Mordsmakronen (inspiriert von E. Thomas)


„Schatz, wenn du am Samstag zum Fußball-Schauen in deine Kneipe willst, geh nur. Die Mädels kommen zum Adventsbacken!“ Wie könnte er es vergessen. Alle Jahre wieder die gleiche Schlacht. Und je älter die „Schlachtrösser“, desto greller die Auftritte. Haben sie sich früher noch neckische Schürzchen umgebunden, erscheinen die „Golden Girls“, wie Jens sie heimlich nennt, heute zur Plätzchenparade in den buntesten Fummeln und mit den schrägsten Rezepten, frei nach dem Motto:  nur weg wagt, gewinnt. Nusskipferl und Ausstecherli waren gestern.  Heute durchforsten Sabine und ihre Freundinnen haushohe Stapel einschlägiger Lektüre aus dem gesamten europäischen Küchenraum – um sich dann mit den neuesten Kreationen zu duellieren: Damenbrüstchen oder Champagnerküsschen, Pistazien-Cranberrie-Hügelchen und Ingwermarzipan-Stengel. Nein, Jens muss das nicht haben. Ein gepflegtes Bierchen und die Bundesliga sind ihm lieber. „Ich geh dann in die Kneipe. Aber du hör mal, Biene, könntet ihr diesmal nicht EINE normale Sorte machen, so eine, die auch n Mann wie ich gerne isst?“ Biene schaut ihn an. Lange. Nachdenklich. Mitte vierzig, Bierbauch, Platte, Rundrücken vom Computerspielen. Nur das Selbstvertrauen steht noch stramm. „Ooch, ja, Schatzibär. In der neuen Konfiserie am Eck gibt’s leckere Mandelmakronen, Ganz neues Rezept. Hier, hab eins mitbekommen, wenn’s dir schmeckt, back ich die nach.“ „Hmmm… lecker! Tschö, ich geh dann mal“. „Ciao, Bärchen…..!“ Die Plätzchenparade ist in vollem Gang, die Mandelmakronen im Ofen, als Karl aus der Kneipe anruft. Jens! Sabine eilt herbei, so schnell sie kann, mit den frischen Mandelmakronen. Leider kommt jede Hilfe zu spät.

„Naaaa, waren meine Makronen ein Erfolg?“ fragt der junge Konditor und lächelt. „Und wie, lächelt Sabine zurück. Bindet sich eine Schürze um und beginnt ihr neues Leben als Plätzchendesignerin.

Krähenkreise


Sie schaut. Zuckt nervös mit dem schwarzen Köpfchen. Ruckelt und tippelt auf der Stelle. Sie hält sich zurück. Noch. Schaut wieder. Ganz genau. Es glänzt. So hell. So blau. Es funkelt. Da zwischen den Steinen unten am Ufer. Funkelt im Spätsonnenlicht. Nicht mehr lange. Schon walzt dieses rostige Ungetüm heran, schutthungrig allesfressend. Steine und Glanz. Nein. Das darf nicht sein. Sie stößt sich ab. Zwei Meter, drei. Balanciert auf den lose geschichteten Blöcken, beugt sich hinab. Da ist es. Fein und geschliffen und unendlich kostbar, ihr. Vorsichtig löst sie es aus der Verkrustung. Geronnenes Blut. Das Totauge sieht sie nicht mehr, als sie wegfliegt. Flattert und schwankt, von einer Böe erfasst. Ihrem Schreckschrei entfällt das glitzernde Kleinod. Stürzt immer noch glitzernd, immer so blau genau vor die staubgrauen Schuhe des Kommissars. „Herr Wühlenborg. Als Sie Ihre Frau als vermisst gemeldet haben, sagten Sie da nicht, Ihre Frau hätte den fehlenden Stein im Collier wohl bei ihrer Flucht verloren? Ich denke, wir haben gerade beide gefunden. Sie sind vorläufig festgenommen. Krähen galten schon in der Antike als Boten des Todes.“ Sie reißt sich zusammen, ein rascher Flügelschlag trägt sie weit hinaus in den Rosenhimmel hoch über den schaumschaukelnden Wellen des Hamburger Hafens.

