MiniKrimi Adventskalender am 5. Dezember

Schlafendes Mädchen, hinter ihr eine Fabelwesen-Maske.

Wie bitte?

Ich öffne die Tür einen Spaltbreit, ohne ein zweites Klingeln abzuwarten. Als sie mir ihre Ausweise hinhalten, viel zu nah, als dass ich etwas erkennen könnte, nicke ich freundlich und lächle abwartend. Sekunden vergehen. Dann fragt der Ältere: „Haben Sie gehört, was ich Sie gefragt habe?“ Ich lächle weiter. Freundlich und vage. „Wie bitte?“ Ich kann Lippenlesen, aber das wissen die beiden nicht. Offenbar wissen sie auch nichts von meiner Hörschwäche. Das Wort Schwerhörigkeit mag ich nicht. Es trifft ja nicht eigentlich auf mich zu. Doch auch das weiß keiner. Mehr. Ich greife in die Tasche meiner Jeans, fische die Hörgeräte raus und setze sie ein, sorgfältig, fast ein wenig umständlich. Unverwandt lächelnd, ohne den Türspalt zu verbreitern, frage ich höflich: „Ja?“

Der Ältere schließt die Augen, so kurz, dass ich es mir auch eingebildet haben könnte. Das ist das einzige Zeichen seiner Ungeduld. Mit scheinfreundlicher Stimme wiederholt er, was ich schon beim ersten Mal verstanden habe. „Müller, Kriminalhauptkomissar. Das ist mein Kollege, Kriminalmeister Schmidt.“ Ehrlich jetzt? Müller und Schmidt? denke ich. Wie einfallsreich. Ich nicke. „Frau Brandt, es geht um Ihre Bekannte, Lisa Lemberg. Wir hätten da ein Paar Fragen und würden Sie bitten, uns zu unserer Dienststelle zu begleiten.“

Ich könnte fragen: „Warum?“, könnte sagen: „Nicht ohne meinen Anwalt.“ Oder: „Wie kommen Sie auf mich?“ Stattdessen murmele ich: „Moment, ich sag nur schnell meiner Katze Bescheid“, gehe ins Wohnzimmer und streichele Madame Pompadour über den Kopf. Sie thront teilnahmslos auf ihrem Kissen vor dem Kamin. Nicht einmal eine Katze nimmt Notiz von mir. Aber die Polizei. Fühle ich mich geschmeichelt?!

Ich ziehe mir Daunenjacke und Stiefel an. Dabei sehe ich, dass Kriminalhauptmüller seinen Fuß im Türspalt hat. Soviel unnötige Vorsorge. Ihr Wagen steht direkt vor dem Haus. Kriminalschmidt lenkt uns geschmeidig durch den Nachmittagsverkehr. Dann sitze ich in einem Verhörraum – wahrscheinlich nicht die richtige Bezeichnung, aber sie passt zu mir – mit einer Tasse Beuteltee und Kondensmilch.

„Frau Brandt: wie gut kennen Sie Frau Lemberg? Wann haben Sie sie zuletzt gesehen? Und wo waren Sie letzten Donnerstagnachmittag, so gegen 17.15 Uhr?“ Müller klingt lauernd, während Schmidt‘s Kuli den Takt zu einem Lied klopft, das ich nicht hören kann. Statt Müller zu erklären, dass seine Verhörtaktik erbärmlich ist, antworte ich auf seine Fragen. „Ich kenne Lisa, Frau Lemberg, von der Uni. Seit sie ihre Galerie eröffnet hat, habe ich für sie verschiedene Expertisen gemacht.“  Schmidt zieht die Augenbrauen hoch, und ich sage: „Mit meinen Augen ist alles in Ordnung. Auch mit meinem Gehirn.“ Das setze ich ganz bewusst hinzu.

„Frau Lemberg war eine erfolgreiche Galeristin. Sie haben keine feste Anstellung und leben von Gelegenheitsaufträgen. Waren Sie eifersüchtig?“ Kriminalmüller wieder. Er sollte unbedingt die goldenen Regeln der Vernehmungslehre auffrischen. „Ich arbeite freiberuflich als Expertin für zeitgenössische Kunst. Ich bin nicht so der Teamplayer. Zu großes Verhör-Risiko.“ Ich lächle als Einzige über meine Pointe. „Ich kann mich nicht erinnern, wo ich am Donnerstagnachmittag um fünf war. Die Realität ist kein Agatha-Christie-Roman. Wahrscheinlich war ich daheim und habe gelesen. Oder im Park. Oder im Café…“ „beim Lesen“, fällt Müller mir ins Wort.

„Um es abzukürzen, Frau Brandt. Ihre Freundin wurde zwischen 17 und 17.30 Uhr mit einer Skulptur von Kara Walker erschlagen, für die Sie eine Expertise erstellt haben. Eine falsche Expertise. Denn bei der Skulptur handelt es sich um eine Kopie. Gut gemacht, aber dennoch… Und“, fährt er fort, als ich zu einer Entgegnung ansetze, „Sie wurden um 17.15 am Tatort gesehen. Eine Zeugin hat sie zweifelsfrei identifiziert, als Sie hier vor dem Präsidium aus dem Auto gestiegen sind.“

Ich schaue Müller an. Der Mann überrascht mich. Nicht. „Wer ist die Zeugin?“ „Das darf ich Ihnen nicht sagen. Aber sie ist sich sicher. Ich muss sie leider hierbehalten. Frau Brandt, sie sollten Ihren Anwalt kontaktieren. Wir stellen Ihnen gerne einen Gebärdendolmetscher zur Seite.“

Natürlich. Sie ist schwerhörig, sie steht unter Mordverdacht. Aber sie ist eine Brandt. Da darf man sich als kleiner Beamter keinen Schnitzer erlauben. Unser Familienanwalt erscheint mit einer Dallmayr-Tüte: Pastrami-Sandwiches und eine eiskalten Flasche Haku-Vodka. Imposant. „Was kann ich für dich tun?“ Als er nach einer Viertelstunde zurückkommt, habe ich den Vodka nicht mal halb ausgetrunken.

„Frau Brandt. Sie können gehen.“ Müller würgt die Worte heraus, in einer Wolke aus Wut und Resignation. „Warum haben Sie uns verschwiegen, dass Sie zur Tatzeit im Café Wunderwelt waren, drei große Gin Tonic getrunken und auf dem Weg ins Bad den Weihnachtsbaum samt mundgeblasenen Kugeln umgeworfen haben?“ „Das war mir tatsächlich entfallen. Wissen Sie, unter Anspannung leide ich manchmal unter Blackouts. Aber jetzt ist ja alles geklärt. Es wird kaum eine zweite Person mit meinem Gesicht zeitgleich in Lisas Galerie gewesen sein. Schade. So eine besondere Galeristin. Adieu.“

Draußen schüttele ich dem Familienanwalt die Hand, nehme die Hörgeräte raus und genieße den Heimweg in wohltuender Stille.

