannenden Duft, der ihm aus dem Sack entgegenweht. Das riecht ja wie….

„SCHOKOLADE! Du Idiot hast einen Sack Schokogeld geklaut!“ Außer sich vor Wut stürzt sich der Eintreiber auf den zitternden Olaf. Dabei stampft er mit beiden Füßen auf dem Sack herum, dass die Schokolade nur so aus der Verpackung spritzt.

Das ist zuviel für Julius. Ob er seinen Besitzer verteidigen oder die Zerstörung seiner Beute verhindern will? Wir werden es nie erfahren, denn in diesem Momeht betrifft die Streife der PI 42 den Raum…..

Lokalnachrichten vom 6 .12.2022: Heute Abend kurz nach 21 Uhr konnte eine Polizeistreife einen Schuldeneintreiber-Ring sprengen. Die Beamten verfolgten einen Räuber, der, mit einer Spielzeugpistole bewaffnet, in der Tankstelle am Reuterring Schokogeld im Wert von 200 Euro erbeutet hatte. Dieser führte sie zu einem Club, der schon länger polizeilich beobachtet wurde. Angeblich seien der Schokodieb und sein Hund, ein Kaninchendackel, maßgeblich an der Festnahme der Kriminellen beteiigt gewesen, was sich strafmindernd auswirken soll. Der Tankstellenbesitzer verzichtet auf eine Anzeige.

MiniKrimi Adventskalender am 5. Dezember

Schlafendes Mädchen, hinter ihr eine Fabelwesen-Maske.

Wie bitte?

Ich öffne die Tür einen Spaltbreit, ohne ein zweites Klingeln abzuwarten. Als sie mir ihre Ausweise hinhalten, viel zu nah, als dass ich etwas erkennen könnte, nicke ich freundlich und lächle abwartend. Sekunden vergehen. Dann fragt der Ältere: „Haben Sie gehört, was ich Sie gefragt habe?“ Ich lächle weiter. Freundlich und vage. „Wie bitte?“ Ich kann Lippenlesen, aber das wissen die beiden nicht. Offenbar wissen sie auch nichts von meiner Hörschwäche. Das Wort Schwerhörigkeit mag ich nicht. Es trifft ja nicht eigentlich auf mich zu. Doch auch das weiß keiner. Mehr. Ich greife in die Tasche meiner Jeans, fische die Hörgeräte raus und setze sie ein, sorgfältig, fast ein wenig umständlich. Unverwandt lächelnd, ohne den Türspalt zu verbreitern, frage ich höflich: „Ja?“

Der Ältere schließt die Augen, so kurz, dass ich es mir auch eingebildet haben könnte. Das ist das einzige Zeichen seiner Ungeduld. Mit scheinfreundlicher Stimme wiederholt er, was ich schon beim ersten Mal verstanden habe. „Müller, Kriminalhauptkomissar. Das ist mein Kollege, Kriminalmeister Schmidt.“ Ehrlich jetzt? Müller und Schmidt? denke ich. Wie einfallsreich. Ich nicke. „Frau Brandt, es geht um Ihre Bekannte, Lisa Lemberg. Wir hätten da ein Paar Fragen und würden Sie bitten, uns zu unserer Dienststelle zu begleiten.“

Ich könnte fragen: „Warum?“, könnte sagen: „Nicht ohne meinen Anwalt.“ Oder: „Wie kommen Sie auf mich?“ Stattdessen murmele ich: „Moment, ich sag nur schnell meiner Katze Bescheid“, gehe ins Wohnzimmer und streichele Madame Pompadour über den Kopf. Sie thront teilnahmslos auf ihrem Kissen vor dem Kamin. Nicht einmal eine Katze nimmt Notiz von mir. Aber die Polizei. Fühle ich mich geschmeichelt?!

Ich ziehe mir Daunenjacke und Stiefel an. Dabei sehe ich, dass Kriminalhauptmüller seinen Fuß im Türspalt hat. Soviel unnötige Vorsorge. Ihr Wagen steht direkt vor dem Haus. Kriminalschmidt lenkt uns geschmeidig durch den Nachmittagsverkehr. Dann sitze ich in einem Verhörraum – wahrscheinlich nicht die richtige Bezeichnung, aber sie passt zu mir – mit einer Tasse Beuteltee und Kondensmilch.

