MiniKrimi vom 21. Dezember


Todeshappen

Alf trug sein Moleskin immer griffbereit entweder in der Jackentasche oder, falls er auf Reisen war, im Rollkoffer bei sich. Denn die besten Einfälle kommen unbemerkt und schleichen sie auf leisen Sohlen schnell wieder davon, wie professionelle Einbrecher, davon war er überzeugt. Eigentlich hatte er nur seinem Ärger über den Service und das kalte Essen Luft machen wollen. Vielleicht auch seinem Frust über das verpatzte Wiedersehen mit Carla. Oder vor allem. Tatsache ist, dass aus den zwischen versalzenen Horsd’oeuvres und dem von einer schlecht gelaunten und noch schlechter ausgebildeten Aushilfs-Bedienung lauwarm auf den Tisch geknalltem Hauptgang auf eine Moleskin-Seite gekritzelten Notizen aus Beststeller wurde. Der erste große Wurf, sogar. Ein Gourmet-Krimi, der Alf von den untersten Regalen billiger Bahnhofs-Büchermarktketten in die Primezone renommierter Buchläden katapultierte.

Alf signierte, Alf las, Alf dinierte – auf Kosten von Verlegern und Restaurateuren, die sich im Schatten seines Romans etwas Ruhm erhofften. „Alf P. hat bei uns gespeist, es hat ihm vortrefflich gemundet, sein Moleskin lag die ganze Zeit geschlossen neben seinem Teller. Nachdem auch die dritte Auflage von „Mord aus kulinarischen Motiven“ vergriffen war, arbeitete Alf an einer Fortsetzung mit dem Arbeitstitel „Rache ist Blutwurst“. Dafür schlug er sich durch die Imbissbuden der Nation. Warum, das wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht war er die vielen Sternemenüs leid, die er, wenn auch kostenfrei, hatten kosten müssen. Vielleicht hoffte er aber auch, bei seinen Streifzügen durch die Stehgastronomie Carla wieder zu treffen, die als Kommissarin sicher an irgend einem dieser Stände  irgendwo in Deutschland ihre mittägliche Currywurst verzehrte – denn diese Essgewohnheit hatte Alf aus den unzähligen Krimiserien im deutschen Fernsehen verinnerlicht.

Und so stand er nun an einem regnerischen Wintertag am Mainkai unter einem triefenden Sonnenschirm mit „Bindung-Bier“-Werbung, starrte auf die Frankfurter „Mainhatten-Skyline“ und sinnierte darüber, wie er seinen Buchtitel mit der Standard-Speisekarte einer Imbissbude in Einklang bringen konnte. Denn leider hatte er bislang keine gefunden, die außer Curry- und Rot-, Thüringer und grober, ja sogar Veggiebratwurst auch Blutwurst im Angebot hatten.

Zu blöd, dachte Alf. Zückte sein Moleskin und schickte sich an, die Imbissbude am Mainkai in bösen Stichworten zu verewigen. Matschige Pommer, ein Haar im Curry. Dass es sein eigenes war, kümmert ihn wenig. „Alles gut, der Herr?“, säuselte die ölige Stimme des Budenbesitzers zu ihm herüber. „Wolle Se ’n Schnäppsche zum Runnerspüle?“

Alf dreht sich halb zu dem dreisten Mann um. Offenbar wusste der nicht, wen er da vor sich hatte. Oder doch? „Komme Se, Herr P“, sagte der Mann doch jetzt und kam mit einem Schnapsglas in der Hand aus seinem Wagen zu Alf an den Stehtisch. „Den werde Se brauche, dann tut des net gar so weh, in Ihre letzte Minute“. Gerade als Alf anfangen wollte, sich zu fragen, was der Mann mit diesem kryptischen Satz wohl meinen könnte, traf die erste Schmerzwelle seinen Magen wie eine Attacke mit japanischen Küchenmessern.

Alf zuckte zusammen, krümmte sich und sackte schließlich am Tisch hinab in den schlammigen Boden. Regen fiel kühl auf seinen plötzlich glühend heißen Nacken. „Nur damit Se wisse, warum Se jetzt den Löffel abgebbe“, fuhr der Imbissbuden-Besitzer in freundlichem Plauderton fort. „Nach Ihrem Buch hat bei mir keiner mehr esse wolle. Nach em halbe Jahr war isch pleite. Die Imbissbude is alles, was isch noch hab, als Existenz. Und jetzt wolle Sie mir die anoch wegnemme? Ebbe reischts.“

Das letzte, was Alf aus seinem Autorenleben mitnahm, war der Geschmack nach ranzigem, mit Blausäure vermischtem Fett im Gaumen.

MiniKrimi vom 20. Dezember


Pünktlich zum 4. Advent hier der Krimi meiner KSB-Autoren-Kollegin Sabrina Moriggl. Viel Spaß beim Lesen – und immer schön vorsichtig mit der Deko, gell?!

Advent, Advent, ein Grablicht brennt

Patricia Holgerson blaues Etuikleid wies ebenso wenige Falten auf, wie das dezent geschminkte Gesicht. Passend zu den hochgesteckten Haaren trug sie eine Halskette, deren Perlen im Ton ihrer manikürten Fingernägel schimmerten. Am Finger der Verlobungsring ihres Geschäftspartner Peter Weiß. Holgerson & Weiß war auf dem besten Wege eine renommierte Anwaltskanzlei zu werden. Die Mandanten wuchsen ebenso wie der Kontostand. Durch die verdoppelte Arbeit stellte Peter eine Hilfskraft ein. Slanka kam aus Slowenien, sprach gebrochen Deutsch und erwies sich als Engel. Sie war nicht nur schnell und sorgfältig, sondern auch diskret und engagiert. Nie gab es Probleme mit ihr. Bis sie im Keller die Box entdeckte und auf den Empfangstresen abstellte. »Chefin, schauen!«, rief Slanka begeistert und zog eine weiße Plastiktannengirlande aus der Kiste. Patricia Holgerson unterdrückte ihren Brechreiz. Sie fand die Weihnachtsdeko schon immer scheußlich, doch Peters Vater liebte diesen Kitsch. Blinkende Lichter, röhrende Elche und vom Balkon abseilende Weihnachtsmänner. Patricia Holgerson brauchte drei Jahre um diesen Müll aus der Kanzlei und ihren Schwiegervater aus dem Leben zu verbannen.