Im Wohnzimmer thront Madame Pompadour auf dem Kissen vor dem Kamin neben Esther, meiner besten, einzigen Freundin. Meinem Spiegelbild. „Hallo Du, hat‘s geklappt?“ fragt Esther, und ihre Augen glitzern mit denen der Siamkatze um die Wette.

„Perfekt,“ lächle ich. „Du kannst die Kontaktlinsen jetzt rausnehmen. Ich finde deine grauen Augen anziehender. Meine Haarfarbe steht dir allerdings besser als dein natürliches Mausgrau. Und…“ – ich bücke mich, um dem auf mich zufliegenden Kissen zu entgehen – „wir sollten die Latexmaske ganz schnell entsorgen. Sie hat ihre Schuldigkeit getan, und wir wollen doch nicht, dass sich jemand anders mit meinem Gesicht in der Wunderwelt mit Gin Tonic betrinkt. Gottseidank ist Müller nicht so schlau, wie er tut. Warum bist du nicht beim Haku geblieben? Als würde ich jemals Gin Tonic trinken.“

„Eben! So haben sich wenigstens alle an „deinen“ Auftritt erinnert. Und ich habe immer noch Kopfschmerzen.“

„Dann nimm eine Tablette. Wenn wir morgen die Statue verkaufen, müssen wir beide einen klaren Kopf behalten.“

„Warum hast du das gemacht? Lisa erschlagen? Ums Geld geht’s dir doch nicht.“

„Nein. Sie – wusste einfach zu viel. Über mich. Mein Gehör. Und mein – Gehirn.  Es war doch ein genialer Plan. Ich bin ein Genie. ODER?“ Ich weiß, Esther wird mir nie widersprechen.

MiniKrimi Adventskalender am 4. Dezember


Mach es uns doch nicht so schwer, Baby!

Der Nebel hängt seit Tagen so tief, dass sich die Dunkelheit schon am frühen Nachmittag auf die Häuser senkt. Eigentlich hat sie gar keine Lust, nochmal raus zu gehen. Der Arbeitstag war anstrengend. Sie hat das Gefühl, dass Kunden und Kollegen immer ungeduldiger werden, Jahr für Jahr. Oder verliert nur sie selbst immer schneller die Geduld? Sie schält sich aus Schal, Mütze, Mantel und zieht die Schuhe aus. Jetzt ein Bad und dann vor den Fernseher legen. „Sport ist besser als jede Pille“, erzählt der Moderator gerade. Da packt sie das schlechte Gewissen. Sie wird nur eine kleine Runde laufen, denkt sie. Und springt Minuten später in ihrer Joggingkluft die Treppen runter.

Das Wäldchen liegt direkt gegenüber, auf der anderen Seite der kleinen Kopfsteinpflasterstraße. Ein paar Laternen gießen gelbes Licht auf die Konturen grauer Bäume, dazwischen lauern schwarze Löcher. Die Luft ist dick wie Zuckerwatte und dämpft die wenigen Geräusche. Um diese Zeit und bei diesem Wetter ist die Wohngegend wie ausgestorben. Sie schaltet ihren Pulszähler ein und läuft los. Taucht in den Wald ein, und die dunkle Stille schließt sich hinter ihr. Der Nebel zieht Fäden zwischen den Stämmen und Ästen, braunes Laub erstickt jeden Schritt. Einsamer als hier kannst du nicht sein, sagt sie sich, und der Gedanke kauert unangenehm auf ihrer Schulter.

Links hinter sich hört sie einen Laut, ein Rufen? Ein Bellen? Sie dreht sich im Laufen um, kann nichts erkennen, nur eine verdichtete Dunkelheit zwischen den Buchen. Sie läuft weiter. Da. Wieder. Jetzt schlägt sie einen Haken, biegt vom Hauptweg ab auf einen kleinen Pfad. Ein toter Stamm, von Efeuarmen umfangen, bietet ihr Schutz, sie bleibt stehen. Versucht, das wabernde Zwielicht zu durchdringen. Kühle Tropfen auf ihren Wimpern. Schweiß? Jetzt hört sie ganz deutlich das Knacken von Ästen. Ein unterdrückter Fluch. Sie atmet aus, pfeifend. Und fühlt, wie auch der andere stehen bleibt. Witterung aufnimmt. Von ihr. Sie stößt sich vom Baumstamm ab und rennt los. Füße suchen flüchtigen Halt, gleiten über Steine, bleiben an Wurzeln hängen. Und wie dumpfes Trommeln das Echo fremder Schritte auf ihrer Spur.

„Hey. Nicht weglaufen. Das bringt doch nichts. Bleib stehen. Verdammt nochmal. Ich erwisch dich trotzdem. Mach es uns beiden doch nicht so schwer, Baby.“

Davor haben ihre Freundinnen sie immer gewarnt. Ihre Mutter. Lauf bloß nicht im Dunkeln allein durch den Wald! Aber sie hat ja keine Angst. Was soll ihr schon passieren? Ja, was? Gleich wird sie es erleben. Die Schritte kommen näher, er ist schneller als sie. Scheint den Wald zu kennen wie seine Westentasche. Denn als sie über einen morschen Ast stolpert, der vor ihr aus dem Boden wächst, steht er vor ihr und greift hart nach ihrem Arm. Das war’s, denkt sie noch, als sie ins Unvermeidliche stürzt.

Etwas Schweres, Nasses wirft sich über sie. Ein modriges Fell, ein stinkender Sack? Der Geruch nach Fäulnis und Verwesung nimmt ihr die Luft. Und dann seine Stimme. Wütend. Erregt.

„Baby, sitz! Lass die Frau in Ruhe! Pfui, wo hast du dich denn wieder gewälzt? Das war das letzte Mal, das ich ich dich hab laufen lassen. Sitz, hab ich gesagt.“ Und dann, zu ihr gewandt,mit einer Mischung aus Erleichterung und Scham: „Seit einer Stunde such ich das Miststück schon hier im Wald. An Abenden wie diesem ist sie völlig von der Rolle. Sieht so aus, als hätten sie sie zufällig gefunden. Danke! Oh, sie hat sie ganz schmutzig gemacht! Tut mir leid! Ich zahle natürlich die Reinigung.“

Sie rappelt sich wortlos auf und rennt davon. Hinter ihr kämpft der  Besitzer noch eine Weile mit seiner störrischen Setterhündin.

MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Toxischer Advent

Wenn Mias Stimmung wetterabhängig wäre, hätte sie sich heute gleich nach dem Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster wieder unter die Bettdecke verkrochen und den Tag damit verbracht, Netflix zu durchstöbern.