Zug um Zug


„Ich will euer Käptn sein. Ich kann’s am besten!“ Der Junge wirft sich in Positur. Er ist der Schönste, keine Frage. Patrick hat Pickel, Denis ist pummelig, Niklas zu klein, Salva hinkt. Nur ganz leicht. Vier Augenpaare heften sich an den Boden, rauweiß steifes Gras auf krumenharter Erde. Dann, wie auf ein lautloses Kommando, schwenken sie zu Falk. Magnetenaugen halten sie in Bann. „Keine Frage, Ali, du bist ein guter Käptn“, flüstert Falk, die Stimme kratzt vor Pubertät und Kippen. Er dreht sich weg von allen, bohrt die Magnetenaugen in die Jungenrücken, hält die Hand wie einen Schirm an seine Stirn und blickt über den Bahndamm, auf den Spielplatz. „Da drüben sind die Prinzessinnen. Warten nur auf ihr wisst schon was. Los, geben wir’s ihnen.“ Die Kumpels bauen sich auf, verstecken ihre Verlegenheit hinter aufgepolsterten Schultern. „Yo, klar Mann, Falk.“ David macht einen Schritt. Falk reißt ihn am Jackenärmel nach hinten. „Bist du blöd, Mann? Der Käptn zuerst!“ Er hebt den Kopf, ganz kurz, und lauscht. Dann: „Ali, Käptn, Mann, dir gebührt die Ehre. Du darfst als erster. Los.“ Er schiebt Ali Richtung Bahndamm, zieht ihn auf die Gleise, gibt ihm einen Schubs. Und Ali läuft. Aber nicht schnell genug.

Sonntagsbeichte


„Sprich, mein Sohn“. Die Stimme hallt hölzern von den Wänden des Beichtstuhls, ihr öliger Klang mischt sich in den Geruch nach Mottenkugeln und Politur. „Ich habe gesündigt, Vater“. „“Das ist menschlich, mein Sohn.“ „Ich habe meine Mutter getötet.“ Die Stille hinter dem Gitter spannt sich. Und zerreißt. „Warum, mein Sohn?“ weht es kühl herüber. „Sie hat mir den Namen meines Vaters genannt.“ „Mhm. Und da….?“ Ach, er sitzt schon zu viele Bekenntnisse lang im Beichtstuhl. Kommen denn immer nur die Verrückten, die Psychopathen? Er sehnt sich nach seinen Pantoffeln, der Suppe aus Angelinas demütiger Hand.  Treu und verschwiegen, jahrzehntelang. Ihm zuliebe hat sie das Kind weggegeben. Was er jetzt wohl macht? „Ego te absolvo“, murmelt er und ist plötzlich in Eile. „Aber ich dich nicht, Vater.“ Sein Staunen schluckt den Schmerz, das alte Holz den Knall, der Schalldämpfer den Hall. „Angelina, warte auf mich“, flüstert er noch.

Advent! Das Warten hat ein End!


Advent13

Liebe Leserinnen und Leser, Bloggerinnen und Blogger, Mörderinnen und Mörder – halt, nein, das geht entschieden zu weit! Liebe Freundinnen und Freunde mörderischer Kurzweil,

ES ist wieder SO WEIT! Ab heute öffnen sich die Abgründe minimalistischer Verbrechen-Geschichten. Freut euch auf – roundabout – 24 Nanokrimis, nur hier auf mariebastide.wordpress.com. Weitersagen!

Schein Bares


Astern

Menschen brauchen das Gefühl der sich perpetuierenden Ewigkeit zur Sicherheit. Vielleicht, was dies den Widerspruch in ihrer Existenz auf die emotionale Spitze treibt? Die Sonne gießt aus blauen Himmeln Gold in diesen Tag, lässt Augen Fenster Seen leuchten. Ist das ein Genuss? Nein – denn vielleicht bin ich morgen krank und du schon tot. Wie können wir da glücklich sein?

