MiniKrimi Adventskalender am 4. Dezember


Mach es uns doch nicht so schwer, Baby!

Der Nebel hängt seit Tagen so tief, dass sich die Dunkelheit schon am frühen Nachmittag auf die Häuser senkt. Eigentlich hat sie gar keine Lust, nochmal raus zu gehen. Der Arbeitstag war anstrengend. Sie hat das Gefühl, dass Kunden und Kollegen immer ungeduldiger werden, Jahr für Jahr. Oder verliert nur sie selbst immer schneller die Geduld? Sie schält sich aus Schal, Mütze, Mantel und zieht die Schuhe aus. Jetzt ein Bad und dann vor den Fernseher legen. „Sport ist besser als jede Pille“, erzählt der Moderator gerade. Da packt sie das schlechte Gewissen. Sie wird nur eine kleine Runde laufen, denkt sie. Und springt Minuten später in ihrer Joggingkluft die Treppen runter.

Das Wäldchen liegt direkt gegenüber, auf der anderen Seite der kleinen Kopfsteinpflasterstraße. Ein paar Laternen gießen gelbes Licht auf die Konturen grauer Bäume, dazwischen lauern schwarze Löcher. Die Luft ist dick wie Zuckerwatte und dämpft die wenigen Geräusche. Um diese Zeit und bei diesem Wetter ist die Wohngegend wie ausgestorben. Sie schaltet ihren Pulszähler ein und läuft los. Taucht in den Wald ein, und die dunkle Stille schließt sich hinter ihr. Der Nebel zieht Fäden zwischen den Stämmen und Ästen, braunes Laub erstickt jeden Schritt. Einsamer als hier kannst du nicht sein, sagt sie sich, und der Gedanke kauert unangenehm auf ihrer Schulter.

Links hinter sich hört sie einen Laut, ein Rufen? Ein Bellen? Sie dreht sich im Laufen um, kann nichts erkennen, nur eine verdichtete Dunkelheit zwischen den Buchen. Sie läuft weiter. Da. Wieder. Jetzt schlägt sie einen Haken, biegt vom Hauptweg ab auf einen kleinen Pfad. Ein toter Stamm, von Efeuarmen umfangen, bietet ihr Schutz, sie bleibt stehen. Versucht, das wabernde Zwielicht zu durchdringen. Kühle Tropfen auf ihren Wimpern. Schweiß? Jetzt hört sie ganz deutlich das Knacken von Ästen. Ein unterdrückter Fluch. Sie atmet aus, pfeifend. Und fühlt, wie auch der andere stehen bleibt. Witterung aufnimmt. Von ihr. Sie stößt sich vom Baumstamm ab und rennt los. Füße suchen flüchtigen Halt, gleiten über Steine, bleiben an Wurzeln hängen. Und wie dumpfes Trommeln das Echo fremder Schritte auf ihrer Spur.

„Hey. Nicht weglaufen. Das bringt doch nichts. Bleib stehen. Verdammt nochmal. Ich erwisch dich trotzdem. Mach es uns beiden doch nicht so schwer, Baby.“

Davor haben ihre Freundinnen sie immer gewarnt. Ihre Mutter. Lauf bloß nicht im Dunkeln allein durch den Wald! Aber sie hat ja keine Angst. Was soll ihr schon passieren? Ja, was? Gleich wird sie es erleben. Die Schritte kommen näher, er ist schneller als sie. Scheint den Wald zu kennen wie seine Westentasche. Denn als sie über einen morschen Ast stolpert, der vor ihr aus dem Boden wächst, steht er vor ihr und greift hart nach ihrem Arm. Das war’s, denkt sie noch, als sie ins Unvermeidliche stürzt.

Etwas Schweres, Nasses wirft sich über sie. Ein modriges Fell, ein stinkender Sack? Der Geruch nach Fäulnis und Verwesung nimmt ihr die Luft. Und dann seine Stimme. Wütend. Erregt.

„Baby, sitz! Lass die Frau in Ruhe! Pfui, wo hast du dich denn wieder gewälzt? Das war das letzte Mal, das ich ich dich hab laufen lassen. Sitz, hab ich gesagt.“ Und dann, zu ihr gewandt,mit einer Mischung aus Erleichterung und Scham: „Seit einer Stunde such ich das Miststück schon hier im Wald. An Abenden wie diesem ist sie völlig von der Rolle. Sieht so aus, als hätten sie sie zufällig gefunden. Danke! Oh, sie hat sie ganz schmutzig gemacht! Tut mir leid! Ich zahle natürlich die Reinigung.“

Sie rappelt sich wortlos auf und rennt davon. Hinter ihr kämpft der  Besitzer noch eine Weile mit seiner störrischen Setterhündin.

MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Toxischer Advent

Wenn Mias Stimmung wetterabhängig wäre, hätte sie sich heute gleich nach dem Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster wieder unter die Bettdecke verkrochen und den Tag damit verbracht, Netflix zu durchstöbern.

Aber so ist sie nicht. Sie kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Nicht umsonst hat sie jahrzehntelang das Credo ihrer Mutter angehört. „Change it, leave it or love it.“ Tiefe Nebelbänke über den Wiesen? Feuchtbraune Blätterhaufen am Straßenrand? Klumpige Wegfurchen, in denen sie mit ihren Profilsohlen zentimetertief einsinkt? Glänzendgraue Straßen, auf denen sich die Lichter spiegeln, noch um 10 Uhr morgens?

Das ideale Wetter für ein freundschaftliches Gespräch mit Finn. Das hat sie ohnehin schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Wahrscheinlich denkt er, sie leide unter der Trennung. Vielleicht glaubt er sogar, sie fühle sich verlassen? Oder, die schlimmste Möglichkeit – und gleichzeitig die Finn-typischste: Er liest ihre bisherige Zurückhaltung als Schuldeingeständnis. In seinen Augen, in seinem Denken, nein, in seiner Überzeugung hat er schließlich nur die Reißleine gezogen und sich aus einer toxischen Beziehung gerettet, in der er jeden Tag bevormundet und gedemütigt wurde.

Finn, also. Meinst du wirklich, dass du dafür schon bereit bist?, fragt ihre Katze Nestor mit kritischem Blick. Bist du komplett über alles hinweg? Die Ohrfeige? Der zerstörte Laptop? Der Fake-Anruf bei deinem Chef, der dich den Job gekostet hat? Ja, alles verarbeitet? Und dass Finn jetzt mit Anja zusammenlebt, ihrer – ehemaligen – besten Freundin? Mit der er ein Kind erwartet (während Mia mit ihm nur eine Katze haben durfte)?

Alles vorbei. Nicht vergessen, nein. Aber von gestern, halt. Und zwar sowas von. Toxisch. Ja, Das war sie wohl gewesen, diese große Liebe. Gift für sie und ihr Selbstwertgefühl. Seit der Trennung geht es ihr viel besser. Und das will sie Finn unbedingt zeigen. Ein Blick in den Spiegel: Kastanienbraune Locken fallen lang über die Schultern. Die Augen leuchten. Brauen, Wimpern, Lippen – alles perfekt. Beim allerersten Blick wird er erkennen, wie GUT es ihr geht. Nein, sie will ihm nichts beweisen. Und natürlich will sie ihn auch nicht verführen. Im Gegenteil: sie will ihm und Anja jede Spur von schlechtem Gewissen nehmen. Sie sollen nicht denken, dass sie ihr Glück zu dritt auf Mias Kosten genießen.

Siehst du, das wäre dann ja wohl geklärt, sagt sie und schaut Nestor triumphierend an. Nun muss nur noch das Treffen arrangiert werden. Der Impuls dazu muss natürlich von Finn ausgehen. Aber das ist kein Problem. Sie kennt diesen Mann in- und auswendig. Viel besser, als Anja ihn je kennen wird.

Mia aktivert bei ihrem Smartphone die Rufnummer-Unterdrückung. Dann lässt sie es bei Finn genau dreimal klingeln. Sie weiß, er kann es nicht ertragen, einen Anruf verpasst zu haben. Und wenn er nicht weiß, wer ihn angerufen hat, wird er solange recherchieren, bis er eine Antwort hat.

Tatsächlich dauert es keine 10 Minuten, bis Finn sich bei ihr meldet. „Hast du mich gerade angerufen? Warum ist deine Rufnummer unterdrückt?“ „Das ist sie nicht! Das hab ich noch nie gemacht. Und nein, ich habe dich nicht angerufen. Ich bin gerade auf dem Sprung und wollte zum Weihnachtsmarkt in der Blutenburg.“

„Du hast NICHT angerufen…. Hm.“ Finn kann es nicht ertragen, sich zu irren. „Naja, egal. Ist doch schön, dass wir uns jetzt sprechen! Wir wollten uns doch schon so lange treffen. Hey – was hältst du davon, wenn wir zusammen zur Blutenburg gehen? Wie in alten Zeiten? (Er lacht, und vor Mias Augen schlendern zwei eng umschlungene Gestalten durch den mittelalterlichen Burghof. Probieren Ringe an, essen Waffeln, trinken Glühwein und Punsch. Ja, es gab auch schöne Momente. Aber die wiegen die Schmach nicht auf. Vorbei ist vorbei).

„Ehm…..“ Mia zögert. „Najaaa – und was ist mit Anja?“

„Die ist heute bei ihrer Mutter.“ Ach so. Klar. Finn hat Ausgang. Wer weiß, wie oft er sich so verhalten hat, als wir noch zusammen waren?, fragt Mia sich. Und mit wem er sich getroffen hat? Außer mit Anja?