Aber so ist sie nicht. Sie kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Nicht umsonst hat sie jahrzehntelang das Credo ihrer Mutter angehört. „Change it, leave it or love it.“ Tiefe Nebelbänke über den Wiesen? Feuchtbraune Blätterhaufen am Straßenrand? Klumpige Wegfurchen, in denen sie mit ihren Profilsohlen zentimetertief einsinkt? Glänzendgraue Straßen, auf denen sich die Lichter spiegeln, noch um 10 Uhr morgens?

Das ideale Wetter für ein freundschaftliches Gespräch mit Finn. Das hat sie ohnehin schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Wahrscheinlich denkt er, sie leide unter der Trennung. Vielleicht glaubt er sogar, sie fühle sich verlassen? Oder, die schlimmste Möglichkeit – und gleichzeitig die Finn-typischste: Er liest ihre bisherige Zurückhaltung als Schuldeingeständnis. In seinen Augen, in seinem Denken, nein, in seiner Überzeugung hat er schließlich nur die Reißleine gezogen und sich aus einer toxischen Beziehung gerettet, in der er jeden Tag bevormundet und gedemütigt wurde.

Finn, also. Meinst du wirklich, dass du dafür schon bereit bist?, fragt ihre Katze Nestor mit kritischem Blick. Bist du komplett über alles hinweg? Die Ohrfeige? Der zerstörte Laptop? Der Fake-Anruf bei deinem Chef, der dich den Job gekostet hat? Ja, alles verarbeitet? Und dass Finn jetzt mit Anja zusammenlebt, ihrer – ehemaligen – besten Freundin? Mit der er ein Kind erwartet (während Mia mit ihm nur eine Katze haben durfte)?

Alles vorbei. Nicht vergessen, nein. Aber von gestern, halt. Und zwar sowas von. Toxisch. Ja, Das war sie wohl gewesen, diese große Liebe. Gift für sie und ihr Selbstwertgefühl. Seit der Trennung geht es ihr viel besser. Und das will sie Finn unbedingt zeigen. Ein Blick in den Spiegel: Kastanienbraune Locken fallen lang über die Schultern. Die Augen leuchten. Brauen, Wimpern, Lippen – alles perfekt. Beim allerersten Blick wird er erkennen, wie GUT es ihr geht. Nein, sie will ihm nichts beweisen. Und natürlich will sie ihn auch nicht verführen. Im Gegenteil: sie will ihm und Anja jede Spur von schlechtem Gewissen nehmen. Sie sollen nicht denken, dass sie ihr Glück zu dritt auf Mias Kosten genießen.

Siehst du, das wäre dann ja wohl geklärt, sagt sie und schaut Nestor triumphierend an. Nun muss nur noch das Treffen arrangiert werden. Der Impuls dazu muss natürlich von Finn ausgehen. Aber das ist kein Problem. Sie kennt diesen Mann in- und auswendig. Viel besser, als Anja ihn je kennen wird.

Mia aktivert bei ihrem Smartphone die Rufnummer-Unterdrückung. Dann lässt sie es bei Finn genau dreimal klingeln. Sie weiß, er kann es nicht ertragen, einen Anruf verpasst zu haben. Und wenn er nicht weiß, wer ihn angerufen hat, wird er solange recherchieren, bis er eine Antwort hat.

Tatsächlich dauert es keine 10 Minuten, bis Finn sich bei ihr meldet. „Hast du mich gerade angerufen? Warum ist deine Rufnummer unterdrückt?“ „Das ist sie nicht! Das hab ich noch nie gemacht. Und nein, ich habe dich nicht angerufen. Ich bin gerade auf dem Sprung und wollte zum Weihnachtsmarkt in der Blutenburg.“

„Du hast NICHT angerufen…. Hm.“ Finn kann es nicht ertragen, sich zu irren. „Naja, egal. Ist doch schön, dass wir uns jetzt sprechen! Wir wollten uns doch schon so lange treffen. Hey – was hältst du davon, wenn wir zusammen zur Blutenburg gehen? Wie in alten Zeiten? (Er lacht, und vor Mias Augen schlendern zwei eng umschlungene Gestalten durch den mittelalterlichen Burghof. Probieren Ringe an, essen Waffeln, trinken Glühwein und Punsch. Ja, es gab auch schöne Momente. Aber die wiegen die Schmach nicht auf. Vorbei ist vorbei).

„Ehm…..“ Mia zögert. „Najaaa – und was ist mit Anja?“

„Die ist heute bei ihrer Mutter.“ Ach so. Klar. Finn hat Ausgang. Wer weiß, wie oft er sich so verhalten hat, als wir noch zusammen waren?, fragt Mia sich. Und mit wem er sich getroffen hat? Außer mit Anja?

„Ok. Aber ich wollte gerade losgehen. Ist dir das nicht zu knapp?“

„Nein, das passt prima. Ich bin in ner Viertelstunde am Parkplatz an der Würm. Dann können wir gemütlich am Bach entlanglaufen.“

Gemütlich? Ja! Mit warmen Uggs, dem langen grauen Dauenmantel, rotem Schal und roten Lederhandschuhen, die Locken durch die nebelfeuchte Luft wie mit Diamanten bestreut, die braunen Augen verführerisch geschminkt, ist Maja in Bestform für einen Adventsspaziergang an der romantischen Würm. Finn schaut sie lange an, dann schließt er sie spontan in die Arme. „Du siehst toll aus!“ Große Tropfen hängen an den braunkahlen Zweigen, als hätten sich die Bäume für sie beide geschmückt. Der Bach murmelt und raunt. Am Horzont leckt zartes Abendrot an fransigen Wolken. Und über die Dächer der Kirche und der alten Bauernhäuser schwingt sich ein Weihnachtslied.

„So schön!“, flüstert Mia. Und Finn berührt ihre Wange mit einem sanften Kuss. Dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben. Anja hat die Wohnung ausgesucht, die Möbel und das Kinderzimmer. Das Baby wächst und gedeiht – Finn ist sich sicher, es ist ein Junge.

„Da hat sich ja alles verändert, in deinem Leben“, sagt Mia. „Ja,“ sagt Finn. „Manchmal ist mir das richtig unheimlich. Manchmal denke ich, wir zwei….“

„Zu spät“, lacht Mia. „Und außerdem: meinst du, ich hätte weitermachen wollen?“

Finn lacht. Na klar, sagt sein Blick.

Die Blutenburg ist voller Menschen. Alle wollen endlich wieder den Trubel genießen. Die Luft schwirrt von Stimmen und Trompeten, es duftet nach Waffeln, Bratwurst und Gewürzen. Mia und Finn schieben sich durch die Massen. „Ich hol uns einen Glühwein“, sagt Mia. „Für mich nur einen Punsch. Du weißt doch…“ „Hey – ich kenne dich doch! Du, mir ist hier mit den vielen Leuten total warm. Hälst du mal meinen Mantel und den Schal?“

Nach einer Weile drückt Mia Finn einen Becher in die Hand. „Der Punsch ist mega lecker, schmeckt wie Glühwein, probier mal!“ Finn trinkt und lächelt. Mia lächelt zurück. Als er zu husten beginnt, nimmt sie ihn besorgt am Arm und lotst ihn in eine ruhige Ecke. Da ringt er schon nach Luft, aber Mia küsst ihn, und die Umstehenden schöpfen keinen Verdacht. Ees sit sehr schnell vorbei.

