Der Miniataurus kommt. Bestimmt.


Hurra! Er ist schon – fast – auf dieser Welt. Zumindest als Manuskript habe ich ihn bereits hirngeboren und in die Welt entlassen. In die sichere Kinderstube meines tollen Verlags! jetzt bin ich sehr gespannt und freue mich darauf, wenn er das ganze Licht der Welt als solches erblicken und auf die Leser losgelassen werden wird.

Obwohl…… wer weiß, was er alles anrichten wird……!

Egal. ich freue mich, dass dieses Projekt auf seinem guten Weg ist. So kann ich unbeschwert in das Dezemberprojekt starten: den Nanokrimi-Adventskalender 2014.

Am liebsten wäre es mir, wenn ich wieder viele „Clues“, also Stichwörter von euch bekäme. Am liebsten jeden Tag!

Einfach auf Facebook, twitter oder direkt hier hinterlassen.

Ich hoffe, ihr seid dabei?

Nichtvonhierkind Nimmersind


Weniger Nonsens als auf den ersten Leserblick vermutet. Mit viel Spaß geschrieben für die Clue-Writing-Bloggerparade.

Es kauert in der Mitte des Raumes. Ganz genau in der Mitte. Dort, wo sich die Diagonalen treffen, schwarz und glitzernd. Mondschein leckt die Tränen von den Linien, kühler Atem eines ewigkeitstrunkenen Mitternachtsjunkies. Dann rollt sich der Salon unendlich langsam, aber stetig auf. Die vier Ecke heben sich empor und gleiten, still gefaltet, auf es zu. Es schließt die Augen, um besser, klarer sehen zu können. Es summt einen Ton jenseits menschlicher Frequenzen, um noch den verstecktesten Geruch herauszulocken aus den Wänden. „Sajasssss“, zischt eine Farbe ihm entgegen, und ein violettes Wort umkreist es wie ein Wurfgeschoss.

„Sajass, du sollst nicht mit Buchstaben experimentieren.“ Es schiebt einen grauen Daumen zwischen elfenbeinblasse Lippen. „Ich weiß. Es tut mir leid.“ „Wie willst du diesen wieder Raum entfalten? Hast du dir das vorher überlegt?“ Es zieht mit langen grünen Zähnen an den Lippen, so lange, bis daraus gelbes Blut in honigsüßen Tropfen auf den Teppich perlt. Zeitlupenzeit vergeht in Schleifen. Es kauert kaut und kauert. Nur zwei Worte, drei vielleicht. Hingeworfen wie die Würfel eines Kinderspiels. Die Augen sind herausgefallen, und es hat verloren. Spinnenfädengleich haben sie es eingewoben in einer traumzarten Umarmung. Jeder Buchstabe ein Finger, lang und verlockend klebrig. Und nun kauert kaut es kauert, und zäher Schleim umfließt den Saum des Bodens, der sich unerbittlich auf es zu bewegt. Bald wird der Salon seine Ecken zusammenschlagen wie die Zipfel einer Decke. Und dann wird es untergehen. Ach, hätte es doch jedes Interesse an der Welt verloren. Hätte es nur zugegriffen nach all dem, was sie ihm auf dem verspiegelten Tablett der alltäglichen Paranoia hingestreckt haben, in jenen langen samtbestäubten Stunden. Ruhm und Rosen. Rausch und Rauch. Visionen! Macht.

„Sajass, du sollst nicht träumen, sondern heilen. Du sollst nicht schreiben, sondern schneiden. Du radierst an unserer Zeit. Das geht zu weit.“ Es blinzelt leise mit gelockten Wimpern, schon wieder drängt ein Buchstabe in ihm ans Licht des Dunkels. Nein. Es kann nicht anders. Es mag Planeten geben, auf denen Wesen Gallensteine heilen. Ob mit Händen oder Instrumenten. Aber das geschieht Lichtjahre entfernt. Das ist nicht seine Wirklichkeit. Es will nur eines, aus ihm schreien Worte. Spritzen durch die Lider, platzen durch die graue Haut, schmunzeln in den Runzeln seines Bauches. Entfesseln sich im Raum, rollen Vergangenheit in Ewigkeiten und befreien endlich, was in Boden Wänden Ecken eingekerbt, gekerkert, untermauert war. Und kommen wieder. Auf die Welt.