„Ok. Aber ich wollte gerade losgehen. Ist dir das nicht zu knapp?“

„Nein, das passt prima. Ich bin in ner Viertelstunde am Parkplatz an der Würm. Dann können wir gemütlich am Bach entlanglaufen.“

Gemütlich? Ja! Mit warmen Uggs, dem langen grauen Dauenmantel, rotem Schal und roten Lederhandschuhen, die Locken durch die nebelfeuchte Luft wie mit Diamanten bestreut, die braunen Augen verführerisch geschminkt, ist Maja in Bestform für einen Adventsspaziergang an der romantischen Würm. Finn schaut sie lange an, dann schließt er sie spontan in die Arme. „Du siehst toll aus!“ Große Tropfen hängen an den braunkahlen Zweigen, als hätten sich die Bäume für sie beide geschmückt. Der Bach murmelt und raunt. Am Horzont leckt zartes Abendrot an fransigen Wolken. Und über die Dächer der Kirche und der alten Bauernhäuser schwingt sich ein Weihnachtslied.

„So schön!“, flüstert Mia. Und Finn berührt ihre Wange mit einem sanften Kuss. Dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben. Anja hat die Wohnung ausgesucht, die Möbel und das Kinderzimmer. Das Baby wächst und gedeiht – Finn ist sich sicher, es ist ein Junge.

„Da hat sich ja alles verändert, in deinem Leben“, sagt Mia. „Ja,“ sagt Finn. „Manchmal ist mir das richtig unheimlich. Manchmal denke ich, wir zwei….“

„Zu spät“, lacht Mia. „Und außerdem: meinst du, ich hätte weitermachen wollen?“

Finn lacht. Na klar, sagt sein Blick.

Die Blutenburg ist voller Menschen. Alle wollen endlich wieder den Trubel genießen. Die Luft schwirrt von Stimmen und Trompeten, es duftet nach Waffeln, Bratwurst und Gewürzen. Mia und Finn schieben sich durch die Massen. „Ich hol uns einen Glühwein“, sagt Mia. „Für mich nur einen Punsch. Du weißt doch…“ „Hey – ich kenne dich doch! Du, mir ist hier mit den vielen Leuten total warm. Hälst du mal meinen Mantel und den Schal?“

Nach einer Weile drückt Mia Finn einen Becher in die Hand. „Der Punsch ist mega lecker, schmeckt wie Glühwein, probier mal!“ Finn trinkt und lächelt. Mia lächelt zurück. Als er zu husten beginnt, nimmt sie ihn besorgt am Arm und lotst ihn in eine ruhige Ecke. Da ringt er schon nach Luft, aber Mia küsst ihn, und die Umstehenden schöpfen keinen Verdacht. Ees sit sehr schnell vorbei.

Mia lässt FInn zu Boden sinken, versteckt, hinter einer Säule. SIe drückt ihm den Becher in die Hand, schlüpft in den Mantel, wickelt den Schal fest um den Kopf und geht langsam und genießerisch an den bunten Ständen vorbei. Unerkannt und unbekannt.

Am Ausgang hört sie Rufe: „Krankenwagen! Notarzt! Schnell!“ Sie bleibt nicht stehen. Toxische Beziehungen verdienen ein toxisches Ende.

„Er hat es selbst so gewollt. Warum musste er mir von Anja und dem Baby erzählen? Wie dumm von ihm. Er musste doch wissen, dass ich über seine schlimme Sulfitallergie Bescheid weiß. Und darüber, dass er immer sein Spray vergisst. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm Glühwein statt Punsch holen. Das verstehst du doch, Nestor?“

Aber die Katze dreht sich von Mia weg und starrt stumm aus dem Fenster. Gottseidank hat sie keine Allergien.

MiniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


Was sind schon Frauen?

„Jerome, ich habe einen großen Wunsch an dich. Und ich weiß, du wirst ihn erfüllen. Denn das ist mein Vermächtnis: ich will, dass du es im Leben zu etwas bringst. Du sollst studieren, Medizin oder Jura. Damit du ein gutes Leben hast.“

Er muss nicht lesen, was auf den lange vergilbten Seiten steht. Er kennt jedes Wort. Hat das Buch hunderte Male durchgeblätter,t, diesen einen Schatz, den seine Mutter für ihn vor ihrem Tod geschrieben hat. Erinnerungen an sie, an die Heimat, an ihr gemeinsames Leben.

Mit dem Daumen streicht er liebevoll über das Gesicht der Frau auf dem ausgebleichten Foto. Dünn ist sie da schon, vom Tod gezeichnet, dem Preis für ihre Beziehung zum Gutsverwalter Mbabazi.  Zur Belohnung für ihre „Dienste“ hatte er Jerome zur Schule geschickt. Und ihm immer etwas zu essen gegeben. Das war mehr als die meisten anderen Kinder im Dorf Iganga hatten. Aber seine Mutter hatte diese Privilegien mit ihrem Leben bezahlt. Wie unendlich viele afrikanische Frauen, die von Männern aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten mit AIDS angesteckt wurden.

Nach dem Tod der Mutter stürzte sich Jerome ins Lernen und leitete die stille Wut, die in ihm brodelte, in Energie und Leistung um. Als Mbabazi den Jungen aufs Feld schicken wollte, um seinen Unterhalt zu verdienen, schritt der Leiter des kleinen Schulzentrums ein. Seine Frau und er adoptierten Jerome. Da waren die beiden schon in den Fünfzigern, und als sie nach seiner Pensionierung zurück nach Amerika gingen, nahmen sie Jerome selbstverständlich mit. 

Er beendete die Highschool, danach das College und verließ die Harvard-Universität mit einem Prädikatsexamen in Jura. 

Heute ist Jerome ist Juniorpartner einer angesehenen Kanzlei in Chicago. Seine Wurzeln aber hat er nie vergessen. Seine Adoptiveltern haben immer wieder mit ihm gemeinsam im Memory Book gelesen, das seine Mutter für ihn gemacht hat, Anfang des neuen Jahrtausends. Sie haben in ihm die Liebe zu Afrika wach gehalten und genährt. In seiner Kanzlei ist er zuständig für Wirtschaftsverträge zwischen amerikanischen Firmen und Partnern in Afrika. Er möchte etwas zurückgeben von dem, was seine Mutter ihm hinterlassen hat. Liebe und Achtung. 

Das Telefon unterbricht Jeromes Tagtraum. „Mister Miller, brauchen Sie noch etwas für Ihren Termin für die Verhandlungen von Stevenson Inc. mit der Ugandischen Regierung? Dolmetscher, zum Beispiel?“ „Nein, danke, Grace. Englisch ist neben Suaheli Amtssprache, ich komme gut zurecht.“ Jerome lächelt. Er bezweifelt, dass seine Sekretärin über seine Herkunft und seinen Werdegang informiert ist. Wozu auch? Behutsam legt er das kostbare Buch zurück in die oberste Schublade seines Mahagoni-Suhreibtisches. In Iganga hatten sie alle zusammen nur einen klapprigen Holztisch, an dem wurde gegessen, gearbeitet – und oft, nach dem langen Heimweg von der Schulweg durch die sirrende Hitze, auch geschlafen. 

Ja, er hat einen langen Weg hinter sich. Von Iganga nach Chicago. Einen erfolgreichen Weg. Und jetzt setzt er sich dafür ein, dass Kinder wie er in ihrer Heimat ein besseres Leben führen können. 

Er ist gespannt auf die Vertreter der ugandischen Regierung. Angeblich sind sie von der Premierministerin Nabbanja persönlich ausgesucht worden. Er weiß, dass Zeit in seiner Heimat anders bewertet wird, und hat Rogers und Jennings von Stevenson Inc. entsprechend gebrieft. Als sich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin die Tür zum Sitzungsraum öffnet, lächeln die beiden nur freundlich erleichtert.

Aber niemand hat Jerome auf den Schock vorbereitet, der ihn bei der Begrüßung der Männer aus Uganda trifft.

Er ist alt geworden, das Haar schütter und weiß. Er ist kleiner, drahtiger. Aber Jerome würde ihn immer und überall erkennen. Mbabazi, den Mörder seiner Mutter! Er bringt die Verhandlungen hinter sich wie ein Schlafwandler. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist sich sicher, dass alle Anwesenden wissen müssen, was in ihm vorgeht. Aber sie bleiben entspannt. Mbabazi erkennt in Mister Miller ganz offensichtlich nicht den kleinen Jungen aus Iganga, Malaikas Sohn, dem er die Mutter genommen hat. 

„Diesen Abschluss müssen wir unbedingt feiern“, sagt Jerome zu Mbabazi. „Ich kenne da eine ganz besondere Bar, die wird Ihnen gefallen.“ Mbabazis Kollege entschuldigt sich. Doch Jerome hat den Alten richtig eingeschätzt. Es gibt Züge im Charakter eines Menschen, die verändern sich nie. 

Die Bar ist angenehm dunkel, auf der Tanzfläche räkeln sich junge Mädchen. Jerome geht hier nie alleine hin, nur, wenn er bestimmte Kunden begleiten muss. Nach einigen Whiskys wirdv Mbabazi redselig.  Erzählt von seiner Vergangenheit. Wie er 2006 als Gutsverwalter eines amerikanischen Farmers plötzlich krank wurde. Und dass sein Boss so große Stücke auf ihn hielt, dass er ihn zur Behandlung nach Amerika schickte. „Wie sie sehen: ich habe überlebt! Und ich sage Ihnen, ich genieße mein zweites Leben in vollen Zügen!“

„Und die Frauen, die sich angesteckt haben? Sicher haben sie Frauen angesteckt?“ „Mein Schohn“ – Mbabazis Aussprache beginnt zu verwischen – mein Schohn: Was sind schon Frauen? Was bedeutet ihr Leben?“ „Ja, was?“ , fragt Jerome und verzieht sein Gesicht zu einem höhnisch grausamen Grinsen.