Mia lässt FInn zu Boden sinken, versteckt, hinter einer Säule. SIe drückt ihm den Becher in die Hand, schlüpft in den Mantel, wickelt den Schal fest um den Kopf und geht langsam und genießerisch an den bunten Ständen vorbei. Unerkannt und unbekannt.

Am Ausgang hört sie Rufe: „Krankenwagen! Notarzt! Schnell!“ Sie bleibt nicht stehen. Toxische Beziehungen verdienen ein toxisches Ende.

„Er hat es selbst so gewollt. Warum musste er mir von Anja und dem Baby erzählen? Wie dumm von ihm. Er musste doch wissen, dass ich über seine schlimme Sulfitallergie Bescheid weiß. Und darüber, dass er immer sein Spray vergisst. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm Glühwein statt Punsch holen. Das verstehst du doch, Nestor?“

Aber die Katze dreht sich von Mia weg und starrt stumm aus dem Fenster. Gottseidank hat sie keine Allergien.

MiniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


Was sind schon Frauen?

„Jerome, ich habe einen großen Wunsch an dich. Und ich weiß, du wirst ihn erfüllen. Denn das ist mein Vermächtnis: ich will, dass du es im Leben zu etwas bringst. Du sollst studieren, Medizin oder Jura. Damit du ein gutes Leben hast.“

Er muss nicht lesen, was auf den lange vergilbten Seiten steht. Er kennt jedes Wort. Hat das Buch hunderte Male durchgeblätter,t, diesen einen Schatz, den seine Mutter für ihn vor ihrem Tod geschrieben hat. Erinnerungen an sie, an die Heimat, an ihr gemeinsames Leben.

Mit dem Daumen streicht er liebevoll über das Gesicht der Frau auf dem ausgebleichten Foto. Dünn ist sie da schon, vom Tod gezeichnet, dem Preis für ihre Beziehung zum Gutsverwalter Mbabazi.  Zur Belohnung für ihre „Dienste“ hatte er Jerome zur Schule geschickt. Und ihm immer etwas zu essen gegeben. Das war mehr als die meisten anderen Kinder im Dorf Iganga hatten. Aber seine Mutter hatte diese Privilegien mit ihrem Leben bezahlt. Wie unendlich viele afrikanische Frauen, die von Männern aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten mit AIDS angesteckt wurden.

Nach dem Tod der Mutter stürzte sich Jerome ins Lernen und leitete die stille Wut, die in ihm brodelte, in Energie und Leistung um. Als Mbabazi den Jungen aufs Feld schicken wollte, um seinen Unterhalt zu verdienen, schritt der Leiter des kleinen Schulzentrums ein. Seine Frau und er adoptierten Jerome. Da waren die beiden schon in den Fünfzigern, und als sie nach seiner Pensionierung zurück nach Amerika gingen, nahmen sie Jerome selbstverständlich mit. 

Er beendete die Highschool, danach das College und verließ die Harvard-Universität mit einem Prädikatsexamen in Jura. 

Heute ist Jerome ist Juniorpartner einer angesehenen Kanzlei in Chicago. Seine Wurzeln aber hat er nie vergessen. Seine Adoptiveltern haben immer wieder mit ihm gemeinsam im Memory Book gelesen, das seine Mutter für ihn gemacht hat, Anfang des neuen Jahrtausends. Sie haben in ihm die Liebe zu Afrika wach gehalten und genährt. In seiner Kanzlei ist er zuständig für Wirtschaftsverträge zwischen amerikanischen Firmen und Partnern in Afrika. Er möchte etwas zurückgeben von dem, was seine Mutter ihm hinterlassen hat. Liebe und Achtung. 

Das Telefon unterbricht Jeromes Tagtraum. „Mister Miller, brauchen Sie noch etwas für Ihren Termin für die Verhandlungen von Stevenson Inc. mit der Ugandischen Regierung? Dolmetscher, zum Beispiel?“ „Nein, danke, Grace. Englisch ist neben Suaheli Amtssprache, ich komme gut zurecht.“ Jerome lächelt. Er bezweifelt, dass seine Sekretärin über seine Herkunft und seinen Werdegang informiert ist. Wozu auch? Behutsam legt er das kostbare Buch zurück in die oberste Schublade seines Mahagoni-Suhreibtisches. In Iganga hatten sie alle zusammen nur einen klapprigen Holztisch, an dem wurde gegessen, gearbeitet – und oft, nach dem langen Heimweg von der Schulweg durch die sirrende Hitze, auch geschlafen. 

Ja, er hat einen langen Weg hinter sich. Von Iganga nach Chicago. Einen erfolgreichen Weg. Und jetzt setzt er sich dafür ein, dass Kinder wie er in ihrer Heimat ein besseres Leben führen können. 

Er ist gespannt auf die Vertreter der ugandischen Regierung. Angeblich sind sie von der Premierministerin Nabbanja persönlich ausgesucht worden. Er weiß, dass Zeit in seiner Heimat anders bewertet wird, und hat Rogers und Jennings von Stevenson Inc. entsprechend gebrieft. Als sich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin die Tür zum Sitzungsraum öffnet, lächeln die beiden nur freundlich erleichtert.

Aber niemand hat Jerome auf den Schock vorbereitet, der ihn bei der Begrüßung der Männer aus Uganda trifft.

Er ist alt geworden, das Haar schütter und weiß. Er ist kleiner, drahtiger. Aber Jerome würde ihn immer und überall erkennen. Mbabazi, den Mörder seiner Mutter! Er bringt die Verhandlungen hinter sich wie ein Schlafwandler. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist sich sicher, dass alle Anwesenden wissen müssen, was in ihm vorgeht. Aber sie bleiben entspannt. Mbabazi erkennt in Mister Miller ganz offensichtlich nicht den kleinen Jungen aus Iganga, Malaikas Sohn, dem er die Mutter genommen hat. 

„Diesen Abschluss müssen wir unbedingt feiern“, sagt Jerome zu Mbabazi. „Ich kenne da eine ganz besondere Bar, die wird Ihnen gefallen.“ Mbabazis Kollege entschuldigt sich. Doch Jerome hat den Alten richtig eingeschätzt. Es gibt Züge im Charakter eines Menschen, die verändern sich nie. 

