MiniKrimi vom 17. Dezember


Raunächte

Es ist viel zu warm für Mitte Dezember. „Wir werden wohl kaum eine weiße Weihnacht bekommen“, denkt Luzia. Und hat eigentlich gar keine Lust auf Weihnachtseinkäufe. Vom Regenschirm tropft es auf ihren Mantel, stetig, wie um ein Loch hinein zu höhlen. Schon zwei Mal sind eilige Passanten mit ihr zusammengestoßen, Männer, natürlich, den Blick fest auf den Boden geheftet, den Kopf wie ein Corrida-Stier nach vorn gebeugt. Luzia tippelt auf ihren Stilettos unsicher über das glänzende Kopfsteinpflaster. Gelbes Licht wäscht den Platz und hinterlässt ihn triefend nass und dampfend. Nicht einmal die Lampen in den Schaufenstern und kleinen Lokalen dringen durch den Winternebel. Es ist noch nicht einmal fünf Uhr, und schon hat Dunkelheit die Stadt erobert. Vor dem Schaufenster ihres Lieblingsladens bleibt sie stehen.Der  Kerzenständer, den sie im Vorbeigehen gesehen hat, steht noch in der Auslage. Die rostbraunen Silhouette einer feinen Dame, in den Händen hält sie einen Teller, gerade groß genug für eine Kerzenminiatur.

Das ist das richtige Geschenk für Feria. Das einzige Geschenk. Feria ist ihre beste Freundin. Genau genommen ihre einzige. Und das genaue Gegenteil von ihr. Luzia ist schüchtern, Feria eine Draufgängerin. Luzia ist alles außer eitel – Feria achtet sehr genau auf ihr Äußeres. Im Gegensatz zu Luzias blonden Locken sind Ferias Haare glatt und glänzen schwarz. Luzia liebt die Sonne, und Feria die Schatten. Selten geht sie vor der Dämmerung aus dem Haus und ist dafür die ganze Nacht auf Achse. Luzia dagegen treibt es mit dem ersten Licht gleich aus den Federn. Und abends ist sie müde. „Wir ergänzen uns perfekt“, denkt Luzia oft.

Wenn sie sich beeilt, trifft sie Feria vielleicht sogar noch zu Hause. Der Winter ist ihr Element, und in den Raunächten blüht sie förmlich auf. Luzia bekommt sie selten zu Gesicht, denn Feria verschläft die Dezembertage. Heute morgen war Luzia früher als gewöhnlich wach. Sie saß in der Küche bei einer Tasse Tee, als Feria nach Hause kam. Der Schreckt sitzt ihr noch jetzt im Nacken. Fast hätte sie Feria nicht erkannt. Gesicht und Arme leichenblass, grüngraue Ränder um die roten Augen,  die Haare wirr und stumpf. Sie starrte Luzia an, ohne sie zu erkennen, und stürzte in die Küche. Erst als Luzia sie laut beim Namen rief, blieb Feria stehen, mit ausgestreckten Händen. Aber als Luzia sie in die Arme nehmen wollte, wich sie zurück.

„So kann das nicht weitergehen“, sagte Luzia später, als Feria entkräftet in der Badewanne lag. „Du hast recht. So kann das nicht weitergehen“, stimmt Feria ihr zu. Und ihre Augen brannten. „Du brauchst einfach frische Luft. Und Sonne. Eine Kur, am besten.“ „Ja, eine Verjüngungskur“, murmelte Feria.

Jetzt ist Luzia fast zu Hause. Das holperige Pflaster auf der steilen Gasse ist vom Regen glitschig, und Luzia setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Stockdunkel ist es hier. Nur aus den Fenstern tropfen ein paar Krümel Lampenlicht. Die Straßenlaterne scheint kaputt zu sein. Heute morgen ging sie noch. Kahle Zweige nasser Büsche streifen ihren Arm. Aus dem Park gegenüber dringt die Schwärze auf sie ein. Unheimlich ist es hier. Ein Windstoß fegt ihr Hagel ins Gesicht und macht sie blind. Sie hält sich schützend das Paket mit Ferias  Kerzendame vor die Augen.

„Luzia“, flüstert es. „Luzia, komm her. Es tut nicht weh. Ich brauche dich. Und du kannst ohne mich doch auch nicht leben. Also lebst du jetzt in mir. Und ich in dir.“

Am nächsten Morgen steht eine schöne junge Frau am Fenster und saugt hungrig den Sonnentag in sich hinein. Ihre Haut glänzt rosig, und ihre Haare sind von einem schweren dunklen Blond, mit leichten Locken. Luzifer, das wäre doch ein schöner Name, denkt sie und geht spurlos in ein anderes Leben. Die alten Hüllen bleiben liegen.

MiniKrimi vom 16. Dezember


Der heutige Krimi ist eine Gabe von Ina May. Ihre Krimis findet ihr hier: http://www.inamay.de Ina May ist Mitglied der Autorinnenvereinigung und schreibt Krimis, Romane, Kinder- und Jugendliteratur – und Spiele.

