MiniKrimi Adventskalender am 4. Dezember


Mach es uns doch nicht so schwer, Baby!

Der Nebel hängt seit Tagen so tief, dass sich die Dunkelheit schon am frühen Nachmittag auf die Häuser senkt. Eigentlich hat sie gar keine Lust, nochmal raus zu gehen. Der Arbeitstag war anstrengend. Sie hat das Gefühl, dass Kunden und Kollegen immer ungeduldiger werden, Jahr für Jahr. Oder verliert nur sie selbst immer schneller die Geduld? Sie schält sich aus Schal, Mütze, Mantel und zieht die Schuhe aus. Jetzt ein Bad und dann vor den Fernseher legen. „Sport ist besser als jede Pille“, erzählt der Moderator gerade. Da packt sie das schlechte Gewissen. Sie wird nur eine kleine Runde laufen, denkt sie. Und springt Minuten später in ihrer Joggingkluft die Treppen runter.

Das Wäldchen liegt direkt gegenüber, auf der anderen Seite der kleinen Kopfsteinpflasterstraße. Ein paar Laternen gießen gelbes Licht auf die Konturen grauer Bäume, dazwischen lauern schwarze Löcher. Die Luft ist dick wie Zuckerwatte und dämpft die wenigen Geräusche. Um diese Zeit und bei diesem Wetter ist die Wohngegend wie ausgestorben. Sie schaltet ihren Pulszähler ein und läuft los. Taucht in den Wald ein, und die dunkle Stille schließt sich hinter ihr. Der Nebel zieht Fäden zwischen den Stämmen und Ästen, braunes Laub erstickt jeden Schritt. Einsamer als hier kannst du nicht sein, sagt sie sich, und der Gedanke kauert unangenehm auf ihrer Schulter.

Links hinter sich hört sie einen Laut, ein Rufen? Ein Bellen? Sie dreht sich im Laufen um, kann nichts erkennen, nur eine verdichtete Dunkelheit zwischen den Buchen. Sie läuft weiter. Da. Wieder. Jetzt schlägt sie einen Haken, biegt vom Hauptweg ab auf einen kleinen Pfad. Ein toter Stamm, von Efeuarmen umfangen, bietet ihr Schutz, sie bleibt stehen. Versucht, das wabernde Zwielicht zu durchdringen. Kühle Tropfen auf ihren Wimpern. Schweiß? Jetzt hört sie ganz deutlich das Knacken von Ästen. Ein unterdrückter Fluch. Sie atmet aus, pfeifend. Und fühlt, wie auch der andere stehen bleibt. Witterung aufnimmt. Von ihr. Sie stößt sich vom Baumstamm ab und rennt los. Füße suchen flüchtigen Halt, gleiten über Steine, bleiben an Wurzeln hängen. Und wie dumpfes Trommeln das Echo fremder Schritte auf ihrer Spur.

„Hey. Nicht weglaufen. Das bringt doch nichts. Bleib stehen. Verdammt nochmal. Ich erwisch dich trotzdem. Mach es uns beiden doch nicht so schwer, Baby.“

Davor haben ihre Freundinnen sie immer gewarnt. Ihre Mutter. Lauf bloß nicht im Dunkeln allein durch den Wald! Aber sie hat ja keine Angst. Was soll ihr schon passieren? Ja, was? Gleich wird sie es erleben. Die Schritte kommen näher, er ist schneller als sie. Scheint den Wald zu kennen wie seine Westentasche. Denn als sie über einen morschen Ast stolpert, der vor ihr aus dem Boden wächst, steht er vor ihr und greift hart nach ihrem Arm. Das war’s, denkt sie noch, als sie ins Unvermeidliche stürzt.

Etwas Schweres, Nasses wirft sich über sie. Ein modriges Fell, ein stinkender Sack? Der Geruch nach Fäulnis und Verwesung nimmt ihr die Luft. Und dann seine Stimme. Wütend. Erregt.

„Baby, sitz! Lass die Frau in Ruhe! Pfui, wo hast du dich denn wieder gewälzt? Das war das letzte Mal, das ich ich dich hab laufen lassen. Sitz, hab ich gesagt.“ Und dann, zu ihr gewandt,mit einer Mischung aus Erleichterung und Scham: „Seit einer Stunde such ich das Miststück schon hier im Wald. An Abenden wie diesem ist sie völlig von der Rolle. Sieht so aus, als hätten sie sie zufällig gefunden. Danke! Oh, sie hat sie ganz schmutzig gemacht! Tut mir leid! Ich zahle natürlich die Reinigung.“

Sie rappelt sich wortlos auf und rennt davon. Hinter ihr kämpft der  Besitzer noch eine Weile mit seiner störrischen Setterhündin.

MiniKrimi Adventskalender am 3. Dezember


Toxischer Advent

Wenn Mias Stimmung wetterabhängig wäre, hätte sie sich heute gleich nach dem Aufstehen und dem ersten Blick aus dem Fenster wieder unter die Bettdecke verkrochen und den Tag damit verbracht, Netflix zu durchstöbern.

Aber so ist sie nicht. Sie kann jedem Wetter etwas abgewinnen. Nicht umsonst hat sie jahrzehntelang das Credo ihrer Mutter angehört. „Change it, leave it or love it.“ Tiefe Nebelbänke über den Wiesen? Feuchtbraune Blätterhaufen am Straßenrand? Klumpige Wegfurchen, in denen sie mit ihren Profilsohlen zentimetertief einsinkt? Glänzendgraue Straßen, auf denen sich die Lichter spiegeln, noch um 10 Uhr morgens?

Das ideale Wetter für ein freundschaftliches Gespräch mit Finn. Das hat sie ohnehin schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Wahrscheinlich denkt er, sie leide unter der Trennung. Vielleicht glaubt er sogar, sie fühle sich verlassen? Oder, die schlimmste Möglichkeit – und gleichzeitig die Finn-typischste: Er liest ihre bisherige Zurückhaltung als Schuldeingeständnis. In seinen Augen, in seinem Denken, nein, in seiner Überzeugung hat er schließlich nur die Reißleine gezogen und sich aus einer toxischen Beziehung gerettet, in der er jeden Tag bevormundet und gedemütigt wurde.