In einem letzten stummen PHHHHH versinkt das Bild in sich. Und Stille. Keine Stimmen. Keine Steine. Keine Würfe. Nicht davor und nicht dahinter. Es entkauert sich und schnippt mit dürren Nagelspitzen von sich, was auf seinen Haaren flockt und lauert. Auf den Armen, auf den Beinen. Auf dem Hemd. Worte. Große kleine feine und gemeine. Es sind so viele, und die Buchstaben halten sich an ihnen fest, sie tanzen Reimereigen. Genug für ein ganzes Buch, würde es denken. Wenn es könnte. Aber auch das wird es noch lernen. Jetzt und wo es ist.

Und wenn es genug gehabt haben wird vom Denken und Buchstabenlenken, wird es vielleicht wieder ins Irrseits fluten, den Salon entrollen und ein Heiler werden. Lasern nach dem Lesen. Aber das wird Lichtjahre dauern. Soviel glaubtweiß es bestimmt. Das Nichtvonhierkind Nimmersind.

Tochter keiner Mutter


Das tolle an Alzheimer, heißt ein Witz, ist die Tatsache, dass du jeden Tag neue Leute kennen lernst. Ich lerne jeden Tag eine andere Mutter kennen. Toll finde ich das nicht.

Die eine feste Größe im Leben eines Kindes ist auch heute noch die Mutter. Zumindest in einem so genannten normalen familiären Gefüge. Der Vater, selbst wenn elternzeitlich intensiv in die Kleinkindbetreuung involviert, ist, so meine Beobachtung, eher der Freund, der Kamerad, wahlweise auch der Buhmann, der für Streiche und Ungehorsam bestraft, oder der letzte Retter vor Mamas Zorn. Ich habe Kinder erlebt, die von ihren Müttern geschlagen wurden, jeden Tag, auf den Kopf. Die allein gelassen wurden, stundenlang, ohne Essen, ohne etwas zu trinken, ohne ein Spielzeug, vielleicht vor dem Fernseher. Ich habe dieselben Kinder schreien hören, ich habe in verschreckte Gesichter und vor Angst weit aufgerissene Augen geschaut, wenn sie von denselben Müttern getrennt werden sollten.

Ich hatte eine Schulfreundin, die mit Hingabe halbrohe Spaghetti mit wässriger Erdbeermarmelade am mütterlichen Küchentisch aß und die dampfenden, mit frisch geriebenem Parmesan gekrönten hausgemachten Lasagne bei mir daheim verschmähte.

Mama. Mutti. Mami. Mom. Mammina. Immer die Beste. Trösterin der Kinderseelen. Konkurrenz und Reibungsfläche vielleicht in der pubertierenden Ablösungsphase. Und dann Ratgeberin. Freundin. Vertraute. Respektsperson, jedenfalls. Liebende Großmutter, schließlich, mit einer breiten Schulter zum Abnehmen der Enkelkinder, die sie natürlich ganz anders verwöhnt als deren Eltern. Die sich darüber wiederum vielleicht ärgern, aber nur ganz kurz und an ihrer geschmeichelten Oberfläche. Und dann beginnt irgendwann der Wandel.

Im Nachhinein ist es schwierig, den Zeitpunkt genau zu bestimmen, an dem die Generationenwippe gekippt ist. Merklich unmerklich werden sie seltener, die ratsuchenden Telefonate. Weil die mütterliche Beratung ausbleibt. Und du denkst, nur vorübergehend verstört, dass du an den Randbereich ihres Lebens gerückt bist, raumzeitlich entfernt. Sie hört dir nicht mehr zu. Schaut aus dem Fenster, hmhmt nur und nimmt nicht mehr Stellung.

Wenn ihr sie besucht, ist der Kühlschrank leer und die Zimmer verstaubt. Der Apfelkuchen misslungen und der Garten verwahrlost. Du machst dir Sorgen, und das macht dich wütend. Du hast ein Recht auf deine funktionierende Mutter!

