Born 2 die and buried 2 live


SchlainingWir reden viel über selbstbestimmtes Leben. Wir tun alles, um Menschen die Möglichkeit zu geben, so zu leben, wie sie es sich vorstellen. Wie sie es sich wünschen. Aber was tun wir, damit die gleichen Menschen selbst bestimmt sterben können?

Mit dem ersten Atemzug beginnt unser Weg Richtung Tod. Wir haben viel Zeit, und darauf vorzubereiten. Ein ganzes Leben lang. Doch wir verdrängen die Beschäftigung damit, wie wir sterben werden. Aus Angst vor dem Tod. Dabei ist das eine unausweichlich, das andere aber gestaltbar. Kein menschliches Wesen kommt ohne Hilfe auf die Welt. Wie viele sterben Tag für Nacht isoliert in Krankenhäusern, einsam im Altenheim, alleine daheim? Das Aufheben, das wir um ein neues Menschenkind machen, verhält sich umgekehrt proportional zu der Aufmerksamkeit, die wir ihm bei seinem Abschied zuteil werden lassen. Warum? Der Perfektion des Verdrängens zuliebe?

Ich meine, dass sich die Menschlichkeit einer Gesellschaft nicht an der Art und Weise messen lässt, wie der Weg in’s Leben geebnet, sondern daran, wie der Ausgang gestaltet wird. Beispiele davon, wie Menschen menschlich und menschenwürdig sterben, gibt und gab es überall. Je einfacher die kulturellen Strukturen, desto näher am Menschen sind oft der Rahmen und die Begleitung der Sterbenden. Mit der Höherentwicklung und wachsender materieller Orientierung entfremden sich die Kulturen immer mehr von der Natürlichkeit und der immanenten Verbindung von Leben und Tod, und das Sterben als Tor wird auf vielfältigste Art kaschiert.

Ideen, wie wir in Zukunft sterben, wird es geben, solange wir leben. Warum nicht Fantasien daraus machen, die das Sterben als Chance begreifen, Neues und Einmaliges zu er-leben? Eine Chance für die Sterbenden, die immer nur vorausgehen, und für die Begleiter, ihren eigenen Weg zu planen. Tod als Realität, nicht als Bedrohung. Für Gläubige mag das einfacher sein. Aber dann kann das bewusste Miteinbeziehen der eigenen Endlichkeit gerade hier-bezogenen Menschen die kostbare Einzigartigkeit jedes Tages so recht vor Augen führen.

In den Hundehimmel


Ich sperre die Tür auf und Stille stürzt mir aus dem Haus entgegen.

Aus dem Augenwinkel streife ich das glänzende Parkett neben der Bibliothek und blanke Leere verdunkelt mir die Sicht.

Ich steige die Treppe hinauf und die Breite der Stufen ohne drängelnde Schnauze an meinem Knie hemmt meinen Schritt.

Ich sitze am Schreibtisch und hinter mir auf dem Sofa schnaufen die Kissen. Ich stehe in der Tür und auf dem Gästebett räkelt sich Hundegeruch.

Keine Samttatzen, die auf den Boden tapsen. Kein Sechsuhr-Freudengeheul, das den Abendnapf grüßt. Kein verhaltenes Knurren, das den Kater vom Sofa verjagt.

Die Körbchen im Keller, die Leinen im Schrank, die letzten Leckerli landen im Müll.

Erinnerungen verschlucken die Worte. Kein Satz groß genug für so viele Momente. Leise trauere ich auf meine Weise um einen Begleiter.

Parkplatzer


Weltuntergangsgestimmt fahre ich zu einem Heimwerkermarkt. Nein. Nicht, um nach haltbaren handgeknüpften Seilen zu suchen! Ich brauche eine Bank. Oder einfach Ablenkung.

Es gelingt mir wirklich – und das ist ob meiner immer eingeschränkteren Sehschärfe gar nicht selbstverständlich -, die in Plastik eingeschweißten Rohholz-Einzelteile durch den Kassengang, vorbei an rankenden Orchideenarmen, schwankenden Holzkohlehalden und kaufunschlüssigen Kunden bis zum Auto zu balancieren. Auch das Einpacken funktioniert, ohne dass ich dabei wesentliche Lackschäden verursache.

Misstrauisch beäuge ich den Parkplatz. Ich bin halt schlicht schlecht drauf, heute. Hoffentlich komme ich elegant aus der Lücke. Das scheint sich auch der Fahrer des glänzend schwarzen Mercedes-Coupé zu denken, der neben mir einparken möchte und ganz offensichtliche Vorurteile gegenüber weiblichen Fahr- und Parkqualitäten hat. Seine Frau neben ihm schaut derweil fest geradeaus, prüfend und besorgt. Was mich erstaunt. Zunächst. Aber dann erkenne ich schnell den Grund. Bzw. ich höre ihn. Klonkklonk macht es, und RRRaTTsch. Der Mercedes steht in der Parklücke neben mir. Und wie. Das ratschende, kratzende Geräusch entstand beim Kontakt des aufwändigen Frontspoilers mit der zehn Zentimeter hohen Parkplatzbegrenzung aus baumarktüblichen Betonsteinen.

Ich kann nicht anders. Ich muss grinsen. Da trifft mich der Blick seiner Frau. Sie fängt mein Grinsen auf und lacht zurück. Herzhaft und schwesterlich schadenfroh.

Ist doch gar nicht so schlecht, dieser Tag voll weiblicher Solidarität!

