AdventsKalender MiniKrimi vom 13. Dezember


tritanopie

Das Blaue vom Himmel

 „Das ist ein todsicherer Job“, sagt er und lacht über den unfreiwilligen Wortwitz. „Du rempelst ihn auf der Straße an, um Punkt 19 Uhr,wenn er aus dem Fitness-Center kommt. Du hast einen Kaffee in der Hand und kippst ihm den auf seinen weißen Anorak. Den trägt er immer beim Sport. Du entschuldigst dich und lädst ihn auf einen Drink ein. Die Bar ist nur ein paar Meter entfernt. Egal. was er bestellt, du gibst ihm das GRAUE Glas, trinkst aus dem anderen und gehst. Vor der Tür steht ein Taxi, das bringt dich zum Zug. Du hast gerade genug Zeit, zu verschwinden, bevor er stirbt.“ Er schiebt ihr zwei fünfhundert Euro Scheine entgegen. Dreht sich um und verschwindet in der Menge.

Um 19 Uhr lehnt sie im Hauseingang gegenüber vom Fitness-Studio, einen Becher Kaffee in der Hand. Als er aus der Drehtür kommt, geht sie ihm in schnellen Schrittes entgegen und rempelt ihn an. Braun und dampfend rinnt der Kaffee von der schneeweißen Jacke. Nach einigem Zögern nimmt er die Entschuldigung an. Der Barkeeper stellt ihr die Drinks auf die Theke. Ein Glas ist leuchtend blau, das andere blassgrün. Sie hat keine Zeit, sie muss sich entscheiden und reicht ihm das blassgrüne Glas. Beide trinken. Sie schafft es nicht einmal mehr bis zur Tür. Da er glaubhaft versichern kann, sie nicht zu kennen und die Frau, die in der Stadt gänzlich unbekannt ist, in Belgien als Auftragskillerin gesucht wird, geht die Polizei von einem Selbstmord aus. Wer sollte auch darauf kommen, dass ihr Auftraggeber an Tritanopie litt?

AdventsKalender MiniKrimi vom 11. Dezember


Minolta DSC

TrashCrash auf der Brücke

Mitternacht. Die Brücke leuchtet gespenstisch im Scheinwerferlicht. „Scheiße, hoffentlich ist die Ampel an der Baustelle grün, sonst steh ich hier ewig.“ Nein, die Ampel ist nicht grün, sie ist aus. Aber das Schild am Straßenrand gibt ihm „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Mit 100 Sachen fährt der BMW-Fahrer weiter. Auf der anderen Seite der Brücke stoppt der Audifahrer kurz, aber die Ampel an der Baustelle ist abgeschaltet. Stattdessen gibt ihm ein Schild am Straßenrand „Vorrang vor dem Gegenverkehr“. Er fährt weiter. Gleichzeitig sehen beide gleißend helle Scheinwerfer auf sich zukommen. Vollbremsung, quietschende Reifen. In allerletzter Sekunde kommen beide Autos auf der Brückenmitte zum Stehen. Türen werden aufgerissen. „Sie Vollidiot“ „Sie Analphabet!“ „Wollten Sie mich umbringen?“ „Ich Sie? Sie mich!“ Wutentbrannt holt der BMW-Fahrer aus und stößt den Audifahrer vor die Brust. Der wehrt sich und schlägt ihm mit der flachen Hand die Brille von der Nase. Sie fliegt in hohem Bogen über das provisorische Brückengeländer. „Du Arschloch, Du…..“ Der BMW-Fahrer stürzt sich mit erhobenen Fäusten auf seinen Gegner. Die Männer sind gleich stark und durchtrainiert. Der Kampf tobt hin und her. Schließlich springt der Audifahrer auf das Dach des BMW und fängt an, wie wild darauf herum zu trampeln.Daraufhin holt der BMW-Fahrer den Wagenheber aus dem Kofferraum und zertrümmert die Windschutzscheibe des Audi. Glassplitter wirbeln wie Hagelkörner im Scheinwerferlicht. Der Audifahrer auf dem BMW-Dach nimmt kurz Anlauf, um dem Feind in den Nacken zu springen. Aber er verfehlt sein Ziel und kracht gegen das Brückengeländer – wir erinnern uns, es ist provisorisch. Er versucht noch, das Gleichgewicht wiederzugewinnen, aber der BMW-Fahrer ist schon zur Stelle, holt aus und befördert ihn mit einem kräftigen Fußtritt in die Tiefe. Leider hat auch er seine Kraft nicht genau bemessen. Der Schwung reißt ihn nach vorne, und kopfüber fällt auch er in den Fluss.

Am Ende der Brücke hört die schwarz gekleidete Gestalt zweimal kurz hintereinander ein Aufklatschen auf dem Wasser. „Sauber“, sagt er und räumt bedächtig die beiden „Vorrang vor dem Gegenverkehr“-Schilder in den Kofferraum seines VW-Busses. Am nächsten Tag berichten die Medien vom tragischen Unfall des Unternehmers K. und des Bankdirektors P. Beide waren unlängst schon mal in die Schlagzeilen geraten, der eine wegen skrupellosen Entlassungen und der andere, weil er den entlassenen Mitarbeitern Übergangskredite verwehrt hatte.

(Vielen Dank an Olga Maria Eggart für die Kooperation!)

