SMS-Adventskrimi. 19. Dezember: Schiller der Thriller


Weihnachtszeit ist Zweisamzeit. Tim ist es leid, alles alleine genießen zu müssen. Glühwein, Bratwurst und Lebkuchen schmecken geteilt einfach besser. Seit er seinen eigenen Single-Blog hat, braucht er nicht einmal mehr die Online-Börsen zu besuchen. Schon nach drei Kommentaren zu seinen Single-Life-Berichten hat Hot Candy ihn zum Candleligtdinner eingeladen. „Wenn Du Lust auf einen erotischen Abend hast, gerne mit dem Feuer spielst und über Kamasutra nicht nur philosophieren willst – dann komm heut Abend zu mir. Der Schlüssel liegt unterm Blumentopf am Fenster.“ Dazu eine Adresse ganz in seiner Nähe.Wer könnte dazu schon nein sagen? Tim hat noch nie was anbrennen lassen. Außer bei Nora. Die hatte nach seinem letzten Seitensprung nur verbrannte Erde zurückgelassen, in seiner Wohnung. Zum Glück war er gut versichert…

Punkt acht schaut Tim unter den Blumentopf. Dabei zieht er sich prompt einen Kaktusstachel ein. „Kranich“ steht auf dem  provisorischen Klingelschild. Er lacht. „Na warte. Hot Candy, mein Vögelchen“. Im selben Moment geht die Tür auf, und in der eisernen Umarmung einer Angoraunterhose ist Tim schnell seinen letzten Atem los. „Hättest du in der Schule mal besser aufgepasst“. Nora nimmt das Namenschild ab und steigt trällernd über den reglosen Körper. „Sieh da, sieh da, Timoteus…“

SMS-Adventskrimi. 18.Dezember: Spießer contra Dealer


Es ist aber auch sowas von dunkel, heute. Paar Straßenlaternen machen ziemlich Schatten. Bei der Kälte geht niemand raus, am Abend. Die Leute sitzen vorm Samstagabend-Action-TV. Beste Zeit. Zwei Autos fahren in die kleine Seitenstraße. Neuer BMW, alter Mercedes. Idealer Platz.

Vier Typen steigen aus. Kapuzenköpfe mit Arschbaggys und Dockers dran. Gucken sich um. Gegenüber aufm Streetballplatz nur Schnee. Auf der andern Straßenseite Reihenhäuser. Spießerstraße. Alles bingo. Der mit der Baseballkappe schüttelt Ziggis aus der Schachtel. Einer bückt sich hinters Lenkrad, hebt den Kopf, guckt sich um. Die andern schlendern lässig ganz nah ran. Gemurmel. Sie tauschen Päckchen gegen Scheine. Schmeißen die Kipppen auf die Straße. Fahren weg.

Hinterm dunklen Spießerfenster greift sie nach dem Telefon. Pech gehabt, ihr Säcke.

Vorweihnachtslustfrust!


Mal was ganz anderes zwischendurch. Der Krimi kommt später, ist janoch früh am Morgen. Obwohl – am letzten verkaufsoffenen Adventssamstag kann es eigentlich nie zu früh sein, sondern immer zu spät. Schon um sieben hat mich Bayern 5 geweckt mit dem Mahnhinweis, wo ich noch „Last Minute“-Weihnachtseinkäufe machen könne. In Bamberg, nämlich. Leider liegt das gefühlte 200 Lichtjahre von hier entfernt. Und wir sind ja praktisch eingeschneit. Allein bei dem Gedanken daran, dass ich mich mit dem Auto in die Münchner Innenstadt begeben und versuchen soll, eine von den durch Schneehaufen nochmal reduzierten, ohnehin megaknappen Parklücken zu ergattern, wird mir schwarz vor Augen. Und  das trotz des freundlich hereinlachenden Sonnenscheins!

Kaum zu glauben. Die Schneeflocken haben sich zu Eiskristallen auf dem Garten entpuppt. Der Himmel ist wunderschön helltürkis. Die Dächer haben weiße Ringelpullis an und aus den Schornsteinen kringelt sich Friedenspfeifenrauch. An solch einem Tag WILL ich KEINE Weihnachtseinkäufe machen müssen. Nicht zu Fuß, nicht in überfüllten, knobi- und glühweingeschwängerten ÖPNV-Mitteln, nicht im Auto. Und bitteschön auch nicht im Internet, wo ich eine unendliche Datenspur hinterlasse, die nur darauf wartet, von fishing-Trailern aufgenommen zu werden.

Was will ich, heute? Mit meinem alten weißen Hund spazieren gehen. Mit meinem Sohn eine Schneeballschlacht machen. Plätzchen backen und dabei Punsch schlürfen, danach. In ein Konzert gehen! DAS ist Weihnachtsvorfreude. Und all das soll ich erst NACH Weihnachten wieder dürfen? Ja wo samma denn?