 

… und dann bist du tot

Nina war erst vor einigen Wochen wieder in ihre Heimat gezogen, hatte Berlin, die Großstadt mit Vergangenheit hinter sich gelassen, und war an den Ort ihrer eigenen Vergangenheit zurückgekehrt.

Es gibt Straßen, die einem unangenehm sind. Man möchte sie nicht befahren und man hat den besten aller Gründe – den Tod.

Schon die Erinnerung daran tut weh, alles in einem sträubt sich und doch muss man genau diese Verbindung nehmen, weil es irgendwann genug ist, sich selbst zu peinigen. Weil es irgendwann genug sein muss.

Seit damals war sie nicht mehr an der Stelle vorbeigekommen. Nina hätte gerne einfach nur Gas gegeben, die Augen geschlossen, bis sie den Ort des Grauens passiert hatte, aber das zählte jetzt nicht mehr. „Reiß dich zusammen!“

Die Dämmerung verdrängte mühelos einen sonnigen Herbsttag. Die Gegenwart wäre bereits morgen wieder vergessen. Wäre es doch nur auch so einfach, düstere Erinnerungen abzuhaken.

Um ein Haar hätte sie das kleine Licht übersehen und blinzelte verwundert. „Nein!“, flüsterte sie. Angst kroch über ihren Rücken und hinterließ dort eisige Kälte. Sie wurde langsamer, nahm den Fuß vom Gas.

Es konnte ein Mädchen sein, das dort aus dem Wald kam. Ein Mädchen mit seinem blauen Fahrrad… „Hör’ auf, hör’ auf!!!“

Doch es war nur der Schein einer Kerze, die unter einem Holzkreuz stand.

Wer war hier verunglückt, wer war gestorben? Das Kreuz sah so neu aus.

Nina kämpfte mit sich; weiterfahren und nicht mehr dran denken oder aussteigen, nachsehen und heute Nacht ruhig schlafen. Was völliger Blödsinn war, sie war froh, wenn sie keine Alpträume quälten.

Später würde Nina sich wünschen, sie hätte nicht angehalten, doch jetzt warf sie einen Blick in den Rückspiegel und fuhr an die Seite.  Sie würde die Autotür  offen lassen und sie könnte die kleine Taschenlampe mitnehmen, die immer im Handschuhfach lag.

Bevor sie sich auf ein wildes Gerangel mit ihren Gedanken über das Für und Wider einließ, stieg sie aus und setzte ihre Füße entschlossen auf den nachgiebigen Waldboden. Unter ihren Schuhen raschelten Blätter.

Nina knipste die Taschenlampe an. Ihr Blick fing zuerst die schöne Holzarbeit ein, bevor er weiterwanderte. In Gedanken bei Dir, stand da auf dem Querbalken. Es sah aus, als hätte jemand die Buchstaben eingebrannt.

Dann erst schaute sie auf den Namen … und das Todesdatum.

Nina Altenbeck

Geb. 26.3.1980

Gest. 24.09.2014

Nina fiel auf die Knie. Der 24.09. Morgen.

Die Autotür stand noch immer offen, die beruhigende Innenbeleuchtung aber wirkte nicht länger beruhigend. Nina sprang in den Wagen, als müsste sie jeden Augenblick damit rechnen, dass eine Hand sie zurückhielt.

Die Lampe sandte ihren Schein über den Boden und verlor sich irgendwo in der Schwärze des Waldes. Nina hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihr aus der Hand gefallen war.

Sie warf nur einen knappen Blick in den Rückspiegel. Die Türen verriegelten sich automatisch, als sie das Gaspedal durchtrat.

Heiße Tränen sammelten sich in ihren Augen und nahmen ihr die Sicht.

Ihr kam ein Wagen entgegen, Nina sah die Scheinwerfer, sie wusste, sie sollte nicht heulen, sonst wäre sie nicht erst am 24.09. tot, sondern jetzt gleich. – Vielleicht war es nur fair, dachte sie. Das Holzkreuz wartete darauf, das Mädchen mit dem blauen Fahrrad wartete darauf …

Aus dem hellen Mittelstreifen wurden plötzlich zwei und Nina wischte sich über die Augen. Jetzt verschwand der Streifen ganz. Sie war auf die Gegenseite geraten.

Die Lichter eines entgegenkommenden Wagens blendeten sie und im letzten Moment riss Nina das Steuer herum – ein Stück zu weit. Es krachte und sie dachte, dass sie doch erst in vierundzwanzig Stunden sterben sollte.

Der Tod war ein Lügner.

 

„Hallo?“ Die Frage drang dumpf und von weither zu Nina. Ihre Hand versuchte den Vorhang beiseite zu wischen, aber da waren lauter Spinnweben in ihrem Gesicht. Sie schrie panisch auf.

„Ganz ruhig, nur dem Auto ist etwas passiert.“

„Ich lebe“, sagte Nina. Na klar, sie wäre ja erst im Laufe des morgigen Tages an der Reihe. Fast hätte sie gelacht.

„Ein Glück“, kam die Bestätigung und Nina schaute in ein freundlich dreinblickendes Männergesicht. „Ich möchte derjenige sein, der dich beim Sterben begleitet.“

Nina glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben.