Chicago ist immer belebt, auch nachts. Taxis drängeln sich auf den Spuren, überholen auf der Jagd nach Kunden. Mbabazi ist diesen Trubel nicht gewöht. In Kampala geht es ruhiger zu. Jerome greift nach dem Arm des Alten, als er unvermittelt die Fahrbahn betritt, genau vor einem großen schwarzen Wagen.

„Ich konnte ihn nicht halten“, wird er später der Polizei sagen, Erschütterung im Blick. Niemand hat gesehen, dass er den Mann nicht gehalten, sondern gestoßen hat.

Info:

Memory Books entstanden in Uganda. Rund 40 Tausend aidskranke Mütter schrieben sie für ihre Kinder, damit sie sich an sie und ihre Familie erinnern sollten, wenn die Mütter tot waren. In den Büchern stand immer auch der Wunsch, dass das Kind lernen und einen guten Beruf ergreifen sollte.

Wenn Ihr mehr über die Memory Books erfahren wolltm empfehle ich euch den ergreifenden preisgekrönten Film von Christa Graf als Video, Blue Ray oder bei Amazon Video Stream.


Adventskalender MiniKrimi am 1. Dezember


Ein cooler Job

„Danke, Herr von Maltitz.“

„So, jetzt hol dir nen Cappuccino und richte dich erstmal ganz in Ruhe ein. Morgen besprechen wir dann deine Aufgaben genauer. Du kannst heute auch gerne nen Tick früher gehen.“

„Ach, noch was, Selina. Wir duzen uns hier alle. Im Sinn von flachen Hierarchien und so. Das ist doch ok für dich? Ich bin Maximilian.“

Selina nickt und merkt, dass sie rot wird. Wie ärgerlich! Jetzt weiß Herr von Maltitz, nein, Maximilian, dass sie ihn cool findet. Sehr cool sogar. Eigentlich hat sie den Job vor allem wegen ihm angenommen. Er kommt so nett rüber, total unaufgeregt und nicht so angeberisch wie viele andere junge Unternehmertypen. Da war es ihr dann auch egal, dass sie beim Vorstellungsgespräch nicht so richtig verstanden hat, was sie bei Artemis Bauen und Leben eigentlich tun sollte.

Aber spätestens morgen wird sie alles erfahren. Sie klappt das Notebook auf. Der Firmenschriftzug schwingt sich elegant über eine Landschaft aus Säulen vor tiefblauem Meer. Sieht jetzt nicht so aus wie Selinas Traum vom Wohnen, sie mag es lieber zentral, mit Shoppingmeilen und Kneipen gleich um die Ecke. Selina lässt ihre 5 cm langen pinken Nägel über die Tastatur gleiten. Oh. Kein Passwortschutz. Schon ist sie mittendrin im Firmenlaufwerk. Verstohlen klickt sie mal hierhin, mal dahin. Ordner mit komplizierten Namen: Parthenon, Villa Maxima, Maison Soleil. Alle leer. Sie zieht die Schubladen im Rollboy auf: leer. Sie starrt 10 Minuten auf das hochmoderne Telefon, das einsam neben dem Notebook steht. Es schweigt sie an. Selina beschließt, zu gehen.

Auf dem Flur schaut sie scheu in Maximilians Büro. Ihr neuer Chef steht am Fenster und telefoniert mit dem Handy. „Alles bingo, Bastian. Die ist perfekt. Glaub mir!“

Am nächsten Tag lernt Selina ihre Kolleginnen und Kollegen kennen. Insgesamt 4 an der Zahl, drei so neu wie sie.  Und Maximilian hat eine Aufgabe für sie: Büromaterial bestellen. Danach soll sie einkaufen gehen, Kaffee und Schokolade. „Nimm Bonny mit, sei so lieb“, ruft Maximilian ihr zu. Selina schluckt. Als Kind ist sie im Dorf ihrer Großeltern von einem großen schwarzen Hund gebissen worden. Das war ihre einzige Erfahrung mit Tieren. Aber Maximilian steht schon vor ihr, den gelockten Labradoodle neben sich, und streckt ihr die Leine entgegen.

Nach 8,5 Stunden Arbeitzeit hat sie ihren Rollboy mit Bleistiften, Büroklammern und Eddings bestückt, einen Kundentermin zur Baustellenbesichtigung für ihren Chef ausgemacht und am Nachmittag nochmal den Hund ausgeführt. Zum Glück ist Bonny ein ganz Süßer. „Wird schon,“ denkt sie sich.

Als Selina nach der ersten Arbeitswoche immer noch nicht mehr zu tun hat als Büromaterial zu bestellen (wofür?, die Kolleginnen und Kollegen sitzen auch bloß untätig an ihren Schreibtischen) gelegentlich Termine für Maximilian auszumachen und dreimal am Tag mit dem Hund Gassi zu gehen, wundert sie sie.

„Ey, was hast du? Du kriegst satt Kohle fürs Nichtstun. Worüber beschwerst du dich eigentlich?“, fragt ihr Freund. Selina hat darauf keine Antwort. Es stimmt, eigentlich sollte sie froh sein. Stattdessen ist ihr der neue Job unheimlich. Sogar sich jeden Tag im Büro die Nägel anders zu lackieren wird nach kurzer Zeit langweilig. Die Kolleginnen und Kollegen sind alle supernett. Komisch nur, dass die meisten von ihnen sich weder darüber wundern noch beschweren, dass sie während der Arbeitszeit meist untätig herumsitzen. Nur Bastian, der Einzige, der schon länger da ist, „arbeitet“. Er fährt mit Maximilian durch die Gegend, auf verschiedene Baustellen oder zu Kund*innen, und oft telefoniert er hinter verschlossener Bürotür.

Nach einem Monat bekommt Selina endlich eine richtige Aufgabe. Sie muss Flugtickets für Maximilian und Bastian bestellen. Es geht um die Besichtigung eines neuen Projektes in der DomRep. Am Morgen des Abflugs ein Anruf von Maximilian: Er hat seinen Diplomatenkoffer im Büro liegenlassen. Selina soll ihn zum Flughafen bringen. Was bitte ist ein Diplomatenkoffer? Schließlich findet sie ihn. Es ist schon kurz vor knapp, Maximilian ist schon auf dem Rollfeld. Ein Flughafenmitarbeiter in greller Warnweste passt sie auf dem Weg in die Halle ab, nimmt ihr den blauen Koffer aus der Hand, steckt ihn in eine neutrale Pastiktüte und verschwindet. Wie vereinbart schickt sie Maximilian eine Whatapps: Ok.

Zurück im Büro trifft Selina der Schlag: Die Räume sind verwaist. Keiner da. Die Schreibtische blank, die Rollboys leer. Nur der Hund sitzt verlassen auf seinem Kissen. Die Tür wird aufgerissen, Menschen in Uniform stürmen den Raum. „Polizei. Wo ist Herr von Maltitz?“ „Im Flieger in die DomRep“, stottert Selina. „Was……?“ „Er hat zwei Millionen Euro veruntreut. Von ahnungslosen alten Leuten. Wo ist das Geld?“

Da fällt es Selina wie Schuppen von den Augen. Maximilian hat sie benutzt, um das Geld an der Security vorbei in den Flieger zu schmuggeln. Und jetzt wird die Polizei sie als Mitwisserin verhaften. Sie wird den Leuten das Geld zurückzahlen müssen. Sie, Selina A. Wie soll sie das machen? Selina sinkt neben Bonny auf den Boden und schlägt die Hände vors Gesicht.

Wie durch einen Schleier sieht sie die Polizisten das Büro durchsuchen. „Hey, schau mal, der Diplomatenkoffer. Mach mal auf!“ Selina klimpert hektisch mit ihren künstlichen Wimpern.  „Aber, aber…“, flüstert sie.

Währenddessen hat Maximilian dem Vorfeldmitarbeiter die Tüte abgenommen und ihm diskret zwei zusammengerollte 500 Euro Scheine in die Handfläche geschoben. Auf seinem Platz zieht er die Plastiktüte ab. Und erstarrt. Sekunden später schreit er in sein Handy: „Bastian! Die dumme Kuh hat alles versaut! Aber du wolltest ja unbedingt ein dummes Ding! Verdammt!“ Er wirft das Handy auf den Boden und starrt mit wutverzerrtem, kreidebleichem Gesicht auf den blauen Kosmetikkoffer, den seine Ex bei ihm im Büro hinterlassen hatte.

Selina erhält für ihr umsichtiges Vereiteln einer Straftat von den Geschädigten der Firma Artemis Bauen und Leben eine großzügige Belohnung. „Wenn das Geld alle ist, geh ich lieber wieder inner Drogerie arbeiten“, sagt sie ihrem Freund.  „Aber nur halbtags, wegen Bonny.“

Adventskalender MiniKrimi am 19. Dezember


Meine Allerlieblingsgeschichte. Ich könnte sie jedes Jahr wieder schreiben. Und danach lesen. Und Ihr?

Warum Krampus eine Windel trug

Artemis und Isidora waren Geschwister. Sie lebten in einem Altbau mitten im Münchner Stadtteil Schwabing, ganz in der Nähe des Englischen Gartens. Bis vor einem halben Jahr wohnten sie noch in Hamburg. Doch dann war ihre Mutter, die bei einer großen Werbeagentur arbeitete, nach München versetzt worden. Meistens wollen Kinder ihr gewohntes Umfeld nur ungern verlassen – ungezählte „Herzkino“-Filme handeln davon, wie sie sich zunächst sträuben, dann durch irgend einen meist dramatischen Umstand neue Freunde finden, Teenager verlieben sich auch oft – und am Ende weinen sie dem Meeresrauschen im hohen Norden und den Szenecafés von Blankenese keine Träne mehr nach und sind stattdessen ganz versessen auf Floßfahrten und Zelten entlang der Isar.