AdventsKalender MiniKrimi vom 10. Dezember 2016


(Ruf)Mord unter Schwestern

Einigkeit macht stark. Auch wortstark. Katharina hatte immer das Credo vertreten, dass Frauen nur durch Netzwerkarbeit nach vorne kommen, an die Stelle in der Gesellschaft, an die sie gehören. Dafür müssen allerdings erst mal die Männer Platz machen. Aber davon können sie durch ein Netzwerk gut ausgebildeter Frauen besser überzeugt werden als von einer qualifizierten Einzelkämpferin. Die Einladung in den Damenclub war genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. .Bei der feierlichen Einführung las sie ihre Rede ab, um nur ja genug von „Ehre“ und „Dank“ zu sprechen. Aber dann kam alles anders. Statt Lobbyarbeit für ihre Mitglieder im besonderen und Frauen im allgemeinen zu machen, trafen sich die Damen lieber in regelmäßigen Abständen zu Gourmetverkostungen von zumeist männlichen Chef de Cuisines, besuchten Ausstellungen großer Maler, Konzerte berühmter Virtuosen, und, aber nur heimlich und in kleinen Gruppen, bestimmte Outletsiedlungen.

Bald verstand Katharina, warum nur berufstätige Frauen in sicherer Position aufgenommen wurden – der Clubstandard erforderte doch erhebliche Ausgaben. „Wenn ich schon soviel zahle, will ich auch was davon haben“, sagte sich Katharina. Sie brauchte einen Plan. Sonst würde sie nie an den Chefsessel in der Anwaltskanzlei rankommen, den sie angepeilt hatte.

Beim Weihnachtessen mit Partnern kam Priscilla, die Vorsitzende, an Katharinas Tisch, um dem Neuling ihr Perlencollier und ihren Mann vorzuführen. „Es gibt also doch noch Zeichen und Wunder“, dachte Katharina, die den Mann sofort erkannt hatte. Jetzt hieß es, die gebotene Chance zu gestalten. Der Champagner floss reichlich, Priscillas Ehemann war Katharinas Reizen so gar nicht abgeneigt.

Es half ihm nichts, dass er ein paar Tage später den One-Night-Stand zu leugnen versuchte. Das Handyvideo auf der Toilette war ebenso deutlich wie die Kündigung, die Priscillas Vater und Seniorchef der Kanzlei persönlich unterzeichnete. Übrigens auf dem selben Schreibtisch, auf dem die Bewerbungsunterlagen einer jungen Anwältin lagen. „Sehr beeindruckend“, erzählte er Priscilla später. „Welch ein Glück, dass Antons Sessel gerade frei geworden ist. Leider darf ich Dir nicht mehr über sie sagen, Du weißt ja, Firmengeheimnis. Schade, denn sie würde Dir sicher gefallen. Und hätte vielleicht auch gut in Euren Club gepasst“.

 

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 9. Dezember


 

Es ist alles wahr!

„Wie kommen wir darauf, zu glauben, ein Außenseiter wie Donald Trump sei Präsident geworden, weil die Mehrheit der Amerikaner ihn gewählt hätte? Dass dahinter ganz andere Mächte stecken ,ist jedenfalls viel mehr als eine Hypothese“. Silvia ist plötzlich hellwach. Ihr Radiowecker hat sie nicht nur in die Realität geholt, sondern in klaren Worten ausgedrückt, was sie die ganze Zeit fühlt. Da sind viel zu viele Zufälle in der Welt. Von der Ermordung von Prinzessin Di über das Attentat vom 11. September bis zum Krieg in Syrien und dem Wahlerfolg von Donald Trump. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. „Und jetzt sagen sie es auch schon im Radio, na bitte. Ich habe also Recht“, sagt Moni eine Stunde später zu ihrer Lieblingskundin Frau Rosenbaum, während sie die gelben Fußnägel schneidet und dann mit einem elektrischen Hobel die rötlichbrauen Hornhaut reduziert. „Wie meinen Sie das?“ fragt Frau Rosenbaum und schiebt sich mit der linken Hand einen Schokotrüffel in den Mund, während sie gleichzeitig mit der rechten einem schnaufenden Pekinesen eine Zartbitterpraline vor’s Mäulchen hält.

„Na das ist doch sonnenklar“, nuschelt Silvia hinter dem Mundschutz. Unglaublich, der Geruch von Frau Rosenbaums Nägeln geht sogar durch den dichten Stoffilter durch. Ekelhaft. „Diese Verschwörungsmafia wird immer gröscher“, sagt die Rosenbaum jetzt durch den Schokotrüffel hindurch. „Mein Bruder muschte seine Putzfrau kündigen. Die hat doch tatsäschlisch behauptet, dass die Rotschilds von Amerika aus Strahlen in ihre Wohnung schicken, um sie zu foltern, damit sie sisch nackt zeigt. Als ob die jemand hätte nackt schehen wollen! Und dann hat sie meinem Bruder unterstellt, dass er mit den Rothschilds unter einer Decke schteckt.“ „Und? Steckt er?“ fragt Silviia. „WIe bitte?“ Frau Rosenbaum schießt einen Torpedoblick auf sie ab, der so gar nicht zu ihrer normalen Harmlosigkeit passt. Sie ist eine von ihnen, fällt es Silvia da wie Schuppen von den Augen. Und dann fallen alle Puzzleteile zusammen und ergeben ein schlüssiges Ganzes. Warum sie drei Kunden verloren hat, seit sie der Rosenbaum die Nägel schneidet. Warum ihr die Haare ausfallen, vermehrt, und warum sie urplötzlich einen Heißhunger auf Cognacpralinen entwickelt hat – wobei sie diese bislang nicht mal mit der Kneifzange angefasst hätte.