„Ich habe lange nach dir gesucht. Und dann warst du plötzlich da“, sagte derjenige mit düsterer Erleichterung.

Es war also soweit. Das Bild verfolgte sie seit damals. Das Mädchen mit dem blauen Fahrrad. „Es war ein Unfall“, versuchte sie sich zu verteidigen. „Ich habe sie nicht gesehen. Sie kam vor mir aus dem Waldstück, tauchte plötzlich auf. Es tut mir leid… Bitte…“ Aber Nina wusste, er würde ihr nicht glauben.

„Sie hieß Marie. Du hast meine Tochter dort am Waldrand sterben lassen. Allein.“

Der Tod würde Nina morgen erwarten, sie würde ihn überraschen, denn in ihrem persönlichen Kalender strich sie bereits die Tage ab – der Krebs hätte noch ein bisschen länger gewartet.

MiniKrimi vom 15. Dezember


Dieser Krimi ist den stud. med. gewidmet, die morgen  hoffentlich in B. ihre „Ana“-Prüfung mit Glanz und Gloria bestehen werden, einem davon ganz besonders.

 

Gehirntraining

„Zeigen Sie mal her ihr Rigorosum-Präparat!“ Professor V., schon an guten Tagen ein reizbarer Geist, ist heute sichtbar schlecht gelaunt. Wahrscheinlich hat er verschlafen, in seinem weißen Bart kleben Eigelbtropfen und ein Stück Schale. Er hasst es, früh aufzustehen, und die Studenten müssen heute dafür büßen, dass er den Kollegen M. morgens um acht Uhr im Präparationssaal vertreten muss. Er tritt zu dem Tisch, um den herum drei Studenten ihre Werke betrachten, jeweils eine Portion dessen, was einmal die Denk- und Schaltzentrale eines Menschen gewesen ist. Doch das ist lange her. Der frühere Besitzer – vielleicht war es auch eine Besitzerin – ruht, weitgehend in Einzelteile zerlegt, nicht in Frieden, sondern in Formalin.

Professor V. nähert sich dem ersten Präparat. „Was ist denn das? Und das? Und das?“ Bei jeder Frage macht er einen Schnitt mit dem Skalpell ins Präparat. Noch bevor sich der entsetzte Student von seinem Schrecken erholen kann, ist V. schon beim nächsten. „Schlampig gearbeitet“, schimpft er. Und säbelt drauflos. Die dritte Studentin will ihr Präparat in Sicherheit bringen, aber V. ist schneller. Und so zerlegt er auch dieses in  unbrauchbare Einzelscheiben. „So, und jetzt machen Sie ein neues anatomisches Präparat. Sonst können Sie morgen nicht zur Präparationsprüfung zugelassen werden.“

„Aber Herr Professor“, findet einer der drei endlich die Sprache wieder. „Es gibt keine Leichen mehr bzw. kein Gehirn!“ „Also wissen Sie, es ist mir wirklich egal, wo Sie ihr Gehirn für morgen herbekommen. Lassen Sie sich was einfallen, junger Mann. Sonst fallen Sie eben durch.“ Professor V. rauscht aus dem Raum. Jetzt geht es ihm schon entschieden besser. Während er bei Kaffee und zweitem Frühstück sitzt, fragt er sich amüsiert, wie die armen Studenten wohl bis morgen ein neues Präparat erstellen werden.

Am nächsten Tag ist Professor M. pünktlich zur Stelle, um die Präparationsprüfung für das Rigorosum abzunehmen. Im Saal herrscht gespannte Stille, während er von Tisch zu Tisch geht und die Arbeiten begutachtet.

„Ah, was ist denn das?“ Er steht am Tisch der drei unglücklichen Opfer von Professor V, „Ihre Proben haben eine etwas andere Färbung. Und der Geruch….“ Professor M. betrachtet nachdenklich die Präparate. Aber außer des ungewöhnlichen frischen Erscheinungsbildes kann er rein gar nichts daran aussetzen. „Gut, gut. Sehr gut“, murmelt er und nickt den dreien zu. „Ich denke, Sie haben bestanden.“

Nach dem Ende der Prüfung, als alle Studenten schon gegangen sind, die einen niedergeschlagen und die anderen hoch erhobenen Hauptes, räumt der technische Assistent die Präparate weg und reinigt die Tische. Studenten sind doch alle gleich. Er hat noch nie einen gesehen, der seinen Tisch sauber zurückgelassen hat. Hier liegt sogar noch ein halbes Gehirn. Ist doch schade, es wegzuwerfen. Es sieht so gut aus. Der Assistent trägt es in den Kühlraum. Und siehe da, Unordnung auch hier: eine Kühlzellen-Luke ist nicht richtig verschlossen.

Als der Assistent die Luke öffnet, kippt ihm der Kopf von Professor V. entgegen. Im Barthaar kleben Reste von Eigelb und Schale. Die Schädelkalotte wurde eröffnet, und das Gehirn gewebsschonend entnommen.

