Eigentlich….

Rescue workers helping migrants arriving by boat on a beach near a fenced border

Eigentlich hab‘ ich gar keine Zeit für einen Blogbeitrag. Eigentlich muss ich drei Exposés schreiben, meine Reise nach Berlin vorbereiten, dazu noch ein Magazin und den Arche Noah Gottesdienst. Aber eigentlich ist immer irgendwas. Und vielleicht liegt die Ursache für so viele unausgesprochene „Halt“, „nein“, „es muss was geschehen“, „da muss sich was ändern, und zwar jetzt“ bei vielen Menschen guten Willens, guten Denkens (nein, das Wort Gesinnung will ich nicht in diesen Zusammenhang stellen) ja in eben diesem „eigentlich“ und dem, was gerade in diesem Moment halt einfach dringender ist als ein Aufschrei. Ein Ausruf. Ein Zeichen.

Nach dem Attentat während des CSD habe ich gedacht und nicht geschrieben, nur ein, zwei Posts in den Sozialen Netzwerken geteilt. Einmal kurz Stellung bezogen, einen rassistischen Angriff pariert. Und schon war das ein Geschehen im Gestern.

Und dann kam die menschliche Flut in Ceuta. Und ich habe eigentlich gar keine Zeit. Aber dann sagen Menschen neben mir: „Wo soll das denn hinführen? Die können doch nicht einfach so zu uns rüberschwimmen? Wo kommen wir denn da hin?“

Und ich muss keine Romane schreiben. Und eigentlich ist alles doch schon gesagt. Vieltausendmal. Und geschrieben. Geschrien. Aber parallel und länger läuft ein Bericht über ausgebeutete Erntehelfer, die Zahlen einer schwächelnden Wirtschaft werden kommentiert, Bilder von Bränden und Hitze und Dürre, nein, nicht – mehr nur – in Afrika, sondern hier in Europa werden gezeigt, und die Bundesregierung will ausgerechnet an der Transparenz ihres Handels sparen.

Deshalb nochmal. Hier. Von mir.

Nein, „die“ schwimmen tatsächlich nicht „einfach“ zu uns „rüber.“ Und es handelt sich auch nicht um eine „Invasion“, wie sie der infame Tom K. in den Social Media bejammert.

NOCHMAL LAUT UND DEUTLICH

Kein Mensch verlässt seine Heimat „einfach“ so, um unter Todesgefahr (inzwischen sind bereits an die 70 Menschen vor Ceuta ertrunken) in ein fremdes Land zu gehen oder, in diesem Fall, zu schwimmen, dessen Sprache er nicht versteht, wo er nicht willkommen ist (ja, auch in Afrika gibt es Social Media, Nachrichten etc.). KEIN MENSCH tut das ohne Not. Die Not dieser jungen Leute, vorwiegend sind es Männer, ist das Fehlen einer Über-Lebensperspektive in ihrer Heimat. Unsere Not in Europa wiederum ist die zu geringe Geburtenrate. Wir brauchen Arbeitskräfte und Rentenzahler. Es wäre also eine Win-WIn-Situation. Keine Invasion, sondern Manna!

Wir wollen jetzt nicht thematisieren, dass viele Gründe für die katastrophale Situation in den Heimatländern dieser jungen Leute durchaus von uns mit zu verantworten sind. Ja, auch von dir und mir. Weil wir unseren Lebensstandard nicht senken wollen, weil wir konsumieren und dieser Konsum direkte letale Folgen im globalen Süden hat. Klimawandel, Wassermangel, Umweltverschmutzung, lebensbedrohliche Produktionsumstände (vor allem in der Kleiderindustrie, Stichwort Textilindustrie-Sklaverei) usw. usw. Die Politik – hier und in den Ländern des globalen Südens, von uns unterstützt – tu ihr übriges.

Deshalb kommen verzweifelte Menschen übers Meer geschwommen. Und werden in der Festung Europa empfangen mit Hass und Häme, mit Angst und Wut.

Dabei könnte es anders gehen. Was ist eigentlich aus den Plänen geworden, Arbeitskräfte im globalen Süden anzuwerben, um eine Flucht zu verhindern? Ach so, die haben nicht ganz die gleichen Qualifikationsstandards wie wir?