„SIE stecken mir DENEN unter einer Decke! Wahrscheinlich haben Sie oben auf dem Dachboden Ihrer Villa eine Kommandozentrale. Deshalb auch die vielen Satellitenschüsseln Von wegen ausländische Fernsehsender. SIE…. SIE…. SIE sind SCHULD! Aber Sie haben einen Fehler gemacht. Sie haben mich unterschätzt! Sie haben mir nicht mal 50 Cent Trinkgeld gegeben, wenn ich Ihre schmutzigen, stinkenden Füße bearbeite. Sie Blutsauger Sie. Aber Sie unterschätzen mich nicht nochmal.“ Sie nimmt ihre Profnagelschere mit der 6-Zentimeter-Klinge und rammt sie der völlig überraschten Frau Rosenbaum in den Hals. Gelernt ist gelernt.“ Igittigitt, denkt Silvia, als das Blut auf den cremenfarbenen Teppich und die Samttepete spritzt. Dann geht sie in die Küche, reißt einen großen Bogen Alufolie vom Halter, faltet sich einen breitkrempigen Hut und verlässt das Haus. „Der Kampf hat begonnen“.

 

AdvernsKalender MiniKrimi vom 8. Dezember


flugpaten

Der Flughund

„Was, Du willst Dir einen Hund zulegen? Wer hat Dir denn diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ Arne kennt Silvana seit über 20 Jahren, aber Tierliebe war bislang nie eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften gewesen. „Naja, nicht irgendeinen Hund.“ „Eben, das ist ja noch schlimmer. Wenn Du plötzlich auf den Hund gekommen wärest und Dir beim Züchter einen Windhund, einen Dobermann oder meinetwegen auch einen Prager Rattler bestellt hättest, könnte ich das ja noch im entferntesten nachvollziehen. Aber einen mallorquinischen Straßenköter…?! Du musst verrückt sein!“ Diesen Verdacht hegt Arne schon länger, genauer gesagt seit Silvanas erstem und einzigem Besuch auf der Baleareninseln im vergangenen Jahr. Nach ihrer Rückkehr war sie nicht mehr dieselbe. Davor hat Arne sich diskrete Hoffnungen auf ein mögliches Leben zu zweit gemacht, in Form einer Lebens-, nicht einer Wohngemeinschaft. Und er hatte auch gemeint, bei Silvana Anzeichen zu entdecken, dass sie diesem Gedanken nicht abgeneigt war. Nach Mallorca war alles anders. Sie hat nicht viel von diesem Aufenthalt erzählt. Aber zwischen den Zeilen hat Arne herausgehört, dass sie ganz offensichtlich eine Frau kennengelernt hat. Claudia. Eine abgebrannte Deutsche, die auf Mallorca gestrandet ist und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Arne hat sich sogar dabei ertappt, wie er in Silvanas Handy nach Nachrichten von dieser Frau gesucht hat. Das letzte, was er von ihr erfahren hat, war, dass sie wohl einen reichen Fang gemacht und sich ihrer Geldsorgen durch eine Heirat entledigt hat. Gottseidank, damit ist das Kapitel Claudia hoffentlich erledigt, hat er gedacht.

Und jetzt der Hund. Natürlich ist er mit Silvana zum Flughafen gefahren. Hat in der Gruppe der Wartenden gestanden, zwischen Schildern mit „Senor Cortez, Philatelistische Gesellschaft“, „Dr. Dr. Maibaum, Weltmünzkongress“ und „Holiday Inn, Frau von Selbitz“. Hat familiäre Freudentränen miterlebt und schreiende Kleinkinder. Bis endlich die „Flugpatin“ mit der Transportbox durch die Absperrung kommt und sich suchend umschaut. Silvana dreht sich kurz nach links und rechts, dann geht sie auf die Frau zu. Sie sieht genauso aus, wie Arne sich jemanden vorstellt, der Hunde aus der Wärme Mallorcas in den Münchner Winter begleitet. Dann geht alles sehr schnell. „Danke“, sagt Silvana, reißt der Frau beinahe die Box aus der Hand und stürmt, ohne den kleinen zitternden Hund, der seit Stunden dort eingesperrt ist, auch nur eines Blickes zu würdigen, hinaus auf den Parkplatz. Arne hinterher. Erst, als sie im Auto sitzen, macht Silvana das Türchen auf und nimmt den Hund vorsichtig in den Arm. Schaut ihn prüfend an, begutachtet das gefütterte, mit Strasssteinen besetzte Halsband, setzt das Tier wieder in die Box und fährt los. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit hält sie sich genau an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Naja, wenigstens nimmt sie Rücksicht auf den Hund.