Finn, also. Meinst du wirklich, dass du dafür schon bereit bist?, fragt ihre Katze Nestor mit kritischem Blick. Bist du komplett über alles hinweg? Die Ohrfeige? Der zerstörte Laptop? Der Fake-Anruf bei deinem Chef, der dich den Job gekostet hat? Ja, alles verarbeitet? Und dass Finn jetzt mit Anja zusammenlebt, ihrer – ehemaligen – besten Freundin? Mit der er ein Kind erwartet (während Mia mit ihm nur eine Katze haben durfte)?

Alles vorbei. Nicht vergessen, nein. Aber von gestern, halt. Und zwar sowas von. Toxisch. Ja, Das war sie wohl gewesen, diese große Liebe. Gift für sie und ihr Selbstwertgefühl. Seit der Trennung geht es ihr viel besser. Und das will sie Finn unbedingt zeigen. Ein Blick in den Spiegel: Kastanienbraune Locken fallen lang über die Schultern. Die Augen leuchten. Brauen, Wimpern, Lippen – alles perfekt. Beim allerersten Blick wird er erkennen, wie GUT es ihr geht. Nein, sie will ihm nichts beweisen. Und natürlich will sie ihn auch nicht verführen. Im Gegenteil: sie will ihm und Anja jede Spur von schlechtem Gewissen nehmen. Sie sollen nicht denken, dass sie ihr Glück zu dritt auf Mias Kosten genießen.

Siehst du, das wäre dann ja wohl geklärt, sagt sie und schaut Nestor triumphierend an. Nun muss nur noch das Treffen arrangiert werden. Der Impuls dazu muss natürlich von Finn ausgehen. Aber das ist kein Problem. Sie kennt diesen Mann in- und auswendig. Viel besser, als Anja ihn je kennen wird.

Mia aktivert bei ihrem Smartphone die Rufnummer-Unterdrückung. Dann lässt sie es bei Finn genau dreimal klingeln. Sie weiß, er kann es nicht ertragen, einen Anruf verpasst zu haben. Und wenn er nicht weiß, wer ihn angerufen hat, wird er solange recherchieren, bis er eine Antwort hat.

Tatsächlich dauert es keine 10 Minuten, bis Finn sich bei ihr meldet. „Hast du mich gerade angerufen? Warum ist deine Rufnummer unterdrückt?“ „Das ist sie nicht! Das hab ich noch nie gemacht. Und nein, ich habe dich nicht angerufen. Ich bin gerade auf dem Sprung und wollte zum Weihnachtsmarkt in der Blutenburg.“

„Du hast NICHT angerufen…. Hm.“ Finn kann es nicht ertragen, sich zu irren. „Naja, egal. Ist doch schön, dass wir uns jetzt sprechen! Wir wollten uns doch schon so lange treffen. Hey – was hältst du davon, wenn wir zusammen zur Blutenburg gehen? Wie in alten Zeiten? (Er lacht, und vor Mias Augen schlendern zwei eng umschlungene Gestalten durch den mittelalterlichen Burghof. Probieren Ringe an, essen Waffeln, trinken Glühwein und Punsch. Ja, es gab auch schöne Momente. Aber die wiegen die Schmach nicht auf. Vorbei ist vorbei).

„Ehm…..“ Mia zögert. „Najaaa – und was ist mit Anja?“

„Die ist heute bei ihrer Mutter.“ Ach so. Klar. Finn hat Ausgang. Wer weiß, wie oft er sich so verhalten hat, als wir noch zusammen waren?, fragt Mia sich. Und mit wem er sich getroffen hat? Außer mit Anja?

„Ok. Aber ich wollte gerade losgehen. Ist dir das nicht zu knapp?“

„Nein, das passt prima. Ich bin in ner Viertelstunde am Parkplatz an der Würm. Dann können wir gemütlich am Bach entlanglaufen.“

Gemütlich? Ja! Mit warmen Uggs, dem langen grauen Dauenmantel, rotem Schal und roten Lederhandschuhen, die Locken durch die nebelfeuchte Luft wie mit Diamanten bestreut, die braunen Augen verführerisch geschminkt, ist Maja in Bestform für einen Adventsspaziergang an der romantischen Würm. Finn schaut sie lange an, dann schließt er sie spontan in die Arme. „Du siehst toll aus!“ Große Tropfen hängen an den braunkahlen Zweigen, als hätten sich die Bäume für sie beide geschmückt. Der Bach murmelt und raunt. Am Horzont leckt zartes Abendrot an fransigen Wolken. Und über die Dächer der Kirche und der alten Bauernhäuser schwingt sich ein Weihnachtslied.

„So schön!“, flüstert Mia. Und Finn berührt ihre Wange mit einem sanften Kuss. Dann erzählt er ihr von seinem neuen Leben. Anja hat die Wohnung ausgesucht, die Möbel und das Kinderzimmer. Das Baby wächst und gedeiht – Finn ist sich sicher, es ist ein Junge.

„Da hat sich ja alles verändert, in deinem Leben“, sagt Mia. „Ja,“ sagt Finn. „Manchmal ist mir das richtig unheimlich. Manchmal denke ich, wir zwei….“

„Zu spät“, lacht Mia. „Und außerdem: meinst du, ich hätte weitermachen wollen?“

Finn lacht. Na klar, sagt sein Blick.

