Bunt bunt bunt sind alle meine Farben…….


Mal was Erheiterndes……  Auch nach sechs Monaten Abwesenheit ist das Haus noch tipptopp in Ordnung. Nicht einmal Staub hat sich nennenswert niedergelassen, auf den Horizontalen. Auch die Anzahl der Toten hält sich in Grenzen. Wespen, Spinnen, Fliegenleichen kauern nur in ein paar Fensterecken.

Doch in der Küche hat sich buntes Leben popart-artig regenbogengleich entfaltet.

Hinter verschlossenen Kühlschranktüren haben sich Senf, Matjes und Co. zu einem vielfarbigen Happening vereint. Ohne Vorwarnung durchbrechen die ausströmenden Gerüche alle nasalen Dezibelgrenzen. Rot blau gelb und grün schillern Türdichtungen, Türverkleidung und Kühlschrankböden.

Ich mache das einzig Richtige. Ich werfe die Tür wieder zu und greife zum Telefon. Hier helfen weder Clorix noch Sagrotan. Hier hilft nur ein neuer Kühlschrank.

„Das passt doch wunderbar. Dieser hier hatte sowieso ausgedient. Aber ein ordentliches Gefrierfach muss der Neue haben“. Wunderbar, wie pragmatisch meine Mutter sein kann!

Und dass heute früh ein Wasserfall herausgeflossen ist, aus dem „Neuen“ – hm. Darum kümmert sich der Elektrogerätehändler am Ort. Gleich morgen, bevor der Schimmel einzieht.

So ein Dorf wäre vielleicht ein Alternativmodell angesichts des demographischen Wandels. Der Apotheker fragt, „wie geht’s ihr denn?“ Und sagt: „schicken Sie sie mir vorbei, zum Blutdruckmessen…“ Die Nachbarn bitten um einen gefälligen „Deal“: Garagenbenutzung gegen Rasenmähen…… Nur für den täglichen Mittagstisch habe ich noch keine Lösung gefunden…. habt ihr da eine Idee?

Zusammenleben leben

Baum mit Zeichen

Baum mit ZeichenIch kann deine Schritte nicht mehr hören

ohne Rhythmus schlagen sie den Boden

schleppen deine Tritte immer hinter mir.

Ich kann deine Lippen nicht mehr sehen

fablos ausgefranste

faltig schmale Striche, festgenäht im Widerspruch.

Ich kann deine Härte nicht mehr spüren

Jedes klingenspitze Wort

dringt sinnentleert am Kopf vorbei ins Herz.

Ich will dich schmatzen sehen, wangenweinrot die Vergangenheit im neuen Licht erfindend.

Ich will – dass du mich nocheinmal anschaust, so, als wäre ich dein Kind.

Bevor ich deine Schritte nie mehr hören werde.

München liest aus verbrannten Büchern


Königsplatz, 10. Mai 2011. 

16.00 Uhr, Königsplatz München. Auch dort, wo der Rasen nicht rundverbrannt wurde, zum heutigen Gedenken an das Geschehen 1933, ist der Rasen glutgelb verfärbt. Vor der Glyptothek steht ein weißes Zelt mit Technik, davor reihen sich gut besuchte Bierbänke. Schattenlose Zuhörer und seltsam fremde Zufallstexte. Wechselnde Gesichter, Stimmen, Stimmungslagen. Schön das Vater-Sohn-Duo, das mit sonorer Klanggewalt und mit Gitarren-Akkord-Untermalung deklamiert – ich weiß nicht mehr genau, was. Die deutsche Jugend, falscher Klassenkampf und ungerechter Krieg in Ewigkeit, war das der Inhalt?

Manche Menschen hängen sich ans Mikro, als hinge ihre Existenz davon ab, gehört zu werden. Aus 5 angebotene Leseminuten werden schnell 10 und mehr. Trotz der großen Mahnuhr auf dem schwarzbezogenen Tisch.

16.30 Uhr. Dann endlich sind wir doch an der Reihe. Wir, Anna Roma und ich. Eingedenk des Gehörten und Erlebten fassen wir uns. Kurz.

Wir lesen Gedichte von Else Lasker-Schüler, geboren 1869 in Deutschland, gestorben 1945 in Israel.