Schließlich kannst du dich der Wirklichkeit nicht mehr verschließen. Du machst die Augen auf und siehst eine Fremde. Mit fest aufeinander gekniffenen Lippen und schmal geschlitzten Augen. Die lieber ruht als Ausstellungen besucht. Die sich für Politik nicht mehr interessiert und deshalb den Namen der Bundeskanzlerin auch nicht erinnern muss. Aber nicht nur deine Augen sind offen. Auch deine Ohren, und du kannst sie nicht verschließen vor dem, was deine Mutter dir sagt. Mit blitzenden Blicken und eingespreichelten Worten, die aus dem abgestanden riechenden Mund herausspritzen, ohne ihre weißtrockenen Lippen zu benetzen. „Du bist nicht meine Tochter“.

Schon lange habe sie es geahnt. Jetzt habe sie die Gewissheit. Du bist ein illegales Geschöpf deines Vaters, Produkt einer seiner früheren Affären. Denn deine Tochter würde sich nicht so niederträchtig verhalten wie du. Würde sie nicht einsperren in diesem Gästezimmer. Sie nicht zwingen, Medikamente einzunehmen, deren Wirkung sie nicht kenne. Nicht versuchen, sie mit Mahlzeiten (Kaffee und zwei Scheiben Toast zum Frühstück, eine mit Butter, eine mit Mangomarmelade; warmes Mittagessen mit Salat, Käseund Rotwein; Kaffee und Kuchen am Nachmittag; warmes Abendessen mit Rotwein und Digestiv) zu vergiften. Sie nicht verleumden mit erfundenen Geschichten von ihren Irrläufen. Und vor allem darauf aus sein, sie in die Irrenanstalt zu bringen, aus lauter Gier nach dem Erbe. Nein. Das würde ihre leibliche Tochter nicht tun. „Geh weg, verschwinde und fass mich nicht an“, zischt sie. Und was dich am meisten trifft, wie ein Schlag, stärker als die letzte Ohrfeige damals als 14jährige Ausreißerin, ist die Angst, die du in ihren Augen liest.

Angst, wie du sie bei Kindern gesehen hast, als sie von ihren Müttern getrennt wurden. Und du fragst dich, was dir bleibt, von dir bleibt, von ihr bleibt, jetzt, als Tochter keiner Mutter. „Mama“, hat sie mich kürzlich genannt. Ja. So kehren sich die Vorzeichen um.

P.S. DANKE für die lieben, zu Herzen gehenden und von Herzen kommenden Zeilen, die ich als Antwort auf meinen Blog erhalte. Auch, wenn ich mich nicht gleich bei den Absendern rühre: Ihr habt mich mit warmer Hand berührt! DANKE!

Nag nag nag


„Nag nag nag….“ Sie knabbern an mir. Von morgens bis abends. Manchmal schlecken sie einfach, und es kitzelt und streichelt meine Ensamhaut. Dann dauert es etwas länger, bis ich merke, dass ihre rauen Zungen die Zellen abtragen, Lage für Lage. Bis auf die Knochen. Wenn ich mich nicht bewege.

Aber wo sollte ich hin? „Nag nag nag“, meckert die Alte. „Du bist nicht mein Kind. Wo bin ich hier nur gelandet? Ich will nach Hause. Noch heute. Am besten jetzt gleich“. Und kann ich es ihr verdenken? Sie, die so vieles vergisst, erinnert ihr Heim als den sicheren Hort, der sie beschützt. Vor der Grausamkeit aller anderen, vor allem der ihrer Tochter. Denn sie ist wie das Logbuch, in dem all das festgeschrieben ist, was sie tagtäglich verliert. Deshalb schlägt sie um sich. Mit jedem Wort. Noch!

Trotzdem hat sie Hunger, trotzdem hat sie Durst, Langeweile und, ganz sicher, Sehnsucht nach Liebe. Aber es scheint, als würde auch dieses Gefühl langsam schwinden. Die Eheringe sind wohl längst einem ungarischen Hehler ins Netz gegangen. Ehe und Ringe hat sie im Dunkeln vergessen, hinter dem Horizont einer Krankheit, die den Menschen zu einer Blaupause macht.