Slanka hängte einen Nikolauskopf mit schwarzer Sonnenbrille an die Eingangstür, als Peter ins Büro trat. Er warf seiner Verlobten einen fragenden Blick zu. »Ich dachte, du hasst Vaters alte Deko.« »Du ahnst nicht wie sehr.« »Oh Chef!«, lachte Slanka und hielt einen Strauß roter Weihnachtssterne empor »Weihnachtsschmuck schön. Schmücken ein bisschen hier, ja?« Peter zwinkerte seiner Verlobten zu und nickte. Schließlich war ja Weihnachten. Wenige Stunden später steckte Patricia Holgerson ihren Kopf aus dem Büroraum. Ihr Atem stockte. Dort, wo am einst kühle Eleganz herrschte, tobte nun ein Orkan in schrillen Rot-, weiß-, und Goldtönen. Blinkende Neonlichter explodierten in Blau, wechselten ins Grüne und wichen ins Violette. »Ach komm, so schlimm ist es doch nicht.«, beschwichtigte Peter seine Verlobte und erntete einen giftigen Blick.

Patricia Holgerson versuchte Slanka verständlich zu machen, dass sich das Image einer seriösen Kanzlei nicht mit einem ‚Jingle Bells‘ singenden Fisch an der Wand vereinbaren lies. »Slanka, das muss weg!« »Ah, Chefin – ich verstehe.« Patricia Holgerson zweifelte, dass die Hilfskraft verstand, was sie meinte. Aber Slanka nickte eifrig und beharrte »Ich weiß, ich weiß. Chefin nicht gefallen. Ich mache anders.« Am Abend stand Patricia Holgerson vor einer mit Lametta und Christbaumkugel behängten Yuccapalma. »Besser?«, fragte Slanka und lächelte. Patricia Holgerson seufzte. Sie erkannte aussichtslose Fälle und die Akte Slanka musste umgehend geschlossen werden. Für immer. Als Peter Weiß am nächsten Tag die Kanzlei betrat, fand er die Räume wie eh und je stilistisch auf ein Minimum reduziert vor. Nichts wies mehr auf das kurze Weihnachtsinferno vom Vortag hin.

Wo ist Slanka?«, fragte er. »Sie musste uns leider verlassen.« »Wieso denn das?« Patricia Holgerson musterte ihre Hände, einer ihrer Nägel war abgebrochen. Außerordentlich ärgerlich. »Ach, unüberwindbare Differenzen.« »Aha«, murmelte Peter und zog seinen Mantel aus. Patricia Holgerson erstarrte. Um den Hals ihres Verlobten hing eine abscheuliche Krawatte, auf der ein dreidimensionaler Schneemann aus Watte  winkte. Patricia Holgerson straffte ihre Schultern und zog eine Schere aus ihrer Schreibtischschublade. Manche Dinge durfte man nicht zulassen. Schließlich war sie eine Frau mit Stil.

MiniKrimi vom 19. Dezember


Eine falsche Perle

„Ella, du siehst fantastisch aus“. Monique tut nach außen hin begeistert, innerlich nagt die Eifersucht. Ihre „Freundin“ Ella war normalerweise notorisch gestresst, mit immer leicht zerzausten Haaren und dem gewissen Etwas, das ihre Kleidung unordentlich aussehen ließ, unabhängig davon, ob sie von Kenzo oder Prada war. Ein abgerissener Knopf, ein herunter getretener Saum, ein Fettfleck auf der Brust. Aber heute steht sie vor Monique und Babsi und strahlt vor Ruhe und Perfektion. Alles an ihr sitzt und passt. „Mädels“, ihr glaubt es nicht. Ich habe die perfekte Hilfe gefunden. Seitdem klappt bei uns einfach alles.“ Ella schlägt die Beine elegant übereinander und bestellt ein Glas Champagner. Für alle. „Ich geb ne Runde aus“, sagt sie und berichtet von ihrer neuen Perle. Sie ist zu gut, um echt zu sein, denkt Monique, und zur Eifersucht gesellt sich auch noch Neid. Dora putzt und bügelt, wäscht und kocht, räumt auf, kauft ein. Und ganz nebenbei hat sie noch den chaotischen Terminkalender von Mike, Elias Mann, auf Vordermann gebracht. „Ohne sie könnten wir gar nicht mehr leben“, lacht Ella. „Und wo ist Dora jetzt?“, fragt Monique. „Das ist das allerbeste,“ erklärt Ella. „Gestern Abend wurde Mike doch tatsächlich von der Polizei angehalten, als er schnell im Auto Zigaretten holen wollte. Als hätten die den siebten Sinn. Mike trinkt ja sonst nie etwas. Aber Dora hatte so einen tollen Punsch gemacht. Egal, jetzt fährt sie ihn ins Büro, als Sühne, sagt sie.“

„Hast du keine Angst, dass Dora mit Mike mehr als nur Auto fährt?“, fragt Monique, und ein hämisches Lächeln spielt um ihrer aufgespritzten Lippen. „Ach was, Dora ist mindestens so alt wie Mike, und außerdem ist sie fett und hässlich. Fast so wie seine Ex. Nein, da besteht keine Gefahr.“

Die Freundinnen schlürfen genüsslich den Champagner und schauen dabei den jungen Burschen hinterher , die vor dem Straßencafé auf und ab gehen. „So macht das Leben Spaß“, seufzt Ella.