Ok. Dann lasst euch „überschwemmen“, jammert und grölt und wählt die AfD. Und beschwert euch bitte nicht, wenn ihr im Alter kein Geld habt und niemanden, der euch im Heim den Hintern abputzt.

So, das musste jetzt mal raus. Auch von mir. Eigentlich…. hätte ich das schon viel früher schreiben müssen.

Und ihr auch. Sonst haben wir, eh wir’s uns versehen, politische und gesellschaftliche Zustände, die Menschen unterdrücken, verfolgen und schlimmeres. Zustände, die es uns verbieten werden, dagegen zu schreiben, zu schreien. Dann werden wir wahrscheinlich viel Zeit haben und kein „eigentlich“ mehr brauchen. Aber dann. Ist. Es. Zu. Spät.

Das Bild wurde von der WP-KI nach meinen Vorgaben generiert,.

Kein Adventskalender MiniKrimi am 12. Dezember


Heute schreibe ich keinen Krimi. Heute schaue ich auf die Welt. Die kleine, um mich und um uns herum, und die große. Was da passiert, tagtäglich, ist mehr Krimi als alles, was ich schreiben kann.

Deshalb habe ich eine Frage an euch und bitte euch um eine offene, ehrliche Antwort.

Die Klimakonferenz in Dubai bringt keine Verbindlichkeiten. Daran wird auch die Verlängerung nichts ändern. Die Politiker*innen tun so, als sei die prognostizierte Erderwärmung um drei Grad nichts, was sie und ihr Handeln konkret betreffen würde. Inselbewohner berichten vom Untergang ihrer Heimat. Junge Menschen haben Angst um ihre Zukunft und wissen sich nicht anders zu helfen, als sich auf Hauptverkehrsadern festzukleben. Dürre und Überschwemmungen überall – aber „nur“ in den armen Ländern sterben die Menschen zu Tausenden – oder flüchten dorthin, wo keiner sie haben will.

Der Konflikt im Nahen Osten bringt Unschuldigen Tod, Leid und Not. Es profitieren diejenigen, die selbst keinem Terroranschlag zum Opfer fallen, die keine Bomben ertragen, die weder hungern noch dürsten. Diejenigen, denen es nicht um Frieden in der Region geht, sondern um die Verfolgung ihrer eigenen Ziele. Um den Erhalt oder den Ausbau ihrer Macht. Und sie sitzen nicht nur in Israel, in Gaza, im Libanon. Sie sitzen im Iran, in Saudi-Arabien, Russland und den USA.

Krisenmodus ist das Unwort des Jahres. Krisen gab es doch schon immer? Ja, doch sie passierten in für uns komfortabler Entfernung. Das hat sich geändert. Der Krieg in der Ukraine führt bei uns zu spürbaren Konsequenzen. Die Geflüchteten, deren Leben und Sterben in ihren Ländern eine einzige Krise ist, überrennen uns. Unwetter mit Hitze, Gewitterstürmen und Überschwemmungen im Sommer, mit Schneechaos im Spätherbst. Dazu eine „unfähige“ Regierung, unfähig, weil die Medien sie dazu machen und sich damit, der Auflage wegen, als Sprachrohr für zersetzende Kräfte hergeben.

Das ist, neben der bedrohten Umwelt, in meinen Augen die größte Krise. Das Wiedererstarken nationalistischer, ich sage faschistischer Kräfte. Überall, aber auch bei uns. Eine Freundin von mir berichtete gerade von entsetzlichen antijüdischen Schmierereien an den Wänden ihrer kleinen Stadt. In den sozialen Medien lese ich tagtäglich schmutzige Hetze gegen Juden, gegen Moslems, Menschen mit nicht weißer Hautfarbe, LGTBQ, gegen „Linksversiffte“ und Menschen, die sich impfen lassen, egal wogegen. Bedenklich stimmt mich auch, dass, während die Kirchen offenbar immer mehr an Bedeutung zu verlieren scheinen, gleichzeitig auf TikTok, Instagram & Co. die Christfluencer ihr Unwesen treiben. Ja, die Zeiten sind unstet, und ja, Menschen suchen nach Halt. Doch während Kirchen diesen geben könnten, und zwar unter dem Vorzeichen von Toleranz und Liebe, wenden sich Alte und Junge den Schreiern zu, den Demagogen, denen es nicht um ein Miteinander geht, nicht um Versöhnung und Dialog, sondern darum, Menschen aufzuwiegeln und gegeneinander auszuspielen.