Und wo soll ich hin? Der senile Kater braucht Pflege. Die senile Mutter Betreuung. Ich brauche Raum. Eine Gleichung, die leider nicht aufgeht. Willkommen im Alltag der Sandwich-Generation!

Die Alte Frau und der alte Kater


Sie stehen sich gegenüber. Die alte Frau und der alte Kater. Zwischen ihnen eine Tonschale mit Regenwasser und darin zwei gelbe Blätter. Gewelkt vor der Oktobersonnenzeit. Der Kater kauert sich auf die grün bemoosten Fliesen, schleckt behutsam ein paar Wassertropfen. Die Alte kniet sich neben ihn, die Hosen hängen ihr so lose um den Körper wie dem Tier das Fell. Blasse Blicke treffen sich. Die Alte kann sich nicht erinnern, ob sie den Kater gestern bereits kannte. Und der Kater sieht nicht, wer da vor ihm steht. Eigentlich haben wir genug gesehen, sagen sie sich wortlos.

Dann taumelt ein Walnussblatt aufs Gras, eine späte Wespe tänzelt um die Rosen. Und ganz weit oben, tief im Himmelblau, zieht ein Flieger weiße Streifen. Beide heben sie den Kopf und strecken die Gedanken an den Horizont. „Da ist noch was drin, für uns, hier unten“. Der alte Kater und die alte Frau streifen ihre Erfahrungen aneinander ab und gehen weiter. Langsam, Schritt für Schritt. Nach vorn. Hinein in den allernächsten Lebensaugenblick. Wohin auch sonst.

Glück als Potenz?!


Wendeln

Mitten in einem schönen Erlebnis wird mir dessen Flüchtigkeit stärker bewusst als inmitten eines unangenehmen. Und ich postuliere das Ende, noch während ich glücklich bin. Ob das Sinn macht, ob es den Schmerz lindert, erleichtert, zeitlich verdünnt, wie in einer homöopathischen Arznei? Oder im Gegenteil das Schöne der Gegenwart durch den Schatten der Zukunft verdunkelt?

Dann ist es soweit, und die schwarzen Schwingen legen sich auf das Morgen, umhüllen es fest und ersticken noch die sichere Ahnung von Sonne und Licht. Nichts ist mehr erwartungswert, nicht wird mehr gut, in mir erstreckt sich das Grau bis hinter den Horizont. Dann kauere ich mich ganz in mich selbst. Werde zum Schmerz und atme ihn ein aus ein aus. Bis ich verschmelze mit meiner Schale aus Tränen, und gieße mich aus in den Himmel aus Blei, auf den nassen Asphalt.

Und irgendwann, irgendwie, werde ich wieder zur Feder. Und schwinge mich auf. Dann zerreißen die Wolken und ich hauche ein Blau in den Tag. Darauf warte ich. Stillstumm. Ergeben. Ich hassliebe das Leben.

 

I dreamed that one had died.


Eichenhügel

Eine Frage an alle, die nicht blond sind und blauäugig, im Thomas Mann’schen Wortsinn: Ist das Leben nur zu ertragen, wenn wir uns seiner Endlichkeit entziehen? Aber das können wir ja nicht. Also trösten wir uns mit der zweitbesten Alternative und schalten die Bewusstseinsebene ab, die uns die Endlichkeit allgegenwärtig wahrnehmen lässt. Wodurch auch immer. Drogen. Alkohol. Sex. Abenteuer. Konsum. Alles ist recht, was uns eine Sublimierung unserer Begrenztheit vorgaukelt. Eine Atempause im Untergangsdenken verschafft, eine Ahnung der eigenen Ewigkeit, auch, wenn wir wissen, dass es nur eine Fata Morgana ist, geboren aus unserem Durst nach Wissen in der Wüste unzulänglicher Vermutungen. Der Ruhm berauscht wie die Verzweiflung, überhaupt alles, was unser Jetzt in den Mittelpunkt stellt und das Morgen in Nebel der Belanglosigkeit taucht. Und weil der Suchtfaktor exponentiell wächst, darf’s nicht nur, nein, es muss immer ein bisserl mehr sein, von allem. Zwei Urlaube, dann drei, vier, und immer weiter schneller höher, einen Garderobenschrank und dann ein Zimmer, oder noch ein Baby und wieder eines, weil sie ja so viel zu schnell wachsen und wir dadurch altern. Und schließlich, wenn uns die Partner ausgehen, viele Hotlinedates, weil Unbekanntes prickelt und nur Fremdes uns neu erscheinen lässt. Und natürlich Schampus Vodka Rotwein kistenweise. Koks by the line. So verschwimmen die Grenzen unserer eigenen Fehlbarkeit, und wir zelebrieren den Moment als Perpetuum mobile.