Die Bar ist angenehm dunkel, auf der Tanzfläche räkeln sich junge Mädchen. Jerome geht hier nie alleine hin, nur, wenn er bestimmte Kunden begleiten muss. Nach einigen Whiskys wirdv Mbabazi redselig.  Erzählt von seiner Vergangenheit. Wie er 2006 als Gutsverwalter eines amerikanischen Farmers plötzlich krank wurde. Und dass sein Boss so große Stücke auf ihn hielt, dass er ihn zur Behandlung nach Amerika schickte. „Wie sie sehen: ich habe überlebt! Und ich sage Ihnen, ich genieße mein zweites Leben in vollen Zügen!“

„Und die Frauen, die sich angesteckt haben? Sicher haben sie Frauen angesteckt?“ „Mein Schohn“ – Mbabazis Aussprache beginnt zu verwischen – mein Schohn: Was sind schon Frauen? Was bedeutet ihr Leben?“ „Ja, was?“ , fragt Jerome und verzieht sein Gesicht zu einem höhnisch grausamen Grinsen.

Chicago ist immer belebt, auch nachts. Taxis drängeln sich auf den Spuren, überholen auf der Jagd nach Kunden. Mbabazi ist diesen Trubel nicht gewöht. In Kampala geht es ruhiger zu. Jerome greift nach dem Arm des Alten, als er unvermittelt die Fahrbahn betritt, genau vor einem großen schwarzen Wagen.

„Ich konnte ihn nicht halten“, wird er später der Polizei sagen, Erschütterung im Blick. Niemand hat gesehen, dass er den Mann nicht gehalten, sondern gestoßen hat.

Info:

Memory Books entstanden in Uganda. Rund 40 Tausend aidskranke Mütter schrieben sie für ihre Kinder, damit sie sich an sie und ihre Familie erinnern sollten, wenn die Mütter tot waren. In den Büchern stand immer auch der Wunsch, dass das Kind lernen und einen guten Beruf ergreifen sollte.

Wenn Ihr mehr über die Memory Books erfahren wolltm empfehle ich euch den ergreifenden preisgekrönten Film von Christa Graf als Video, Blue Ray oder bei Amazon Video Stream.


Adventskalender MiniKrimi am 1. Dezember


Ein cooler Job

„Danke, Herr von Maltitz.“

„So, jetzt hol dir nen Cappuccino und richte dich erstmal ganz in Ruhe ein. Morgen besprechen wir dann deine Aufgaben genauer. Du kannst heute auch gerne nen Tick früher gehen.“

„Ach, noch was, Selina. Wir duzen uns hier alle. Im Sinn von flachen Hierarchien und so. Das ist doch ok für dich? Ich bin Maximilian.“

Selina nickt und merkt, dass sie rot wird. Wie ärgerlich! Jetzt weiß Herr von Maltitz, nein, Maximilian, dass sie ihn cool findet. Sehr cool sogar. Eigentlich hat sie den Job vor allem wegen ihm angenommen. Er kommt so nett rüber, total unaufgeregt und nicht so angeberisch wie viele andere junge Unternehmertypen. Da war es ihr dann auch egal, dass sie beim Vorstellungsgespräch nicht so richtig verstanden hat, was sie bei Artemis Bauen und Leben eigentlich tun sollte.

Aber spätestens morgen wird sie alles erfahren. Sie klappt das Notebook auf. Der Firmenschriftzug schwingt sich elegant über eine Landschaft aus Säulen vor tiefblauem Meer. Sieht jetzt nicht so aus wie Selinas Traum vom Wohnen, sie mag es lieber zentral, mit Shoppingmeilen und Kneipen gleich um die Ecke. Selina lässt ihre 5 cm langen pinken Nägel über die Tastatur gleiten. Oh. Kein Passwortschutz. Schon ist sie mittendrin im Firmenlaufwerk. Verstohlen klickt sie mal hierhin, mal dahin. Ordner mit komplizierten Namen: Parthenon, Villa Maxima, Maison Soleil. Alle leer. Sie zieht die Schubladen im Rollboy auf: leer. Sie starrt 10 Minuten auf das hochmoderne Telefon, das einsam neben dem Notebook steht. Es schweigt sie an. Selina beschließt, zu gehen.

Auf dem Flur schaut sie scheu in Maximilians Büro. Ihr neuer Chef steht am Fenster und telefoniert mit dem Handy. „Alles bingo, Bastian. Die ist perfekt. Glaub mir!“

Am nächsten Tag lernt Selina ihre Kolleginnen und Kollegen kennen. Insgesamt 4 an der Zahl, drei so neu wie sie.  Und Maximilian hat eine Aufgabe für sie: Büromaterial bestellen. Danach soll sie einkaufen gehen, Kaffee und Schokolade. „Nimm Bonny mit, sei so lieb“, ruft Maximilian ihr zu. Selina schluckt. Als Kind ist sie im Dorf ihrer Großeltern von einem großen schwarzen Hund gebissen worden. Das war ihre einzige Erfahrung mit Tieren. Aber Maximilian steht schon vor ihr, den gelockten Labradoodle neben sich, und streckt ihr die Leine entgegen.

Nach 8,5 Stunden Arbeitzeit hat sie ihren Rollboy mit Bleistiften, Büroklammern und Eddings bestückt, einen Kundentermin zur Baustellenbesichtigung für ihren Chef ausgemacht und am Nachmittag nochmal den Hund ausgeführt. Zum Glück ist Bonny ein ganz Süßer. „Wird schon,“ denkt sie sich.

Als Selina nach der ersten Arbeitswoche immer noch nicht mehr zu tun hat als Büromaterial zu bestellen (wofür?, die Kolleginnen und Kollegen sitzen auch bloß untätig an ihren Schreibtischen) gelegentlich Termine für Maximilian auszumachen und dreimal am Tag mit dem Hund Gassi zu gehen, wundert sie sie.

„Ey, was hast du? Du kriegst satt Kohle fürs Nichtstun. Worüber beschwerst du dich eigentlich?“, fragt ihr Freund. Selina hat darauf keine Antwort. Es stimmt, eigentlich sollte sie froh sein. Stattdessen ist ihr der neue Job unheimlich. Sogar sich jeden Tag im Büro die Nägel anders zu lackieren wird nach kurzer Zeit langweilig. Die Kolleginnen und Kollegen sind alle supernett. Komisch nur, dass die meisten von ihnen sich weder darüber wundern noch beschweren, dass sie während der Arbeitszeit meist untätig herumsitzen. Nur Bastian, der Einzige, der schon länger da ist, „arbeitet“. Er fährt mit Maximilian durch die Gegend, auf verschiedene Baustellen oder zu Kund*innen, und oft telefoniert er hinter verschlossener Bürotür.