Die Blutenburg ist voller Menschen. Alle wollen endlich wieder den Trubel genießen. Die Luft schwirrt von Stimmen und Trompeten, es duftet nach Waffeln, Bratwurst und Gewürzen. Mia und Finn schieben sich durch die Massen. „Ich hol uns einen Glühwein“, sagt Mia. „Für mich nur einen Punsch. Du weißt doch…“ „Hey – ich kenne dich doch! Du, mir ist hier mit den vielen Leuten total warm. Hälst du mal meinen Mantel und den Schal?“

Nach einer Weile drückt Mia Finn einen Becher in die Hand. „Der Punsch ist mega lecker, schmeckt wie Glühwein, probier mal!“ Finn trinkt und lächelt. Mia lächelt zurück. Als er zu husten beginnt, nimmt sie ihn besorgt am Arm und lotst ihn in eine ruhige Ecke. Da ringt er schon nach Luft, aber Mia küsst ihn, und die Umstehenden schöpfen keinen Verdacht. Ees sit sehr schnell vorbei.

Mia lässt FInn zu Boden sinken, versteckt, hinter einer Säule. SIe drückt ihm den Becher in die Hand, schlüpft in den Mantel, wickelt den Schal fest um den Kopf und geht langsam und genießerisch an den bunten Ständen vorbei. Unerkannt und unbekannt.

Am Ausgang hört sie Rufe: „Krankenwagen! Notarzt! Schnell!“ Sie bleibt nicht stehen. Toxische Beziehungen verdienen ein toxisches Ende.

„Er hat es selbst so gewollt. Warum musste er mir von Anja und dem Baby erzählen? Wie dumm von ihm. Er musste doch wissen, dass ich über seine schlimme Sulfitallergie Bescheid weiß. Und darüber, dass er immer sein Spray vergisst. Ich konnte nicht anders, ich musste ihm Glühwein statt Punsch holen. Das verstehst du doch, Nestor?“

Aber die Katze dreht sich von Mia weg und starrt stumm aus dem Fenster. Gottseidank hat sie keine Allergien.

MiniKrimi Adventskalender am 2. Dezember


Was sind schon Frauen?

„Jerome, ich habe einen großen Wunsch an dich. Und ich weiß, du wirst ihn erfüllen. Denn das ist mein Vermächtnis: ich will, dass du es im Leben zu etwas bringst. Du sollst studieren, Medizin oder Jura. Damit du ein gutes Leben hast.“

Er muss nicht lesen, was auf den lange vergilbten Seiten steht. Er kennt jedes Wort. Hat das Buch hunderte Male durchgeblätter,t, diesen einen Schatz, den seine Mutter für ihn vor ihrem Tod geschrieben hat. Erinnerungen an sie, an die Heimat, an ihr gemeinsames Leben.

Mit dem Daumen streicht er liebevoll über das Gesicht der Frau auf dem ausgebleichten Foto. Dünn ist sie da schon, vom Tod gezeichnet, dem Preis für ihre Beziehung zum Gutsverwalter Mbabazi.  Zur Belohnung für ihre „Dienste“ hatte er Jerome zur Schule geschickt. Und ihm immer etwas zu essen gegeben. Das war mehr als die meisten anderen Kinder im Dorf Iganga hatten. Aber seine Mutter hatte diese Privilegien mit ihrem Leben bezahlt. Wie unendlich viele afrikanische Frauen, die von Männern aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten mit AIDS angesteckt wurden.

Nach dem Tod der Mutter stürzte sich Jerome ins Lernen und leitete die stille Wut, die in ihm brodelte, in Energie und Leistung um. Als Mbabazi den Jungen aufs Feld schicken wollte, um seinen Unterhalt zu verdienen, schritt der Leiter des kleinen Schulzentrums ein. Seine Frau und er adoptierten Jerome. Da waren die beiden schon in den Fünfzigern, und als sie nach seiner Pensionierung zurück nach Amerika gingen, nahmen sie Jerome selbstverständlich mit. 

Er beendete die Highschool, danach das College und verließ die Harvard-Universität mit einem Prädikatsexamen in Jura. 

Heute ist Jerome ist Juniorpartner einer angesehenen Kanzlei in Chicago. Seine Wurzeln aber hat er nie vergessen. Seine Adoptiveltern haben immer wieder mit ihm gemeinsam im Memory Book gelesen, das seine Mutter für ihn gemacht hat, Anfang des neuen Jahrtausends. Sie haben in ihm die Liebe zu Afrika wach gehalten und genährt. In seiner Kanzlei ist er zuständig für Wirtschaftsverträge zwischen amerikanischen Firmen und Partnern in Afrika. Er möchte etwas zurückgeben von dem, was seine Mutter ihm hinterlassen hat. Liebe und Achtung. 

Das Telefon unterbricht Jeromes Tagtraum. „Mister Miller, brauchen Sie noch etwas für Ihren Termin für die Verhandlungen von Stevenson Inc. mit der Ugandischen Regierung? Dolmetscher, zum Beispiel?“ „Nein, danke, Grace. Englisch ist neben Suaheli Amtssprache, ich komme gut zurecht.“ Jerome lächelt. Er bezweifelt, dass seine Sekretärin über seine Herkunft und seinen Werdegang informiert ist. Wozu auch? Behutsam legt er das kostbare Buch zurück in die oberste Schublade seines Mahagoni-Suhreibtisches. In Iganga hatten sie alle zusammen nur einen klapprigen Holztisch, an dem wurde gegessen, gearbeitet – und oft, nach dem langen Heimweg von der Schulweg durch die sirrende Hitze, auch geschlafen. 

Ja, er hat einen langen Weg hinter sich. Von Iganga nach Chicago. Einen erfolgreichen Weg. Und jetzt setzt er sich dafür ein, dass Kinder wie er in ihrer Heimat ein besseres Leben führen können. 

Er ist gespannt auf die Vertreter der ugandischen Regierung. Angeblich sind sie von der Premierministerin Nabbanja persönlich ausgesucht worden. Er weiß, dass Zeit in seiner Heimat anders bewertet wird, und hat Rogers und Jennings von Stevenson Inc. entsprechend gebrieft. Als sich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin die Tür zum Sitzungsraum öffnet, lächeln die beiden nur freundlich erleichtert.

Aber niemand hat Jerome auf den Schock vorbereitet, der ihn bei der Begrüßung der Männer aus Uganda trifft.