Warum? Ich glaube wirklich, dass es allen, die ganz bewusst Hass schüren, Missgunst, Vorurteile und Instabilität, einzig um ganz persönliche Macht geht. Politische Macht, aber auch schlicht die Macht über soundso viele „K“ Follower. Das ist unverantwortlich. Aber sie planen ja auch nicht, Verantwortung zu übernehmen.

Das ist die „große“ Welt. Und die kleine? Umfragen zeigen deutlich die Diskrepanz zwischen ökologischem Bewusstsein und einem entsprechenden Verhalten. Während ein hoher Prozentsatz der Menschen in Deutschland der Meinung ist, dass wir weniger und wenn, dann Bio-Fleisch essen, weniger mit dem eigenen PKW fahren und auf Flugreisen so weit wie möglich verzichten sollten, hat sich seit der Corona-Krise (schon wieder eine), das Verhalten der Konsumenten drastisch in Richtung ungesundes Discounter-Angebot verändert, es werden auf Teufel komm raus Billigflugreisen gebucht – und der KFZ-Bestand steigt und steigt. Frei nach dem Motto: Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an.

Ich nehme mich selbst da nicht aus. Täglich erliege ich einer Versuchung, von der ich weiß, dass sie vermeidbar und dazu umweltschädigend ist. Ich kaufe zu viele und zu günstige Klamotten und blende das Wissen um die Arbeitsbedingungen in den Herstellerländern aus. Ich fahre, zumal seit Corona, zu viele Strecken mit dem Auto. Fahrrad geht gar nicht. Nicht mit zwei Hunden und nicht, wenn man, wie ich, es einfach nicht kann. Aber es gäbe Alternativen. Ich könnte für größere Einkäufe einen Trolley nehmen. Ja. Müsste ich. Mache ich – noch – nicht. Es ist mir auch nicht gelungen, meinen beiden Hunden Packsättel aufzuladen. Immerhin, ich habe mir einen größeren Rucksack angeschafft. Und ich fliege aus Prinzip nicht, sondern nehme die Bahn (aber auch, weil ich Flugangst habe). Übrigens finde ich das permanente Bahn-Bashing nur bedingt sinnvoll. Es gibt nämlich auch Verspätungen, für die die DB nichts kann. Z.B., wenn, wie während meiner Rückfahrt von der Frankfurter Buchmesse geschehen, Menschen Betonklötze auf die Gleise werfen. Aber das nur nebenbei.

Ja, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Auch bei uns. Gleichzeitig wächst, so erlebe ich es zumindest, die „Konsumwut“. Das schlechte Bildungssystem (hallo Pisa!) führt dazu, dass Kinder aus s.g. benachteiligten Familien schon in der Grundschule den Anschluss verlieren. Spätestens als Teenager und junge Erwachsene sind sie willkommenes Futter für Populisten. Weil sie nicht gelernt haben, komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Weil sie sich nach einfachen Lösungen für schwierige Probleme sehnen und nicht hören wollen, was ihnen nicht behagt.

Ich glaube, der Schlüssel für die Beantwortung etlicher gesellschaftlicher Herausforderungen ist tatsächlich BILDUNG. Von sehr klein an. Das beginnt beim bewussten Essen, hört bei einem kritischen Blick auf die Konsumindustrie nicht auf und endet beim Spaß am Lernen, am Wissen. Nein, das ist KEINE Utopie. Das kostet nur Geld. Und erfordert eine Entwicklung hin zum Nullwachstum. Die Wirtschaft wird das NIE akzeptieren. Hier sind die Menschen gefragt, und als Weichensteller die Politik. Gehen würde es. Anfangen müsste man halt.

Und jetzt meine Frage: soll ich angesichts dieser Situation wirklich Krimis schreiben? Sollen, können wir Weihnachten feiern, während überall Menschen leiden, sterben? Wir, die winzige Minderheit auf der Spitze des Vulkans – dürfen wir tanzen?

Danke für Eure Antworten. Und ich hoffe, Ihr entfolgt mir jetzt nicht „in Scharen“.


Ich wünsche Euch einen guten Abend und eine ruhige Nacht.