Da klingelt ihr Handy. „Hallo?…. Ja…. Jaja, das ist mein Mann. Was? Oh mein Gott!“ Unter dem Make-up wird Ella kreidebleich. „Das war die Polizei“, sagt sie. „Mein Mann hatte einen Unfall. Er ist tot.“ „Und Dora?“ „Dora? Von der haben sie kein Wort gesagt.

Mühelos hat sie mit Mikes Kreditkarte einen Wagen bekommen, ihn am Flugplatz abgestellt und einen Last-Minute-Flieger auf die Bahamas gebucht. Seine Unterschrift kann sie immer noch täuschend echt nachahmen. Die schwarze Perücke und die Polster unter ihrer Kleidung hat sie in einem Schließfach hinterlegt und den Schlüssel in den Fluss geworfen. „Du hast gedacht, du könntest mich einfach so verlassen, nach zwanzig Jahren Ehe? Und dann mit so einer dummen Schlampe wie dieser Ella? Ich hab von dir gelernt, mein Lieber. Rache ist süß. Danke, dass du mir auch noch den Tresorcode im Keller gesagt hast, aus reiner Faulheit“, denkt Gina Dora McDaniel. Und trinkt einen kräftigen Schluck Whiskey auf den Tod ihres Ex-Mannes Mike, während ihr Flugzeug der Sonne entgegen schwebt.

MiniKrimi vom 18. Dezember


Dieser Krimi wurde von meiner IsarChillies-Kollegin Kathrin Schubert geschrieben. Er ist spooky und thrilling zugleich. Viel Spaß beim Lesen!

 

Rabenkrähe1

Die Krähe

Die Krähe landet auf einem Baum wenige Meter vor mir. Hüpft von Ast zu Ast und krächzt dabei so engagiert, dass ich stehen bleibe. Vielleicht gefällt ihr das – jemand hört ihr zu. Sie starrt zu mir herunter und ich starre zu ihr hinauf. Die Krähe auf dem Ast vor mir wird immer lauter, schreit sich geradezu die Seele aus dem Leib. Dann flattert sie auf und verschwindet über den Dächern der Wohnblocks am Isarkanal. Bevor ich es weiß, fasse ich in meine Manteltasche: Der Schlüsselbund fehlt.

Sicher ist Britt um diese Zeit zu Hause, dann komme ich wenigstens rein. Britt Kristensen. Meine ominöse Mitbewohnerin. Alleine zu leben, kam mir seltsam vor nach der Trennung von Daniel. Und irgendwer musste den zweiten Teil der Miete zahlen. Ich habe Britt vor einem halben Jahr über eine Chiffre-Anzeige kennengelernt. Sie ist die perfekte Mitbewohnerin: single, ordentlich, und still. Wirklich grabesstill, fast schon beunruhigend: Kein Laut dringt durch ihre Tür in der eigentlich hellhörigen Wohnung.

Arbeit-Fernsehen-Schlafen scheinen ihre Tage zu strukturieren. Wir haben nie zusammen Freunde getroffen. Mein Telefon nutzt sie nicht, nur ihr Handy. Wie verbringt sie ihre Tage? Was arbeitet sie eigentlich? Woher kommt sie? Wie lange wohnt sie schon in München? Erst bei diesem Spaziergang fällt mir auf, dass ich rein gar nichts über die dürre, nervöse Frau weiß, mit der ich seit Monaten mein Zuhause teile. Meinen bisher zermürbendsten Lebensabschnitt haben in letzter Zeit mein Scheidungsprozess und eine gleißende Wut bestimmt. Ich habe bis zur Besinnungslosigkeit gearbeitet. Nur nicht zur Ruhe kommen, nur nicht nachdenken, den Schmerz und die Demütigungen irgendwie verdrängen.

Britt ist mir ein Rätsel – aber keine unangenehme Person. Und in diesem Jahr habe ich einfach keine Lust auf „Happy-family“-Theater am Heiligabend. Deshalb schlug Britt vor, wir könnten zu Zweit zu Hause „feiern“. Ich kann mir zwar noch nicht vorstellen, wie wir zusammen kochen und „Oh du Fröhliche“ am vertrockneten Adventskranz singen. Bis jetzt ist sie immer nur in die Küche gehuscht, wenn ich nicht da war. Sie frühstückt nicht und kocht nie. Aber versuchen kann man es.

Jedenfalls wird es höchste Zeit für mich, wieder neuen Mut zu fassen! An diesem klaren Wintertag beginnt mein neues Ich, zu leben – wenn mich die Krähe dieses Mal verschont, denke ich halb belustigt, halb ängstlich. Ich beschließe, gleich nett mit Britt zu plaudern, sie auf ein Glas Wein einzuladen. Vielleicht hat sie etwas auf dem Herzen, traut sich aber nicht, darüber zu sprechen? Vielleicht ist sie einsam oder depressiv? Mit diesem lächerlich-gutmenschlichen „Jeden Tag eine gute Tat“-Gedanken mache ich mich beschwingt auf den Heimweg. Und versuche dabei, nur wenigen Weihnachtsfanatikern zu begegnen, die eine Lawine von Geschenktüten durch die Stadt jagt.