 

 

MiniKrimi vom 14. Dezember 2014


Familiengeheimnis

Thea weiß nicht, wie sie hierher gekommen ist. Eben noch kauerte sie auf dem Boden vor ihrer Haustür und kramte vergeblich nach dem Schlüssel in ihrer Handtasche. Und jetzt plötzlich steht sie in einem ihr fremden und gleichzeitig entfernt vertrauten Raum. Ein Ankleidezimmer, ganz offensichtlich. In ordentlichen Reihen hängen altmodische Anzüge und Hemden, gegenüber Kleider im Stil der sechziger Jahre, allesamt schwarz. Pullover und Blusen, Socken und Schuhe, alles säuberlich eingeräumt. Es riecht nach Lavendel und Mottenpulver.

Was mache ich hier, fragt sie sich. Da rascheln die Kleider wie von einem plötzlichen Windstoß bewegt, die Röcke schwingen und die Schuhe klappern mit den Absätzen. Finde die Wahrheit. Tu es für mich. Ein Nerzmantel schüttelt sich heftig, und aus seinen Falten weht ein kleines Foto heraus. Ein junges Mädchen mit frischem Gesicht, roten Locken und einem adretten Dienstmädchen-Häubchen. Das Foto ist schwarz umrandet, so, wie es früher bei Traueranzeigen üblich war. Luise, 19965, steht auf der Rückseite.

Thea öffnet die Verbindungstür zum Schlafzimmer, und da steht sie. Luise. Das Dienstmädchen-Häubchen liegt am Boden, eine Kaskade roter Locken fällt in rhythmischen Schlägen weich gegen ihren rosigen Rücken. Zwei Hände umklammern ihre nackten Pobacken, und ein Schopf braungrauer Haare schmiegt sich an ihren Hals. Ist es das, was ich sehen soll? Ein lautes, befriedigtes Stöhnen, Schopf und Hände lösen sich von dem Frauenkörper. „Zieh dich an und sag meiner Frau, meine Migräne sei besser geworden, dank ihres Kaffees, und dass ich gleich unten bin.“ Der Mann, der Theas Großvater war, geht in’s Badezimmer und erfrischt sein Gesicht mit Wasser und Parfum. Sie erkennt den Duft ihrer Kindertage. Eine Mischung aus Zufriedenheit, Moschus und Tabak.

Im Schlafzimmer zieht Luise sich die Kleider hoch und steckt die Haare unter das Häubchen. Sie geht zum Fenster und macht es weit auf, beide Flügel. Beugt sich hinaus in die Winternacht, hebt das Gesicht zu den Sternen. Was sie wohl sieht? Die unsichtbare Zuschauerin sehe einen Schatten ins Schlafzimmer gleiten. Schwarze Schwingen erheben sich lautlos hinter Luise, und wie von selbst fällt das Mädchen aus dem Fenster. Der Sturz an sich wäre kaum tödlich gewesen, hätte nicht gerade dort eine Sense an der Hauswand gelehnt, die Klinge nach oben gerichtet.

So, denkt Thea. Nun weiß ich also, dass mein Großvater ein Schürzenjäger und meine Großmutter eine Mörderin waren. Und jetzt? Nichts, es genügt, dass es jemanden gibt, der weiß, wie ich wirklich gestorben bin, flüstert der Wind in der Kastanie vor Theas Haustür. Und weht ihr mit einem roten Blätterbüschel den Schlüsselbund vor die Füße.

 

 

 

 

 

MiniKrimi vom 13. Dezember


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Roter Schnee

So ein schöner Schlitten! Naja, was heißt Schlitten. Mit dem traditionellen Kufengefährt, das im Bergwinter oft die einzige Verbindung zur Außenwelt war und zum Leben jenseits eines einsamen Dorfes, hat dieses Highspeed-Geschöpf rein gar nichts gemein. Weder die Form noch den Zweck. Aber seit er in der Stadt lebt, hat Josef, der sich jetzt Joe nennt, ja auch keine einzige Verbindung mehr zu dem Ort, an dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Zumindest denkt er das.

Aber warum ist er dann so versessen auf’s Rodeln? Auch, wenn er den Sprung ins Profilager nie gemacht hat – bei den Amateur-Rennen ist er immer ganz vorne mit dabei, und an Wagemut kann es kaum einer mit ihm aufnehmen. Ob Speedracer oder Airboard, Joe probiert alles aus.

Als er eine Einladung zum in Rodler-Kreisen legendären und allerhöchstens halb legalen Klausberg-Rennen erhält, ist Joe sofort Feuer und Flamme. Dass er damals beim Verlassen von Steinhaus nicht nur den Eltern das Herz gebrochen und sich seitdem bei keinem im Dorf mehr gemeldet hat, ist für ihn kein Argument. Und er verliert nicht einmal einen Gedanken daran, dass sein Auftauchen nach 10 Jahren für Aufregung sorgen könnte.