Artemis und Isidora hingegen waren gerne nach München gezogen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Artemis war mit seinen 15 Jahren ein in einschlägigen Kreisen anerkannter Hacker, und einige seiner virtuellen Kollegen lebten in und um München. Die WizKidz von heute gehen viel gelassener mit ihrer Anonymität um, bzw. haben sie längst verstanden, dass nur der keine digitalen Spuren hinterlässt, der so wenige wie möglich macht. Briefe, Telefon und persönliche Treffen sind ihrer Meinung nach bedeutend sicherer als Konferenzen im Netz, ob hell oder „dark“. Für Artemis bedeutete die Veränderung also größere Nähe und kürzere Wege.

Isidora hingegen war von einer Zickengang an ihrer Mädchenschule gemobbt worden, und zwar ziemlich übel. Einmal hatten sie einen Tankini in ihrem Mathe-Hausaufgabenheft versteckt. Ihr Lehrer, ein junger Typ mit blonden Locken, auf den sie tatsächlich total stand, hatte das Teil mit seinem Kuli aus dem Heft gefischt, sie angegrinst und erklärt: „Meine Freundin trägt nur Badeanzüge.“ Danach war Isidora so lang nicht zur Schule gegangen, so lange, bis das Fieberthermometer beim Aufheizen auf dem Induktionsherd zersprungen war. Kurz vor den Sommerferien hatten die Zicken ihr die Reifen ihres Fahrrads zerstochen. Nein, Isidora war glücklich, Hamburg den Rücken zuzukehren.

Es gab aber noch einen anderen Grund, weshalb die Geschwister dem Umzug beinahe entgegengefiebert hatten: sie wünschten sich schon seit langem einen Hund. In Hamburg hatten die Eltern immer ein Argument gefunden, um diesen Wunsch abzulehnen: Der Vermieter erlaubte keine Haustiere, weit und breit war kein Park in der Nähe, das Tier wäre den halben Tag alleine gewesen. Hier in München aber waren die Bedingungen perfekt. Der Altbau mit seinen knarzenden Holztreppen, dem Geruch nach Grünkohl aus der Hausmeisterwohnung und vor allem mit dem Englischen Garten direkt vor Tür war wie geschaffen für eine Fellnase. Tatsächlich lebten dort auch schon eine Dogge und eine Katze. Hinzu kam, dass ihr Vater als freier Journalist für den Deutschen Tierschutzbund arbeitete – und das meist von zu Hause aus. Und wenn er mal reisen musste: sein Arbeitgeber konnte schlecht was gegen einen Hund im Gepäck haben! Aus unerfindlichen Gründen schienen die Eltern jedoch immer noch nicht mitzuziehen. „Lasst uns erstmal ankommen.“ „Vielleicht zu Weihnachten.“ „Seid Ihr sicher, dass Ihr nicht allergisch seid? Wir lassen Euch lieber erstmal testen.“

Da beschlossen die Geschwister, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Und so saßen Artemis und Isidora, Art und Isi, wie sie von ihren Freundinnen und Freunden genannt wurden, am Esstisch, vor sich eine Zeitung, die sie in ihrem Briefkasten gefunden hatten. „Hallo München“, ein Werbeblatt voller Anzeigen. Vom Bügelbrett über Häuser, Autos, Briefmarken bis zu erotischen Diensten wurde dort alles angeboten. Auch Hunde. „Schau mal, Arti, der sieht doch voll süß aus!“ Isi zeigte auf das Foto eines kleinen schwarzen Hundes mit einem weißen Fleck über dem rechten Auge. „Australian Shepherd Welpen, reinrassig. 3 Monate, 250 Euro.“ Genau soviel hatten die beiden bereits zusammengespart!

Art fand es schon seltsam, dass in der Anzeige kein Name stand, sondern nur eine Handynummer. Als er dort anrief, meldete sich eine Frau in gebrochenem Deutsch. Ja, genau dieser Welpe sei noch zu haben. Natürlich sei mit ihm alles in Ordnung. Er sei ein ganz besonders schöner Hund. Sie verlangte Arts Telefonnummer und sagte, sie würde anrufen, um den Übergabetermin festzumachen. „Ich weiß nicht, mir kommt das komisch vor,“ zweifelt der Junge nach dem Telefonat. „Wir sollten vielleicht doch liebe erst mit Papi…“ „Nein! Wir ziehen das jetzt durch!“ Isidora konnte für eine Dreizehnjährige sehr bestimmend sein. Und im Grunde wollte Artemis den Hund ja genauso gerne wie sie.

Die Tage vergingen, die Frau rief nicht an. Ihr Handy war ausgeschaltet. Endlich, am fünften Dezember – ein Anruf. „Hallo? Sind Sie noch interessiert? Dann kommen Sie morgen um 17 Uhr zum Busbahnhof Fröttmaning. Bringen Sie das Geld mit. Dann kriegen Sie den Hund!“

Vor Aufregung konnten Art und Isi in der darauffolgenden Nacht kaum schlafen. Beide halten im Grunde kein gutes Gefühl bei der Sache. Art hatte versucht, herauszufinden, wem die Nummer gehörte. Aber es war natürlich ein Prepaid-Handy gewesen. „Wir ziehen das jetzt durch,“ wiederholte Isi ihr Mantra, während sie am 6. Dezember zum Busbahnhof Fröttmaning fuhren. „Was kann uns schon passieren? Das ist ein riesen Busbahnhof mit vielen Leuten. Wenn sie uns überfallen, schreien wir einfach und laufen weg.“

Punkt 17 Uhr standen sie am Busbahnsteig. Überall fuhren Autos an und ab – der Busbahnhof ist ein zentraler Treffpunkt für Mitfahrgelegenheiten. Ein schwarzer Mercedes mit getönten Scheiben fuhr langsam die Reihe der Wartenden ab. Das Beifarerfenster wurde heruntergelassen, und eine Frau schaute zu Art und Isi herüber. „Haben Sie unseren Hund dabei?“ fragte Art schnell. Die Frau runzelte die Stirn, sagte etwas zum Fahrer des Wagens und dann: „Hund, jaja Hund. Kommen. Da vorne.“ Der Wagen fuhr weiter, bis ans Ende des Bahnsteiges, dort, wo keine Menschen mehr warteten. Art und Isi rannten hinterher. Atemlos standen sie dann neben dem Wagen. Der Fahrer stieg aus uns öffnete den Kofferraum. In einem mit falschem Leopardenfell ausgekleideten Karton purzelten fünf kleine Hunde durcheinander und fiepsten ängstlich. „Da, das ist er!“, rief Isi und wollte in den Karton greifen. „Halt! Zurück!“ befahl der Fahrer. „Gib Geld!“ Art holte die 250 Euro zwischen den Seiten seines Gesangbuches hervor („Wir haben noch Chor, Mami, sind in 2 Stunden zurück“, hatte er beim aus-dem-Haus-Gehen gelogen) und hielt sie in die Höhe. „Zuerst den Hund!“ Der Mann schnappte sich einen der Welpen und wollte ihn Isi in die Hand drücken. „Nein, das ist nicht unserer. Wir wollen den mit dem weißen Fleck.“ „Geht nicht. Der schon verkauft. Du nehmen diesen!“ Der Mann wurde ungeduldig. Aber er hatte nicht mit Isis Sturheit gerechnet. „Nein, wir wollen den anderen. Das war so abgemacht,“ rief sie, immer lauter. „Hallo, braucht Ihr Hilfe?“ rief jemand vom Bahnsteig, und jetzt schauten schon mehrere Leute in ihre Richtung. „Dann nix“, murmelte der Fahrer und wollte den Kofferraum zuklappen. Aber Arti griff blitzschnell hinein, nahm das kleine Fellündel in den Arm und rannte los, Isi hinterher. Sie hörten den Fahrer fluchen, denn inzwischen waren ein paar Personen in ihre Richtung gelaufen, um zu helfen, vielleicht auch aus Neugier, egal. Der Mercedes startete mit heulendem Motor und raste davon, aber Art hatte sich längst Autokennzeichen und Gesicht des Fahrers eingeprägt.

In der U-Bahn nach Schwabing besahen sich Art und Isi ihren Hund. Schwarz, zerzaust, mit verklebtem Fell und triefenden Augen. „Wir nennen dich Krampus,“ sagte Art. „Du schaust wirklich aus wie der Gehilfe vom Nikolaus, so finster und zerlumpt.“ Daheim schlichen sie gleich auf ihre Zimmer. Die Eltern waren zu einem Nikolausdinner eingeladen, und als sie nachts nach ihren schlafenden Kindern schauten, bemerkten sie den kleinen Krampus nicht, der unter Isis Bettdecke lag. Damit er nicht ins Bett machte, hatten die beiden ihm eine Windel angezogen, die sie sich von Jasmin aus dem dritten Stock geliehen hatten. Beziehungsweise von ihrer kleinen Schwester.

Als Isi am nächsten Morgen aufwachte, dache sie, Krampus sei tot. Stocksteif und still lag der kleine Hund im Bett. Auch Art sah sofort: das Tier war ernsthaft krank. Es wimmerte leise, und sein Bauch war ganz hart und geschwollen. „Wir müssen ihn zum Tierarzt bringen, und zwar, bevor Mami und Papi aufwachen.“ „Ich glaube, der muss ganz dringend und kann nicht. Wir machen ihm erst mal einen Einlauf.“ Das hatte Mami bei Isi gemacht, als sie mal zuviel Schokolade gegessen hatte. Da sie ohnehin Tierärztin werden wollte, dachte sie, sie könne genauso gut gleich mit einer Behandlung beginnen. Und tatsächlich: der Einlauf zeigte seine Wirkung. Bald war die Windel voll. Und mitten in dem weichen Haufen war eine kleine Tüte. Und darin glitzerte es verdächtig.