Doch irgendetwas stimmt nicht in meiner Wohnung. Alle Lampen sind an, obwohl es noch hell ist. Hinter meinen Fenstern bewegen sich schnelle Schatten. Britt hat nie Besuch! „Sind Sie Frau Hesse?“ Ich spüre einen scharfen Blick im Rücken und drehe mich um. „Ja, das bin ich. Was machen Sie in meiner Wohnung? Wo ist meine Mitbewohnerin?“ Der Polizist mustert mich skeptisch. „Was reden Sie da? Sie wohnen hier doch offensichtlich allein.“ Ich ging durch die Wohnung. Alles verlassen, als habe Britt nie existiert. Meine Möbel standen wieder so wie vor ihrem Einzug. Sogar die eingemotteten Vorhänge hingen. Ihr Zimmer war wieder mein altes Bügelzimmer. Im Bad keine Spur einer anderen Person. Keine zweite Zahnbürste, kein verhasster Zahnpastarand am Waschbecken. Nicht ein einziges Haar hat sie hinterlassen. Wie ein Spuk.

Eine schockierende Hinterlassenschaft entdecke ich allerdings im Briefkasten, den wir mangels Schlüssel aufbrechen müssen. Ein ganzer Haufen von Briefen prasselt auf den Boden. Ich traue meinen Augen kaum: Mahnbescheide, Vorladungen, Mitteilungen des Gerichtsvollziehers, Anwaltsschreiben! Papierne Hiobsboten, die der Briefträger mit professioneller Gleichgültigkeit täglich eingeworfen hatte. Die Beamten sehen zufrieden aus. Süffisant belehrt mich einer „Können Sie sich jetzt denken, warum wir hier sind? Ihre Gläubiger haben die Geduld verloren. Und den Gerichtsvollzieher wollten Sie ja nicht reinlassen – jetzt hat er sich Verstärkung geholt.“

Britt öffnete immer den Briefkasten. Warum ließ sie die wichtigste Post drin? Dieses Mahn-Drama habe ich ihr zu verdanken. Und den Besuch der Beamten – denn ich habe ganz sicher mit keinem Gerichtsvollzieher gesprochen bzw. ihn nicht reingelassen. Es gibt nur eine Erklärung für diesen Schlamassel: Ich habe Britt – wenn sie denn nicht nur in meiner Fantasie existiert – einmal meine Kreditkarte für eine Bestellung geliehen. Die Nummer muss sie sich notiert haben. Natürlich waren alle Rechnungen an mich gerichtet. Sie hat Dinge bestellt und sich zu einer Paketbox liefern lassen, die nicht in meine Lebenswelt passten. Teures wie Schmuck und Designermode (die sie nie trug), und völlig Überflüssiges aus dem TV-Shopping. Und keine der Rechnungen war bezahlt. Britt Kristensen ist eine Hochstaplerin, die jetzt wahrscheinlich schon woanders anonym ihr Unwesen treibt. Und ich bin über alle Maßen verschuldet.

Im Bad öffne ich das Fenster und ringe nach Luft. Eine seltsam kühle Stille beherrscht den Hof. Unheilbringend. Dann nehme ich einen schweren Flügelschlag wahr. Mit einem wütenden Kreischen schießt mir pfeilschnell eine Krähe entgegen. Das Fenster schließe ich in letzter Sekunde und sehe das Tier an der Scheibe verenden. Sein silbrig-schimmerndes Gefieder färbt sich rot. Fest umklammert im Schnabel glänzt… mein Schlüsselbund!

MiniKrimi vom 17. Dezember


Raunächte

Es ist viel zu warm für Mitte Dezember. „Wir werden wohl kaum eine weiße Weihnacht bekommen“, denkt Luzia. Und hat eigentlich gar keine Lust auf Weihnachtseinkäufe. Vom Regenschirm tropft es auf ihren Mantel, stetig, wie um ein Loch hinein zu höhlen. Schon zwei Mal sind eilige Passanten mit ihr zusammengestoßen, Männer, natürlich, den Blick fest auf den Boden geheftet, den Kopf wie ein Corrida-Stier nach vorn gebeugt. Luzia tippelt auf ihren Stilettos unsicher über das glänzende Kopfsteinpflaster. Gelbes Licht wäscht den Platz und hinterlässt ihn triefend nass und dampfend. Nicht einmal die Lampen in den Schaufenstern und kleinen Lokalen dringen durch den Winternebel. Es ist noch nicht einmal fünf Uhr, und schon hat Dunkelheit die Stadt erobert. Vor dem Schaufenster ihres Lieblingsladens bleibt sie stehen.Der  Kerzenständer, den sie im Vorbeigehen gesehen hat, steht noch in der Auslage. Die rostbraunen Silhouette einer feinen Dame, in den Händen hält sie einen Teller, gerade groß genug für eine Kerzenminiatur.

Das ist das richtige Geschenk für Feria. Das einzige Geschenk. Feria ist ihre beste Freundin. Genau genommen ihre einzige. Und das genaue Gegenteil von ihr. Luzia ist schüchtern, Feria eine Draufgängerin. Luzia ist alles außer eitel – Feria achtet sehr genau auf ihr Äußeres. Im Gegensatz zu Luzias blonden Locken sind Ferias Haare glatt und glänzen schwarz. Luzia liebt die Sonne, und Feria die Schatten. Selten geht sie vor der Dämmerung aus dem Haus und ist dafür die ganze Nacht auf Achse. Luzia dagegen treibt es mit dem ersten Licht gleich aus den Federn. Und abends ist sie müde. „Wir ergänzen uns perfekt“, denkt Luzia oft.

Wenn sie sich beeilt, trifft sie Feria vielleicht sogar noch zu Hause. Der Winter ist ihr Element, und in den Raunächten blüht sie förmlich auf. Luzia bekommt sie selten zu Gesicht, denn Feria verschläft die Dezembertage. Heute morgen war Luzia früher als gewöhnlich wach. Sie saß in der Küche bei einer Tasse Tee, als Feria nach Hause kam. Der Schreckt sitzt ihr noch jetzt im Nacken. Fast hätte sie Feria nicht erkannt. Gesicht und Arme leichenblass, grüngraue Ränder um die roten Augen,  die Haare wirr und stumpf. Sie starrte Luzia an, ohne sie zu erkennen, und stürzte in die Küche. Erst als Luzia sie laut beim Namen rief, blieb Feria stehen, mit ausgestreckten Händen. Aber als Luzia sie in die Arme nehmen wollte, wich sie zurück.