Er ist alt geworden, das Haar schütter und weiß. Er ist kleiner, drahtiger. Aber Jerome würde ihn immer und überall erkennen. Mbabazi, den Mörder seiner Mutter! Er bringt die Verhandlungen hinter sich wie ein Schlafwandler. Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist sich sicher, dass alle Anwesenden wissen müssen, was in ihm vorgeht. Aber sie bleiben entspannt. Mbabazi erkennt in Mister Miller ganz offensichtlich nicht den kleinen Jungen aus Iganga, Malaikas Sohn, dem er die Mutter genommen hat. 

„Diesen Abschluss müssen wir unbedingt feiern“, sagt Jerome zu Mbabazi. „Ich kenne da eine ganz besondere Bar, die wird Ihnen gefallen.“ Mbabazis Kollege entschuldigt sich. Doch Jerome hat den Alten richtig eingeschätzt. Es gibt Züge im Charakter eines Menschen, die verändern sich nie. 

Die Bar ist angenehm dunkel, auf der Tanzfläche räkeln sich junge Mädchen. Jerome geht hier nie alleine hin, nur, wenn er bestimmte Kunden begleiten muss. Nach einigen Whiskys wirdv Mbabazi redselig.  Erzählt von seiner Vergangenheit. Wie er 2006 als Gutsverwalter eines amerikanischen Farmers plötzlich krank wurde. Und dass sein Boss so große Stücke auf ihn hielt, dass er ihn zur Behandlung nach Amerika schickte. „Wie sie sehen: ich habe überlebt! Und ich sage Ihnen, ich genieße mein zweites Leben in vollen Zügen!“

„Und die Frauen, die sich angesteckt haben? Sicher haben sie Frauen angesteckt?“ „Mein Schohn“ – Mbabazis Aussprache beginnt zu verwischen – mein Schohn: Was sind schon Frauen? Was bedeutet ihr Leben?“ „Ja, was?“ , fragt Jerome und verzieht sein Gesicht zu einem höhnisch grausamen Grinsen.

Chicago ist immer belebt, auch nachts. Taxis drängeln sich auf den Spuren, überholen auf der Jagd nach Kunden. Mbabazi ist diesen Trubel nicht gewöht. In Kampala geht es ruhiger zu. Jerome greift nach dem Arm des Alten, als er unvermittelt die Fahrbahn betritt, genau vor einem großen schwarzen Wagen.

„Ich konnte ihn nicht halten“, wird er später der Polizei sagen, Erschütterung im Blick. Niemand hat gesehen, dass er den Mann nicht gehalten, sondern gestoßen hat.

Info:

Memory Books entstanden in Uganda. Rund 40 Tausend aidskranke Mütter schrieben sie für ihre Kinder, damit sie sich an sie und ihre Familie erinnern sollten, wenn die Mütter tot waren. In den Büchern stand immer auch der Wunsch, dass das Kind lernen und einen guten Beruf ergreifen sollte.

Wenn Ihr mehr über die Memory Books erfahren wolltm empfehle ich euch den ergreifenden preisgekrönten Film von Christa Graf als Video, Blue Ray oder bei Amazon Video Stream.


Adventskalender MiniKrimi am 1. Dezember


Ein cooler Job

„Danke, Herr von Maltitz.“

„So, jetzt hol dir nen Cappuccino und richte dich erstmal ganz in Ruhe ein. Morgen besprechen wir dann deine Aufgaben genauer. Du kannst heute auch gerne nen Tick früher gehen.“

„Ach, noch was, Selina. Wir duzen uns hier alle. Im Sinn von flachen Hierarchien und so. Das ist doch ok für dich? Ich bin Maximilian.“

Selina nickt und merkt, dass sie rot wird. Wie ärgerlich! Jetzt weiß Herr von Maltitz, nein, Maximilian, dass sie ihn cool findet. Sehr cool sogar. Eigentlich hat sie den Job vor allem wegen ihm angenommen. Er kommt so nett rüber, total unaufgeregt und nicht so angeberisch wie viele andere junge Unternehmertypen. Da war es ihr dann auch egal, dass sie beim Vorstellungsgespräch nicht so richtig verstanden hat, was sie bei Artemis Bauen und Leben eigentlich tun sollte.

Aber spätestens morgen wird sie alles erfahren. Sie klappt das Notebook auf. Der Firmenschriftzug schwingt sich elegant über eine Landschaft aus Säulen vor tiefblauem Meer. Sieht jetzt nicht so aus wie Selinas Traum vom Wohnen, sie mag es lieber zentral, mit Shoppingmeilen und Kneipen gleich um die Ecke. Selina lässt ihre 5 cm langen pinken Nägel über die Tastatur gleiten. Oh. Kein Passwortschutz. Schon ist sie mittendrin im Firmenlaufwerk. Verstohlen klickt sie mal hierhin, mal dahin. Ordner mit komplizierten Namen: Parthenon, Villa Maxima, Maison Soleil. Alle leer. Sie zieht die Schubladen im Rollboy auf: leer. Sie starrt 10 Minuten auf das hochmoderne Telefon, das einsam neben dem Notebook steht. Es schweigt sie an. Selina beschließt, zu gehen.

Auf dem Flur schaut sie scheu in Maximilians Büro. Ihr neuer Chef steht am Fenster und telefoniert mit dem Handy. „Alles bingo, Bastian. Die ist perfekt. Glaub mir!“

Am nächsten Tag lernt Selina ihre Kolleginnen und Kollegen kennen. Insgesamt 4 an der Zahl, drei so neu wie sie.  Und Maximilian hat eine Aufgabe für sie: Büromaterial bestellen. Danach soll sie einkaufen gehen, Kaffee und Schokolade. „Nimm Bonny mit, sei so lieb“, ruft Maximilian ihr zu. Selina schluckt. Als Kind ist sie im Dorf ihrer Großeltern von einem großen schwarzen Hund gebissen worden. Das war ihre einzige Erfahrung mit Tieren. Aber Maximilian steht schon vor ihr, den gelockten Labradoodle neben sich, und streckt ihr die Leine entgegen.