Vor ihrem Haus will sie Arne verabschieden, aber er lässt sich nicht so schnell abwimmeln. Widerwillig nimmt Silvana ihn mit in die Wohnung. Sie sind kaum angekommen, als Silvanas Telefon klingelt. „Ich rufe gleich zurück. Ja, alles gut.“, sagt sie und legt auf. Wie untypisch für sie. „Arne, enschuldige, ich bin müde. Wir sehen uns morgen. Mach’s gut.“ Und schon steht er draußen. Zu neugierig, um einfach zu gehen. Er geht vorsichtig ums Haus und schaut hinter einer Tanne hervor in Silvanas Wohnzimmer. Sie hasst Vorhänge. Das ist sein Glück. Er sieht, wie sie den Hund aus der Box holt, ihm vorsichtig das Halsband abnimmt und es mit einem Messer der Länge nach aufschneidet. Das ist der Moment, an dem Arne beschließt, dass Silvana für ihn Vergangenheit ist.

Im Internet liest er eine Woche später von einem Raubmord auf Mallorca. Die trauernde Witwe Claudia P. erzählt, dass sie ihren Mann erwürgt vor dem offenen Safe gefunden hat. Von den Diamanten, die der Schmuckhändler dort aufbewahre, fehlt seither jede Spur. Ebenso wie von Alonso, dem Straßenköter, den er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit einem Stück Kalbsleberwurst gefüttert hat.

 

 

AdventsKalender MiniKrimi vom 5. Dezember 2016


Morgen, Kinder, wird’s was geben….

Im Zuge der Rationalisierung hat die Post ihre Annahmestellen ausgelagert. In Supermärkte oder Tankstellen, zum Beispiel. Das Personal dort ist vielleicht nicht so geschult wie die Postbeamten hinter den gelben Schaltern, aber dafür in der Regel freundlicher. Die junge Frau, die am späten Nachmittag die Postfiliale in der Allguth-Tankstelle betritt, ist sichtlich überfordert, verschwitzt und ungekämmt. Sie schaut sich suchend um, dabei schiebt sie die dichten Haarsträhnen zur Seite, die ihr immer wieder ins Gesicht fallen. Vor ihr stehen zwei Männer und eine Frau in der Schlange. Wollen Pakete von Amazon und Zalando zurückgeben. Sie könnte schreien vor Glück. Hilflos zuckt sie die Achseln und reiht sich ein. Da taucht neben dem Mitarbeiter, der für die Nachmittagsschicht am Schalter abgestellt worden ist, eine Blondine auf. Mittelblond, mittelalt und nur mittelgut geübt im Posthandwerk, soll sie ganz offensichtlich eingearbeitet werden. Die junge Frau strahlt sie aus unschuldig blauen Augen an. „Entschuldigung, können Sie mir vielleicht helfen, einen passenden Karton hierfür zu finden? Sonst halte ich den ganzen Betrieb auf, wenn ich dran bin….“. Und sie hält etwas in die Höhe, was aussieht wie ein sehr grober, überdimensionierter Strumpf. „Mein Sohn ist im Schullandheim, wissen Sie. Aber er wartet ganz bestimmt auf seinen Nikolaus.“ Die Blonde lächelt, sie hat vielleicht auch ein Kind. Schließlich finden sie einen geeigneten Karton. „Ist zwar für Flaschen, aber wenn wir den Strumpf etwas anpassen….“ „Ich mach schon“, sagt die junge Mutter. „Sind ja nur weiche Sache drin, außer dem Apfel.“ Sie drückt und quetscht, und in der Tat lässt sich der Inhalt gut genug verformen, um in die Verpackung zu passen. „Nur ein paar Tüten mit Mandeln“. Am Ende bleibt der Apfel draußen.

Schließlich ist alles verpackt, die Adresse des Schullandheims ist ein Briefkasten an einer oberbayerischen Straßenkreuzung. Die junge Mutter zerfließt fast vor Dankbarkeit. „Hier, nehmen Sie doch den Apfel“, sagt sie. Die Blonde freut sich über ihre gute Tat. Sie hat eine Mutter glücklich gemacht.

Und ihren Partner, der das reine Kokain am Nikolausmorgen aus dem Briefkasten an der oberbayerischen Straßenkreuzung fischt.  Spurlos verschwunden aus der Asservatenkammer am Münchner Flughafen. „Morgen, Kinder, wird’s was geben“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Advent, Advent….. die Hütte brennt!


…..so scheint es zumindest, wenn ich den kurzen Weg vom Supermarkt nach Hause fahre (ja, mit dem Auto, weil Hundefutter, Joghurtgläser, Saft- und Milchflaschen – mein Sohn hat mir quasi per Ferngewissen verboten, Milch und Saft im Tetrapak und Joghurt im Plastikbecher zu kaufen, aber ob er bedacht hat, welche Mehrbelastung die Autofahrt gegenüber einer Fahrradstrecke bedeutet, entzieht sich meiner Kenntnis). Allüberall auf den Häuserspitzen sehe ich, ach was, nicht goldene, sondern kunterbunte Lichtlein blitzen. Mal in Sternform, mal in Rentier- oder Weihnachtsmann-Kontur. Ja, es ist weithin sichtbar: der Advent ist da. Und mit ihm, mit dem heutigen Datum, auch der MiniKrimi-AdventsKalender. Es gibt also wieder (fast) jeden Tag einen MiniKrimi auf mariebastide.de. Ich freue mich darauf! Und Ihr? Bitte – kommentiert fleißig und eifrig, gebt mir Anregungen, schreibt mir Clues, oder schickt mir Euren eigenen MiniKrimi, den ich naürlich unter Eurem Namen veröffentliche!