Wir lesen Else Lasker-Schüler, weil sie von Hitler gleich dreimal verbrannt wurde. Als Jüdin, als Frau und als Künstlerin.

Wir lesen Else Lasker-Schüler, weil sie in Deutschland allen bekannt und von niemandem erkannt war.

Wir lesen  Else Lasker-Schüler, nicht, weil sie Männer und Sicherheit verließ, nicht, weil sie Konventionen und Moral in den Wind schrieb.

Wir lesen Else Lasker-Schüler, weil sie immer vom Leben vertrieben wurde. Und sich deshalb immer allem ganz und kompromisslos ergab. Der Leidenschaft. Der Liebe. Den Worten.

Wir lesen Else Lasker-Schüler, weil sie nie und nirgends zu Hause war. „Mitten unter Leuten war sie von Einsamkeit umhüllt, als würde sie ihre Zelle mit sich herumtragen, wie eine Schnecke ihr Schneckenhaus.“ So hat der Maler Miron Sima sie in ihren letzten Jahren in Jerusalem beschrieben.

 Ich lese mein Lieblings-Liebeslied. Von Else Lasker-Schüler:

„Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut,
Immer von dir, immer von mir.
Unter dem taumelnden Mond
Tanzen meine nackten, suchenden Träume;
Nachtwandelnde Kinder,
Leise über düstere Hecken.
O, deine Lippen sind sonnig…
Diese Rauschedüfte deiner Lippen…
Und aus blauen Dolden silberumringt
Lächelst du … du, du.
Immer das schlängelnde Geriesel
        Auf meiner Haut
Über die Schulter hinweg –
        Ich lausche…
Wie ein heimlicher Brunnen
Murmelt mein Blut…“


Zur Erinnerung und als Zeichen gegen rechts


München liest aus verbrannten Büchern…… und ich lese mit.

Von 11.00 bis 18.00 Uhr werden Autoren, Schüler, Schauspieler,
Politiker und viele andere Münchnerinnen und Münchner auf dem Königsplatz Texte lesen, die nach dem Willen der Nazis nie mehr gelesen werden sollten.

Von 16.15 Uhr bis 15.20 Uhr lese ich Gedichte von Else Lasker-Schüler, einer der eindrucksvollsten und ausdrucksstärksten Poetinnen des letzten Jahrhunderts.

Die Schirmherrschaft für die Veranstaltungen
hat der Alt-Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel übernommen.

Schaut vorbei und hört zu!

Veranstalter ist das Institut für Kunst und Forschung

Kein Friedensengel


Als Barack Obama 2009  – verfrüht und unverdient, wie viele urteilten – den Friedensnobelpreis erhielt, sagte er in seiner Dankesede, „die Instrumente des Krieges müssen eine Rolle spielen bei der Bewahrung des Friedens. Alle verantwortungsbewussten Nationen müssen den Beitrag nutzen, den Militärs mit klarem Auftrag zur Erhaltung des Friedens beitragen können.“ Ob dieser unfriedlichen Offenheit schaute das Publikum damals „ernst. Oder versteinert“, schrieb die „Welt“. Und heute? Heute sieht die Weltöffentlichkeit, wie weit ein amerikanischer Präsident geht, um diese sich zwar selbst erteilte, von ihr allerdings im Vorfeld sanktionierte, Mission zu erfüllen.