Nach 8,5 Stunden Arbeitzeit hat sie ihren Rollboy mit Bleistiften, Büroklammern und Eddings bestückt, einen Kundentermin zur Baustellenbesichtigung für ihren Chef ausgemacht und am Nachmittag nochmal den Hund ausgeführt. Zum Glück ist Bonny ein ganz Süßer. „Wird schon,“ denkt sie sich.

Als Selina nach der ersten Arbeitswoche immer noch nicht mehr zu tun hat als Büromaterial zu bestellen (wofür?, die Kolleginnen und Kollegen sitzen auch bloß untätig an ihren Schreibtischen) gelegentlich Termine für Maximilian auszumachen und dreimal am Tag mit dem Hund Gassi zu gehen, wundert sie sie.

„Ey, was hast du? Du kriegst satt Kohle fürs Nichtstun. Worüber beschwerst du dich eigentlich?“, fragt ihr Freund. Selina hat darauf keine Antwort. Es stimmt, eigentlich sollte sie froh sein. Stattdessen ist ihr der neue Job unheimlich. Sogar sich jeden Tag im Büro die Nägel anders zu lackieren wird nach kurzer Zeit langweilig. Die Kolleginnen und Kollegen sind alle supernett. Komisch nur, dass die meisten von ihnen sich weder darüber wundern noch beschweren, dass sie während der Arbeitszeit meist untätig herumsitzen. Nur Bastian, der Einzige, der schon länger da ist, „arbeitet“. Er fährt mit Maximilian durch die Gegend, auf verschiedene Baustellen oder zu Kund*innen, und oft telefoniert er hinter verschlossener Bürotür.

Nach einem Monat bekommt Selina endlich eine richtige Aufgabe. Sie muss Flugtickets für Maximilian und Bastian bestellen. Es geht um die Besichtigung eines neuen Projektes in der DomRep. Am Morgen des Abflugs ein Anruf von Maximilian: Er hat seinen Diplomatenkoffer im Büro liegenlassen. Selina soll ihn zum Flughafen bringen. Was bitte ist ein Diplomatenkoffer? Schließlich findet sie ihn. Es ist schon kurz vor knapp, Maximilian ist schon auf dem Rollfeld. Ein Flughafenmitarbeiter in greller Warnweste passt sie auf dem Weg in die Halle ab, nimmt ihr den blauen Koffer aus der Hand, steckt ihn in eine neutrale Pastiktüte und verschwindet. Wie vereinbart schickt sie Maximilian eine Whatapps: Ok.

Zurück im Büro trifft Selina der Schlag: Die Räume sind verwaist. Keiner da. Die Schreibtische blank, die Rollboys leer. Nur der Hund sitzt verlassen auf seinem Kissen. Die Tür wird aufgerissen, Menschen in Uniform stürmen den Raum. „Polizei. Wo ist Herr von Maltitz?“ „Im Flieger in die DomRep“, stottert Selina. „Was……?“ „Er hat zwei Millionen Euro veruntreut. Von ahnungslosen alten Leuten. Wo ist das Geld?“

Da fällt es Selina wie Schuppen von den Augen. Maximilian hat sie benutzt, um das Geld an der Security vorbei in den Flieger zu schmuggeln. Und jetzt wird die Polizei sie als Mitwisserin verhaften. Sie wird den Leuten das Geld zurückzahlen müssen. Sie, Selina A. Wie soll sie das machen? Selina sinkt neben Bonny auf den Boden und schlägt die Hände vors Gesicht.

Wie durch einen Schleier sieht sie die Polizisten das Büro durchsuchen. „Hey, schau mal, der Diplomatenkoffer. Mach mal auf!“ Selina klimpert hektisch mit ihren künstlichen Wimpern.  „Aber, aber…“, flüstert sie.

Währenddessen hat Maximilian dem Vorfeldmitarbeiter die Tüte abgenommen und ihm diskret zwei zusammengerollte 500 Euro Scheine in die Handfläche geschoben. Auf seinem Platz zieht er die Plastiktüte ab. Und erstarrt. Sekunden später schreit er in sein Handy: „Bastian! Die dumme Kuh hat alles versaut! Aber du wolltest ja unbedingt ein dummes Ding! Verdammt!“ Er wirft das Handy auf den Boden und starrt mit wutverzerrtem, kreidebleichem Gesicht auf den blauen Kosmetikkoffer, den seine Ex bei ihm im Büro hinterlassen hatte.

Selina erhält für ihr umsichtiges Vereiteln einer Straftat von den Geschädigten der Firma Artemis Bauen und Leben eine großzügige Belohnung. „Wenn das Geld alle ist, geh ich lieber wieder inner Drogerie arbeiten“, sagt sie ihrem Freund.  „Aber nur halbtags, wegen Bonny.“

Abkühlung mit Spannungsfaktor


Zu heiß? Am 24.7. um 17 Uhr gibt’s eine spannende Abkühlung. Ich lese aus meinem Trüffel- Krimi Miniataurus und entführe euch dazu in die Frische des Fünf-Seen-Landes und nach San Miniato.

Und zwar auf einem Schiff, hoch über München, der „Alte Utting“. Neugierig? Ich freu mich auf Euch!

Die Lesung wird von den Mörderischen Schwestern in Bayern organisiert Im Link gibts alle Details.

Elsas Palast


Vorbemerkung: Es ist nicht einfach, Schreiben und Weihnachten zu vereinbaren. Einkaufen, kochen, backen, mit Hund und Kindern spielen – all das verzögert die Kreativität, und die falsche Brille tut ein Übriges.. Und ich werde für die anderen in unserem hamburger Airb&b Domizil zur persona non grata, weil ich „nur rumsitze“. Aber nun steht die Geschichte, und ich wünsche Euch viel Spaß mit dem von einem tollen Hotel inspirierten MiniKrimi. Und ein gesegnetes Weihnachtsfest! Lasst es leuchten!