„So kann das nicht weitergehen“, sagte Luzia später, als Feria entkräftet in der Badewanne lag. „Du hast recht. So kann das nicht weitergehen“, stimmt Feria ihr zu. Und ihre Augen brannten. „Du brauchst einfach frische Luft. Und Sonne. Eine Kur, am besten.“ „Ja, eine Verjüngungskur“, murmelte Feria.

Jetzt ist Luzia fast zu Hause. Das holperige Pflaster auf der steilen Gasse ist vom Regen glitschig, und Luzia setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Stockdunkel ist es hier. Nur aus den Fenstern tropfen ein paar Krümel Lampenlicht. Die Straßenlaterne scheint kaputt zu sein. Heute morgen ging sie noch. Kahle Zweige nasser Büsche streifen ihren Arm. Aus dem Park gegenüber dringt die Schwärze auf sie ein. Unheimlich ist es hier. Ein Windstoß fegt ihr Hagel ins Gesicht und macht sie blind. Sie hält sich schützend das Paket mit Ferias  Kerzendame vor die Augen.

„Luzia“, flüstert es. „Luzia, komm her. Es tut nicht weh. Ich brauche dich. Und du kannst ohne mich doch auch nicht leben. Also lebst du jetzt in mir. Und ich in dir.“

Am nächsten Morgen steht eine schöne junge Frau am Fenster und saugt hungrig den Sonnentag in sich hinein. Ihre Haut glänzt rosig, und ihre Haare sind von einem schweren dunklen Blond, mit leichten Locken. Luzifer, das wäre doch ein schöner Name, denkt sie und geht spurlos in ein anderes Leben. Die alten Hüllen bleiben liegen.

MiniKrimi vom 16. Dezember


Der heutige Krimi ist eine Gabe von Ina May. Ihre Krimis findet ihr hier: http://www.inamay.de Ina May ist Mitglied der Autorinnenvereinigung und schreibt Krimis, Romane, Kinder- und Jugendliteratur – und Spiele.

 

… und dann bist du tot

Nina war erst vor einigen Wochen wieder in ihre Heimat gezogen, hatte Berlin, die Großstadt mit Vergangenheit hinter sich gelassen, und war an den Ort ihrer eigenen Vergangenheit zurückgekehrt.

Es gibt Straßen, die einem unangenehm sind. Man möchte sie nicht befahren und man hat den besten aller Gründe – den Tod.

Schon die Erinnerung daran tut weh, alles in einem sträubt sich und doch muss man genau diese Verbindung nehmen, weil es irgendwann genug ist, sich selbst zu peinigen. Weil es irgendwann genug sein muss.

Seit damals war sie nicht mehr an der Stelle vorbeigekommen. Nina hätte gerne einfach nur Gas gegeben, die Augen geschlossen, bis sie den Ort des Grauens passiert hatte, aber das zählte jetzt nicht mehr. „Reiß dich zusammen!“

Die Dämmerung verdrängte mühelos einen sonnigen Herbsttag. Die Gegenwart wäre bereits morgen wieder vergessen. Wäre es doch nur auch so einfach, düstere Erinnerungen abzuhaken.

Um ein Haar hätte sie das kleine Licht übersehen und blinzelte verwundert. „Nein!“, flüsterte sie. Angst kroch über ihren Rücken und hinterließ dort eisige Kälte. Sie wurde langsamer, nahm den Fuß vom Gas.

Es konnte ein Mädchen sein, das dort aus dem Wald kam. Ein Mädchen mit seinem blauen Fahrrad… „Hör’ auf, hör’ auf!!!“

Doch es war nur der Schein einer Kerze, die unter einem Holzkreuz stand.

Wer war hier verunglückt, wer war gestorben? Das Kreuz sah so neu aus.

Nina kämpfte mit sich; weiterfahren und nicht mehr dran denken oder aussteigen, nachsehen und heute Nacht ruhig schlafen. Was völliger Blödsinn war, sie war froh, wenn sie keine Alpträume quälten.

Später würde Nina sich wünschen, sie hätte nicht angehalten, doch jetzt warf sie einen Blick in den Rückspiegel und fuhr an die Seite.  Sie würde die Autotür  offen lassen und sie könnte die kleine Taschenlampe mitnehmen, die immer im Handschuhfach lag.

Bevor sie sich auf ein wildes Gerangel mit ihren Gedanken über das Für und Wider einließ, stieg sie aus und setzte ihre Füße entschlossen auf den nachgiebigen Waldboden. Unter ihren Schuhen raschelten Blätter.

Nina knipste die Taschenlampe an. Ihr Blick fing zuerst die schöne Holzarbeit ein, bevor er weiterwanderte. In Gedanken bei Dir, stand da auf dem Querbalken. Es sah aus, als hätte jemand die Buchstaben eingebrannt.

Dann erst schaute sie auf den Namen … und das Todesdatum.

Nina Altenbeck

Geb. 26.3.1980

Gest. 24.09.2014

Nina fiel auf die Knie. Der 24.09. Morgen.

Die Autotür stand noch immer offen, die beruhigende Innenbeleuchtung aber wirkte nicht länger beruhigend. Nina sprang in den Wagen, als müsste sie jeden Augenblick damit rechnen, dass eine Hand sie zurückhielt.

Die Lampe sandte ihren Schein über den Boden und verlor sich irgendwo in der Schwärze des Waldes. Nina hatte nicht einmal bemerkt, dass sie ihr aus der Hand gefallen war.