Also Freunde: lassen wir’s krachen, blitzen, klirren. Auf eine mordsmäßige Weihnachtszeit!

(Bildquelle)

 

 

Adventskalender MiniKrimi vom 24. Dezember


Natale 15

Buon Natale, pace al mondo! Merry Christmas, peace to the world! Joyeux Noel, paix et amours au monde!

Meine diesjährige Weihnachtsgeschichte: ein kleiner, ganz normaler Familienkrimi mit fröhlichem Ausgang als Tipp für die Gestaltung des Heiligen Abends:

Die Weihnachtserbin

Was bisher geschah:

Heiligabend: Frida hat ihren Mann Jan und die Kinder auf den Weihnachtsmarkt geschickt, um in Ruhe die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Alles wie jedes Jahr, sie erwarten Oma Anita, Opa Bernd und Jans arroganten Bruder David. Sie gilt als perfekte Gastgeberin. Aber heute fragt sie sich, ob sie in den letzten Jahren, seit sie in das Haus am Stadtrand von Berlin gezogen sind, nicht zu oft nachgegeben und zu wenig an sich gedacht hat. Ihr Blick fällt auf die rote Küchenuhr, die ihre besten Tage hinter sich hat. Vielleicht geht es mir genauso, denkt Frida. Und sie spürt, wie so etwas wie Unmut in ihr aufsteigt und Unzufriedenheit. Da klingelt es an der Tür. Wer kann das sein?

„Ja, bitte?“, fragt sie in das Schneegestöber. Vor ihr steht ein Mann mit roter Mütze. Nein, nicht der Weihnachtsmann, das erkennt Frida an der grimmigen Miene, mit der er ihr einen aufgeweichten Umschlag entgegenstreckt. „Frida Rosenzweig?“, schnauzt er sie an. „Ja. Haben Sie was gegen meinen Namen?“ „Ist mir egal, solange er auf dem Briefkasten steht.“ „Aber das tut er doch nicht!“ „Eben. Deshalb musste ich so lange suchen. Eilauftrag vom Kunden. Und das an Heiligabend. Hier, unterschreiben!“ Natürlich passt ihr ganzer Name, Kahler-Rosenzweig, nicht auf das Signaturpad. Ebenso wenig wie auf den Briefkasten. „K. Rosenzweig“ krakelt Frida auf das Pad, dann stürmt der Mann zurück auf die Straße. „Frohe Weihachten“, ruft sie ihm hinterher, um ihrem perfekten Image noch irgendwie gerecht zu werden.

Dann setzt sie sich mit dem Brief in die Küche. Dr. Ernst R. Schreck, Notar, steht auf dem Umschlag. Er enthält die Einladung zur „Testamentseröffnung im Erbfall Pepita Rosenzweig“ am 24.12.2015, 13 Uhr, in der Straße zum Löwen 12 in Wannsee. Frida schaut auf die Küchenuhr. Fünf vor zwölf. Wie passend, denkt sie. Was mache ich jetzt? Du kannst da unmöglich hin, sagt die perfekte Gastgeberin in ihr. Die Vorbereitungen! Na und, antwortet eine Stimme, die Frida nicht mehr gehört hat, seit sie hier eingezogen ist. Denk an dich! Pepita muss Oma Anitas totgeschwiegene Zwillingsschwester sein. Bestimmt hat sie dir was vererbt, sonst hätte dich dieser Schreck nicht eingeladen.

Frida schaut sich in der Küche um, sieht die abblätternde Farbe an den Fensterrahmen, die angeschlagenen Kacheln. „Willst du so weitermachen? Das Haus muss dringend renoviert werden. Aber dafür fehlt euch das Geld. Jan ist lieb und nett, aber er verdient nicht genug. Nimm die Sache selbst in die Hand. Zieh den Mantel an und geh.“

Und das tut Frida. Der Weg nach Wannsee über leergefegte Straßen ist kürzer als gedacht. Das Anwesen Nummer 12 entpuppt sich als majestätische Gründerzeit-Villa mit Auffahrt und Freitreppe. Frida parkt den alten Familienvolvo direkt neben einem grün funkelnden Jaguar XJ. Sie wird erwartet, in der Tür steht ein untersetzter Mann mit Kugelbauch und schütterem Haar. Auch kein Weihnachtsmann, konstatiert Frida mechanisch. „Frau Rosenzweig, schön, dass Sie da sind. Schreck“, sagt er mit öliger Stimme.

Die nächste Stunde vergeht wie im Traum. Das getäfelte Arbeitszimmer, die hohen Stühle. Das Video, in dem eine Frau wie ein Rabe im schwarzen Kleid mit funkelnden Knopfaugen sagt, dass sie Haus, Auto und Bankkonten ihrer Großnichte Frida vererben will. „Die einzige Bedingung, die du erfüllen musst“, krächzt ihre brüchige Stimme aus den Lautsprechern, „ist, zu beweisen, dass du nicht so verlogen bist wie der Rest meiner Familie.“ „Und wie?“ fragt Frida. „Ganz einfach“, erklärt der Notar, „Sie müssen vollkommen ehrlich sein. Und zwar alle.“ „Das sind wir doch immer“, strahlt Frida. Wenn’s weiter nichts ist. In Gedanken zieht sie schon in die prachtvolle Villa ein. Das Treppengeländer ist eine prima Skater-Rail für Finn, und im Garten könnte Annas Pony stehen. „Gehen wir?“ Dr. Schreck sieht sie auffordernd an. „Wir? Wohin?“ „Zu Ihnen nach Hause. Ihre Großtante hat mich mit der Überprüfung Ihrer Ehrlichkeit betraut“.