„Und jetzt, meine Damen und Herren, kommen wir zum absoluten Höhepunkt unserer Hamburger Geistertour. In diesem Hotel gaben sich in den 1960er Jahren Prominente aus aller Welt die Klinke in die Hand. Romy Schneider, Alain Delon, Roger Moore, Elizabeth Tayllor, Mick Jagger und Paul McCartney, Größen aus Sport und Politik Es verging kaum ein Tag, an dem vor dem Eingang hier“, der Guide zeigt auf eine breite Treppe aus zerbröckelndem,  von tiefen Rissen durchzogenem Marmor, „eine Traube von Paparazzi darauf wartete, dass sich eine Berühmtheit im Foyer oder am Fenster einer Suite zeigte.“

„Hier?“, fragt eine kleine rundliche Dame. Sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um vom Guide bemerkt zu werden. „Dieses Gebäude ist doch komplett baufällig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mal der Treffpunkt der Reichen und Schönen gewesen sein soll. Dann hätte man das Haus nicht so runterkommen lassen, sondern es instand gehalten. Oder ein Museum daraus gemacht.“ Die Umstehenden nicken zustimmend. „Naja, für die Tour muss man das eine oder andere Detail aufmotzen, damit die Gäste auf ihre Kosten kommen,“ kommentiert ein  anderer. und grinst: „Nicht, dass wir unser Geld zurückfordern.“ 

Der Guide bleibt gelassen. „Was die Bedeutung dieses Hotels angeht, könnt Ihr Euch ganz einfach im Internet schlau machen“, erklärt er. „Aber wenn Ihr wissen wollt, warum es vom berühmtesten Haus am Platz zum gefürchtetsten wurde, werden Ihr im Netz keine Erklärung finden. Nur Vermutungen.“ Tatsächlich finden die Neunmalklugen, die gleich nach dem „Hotel Altona“ googlen, zwar jede Menge Berichte, Klatsch und Tratsch über rauschende Bälle, Koksrazzien und Champagnerorgien, aber nur ein paar dürre Informationen über das jähe Ende des Grandhotels. Die Ikone architektonischer 60er-Jahre Baukunst war am 21. Dezember 1967 durch einen Brand, der sich vom Fahrstuhl im ersten Stock ausgebreitet hatte, schwer beschädigt worden. Die Besitzer hatten nicht nur darauf verzichtet, die zerstörten Räume wieder herzurichten, sondern hatten das ganze Haus zu einem Schleuderpreis verkauft und waren ins Ausland gezogen – wohin, wusste niemand. Später was das Hotel notdürftig instand gesetzt worden, aber keinem der rasch wechselnden Eigentümer war es gelungen, den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen. Zu hartnäckig hielten sich die Gerüchte, dass es dort spuke. Alle hatten das Anwesen binnen weniger Monate wieder verkauft. „Es steht schon seit 20 Jahren leer, und nur, weil es als außergewöhnlich schönes Beispiel der 60er-Jahre denkmalgeschützt ist, haben sie es noch nicht abgerissen“, erklärt der Guide.

„Aber was ist denn wirklich passiert, damals?“ , wieder die kleine Frau. Einer antwortet: „Das werden wir jetzt nicht mehr rauskriegen.“ „Das kann man so nicht sagen. Hängt davon ab, wie interessiert Ihr seid. Und was Euch ein Abenteuer wert ist.“ „Warum?“ Wie?“ „Was meinen Sie?“ „Blödsinn!“ „Naja“, und jetzt lächelt der Guide geheimnisvoll „ich war damals Liftboy im Hotel Altona. Ich weiß genau, was in jener Schicksalsnacht passiert ist.“ „Und warum haben Sie das dann nie erzählt?“, fragt ein Umgläubiger. „Wahrscheinlich hat die Presse ihm nicht genug für die Infos angeboten“, mutmaßt die kleine Dame. 

„Nein“; sagt der Guide und wirft automatisch einen misstrauischen Blick über die Schulter.“ Nicht deshalb. Ich habe niemandem gesagt, dass ich überhaupt im Haus war.“ „Aber warum?“ „Ganz einfach, ich leben.“

Während des Gesprächs hat die Dämmerung das Hotel in ihren dunklen Mantel gehüllt. Die Straßenlaternen werfen blasse Strahlen auf die Fassade, und in dem ein oder anderen Fenster schimmert ein Licht – Spiegelungen, wie der Guide erklärt – eine Spur zu schnell, um glaubwürdig zu klingen. „Also, meine Herrschaften, was ist? Trauen Sie sich mit mir in das Innere dieses Geisterhauses?“

Die meisten Tourteilnehmer haben plötzlich eine ganz wichtige Anschlussveranstaltung, oder sie wollen in der nicht nur längsten, sondern gefühlt auch kältesten Nacht des Jahres so schnell wie möglich in die Wärme ihrer Häuser. 

Die kleine dicke Dame, ein junger Musiker und der Mann, der den Guide immer noch für einen Aufschneider hält, bleiben als einzige übrig. „Gut. Dann mal los“, murmelt ihr Führer, zieht einen Schlüsselbund aus seinem Umhang und klettert behände die brüchige Treppe hinauf, Die anderen folgen ihm zögernd.

Vor ihnen öffnet sich eine riesige Halle. Von der Decke hängen Kristalllüster, in Spinn- und Staubweben eingeschlossen wie in einen Kokon. Unter Krusten von Schmutz ist das Mosaikparkett erkennbar, in Struktur und Farbe wie kostbares Treibholz. Die Mahagonievertäfelung der Bar glänzt im Licht der Taschenlampe, die der Guide durch den Raum schweifen lässt. Dabei erzählt er von schönen Frauen in samtenen Etuikleidern und glockigen Seidenröcken, die sich von reichen Männern zum Champagner einladen lassen, während silberne Zigarettenspitzen lasziv zwischen rote Lippen gleiten. „Sie waren alle bezaubernd, Liz und Grace und Jackie. Aber Elsa war einzigartig. Zart wie eine Rose, unschuldig wie der Morgen. Sie war zu gut für… das alles.“ Mit einer ausladenden Bewegung umfasst der Gude den Raum, das Gebäude, die Welt. Eine Träne bahnt sich ihren Weg über seine Wange und bleibt, tautropfengleich, im grauen Spitzbart hängen. „Weiter geht’s“; sagt er und schiebt seine drei Gäste die geschwungene Freitreppe hinauf in die Dunkelheit des ersten Stocks. „Aber“, flüstert die kleine Dame. Der junge Musiker versucht ein heiseres Lachen, und der Zweifler dreht sich um und starrt den Guide neugierig an. 