Sie warf nur einen knappen Blick in den Rückspiegel. Die Türen verriegelten sich automatisch, als sie das Gaspedal durchtrat.

Heiße Tränen sammelten sich in ihren Augen und nahmen ihr die Sicht.

Ihr kam ein Wagen entgegen, Nina sah die Scheinwerfer, sie wusste, sie sollte nicht heulen, sonst wäre sie nicht erst am 24.09. tot, sondern jetzt gleich. – Vielleicht war es nur fair, dachte sie. Das Holzkreuz wartete darauf, das Mädchen mit dem blauen Fahrrad wartete darauf …

Aus dem hellen Mittelstreifen wurden plötzlich zwei und Nina wischte sich über die Augen. Jetzt verschwand der Streifen ganz. Sie war auf die Gegenseite geraten.

Die Lichter eines entgegenkommenden Wagens blendeten sie und im letzten Moment riss Nina das Steuer herum – ein Stück zu weit. Es krachte und sie dachte, dass sie doch erst in vierundzwanzig Stunden sterben sollte.

Der Tod war ein Lügner.

 

„Hallo?“ Die Frage drang dumpf und von weither zu Nina. Ihre Hand versuchte den Vorhang beiseite zu wischen, aber da waren lauter Spinnweben in ihrem Gesicht. Sie schrie panisch auf.

„Ganz ruhig, nur dem Auto ist etwas passiert.“

„Ich lebe“, sagte Nina. Na klar, sie wäre ja erst im Laufe des morgigen Tages an der Reihe. Fast hätte sie gelacht.

„Ein Glück“, kam die Bestätigung und Nina schaute in ein freundlich dreinblickendes Männergesicht. „Ich möchte derjenige sein, der dich beim Sterben begleitet.“

Nina glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben.

„Ich habe lange nach dir gesucht. Und dann warst du plötzlich da“, sagte derjenige mit düsterer Erleichterung.

Es war also soweit. Das Bild verfolgte sie seit damals. Das Mädchen mit dem blauen Fahrrad. „Es war ein Unfall“, versuchte sie sich zu verteidigen. „Ich habe sie nicht gesehen. Sie kam vor mir aus dem Waldstück, tauchte plötzlich auf. Es tut mir leid… Bitte…“ Aber Nina wusste, er würde ihr nicht glauben.

„Sie hieß Marie. Du hast meine Tochter dort am Waldrand sterben lassen. Allein.“

Der Tod würde Nina morgen erwarten, sie würde ihn überraschen, denn in ihrem persönlichen Kalender strich sie bereits die Tage ab – der Krebs hätte noch ein bisschen länger gewartet.

MiniKrimi vom 15. Dezember


Dieser Krimi ist den stud. med. gewidmet, die morgen  hoffentlich in B. ihre „Ana“-Prüfung mit Glanz und Gloria bestehen werden, einem davon ganz besonders.

 

Gehirntraining

„Zeigen Sie mal her ihr Rigorosum-Präparat!“ Professor V., schon an guten Tagen ein reizbarer Geist, ist heute sichtbar schlecht gelaunt. Wahrscheinlich hat er verschlafen, in seinem weißen Bart kleben Eigelbtropfen und ein Stück Schale. Er hasst es, früh aufzustehen, und die Studenten müssen heute dafür büßen, dass er den Kollegen M. morgens um acht Uhr im Präparationssaal vertreten muss. Er tritt zu dem Tisch, um den herum drei Studenten ihre Werke betrachten, jeweils eine Portion dessen, was einmal die Denk- und Schaltzentrale eines Menschen gewesen ist. Doch das ist lange her. Der frühere Besitzer – vielleicht war es auch eine Besitzerin – ruht, weitgehend in Einzelteile zerlegt, nicht in Frieden, sondern in Formalin.

Professor V. nähert sich dem ersten Präparat. „Was ist denn das? Und das? Und das?“ Bei jeder Frage macht er einen Schnitt mit dem Skalpell ins Präparat. Noch bevor sich der entsetzte Student von seinem Schrecken erholen kann, ist V. schon beim nächsten. „Schlampig gearbeitet“, schimpft er. Und säbelt drauflos. Die dritte Studentin will ihr Präparat in Sicherheit bringen, aber V. ist schneller. Und so zerlegt er auch dieses in  unbrauchbare Einzelscheiben. „So, und jetzt machen Sie ein neues anatomisches Präparat. Sonst können Sie morgen nicht zur Präparationsprüfung zugelassen werden.“

„Aber Herr Professor“, findet einer der drei endlich die Sprache wieder. „Es gibt keine Leichen mehr bzw. kein Gehirn!“ „Also wissen Sie, es ist mir wirklich egal, wo Sie ihr Gehirn für morgen herbekommen. Lassen Sie sich was einfallen, junger Mann. Sonst fallen Sie eben durch.“ Professor V. rauscht aus dem Raum. Jetzt geht es ihm schon entschieden besser. Während er bei Kaffee und zweitem Frühstück sitzt, fragt er sich amüsiert, wie die armen Studenten wohl bis morgen ein neues Präparat erstellen werden.

Am nächsten Tag ist Professor M. pünktlich zur Stelle, um die Präparationsprüfung für das Rigorosum abzunehmen. Im Saal herrscht gespannte Stille, während er von Tisch zu Tisch geht und die Arbeiten begutachtet.