„Na, was wird denn das? Übt Ihr für die Weihnachtsgans? Das stinkt ja bestialisch.“ Ihr Vater stand in der Tür, angeekelt und fasziniert von dem, was da auf dem Parkettboden lag. Ein kleiner, völlig verwahrloster Welpe, ein Haufen Hundekot – und ein Säckchen mit Diamanten. Das stellte sich natürlich erst später heraus, nachdem Krampus in der Hundeklinik behandelt und die Windel samt Inhalt – ohne Tüte – entsorgt worden war.

Der Tierschutz-Journalist konnte zunächst nicht fassen, dass ausgerechnet seine Kinder mit illegalen Welpenhändlern ins Geschäft gekommen waren. Während er ihnen wieder und wieder erklärte, dass solche Leute die Tiere unter schlimmsten Bedingungen züchten, die meisten Welpen beim Verkauf todkrank sind und das Ganze nicht nur eine furchtbare Tierquälerei, sondern auch noch Geldverschwendung ist, saß Art schweigend an seinem Laptop.

Schließlich bat er den erstaunten Vater, ihn zur Polizei zu begleiten. Er habe sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung der Täter in einer Serie von Juwelendiebstählen im bayerisch-tschechischen Grenzgebiet führen würden, und der Vater könne gleich in Sachen Tierschutz aktiv werden. Dann fragte er die Mutter nach ihrer Kontonummer, auf die die Belohnung später überwiesen werden sollte. „Damit haben wir dann Kost und Logis für Krampus für die nächsten Jahre gesichert. Hundeschule und -sitter inbegriffen“, grinste Art.. Die Eltern sahen sich an. Wer konnte solch genialen Kindern schon widerstehen?

Nachtrag: Seither sieht man abends einen Mann und eine Frau Arm in Arm – oder auch Hand in Hand – aus dem Altbau in Schwabing kommen und die Straße in Richtung Englischer Garten entlang bummeln, neben sich an der Leine einen immer größer werdenden, munteren Australian Shepherd. An jedem Baum bleibt er stehen, markiert, dreht sich zu dem Pärchen um, bellt einmal freudig und tänzelt weiter.

Adventskalender MiniKrimi am 18. Dezember


Musikus(s)

Herzlichen Dank, liebe Laura, für den Impuls. Ich freue mich schon auf unsere nächste musikalisch-literarische KrimiPerformance….

Der Konzertsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Strawinskys Psalmen-Sinfonie war selten genug, um großes Interesse bei den Liebhaber*innen von Bläsermusik zu wecken. Tatsächlich spielen die Holz- und Blechblasinstrumente in dieser Sinfonie die Hauptrolle: Flöten, Oboen, Englischhorn, Fagotte und Kontrafagott, Hörner, Posaunen und Tuba sind vertreten. Und so gab sich an diesem Abend die Créme de la créme der Nachwuchs-Bläser-Elite ein illustres Stelldichein.  

Nach Tschaikowsky, Szymanowski und einer ausgedehnten Pause strömte das Publikum, klangbeseelt und weingestärkt, zurück in den Saal – in erwartungsvoller Vorfreude auf den Höhepunkt des Konzerts. Der erste und zweite Satz waren an Brillanz nicht zu überbieten, wie die Kritiker am nächsten Tag schreiben würden. Doch dann geschah es. Mitten im dritten Satz fing die Tuba unvermittelt an zu stottern. Die Musikerin bewegte ihren Oberkörper ganz und gar unrhythmisch vor und zurück, hin und her – und fiel schließlich mitsamt ihrem Instrument vom Stuhl. Der herbeigeilte Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. 

In den Fluren und im Säulengang vor dem Konzertsaal standen die Gäste in glitzernden Trauben und kultivierten wohliges Entsetzen in Abendgarderobe. Natürlich waren alle untröstlich, dass sie den längsten Satz der Sinfonie nur halb hatten genießen können. Doch ein solch tragisches Geschehen machte diesen Verlust beinahe wett, sorgte er doch auch unter den musikalisch nicht so fachbewanderten Besuchern für farbenreichen Gesprächsstoff. 

Drinnen in den Gängen und Garderoben herrschte eine bedrückende Mischung aus geschäftigem Treiben und kontrollierter Panik: Polizei, Erkennungsdienst und aufgeregte Mitarbeitende des Konzertveranstalters auf der einen und betroffene, verängstigte Musiker und Musikerinnen auf der anderen Seite. Nach zwei Stunden gab die herbeigerufene Rechtsmedizinerin die Leiche der jungen Frau frei. Sie hatte am makellosen, marmorblassen Körper keinerlei Spuren von Fremdeinwirkung gefunden, allerdings auch nichts, was eindeutig auf einen Unfall oder Selbstmord hingewiesen hätte. Also wurde Franziska bzw. das, was von dem aufsteigenden Stern am Bläserhimmel übrig war, nämlich eine reglose, zu keiner musikalischen Euphorie mehr fähige Hülle, zur Obduktion in die Rechtsmedizin gebracht.

Die Zeitungen berichteten noch ein paar Tage lang, wobei die Artikel vom Titel immer weiter in die Innenseiten rückten und gleichzeitig von Mal zu Mal kleiner wurden. Als das Ergebnis der Autopsie veröffentlicht und als Todesursache multiples Organversagen ohne erkennbare Causa angegeben wurde, erlosch das Interesse der Öffentlichkeit.

Am Tag der Beerdigung trafen sich die jungen Musikerinnen und Musiker nach Trauerfeier und Beisetzung im Haus ihrer Mäzenin, Friederike von Elms. Eine Trompete und das Kontrafagott tranken starken Earl Grey. Alle anderen hatten das Bedürfnis, Kummer und Ratlosigkeit in Gin, Vodka und Whiskey zu ertränken. „Ich kann mir das einfach nicht erklären“, sagte eine der Flöten. „Ich auch nicht. Sie war immer total auf ihre Gesundheit bedacht. Morgens Yoga und Atemübungen, dann Müsli und Obst, mittags Salat, zwischen dem Üben nur grünen Tee. Kein Alkohol, keine Zigaretten. Nicht mal ein paar Benzos ab und an!“, stimmte eine Oboe zu. „Organversagen, da hätte sie doch vorher krank sein müssen, oder?“, fragte der Fagottist. „In den letzten Tagen vor dem Konzert hat sie schon manchmal über Muskelschmerzen und Kopfweh geklagt,“ erinnerte sich sein Kollege. „Aber sie dachte, sie hätte sich im Zug hierher erkältet.“

„Wie dem auch sei. Franziska ist tot. Das ist furchtbar, und glaubt mir, ich weiß genau, wie Ihr Euch fühlt. Aber wir müssen nach vorne schauen. Ist denn schon entschieden worden, wer ihren Platz einnimmt? Der nächste Konzerttermin ist doch schon in 14 Tagen…“

Die Flöte nickte leise, die Oboe fixierte einen blauen Vogel auf dem Perserteppich zu ihren Füßen. Die anderen schauten betreten überall hin, nur nicht auf Frau von Elms. Natürlich verstand sie, wie es den jungen Musiker*innen ging. Egal, wie sehr diese der Tod ihrer Kollegin getroffen hatte. Sie war keine Schwester, keine Tochter. Nicht wie Antonia, Franziskas Vorgängerin. Sie hatte sich vor einem Jahr bei einem unglücklichen Sturz in den Orchestergraben das Genick gebrochen. War auf einer Wasserlache ausgerutscht. Genau deswegen war es verboten, Flaschen oder offene Gläser mit zur Probe zu nehmen. Damals hatten alle versichert, keiner von ihnen habe dieses Gebot missachtet. Es musste jemand vom Putzpersonal gewesen sein. Antonia war eine der talentiertesten Nachwuchsbläserinnen gewesen. Und Friederike von Elms einzige Tochter. 

Trotzdem hatte sie das junge Orchester weiter gefördert, es sogar zu den bedeutendsten Auftritten begleitet. Es hatte lange gedauert, bis Franziska soweit war, Antonias Platz einzunehmen. Und dann, beim allerersten Konzert – dieses Unglück! „Es ist, als sei das Instrument verflucht“, murmelte die Flöte jetzt.

Die Tage vergingen, der Dirigent überredete eine junge Musikerin aus Frankreich, kurzfristig einzuspringen. Sie hatte vor kurzem den Aeolus Wettbewerb gewonnen und war eine absolute Bereicherung des jungen Orchesters. Knapp eine Woche vor dem Konzert trafen sich alle noch einmal bei Friederike von Elms. Es gab viel zu essen – feine Sandwiches, Hühnerbrüstchen, Salate, die seltensten Obstsorten. Und natürlich Wein und Champagner in Hülle und Fülle. Céline hatte wohl etwas zuviel von allem. Doch als ihr nach dem letzten Glas übel wurde, nahm Frau von Elms sie fürsorglich mit ins Bad und gab ihr eine homöopathische Spritze. 

Am Konzertabend übertraf das Orchester sich selbst. Céline spielte wie eine junge Göttin. Bis zur Mitte des zweiten Aktes. Da brach sie plötzlich zusammen. Als Todesursache wurde wiederum multiples Organversagen diagnostiziert. Erst Tage später erinnerte sich Posaunist Arno, Franziskas heimlicher Verehrer, dass auch seiner Angebetete ein paar Tage vor dem verhängnisvollen Auftritt bei Friederike nach dem Essen schlecht geworden war, worauf diese ihr im Bad eine heilende Substanz injiziert hatte.

