SMS-Adventskrimi. 16. Dezember: Falscher Film?


So langsam wird’s langweilig. Immer noch Flockenwirbel. Das Thermometer klettert nicht über Null Grad. Himmel und Erde verlaufen. Das wird nicht besser, denkt Fred. Da bleibt nur noch, die restlichen Jahrestage zu versaufen. Moni vom Isarkiosk hat ein weiches Herz. Oder das Gegenteil. Wie man’s nimmt. Fred nimmt es leicht. Und trottet mit dem Jägermeister und einem Extra Pappkarton Richtung Brücke.Keinen Bock auf Schlafsaal. Da darfste kein Alk reinschmuggeln und wenn doch, musste wachbleiben, sonst klautn dir einer.

„Grüß Gott, Moni. Hast du den Fred gesehen? Er ist gestern nicht zu uns in die Unterkunft gekommen…“ „Naa, Pater Jakob, heit no ned. Gestern amd hob i eam no an Jägermeister geschenkt, nachad isser ab unter die Brückn.“ „Mensch, du sollst ihm doch keinen Alkohol schenken. Ich hab hier nen Brief für ihn. Vom Anwalt. Hab ihn aufgemacht. Sein Vater in Berlin ist gestorben. Hat ihm eine Villa vermacht und einen Haufen Geld.“

„Fred? Fred, hallo?“ Die Gestalt unterm Pappkarton rührt sich nicht. Von den blauen Lippen tropfen kleine Eiszapfen im Morgenlicht.

SMS-Adventskrimi. 15.Dezember:Eingeschneit!


Es schneit. Seit Stunden rieseln Kristalle leise, sanft und unaufhaltsam aus dem Wolkengrau. Horizont und Himmel sind zu einer blassen Wand verschmolzen, die hohen Gartentannen tragen dicke Pelze aus kaltem Weiß. Sie schaut aus dem Fenster. Die Welt hat ihre Farben verloren. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, stanzt eine rote Bommelmütze aus dem Einheitsschnee,  der ihren Blick erfüllt. Erst halb fünf. Und kein Mensch ist unterwegs. Eingeschneit. Sie ist allein.

Das Haus ist mäuschenstill. Es hält den Winteratem an, als wäre jeder Ton schon ein Verlust an Wärme. Kein Kinderlachen. Tom bleibt in der Stadt. Die Zwillinge bei Oma. Sie trällert, um die Leere zu zerschneiden. Vertraute Winkel werfen unheimliche Schatten.  Eingeschneit. Sie bleibt allein.

Die Stille flüstert. Knarrt. Etwas fällt um. Im Keller. Sie schaut hinaus. Gelbes Licht tropft aus der Straßenlampe hinterm Zaun, sickert in leeren Schnee auf frische Spuren Richtung Haus. Sie greift zum Telefon. Kein Ton. Eingeschneit. Nicht mehr allein……..

 

SMS-Adventskrimi. 14.Dezember: Knusper, knusper, knäuschen…


…wer knuspert an meinem Häuschen? Die Bank. Obwohl sie schon ein Dach überm Kopf hat  – und was für eins auf was für einem Wasserkopf! -, will sie mir meines unterm Hintern wegreißen. Staaten verleiht sie Milliarden, Firmen Millionen. Zinsen? Gestundet bis zum Sankt Nimmerleinstag. Meine paar Kröten aber muss ich Monat für Monat abstottern, und wenn’s mal nicht geht, einfach nicht geht, nein, dann schicken sie mir die virtuellen Kofferpacker durch den Briefschlitz.