„Frau Brandt: wie gut kennen Sie Frau Lemberg? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? Und wo waren Sie letzten Donnerstagnachmittag, so gegen 17.15 Uhr?“ Müller klingt lauernd, während Schmidt‘s Kuli den Takt zu einem Lied klopft, das ich nicht hören kann. Statt Müller zu erklären, dass seine Verhörtaktik erbärmlich ist, antworte ich auf seine Fragen. „Ich kenne Lisa, Frau Lemberg, von der Uni. Seit sie ihre Galerie eröffnet hat, habe ich für sie verschiedene Expertisen gemacht.“  Schmidt zieht die Augenbrauen hoch, und ich sage: „Mit meinen Augen ist alles in Ordnung. Auch mit meinem Gehirn.“ Das setze ich ganz bewusst hinzu.

„Frau Lemberg war eine erfolgreiche Galeristin. Sie haben keine feste Anstellung und leben von Gelegenheitsaufträgen. Waren Sie eifersüchtig?“ Kriminalmüller wieder. Er sollte unbedingt die goldenen Regeln der Vernehmungslehre auffrischen. „Ich arbeite freiberuflich als Expertin für zeitgenössische Kunst. Ich bin nicht so der Teamplayer. Zu großes Verhör-Risiko.“ Ich lächle als Einzige über meine Pointe. „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich am Donnerstagnachmittag um fünf war. Die Realität ist kein Agatha-Christie-Roman. Wahrscheinlich war ich daheim und habe gelesen. Oder im Park. Oder im Café…“ „beim Lesen“, fällt Müller mir ins Wort.

„Um es abzukürzen, Frau Brandt. Ihre Freundin wurde zwischen 17 und 17.30 Uhr mit einer Skulptur von Kara Walker erschlagen, für die Sie eine Expertise erstellt haben. Eine falsche Expertise. Denn bei der Skulptur handelt es sich um eine Kopie. Gut gemacht, aber dennoch… Und“, fährt er fort, als ich zu einer Entgegnung ansetze, „Sie wurden um 17.15 am Tatort gesehen. Eine Zeugin hat sie zweifelsfrei identifiziert, als Sie hier vor dem Präsidium aus dem Auto gestiegen sind.“

Ich schaue Müller an. Der Mann überrascht mich. Nicht. „Wer ist die Zeugin?“ „Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber sie ist sich sicher. Ich muss sie leider hierbehalten. Frau Brandt, sie sollten Ihren Anwalt kontaktieren. Wir stellen Ihnen gerne einen Gebärdendolmetscher zur Seite.“

Natürlich. Sie ist schwerhörig, sie steht unter Mordverdacht. Aber sie ist eine Brandt. Da darf man sich als kleiner Beamter keinen Schnitzer erlauben. Unser Familienanwalt erscheint mit einer Dallmayr-Tüte: Pastrami-Sandwiches und eine eiskalten Flasche Haku-Vodka. Imposant. „Was kann ich für dich tun?“ Als er nach einer Viertelstunde zurückkommt, habe ich den Vodka nicht mal halb ausgetrunken.

„Frau Brandt. Sie können gehen.“ Müller würgt die Worte heraus, in einer Wolke aus Wut und Resignation. „Warum haben Sie uns verschwiegen, dass Sie zur Tatzeit im Café Wunderwelt waren, drei große Gin Tonic getrunken und auf dem Weg ins Bad den Weihnachtsbaum samt mundgeblasenen Kugeln umgeworfen haben?“ „Das war mir tatsächlich entfallen. Wissen Sie, unter Anspannung leide ich manchmal unter Blackouts. Aber jetzt ist ja alles geklärt. Es wird kaum eine zweite Person mit meinem Gesicht zeitgleich in Lisas Galerie gewesen sein. Schade. So eine besondere Galeristin. Adieu.“

Draußen schüttele ich dem Familienanwalt die Hand, nehme die Hörgeräte raus und genieße den Heimweg in wohltuender Stille.

Im Wohnzimmer thront Madame Pompadour auf dem Kissen vor dem Kamin neben Esther, meiner besten, einzigen Freundin. Meinem Spiegelbild. „Hallo Du, hat‘s geklappt?“ fragt Esther, und ihre Augen glitzern mit denen der Siamkatze um die Wette.