Die Rückfahrt verläuft schweigsam. Bestimmt würde Dr. Schreck den Heiligen Abend lieber woanders verbringen. „Mein Gänsebraten ist vorzüglich“, flötet Frida und öffnet die Tür. Rauchschwaden vernebeln die Sicht, ein beißender Geruch nach verbranntem Fleisch straft ihre Behauptung Lügen. Mit einem Schrei stürzt Frida in die Küche. Sie hantiert immer noch hektisch mit Töpfen und Pfannen, als Jan und die Kinder nach Hause kommen. „Was ist denn hier passiert?“ Anna rümpft die Nase. „Das stinkt.“ „Kinder, riecht doch lecker.“ Jan will die Stimmung retten. Da sieht er den rundlichen Mann, der Frida ein spöttisches Lächeln zuwirft. „Das gilt noch nicht“, sagt sie hastig. „Erst muss ich alles erklären.“

Jan runzelt kritisch die Stirn. Aber die Kinder sind begeistert. „Zum Glück ist die dumme Gans angebrannt“, ruft Finn. „Jetzt gibt’s Spaghetti mit Tomatenketchup, ok?“ „Das fängt ja gut an“, wispert Frida ihrem Mann zu. „Das wir noch viel besser“, antwortet er.

Statt eines „Du wirst immer jünger, wie machst du das bloß?“ hilft Jan Oma Anita mit der Bemerkung aus dem Mantel: „Du hast ganz schön zugenommen!“ Und Finn brüllt: „Pelz ist Mord! Freiheit für alle Tiere jetzt sofort!“ Opa Bernd erlangt nach Fridas Erklärung zu diesem „etwas anderen“ Heiligabend als erster die Fassung wieder. „Wir können endlich aufhören mit dem Theater, Anita.“ Dann fragt er: „Frida, darf mein Mann dazukommen?“ Denn Bernd und Anita gehen schon lange getrennte Wege. Sie unterhält einen Swingerclub auf Malle, und er hat seine heimliche Liebe Adam geheiratet. „Glaubt bloß nicht, dass ihr den Sommerurlaub bei mir verbringen könnt“, warnt Anita vorsorglich. “Ihr seid viel zu spießig für meine Gäste.“ Frida wundert sich, warum Anita und Pepita sich nicht vertragen haben. Wo sie sich so ähnlich sind. Zwillinge eben.

Als David kommt, macht es ihr sogar richtig Spaß, ehrlich zu sein. „Du bist viel zu spät. Wie immer. Gut, so haben wir wenigstens ohne deine Anzüglichkeiten essen können“, wirft sie ihm an den Kopf. Und setzt noch eins drauf: „Wir haben kein Geschenk für dich. Du bringst ja auch nie was mit.“ „Stimmt nicht“, antwortet David, zieht ein zerknülltes Päckchen aus der Manteltasche und beweist seine Anpassungsfähigkeit an die besonderen Umstände mit der Bemerkung: „Beim Ausmisten habe ich deine alten Topflappen gefunden, die musst du bei mir vergessen haben, als du zu Jan gezogen bist. Hier – stehen dir ganz wunderbar“.

Da stößt Finn einen Wutschrei aus. Anna und er haben ihre Geschenke ausgepackt. Der Junge hält einen Chemiebaukasten in die Höhe. „Papa. Was soll das? Wo ist mein neues Skateboard?“ „Kannst du mir mal sagen, warum dieses Kind sich für nichts von alledem interessiert, was mir als Kind Spaß gemach hat?“, fragt Jan leise seine Frau. „Das liegt vielleicht daran, dass er gar nicht dein Sohn ist, sondern der deines Bruders“, flüstert Frida zurück. Was für ein Albtraum, denkt sie. Und: hätte ich bloß diesen Brief nie bekommen!

Der Rest des Abends versinkt im Chaos. Bernd hat sich von Adam abholen lassen. David haben die beiden gleich mitgenommen, mitsamt dem Veilchen, das ihm Jan verpasst hat. Anita sitzt mit Dr. Schreck auf der Terrasse und raucht einen Joint. „Das habe ich mir auf Malle angewöhnt. Hilft super gegen Arthrose“. Jan hat die Kinder ins Bett gebracht. Jetzt steht er im Schlafzimmer und packt seinen Koffer. „Mensch Jan, bitte. Es tut mir so leid. Das war einfach alles zu viel für mich“, sagt Frida und macht eine ausladende Armbewegung. „Alles“ meint dieses Leben. „Wollen wir es nicht noch mal versuchen? In Tante Pepitas Haus? Ohne Sorgen?“ „Und wie bringen wir Dr. Schreck dazu, in uns eine ehrliche Familie zu sehen?“, fragt ihr Mann. „Hm, wir geben ihm einfach so viel zu trinken, dass er sich morgen an nichts mehr erinnert!“