Ich hocke auf den Gartensteinen, und die Knie tun mir weh. Am Morgen fehlt den Knochen schon der Schwung beim ersten Dreh. Das Alter winkt vom Horizont herüber, weit weg, aber schon sichtbar, wie mir scheint. Am Abend tanze ich in Schwarz und Glut, und wenn ich nicht denke, weiß ich, alles wird gut. Worin liegt der Wert eines Augenblicks, dessen Vergänglichkeit nicht einmal der Dauer der Betrachtung widersteht?

Das Sonnengold. Ein feiner Wein. Dein Lachen. Meine Fantasie. Stufen auf dem Weg durch’s Leben. Steine im Fluss. Kein Sturz. Kein Untergang. Und dann? Das wirst du morgen sehen. Darauf kommt es an.

Auge um Zahn


Ich weiß nicht, wann sie aufgehört hat, in mir, die Angst vor meiner Mutter. Ebenso wenig weiß ich, worin diese Angst bestanden hat oder wovor ich mich gefürchtet habe. Als Kind, als Jugendliche, als Erwachsene, noch. Vor ihrer Macht. Über mich. Und meiner Ohnmacht. „Deine Mutter war immer für dich da, du Glückliche“, sagte mir kürzlich ein Freund mit dem bitteren Unterton des verlassenen Kindes. Ja, meine Mutter war für mich da. Zog meine Puppen für mich an und setzte sie an den Esstisch, wo sie mich nach der Schule erwarteten. Kaufte mir schöne und praktische Kleidung. Gab mir zu essen und zu lesen, fuhr mich zum Ballet und meldete mich im Tennisclub an. Als ich sie um einen selbstgesrickten Pullover bat, immer wieder, schenkte sie mir einen handgestrickten, für sehr viel Geld bei einer Künstlerin erworbenen. Am Samstagmorgenfrühstückstisch diskutierte sie mit mir über die Probleme der großen Welt. Politik und Kunst. Sie wachte über meinen Intellekt und schärfte meine Argumentation. Ja. Ich war immer satt und sauber. Rundherum.

Wie es ihr ging, ohne den Menschen, der ihre Welt bedeutet hatte, meinen Vater. Wie sie zurechtkam, so als Witwe, in der Männerlebenswelt, unter verheirateten Freunden, außen noch jung, aber mit einem versteinerten Herzen. Darüber sprach sie nicht. Und ich glaube nicht, dass ich zu fragen wagte. Wie es mir ging, so vaterseelenallein in einem kaltfeindlichen Dorf, ausgesperrt von Parties, Cliquen, Kino. Wie ich die weißen Stunden ertrug, in einer Wohnung ohne Echo, in der kein Pullover ankam gegen meinen Frost. Darüber sprach ich nicht. Ich log mich durch unsere Tage.

Wenn ich nachmittags nach Hause komme, steht sie da, mit einem Rechen in der Hand, und hat den ganzen Tag gekehrt. Sagt sie. Ich will in die Küche gehen, einen Kaffee kochen, Toast und Joghurt, Milch, und ihr das alles auf den Esstisch stellen, oder vor den Fernseher. Will ihre Kleidung waschen und die Schuhe putzen.

Nein. Auch, wenn es nicht das ist, was ich als erstes fühle: ich werde zu ihr gehen, lächelnd und mit einem Kuss im Sinn. Und sie in ein Gespräch verwickeln. Fragen, was sie denkt und fühlt gerade. Ich werde es versuchen.

Vielleicht nicht heute. Aber morgen.