„Perfekt,“ lächle ich. „Du kannst die Kontaktlinsen jetzt rausnehmen. Ich finde deine grauen Augen anziehender. Meine Haarfarbe steht dir allerdings besser als dein natürliches Mausgrau. Und…“ – ich bücke mich, um dem auf mich zufliegenden Kissen zu entgehen – „wir sollten die Latexmaske ganz schnell entsorgen. Sie hat ihre Schuldigkeit getan, und wir wollen doch nicht, dass sich jemand anders mit meinem Gesicht in der Wunderwelt mit Gin Tonic betrinkt. Gottseidank ist Müller nicht so schlau, wie er tut. Warum bist du nicht beim Haku geblieben? Als würde ich jemals Gin Tonic trinken.“

„Eben! So haben sich wenigstens alle an „deinen“ Auftritt erinnert. Und ich habe immer noch Kopfschmerzen.“

„Dann nimm eine Tablette. Wenn wir morgen die Statue verkaufen, müssen wir beide einen klaren Kopf behalten.“

„Warum hast du das gemacht? Lisa erschlagen? Ums Geld geht’s dir doch nicht.“

„Nein. Sie – wusste einfach zu viel. Über mich. Mein Gehör. Und mein – Gehirn.  Es war doch ein genialer Plan. Ich bin ein Genie. ODER?“ Ich weiß, Esther wird mir nie widersprechen.

MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Toxischer Advent

Wenn Mias Stimmung wetterabhängig wäre, hätte sie sich heute gleich nach dem Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster wieder unter die Bettdecke verkrochen und den Tag damit verbracht, Netflix zu durchstöbern.

Aber so ist sie nicht. Sie kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Nicht umsonst hat sie jahrzehntelang das Credo ihrer Mutter angehört. „Change it, leave it or love it.“ Tiefe Nebelbänke über den Wiesen? Feuchtbraune Blätterhaufen am Straßenrand? Klumpige Wegfurchen, in denen sie mit ihren Profilsohlen zentimetertief einsinkt? Glänzendgraue Straßen, auf denen sich die Lichter spiegeln, noch um 10 Uhr morgens?

Das ideale Wetter für ein freundschaftliches Gespräch mit Finn. Das hat sie ohnehin schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Wahrscheinlich denkt er, sie leide unter der Trennung. Vielleicht glaubt er sogar, sie fühle sich verlassen? Oder, die schlimmste Möglichkeit – und gleichzeitig die Finn-typischste: Er liest ihre bisherige Zurückhaltung als Schuldeingeständnis. In seinen Augen, in seinem Denken, nein, in seiner Überzeugung hat er schließlich nur die Reißleine gezogen und sich aus einer toxischen Beziehung gerettet, in der er jeden Tag bevormundet und gedemütigt wurde.

Finn, also. Meinst du wirklich, dass du dafür schon bereit bist?, fragt ihre Katze Nestor mit kritischem Blick. Bist du komplett über alles hinweg? Die Ohrfeige? Der zerstörte Laptop? Der Fake-Anruf bei deinem Chef, der dich den Job gekostet hat? Ja, alles verarbeitet? Und dass Finn jetzt mit Anja zusammenlebt, ihrer – ehemaligen – besten Freundin? Mit der er ein Kind erwartet (während Mia mit ihm nur eine Katze haben durfte)?

Alles vorbei. Nicht vergessen, nein. Aber von gestern, halt. Und zwar sowas von. Toxisch. Ja, Das war sie wohl gewesen, diese große Liebe. Gift für sie und ihr Selbstwertgefühl. Seit der Trennung geht es ihr viel besser. Und das will sie Finn unbedingt zeigen. Ein Blick in den Spiegel: Kastanienbraune Locken fallen lang über die Schultern. Die Augen leuchten. Brauen, Wimpern, Lippen – alles perfekt. Beim allerersten Blick wird er erkennen, wie GUT es ihr geht. Nein, sie will ihm nichts beweisen. Und natürlich will sie ihn auch nicht verführen. Im Gegenteil: sie will ihm und Anja jede Spur von schlechtem Gewissen nehmen. Sie sollen nicht denken, dass sie ihr Glück zu dritt auf Mias Kosten genießen.

Siehst du, das wäre dann ja wohl geklärt, sagt sie und schaut Nestor triumphierend an. Nun muss nur noch das Treffen arrangiert werden. Der Impuls dazu muss natürlich von Finn ausgehen. Aber das ist kein Problem. Sie kennt diesen Mann in- und auswendig. Viel besser, als Anja ihn je kennen wird.