In der Tat. Spätestens seit dem Befehl, der zur Ermordung Osama Bin Ladens führte, wird auch dem letzten Zweifler klar, wie der jüngste amerikanische Friedensengel seinen Auftrag zur Unterstützung des Weltfriedens versteht. Und dass dieser immer einer singulären Prämisse unterstellt ist: dem Wohlergehen seines, des amerikanischen, Volkes. Das muss so sein. Er ist Präsident der letzten Weltmacht klassischen Gepräges. Die Enttäuschung, die sich heute breit macht, vor allem in pazifistischen Verehrerkreisen, fußt daher auf einer Fehlinterpretation der Person Obamas. „Wie kann es sein, dass ein Friedensnobelpreisträger eine Bande von Angreifern und Eroberern anführt?“, fragte der linksgerichtete bolivianische Staatschef Morales am Montag und verlangte die Aberkennung des Nobelpreises an das amerikanische Staatsoberhaupt. Nun mag es sein, dass aus Morales auch die nachhaltige Enttäuschung über die für ihn zu hoch gehängten Trauben spricht, war er doch selbst zeitgleich mit Obama für den Preis nominiert. Dennoch. Was er sagt, entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Und wenn es vor drei Jahren noch als heldenhafte Ehrlichkeit erscheinen konnte, dass Obama nicht einmal den Versuch machte, sich einzureihen in die Riege von Mutter Theresa bis Nelson Mandela – heute fragen wir uns, ob diese Kommissionsentscheidung nicht ähnlich bedenklich war wie die für, sagen wir, das Trio Arafat, Peres,Rabin, Henry Kissinger oder Kim Dae-jung. Ach, die Liste der Friedensnobelpreisträger, die sicherlich im Laufe ihrer langen politischen Karrieren das eine oder andere Mal für den Frieden Partei ergriffen hatten, aber auch dem Krieg als zweckgeheiligten Mittel nicht unbedingt widersprochen hatten, ist lang.

Der Weg zum Frieden führe eben zuweilen durch Kriegsgebiete. Sagte Obama ja offen. Vielleicht ist die Nobel-Jury einfach realistischer, als wir annehmen?

Dennoch. In meinen Augen besteht ein gravierender Unterschied zwischen den kriegs- und friedenspolitischen Aktionen der Vergangenheit und dem Geschehen der letzten Jahre und besonders Monate in der arabischen Welt, in Pakistan, dem Irak und in Afghanistan. Das Wort der globalen Friedensverteidigung mit den Mitteln des Kriegs hat eine neue Dimension gewonnen, indem sie mühsam erkämpfte Völkerrechte zunichte macht, in einer partisanischen Art, die schleichend daherkommt uns friedliche Aufbauarbeit zu unterminieren droht.

Weshalb auch ich im Grunde der Meinung bin, dass Barack Obama den Friedensnobelpreis zurückgeben sollte. Nicht, weil diese Auszeichung einem weltfremden Ideal gewidmet sei, dem er nicht nachkommen könne. Sondern, weil durchaus berechtigterweise die für sein Land und seine Karriere nötige Politik betreiben muss – dafür aber nicht einen Preis hochhalten sollte, der seine Träger nicht an den kriegspolitischen Anforderungen, sondern an friedensstiftenden Bemühungen misst.

Und was meint Ihr?

Osama hey sama bama sama hey


Sechs Uhr, kaum fünf Stunden geschlafen. Normalerweise würde mich der Radiowecker mit seiner Schlafstimme im Nachrichtentakt noch ein halbes Stündchen im Schlummer wiegen. Doch nicht heute. Osama is dead. Bin Laden vom Us-Geheimdienst erlegt. Obama bringt die Nachricht vom toten Osama. Ein Buchstabe zwei Welten. Oder doch nur die eine?

Was Bush nicht gelang – Obama hat es vollbracht. Nun blasen die Weltenjäger das Halali. Und die Hatz ist vorüber. So oder so. Entweder Bin Laden ist wirklich tot. Das impliziert die von Verschwörungstheorien unbeleckte Standardansicht, dass sich der Millionärssohn vom Paulus zum Saulus gewandelt hatte und nach seinem kräftigen Biss in die Hand, die ihn doch nährte, nun das wohl bzw. eher übel verdiente Ende erlitten habe.

Oder er ist nun endlich definitiv totgesagt. Und kann ab sofort die nur lippenflächlich verdammten Genüsse des Okzidents genießen, vielleicht in Nachbarschaft zu seinen amerikanischen Freunden. So ungefähr werden es wohl die Weltverschwörungsanbeter sehen. Und glauben.