Arno packte seine Sachen, nahm den nächsten Flieger nach Amerika und trat dort in das Chicago Symphony Ochestra ein, bei dem er sich schon vor Monaten beworben hatte. Er kaufte sich eine Wohnung im Pullman Historic District und lebte dort stilvoll zurückgezogen. Zuvor hatte er in einem langen Telefonat mit Frau von Elms seine Kenntnisse über die Wirkung von Rizin erläutert und eine Vereinbarung getroffen, die ihm moderaten Luxus und den Mitgliedern des jungen Blasorchesters, besonders denen an der Tuba, ein unfallfreies Leben sicherte. 

Adventskalender MiniKrimi am 15. Dezember


Nein, ich bin kein TV-Sender. Dennoch gibt es bei mir heute eine Wiederholung. Weil ich die Story wirklich sehr gerne mag!

Verlorener Sohn

Seit Nicolas nicht mehr bei ihr wohnt, bleibt der Briefkasten meistens leer. Kein Grund mehr, mit klopfendem Herzen in Hausschuhen und Bademantel zum Gartentor zu hasten und die Briefe einzuholen wie ein Fischer sein Netz, immer in der Furcht vor gelben Briefumschlägen, Vorladungen, Einschreiben.

Nicolas ist fort und sie allein. Die Erleichterung ist der Leere gewichen. Und zuweilen – ganz besonders jetzt, in der Adventszeit – sehnt sie sich nach sogar nach seinen schwankenden Schritten mitten in der Nacht, seinem lauten Schnarchen mitten am Tag, seinen kurzen Beleidigungen im Vorbeigehen – und dann immer wieder doch noch einem  flüchtigen unerwarteten Kuss auf ihren Scheitel. „Tschö Mom, bist meine Beste.“

Das war einmal. Nach der letzten Zwangseinweisung in die Psychiatrie hat sie Nicolas in einem Brief die Mutterschaft gekündigt. Du hast bei mir kein Zuhause mehr, hat sie geschrieben. Und es schon Stunden später bitterlich bereut. Hat diese Reue lange mit sich herumgetragen. Sie wachsen lassen, bis sie so schwer wurde, dass sie sie ablegen musste. In einem Brief an ihren Sohn. Einer Einladung.

Hat da nicht grade der Briefkasten geklappert? Obwohl sie keine Post erwartet, geht sie raus, in Hausschuhen und Bademantel. Und tatsächlich. Im Kasten liegt ein Umschlag. Grau und faltig. Sie reißt ihn auf, mit zitternden Fingern. Findet ein Foto. Ein Seeufer. Auf grauem Kies die Überreste eines großen Feuers. Deutlich erkennt sie trotz der Brandnarben den nagelneuen blauen Schuh. Kontoauszüge mit dem Namen ihres Sohnes. Verbrannte Medikamentenblister. Und vorne im Bild ein von den Flammen nur halb zerfressenes Blatt Papier. Sie kennt den Brief, erinnert jedes Wort. „Lieber Nic, wie geht es dir? Ich hoffe, du kannst deinen Lebensweg gesund und stark weiter gehen. Du hast bestimmt viel vor. Diese neuen Schuhe sollen dich weit tragen. Lass uns Vergangenes vergessen und neu anfangen. Warum kommst du Heiligabend nicht zu mir? Nach Hause?“ Sie hat oben auf den Briefbogen ihre Adresse geschrieben, zur Sicherheit.

Und nun dieses Foto. Als sie es umdreht, auf der Suche nach Halt, liest sie: Tausend Euro in kleinen Scheinen bis 18 Uhr. In einer Nettotüte im Papierkorb am Hundesee. Sonst geht Ihr Nic nirgendwo mehr hin.

Sie kämpft mit sich. Bank oder Polizei? Oder beides? Die Handschrift ist ihr fremd. Und es wäre nicht das erste Mal, dass Nic sich in Schwierigkeiten bringt. Bis vier Uhr sitzt sie am Küchentisch vor dem Adventskranz und der xten Tasse Kaffee. Ringt mit sich und geht um halb fünf zur Bank. Am vorletzten Arbeitstag vor Weihnachten sind die Ausfallstraßen so verstopft, dass sie um 17.58 Uhr am Hundesee die Tüte in den Abfall wirft. Und dann erst merkt, dass sie nicht auf die Plastiktütenmarke geachtet hat.

Dann geht sie zurück zum Auto. Wartet im Schutz der Dunkelheit, doch nichts passiert. Um acht Uhr gibt sie auf. Und halb neun ist sie wieder daheim. Um zehn klingelt es an der Tür. Sie ist inzwischen so erschöpft, dass sie keine Angst mehr spürt.

„Sollte das nicht eine Netto-Tüte sein? Das ist so typisch du. Gibst 1000 Euro für deinen verlorenen Sohn her, aber bei Netto einkaufen, um die richtige Tüte zu haben, das geht dir zu weit. Darf ich reinkommen, Mom? Hier ist dein Geld. War nur ein Test, diesmal. Mir geht es gut. Aber ich brauche ein neues Paar Schuhe.“

Adventskalender MiniKrimi am 14. Dezember


Weihnachtsmann verhaftet

Am 13.12.2021 trendete auf Twitter der #Weihnachtsmann. Darunter jammerte die Timeline, dass die Polizei in einer ostdeutschen Stadt den Weihnachtsmann verhaftet habe, weil er den Weihnachtsmarkt ohne Maske überquert habe. Die Reaktionen waren heiter bis heftig. Während etliche beklagten, im Zuge der Pandemie-Maßnahmen würde jetzt sogar ein Wahrzeichen unserer abendländischen Kultur demontiert -es kursierte sogar die Prognose, am 24. gäbe es keine Bescherung, weil der Weihnachtsmann auch im Falle seiner Freilassung seiner Wut über die Behörden dadurch Ausdruck verleihen würde, dass er die Stadt auf seiner himmlischen Schlittenrunde links (eigentlich eher rechts) liegen lassen und die Päckchen einfach woanders abwerfen würde. Andere wiederum meinten, die Aktion sei von Impfgegnern inszeniert worden, um die Unterwanderung der Staatsgewalt durch antidemokratische und nun auch noch kinderfeindliche Kräfte zu beweisen. 

Was aber steckt wirklich hinter der Aktion? Drei Erklärungsversuche.

1. Der Romantiker

Als er sie zum ersten Mal sah, war es sofort um ihn geschehen. Sie standen sich gegenüber, getrennt durch mehr als nur eine Absperrung. Er demonstrierte für die Freiheit und gegen die Impfdiktatur. Sie stand auf der anderen Seite und versuchte, die Ordnung zu verteidigen. Er war ungeimpft und stolz darauf. Sie war geimpft und geboostert. Aber seine Liebe zu ihr war so plötzlich und so stark, dass sie die Trennung ihrer Welten überwinden wollte. Musste. Am besten, ohne dass er vor seinen Mitstreitern das Gesicht verlor. Also verkleidete er sich an einem Spätnachmittag als Weihnachtsmann, begab sich auf den Marktplatz der Stadt und schrie so lange nach Frieden, Freiheit und Widerstand – maskenlos, versteht sich, bis die Polizei nicht anders konnte, als ihn festzunehmen. Er hatte vorher ausgekundschaftet, dass sie Dienst haben würde. Welche Wonne, sich von ihr abführen zu lassen. Weil er sich weigerte, seine Personalien feststellen zu lassen, brachte sie ihn aufs Revier. Allein die Aussicht auf mehrere Stunden in ihrer unmittelbaren Gegenwart genügte, um ihn in höchste Verzückung zu versetzen. 

2. Der Querulant

Seine Eltern schwärmten während seiner Kindheit oft von der guten alten Zeit, in der sie jeden Montag zur Demo aufbrachen. Viele Menschen, Fremde, die für kurze Zeit zu Freunden wurden, auf einem Platz, mit einer Stimme, einem Ziel – wenn auch unterschiedlich moduliert, skandiert und interpretiert. Ach, war das schön. Er hatte das alles nicht miterlebt, litt unter dem Pech des Spätgeborenen. Er kannte nur die Trostlosigkeit der verfallenden Hochhaussiedlung, die Lethargie der Eltern, die nun im Fernsehen ganz legal täglich all das sehen konnten, was sie sich nach 30 Jahren freier Marktwirtschaft immer noch nicht leisten konnten. Und seine eigene Unzufriedenheit mit dem System, das ihn nach der Hauptschule ohne Abschluss auf die Straße gekippt, ihm keinen anständigen Job angeboten und ihn stattdessen gezwungen hatte, als Kurierdienstfahrer auf dem Rad zu frieren, knapp über Mindestlohn. Doch dann kam die Pandemie. Die Staatsdiktatur – die er bislang nur aus Erzählungen kannte – nahm ihm die Freiheit, ungeimpft dorthin zu gehen, wo er vorher nie hingegangen war, und das Monopol der Pharmaindustrie wollte ihn mit Genveränderungen durch Vakzine gefügig machen. Wozu? Egal. Und so stand er endlich mit vielen Menschen, Fremden, die für kurze Zeit zu Freunden wurden, auf einem Platz, mit einer Stimme, einem Ziel. Und weil ihm das nicht genügte, weil er nicht wie seine Eltern nur Mitläufer bleiben sondern selbst etwas verändern wollte, für alle und für sich, verkleidete er sich eines Spätnachmittags als Weihnachtsmann, begab sich auf den Marktplatz der Stadt und schrie so lange nach Frieden, Freiheit und Widerstand – maskenlos, versteht sich, bis die Polizei nicht anders konnte, als ihn festzunehmen. DAS hatten seine Eltern nie geschafft. 