Nach einem Monat bekommt Selina endlich eine richtige Aufgabe. Sie muss Flugtickets für Maximilian und Bastian bestellen. Es geht um die Besichtigung eines neuen Projektes in der DomRep. Am Morgen des Abflugs ein Anruf von Maximilian: Er hat seinen Diplomatenkoffer im Büro liegenlassen. Selina soll ihn zum Flughafen bringen. Was bitte ist ein Diplomatenkoffer? Schließlich findet sie ihn. Es ist schon kurz vor knapp, Maximilian ist schon auf dem Rollfeld. Ein Flughafenmitarbeiter in greller Warnweste passt sie auf dem Weg in die Halle ab, nimmt ihr den blauen Koffer aus der Hand, steckt ihn in eine neutrale Pastiktüte und verschwindet. Wie vereinbart schickt sie Maximilian eine Whatapps: Ok.

Zurück im Büro trifft Selina der Schlag: Die Räume sind verwaist. Keiner da. Die Schreibtische blank, die Rollboys leer. Nur der Hund sitzt verlassen auf seinem Kissen. Die Tür wird aufgerissen, Menschen in Uniform stürmen den Raum. „Polizei. Wo ist Herr von Maltitz?“ „Im Flieger in die DomRep“, stottert Selina. „Was……?“ „Er hat zwei Millionen Euro veruntreut. Von ahnungslosen alten Leuten. Wo ist das Geld?“

Da fällt es Selina wie Schuppen von den Augen. Maximilian hat sie benutzt, um das Geld an der Security vorbei in den Flieger zu schmuggeln. Und jetzt wird die Polizei sie als Mitwisserin verhaften. Sie wird den Leuten das Geld zurückzahlen müssen. Sie, Selina A. Wie soll sie das machen? Selina sinkt neben Bonny auf den Boden und schlägt die Hände vors Gesicht.

Wie durch einen Schleier sieht sie die Polizisten das Büro durchsuchen. „Hey, schau mal, der Diplomatenkoffer. Mach mal auf!“ Selina klimpert hektisch mit ihren künstlichen Wimpern.  „Aber, aber…“, flüstert sie.

Währenddessen hat Maximilian dem Vorfeldmitarbeiter die Tüte abgenommen und ihm diskret zwei zusammengerollte 500 Euro Scheine in die Handfläche geschoben. Auf seinem Platz zieht er die Plastiktüte ab. Und erstarrt. Sekunden später schreit er in sein Handy: „Bastian! Die dumme Kuh hat alles versaut! Aber du wolltest ja unbedingt ein dummes Ding! Verdammt!“ Er wirft das Handy auf den Boden und starrt mit wutverzerrtem, kreidebleichem Gesicht auf den blauen Kosmetikkoffer, den seine Ex bei ihm im Büro hinterlassen hatte.

Selina erhält für ihr umsichtiges Vereiteln einer Straftat von den Geschädigten der Firma Artemis Bauen und Leben eine großzügige Belohnung. „Wenn das Geld alle ist, geh ich lieber wieder inner Drogerie arbeiten“, sagt sie ihrem Freund.  „Aber nur halbtags, wegen Bonny.“

MiniKrimi Adventskalender 2022


Es ist wieder soweit. Heute Abend öffnet sich das erste Türchen des MiniKrimi Adventskalenders. Wie immer freue ich mich auf eure Ideen und Anregungen. Denn ca. 24 Krimis sind ne ganze Menge…… Also: schreibt mir, was ihr schon immer mal lesen wolltet. Oder schickt mir gleich euren eigenen MiniKrimi. Ich veröffentliche ihn natürlich mit eurem Namen!

Abkühlung mit Spannungsfaktor


Zu heiß? Am 24.7. um 17 Uhr gibt’s eine spannende Abkühlung. Ich lese aus meinem Trüffel- Krimi Miniataurus und entführe euch dazu in die Frische des Fünf-Seen-Landes und nach San Miniato.

Und zwar auf einem Schiff, hoch über München, der „Alte Utting“. Neugierig? Ich freu mich auf Euch!

Die Lesung wird von den Mörderischen Schwestern in Bayern organisiert Im Link gibts alle Details.

Russisches Roulette am 26.6.2022, 19 Uhr


Russisches Roulette – Musikalische Krimiperformance als Zeichen des Friedens auf den Stadtteilkulturtagen in München-Moosach

Die Idee zur diesjährigen Krimi-Performance auf den Moosacher Stadtteilkulturtagen entstand vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Das Projekt der Krimiautorin Marie Bastide und Julia Korzh, Sängerin und Pianistin mit ukrainischen Wurzeln, war von langer Hand geplant. „Als wir die Korrekturabzüge für den Veranstaltungskalender bekamen, haben wir erstmal geschluckt. Russisches Roulette, eine atemberaubende Reise in Russlands unendliche Weiten, voller Intrigen, Magie und Musik. Können wir das überhaupt so stehenlassen? Aber wir haben uns schnell entschieden. Ja, wir lassen das so. Heute mehr denn je“, sagt Marie Bastide. „Denn Russland ist nicht ‚nur böse‘, die Menschen sind nicht alle mit einem Regime gleichzusetzen. Leider erleben Menschen, die seit Jahren hier leben und sich sogar deutlich gegen Putins Politik positionieren, mitten unter uns Aggression. Dagegen möchten wir ein Zeichen der Verständigung setzen.“

Wie das gelingt? Zum einen durch die Handlung, in der Geschichte und Schicksale von Menschen in Russland, in der Ukraine und sogar in Deutschland miteinander verwoben sind. Zum anderen durch die Musik aus beiden Ländern. „Beim Plotten der Geschichte lasse ich mich von einer jungen Ukrainerin beraten, die derzeit bei uns wohnt“, verrät Marie Bastide. Und etwas persönliche Familienvergangenheit ist auch dabei, denn der Urgroßvater der Autorin war Fechtmeister am Zarenhof. 

„Wir hoffen, dass wir mit dieser spannenden Geschichte um menschliche Schicksale zwischen (Vor-)gestern und heute viele Menschen erreichen.  Mit Spannung und Musik“, sagen Korzh und Bastide. 

Wir laden Euch herzlich ein, dabei zu sein 

am 26. Juni 2022 um 19 Uhr in der Magdalenenkirche, Ohlauer Straße 16, 80997 München-Moosach

bei der musikalischen Krimiperformance RUSSISCHES ROULETTE.

Fallobst oder „den Russen“ gibt es nicht


Ich könnte so viel schreiben. Ich hätte so viel zu sagen. Den Leuten, die „den Russen“ angreifen, denen, die „den Russen“ verteidigen- In den sozialen Netzwerken, mit echten oder falschen Fotos und Videos. Ich könnte meine Prognosen den endlosen Einschätzung auf allen Kanälen hinzufügen. Meinen Ängsten Ausdruck geben, meinem Mitleid.