Aber wenn dann nichts mehr geht und wir noch durch den Nebel doch auf die andere Seite hinüber blinzeln, wenn Schattenarme nach uns greifen und die Stimmen im Kopf längst über unsere Lippen tropfen. Dann rufen wir den Fährmann eben selbst. Gute Reise, Robin.

TATORT Bibel


Es ist wieder so weit. Nach den großen Erfolgen der vergangenen Jahre lese ich im Rahmen der Stadtteilkulturtage in Moosach einen neuen „Bibelkrimi“. Diesmal heißt er Priskas Vermächtnis. Herzliche Einladung an alle, die Spannung, Mord und Totschlag lieben, mit einer Prise Liebe. Und das alles mit biblischem Hintergrund. Live gelesen – und begleitet von der Band Cevil und ihrem Cinematic Pop: das ist Musikkino für den Kopf.

Der Eintritt ist natürlich frei. Über Spenden freut sich die Magdalenenkirche. Also bis zum 6. Juli?!

Tatort Bibel 2014

 

Helikopter oder doch lieber keine Bildung?


Um einer Verärgerung meiner Leser vorzubeugen, mache ich es wie im Vorspann gewisser Filme im Abendprogramm und warne vorab: dieser Beitrag ist u.U. dazu geeignet, so genannte Gutmenschen zu verärgern oder sie zumindest zu verunsichern. Ich versichere deshalb, dass alle von mir in der Folge verbal gezeichneten Personen meiner Fantasie entspringen und etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen rein zufällig sind.

Und nun geht’s los.

Ich lebe in einem Münchner Stadtteil mit einem vergleichsweise hohen Bruttosozialprodukt, glaubt man der Statistik. Dass das stimmen mag, erkenne ich bei meinen abendlichen Hundegängen auf der anderen, der „guten“ Seite der vierspurigen Straße. Hier begrenzen Steine statt Bürgersteigen die Fahrbahn, aus weitläufigen Gärten dringt kein Laut, Gartenportale öffnen sich von Geisterhand, um blitzende SUVs hineinzulassen. Und die Einfahrten sind so breit, dass sie den dezent gebräunten, makellos coiffierten und perlengeschmückten Fahrerinnen das Rangieren ermöglichen. Doch auf der Seite, auf der ich wohne, da gibt es auch die anderen. Häuser und Menschen. Mietskasernen mit Satellitenschüsseln. Frauen in langen Gewändern und vermummenden Kopftüchern, Mädchen mit kneifenden Röcken und haushohen Stöckeln. Männer mit Ohrringen und Tattoos und solche, die schon am Morgen mit einem Bier auf der Parkbank sitzen. Und alte Menschen mit großen Taschen, die verstohlen in den Mülleimern nach Pfandflaschen fischen.

Nach der Tour durch den nahe gelegenen Zauberwald parke ich mein Fahrrad vor dem langgezogenen Bungalow mit den zwei Billigläden: einer Norma-Filiale und einem Backereidiscounter. Ja, die Semmeln sind ganz sicher vorgebacken und enthalten jede Menge Konservierungsstoffe. Und sie sind super lecker. Ich bestelle mir einen Cappuccino und eine Käsesemmel und für die Hunde ein Käse-Schinken-Croissant und übe mich in Resistenz gegen die Blicke, die sich aus der Schlange hinter mir in meinen Rücken bohren. Ob sie sich wegen der Geldverschwendung aufregen oder weil sie glauben, Hunde dürften keine Croissants fressen, ist mir nach zwei Jahren endlich egal.