„Ah, was ist denn das?“ Er steht am Tisch der drei unglücklichen Opfer von Professor V, „Ihre Proben haben eine etwas andere Färbung. Und der Geruch….“ Professor M. betrachtet nachdenklich die Präparate. Aber außer des ungewöhnlichen frischen Erscheinungsbildes kann er rein gar nichts daran aussetzen. „Gut, gut. Sehr gut“, murmelt er und nickt den dreien zu. „Ich denke, Sie haben bestanden.“

Nach dem Ende der Prüfung, als alle Studenten schon gegangen sind, die einen niedergeschlagen und die anderen hoch erhobenen Hauptes, räumt der technische Assistent die Präparate weg und reinigt die Tische. Studenten sind doch alle gleich. Er hat noch nie einen gesehen, der seinen Tisch sauber zurückgelassen hat. Hier liegt sogar noch ein halbes Gehirn. Ist doch schade, es wegzuwerfen. Es sieht so gut aus. Der Assistent trägt es in den Kühlraum. Und siehe da, Unordnung auch hier: eine Kühlzellen-Luke ist nicht richtig verschlossen.

Als der Assistent die Luke öffnet, kippt ihm der Kopf von Professor V. entgegen. Im Barthaar kleben Reste von Eigelb und Schale. Die Schädelkalotte wurde eröffnet, und das Gehirn gewebsschonend entnommen.

 

 

MiniKrimi vom 14. Dezember 2014


Familiengeheimnis

Thea weiß nicht, wie sie hierher gekommen ist. Eben noch kauerte sie auf dem Boden vor ihrer Haustür und kramte vergeblich nach dem Schlüssel in ihrer Handtasche. Und jetzt plötzlich steht sie in einem ihr fremden und gleichzeitig entfernt vertrauten Raum. Ein Ankleidezimmer, ganz offensichtlich. In ordentlichen Reihen hängen altmodische Anzüge und Hemden, gegenüber Kleider im Stil der sechziger Jahre, allesamt schwarz. Pullover und Blusen, Socken und Schuhe, alles säuberlich eingeräumt. Es riecht nach Lavendel und Mottenpulver.

Was mache ich hier, fragt sie sich. Da rascheln die Kleider wie von einem plötzlichen Windstoß bewegt, die Röcke schwingen und die Schuhe klappern mit den Absätzen. Finde die Wahrheit. Tu es für mich. Ein Nerzmantel schüttelt sich heftig, und aus seinen Falten weht ein kleines Foto heraus. Ein junges Mädchen mit frischem Gesicht, roten Locken und einem adretten Dienstmädchen-Häubchen. Das Foto ist schwarz umrandet, so, wie es früher bei Traueranzeigen üblich war. Luise, 19965, steht auf der Rückseite.

Thea öffnet die Verbindungstür zum Schlafzimmer, und da steht sie. Luise. Das Dienstmädchen-Häubchen liegt am Boden, eine Kaskade roter Locken fällt in rhythmischen Schlägen weich gegen ihren rosigen Rücken. Zwei Hände umklammern ihre nackten Pobacken, und ein Schopf braungrauer Haare schmiegt sich an ihren Hals. Ist es das, was ich sehen soll? Ein lautes, befriedigtes Stöhnen, Schopf und Hände lösen sich von dem Frauenkörper. „Zieh dich an und sag meiner Frau, meine Migräne sei besser geworden, dank ihres Kaffees, und dass ich gleich unten bin.“ Der Mann, der Theas Großvater war, geht in’s Badezimmer und erfrischt sein Gesicht mit Wasser und Parfum. Sie erkennt den Duft ihrer Kindertage. Eine Mischung aus Zufriedenheit, Moschus und Tabak.

Im Schlafzimmer zieht Luise sich die Kleider hoch und steckt die Haare unter das Häubchen. Sie geht zum Fenster und macht es weit auf, beide Flügel. Beugt sich hinaus in die Winternacht, hebt das Gesicht zu den Sternen. Was sie wohl sieht? Die unsichtbare Zuschauerin sehe einen Schatten ins Schlafzimmer gleiten. Schwarze Schwingen erheben sich lautlos hinter Luise, und wie von selbst fällt das Mädchen aus dem Fenster. Der Sturz an sich wäre kaum tödlich gewesen, hätte nicht gerade dort eine Sense an der Hauswand gelehnt, die Klinge nach oben gerichtet.

So, denkt Thea. Nun weiß ich also, dass mein Großvater ein Schürzenjäger und meine Großmutter eine Mörderin waren. Und jetzt? Nichts, es genügt, dass es jemanden gibt, der weiß, wie ich wirklich gestorben bin, flüstert der Wind in der Kastanie vor Theas Haustür. Und weht ihr mit einem roten Blätterbüschel den Schlüsselbund vor die Füße.

 

 

 

 

 

MiniKrimi vom 13. Dezember


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Roter Schnee

So ein schöner Schlitten! Naja, was heißt Schlitten. Mit dem traditionellen Kufengefährt, das im Bergwinter oft die einzige Verbindung zur Außenwelt war und zum Leben jenseits eines einsamen Dorfes, hat dieses Highspeed-Geschöpf rein gar nichts gemein. Weder die Form noch den Zweck. Aber seit er in der Stadt lebt, hat Josef, der sich jetzt Joe nennt, ja auch keine einzige Verbindung mehr zu dem Ort, an dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Zumindest denkt er das.

Aber warum ist er dann so versessen auf’s Rodeln? Auch, wenn er den Sprung ins Profilager nie gemacht hat – bei den Amateur-Rennen ist er immer ganz vorne mit dabei, und an Wagemut kann es kaum einer mit ihm aufnehmen. Ob Speedracer oder Airboard, Joe probiert alles aus.

Als er eine Einladung zum in Rodler-Kreisen legendären und allerhöchstens halb legalen Klausberg-Rennen erhält, ist Joe sofort Feuer und Flamme. Dass er damals beim Verlassen von Steinhaus nicht nur den Eltern das Herz gebrochen und sich seitdem bei keinem im Dorf mehr gemeldet hat, ist für ihn kein Argument. Und er verliert nicht einmal einen Gedanken daran, dass sein Auftauchen nach 10 Jahren für Aufregung sorgen könnte.