Am 25. sitzen alle beim Frühstück. Frida und Jan, Finn, Anna und Oma Anita, als Dr. Schreck die Treppe hinunter kommt. Sein Aussehen macht seinem Namen alle Ehre. „Guten Morgen“, ruft Frida gut gelaunt. „Schauen Sie, die perfekte ehrliche Familie!“ „Von wegen“, sagt Schreck. „Sie sind verlogen! Sie haben mich gestern betrunken gemacht, damit ich mich an nichts erinnere. Aber hier, ich habe alles aufgenommen“, und er zeigt auf sein Handy. Da klingelt es an der Tür. „Das ist mein Taxi. Auf Nimmerwiedersehen, Familie Kahler-Rosenzweig,“ „Halt, Sie können uns doch nicht so einfach sitzen lassen, nach allem, was wir wegen Ihnen durchgemacht haben“, ruft Frida verzweifelt und versucht, ihn festzuhalten. Es klingelt ein zweites Mal. „Lassen Sie mich los“, faucht Dr. Schreck.

Als es zum dritten Mal klingelt, fährt Frida zusammen. Ist sie doch glatt am Küchentisch eingenickt! Es riecht nach verbranntem Braten, und durch dicke Rauschschwaden fällt ihr Blick auf die rote Uhr. So spät! Sie rennt zur Tür. „Schatz, wir haben die Zeit vergessen, nicht böse sein!“ Jan legt ihr mit beschwichtigender Mine den Arm und die Schultern. „Macht nichts!“ Frida strahlt ihre Familie an. „Ich bin auch noch nicht fertig. Hatte wichtigeres zu tun. Was haltet ihr davon, wenn wir Heiligabend heute mal anders feiern? Nicht perfekt, aber dafür so, dass alle Spaß haben?“ „Au ja“, ruft Anna. „Können wir statt dem Gänsebraten Spaghetti essen?“ Und Finn ergänzt hoffnungsvoll: „Mit Tomatenketchup?“

Adventskrimi vom 21. Dezember


Saubere Sache

„Wir machen Ihnen seriöses Angebot. Sie verdienen ab 4 Tausend bis 10 Tausend Euro in Monat. Für nur wenig Stunden Arbeit.“

Es stimmt nicht, dass nur Zuschauer von Nachmittags-Reality-Soaps in Privatsendern auf solche Emails reagieren. Gut, Hubert war vielleicht etwas vorsichtiger als der Durschnitts-RTLler, außerdem bevorzugte er Vox. Vor allem hatte Hubert eines: viele unerfüllte Wünsche. Und die kosteten einfach mehr, als er mit seinem Gehalt als Fliesenleger verdienen konnte. Selbst, wenn er etwas auf die „hohe Kante“ gelegt hätte, bildlich gesprochen – es hätte nie für all das gereicht, was sich Hubert als Grundlage eines gelungenen Lebens vorstellte. Ein Motorrad UND ein Sportwagen. Eine Markenuhr. UND viele richtig abgefahrene Tattoos. Und und und. Natürlich genug Kohle, um die Mädels am Wochenende einzuladen, mit Wodka, Cola und Koks. Und dann flachzulegen, am besten im Hotel.

Hubert schaute gerne amerikanische Fersehserien. Deshalb fand er die Email bereits beim zweiten Lesen gar nicht übel. Nach dem dritten Lesen klickte er auf „antworten“.

Eine Woche später waren die ersten tausend Euro auf seinem Konto. Er tat, was von ihm verlangt wurde, hob das Geld ab und steckte es in einem braunen Papierumschlag in einen toten Briefkasten. Abzüglich seiner Provision. Das war alles. Und sein Wochenende war geritzt.

Hubert war ein zuverlässiger Mitarbeiter. Die Geldbeträge, die er überwiesen bekam, wurden immer höher. Aber er war so verliebt in seine neue Patek Philippe, dass er die Blicke der Kassierin in seiner Bank nicht einmal registrierte. Zur Sicherheit eröffnete er mehrere Konten. Hubert war gerade aus seinem Porsche Targa gestiegen und hatte der langbusigen, blondbeinigen Tamara zum Abschied auf den Hintern geklapst, als er von zwei Herren im Trenchcoat begrüßt und in herzlicher Umarmung abgeführt wurde.

Beim Geldwäscheprozess konnte Hubert aufgrund seiner Einfältigkeit  glabhaft machen, dass er die Machenschaften seiner Auftraggeber nicht wirklich durchschaut hatte, und so blieb es bei einer Bewährungsstrafe. Die Auftraggeber wanderten allerdings für Jahre hinter Gitter. So konnte Hubert in aller Ruhe die letzten Überweisungssummen unter den Fliesen hervorholen. Nicht, dass ihm jemand etwas hätte nachweisen können. Das Geld war ja jetzt „sauber“.

 

Adventskalender MiniKrimi vom 18. Dezember


Nicht alle sind so.