„Woher wissen Sie das? Sie waren doch bloß ein Liftboy.“ „Bloß en Liftboy? Ja. Ich war ein Niemand, und vor einem Niemand muss sich keiner verstellen. Auf dem Weg von der Bar in den ersten Stock haben mir die Damen mehr anvertraut als ihren Liebhabern in einer ganzen Nacht. Und auch die Herren waren gesprächig. Ich hätte so manches davon für Millionen an die Geheimdienste verkaufen können. Aber ich war ja loyal.“ 

„Bis zum Schluss, offenbar,“ murmelt die Dame. 

„Fast“, ruft der Guide. „Fast!“ Sie stehen in einem Flur mit himmelblauer Tapete, auf der goldene Pfaue üppige Räder schlagen. An manchen Stellen hängen Streifen davon zu Boden. Das Holz der Türen ist morsch, Am Boden entlang kriecht Schimmel. Von den Lüstern rieselt feiner Staub. „Los, hier entlang!“ Die Stimme des Guides hat jede freundliche Schwingung verloren. Sie klingt gehetzt, als sei ihre Tour ein Wettlauf mit der Zeit. Am Ende des Flures lehnt er sich gegen die Wand – und  öffnet eine durch die Tapete verborgene Tür. Sanftes Licht taucht den Raum in eine unwirkliche Athmosphäre. „Wow!“ „Oh mein Gott!“ „Wahnsinn!“ Der Raum scheint dem Verfall entgangen zu sein. Mehr noch. Er sieht aus, als wohne, als lebe dort jemand. Die blutroten Wände sind mit filigranen Pfauenfedern verziert, auf dem Samtsofa liegt ein Leopardenfell, auf dem ovalen Tischchen davor stehen eine Flasche Champagner und zwei Gläser. 


„Was?“ „Wer?“ Der Guide schneidet die verwunderten Fragen mit einer schnellen Handbewegung ab. In seinen Augen flackert ein Feuer, das teuflisch oder jedenfalls nicht von einem gesunden Menschenverstand  entfacht ist.

„Ihr wolltet unbedingt wissen, was heute vor 54 Jahren hier in diesem Hotel geschah?“ „Naja.“, „Ach, nicht so wichtig!“, „Behalten Sie es ruhig für sich.“.„Nein! Es muss endlich ans Licht. Elsa hat die Wahrheit verdient!“ Aus der einen Jackentausche zieht der Guide ein Feuerzeug, aus der anderen etwas, das auf den ersten Blick wie eine mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllte Flasche aussieht. „Eine Molly“, flüstert der Musiker, dreht sich um und will das Zimmer verlassen. Aber „Halt!“; ruft der Guide. Oder ich lasse uns jetzt gleich alle in die Luft fliegen. Hinsetzen!“; befiehlt er. 

Und dann erfahren die drei Tourenteilnehmer, welche Verkettung unseliger Umstände im Jahr 1967 zum Tod des jungen Models Elsa S. und zur Zerstörung des legendären Hotels Altona geführt hat. 

Der Liftboy war es zwar gewöhnt, Geheimnisse, Geständnisse und Tränen seiner Gäste win ein Beichtvater über sich ergehen zu lassen. Aber in Elsa verliebte er sich unsterblich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr hörte er nicht nur zu, er versuchte, ihr zu helfen. Mit dem bisschen Geld, das er erspart hatte, beglich er ihre Schulden an der Bar. Mit seinem Taschentuch wischte er ihr das Blut aus dem Gesicht, nachdem der amerikanische Millionär ihr eine Ohrfeige gegeben hatte. Mit dem Eifer der glühenden Jugend schmiedete er einen Plan, um sie aus den Klauen des Tycoons zu befreien. Und sie dankte ihm seine Liebe mit einer leidenschaftlichen Hingabe zwischen den Stockwerken. Bei angehaltenem Lift. 

Doch zu dem für die gemeinsame Flucht verabredeten Zeitpunkt war Elsa nirgends zu sehen. Nach Stunden kam sie schließlich zum Fahrstuhl und streckte ihm stolz den Ringfinger entgegen, an dem ein märchenhafter Solitär erbarmungslos funkelte. „Er hat um meine Hand angehalten“, schwärmte Elsa mit champagnertrunkener Stimme. 

„Der Rest ist schnell erzählt. Ich legte ihr meine Hände um den Hals, bis sie endlich schwieg. Dann trug ich sie in ihr Zimmer. Das Feuer im Lift sorgte so lange für Chaos, bis ich Elsa, meine Elsa, in Sicherheit gebracht hatte. Hinter dieser Tapetentür. Dann war es wichtig, dass keiner mehr hierher kommen würde. Denn ich wollte sie nur für mich allein. Aber die Leute sind ja so abergläubisch. Ein bisschen Spuk und Lichterspiele – und keiner kommt uns zu nahe.“

„Aber – wo ist sie jetzt?“ fragt die kleine Dame schüchtern. „Hier“, ruft der Guide und zieht die seidene Bettdecke vom dem Skelett, das zwischen den Kissen unscheinbar und gar nicht gespenstisch aussieht. 

Dem Musiker ist klar: der Mann ist mehr als nur verrückt. Er ist verzweifelt. „Warum erzählst du uns das alles  heute?“, fragt er. Denn aus unzähligen Krimis weiß er, dass man den Täter so lange in ein Gespräch verwickeln muss, bis Rettung naht – oder einem selbst eine Lösung einfällt. 