Weihnachten wird überbewertet. Beschließe ich. Weihnachten ist einfach die Erinnerung an ein zentrales christliches Ereignis. Das feiere ich gerne. Aber den ganzen Glitzerschotter drumrum will ich nicht! Schluss damit!

Das Telefon klingelt. Mein Sohn. Er fährt jetzt los und holt mich in einer halben Stunde ab, um die Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Er WILL sich mit der Parkplatzsuche plagen. Wofür hat er seit einem Monat den Führerschein? Und ich?

Schaue nochmal aus dem Fenster. Seufze in die Sonne. Und schreibe ergeben meine Einkaufsliste…… WÄÄHHHHHH!

SMS-Adventskrimi. 17. Dezember: Diamonds are the girls best friends!


„Wir unterbrechen unsere Sendung für eine wichtige Mitteilung der Polizei. Vor wenigen Minuten ist aus dem Auktionshaus Wagner und Brand in München eine Sonderkollektion von Uhren der Marke Prolex gestohlen worden. Es handelt sich um die einzigen 10 Exemplare des Modells Eisbär mit 1,50 Karat Diamanten. Der Täter war ein Auktionsgast. Sein Komplize floh der Witterung angepasst mit der Beute in einem Streusalz-Eimer auf Skiern.“

Achja, dachte Giada. Da brauche ich sicher nicht lange auf Besuch zu warten. Ihr Mann Jaspis hatte in einschlägigen, polizeibekannten Kreisen den Spitznamen weißblauer Panther, eine Hommage an den Juwelendieb. Kommissar Mayer war kein Clouseau. Als die Hausdurchsuchung nichts ergab, musste Giada sich sogar ausziehen. Bis auf den BH! Unverrichter Dinge und mit zornrotem Gesicht verzog sich Mayer schließlich. Und Giada widmete sich wieder der Herstellung ihrer selbstgemachten Tortellini. Die Spezialfüllung war und blieb Jaspis‘ und ihr funkelndes Geheimnis……

SMS-Adventskrimi. 16. Dezember: Falscher Film?


So langsam wird’s langweilig. Immer noch Flockenwirbel. Das Thermometer klettert nicht über Null Grad. Himmel und Erde verlaufen. Das wird nicht besser, denkt Fred. Da bleibt nur noch, die restlichen Jahrestage zu versaufen. Moni vom Isarkiosk hat ein weiches Herz. Oder das Gegenteil. Wie man’s nimmt. Fred nimmt es leicht. Und trottet mit dem Jägermeister und einem Extra Pappkarton Richtung Brücke.Keinen Bock auf Schlafsaal. Da darfste kein Alk reinschmuggeln und wenn doch, musste wachbleiben, sonst klautn dir einer.

„Grüß Gott, Moni. Hast du den Fred gesehen? Er ist gestern nicht zu uns in die Unterkunft gekommen…“ „Naa, Pater Jakob, heit no ned. Gestern amd hob i eam no an Jägermeister geschenkt, nachad isser ab unter die Brückn.“ „Mensch, du sollst ihm doch keinen Alkohol schenken. Ich hab hier nen Brief für ihn. Vom Anwalt. Hab ihn aufgemacht. Sein Vater in Berlin ist gestorben. Hat ihm eine Villa vermacht und einen Haufen Geld.“

„Fred? Fred, hallo?“ Die Gestalt unterm Pappkarton rührt sich nicht. Von den blauen Lippen tropfen kleine Eiszapfen im Morgenlicht.

SMS-Adventskrimi. 15.Dezember:Eingeschneit!


Es schneit. Seit Stunden rieseln Kristalle leise, sanft und unaufhaltsam aus dem Wolkengrau. Horizont und Himmel sind zu einer blassen Wand verschmolzen, die hohen Gartentannen tragen dicke Pelze aus kaltem Weiß. Sie schaut aus dem Fenster. Die Welt hat ihre Farben verloren. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, stanzt eine rote Bommelmütze aus dem Einheitsschnee,  der ihren Blick erfüllt. Erst halb fünf. Und kein Mensch ist unterwegs. Eingeschneit. Sie ist allein.

Das Haus ist mäuschenstill. Es hält den Winteratem an, als wäre jeder Ton schon ein Verlust an Wärme. Kein Kinderlachen. Tom bleibt in der Stadt. Die Zwillinge bei Oma. Sie trällert, um die Leere zu zerschneiden. Vertraute Winkel werfen unheimliche Schatten.  Eingeschneit. Sie bleibt allein.

Die Stille flüstert. Knarrt. Etwas fällt um. Im Keller. Sie schaut hinaus. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, sickert in leeren Schnee auf frische Spuren Richtung Haus. Sie greift zum Telefon. Kein Ton. Eingeschneit. Nicht mehr allein……..

