Adventskalender Minikrimi am 10. Dezember


Foto: Tama66

Die Kreuzfahrer

Während der Zugfahrt versucht Matthieu, sich einzustimmen auf das, was ihn erwartet. Er ist katholisch erzogen worden. Gebetsbildchen mit einer fromm blickenden Muttergottes und dem Heiligsten Herzen Jesu, Weihrauch satt und warmes Holz atmende Beichtstühle. Unter einem Predigerseminar kann er sich auch nach einer ausgedehnten Internetrecherche kaum etwas vorstellen. Hartnäckig halten sich Visionen von gotischen Hallen, von flackernden Kerzen und düsteren Heiligenbildern, von strengen Rektoren und blassen Dozenten. Wie Jana, die bunte, quirlige Exzentrikerin, dort hinein passt, übersteigt seine Vorstellungskraft.

Und dann ist er da, Jana steht am Bahnsteig, nur Hände, Wuschelkopf und Beine schauen aus dem warmen Plüschmantel hervor. Als sie spricht, formen sich die Worte zu Atemwolken, so kalt ist es. „Schön, dass du da bist.“ Sie begrüßt Matthieu mit zwei Küsschen und einer Umarmung, so fest, dass er spürt, wie wichtig es ist, dass er ihrer Einladung gefolgt ist. Eigentlich war es mehr ein Hilfeschrei, untypisch für seine pragmatische Freundin aus der Kinderzeit. „Matthieu, hier im Predigerseminar passieren ganz  merkwürdige, schreckliche Dinge. Ich habe Angst. Kannst Du kommen?“

Matthieu ist Privatdetektiv, schreckliche Dinge sind sein Beruf. Seltsam, denkt er, wie sich die Rollen im Verlauf eines Lebens verändern. Früher war er es gewesen, der Jana um Hilfe gebeten hatte. Wenn sich eine Spinne in seinen Haaren verfangen hatte. Wenn er die Hausaufgaben nicht gemacht oder die Unterschrift der Eltern unter einer 5 vergessen hatte. Und jetzt wird ausgerechnet Jana Pfarrerin, und er löst die handfesten Probleme anderer Menschen.

„Eigentlich geht das schon länger so. Aber anfangs haben wir uns nichts dabei gedacht. Seit  zwei Wochen ist es richtig schlimm geworden. Ich bin nicht die einzige, die Angst hat, dass bald was Furchtbares passiert.“ Sie gehen durch die kalte Nacht zu dem Zimmer, das sie während der Wochen im Predigerseminar bewohnt.

Am ersten Tag nach ihrer Ankunft, erzählt sie, hatte jemand die gestaltete Mitte im Seminarraum des Hermeneutik-Dozenten auf verstörende Weise verändert: die liebevoll ausgebreiteten Herbstblätter waren mit roter Farbe übergossen und in Fetzen gerissen, so dass das blaue Seidentuch darunter aussah wie ein Schlachtfeld. Am nächsten Tag zur Andacht hing das Kreuz in der Kapelle verkehrt herum hinter dem Altar. Pfarrerin P. hatte fast der Schlag getroffen, und zwar wortwörtlich, denn gerade als sie die Untat näher besehen wollte, war das Kruzifix zu Boden gekracht. Es hatte sie nur um Millimeter verfehlt.

„Das ist mehr als ein dummer-Jungen-Streich“, muss Matthieu zugeben. Kein noch so frustrierter Vikar würde seinem Ärger auf diese beinahe mörderische Weise Luft verschaffen. Oder? „Es wird noch schlimmer, warnt Jana. Sie sitzen nebeneinander auf ihrem Bett, jeder mit einer Bierflasche in der Hand. Es ist warm, und bei Kerzenlicht sieht der kleine Raum beinahe gemütlich aus. „Beim Praxisbeispiel Gemeindearbeit sollte das Video von einem Gemeindefest laufen. Stattdessen sahen wir unseren Studienleiter sehr privat in einem Swingerclub.“ „Das ist natürlich peinlich, aber..“ „Er wurde dabei gefilmt, wie er eine Frau..also… wie er sie erwürgte. Er versicherte uns immer wieder, dass das ein Fake sei und er nichts damit zu tun habe, rein gar nichts.“ „Und, habt Ihr ihm geglaubt?“ „Du weißt ja, wie das ist. Selbst wenn nix dran ist, irgendwas bleibt immer haften.“ 

„Aber wer könnte denn ein Interesse daran haben, Eure Dozenten zu „dezimieren“? Matthieu kann sich ein Predigerseminar beim besten Willen nicht als Tatort vorstellen, ebenso wenig wie als Hort eines mordlüsternen Geistes. „Ich würde jetzt gerne diese Nacht darüber schlafen. Und morgen schaue ich mir dann alles an, vielleicht finde ich tatsächlich etwas heraus.“ 

Sie schlafen wie in ihren Kindertagen, eng aneinander geschmiegt, tief und entspannt. Sie haben sich schon immer gegenseitig Kraft gegeben.