Na wartet, Freunde. Freunde?! So, noch ein Klick. Sind Sie sicher? Ja. Todsicher. Bitte bestätigen Sie. Aber gerne doch. Transaktion abgeschlossen. Danke sehr! Kinder, deckt schon mal den Tisch! Jetzt gibts Essen. Mama musste nur noch schnell was hacken…

SMS Adventskrimi. 13. Dezember: Dicke rote Kerzen


„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft….“ Sehr schön. Lass sie nur singen. In dicken bunten Stoffklumpen stehen sie um die Krippe herum, als gäbe es was umsonst. Auf die Ohren, ja. Aus der Konserve rieselt Weihnachtsmusik auf die Kunden herunter, unaufhörlich, wie überzuckerter Schnee. Seit Wochen schon. Wann hat er zuletzt in das Licht einer Kerze geschaut? Mit neun, kurz bevor seine Mutter den Job im Altenheim verloren hat. Rücken kaputt, Kopf kaputt, arbeitslos, Hartz IV. Seitdem flackern die Kerzen nur noch über den Bildschirm, daheim. Geschenke? Kein Geld. Gute Laune kommt nur noch vom Bier. Gute Worte gibts von den Leuten auf den Ämtern. Arbeitsamt. Sozialamt. Schulamt. Und Gutscheine. Geändert haben sich nichts. Aber er. Jetzt. Auch dieses Jahr wirds keine Kerzen geben. Keine Geschenke. Keinen Baum. Keinen Braten. Nicht für ihn. Aber auch nicht für die Leute da vorne, rund um die Dekokrippe. Er packt die beiden Mollys aus – seine Weihnachtsbastelei!

„Oh – du hast aber eine große Kerze! Aber meine brennt schon. Hier, schenk ich dir!“ Eine kleine Hand, eine winzige rotrunde Kerze. Ein Schneeflockenlächeln. Er packt die Mollys in den Rucksack und nimmt das flackernde Teelicht aus der Kinderhand. „Pass auf, dass sie nicht ausgeht, bis du daheim bist.“

SMS-Adenventskrimi. 12. Dezember: Engel im Schnee


Wie still es hier oben ist. Als hätte alle Zeit die Welt verlassen. Mit dem Turbinenlärm und dem Windgeräusch kurz vor dem Absprung hat er auch die Angst im Flugzeug zurückgelassen. Jetzt segelt er im Blau wie in einem Meer aus schwereloser Tinte. Bissige Sturmgeister ziehen an seinen Armen und Beinen. Aber seine Ohren sind versiegelt. Sie wollen ihn locken und mit sich reißen, er fühlt die Versuchung. Und lauscht nach innen. Ruhe schwimmt unter der Haut, wächst und steigt ihm zu Kopf. Wie nah sind sich Himmel und Erde. Er hat es immer gewusst! Sein Blick umarmt die gezuckerten Felsen, die eisweißen Wiesen, er zieht sie an wie ein starker Magnet, und sie taumeln rasen auf ihn zu. Er breitet die Arme aus.

Ganz still ist es auf dem Winterfeld. Wie ein vom Himmel gefallener Engel sein Abdruck im unberührten Schnee.

SMS-Adventskrimi. 11 Dezember: Servus, machs gut.


„Servus, hat er gesagt, machs gut. Ich hab das nicht weiter ernst genommen. Er ist ja schon impulsiv, irgendwie. Und wenn ihm was „ned basst hod“, wie er sich ausdrückt, dann hat er immer mir die Schuld gegeben. Ob das in seiner Arbeit war, am Bau, wenn das Wetter nicht mitgespielt hat, oder weil wer anders sein Flugzeugmodell bei ebay ersteigert hat. Immer ich. Servus, hat er gesagt. Machs gut. Und hat den alten Koffer aus dem Keller geholt. Und ich? Bin einfach zur Evi gegangen, wie jeden Samstag. Hab mir nichts dabei gedacht. Ehrlich, Herr Kommissar. Er ist halt schon impulsiv, irgendwie.

Nur wie ich dann beim Heimfahrn den Koffer auf der Autobahnbrücke hab stehn sehn, hab ich mich gewundert. Ich bin angehalten und hab runter geschaut. Und da war dann ja auch schon der Stau, wegen ihm…………..“

SMS-Adventskalender. 10. Dezember: Kalt erwischt.