Freitag Morgen in einem Lebensmittel-Discounter. Ahmed schlendert langsam durch die Reihen voller Pappkartons mit Ware. Es ist nicht wahr, dass er nicht weiß, was für ein Laden das hier ist. Er weiß genau, es gibt auch andere. Mit großen Körben voll exotischer Früchte, mit stimmungsvoller Musik und gedämpftem Licht, das den Wein in den Flaschen schimmern lässt, durch das Glas hindurch. Mit duftenden Wurstsorten – auch, wenn er die als Moslem nicht essen soll, wie seine Mutter ihm immer wieder einschärft, sie riechen verführerisch. Und dann das Kaffeeregal! Man fühlt sich wie in einem Bazar. Die Leute hetzen nicht durch die Gänge wie hier im Discounter, sie schreiten von Abteilung zu Abteilung und planen ihren Genuss.

Nicht, dass Ahmed sich das in genau diesen Worten ausmalt. Er geht in die neunte Klasse einer Mittelschule, zum zweiten Mal schon, aber ímmer noch ziemlich erfolglos. Am Ende des Schuljahres wird er auf der Straße stehen. Ohne Schulabschluss und ohne Ausbildungsplatz. Vinzenz Murr nimmt auch Leute ohne Abschluss, hat der Vater ihm gestern erst gesagt. Oder Onkel Ali – genau, wegen dem ist Ahmed so dermaßen gehänselt worden, wegem dem dummen Lied „Junge“. Weil Onkel Ali hat tatsächlich einen Gemüseladen. Ich werd bestimmt kein Metzger, ey, und Gemüse verkauf ich auch nicht, kapiert? Überhaupt, was is das hier fürn Scheißland voller Vorurteile? Guck mal da drüben, das is bestimmt ein Ladendetektiv. Wetten, dass der mich filzen will, wenn ich rausgehe? Ohne Grund einfach so? Vollidiot, Lan.

Ahmed geht am Getränkeregal entlang. Ein Liter Cola und eine Flasche Wodka. Das wär’s. Scheiß auf die Schule. Heute hat er keinen Bock, aber absolut, nee, wirklich nicht.

Ey Alter, was isn das für einer? Hat der sich hier verlaufen oder was?

Der Mann, der wie aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht ist und jetzt angelegentlich die „Champagner“-Flaschen betrachtet, passt auf den ersten Blick nicht das Discounter-Ambiente. Er trägt einen dunkelgrauen Nadelstreifenanzug, komplett mit Weste und Einstecktuch. Dazu schwarze Socken und Schuhe, die aussehen wie handgenäht, auf dem Arm einen beigen Trenchcoat. Die Haare sind graublond und das einzige, was nicht ins Bild passt, an ihm. So von hinten. Sie sind dünn, zu lang und ölig.

Wallah, was macht der hier? fragt sich Ahmed nochmal. Neugierig geht er dem Mann hinterher. Der schaut sich diverse Flaschen an, nimmt sie aus dem Regal und stellt sie wieder zurück. Jetzt steht er vor dem Schinken im Kühlregal. „Mensch Olli was willst du? Ich kann gerade nicht, ich muss jemand beschatten“, sagt Ahmed ins Smartphone. Als er aufschaut, ist der Mann um die Ecke gebogen und befingert das Brot. Ohne Handschuh. „Lan, wie eklig“, denkt Ahmed. Greift sich eine Cola und überholt den Mann auf dem Weg zur Kasse.

„Hallo, einen Moment bitte. Darf ich mal sehen, was Sie da in der Tasche haben?“ „Lan, ey, hab ich gewusst. Bist du Rassist oder  was?“ Aber der Discounter-Detektiv beachtet Ahmed gar nicht. Breitbeinig hat er sich vom dem Mann im Nadelstreifenanzug aufgebaut. Als dieser wortlos an ihm vorbeigehen will, reißt er ihm den Trenchcout vom Arm. In der jetzt nicht mehr versteckten Hand hält der Mann eine Flasche Champagner, und in die Armbeuge geklemmt ein Brot. „Das Brot ist von gestern“, sagt der Mann, ohne sich um einen semantischen Zusammenhang zu bemühen.

„Das gibt jetzt ne Strafanzeige. Kommen Sie mal mit ins Büro, ich rufe derweil die Polizei“. Der Detektiv zückt sein Telefon.

Was dann passiert, kapiert Ahmed selber nicht. Er steht quasi neben sich und schaut sich zu, während er den Fünfzig- Euro-Schein, den er nach der Schule zu Onkel Ali bringen soll, rausholt, zu dem Mann geht, sagt: „Papa ey, du sollst doch nich immer weglaufen. Komm, gib mir das mal zum Bezahlen. Du weißt doch, Mama gibt nur mir Geld.“ Und dann, zum Detektiv und in die ganze Ladenrunde: „Mein Papa is dämlich, also dem…dement. Sorry, hab nur kurz mit nem Kumpel telefoniert, da is er mir abgehauen.“

Der Detektiv ist so verblüfft, dass er den Mann losläst. Die Kassierin tippt Champagner und Brot ein, Ahmed zahlt und schiebt den Mann vor sich auf die Straße. Da stehen sie. Ahmed starrt in das ungesund blasse Gesicht mit den tiefen Augenringen und den geplatzen Äderchen auf Nase und Wangen. Auf den zerrissenen Hosensaum und den Riss im Schuh. Der Mann starrt zu Boden.

„Ts – was n Scheißland, was Scheißtypen“, sagt Ahmed und geht. „Nicht alle“, sagt der Mann und geht in die andere Richtung.