3. Die Pragmatikerin

Nur noch 11 Tage bis Heiligabend. Aber von der Erfüllung all der Wünsche auf der Liste ihrer Kinder war sie viele Meilen weit entfernt. Und viel zu viele Euro. Mit dem bisschen, was sie an der Supermarktkasse verdiente, konnte sie gerade so ein kleines Festessen ausrichten, nichts Großes, einen Gemüseauflauf, davor einen Salat und als Nachspeise Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Den Weihnachtsbaum hatte sie aus einem Erdgeschoss-Garten geklaut, komplett mit Ständer. War ganz schön schwer gewesen, ihn bis zum dritten Stock hinauf zu schleppen. Nun stand er da, komplett mit Kugeln, Kerzen und Lametta. Aber sie hatte nichts zum Drunterlegen. Weder das Lego Batmobile Tumbler noch das Disney Schloss von Arandelle. Und nicht einmal das Wobbel Board für Nesthäkchen Ben konnte sie kaufen. Der Kindsvater hatte, wie jedes Jahr, im Dezember keinen Unterhalt überwiesen. Natürlich konnte sie den einklagen, aber bis dahin war Weihnachten vorbei. 

Was tun? Natalie war eine kluge Frau. Voller Fantasie und Mut. Sie sprang bei einem Kostümverleih als Aushilfe ein und verließ den Laden abends mit zwanzig Euro extra und einem Weihnachtsmannkostüm. Das stopfte sie am nächsten Tag rundum aus und marschierte zu einem Pfandleiher am anderen Ende der Stadt. Dort ließ sie sich mit vorgehaltener Spielzeug-Pistole den Inhalt der gut gefüllten Kasse geben (bevor Ihr Euch wundert: vor Weihnachten kommen besonders viele Menschen, um lieben Besitz gegen Bargeld einzutauschen. Deshalb ist die Kasse in dieser Zeit vor allem morgens gut gefüllt). Dann verstecke Natalie sich ein paar Stunden hinter Mülltonnen im Hinterhof, um am späten Nachmittag – ohne Sack und ohne all die Polster, dreist auf den Marktplatz zu spazieren. Mehr noch, sie erregte ganz bewusst Aufmerksamkeit, schrie und prahlte damit, ungeimpft keine Maske zu tragen. Schließlich ließ sie sich von der Polizei festnehmen. Diese wusste natürlich inzwischen von dem Überfall auf den Pfandleiher. Der allerdings erkannte bei einer Gegenüberstellung in dem schmächtigen, bartlosen Weihnachtsmädchen nicht den dicken Mann mit der Fistelstimme, der ihn Stunden zuvor ausgeraubt hatte. 

Natalie wurde freigelassen. Hinter den Mülltonnen holte sie den Sack hervor – und ging am nächten Tag los, um ihren Kindern alle Wünsche zu erfüllen. Und für ihren eigenen Herzenswunsch blieb auch noch etwas übrig.

Nachtrag: Was sich in der ostdeutschen Stadt wirklich zugetragen hat, findet Ihr hier.

Adventskalender MiniKrimi am 13. Dezember


Es ist angerichtet!

Liebe Mädels, meine Damen, gleich welchen Geschlechts. Diesen MiniKrimi habe ich für Euch geschrieben. Weil wir alle wissen, wie es sich anfühlt, wenn man erlebt, wovon ich hier erzähle. Aber bitte, versprecht mir eines: wenn Ihr das hier gelesen habt, ganz und gar und bis zum Schluss, dann knüllt die Wörter zusammen, alle, jeden Buchstaben, jedes Satzzeichen, und werft sie weg, weit hinter Euch, dorthin, wo keiner sie je findet. Und versucht um Himmels Willen nicht, es mir nachzumachen. Oder wenn – vergesst, woher Ihr die Idee dazu hattet. 

Es fing schon gut an. Also nicht. „Wollen wir heute Pizza essen?“, fragte ich. Und er: „Oh ja! Soll ich dir helfen?“ Und ich wider besseres Wissen so: „Ok.“ Wir gingen also in die Küche, erst ich und 10 Minuten später er. 

Er: „Was wollen wir als Belag nehmen? Kürbis? Ich schneide ihn.“  Und geht in den Weinkeller. Ruft von unten: „was willst du trinken? Rot oder weiß?“ Ich: „weiß.“ 

Dann warte ich. Um die Zeit totzuschlagen, schneide ich den Kürbis in Scheiben. Er kommt mit einer Flasche Rotwein zurück. Gießt sich ein Glas ein. Fragt: „Was sind denn das für dicke Scheiben? Ich wollte Würfel haben!“ Ich: „Kannst du ja jetzt draus machen. Und mein Wein?“ Er: „Wolltest du auch einen?“ Hält mir sein Glas hin und lehnt sich an den Kühlschrank. 

Ich, mit dem Messer in der Hand (nein, das ist noch nicht der Klimax der Geschichte!): „Ich wollte Weißwein. Rotwein bekommt mir nicht.“ Er: „Bist du kompliziert!“ Nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas und schaut zu, wie ich die Scheiben in Würfel schneide. Als ich fertig bin und Kürbiswürfel und Zwiebelscheiben – ebenfalls von mir geschnitten, noch bevor er in die Küche kam – zusammen mit Chiliöl und Rosmarin in die Pfanne gebe, stellt er sich dicht hinter mich und schaut mir über die Schulter. „Soviel Öl? Und vergiss den Pfeffer nicht. Ich verstehe nicht, warum du immer alles alleine machen willst. Nie darf ich kochen!“

Ich: „Warum rollst du nicht den Pizzateig aus?“ Er: „Wo?“ Ich: „Auf dem Blech.“ Er: Welches Blech?“ Ich greife einen Meter nach rechts und gebe ihm das Blech. Er nimmt die Teigkugel, drückt sie auf die Unterlage und schlägt mit der Faust darauf. Die Kugel bekommt eine Delle. Wenn er die Faust hochhebt, zieht sich der Teig wieder zusammen. Das wiederholt er ein paar Minuten lang. Schließlich greife ich ein. „Du musst den Teig ziehen. Schau mal, so. Das machst du doch nicht zum ersten Mal!“ Er: „Alles was ich mache, ist in deinen Augen falsch. Nur du machst alles richtig“ „Na ja……“ Wohlgemerkt, ich sage nicht, was mir auf der Zunge liegt. Ich schreibe es auch nicht, denn Ihr wisst es eh.

Und so geht es weiter. „Holst du den Käse aus dem Kühlschank?“ „Welcher Kühl– äh, welcher Käse?“ „Legst du die Coppa auf die Füllung? Oh, doch nicht am Stück!“ Dann, während ich Käse auf der Pizza verteile: „Magst du den Tisch decken?“ Er: „Ungern. Ich nehme doch nur die unpassenden Teller und das falsche Besteck, wie letztes Mal (stimmt, da wollte er den Risotto von Dessertschälchen essen, mit Stäbchen). Ich kann dir eben nichts recht machen. Jetzt kommen Nachrichten. Ich bin drüben. Ruf mich, wenn das Essen fertig ist.“ 

Ich hole die Pizza aus dem Ofen, belege sie mit dem Rucola, den er vorher nicht geputzt und gewaschen hat, drapiere sie auf einem Holzbrett und balanciere das Ensemble in der linken Hand ins Esszimmer – in der Rechten halte ich Teller und Besteck. Er steht auf, holt sein Weinglas und fragt: „Willst du noch einen Schluck?“ Ich setze mich an den Tisch und fange an, zu essen.

Er lässt sich Zeit, schaut in sein Handy, trinkt den Wein. Als ich mit meinem Stück beinahe fertig bin, bedient er sich. „Die ist ja fast kalt.“ Er kaut. Betrachtet nachdenklich den Teller. „Ich frage mich, was fehlt. Da hätte noch irgendwas drauf gehört. Wenn du mich hättest machen lassen – ich hätte es gewusst. Aber du lässt mich ja nicht ran, in der Küche. Wenn du nicht alles kontrollieren kannst, bist du nicht zufrieden. Krank ist das, einfach krank! Und dann kommt SOWAS raus!“ Er hebt den Teller hoch und lässt ihn auf den Tisch knallen. So fest, dass ein Stück Keramik vom Rand abplatzt. Der Teller, wohlgemerkt, gehört zu einem Steingut-Service seiner Eltern. „Siehst du, du machst alles kaputt!“, ruft er. Ich stehe auf, gehe in die Küche, hole den Sekundenkleber aus dem Kühlschrank. 

„Alles machst du kaputt! Und dann muss ich es reparieren. Aber ich habe keine Lust mehr dazu. Ich lasse es jetzt einfach bleiben. Du hast mir mal wieder nicht nur das Essen, sondern den ganzen Abend verdorben. An allem bist du schuld. Krank, du bist krank!“

Ich schraube den Deckel des Sekundenklebers ab. „Krank!“ ruft er, und bevor er den Mund wieder schließen kann, drücke ich ihm einen satten Klebstoffstrang auf die Unterlippe. Im Reflex presst er die Lippen aufeinander. 

Ich genieße die Ruhe. 

Natürlich ist diese Geschichte völlig frei erfunden, Ähnlichkeit mit existierenden Personen sind rein zufälliger Natur. Und, wie bereits oben geschrieben: diese Aktion wird auf keinen Fall zur Nachahmung empfohlen. Es sei denn, ihr habt keine Gütertrennung und könnt nach der Scheidung mit einem netten Sümmchen neu durchstarten. Ohne Küche am besten.  

Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Bares für Wahres

Als der Bewerbungsbrief – handgeschrieben, blaue Tinte auf wildgeripptem Büttenpapier – bei der Produktionsfirma der besonders beim reiferen Publikum beliebten Trödelshow eintraf, dachte die Chefredakteurin zunächst an einen Scherz. Wer seine Schätze – oder was er dafür hielt – einem Millionenpublikum und einer Handvoll Händler*innen vorführen wollte, schickte eine E-Mail mit maximal 5 hochgeladenen Fotos. Darin bestand schon die erste Hürde, denn wenn die Bildqualität nicht ausreichte, um einen ersten zuverlässigen Eindruck von der angepriesenen Rarität zu vermitteln, erhielten die Bewerber irgendwann eine lapidare Absage. 

Diesem Brief jedoch lagen sehr gute Fotografien bei, anhand derer sogar ein ungeübter Betrachter den ganz außergewöhnlichen Wert des angebotenen Schmuckstückes erkennen konnte. Es handelte sich um einen Platinring mit einem einzelnen Diamanten, leicht getönt und in erstklassiger Reinheit, ohne mit bloßem Auge erkennbare Einschlüsse.

Die Briefeschreiberin gab vor, den Ring in den 1960er Jahren von ihrem Vater als Verlobungsgeschenk erhalten zu haben. Inzwischen sei sie fast 90 Jahre alt, seit langem verwitwet, kinderlos – und wolle den Ring noch zu Lebzeiten verkaufen, um die Freude, die sie mit dem Erlös bereiten würde, erleben und genießen zu können.

Der Ring wäre eine für die Trödelshow einmalige Gelegenheit, deshalb beschloss die Redaktion, zu antworten und einen Besuchstermin auszumachen. „Wenn sich die Dame nicht meldet, ok, dann wissen wir, dass es ein Fake war. Aber wenn doch – dann wird das das Highlight des nächsten Sendejahres“, erklärte die Chefin. Denn so lange würde es dauern, bis die Dame in live in der Show zu sehen wäre und die Händler*innen ihren Schmuck ersteigern würden. „Hoffentlich stirbt sie nicht vor der Sendung“, witzelte der Assistent. Und alle lachten. 

Der Brief war echt, und die Verfasserin begrüßte das Team drei Monate später in ihrem eleganten aber überschaubaren Haus am Rande einer Kleinstadt. Die Chefredakteurin hatte den Händler mit der größten Expertise bezüglich Diamanten mitgebracht. Sie saßen, Kaffee nippend und Möhrentorte kauend, auf dem gestreiften Chintzsofa wie auf heißen Kohlen. Die Dame des Hauses ließ sich Zeit. Vielleicht, dachte der Händler, lebt sie alleine und möchte den Besuch so lange und intensiv wie möglich auskosten. „Gnädige Frau“, sagte er schließlich und tränkte seine Stimme mit einem kleinen Extraschuss Öl, „bei Ihnen ist es wie in einer Oase, so ruhig und entspannt. Aber wir haben einen weiten Rückweg vor uns…“.

„Aber ja, entschuldigen Sie. Einen Moment, bitte.“ Sie erhob sich, eine große, schlanke und immer noch aufrechte Frau in blassblauem Tweed mit sorgfältig frisiertem weißem Pagenkopf. „Ich habe meiner Haushälterin heute frei gegeben, damit wir ungestört sind.“ Sie ging in den Nebenraum und kam kurze Zeit später mit einem schlichten schwarzen Kästchen zurück. Sie öffnete den Deckel, und, eingebettet in dunklem Samt, lag der kostbarste und schönste Ring, den der Händler jemals gesehen hatte. Sprachlos beugte er sich darüber, nahm auf ein freundliches Nicken der Dame hin das Schmuckstück in die Hand, betrachtete es lange und seufzte dann leise: „Ahhh!“

Er war sich der Qualität des Ringes sicher. Dennoch machte er mit der Besitzerin einen weiteren Termin aus, zu dem er einen Amsterdamer Kollegen hinzuziehen wollte. Aber als sie das Kästchen wieder verschloss, ins Nebenzimmer brachte und die Gäste zur Tür begleitete, war der Händler bereits fest entschlossen: diesen Ring musste er haben.

Wie es bei der Trödelshow nun einmal ist, gingen danach mehrere Monate ins Land. Es folgten noch ein paar weitere Besuche bei der Dame, die sich immer sehr zu freuen schien. Der Händler und das Team erfuhren, dass ihr Vater während des zweiten Weltkriegs als Offizier in Afrika gewesen sein. Dort habe er einem Stammesfürsten das Leben gerettet und dafür als Dank den Rohdiamanten bekommen. Als seine Tochter sich mit einem Studienfreund verlobt habe, habe er den Ring als Geschenk in Auftrag gegeben. Sie hatte ihn von da an oft und gerne getragen. Aber nun sei ihr Mann schon lange tot, ihre einzige Tochter sei vor zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und sie fange nun, mit weit über 80 Jahren, an, „ihr Haus zu bestellen“, wie sie sich ausdrückte. 

Natürlich hatte sie den Ring schätzen lassen, mehr als einmal. Er sei wohl an die 90 Tausend Euro wert. „Aber ich will das Risiko nicht eingehen und ihn selbst verkaufen. Lieber gebe ich ihn etwas günstiger ab – und muss mich um nichts persönlich kümmern.“

Wie alle Bewerber*innen wurde sie vor laufender Kamera gefragt, was sie mit dem Geld machen wolle. „Ich werde den Erlöst aufteilen. Zwei Drittel gehen an ein Schulprojekt für Mädchen in Afrika, der Heimat des Diamanten. Ein Drittel erhält meine Haushälterin.“ „Weiß sie von ihrem Glück?“ „Natürlich. Sie wird mich ja in die Sendung begleiten.“

Wieder gingen zwei Monate ins Land. Chefredakteurin und Händler telefonierten täglich mit der Dame – und waren jedes Mal erleichtert, wenn sie ihnen versicherte, es gehe ihr gut und sie habe keineswegs die Absicht, vor der Sendung das Zeitliche zu segnen.

Und dann war es soweit. Um ganz sicher zu gehen, holte das Produktionsteam gemeinsam mit dem Händler Dame und Schmuck ab. Pünktlich um zehn standen sie vor der Tür. Doch auf ihr Klingeln regte sich drinnen nichts. Absolut nichts. „Das gefällt mir nicht“, brummte der Händler und ging um das kleine Haus herum. Durch die Terassentür sah er die Dame am Boden liegen, verkrümmt und reglos. Mit einem Stein schlug er die Scheibe ein. Aber es war nichts mehr zu machen. Sie war tot. „Der Ring“, dachte der Händler und sah sich suchend um. Ihre linke Hand lag unter ihrem Kinn, fast so, als würde sie schlafen. Ein Sonnenstrahl kletterte über die Lorbeerhecke und ergoss sich auf das Wohnzimmerparkett. In seinem Schein funkelte der Diamant ganz kurz am Finger der Toten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte der Fahrer. „Na, wir rufen die Polizei – oder?“, antwortete sein Kollege. „Dann platzt die Show,“ sagte der Händler. Und wer weiß, ob ich den Ring jemals kriege, setze er in Gedanken hinzu. Und hatte eine Idee.

In diesem Moment kam die Haushälterin vom Bäcker zurück. Nachdem er die völlig verstörte Frau beruhigt hatte, erläuterte er ihr seinen Plan. „Sie ist tot. Auf ein paar Stunden kommt es jetzt nicht mehr an. Fahren Sie mit uns ins Studio, und wir ziehen den Deal wie geplant durch. Wer weiß, ob Sie ansonsten jemals Ihren Anteil kriegen,“ wiederholte er seinen leicht abgeänderten Gedanken. 

Die Haushälterin stimmte zu. Alles klappte perfekt. Die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, sie sitze in der Garderohe, sagte die Stimme aus dem Off. Und dank des Einspielers, in dem sie die Verwendung des Erlöses erklärte, war das auch vollkommen glaubhaft.

Die anonyme Stimme pries den Stein. „Der hier vorliegende Ring hält in seinem Zentrum einen ungewöhnlichen Diamanten von imposanten 8,64 Karat im Kissenschliff. Seine Farbe ist leicht getönt und wirkt warm weiß. Seine Reinheit ist erstklassig und entspricht der Reinheitsstufe „vsi“. Er hat auch mit der Lupe nur schwer erkennbare Einschlüsse. Durch seine gute Symmetrie hat er ein ausgezeichnetes Feuer.“

Dann kam die Haushälterin in den Verkaufsraum, legte den Ring auf die Theke und ging eine paar Meter zurück. Nacheinander nahmen die Händler*innen das kostbare Stück in die Hand. Der Händler mit der Kaufabsicht – natürlich waren Deal und Kaufpreis vorab abgesprochen worden – wartete, bis er an die Reihe kam. Doch plötzlich runzelte die Juwelierin die Stirn. „Richard“, sagte sie und hielt dem Händler den Ring entgegen. „Richard, schau doch bitte nochmal genau hin. “ Tatsächlich: bei näherer Betrachtung mit der Lupe erkannte er sofort, dass es sich bei diesem Stein nicht um einen Diamanten handelte, sondern höchstens um ein Stück Glas. „Ich muss nur kurz mit meinem Kunden telefonieren“, sagte er. Als das Gespräch beendet war, nannte er der verdutzen Haushälterin einen Preis, den diese nicht akzeptieren konnte. „Gut, dann gehe ich wieder“, sagte sie und wollte den Verkaufsraum schnell verlassen.

Doch an der Tür warteten schon zwei Polizeibeamt*innen und nahmen die Frau fest. „Mord aus Habgier“ lautete der dringende Tatverdacht.