Mia aktivert bei ihrem Smartphone die Rufnummer-Unterdrückung. Dann lässt sie es bei Finn genau dreimal klingeln. Sie weiß, er kann es nicht ertragen, einen Anruf verpasst zu haben. Und wenn er nicht weiß, wer ihn angerufen hat, wird er solange recherchieren, bis er eine Antwort hat.

Tatsächlich dauert es keine 10 Minuten, bis Finn sich bei ihr meldet. „Hast du mich gerade angerufen? Warum ist deine Rufnummer unterdrückt?“ „Das ist sie nicht! Das hab ich noch nie gemacht. Und nein, ich habe dich nicht angerufen. Ich bin gerade auf dem Sprung und wollte zum Weihnachtsmarkt in der Blutenburg.“

„Du hast NICHT angerufen…. Hm.“ Finn kann es nicht ertragen, sich zu irren. „Naja, egal. Ist doch schön, dass wir uns jetzt sprechen! Wir wollten uns doch schon so lange treffen. Hey – was hältst du davon, wenn wir zusammen zur Blutenburg gehen? Wie in alten Zeiten? (Er lacht, und vor Mias Augen schlendern zwei eng umschlungene Gestalten durch den mittelalterlichen Burghof. Probieren Ringe an, essen Waffeln, trinken Glühwein und Punsch. Ja, es gab auch schöne Momente. Aber die wiegen die Schmach nicht auf. Vorbei ist vorbei).

„Ehm…..“ Mia zögert. „Najaaa – und was ist mit Anja?“

„Die ist heute bei ihrer Mutter.“ Ach so. Klar. Finn hat Ausgang. Wer weiß, wie oft er sich so verhalten hat, als wir noch zusammen waren?, fragt Mia sich. Und mit wem er sich getroffen hat? Außer mit Anja?

„Ok. Aber ich wollte gerade losgehen. Ist dir das nicht zu knapp?“

„Nein, das passt prima. Ich bin in ner Viertelstunde am Parkplatz an der Würm. Dann können wir gemütlich am Bach entlanglaufen.“

Gemütlich? Ja! Mit warmen Uggs, dem langen grauen Dauenmantel, rotem Schal und roten Lederhandschuhen, die Locken durch die nebelfeuchte Luft wie mit Diamanten bestreut, die braunen Augen verführerisch geschminkt, ist Maja in Bestform für einen Adventsspaziergang an der romantischen Würm. Finn schaut sie lange an, dann schließt er sie spontan in die Arme. „Du siehst toll aus!“ Große Tropfen hängen an den braunkahlen Zweigen, als hätten sich die Bäume für sie beide geschmückt. Der Bach murmelt und raunt. Am Horzont leckt zartes Abendrot an fransigen Wolken. Und über die Dächer der Kirche und der alten Bauernhäuser schwingt sich ein Weihnachtslied.

„So schön!“, flüstert Mia. Und Finn berührt ihre Wange mit einem sanften Kuss. Dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben. Anja hat die Wohnung ausgesucht, die Möbel und das Kinderzimmer. Das Baby wächst und gedeiht – Finn ist sich sicher, es ist ein Junge.

„Da hat sich ja alles verändert, in deinem Leben“, sagt Mia. „Ja,“ sagt Finn. „Manchmal ist mir das richtig unheimlich. Manchmal denke ich, wir zwei….“

„Zu spät“, lacht Mia. „Und außerdem: meinst du, ich hätte weitermachen wollen?“

Finn lacht. Na klar, sagt sein Blick.

Die Blutenburg ist voller Menschen. Alle wollen endlich wieder den Trubel genießen. Die Luft schwirrt von Stimmen und Trompeten, es duftet nach Waffeln, Bratwurst und Gewürzen. Mia und Finn schieben sich durch die Massen. „Ich hol uns einen Glühwein“, sagt Mia. „Für mich nur einen Punsch. Du weißt doch…“ „Hey – ich kenne dich doch! Du, mir ist hier mit den vielen Leuten total warm. Hälst du mal meinen Mantel und den Schal?“

Nach einer Weile drückt Mia Finn einen Becher in die Hand. „Der Punsch ist mega lecker, schmeckt wie Glühwein, probier mal!“ Finn trinkt und lächelt. Mia lächelt zurück. Als er zu husten beginnt, nimmt sie ihn besorgt am Arm und lotst ihn in eine ruhige Ecke. Da ringt er schon nach Luft, aber Mia küsst ihn, und die Umstehenden schöpfen keinen Verdacht. Ees sit sehr schnell vorbei.