So oder so. Osama ist mit dem heutigen Tag von der News-Oberfläche getilgt. Zehn Jahre lang hat er uns in Atem gehalten. War im lahmsten Medientief immer für einen inspirierend gruseligen Ticker gut. „Bist du jetzt brav, Kind? Sonst holt dich Osama!“ Ins Ausbildungscamp, im Zweifel. Und nun? Wo bleiben die atemberaubenden Nachrichten? Ach, macht nichts, wir haben ja William und Kate und Gaddafi. Und Obama. Für ihn werden sich die Wiederwahlprognosen schlagartig, ehm – eigentlich eher schussartig, gebessert haben. Seinen Patriotismus hat er nun unter Beweis gestellt. Und noch dazu ohne den Verlust eines der wertwollen „very intelligent and corageous boys“. Yes, he is one of us. Und das im globalen Sinne. Er hat die Welt gerettet. Im Alleingang, sozusagen. Vor den TV-Kameras, zumindest. Aber auch eigentlich. Denn die Handlanger vor der Villa in der pakistanischen Einsamkeit waren nur sein verlängerter Arm. Ja, er hat uns gerettet. Super, man.

Und wir dürfen jubeln. Glauben. Spekulieren. Ob die Welt damit ein bisschen friedlicher wird, ab heute? Ach, Leute…………………. Haben sich die Zeiten wirklich geändert, oder wisst ihr nur nicht mehr, wie das war, mit den siebenköpfigen Drachen?

Ob lebendig oder tot. Ich wünsche Osama Bin Laden Frieden. Und Ruhe. Und ich  hoffe, dass ich mich mit diesem christlichen Wunsch nicht ins Visier unverbesserlicher Terrorfahnder schreibe.  Ob tot oder lebendig. Der Schatten angstbesetzter Zweifel wird sich hartnäckig halten, über dem Westen. Im Gegenteil, er wird vielleicht noch nachdunkeln, angesichts des aktuellen Geschehens im nahen und ferneren Osten. Der Graben wird sich vertiefen, nicht schließen. Die politischen Erdbeben spalten nachhaltig. Und ich fürchte, mit Drachentötern werden wir auf lange Sicht nicht weit kommen. Schlangenbeschwörer wären viel nützlicher. Auf beiden Seiten. Das wäre vielleicht wirklich ein Weg Richtung Paradies…..

Maigewitter


Gewitterdunkelheit schleicht durch die Balkontür in den schmalen Raum. Schwarzwolken hängen in den blauen Horizont wie Tinte in ein Wasserglas. Die Möbel treten in den Schatten. Zwei Quadrate leuchten aus der Dämmerung heraus. Der Bildschirm und der alte goldene Rahmen. Die zeitlos Schöne räkelt sich nacktblass in seinen Tiefen. Eben noch waren  die Gartenblätter wie erstarrt. Jetzt wirft der Blutahorn rote Tropfen in den Wind, die Fliederbüschel zittern und der Löwenzahn beschneit den Mai. Buchstaben rennen vor und zurück, kopflose Sätze die entstehen und vergehen. Der Bildschirm leuchtet und der Rahmen glüht. Die Schöne räkelt sich und streckt sich aus dem Bild. Verführungen war er nie abgeneigt. „Lydia“ lechzt er ins Telefon, „Lydia, ich komme gleich. Zu dir. In zehn Minuten.“ „Ist gut, aber mach schnell, es donnert schon.“ „Ha, und ich bin dein Blitz“. Der Vorhang bauscht sich, eine Böe fegt über den Balkon. Die Schöne starrt versonnen in die Weite, in das Licht, das mit einem Mal den ganzen Raum erfüllt.

„Ich habe meinem Mann immer gesagt, er soll bei Gewitter die Balkontür schließen. Wenn wir schon keinen Blitzableiter haben…….“. Der Kriminalkommissar war vollauf damit beschäftigt, die Witwe zu trösten. Der Blitz, der Wind, die losen Dachziegel. Ein Unfall, keine Frage. Dass das gleiche Gewitter auf gleiche Weise noch ein Opfer forderte, eine junge Frau, war ein sonderbarer Zufall.

Sich Regen bringt Segen


Leben leuchtet durch das Regengrau. Frisst den mattnassen Asphalt in platten Flecken pfützentrocken. Tropft sonnenlässig von den hellen Blättern, hangelt sich den Regenschirm hinab und baumelt regenbogenprall an seinen Stangenspitzen. Glitzert auf spitzen Gräsern, tanzt im Wolkenwind. Schmeckt nach Sommermeer.