 

SMS-Adventskrimi. 14.Dezember: Knusper, knusper, knäuschen…


…wer knuspert an meinem Häuschen? Die Bank. Obwohl sie schon ein Dach überm Kopf hat  – und was für eins auf was für einem Wasserkopf! -, will sie mir meines unterm Hintern wegreißen. Staaten verleiht sie Milliarden, Firmen Millionen. Zinsen? Gestundet bis zum Sankt Nimmerleinstag. Meine paar Kröten aber muss ich Monat für Monat abstottern, und wenn’s mal nicht geht, einfach nicht geht, nein, dann schicken sie mir die virtuellen Kofferpacker durch den Briefschlitz.

Na wartet, Freunde. Freunde?! So, noch ein Klick. Sind Sie sicher? Ja. Todsicher. Bitte bestätigen Sie. Aber gerne doch. Transaktion abgeschlossen. Danke sehr! Kinder, deckt schon mal den Tisch! Jetzt gibts Essen. Mama musste nur noch schnell was hacken…

SMS Adventskrimi. 13. Dezember: Dicke rote Kerzen


„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft….“ Sehr schön. Lass sie nur singen. In dicken bunten Stoffklumpen stehen sie um die Krippe herum, als gäbe es was umsonst. Auf die Ohren, ja. Aus der Konserve rieselt Weihnachtsmusik auf die Kunden herunter, unaufhörlich, wie überzuckerter Schnee. Seit Wochen schon. Wann hat er zuletzt in das Licht einer Kerze geschaut? Mit neun, kurz bevor seine Mutter den Job im Altenheim verloren hat. Rücken kaputt, Kopf kaputt, arbeitslos, Hartz IV. Seitdem flackern die Kerzen nur noch über den Bildschirm, daheim. Geschenke? Kein Geld. Gute Laune kommt nur noch vom Bier. Gute Worte gibts von den Leuten auf den Ämtern. Arbeitsamt. Sozialamt. Schulamt. Und Gutscheine. Geändert haben sich nichts. Aber er. Jetzt. Auch dieses Jahr wirds keine Kerzen geben. Keine Geschenke. Keinen Baum. Keinen Braten. Nicht für ihn. Aber auch nicht für die Leute da vorne, rund um die Dekokrippe. Er packt die beiden Mollys aus – seine Weihnachtsbastelei!

„Oh – du hast aber eine große Kerze! Aber meine brennt schon. Hier, schenk ich dir!“ Eine kleine Hand, eine winzige rotrunde Kerze. Ein Schneeflockenlächeln. Er packt die Mollys in den Rucksack und nimmt das flackernde Teelicht aus der Kinderhand. „Pass auf, dass sie nicht ausgeht, bis du daheim bist.“

SMS-Adventskrimi. 9. Dezember: Frisch gebacken.


„Schatz! Sorry –  Stefan. Wir sind doch erwachsen. Manchmal entwickeln sich Menschen eben auseinander. 20 Ehejahre sind ne lange Zeit. Wir sind beide nicht hübscher geworden. Du auch nicht! Und ehrlich, erstens sind die Kids aus dem Gröbsten raus. Zweitens glaube ich nicht, dass es ihnen Spaß macht, mit zwei Eltern zu leben, die sich nur noch auf dem Weg ins Bad oder zum Kühlschrank zufällig begegnen und sich außer Fragen wie : Wo ist die Butter? nichts mehr zu sagen haben.

Die Jungs und ich finden schon ne Wohnung. Klar, ich hänge an dem Haus. Aber wenn du es verkaufen willst….

Ich weiß, du musst los, deine Freundin wartet. Ich bin nicht eifersüchtig! Schau, ich hab euch extra deinen Lieblingskuchen gebacken, zum „Einzug“……. Ciao, Und lasst es euch schmecken!“

Der SMS-Adventskrimi. 7 Dezember: Schneekönigin 2010


Rotglänzend und unübersehbar steht er vor dem Brandenburger Tor. 570 Pferde ziehen ihren Schlitten. Sie ist die Königin des Winterplatzes. Weißer Nerz spielt mit den Lichtern auf den schwarzen Locken, zarte Flocken tupfen ihre Wimpern.

Zu schön für einen Einzigen. Ihr warmes Lächeln nährt in Tausend Augenpaaren heiße Glut. In geiler Lust umtanzen sie die Objektive. Schießen sie rund um den Globus.

Sie findet ihn hinter der Blitzlichtmauer, Verlangen in der blassen Hand. Mit abgewandtem Blick kredenzt er ihr den schmalen Kelch. Sieg und Verlust in einer letzten reichen Geste. Ein Schluck nur und ihr Bild gehört ihm ganz allein.