Mia lässt FInn zu Boden sinken, versteckt, hinter einer Säule. SIe drückt ihm den Becher in die Hand, schlüpft in den Mantel, wickelt den Schal fest um den Kopf und geht langsam und genießerisch an den bunten Ständen vorbei. Unerkannt und unbekannt.

Am Ausgang hört sie Rufe: „Krankenwagen! Notarzt! Schnell!“ Sie bleibt nicht stehen. Toxische Beziehungen verdienen ein toxisches Ende.

„Er hat es selbst so gewollt. Warum musste er mir von Anja und dem Baby erzählen? Wie dumm von ihm. Er musste doch wissen, dass ich über seine schlimme Sulfitallergie Bescheid weiß. Und darüber, dass er immer sein Spray vergisst. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm Glühwein statt Punsch holen. Das verstehst du doch, Nestor?“

Aber die Katze dreht sich von Mia weg und starrt stumm aus dem Fenster. Gottseidank hat sie keine Allergien.

MiniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


Was sind schon Frauen?

„Jerome, ich habe einen großen Wunsch an dich. Und ich weiß, du wirst ihn erfüllen. Denn das ist mein Vermächtnis: ich will, dass du es im Leben zu etwas bringst. Du sollst studieren, Medizin oder Jura. Damit du ein gutes Leben hast.“

Er muss nicht lesen, was auf den lange vergilbten Seiten steht. Er kennt jedes Wort. Hat das Buch hunderte Male durchgeblätter,t, diesen einen Schatz, den seine Mutter für ihn vor ihrem Tod geschrieben hat. Erinnerungen an sie, an die Heimat, an ihr gemeinsames Leben.

Mit dem Daumen streicht er liebevoll über das Gesicht der Frau auf dem ausgebleichten Foto. Dünn ist sie da schon, vom Tod gezeichnet, dem Preis für ihre Beziehung zum Gutsverwalter Mbabazi.  Zur Belohnung für ihre „Dienste“ hatte er Jerome zur Schule geschickt. Und ihm immer etwas zu essen gegeben. Das war mehr als die meisten anderen Kinder im Dorf Iganga hatten. Aber seine Mutter hatte diese Privilegien mit ihrem Leben bezahlt. Wie unendlich viele afrikanische Frauen, die von Männern aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten mit AIDS angesteckt wurden.

Nach dem Tod der Mutter stürzte sich Jerome ins Lernen und leitete die stille Wut, die in ihm brodelte, in Energie und Leistung um. Als Mbabazi den Jungen aufs Feld schicken wollte, um seinen Unterhalt zu verdienen, schritt der Leiter des kleinen Schulzentrums ein. Seine Frau und er adoptierten Jerome. Da waren die beiden schon in den Fünfzigern, und als sie nach seiner Pensionierung zurück nach Amerika gingen, nahmen sie Jerome selbstverständlich mit. 

Er beendete die Highschool, danach das College und verließ die Harvard-Universität mit einem Prädikatsexamen in Jura. 

Heute ist Jerome ist Juniorpartner einer angesehenen Kanzlei in Chicago. Seine Wurzeln aber hat er nie vergessen. Seine Adoptiveltern haben immer wieder mit ihm gemeinsam im Memory Book gelesen, das seine Mutter für ihn gemacht hat, Anfang des neuen Jahrtausends. Sie haben in ihm die Liebe zu Afrika wach gehalten und genährt. In seiner Kanzlei ist er zuständig für Wirtschaftsverträge zwischen amerikanischen Firmen und Partnern in Afrika. Er möchte etwas zurückgeben von dem, was seine Mutter ihm hinterlassen hat. Liebe und Achtung. 

Das Telefon unterbricht Jeromes Tagtraum. „Mister Miller, brauchen Sie noch etwas für Ihren Termin für die Verhandlungen von Stevenson Inc. mit der Ugandischen Regierung? Dolmetscher, zum Beispiel?“ „Nein, danke, Grace. Englisch ist neben Suaheli Amtssprache, ich komme gut zurecht.“ Jerome lächelt. Er bezweifelt, dass seine Sekretärin über seine Herkunft und seinen Werdegang informiert ist. Wozu auch? Behutsam legt er das kostbare Buch zurück in die oberste Schublade seines Mahagoni-Suhreibtisches. In Iganga hatten sie alle zusammen nur einen klapprigen Holztisch, an dem wurde gegessen, gearbeitet – und oft, nach dem langen Heimweg von der Schulweg durch die sirrende Hitze, auch geschlafen. 