Er packt seinen neuen High Tech Highspeed-Rodel ein und fährt ins Tauferer Ahrntal. Joe ist kein Romantiker, aber auf der breit ausgebauten Strecke unterhalb der Sonnenburg spielen ihm die Erinnerung Bilder in den Blick, die er längst vergessen glaubte. „Josef und Kathi“ hat er damals  in die Rinde einer Eiche geritzt, am Fuß der Burgruine. Und „4ever“ dazu. Joe hat keine Ahnung, was Katharina nach seiner Flucht aus Steinhaus gemacht hat. Er hatte keine Adresse hinterlassen, nur einen Zettel, auf dem stand: „Ich muss raus. Mir wird hier alles zu eng.“

Und jetzt kommt er zurück. Für eine Nacht und ein Rodelrennen. Plötzlich ist er froh um die Dunkelheit und besorgt, dass ihn jemand erkennen könnte. Er parkt ein ganzes Stück hinter der Talstation und schultert den Rodel. Damit, dass auch ein inoffizielles nächtliches Rennen Zuschauer anzieht, hat er gerechnet. Damit, dass  jemand vielleicht genau mit ihm rechnen und auf ihn warten könnte, nicht.

Das Rennen beginnt. Joe geht an den Start. Die Nacht ist sternenkalt, der Schnee hart wie Kristall und die Luft bitterklar, so wie damals, im Winter vor zehn Jahren. In der Steilkurve hinter der Mittelstation, dort, wo die Piste als Nadelöhr zwischen mächtigen Tannen hindurchrast, hört er sie rufen: „Josef! Bischt wieder da? Jetzt gehscht nimmer fort!“

Ausgerechnet der zehnjährige rodelvernarrte Seppi findet den Schlitten. Er steht auf dem blitzenden Schneefeld, und seine Alukufen funkeln in der Morgensonne. Den Berg herunter von den Tannen her führt seine Spur, rot auf weiß.

Die Leiche von Josef Unterkammer liegt weiter unten im Bach, ein Messer im Rücken.

MiniKrimi vom 12. Dezember


Dieser Krimi ist entstanden als eine Gemeinschaftsproduktion von Olga Maria und mir buchstäblich in den allerletzten Minuten des Tages. 

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann

Freitag Mittag. Max steht an der Bushaltestelle und schaut zum Himmel. Drohende Wolken ballen sich zu dichten Gewitterboten zusammen. Auf der Landstraße fahren vereinzelt Autos vorbei. Ein Opel Corsa. Ein VW Golf. Max schaut ihnen nach und tritt von einem Bein aufs andere, verlegen und unschlüssig. Als sich ein dunkler Mercedes langsam der Bushaltestelle nähert, tritt Max einen Schritt vor, schaut kurz in das Innere, sieht einen Mann am Steuer und macht einen Rückzieher. Der Mercedes blinkt, fährt an den rechten Straßenrand und setzt vorsichtig die fünf Meter zurück. Jetzt hält er direkt neben Max und lässt die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragt eine dunkle Stimme. Max beißt sich auf die Unterlippe. Er schaut zum Horizont, dort, wo die Landstraße auf der Hügelkuppe den Himmel berührt. Ganz schwarz sieht er aus, wie der Mercedes. Dann spürt Max auch schon die ersten Regentropfen auf seinem Arm.

Er hebt die Schultasche vom Boden auf und nickt. „Na dann steig ein,“ sagt der Mann und öffnet die Beifahrertür. Sie fahren schweigend ins Gewitter hinein. Max schaut den Mann immer wieder verstohlen von der Seite an und ertappt ihn jedes Mal dabei, wie er in sich hinein lächelt. „Wo wohnst du denn?“, fragt der Mann? „Wir sind gleich da. Vorne rechts abbiegen, bitte.“ „Der Mann biegt in den Feldweg ein. Der Mercedes holpert über dicke Steine und tiefe Furchen. „Sind wir hier richtig?“, fragt der Mann. „Ja, wir wohnen hinten am Waldrand. Wenn Sie Angst um Ihr Auto haben, kann ich auch schon hier aussteigen“. Inzwischen fällt der Regen in dicken Tropfen auf die Windschutzscheibe. „Nein, nein“, antwortet der Mann schnell und gibt etwas Gas. „Da vorne, das Haus. Wenn Sie in die Einfahrt fahren, können Sie gleich wenden.“

„Ok.“ Der Mann wirft Max einen langen, prüfenden Blick zu. Er macht den Motor aus. Max will die Beifahrertür öffnen, aber sie ist verschlossen. „Warte, da ist die Kindersicherung drin. Ich komm rüber und mach dir auf“. Er steigt aus und geht um den Wagen herum.

Jetzt steht er an der Tür und sieht Max durch die geschlossene Scheibe an. Er öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen. Aber seine Worte gehen in einem lauten Donner unter. Die Augen weiten sich und seine Hände greifen an die Fensterschreibe, gleiten an ihr herunter. Der Mann geht in die Knie. Blut läuft ihm übers Gesicht. Der Schlag hat gesessen. Max rutscht auf den Fahrersitz und steigt aus. Deniz und Alex beugen sich über den leblosen Körper des Mannes. „Die Brieftasche steckt im Jacket“, sagt Max und fängt systematisch an, Uhr, Ringe und Manschettenknöpfe einzusammeln.