Ich setze mich vor den Laden und schaue auf die Straße und die Bürgersteige. Das ist wie Super-RTL live. Eine wirklich sehr üppige Blondine, die sich in ein enges Leopardenkleid gezwängt hat, zündet  sich vor der Norma eine Zigarette an. Ihre Lippen umfassen das Mundstück, als dächte sie beim Ziehen an etwas ganz anderes.

Eine türkische Familie kommt aus dem Laden, Mutter und Tochter bepackt mit jeweils drei Tüten. Der Vater geht vorneweg und öffnet per Fernbedienung einen großen dunkelblauen Mercedes, während der kleine Sohn eine Packung Süßigkeiten aufreißt und das Papier auf die Straße streut.

Zwei blutjunge Mütter, gespickt mit Piercings, in knallengen Leggings und kunstvoll gestylten Nagelkrallen, kommen mir entgegen. Zwei Kleine krähen aus ihren Kinderwagen, zwei etwas größere Kinder tapsen nebenher. Mein kleiner Hund liebt kleine Kinder. Schwanzwedelnd springt er auf sie zu und bellt. „Die tut nichts, ist selbst noch ein Baby“, rufe ich den Müttern zu und komme mir vor wie eine lebendig gewordene Karikatur. „Passt schon“, sagt die eine nur. Die Frauen gehen einfach weiter, die Kinder patschen nach dem Hund, der freut sich und springt gleich eine Mutter an. Dafür kriegt er einen Keks.

Echt wahr, denke ich. Je bildungsferner die Menschen, desto natürlicher ihr Umgang mit Gefahrensituationen oder was man dafür halten könnte. Gutmenschen nennen es vielleicht Nachlässigkeit. Die in solchen Fällen sicher viel besser geeignet ist, Kinder auf das Leben vorzubereiten, als die Übervorsicht panischer Helikoptereltern. Solchen begegne ich beinahe täglich. Schon aus zwanzig Metern Entfernung schreien sie mir entgegen: „Nehmen Sie Ihre Hunde an die Leine, mein Kind hat ANGST.“ Sollte das Kind diese noch nicht haben, dann bekommt es sie spätestens JETZT. Andere stellen sich schützend vor ihren Nachwuchs und wedeln – rein prophylaktisch – mit Händen und Füßen den Hunden entgegen. Ich bin froh, dass diese auf so ein aggressives Verhalten meistens nicht reagieren. Wenn dann beide Tiere ruhig neben mir gehen, sagen solche Eltern oft Sachen wie: „Schau mal, Marc-Jonathan, das ist ein WauWau.“ Ach, Marc-Jonathan, ich sehe dich schon in zwanzig Jahren mit einer französischen Bulldogge neben dir auf dem Sitz deines Elektro-Cabrios. Und wenn du dann in einem Park einen richtigen Hund siehst, dann sagst du deiner Bulldogge: „Adonis, nicht hinschauen, da ist wieder so ein ekliger WauWau“.

Direkt neben meinem Haus ist ein Bolzplatz. Nachts wird er zum Treffpunkt vieler junger Leute in Tanktops und Jogginghosen. Sie nennen sich Chuck  oder Hassan, Samira und Janette. Sie trinken, sie rauchen, was sie noch alles machen, bekomme ich nicht mit. Aber ich fühle mich ziemlich sicher, denn ich glaube, nein ich weiß, von denen ist keiner ein komplexbehafteter, überbehüteter Psychopath, mit oder ohne Doppelnamen. Die haben immer so sein dürfen, wie sie sind. Und ich denke, das ist vielleicht auch ganz gut so.

 

Minikrimi goes Lisar!


am 28 Juni 2014 um 13 Uhr lese ich auf DEM Münchner Bücherflohmarkt: LISAR,  an der Widenmayerstraße statt auf der Fußgängerpromenade am Ufer der Isar zwischen Maximiliansstraße (Ausgangspunkt) und Prinzregentenstraße. 

Ihr findet mich an den beiden Lesezelten „mittendrin“!

Also nicht vergessen und Termin gleich im Kalender blockieren…. Denn die nächsten Sommerferien kommen bestimmt, und wohl denen, die mit sonniger Lektüre in den Urlaub gehen!

http://buecherflohmarktlisar.wordpress.com