Ja, er hat einen langen Weg hinter sich. Von Iganga nach Chicago. Einen erfolgreichen Weg. Und jetzt setzt er sich dafür ein, dass Kinder wie er in ihrer Heimat ein besseres Leben führen können. 

Er ist gespannt auf die Vertreter der ugandischen Regierung. Angeblich sind sie von der Premierministerin Nabbanja persönlich ausgesucht worden. Er weiß, dass Zeit in seiner Heimat anders bewertet wird, und hat Rogers und Jennings von Stevenson Inc. entsprechend gebrieft. Als sich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin die Tür zum Sitzungsraum öffnet, lächeln die beiden nur freundlich erleichtert.

Aber niemand hat Jerome auf den Schock vorbereitet, der ihn bei der Begrüßung der Männer aus Uganda trifft.

Er ist alt geworden, das Haar schütter und weiß. Er ist kleiner, drahtiger. Aber Jerome würde ihn immer und überall erkennen. Mbabazi, den Mörder seiner Mutter! Er bringt die Verhandlungen hinter sich wie ein Schlafwandler. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist sich sicher, dass alle Anwesenden wissen müssen, was in ihm vorgeht. Aber sie bleiben entspannt. Mbabazi erkennt in Mister Miller ganz offensichtlich nicht den kleinen Jungen aus Iganga, Malaikas Sohn, dem er die Mutter genommen hat. 

„Diesen Abschluss müssen wir unbedingt feiern“, sagt Jerome zu Mbabazi. „Ich kenne da eine ganz besondere Bar, die wird Ihnen gefallen.“ Mbabazis Kollege entschuldigt sich. Doch Jerome hat den Alten richtig eingeschätzt. Es gibt Züge im Charakter eines Menschen, die verändern sich nie. 

Die Bar ist angenehm dunkel, auf der Tanzfläche räkeln sich junge Mädchen. Jerome geht hier nie alleine hin, nur, wenn er bestimmte Kunden begleiten muss. Nach einigen Whiskys wirdv Mbabazi redselig.  Erzählt von seiner Vergangenheit. Wie er 2006 als Gutsverwalter eines amerikanischen Farmers plötzlich krank wurde. Und dass sein Boss so große Stücke auf ihn hielt, dass er ihn zur Behandlung nach Amerika schickte. „Wie sie sehen: ich habe überlebt! Und ich sage Ihnen, ich genieße mein zweites Leben in vollen Zügen!“

„Und die Frauen, die sich angesteckt haben? Sicher haben sie Frauen angesteckt?“ „Mein Schohn“ – Mbabazis Aussprache beginnt zu verwischen – mein Schohn: Was sind schon Frauen? Was bedeutet ihr Leben?“ „Ja, was?“ , fragt Jerome und verzieht sein Gesicht zu einem höhnisch grausamen Grinsen.

Chicago ist immer belebt, auch nachts. Taxis drängeln sich auf den Spuren, überholen auf der Jagd nach Kunden. Mbabazi ist diesen Trubel nicht gewöht. In Kampala geht es ruhiger zu. Jerome greift nach dem Arm des Alten, als er unvermittelt die Fahrbahn betritt, genau vor einem großen schwarzen Wagen.

„Ich konnte ihn nicht halten“, wird er später der Polizei sagen, Erschütterung im Blick. Niemand hat gesehen, dass er den Mann nicht gehalten, sondern gestoßen hat.

Info:

Memory Books entstanden in Uganda. Rund 40 Tausend aidskranke Mütter schrieben sie für ihre Kinder, damit sie sich an sie und ihre Familie erinnern sollten, wenn die Mütter tot waren. In den Büchern stand immer auch der Wunsch, dass das Kind lernen und einen guten Beruf ergreifen sollte.

Wenn Ihr mehr über die Memory Books erfahren wolltm empfehle ich euch den ergreifenden preisgekrönten Film von Christa Graf als Video, Blue Ray oder bei Amazon Video Stream.