Pfirsichhaut


Giardinograzie

„Ab furorem rusticorum libera nos domine“ – lautete der Wahlspruch meines Großvaters, und das seit wer weiß wie vielen Generationen. Das Motto lässt bei aller Deutlichkeit immer noch ein paar Interpretationsvarianten. Heute kleide ich meinen aufstöhnenden Geist in folgende: „Vor den schrecklichen Mühen des bäuerlichen Lebens, vor allem während und nach der Erntezeit, verschone mich der Herr“. Ja, ich genehmige mir sogar den Luxus des Pluralis Majestatis! „Nos“. Den habe ich mir verdient. Und das ganz alleine. Denn meine Mutter – einen boshaften Moment lang argumentiere ich stammbaumtechnisch damit, dass sie aufgrund ihrer nicht eindeutig bzw. nicht beidseitig großbürgerlichen, geschweige denn aristokratischen Herkunft im Grunde viel besser für die nun allein hinter mir liegende Aufgabe geeignet gewesen wäre – meine Mutter also reagierte auf meine tagelangen, mal mehr, mal weniger verschleierten Aufforderungen, die prallen, blassrosaweißen Gartenfrüchte zu verarbeiten, mit einer irritierenden weil meiner Erfahrung nach schlicht aufgesetzten Demonstration ihrer Alzheimer-Erkrankung.

„Ich kann nicht all die Früchte in dem großen Eimer auf einmal essen.“ „Das sollst du auch nicht, Mum. Du könntest sie aber schälen, putzen und kleinschneiden.“ „Pfirsiche braucht man nicht zu schälen. Die Haut kann man mitessen.“ „Ja, Mum. Wenn man einen Pfirsich essen möchte, oder zwei, dann kann man natürlich die Haut  dranlassen. Aber nicht, wenn man 1 Kilo zu Marmelade verarbeiten will. Dann muss man die Früchte  schälen.“ „Warum willst du sie denn verarbeiten? Es ist besser, die Früchte so zu essen.“ „Ja, Mum. Aber das sind zu viele Früchte, um sie zu essen. Du hast z.B. keinen einzigen Pfirsich gegessen, seit wir sie geerntet haben, und das ist schon eine Woche her.“ „Du hast mir keinen angeboten. Ich bin hier nicht zu Hause und kann mich nicht einfach von den Pfirsichen bedienen.“ „Mum, du hast sie doch eigenhändig geerntet und weißt, dass sie verbraucht werden müssen. Das hast du doch selbst gesagt, beim Pflücken.“ „ICH habe nichts geerntet!“ „Gut. Mum, würdest du denn bitte die Pfirsiche putzen, schälen und kleinschneiden? Ich mache dann daraus Marmelade, ist doch schade, wenn die schönen Früchte verfaulen. Einige sind schon halb braun.“ „Dann iss sie doch.“ „Es sind zu viele.  Nimm dir einfach ein paar zum gleich Essen weg, und die anderen schälst du, ja?“ „Man muss sie nicht schälen. Man kann sie so essen.“ „Ja, Mum, aber es sind zu viele.“ „Das ist doch nicht meine Schuld! Immer versuchst du, mir die Schuld zu geben. Du bist unausstehlich. Was ist nur aus meiner Tochter geworden?“ „Mum, du würdest mir wirklich helfen, wenn du die Pfirsiche schälen und kleinschneiden würdest.“ Sie steht im Türrahmen, eine winzige Person, leicht und grau wie eine Feder – eine Stahlfeder. „Ich habe Kopfschmerzen. Ich muss mich hinlegen.“

Zwei Stunden, einen Berg nasser Fruchtschalen und ein paar ruinierte Hände später stehen fünf goldgelb gefüllte Einmachgläser zum Abkühlen auf dem Terrassentisch. Danke, Bruder Pfirsichbaum, denke ich, dann gehe ich zu dem kleinen, gebeugten Baum, der im Garten kauert und auf eine schamanische Weise meiner Mutter ähnelt. Ich küsse seine rissige Rinde und sage: Danke.

Diese Marmelade ist köstlich! Auch, wenn ich kaum jemals bei Dallmayr oder Käfer einen so kostspieligen Brotaufstrich finden geschweige denn kaufen würde. Allein der aus Baumpflege, Pflücken, Rezeptrecherche und Zubereitungszeit summierte Stundensatz treibt den Wert eines der kleinen Gläser ins Astronomische. Aber: mit nichts aufzuwiegen ist das Gefühl, eine Produktionskette von Anfang bis Ende begleitet und geleitet zu haben. Tröste ich mich.