Er packt seinen neuen High Tech Highspeed-Rodel ein und fährt ins Tauferer Ahrntal. Joe ist kein Romantiker, aber auf der breit ausgebauten Strecke unterhalb der Sonnenburg spielen ihm die Erinnerung Bilder in den Blick, die er längst vergessen glaubte. „Josef und Kathi“ hat er damals  in die Rinde einer Eiche geritzt, am Fuß der Burgruine. Und „4ever“ dazu. Joe hat keine Ahnung, was Katharina nach seiner Flucht aus Steinhaus gemacht hat. Er hatte keine Adresse hinterlassen, nur einen Zettel, auf dem stand: „Ich muss raus. Mir wird hier alles zu eng.“

Und jetzt kommt er zurück. Für eine Nacht und ein Rodelrennen. Plötzlich ist er froh um die Dunkelheit und besorgt, dass ihn jemand erkennen könnte. Er parkt ein ganzes Stück hinter der Talstation und schultert den Rodel. Damit, dass auch ein inoffizielles nächtliches Rennen Zuschauer anzieht, hat er gerechnet. Damit, dass  jemand vielleicht genau mit ihm rechnen und auf ihn warten könnte, nicht.

Das Rennen beginnt. Joe geht an den Start. Die Nacht ist sternenkalt, der Schnee hart wie Kristall und die Luft bitterklar, so wie damals, im Winter vor zehn Jahren. In der Steilkurve hinter der Mittelstation, dort, wo die Piste als Nadelöhr zwischen mächtigen Tannen hindurchrast, hört er sie rufen: „Josef! Bischt wieder da? Jetzt gehscht nimmer fort!“

Ausgerechnet der zehnjährige rodelvernarrte Seppi findet den Schlitten. Er steht auf dem blitzenden Schneefeld, und seine Alukufen funkeln in der Morgensonne. Den Berg herunter von den Tannen her führt seine Spur, rot auf weiß.

Die Leiche von Josef Unterkammer liegt weiter unten im Bach, ein Messer im Rücken.

MiniKrimi vom 12. Dezember


Dieser Krimi ist entstanden als eine Gemeinschaftsproduktion von Olga Maria und mir buchstäblich in den allerletzten Minuten des Tages. 

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann

Freitag Mittag. Max steht an der Bushaltestelle und schaut zum Himmel. Drohende Wolken ballen sich zu dichten Gewitterboten zusammen. Auf der Landstraße fahren vereinzelt Autos vorbei. Ein Opel Corsa. Ein VW Golf. Max schaut ihnen nach und tritt von einem Bein aufs andere, verlegen und unschlüssig. Als sich ein dunkler Mercedes langsam der Bushaltestelle nähert, tritt Max einen Schritt vor, schaut kurz in das Innere, sieht einen Mann am Steuer und macht einen Rückzieher. Der Mercedes blinkt, fährt an den rechten Straßenrand und setzt vorsichtig die fünf Meter zurück. Jetzt hält er direkt neben Max und lässt die Scheibe auf der Beifahrerseite herunter. „Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“, fragt eine dunkle Stimme. Max beißt sich auf die Unterlippe. Er schaut zum Horizont, dort, wo die Landstraße auf der Hügelkuppe den Himmel berührt. Ganz schwarz sieht er aus, wie der Mercedes. Dann spürt Max auch schon die ersten Regentropfen auf seinem Arm.

Er hebt die Schultasche vom Boden auf und nickt. „Na dann steig ein,“ sagt der Mann und öffnet die Beifahrertür. Sie fahren schweigend ins Gewitter hinein. Max schaut den Mann immer wieder verstohlen von der Seite an und ertappt ihn jedes Mal dabei, wie er in sich hinein lächelt. „Wo wohnst du denn?“, fragt der Mann? „Wir sind gleich da. Vorne rechts abbiegen, bitte.“ „Der Mann biegt in den Feldweg ein. Der Mercedes holpert über dicke Steine und tiefe Furchen. „Sind wir hier richtig?“, fragt der Mann. „Ja, wir wohnen hinten am Waldrand. Wenn Sie Angst um Ihr Auto haben, kann ich auch schon hier aussteigen“. Inzwischen fällt der Regen in dicken Tropfen auf die Windschutzscheibe. „Nein, nein“, antwortet der Mann schnell und gibt etwas Gas. „Da vorne, das Haus. Wenn Sie in die Einfahrt fahren, können Sie gleich wenden.“

„Ok.“ Der Mann wirft Max einen langen, prüfenden Blick zu. Er macht den Motor aus. Max will die Beifahrertür öffnen, aber sie ist verschlossen. „Warte, da ist die Kindersicherung drin. Ich komm rüber und mach dir auf“. Er steigt aus und geht um den Wagen herum.

Jetzt steht er an der Tür und sieht Max durch die geschlossene Scheibe an. Er öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen. Aber seine Worte gehen in einem lauten Donner unter. Die Augen weiten sich und seine Hände greifen an die Fensterschreibe, gleiten an ihr herunter. Der Mann geht in die Knie. Blut läuft ihm übers Gesicht. Der Schlag hat gesessen. Max rutscht auf den Fahrersitz und steigt aus. Deniz und Alex beugen sich über den leblosen Körper des Mannes. „Die Brieftasche steckt im Jacket“, sagt Max und fängt systematisch an, Uhr, Ringe und Manschettenknöpfe einzusammeln.

„Das hat sich gelohnt. 5 Riesen in bar. Und die Uhr ist bestimmt auch ganz schön was wert.“ „Und was machen wir mit dem Typen?“ „Den lassen wir liegen. Der sieht aus wie ein Kinderschänder, der seine gerechte Strafe gekriegt hat.“