Adventskalender MiniKrimi am 20. Dezember


Bluthochzeit

Keiner von beiden hatte geglaubt, dass das Glück in diesem Leben nochmal an ihre Tür klopfen würde. Nicht, dass ihr Dasein bisher unerfüllt gewesen wäre. Im Gegenteil. Sie war eine erfolgreiche Modedesignerin mit eigenem Label und Geschäften in München, Köln und Kitzbühel. Er war ein ebenso erfolgreicher Autor von Heimatkrimis. Beide hatten einen ausgedehnten Bekanntenkreis, der nicht nur aus Bewunderern, sondern durchaus auch aus echten Freunden bestand. Und natürlich hatten beide auch die eine oder andere Beziehung durchlebt, von schwindelnden Höhen hinunter zu abgründigen Tiefen. Und beide hatten für sich beschlossen, dass in punkto Beziehungen die Ebene einen weit besseren Lebens- und Liebesweg bot.

Bei gelegentlichen Treffen im Hause ihrer gemeinsamen Freundin Ella hatten sie sich, nach dem ein oder anderen Glas Champagner, sogar darüber unterhalten, wieviel angenehmer der Alltag ohne emotionale Komplikationen und ergo bar fester Bindungen sei. Ella aber war ganz offensichtlich anderer Meinung gewesen. 


Ganz sanft hatte sie einen Komplott mit Eros, Amor und Aphrodite geschmiedet und die beiden mit viel Geduld und List in einem zarten Liebesnetz gefangen. Und so waren aus tausend freundschaftlichen Berührungen zärtliche Umarmungen geworden und aus belanglosen Begrüßungs-Bussi-Bussis leidenschaftliche Küsse. Das Besondere an diesem Wunder war, dass das Glück der beiden zwar himmelwärts, aber dabei doch immer auf geraden Wegen verlief, ohne steiles Bergauf-bergab, sondern vielmehr auf einer Hoch-Ebene. Das beflügelte ihr Wesen und machte beide auch im Beruf, der für ihn wie für sie gleichzeitig eine Berufung war, noch produktiver.

Soviel Erfolg, das fühlten beide, wollte auf eine solide Basis gestellt werden. Nicht der anderen wegen! Nein, sie selbst wünschten sich für Ihre Beziehung die höchste Vollendung. Es war nur selbstverständlich, dass Ella von ihnen zur offiziellen Hochzeitsplanerin bestellt wurde.

Das beste Hotel Münchens wurde ausgesucht, und dort natürlich die Panorama-Suite mit einem Blick über die Dächer der Innenstadt und weiter bis zu den Bergketten am Horizont. Ella höchstpersönlich schmückte Schlafzimmer und Hochzeitsbett. Wie, das blieb ihr streng gehütetes Geheimnis. 

Die Feier war, wie nicht anders erwartet, atemberaubend schön. Vom Ja-Wort im romantischsten Standesamt der Stadt über den Nachmittag auf einem Schiff am Starnberger See bis hin zum opulenten Abendbuffet im Bayerischen Hof. Zum Ausklang tanzten und tranken Brautpaar und Gäste ausgelassen im Night Club bis in die frühen Morgenstunden.

Dann torkelten die Frischvermählten in ihre Suite. Ohne das Licht anzumachen – das schadet ab einem gewissen Alter sowohl dem Teint als auch der Illusion – öffnete die Braut als erstes die hohen Fenster und lehnte sich, übervoll mit Glückseligkeit und Alkohol, in die dunkle Morgenbrise. Als sie sich umdrehte, lag ihr Göttergatte bereits auf dem Bett, in Frack, Seidenstrümpfen, Halstuch und Lackschuhen – und schnarchte. Leidenschaftlich, das schon. Aber tief und fest. An die Vollendung der Hochzeitsnacht war nicht zu denken. Sie war nicht besonders enttäuscht. In ihrem Alter konnte sie Bedürfnisse sowohl emotional als auch geistig steuern, und schließlich hatte sie die Katze nicht im Sack gekauft. Seine Qualitäten und Fertigkeiten waren ihr bis ins kleinste Detail bekannt. Und da auch sie zwar im Herzen blutjung, an Jahren jedoch ebenso fortgeschritten war wie ihr nun Angetrauter, fühlte sie wie er die magische Anziehung eines rosenduftenden Bettes mit dem Versprechen, das berauschende Fest durch einen erholsamen Schlaf zu krönen. 

Am nächsten Morgen dann wäre sie, frisch geduscht und neu geschminkt, dem opulenten Frühstück zwischen Kissen und Federn ebenso wenig abgeneigt wie einem zärtlichen Liebesdessert.