„Mum, probier‘ mal diese Marmelade! Die habe ich gerade gemacht, aus UNSEREN Pfirsichen!“ „Pfirsiche? Aha.“ „Und, wie schmeckt sie?“ „Normal.“ Danke, Mum. Ab furorem rusticorum libera nos domine, denke ich und unterziehe mich der fast ebenso langwierigen Prozedur der Hand- und Fingernagelreinigung.

Aber vorher mache ich ein Foto. Und stelle es ins Netz, neben die 350 Millionen anderen Selbstbildnisse, nur, dass meine Pfirsichhaut die schönste ist.

Was kann ein Kind, was ein Hund nicht kann?


Heute beim Friseur. Während mein Kopf in unnatürlichem Winkel hintenüber im Waschbecken hängt und die Brause ein erstes Mal meinen Ansatz mit Wasserpartikeln benetzt hat, geht die Ladentür auf. Bimbinbim, wie in einem Retro-Hörspiel, vielleicht „Die unendliche Geschichte“. Herein kommt eine runde Dame, die ganz offensichtlich einen Friseurbesuch nötig hätte. Die Massierhand stoppt die kreisrunden Bewegungen an meinem Hinterkopf, die Brause bewegt sich spürbar ziellos zwischen mir und dem Waschbecken. Im Spiegel erkenne ich mit einem gezielt gequälten Blick die Situation. Die Dame ist keine Kundin, sie kommt, um meiner Friseurin – ich finde ja, Friseuse klang viel freundlicher, das r hat so was messerscharfes – unangenehme Kunde zu bringen. Passt zum Kundrie-Aussehen, denke ich noch. Und dann: aua, denn das Wasser ist kalt und rinnt mir mal links mal rechts am Ohr vorbei. Aber das muss ich aus – und durchhalten, denn: „Was ist passiert? Erzähl!“, sagt die Friseurin, und dann beginnt ein schnelles, leises Flüstercrescendo. Das ich wegen des Fließwassers, meines Tinnitus oder einer beginnenden Taubheit nicht komplett verstehen kann. Soll, vermutlich. Etliche gefühlte Minusgrade später berichtet mir die Friseurin auf Nachfrage, während sie mir die Haare schneidet – sie sind lang genug, um unkontrollierte Bewegungen auszuhalten – , dass ihre Mutter immer schlimmer werde. Depressiv, schlechtlaunig, aggressiv. Sie vertreibe alle Leute aus ihrer Umgebung, sicher auch die Kundrie von grade eben (denke ich). Und belege stattdessen die arme Enkeltochter völlig mit Beschlag. „Sie erzählt ihr alle ihre Sorgen. Was soll das Kind denn damit anfangen? Finanziell, beruflich, ich will nicht, dass meine Tochter sich damit belastet“. Einzelkind, intelligent. Emphatisch? Hm. „Hat ihre Mutter Haustiere?“, versuche ich’s. „Einen Hund, vielleicht?“ Ja, hat sie. „Aber das nützt nichts“. Was hat ein Kind, was ein Hund nicht hat? Was kann es?

Zuhören? Trösten? Das Gehörte so verarbeiten, dass aus Problemen Liebe wird. Sonst nichts. Als meine Mutter dement wurde, habe ich versucht, meinem Sohn zu erklären, dass die Großmutter, die bisher für ihn die Instanz für Recht und Unrecht war, in seinem kleinen Leben, die Klagemauer und der Wundertütenbaum, jetzt von ihm das braucht, was sie ihm im Überfluss gegeben hat. Liebe und Punkt. „Du musst nicht verstehen, was sie alles sagt. Und  schon gar nicht lösen. Wenn du ihr zuhörst und ihr zeigst, dass du sie magst, so grantig, wie sie ist, dann ist das alles, was du tun musst. Kannst. Und solltest. Das ist deine Aufgabe, mehr nicht. Um alles andere kümmere ich mich dann,“ sagte ich ihm.

Solange er Kind war, hat das ganz gut funktioniert. Als Erwachsener verwechselt er Liebe mit Verantwortung, und die ist ungewollt und deshalb eine Last. Ich sag’s ihm aber nicht mehr. Ich hoffe, dass er sich daran erinnern wird, wenn er Sohn und Vater ist und ich….. Großmutter.