Stattdessen poste ich heute eine Geschichte, die mir „durch Zufall“ – jedoch glaube ich nicht an Zufälle – eben wieder in die Hände gefallen ist. Sie entstand anlässlich eines Schreibworkshops 2014 im Rahmen eines Frauentages und basiert auf den Erinnerungen einer Teilnehmerin. Die Geschichte passt gut in die Gegenwart – und auch zum Weltgebetstag der Frauen, morgen.

Fallobst

Der kleine Hans stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Anrichte besser überblicken zu können. Vielleicht lag ja noch ein Kanten Brot auf dem Teller, oder ein Apfel. Aber nein, dort stand nur ein Krug mit klarem Wasser. „Mama, ich hab Hunger! Haben wir denn gar nichts mehr?“ Die Mutter kam aus der kleinen Kammer, die als Schlazimmer für sie und ihre drei Kinder diente. „So, Hunger hast du?“ „Ja. Aber Frieda auch“. Die Mutter drehte sich zu Frieda um, die, an den Türrahmen gelehnt, mit großen Augen zu ihr aufblickte. „Gut, dem können wir abhelfen. Heute ist ein sonniger Tag, wie geschaffen, um Fallobst aufzulesen“. Sie nahm die Hirtentasche vom Haken an der Tür und hing sie ihrer Tochter um. „Pass auf deinen kleinen Bruder auf und bleibt nicht zu lange weg. Es wird jetzt schon früh dunkel.“

„Komm“, sagte die siebenjährige Frieda zu ihrem Bruder, und die beiden machten sich auf den Weg. Sie gingen die Hauptstraße hinunter zu den Obstwiesen am Ortsende von Treffurt.

Treffurt war damals, im Jahr 1946, eine kleine Stadt mit 3000 Einwohnern. Sie lag in Thüringen unmittelbar an der Grenze zu Hessen. Frieda und Hans waren mit Mutter, Großvater und der jüngsten Schwester als Donauschwaben in das mittelalterliche Städtchen evakuiert worden. Die Familie hatte, wie alle Flüchtlinge, ein ganzes Leben hinter sich gelassen. Den Bauernhof, die Tiere, die Freunde. Jetzt lebten sie schon seit zwei Jahren in zwei Zimmern in einem alten Haus voller Flüchtlinge aus Polen, der Slowakei und anderen Gebieten. Das Essen war rationiert, und wenn die Lebensmittelkarten aufgebraucht waren, gab es nur zwei Möglichkeiten: hungern oder Obst und Gemüse klauben. Kartoffeln von den abgeernteten Feldern und Fallobst von den Obstwiesen.

Frieda mit ihren Holzssandalen und Hans, der barfuß ging, kam der Weg zu den Apfelbäumen unendlich lang vor. Aber schließlich standen sie auf der Wiese. Nur noch ein paar wenige schrumpelige Äpfel lagen auf dem Gras. „Guck, mal, sind ja überall Würmer drin“, beklagte sich Hans. „Es sind aber keine anderen da, also müssen wir halt mit denen Vorlieb nehmen“ antwortete Frieda, die vernünftige. „Und pflücken dürfen wir nicht, der gehört uns ja nicht.“ Die Kinder bückten sich und sammelten nach und nach die einsamen Apfel in die Hirtentasche. Frieda summte vor sich hin. Und Hans träumte vielleicht schon vom Apfelkompott.

„Stojats“, hörten sie plötzlich eine laute Stimme direkt hinter Ihnen. „Was ihr machen?“ Erschrocken drehten sich die Kinder um. Vor Ihnen stand ein riesiger Soldat. Breitbeinig und mit aufgepflanztem Bajonett. Hans und Frieda ließen die Äpfel fallen, die sie in der Hand hatten. Frieda nahm ihren ganzen Mut zusammen: „Wir nehmen nur die, die schon am Boden liegen“, sagte sie trotzig, während Hans hinter ihrem Rücken hervorlugte. 

„Ihr dumme Kinder!“, dröhnte der Russe. Ging zum Baum und schüttelte ihn kräftig. Ein wahrer Apfelregen prasselte auf die Kinder herunter. Im Handumdrehen lagen so viele Apfel am Boden, dass sie nicht nur die Hirtentasche damit füllten, sondern auch die Hosentasche und die Schürze vollstopften. „Choroschego appetito“, lachte der Soldat, drehte sich um und ging zurück zu seinem Wachhäuschen hinter der Wiese.

Noch heute  im September, wenn die Äpfel reifen, geht Frieda mit ihren Enkelkindern zu dem Apfelbaum am alten Kirchlein in dem Dorf, in das sie als Erwachsene mit ihrem Mann gezogen ist. Sie sammeln das Fallobst auf und backen daraus einen Apfelkuchen. Und dann erzählt sie ihren Enkelkindern die Geschichte von dem russischen Soldaten und den Äpfeln.

Europa Unita. Hommage an meine visionäre Demenzphilosophin.

Eine Hand lässt eine Friedenstaube fliegen

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Zu Deutsch: Der wichtigste Garant für Frieden und Wohlstand ist ein geeintes Europa. Nicht nur für die einzelnen europäischen Länder, sondern für die ganze Welt.

Standardsätze meiner Mutter, im Lauf der Jahre unzählige Male wiederholt, bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten. Den Wahlen zum Europaparlament. Den Berichten über EU-Gipfel, deutsch-französische Gespräche, die Einführung des Euro, natürlich, und die EU-Erweiterung. Dabei beugte sie sich in ihrem Sessel vor, sah dich direkt an, ihre Stimme war frisch, voller Überzeugung und Überzeugungskraft. Sogar als sie schon so dement war, dass sie zuweilen ihren Namen vergaß, rezitierte sie mehrfach am Tag dieses Credo. „L’Europa deve rimanere unita.“

Ich konnte es schließlich nicht mehr hören. 

Ja, diese Frau hatte einen Weltkrieg durchlebt, der Europa unter Trümmern begraben hatte. Seine Menschen, seine Ideale. Der Phoenix, der sich aus der Asche eines Kontinents herausgeschält hatte, mochte sie begeistern.

Und ja, zurecht. Einheit in Vielfalt, geballtes Wirtschaftswunder – von Amerikas Gnaden zwar und auf Kosten einer halben Heimat hinter dem eisernen Vorhang. Aber immerhin. Wie im Zeitraffer spulten sich vor den Augen ihrer Generation historische Veränderungen ab. Politisch, gesellschaftlich, sozial. (Eigentlich waren es keine Veränderungen, sondern Wiederholungen, aber die erlebte Geschichte ist für jede Generation natürlich einmalig). Flüchtlinge aus den Ostgebieten, Gastarbeiter, Binnenmigranten. Reisen, Konsum, sozialer Aufstieg, mehr Konsum. „Geh’n Se mit der Konjunktur, geh’n Se mit auf diese Tour“, schallte die Nachkriegshymne aus Autoradios und Frankfurter Küchen über die rasant dahinschmelzenden Schuttberge. 