„Das hat sich gelohnt. 5 Riesen in bar. Und die Uhr ist bestimmt auch ganz schön was wert.“ „Und was machen wir mit dem Typen?“ „Den lassen wir liegen. Der sieht aus wie ein Kinderschänder, der seine gerechte Strafe gekriegt hat.“

MiniKrimi vom 11. Dezember 2014


Heute wieder ein Gastkrimi, diesmal von Petra Scheuermann. Ganz herzlichen Dank für diese „kriminelle“ Spende. Mehr über die Autorin finden Sie hier: www.petrascheuermann.de. Ihr erster Roman „Schoko-Leiche“ ist im Oktober bei KSB-Media erschienen. 

Das Jubiläum

Katharina sah aus dem Küchenfenster auf ihren Garten, der jetzt im Dezember etwas grau wirkte. Mit Pflanzen kannte sie sich aus. Zum Glück! Vorsichtig knetete sie ihr besonderes Gewürz in den Teig der Elisenlebkuchen. Katharinas Weihnachtsgebäck war in der Firma berühmt. Morgen würde sie die Lebkuchen wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit ihrem Chef reichen. Immer und immer wieder hatte Katharina sich überlegt, mit welchem Präsent die Firma sie zu ihrem 30. Jubiläum überraschen würde. Mit diesem Geschenk allerdings hatte sie nicht gerechnet. Beim Aufräumen hatte sie ihre eigene Kündigung in einer Unterschriftenmappe gefunden. Auf einem gelben Klebezettel stand: „Durch Jüngere zu ersetzen!“ Als letzter Tag ihres Arbeitsverhältnisses war der Tag ihres Jubiläums angegeben.

Während sie die Lebkuchen in den Ofen schob, dachte sie: ‚Dieser junge Schnösel von Chef geht vor mir. Und es wird aussehen wie ein Herzinfarkt.’

MiniKrimi vom 10. Dezember


Himmlische Töne

Der Mesner schaut nervös auf die Uhr. Fünf vor zehn. Vom Organisten noch keine Spur. „Nicht, dass er gestern wieder über die Stränge geschlagen hat und jetzt seinen Rausch ausschläft. Obwohl – das kann eigentlich nicht sein. Als ich nach Hause kam, waren Eva und ihre Freundinnen noch beim Plätzchenbacken, und dann sind wir ins Bett gegangen. Aber vielleicht pfeift der Organist ja auf mehr als einer fremden Hochzeit….“

Gerade schwingt die letzte Glocke langsam aus, da stürmt der Organist durch die kleine Seitentür und schleicht, so leise es die knarrenden Holztreppen erlauben, auf die Empore. Ein paar Köpfe drehen sich in seine Richtung, andere drücken vorwurfsvoll schüttelnden Missmut aus. „Dieser Organist ist eine Schande für unsere Gemeinde“, flüstert Regierungsrat Hohlstein seiner Frau ins Ohr. „In der nächsten Gemeinderatssitzung werde ich das ansprechen.“ Da setzen auch schon die ersten Akkorde ein – wie immer zu hastig, zu schludrig, zu wenig präzise. „Wofür kriegt der eigentlich sein Geld, wenn er vor dem Gottesdienst nicht übt?“ Frau Hohlstein gibt ihrem Mann einen Stoß in die Rippen. Sie hat eigentlich nichts gegen den Organisten einzuwenden, seit sie ihn vor einiger Zeit zum ersten Mal mit Eva bei Starbucks in München getroffen hat. Er sieht ganz passabel aus, besser jedenfalls als die meisten Männer hier im Dorf. Und lustig ist er obendrein. Sie hat die beiden dann noch öfter gesehen, in der Stadt. Rein zufällig. Aber man sagt ja, jede Stadt ist ein Dorf. Gut, es heißt, dass er immer mal zuviel trinkt. Aber was soll er auch sonst machen, in diesem Kaff? Er ist ja nicht verheiratet.

Der Pfarrer findet heute wieder mal kein Ende und predigt, als hinge sein Seelenheil davon ab, möglichst alle Gottesdienstbesucher mit seiner monotonen Stimme in den Schlaf zu salben. Endlich steigt er von der Kanzel herab. Jetzt noch das Abendmahl – Frau Hohlstein überschlägt im Kopf, ob sie die Zeitschaltuhr des Backofens richtig eingestellt hat. Nicht, dass der Sonntagsbraten austrocknet!

Der Kreis ist klein. Nachdem der Regierungsrat wie üblich einen extra großen Schluck Messwein getrunken hat, reinigt der Mesner sorgfältig den silbernen Kelch und schenkt frisch ein. Als letzter klettert der Organist von der Empore herab. Sonntagsstille senkt sich auf den Kirchenraum, als der den Kelch aus den Händen des Pfarrers entgegennimmt und ehrfürchtig an seine Lippen führt. Fast, als sei er sich der Tragweite des Augenblicks bewusst.