Sie sank neben ihn und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf – aus dem sie, mitten in der Nacht, wie ihr schien, auf grausame Weise geweckt wurde. Sie hatte das Gefühl, als habe jemand ihren Kopf mit einem Gong verwechselt und schlage ihr mit einem Knüppel gegen Schläfe und Ohren, immer und immer wieder. Sie fuhr hoch, starrte mit zugekniffenen Augen in das halbdunkle Zimmer und erkannte, dass das Geräusch von außen durch die weit geöffneten Fenster hereindrang. Es waren die Glocken der ehrwürdigen Münchner Kirchen, die die Gläubigen, von denen wahrscheinlich niemand die halbe Nacht durchgefeiert hatte, zum Morgengebet riefen. Der Dom, Sankt Peter, die Heilig Geist Kirche und Sankt Michael vereinten ihre Stimmen zu machtvollem Geläut. Ihren Mann schien das nicht zu stören, er lag weiter reglos unter der Decke. Sie aber sprang auf, stolperte brillenlos durch das Zimmer, schob die Vorhänge leicht beiseite und schloss die Fenster. 

Ahhh – Ruhe! Aufatmend machte sie sich auf den Weg zurück ins Bett. Und erstarrte! Was war das? Matratze, Laken, Decke – alles war blutrot. Und er? Machte keinen Mucks! Oh nein! „Das kommt davon, wenn sich alte Leute wie Teenager benehmen. Ich hätte wissen müssen, darauf achten müssen, verhindern müssen…“ Aber was? Ein Blutsturz, was sonst? Oder hatte er das Steakmesser in die Brusttasche gesteckt und sich im Schlaf damit erstochen? Unmöglich! Wut kam in ihr auf. „Er muss doch gewusst haben, wie krank er ist. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Warum hat er mich überhaupt geheiratet? Vor allem – warum dann die Gütertrennung? Oder – wollte er eigentlich MICH mit dem Steakmesser erstechen? Aber nein. Davon hätte er ja auch nichts gehabt. Außer, er hat mich so gehasst……“ 

Aus der Tiefe der blutroten Decke kam ein Stöhnen. Dann ein Gähnen. Dann schälte sich eine Hand aus den Falten und tastete die leere Bettseite entlang. „Wo bist du?“ 

Vor Erleichterung wurde ihr schwindelig. Sie glitt an der Wand zu Boden, kroch hinüber zum Bett. Suchte auf dem Nachttisch nach ihrer Brille. „Was machst du denn da?“, fragte er. Statt zu antworten, starrte sie fasziniert auf die Laken und Decken. Erst jetzt nahm sie den intensiven Geruch nach Rosenblüten wahr, süß und stark und, ja, beinahe mazeriert. Die ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg über die Dächer und an den Vorhängen vorbei ins Zimmer gebahnt hatten, malten ein unglaubliches Bild, das sie dank ihrer Brille nun deutlich erkennen konnte:

Auf dem Bett war ein Meer tiefroter Rosenblüten verstreut worden, ohne Zweifel von Ella, der Hochzeitsplanerin. Leider hatte das Brautpaar aus hinlänglich beschriebenen Gründen diese ästhetische Hommage nicht gewürdigt. Mehr noch: es hatte die Pracht nicht, wie vorgesehen, nach ausgiebiger Bewunderung sorgfältig beiseitegelegt, sondern sich einfach mitten hineingeworfen. Die Körperwärme, gepaart mit zwar bekleideten, aber dennoch unruhig wälzenden Bewegungen zweier ausgewachsener Menschen, hatte quasi zu einer heißen Enfleurage geführt. Und die erhitzten, zerdrückten Blätter hatten ihre rote Farbe mit allem geteilt, was sie berührt hatte. 

„Jetzt ist es eh schon passiert“, murmelte sie, schmiegte sich eng an ihren Ehemann – und die beiden holten die Freuden der Hochzeitsnacht am helllichten Morgen ausgiebig nach. 

Das Hotel lehnte ihr Angebot, für den an der Wäsche entstandenen nicht zu behebenden Schaden aufzukommen, ab. Dass Laken und Decken in einer Vitrine ausgestellt und im Rahmen einer Motto-Führung über „Skurrile Episoden eines Grandhotels“ gezeigt werden, ist lediglich ein nicht bestätigtes Gerücht, dass das Ehepaar übrigens selbst in die Welt gesetzt hat.