„Shooter? Hi, ich bin Eisqueen. Hi. Du siehst irgendwie anders aus als auf deinem Profilbild….“

„Echt? Naja.. du auch…Aufm Foto warst du  nich wie 13.“

Grins. „Ja…. ok. Ich dachte, du stehst auf Makeup… Sorry, war nich so gemeint, guck nich so komisch. Klar vertrau ich dir. Was machen wir jetzt? Zeigst du mir die coole Bar? Bist du echt sicher, dass ich da rein komme? Das wär so mega krass!“

„Klar. Hab ich doch gesagt. Ich bring dich schon rein. Wir sind gleich da.“

„Hier? Versteckter Eingang? Cool! Und die verschenken echt sowas wie Poppers?“

„Klar doch. Hier geht’s rein.“

„Braucht man da n Schlüssel? Sind wir die ersten? Mann, das is jan gruseliger Keller. Und so kalt!! Aua, schubs mich nich! Hey, wo gehste hin? Hey!!!!!!!!!!!!!!!! Hey!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!“

SMS-Adventskrimi. 9. Dezember: Frisch gebacken.


„Schatz! Sorry –  Stefan. Wir sind doch erwachsen. Manchmal entwickeln sich Menschen eben auseinander. 20 Ehejahre sind ne lange Zeit. Wir sind beide nicht hübscher geworden. Du auch nicht! Und ehrlich, erstens sind die Kids aus dem Gröbsten raus. Zweitens glaube ich nicht, dass es ihnen Spaß macht, mit zwei Eltern zu leben, die sich nur noch auf dem Weg ins Bad oder zum Kühlschrank zufällig begegnen und sich außer Fragen wie : Wo ist die Butter? nichts mehr zu sagen haben.

Die Jungs und ich finden schon ne Wohnung. Klar, ich hänge an dem Haus. Aber wenn du es verkaufen willst….

Ich weiß, du musst los, deine Freundin wartet. Ich bin nicht eifersüchtig! Schau, ich hab euch extra deinen Lieblingskuchen gebacken, zum „Einzug“……. Ciao, Und lasst es euch schmecken!“

Der SMS-Adventskrimi. 8. Dezember: Granatenabgang


„Nächster Halt: Alte Heide.“ U-Bahn-Pendler hängen ihren erkalteten Träumen nach, verdösen den grauen Übergang von Nacht und Tag. Er ist hellwach. Und klemmt den Aktenkoffer fester zwischen Popelineärmel und Rippenbogen.

„Nächster Halt: Nordfriedhof“. Wie von unsichtbarer Hand in die Sardinenbox gedrückt pressen sich neue nebelfeuchte Körper in die Bahn. Sie alle haben Ziele. Er auch. Endlich. Wieder.

„Nächster Halt: Dietlindenstraße.“ Nochmal tief den Mief einatmen. Ein letztes Mal, nach 20 Jahren.

„Nächster Halt: Münchner Freiheit. Bitte rechts aussteigen.“ Auch wenn er wollte, es gibt kein Zurück. Ein Lemming unter seinesgleichen, strebt er dem Ausgang zu. Über die Ampel. Durch das Tor. Die Treppe rauf. Die Aktentaschenlasche hebt sich wie von selbst. Er zieht den Zünder. „Mein Rauswurf war granatenmäßig, Chef!“ ruft er noch aus dem Treppenhaus.

„Nächster Zug U6 nach Garching. Vorsicht bei der Einfahrt, bitte.“ Er steigt in den leeren Zug. Kein Pendler mehr.

Der SMS-Adventskrimi. 7 Dezember: Schneekönigin 2010


Rotglänzend und unübersehbar steht er vor dem Brandenburger Tor. 570 Pferde ziehen ihren Schlitten. Sie ist die Königin des Winterplatzes. Weißer Nerz spielt mit den Lichtern auf den schwarzen Locken, zarte Flocken tupfen ihre Wimpern.

Zu schön für einen Einzigen. Ihr warmes Lächeln nährt in Tausend Augenpaaren heiße Glut. In geiler Lust umtanzen sie die Objektive. Schießen sie rund um den Globus.

Sie findet ihn hinter der Blitzlichtmauer, Verlangen in der blassen Hand. Mit abgewandtem Blick kredenzt er ihr den schmalen Kelch. Sieg und Verlust in einer letzten reichen Geste. Ein Schluck nur und ihr Bild gehört ihm ganz allein.