Zug gefahren


„Hallo? Hallo mein Schatz, hier ist Papa. Hörst du mich? Hast du heute Brot gegessen? Morgen isst du Brot? Nein, der Pappa ist heute kein Brot mehr. Du ja. Morgen. Morgen kommt der Pappa wieder heim. Heute sitze ich im Zug. Wir sind auch mal im Zug gefahren. Hast du heute Brot gegessen? Morgen. Morgen isst der Papa wieder Brot… Jetzt schlaf schön. Morgen essen wir Brot, mein Schatz.

Er lehnt sich zurück in das Schweigen des Abteils, und er liest  die stummen Fragen aus den Sitzen. Sie entfachen sich an seinen grauen, lichten Haaren. An seinen ungelenken Worten und der Struwwelpetersprache. Armes Kind. Denken die Fahrtgesichter. Das kommt davon, wenn alte Männer ihre Lebenskrisen auskosten, in vollen Zügen. „Meyer hier, Frau Walter. Ich komme morgen gegen Mittag. Senta hat heute Brot gegessen? In der Gruppe? Schön! Ja, sie wusste, wer ich bin. Das neue Medikament schlägt an, sagen Sie? Gott sei Dank! Bis morgen, dann, Frau Walter.“

Zug gefahren. Zu g e hört.

„Hallo? Hallo Mamma, hörst du mich? Hallo? Ja, ich sitze im Zug! Hörst du mich? Schlecht? UND JETZT? BESSER? Jetzt isses zu laut? Hör mal, Mamma, ich hab gestern versucht, dich anzurufen. Aber du warst nicht da. Wann? So gegen zwei, drei. Ach ja, da warst du bei Frau Kreitmeier? Sie hat dich zum Kaffee eingeladen? WIe schön! Wie? Ach DU hast sie zum Kaffee eingeladen? Aber sie arbeitet doch, tagsüber? Nein, Mama, ich misch mich nicht ein! Ja, und dann nochmals um sechs. Nachrichten? Sind die nicht um sieben? Nein, Mama, alles ok. Alles bestens. Ich will dich nicht überwachen, Mama. Hör mal, wie ist das Wetter bei euch? Nicht zu kalt? Ja, pass auf mit dem Gas. Dreh lieber die Heizung auf, Mamma, NICHT den Gasofen anmachen! Mamma, hallo? Ja, nein, die Woche bin ich noch in Köln. Ja, da fahr ich grade hin. Nein, ich fahre zwar an Hanau vorbei, aber ich kann nicht aussteigen. Am Wochenende komm ich, Mamma! Ja, dieses Wochenende. Nein, du brauchst nicht einzukaufen. Nein, Mamma, heute ist Donnerstag. Am Samstag komme ich. Ich sag dir aber nochmal Bescheid. Nein, Mamma, es schneit nicht. Ich sag dir Bescheid. DIe Verbindung ist so schlecht…… Ich ruf nochmal an, aus dem Hotel. nachher. Ja später…. Tschüß, Mamma……“

Er lehnt sich zurück ins Abteilungsblau. Halbschließt die Augen. Schiebt die Knöpfe im Ohr zurecht und seine gestreifte Krawatte. Er trägt Brille blondes Haar keinen Ehering und eine alte Mutter.

Zug gefahren mit dem Leben gespielt. Geschaut. Gedacht.

 

Gastschreiber


Seminarpause. „Ich fahr schon mal vor.“ Frau setzt sich ans Steuer, Gang rein. Fenster runter: „Ja?“ „Er springt nicht an.. ist mir total peinlich, kannst du vielleicht?…“ Männer und Technik… 🙂 Die schönste Tageserkenntnis? Wenn Frauen Männern Starthilfe geben… können!

Von Käfern und Mäusen


Der Käfer hat an meinem Laptop genagt. Also nur virtuell, aber immerhin. Oder vielmehr schadenanrichtend real. Und die Maus ist zerplatz, also nur der Kabelhalter, aber immerhin. Ich konnte nicht mehr schreiben. Früher waren immer noch Wände da, zum Hineinritzen. Wenn heute der digitale Stift das elektronische Blatt nicht mehr findet – das sind die wahren Chaosmomente!!

Aber jetzt. Aber jetzt. Jetzt.

Geht’s weiter!

Frau ohne Gefühle I


WinterengelSie schreibt Bestseller. Am liebsten Liebesromane, in denen sie die Gefühle der Personen so genau beschreibt, dass die Leser mit ihnen denken, atmen und leiden. Gebrauchsanweisungen zum Leben, hat ein Kritiker ihre Bücher genannt. Kochbücher für Lebensanfänger. Oder vielmehr für Fastlife-Liebhaber, die konservierte Emotionen den frisch gepressten vorziehen. Sie hat für jede Situation das passende Rezept. Sie lässt ihre Romanfiguren leiden. Und wie! Keiner leidet so wie sie. Nur mit dem Lachen hat sie Probleme. Die Freude kommt irgendwie immer aus zweiter Hand. Aber die Leser stören sich nicht allzu sehr daran. Über die glücklichen Seiten wird ohnehin gerne schnell hinweggelesen. Das Unglück ist es, was sie fasziniert. Die kleinen und vor allem die großen Katastrophen, an denen sie sich weiden, in bester Brechtscher Publikumsmanier.

Aber hinter ihr dunkles Geheimnis ist noch keiner gekommen. Bis gestern…….