Das nächste Lied spielt er irgendwie schleppend. Und dann, bei der Musik zum Ausgang, verharrt er sekundenlang auf den Pedalen. „Jetzt schläft der wohl schon an der Orgel ein!“, entrüstet sich der Regierungsrat, als der Schlussakkord krachend auf die Gemeinde donnert. Frau Hohlstein dreht sich erschrocken um. Und sieht, wie der Organist von der Orgel zum Emporengeländer wankt, genau zu der Stelle,  wo die senkrechten Holzstreben morsch sind. Eigentlich hätte der Mesner sie gestern austauschen sollen. Aber dann ist ihm leider etwas dazwischen gekommen. Wie in Zeitlupe sieht Frau Hohlstein den Organisten mit dem vollen Gewicht gegen das Geländer fallen und mitsamt dem wurmzerfressenen Holz in die Tiefe stürzen. Wie ein  Schneeengel liegt er jetzt auf den Fliesen des Mittelgangs, ein Schneeengel mit einer roten Aureole.

Zum Glück sorgt der Regierungsrat dafür, dass der „Unfall“ von den Behörden diskret abgehandelt wird. Der Mesner nimmt den Abendmahlskelch mit nach Hause, um ihn sehr gründlich von möglichen Rückständen zu befreien. Aber zuvor gibt er seiner Frau Eva noch einen Schluck Messwein daraus zu trinken, auf den Schock nach der Nachricht vom Tod ihres Organisten.

MiniKrimi vom 9. Dezember


Heute mal was „für’s Herz“ – und zum Vorlesen für die ganze Familie. Oder so…. Morgen wird’s dann wieder brutaler. 

Commisario Felices erster Fall

Was ist denn da los? Mit äußerstem Widerwillen verlässt Felice die sonnenwarme Sommerwiese, auf die ihn sein Traum geführt hatte, und kehrt in die Wirklichkeit eines kalten Wintertages zurück. Unten streiten Chiara und Bruna, und das so lautstark, dass sie ihn aus seinem Nachmittags-Nickerchen gerissen haben. Dabei wissen die Mädels genau, dass ein alter Herr wie er seine Ruhe braucht! Was soll’s, zum Glück ist er auf dem rechten Ohr schwerhörig. Also dreht er sich auf diese Seite, rollt sich auf der Mikrofaserdecke ein und versucht, seinen Sommerwiesentraum wieder einzuholen.

Umsonst. Die Tür zu seinem Schlafzimmer wird aufgestoßen, und mit einem Satz landet Bruna, er weiß genau, dass sie es ist, auch, wenn er sie nicht sehen kann, neben ihm auf dem Bett. „Felice“, japst sie, und dabei schlägt ihm eine Thunfischwolke entgegen. Thunfisch! Sie hat sich schon wieder von seinem Teller bedient. Na warte, du Luder. Er holt mit aller seinen alten Muskeln innewohnenden Kraft aus, um ihr eine Ohrfeige zu geben. Aber sie ist natürlich schneller, die Jugend! „Felice, lass das. Hör zu, etwas furchtbares ist geschehen“. „Natürlich. Du hast meinen Thunfisch gestohlen.“ „Ach, wegen so einer Lappalie würde ich dich doch nicht aus deinem Mittagsschlaf holen. Nein. Cecilia ist verschwunden!“

Felice runzelt die Stirn. Seine blinden Augen schillern, wie immer, wenn er nachdenkt. Dann antwortet er: „Unmöglich. Wie kommst du darauf?“ „Weil sie uns schon seit zwei Stunden nicht mehr gerufen hat. Das bedeutet, sie ist weg.“ Chiara sitzt, ganz Prinzessin, kerzengerade neben dem Bett. „Unsinn. Habt ihr sie denn überhaupt schon gesucht?“ Felice spürt, wie Chiara und Bruna sich anschauen. „Natürlich“, entfährt es Bruna gereizt. „Oder hältst du uns für blöd?“ Felice zieht anstelle einer patzigen Antwort eine nicht viel diplomatischere Grimasse. „Wahrscheinlich ist sie auf der Toilette. Bei uns Alten kann so ein Geschäft sehr lange dauern.“ Er spricht aus leidvoller Erfahrung. „Nein. Da ist sie nicht. Und auch nicht im Bad oder in der Küche. Sie ist überhaupt nirgends. Und jetzt wird es schon dunkel. Ich habe Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist.“ Bruna ist noch klein, jetzt zittert ihre Stimme vor Sorge. „Wirklich, es wird schon dunkel?“ Ich verschlafe den ganzen Tag, denkt Felice. Früher war ist von morgens bis abends auf Achse. Und heute? Stecke ich die Nase nicht mal zum Zeitungslesen aus dem Haus. Mühsam und mit schmerzenden Knochen setzt er sich auf. Reckt den Kopf und zieht bedächtig die Luft ein. Seine Augen sind blind, seine Ohren halbtaub. Aber seine Nase funktioniert immer noch bestens. „Wenn sie draußen ist, dann solltet ihr sie schnell finden. Sie hat nicht einmal einen Mantel an“, stellt er fest. Die rote Winterdaune mit seiner Geruchsexplosion nach Straße, Staub, kalten Hecken und altem Urin hängt am Türhaken. Das riecht er ganz deutlich. „Wie konnte das überhaupt passieren“, schimpft er dann. „Ihr wisst doch genau, dass Cecilia nicht alleine aus dem Haus gehen soll. Wofür seid ihr eigentlich da?“