Und das alles war nur möglich, weil Europa zusammenwuchs. Davon war meine Mutter überzeugt. Denn sie hatte es erlebt. 

„La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.”

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs kam nicht der Frieden – „wir haben keinen Friedensvertrag“, auch so ein Standardsatz meiner Mutter -, sondern der Kalter Krieg. Statt zu verhandeln, wurde erst einmal aufgerüstet. Frei nach dem Motto: ein potentiell möglicher Angriff ist die beste Verteidigung, O-Ton meine Mutter, bewaffneten sich West und Ost mit Waffen, die einen unendlichen Overkill ermöglichten.

Derweil wurde der Waffenstillstand an den Grenzen durch Kriege im Innern gesichert., Prager Frühling, RAF, Brigate Rosse. Und dann die Friedensbewegung. Atomkraft – nein danke, Gorleben, Wackersdorf und Startbahn West. 

Während der Osten Proteste niederpanzerte, wuchs im Westen eine neue Kriegsform, der Terrorismus. Von 1970 bis 2016 haben in Europa etwa 4.280 Anschläge stattgefunden. Mit etwa 9.200 Todesopfern In den dreißig Jahren vor der Jahrtausendwende. Nordirland, Spanien, Italien –   lange vor den islamistischen Terrorkommandos hatten ethno-nationalistische Gruppen diese Kriegsform für sich adoptiert. 

Wie konnte meine Mutter da von „Frieden“ sprechen? Weil Europa zum ersten Mal so sehr geeint war. Wirtschaftlich und politisch. Trotz ihrer Demenz erkannte meine Mutter im neuen Jahrtausend die Risse. Und warnte. 

Hat Putin den Zeitpunkt für seine Aggression gegenüber der Ukraine gewählt, als die Einheit Europas zu bröckeln begann? Ist die EU zu schnell gewachsen? Oder ist sie gewachsen, ohne dass die Länder genug einende, verbindende Strukturen, Konzepte, Visionen hatten? War die Hoffnung auf wirtschaftlichen Fortschritt und Sicherheit im Schatten der Nato nicht genug? War noch zu viel Warschauer Pakt in der DNA der neuen Staaten? Fakt ist, innerhalb Europas wuchsen die Unstimmigkeiten. Arbeits- und Armutsmigration, „Flüchtlingsansturm“, neu aufkeimender Rassismus, Grenzschließungen, Erstarken des Ethno-Nationalismus. Letzteres keineswegs nur in der Ost-EU, sondern ebenso in Frankreich, Italien, Deutschland etc. Brexit und Covid-19 schließlich versetzten Europa einen Stoß, der die Einheit in gefährliche Schieflage brachte. 

Das ist der ideale Moment, um damit zu beginnen, mit den Demokratiebestrebungen im Umfeld Russlands dauerhaft aufzuräumen. Denn Putin will vielleicht einen breiteren Zugang zum Schwarzen Meer, aber er will vor allem nicht von aufkeimenden Demokratien umgeben sein. Deshalb wird er seinen Feldzug nicht stoppen wollen. Er hat mit wachsendem Widerstand in seinem Land zu kämpfen. Er hat den Kontakt zur Jugend weitgehend verloren. Und zu vielen Bevölkerungsschichten ebenfalls. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist immens. Die Armen glauben der Regierung nicht. Sie lassen sich nicht impfen (Impfquote bei ca. 25%), weil sie vermuten, der Impfstoff sei vergiftet. Sie misstrauen sogar russischem Wodka, aus demselben Grund. Ein Heer von Arbeitsmigranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken haust unter unmenschlichen Bedingungen im Land, ausgebeutet und verachtet, Parias der Gesellschaft. Die Zahl der Straßenkinder wächst. Sie fliehen vor Missbrauch, Schlägen, unzumutbaren Wohnverhältnissen – oft 3 Generationen in einem Zimmer, alkoholisierte Eltern – auf die Straßen, nehmen Drogen, prostituieren sich, verkaufen ihre Organe. Nein, das ist keine Übertreibung. Leider. 

Wir fragen uns: was hat Putin davon, der Mächtigste in einem Land der Machtlosen, der Hoffnungslosen zu sein? Ich habe keine Antwort darauf. Außer, dass er ein Mensch mit einer großen psychischen Verletzung ist, der sich „vom Westen“ missachtet fühlt und um sich schlägt, einfach, weil er es kann. Nur, dass seine Schläge tödlich sind. Für die Menschen in der Ukraine, für seine Soldaten, und, sollte er seine Waffen ändern, für weite Teile der Welt. 

Wir fragen uns: wie kann man diesen Wahnsinnigen stoppen? 

Ich habe keine Antwort darauf. Aber ich höre meine Mutter: „La cosa più importante è che l’Europa rimanga unita. Per la pace, per il benessere, non solo nei paesi europei, ma bensí in tutto il mondo.” Vielleicht ist das der Ansatz einer Antwort. Wenn nicht nur Europa, sondern weite Teile der Welt zusammenstehen, schrumpfen Kleptokraten wie Putin auf ein Maß, das bekämpft oder einfach unschädlich gemacht werden kann.

Dass China sich im UN-Sicherheitsrat bei der Resolution enthalten hat, ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, dass die so genannte Volksrepublik nicht um jeden Preis hinter Putin steht. Einmal, weil sie in ihrer Nähe keinen – weiteren – Diktator braucht. Zum anderen aber, weil sie auf einen finanzstarken Westen angewiesen ist, denn Chinas Waffe ist der Handel. 

Ja – es stimmt. Im Grunde genommen hat die Aufregung, in die die Menschen in Europa sich seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine versetzt haben, durchaus eine zynische, sogar makabere Note. Denn die Welt brennt in vielen Teilen. Und fast täglich werden UN-Konventionen verletzt. Sterben Menschen. Fliehen, werden verfolgt. Oft haben „wir“ an den Ursachen einen Anteil. Der Balkankrieg wurde lange vom Westen nicht wahrgenommen. Was im Nahen Osten passiert, wird kommentiert, was sich in Afrika tut, erreicht oft nur die Randnotizen der Nachrichten. 

Nun hat der Krieg unsere Haustür erreicht. Gut, das wir aufwachen. Besser wäre es, wenn daraus Konsequenzen gezogen würden, und zwar das gesamte politische und wirtschaftliche Handeln. Krieg ist immer schrecklich, egal, wo er stattfindet. 

Das war es, was mich an der Äußerung meiner Mutter so störte. Dieses Betonen der EU. Aber – sie hatte Recht. Denn ein gerechtes, geeintes Europa sollte ein Zeichen sein und Zeichen setzen für eine gerechte Welt. 

Ein anderer Lieblingssatz meiner Mutter war: Change it, leave it or love it. Also, Mum: I had a dream. I have a dream. Let’s dream it all. Let it get real.