Am nächsten Morgen begleitet Matthieu Jana zur Andacht. Sie sind die ersten und haben bereits einen Spaziergang durch den raureifweißen Seminargarten gemacht. Ein blasser Himmel wölbt sich über Dächer und Bäume, er verspricht Schnee und noch mehr Frost. Vor der Kirchentür trifft Jana die Frau des Rektors.

Inzwischen stößt Matthieu das schwere Holzportal nur mit Mühe auf. Etwas blockiert den Flügel von innen. Der Dozent für Gemeindearbeit. Er ist noch warm und liegt mit zertrümmertem Schädel in seinem Blut, neben dem Kopf auf dem Kirchenboden ein silberner Leuchter.

Während die Polizei ermittelt, sitzt Matthieu im Kreis der erschütterten Theologen. „Wer könnte ein Motiv gehabt haben, den Mann zu ermorden?“, fragt er in die Runde. „Er selbst – nachdem das Video schon auf Youtube zu sehen ist. Aber sonst?“ Sie sind alle ratlos. Eines ist klar, jetzt werden im Priesterseminar Köpfe rollen. Bildlich gesprochen! „Und das, nachdem der Rektor sich grade entschlossen hatte, seinen Ruhestand noch um zwei Jahre nach hintern zu schieben“, bemerkt Jana. „Naja, seine Frau wird sich freuen. Sie hat mir eben erzählt, dass sie ihm zu Weihnachten Tickets für eine Kreuzfahrt geschenkt hat. Die hätte sie in die Tonne werfen können, wenn er geblieben wäre. Des einen Freud….“

… ist des anderen Leid. Trotzdem. Matthieu kann es zunächst nicht glauben. Er betritt das Gebäude – und irgendwie ist alles so, wie er es sich ausgemalt hatte. Und doch auch ganz anders. Lange Flure, dunkle Türen, poliertes Parkett. Nischen mit Bildern, schweren Sesseln und Topfpflanzen. Er trifft den Rektor in der Bibliothek. „Ich fasse es nicht. Erst diese unsinnigen „Anschläge“, und jetzt auch noch ein Mord! Wer tut so etwas? Ausgerechnet hier?“

Matthieu erfährt, dass der Rektor tatsächlich geplant hatte, im Sommer in den Ruhestand zu gehen. Aber dann hatte sich die Suche nach einem Nachfolger schwierig gestaltet, er hat das Seminar „gut im Griff“, wie er sich ausdrückt. Und so war er von der Kirchenleitung gefragt worden, ob er sich eine Verlängerung seines Amtes vorstellen könne.  Er hatte zugestimmt. Erleichtert, denn die Aussicht, sein Büro, die Bibliothek und die langen Flure gegen noch längere Urlaubsreisen mit wildfremden Menschen, ausgedehnte Spaziergänge und vielfältige Arbeiten in Haus und Garten einzutauschen, war ihm wie eine düstere Drohung erschienen. Seine Frau hatte er nur im Nebensatz über die Planänderung in Kenntnis gesetzt. „jetzt muss ich natürlich umgehend meinen Sessel räumen. Nach allem, was passiert ist. Schade.“

Matthieu findet die Frau auf einer Bank vor der Kapelle. Schweigend sitzen sie nebeneinander. Das ist die Art, wie Matthieu seine Fälle löst. Dem Täter ganz zugewandt. „Ich bin am Ende doch etwas zu weit gegangen, mit dem Mord“; sagt die Rektorengattin schließlich. „Aber vielleicht geht er ja ohne mich auf Kreuzfahrt.“

„Du hättest auch Pfarrer werden können“, sagt Jana später. „Und du Detektivin. Du hast mich auf die Spur gebracht.“ Bevor er in den Zug einsteigt, küssen sie sich. Pfarrerin und Detektiv – vielleicht gar keine schlecht Kombination? 

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