„Wir waren ja mit draußen,“ mault Bruna. „Aber dann war da ein Igel hinten im Holzhaufen.
Wir haben ihn nicht gefangen, aber plötzlich war Cecilia weg. Dann sind wir reingegangen, weil wir dachten, sie sei auch schon wieder drinnen. Was machen wir jetzt bloß?“

Die Situation ist in der Tat alles andere als einfach. Cecilia ist alt und dement. Manchmal findet sie nicht einmal den Weg vom hinteren Gartenende zurück zur Terrasse. Aber im Haus klappt es noch mit der Orientierung. Und bis jetzt hat sie noch nie vergessen, sich, Felice, Chiara und Bruna zu füttern. Bis jetzt. Felice merkt allein an seinem knurrenden Magen, dass es Abend geworden ist. Wenn sie die Alte nicht finden, haben die drei ein echtes Problem.

„Felice, komm mit, wir suchen gemeinsam“, bettelt Bruna. Aber das kommt nicht in Frage. Er kann nach seinem Wirbelbruch im Sommer kaum noch gerade gehen. Außerdem muss er sich nicht bewegen, es genügt, wenn seine kleinen grauen Zellen aktiv sind. Das hat er von seinem Lieblings-Detektiv, Hercule Poirot, gelernt. „Also, ihr sagt mir jetzt noch einmal ganz genau, wo ihr sie zuletzt gesehen habt“. „Im Garten“, antwortet Chiara, froh, irgend etwas tun zu können. „Wo im Garten?“, fragt Felice. „Am Zaun. Da war plötzlich alles voller Erde und Laub, an der Gartentür und auch auf der Straße. Hat Cecilia jedenfalls gesagt. Deshalb haben wir ja hingeschnüffelt und den Igel gerochen. Der muss das gewesen sein.“ „Und dann?“ „Dann haben wir ihn gesucht!“, triumphiert Bruna. Chiaras vorwurfsvoller Blick sagt mehr als tausend Worte. „ja, gut, wir waren abgelenkt“, gesteht Bruna. Aber Felice hört ihr nicht zu. Er hat die Augen geschlossen, und einen Moment lang denken die beiden, dass er eingeschlafen sei. Dann reißt er beide Augen wieder zu ihrer ganzen grün schillernden Größe auf. „Dann ist ja alles klar“, sagt er. „Wieso?“, fragen Bruna und Chiara gleichzeitig. „Ihr habt selbst gesagt, dass sie Blätter und Schmutz auf dem Gartenweg und der Straße bemerkt hat. Also hat sie Besen und Kehrschaufel geholt, um die Straße zu fegen.“ Das ist Cecilias Lieblingsbeschäftigung. „Gut. Aber wo ist sie jetzt?“, fragt Chiara. „So lange kann das nicht gedauert haben, die paar Blätter wegzukehren.“ „Tjaaaa.“ Felice atmet bedächtig ein, und aus, und wieder ein.

„Ich denke mal, dass einfach die Gartentür zugefallen ist, während sie draußen gekehrt hat. Sie hat sie nicht mehr aufbekommen und ist losgezogen, um jemanden zu suchen, der ihr hilft. Na, und wenn sie erst mal ein paar Meter die Straße runtergelaufen ist, hat sie sicher vergessen, wie sie zurückkommt.“

„Das ist ja schrecklich!“, murmelt Chiara. Sie weiß, dass Felice Recht haben könnte. „Aber was machen wir denn jetzt?“, jammert Bruna. „Ganz einfach. Ihr müsst raus in den Garten und sie rufen. So lange, bis sie euch hört. Vielleicht müsst ihr ihr auch entgegen gehen. „Allein? Auf die Straße?“ Bruna ist alles andere als begeistert. Aber Chiara, die ältere, praktische, ist schon aufgestanden. Sie streckt sich und geht vorsichtig die Treppen hinunter. „Bruna, mach mir die Tür auf“, befiehlt sie. Denn das kann sie, warum auch immer, nicht selbst. Die Kleine hat damit kein Problem. Sie stößt die Terrassentür auf, und Chiara läuft hinaus. In zwei Sätzen ist sie am Zaun und fliegt mit einem großen Sprung über das Gartentor. Dann steht sie auf der Straße. Sie stößt langgezogene Rufe aus. Immer wieder.

Irgendwann biegen zwei Gestalten in die Straße ein. Ein großer Mann und eine winzig kleine alte Frau. Sie trägt nur Hose und Pulli, ihre Nase ist rot vor Kälte. Chiara heult, aber diesmal vor Freude. „Ist das Ihr Haus?“, fragt der Mann. Cecilia nickt, während Chiara wie toll um sie herum springt. „Vielen Dank“, sagt Cecilia und fragt: „Wollen Sie reinkommen?“ Aber der Mann schüttelt den Kopf. So etwas hat er noch nie gesehen. Ein Hund, der einen Menschen ruft. Wie hätte er sich aber erst gewundert, wenn er gewusst hätte, dass der Plan im Kopf eines 20 Jahre alten blinden Katers entstanden war.

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