„Der Denkmalschutz wurde aufgehoben! Morgen kommen sie mit der Abrissbirne! Das darf nicht passieren! Wenn heute hier ein Verbrechen geschieht, wird das Hotel Altona zu einem Tatort. Und der kann nicht zerstört werden.“ 

Bevor der Musiker dem Guide erklären kann, dass das nur einen Aufschub bedeutet, hat dieser den Molotowcocktail (dessen Herstellung dank Internet ein Kinderspiel ist) entzündet. Binnen Sekunden steht der Raum in Flammen.

„Während einer so genannten Geistertour hat sich im Hotel Altona ein tragisches Unglück ereignet. Aus bisher noch ungeklärter Ursache brach im ersten Stock ein Feuer aus. Der Guide und drei Teilnehmer konnten nur noch tot geborgen werden“, titelt das Hamburger Abendblatt in einer Extraausgabe. 

Auch nachdem das Gebäude mit einiger Verzögerung abgerissen wird, sieht man in der längsten Nacht des Jahres ein gespenstisches Leuchten über dem Ort, auf dem früher ein Tempel der Reichen und Schönen stand. Elsas Skelett wurde nie gefunden. 

Adventskalender MiniKrimi am 20. Dezember


Bluthochzeit

Keiner von beiden hatte geglaubt, dass das Glück in diesem Leben nochmal an ihre Tür klopfen würde. Nicht, dass ihr Dasein bisher unerfüllt gewesen wäre. Im Gegenteil. Sie war eine erfolgreiche Modedesignerin mit eigenem Label und Geschäften in München, Köln und Kitzbühel. Er war ein ebenso erfolgreicher Autor von Heimatkrimis. Beide hatten einen ausgedehnten Bekanntenkreis, der nicht nur aus Bewunderern, sondern durchaus auch aus echten Freunden bestand. Und natürlich hatten beide auch die eine oder andere Beziehung durchlebt, von schwindelnden Höhen hinunter zu abgründigen Tiefen. Und beide hatten für sich beschlossen, dass in punkto Beziehungen die Ebene einen weit besseren Lebens- und Liebesweg bot.

Bei gelegentlichen Treffen im Hause ihrer gemeinsamen Freundin Ella hatten sie sich, nach dem ein oder anderen Glas Champagner, sogar darüber unterhalten, wieviel angenehmer der Alltag ohne emotionale Komplikationen und ergo bar fester Bindungen sei. Ella aber war ganz offensichtlich anderer Meinung gewesen. 


Ganz sanft hatte sie einen Komplott mit Eros, Amor und Aphrodite geschmiedet und die beiden mit viel Geduld und List in einem zarten Liebesnetz gefangen. Und so waren aus tausend freundschaftlichen Berührungen zärtliche Umarmungen geworden und aus belanglosen Begrüßungs-Bussi-Bussis leidenschaftliche Küsse. Das Besondere an diesem Wunder war, dass das Glück der beiden zwar himmelwärts, aber dabei doch immer auf geraden Wegen verlief, ohne steiles Bergauf-bergab, sondern vielmehr auf einer Hoch-Ebene. Das beflügelte ihr Wesen und machte beide auch im Beruf, der für ihn wie für sie gleichzeitig eine Berufung war, noch produktiver.

Soviel Erfolg, das fühlten beide, wollte auf eine solide Basis gestellt werden. Nicht der anderen wegen! Nein, sie selbst wünschten sich für Ihre Beziehung die höchste Vollendung. Es war nur selbstverständlich, dass Ella von ihnen zur offiziellen Hochzeitsplanerin bestellt wurde.

Das beste Hotel Münchens wurde ausgesucht, und dort natürlich die Panorama-Suite mit einem Blick über die Dächer der Innenstadt und weiter bis zu den Bergketten am Horizont. Ella höchstpersönlich schmückte Schlafzimmer und Hochzeitsbett. Wie, das blieb ihr streng gehütetes Geheimnis. 

Die Feier war, wie nicht anders erwartet, atemberaubend schön. Vom Ja-Wort im romantischsten Standesamt der Stadt über den Nachmittag auf einem Schiff am Starnberger See bis hin zum opulenten Abendbuffet im Bayerischen Hof. Zum Ausklang tanzten und tranken Brautpaar und Gäste ausgelassen im Night Club bis in die frühen Morgenstunden.

Dann torkelten die Frischvermählten in ihre Suite. Ohne das Licht anzumachen – das schadet ab einem gewissen Alter sowohl dem Teint als auch der Illusion – öffnete die Braut als erstes die hohen Fenster und lehnte sich, übervoll mit Glückseligkeit und Alkohol, in die dunkle Morgenbrise. Als sie sich umdrehte, lag ihr Göttergatte bereits auf dem Bett, in Frack, Seidenstrümpfen, Halstuch und Lackschuhen – und schnarchte. Leidenschaftlich, das schon. Aber tief und fest. An die Vollendung der Hochzeitsnacht war nicht zu denken. Sie war nicht besonders enttäuscht. In ihrem Alter konnte sie Bedürfnisse sowohl emotional als auch geistig steuern, und schließlich hatte sie die Katze nicht im Sack gekauft. Seine Qualitäten und Fertigkeiten waren ihr bis ins kleinste Detail bekannt. Und da auch sie zwar im Herzen blutjung, an Jahren jedoch ebenso fortgeschritten war wie ihr nun Angetrauter, fühlte sie wie er die magische Anziehung eines rosenduftenden Bettes mit dem Versprechen, das berauschende Fest durch einen erholsamen Schlaf zu krönen. 

Am nächsten Morgen dann wäre sie, frisch geduscht und neu geschminkt, dem opulenten Frühstück zwischen Kissen und Federn ebenso wenig abgeneigt wie einem zärtlichen Liebesdessert.

Sie sank neben ihn und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf – aus dem sie, mitten in der Nacht, wie ihr schien, auf grausame Weise geweckt wurde. Sie hatte das Gefühl, als habe jemand ihren Kopf mit einem Gong verwechselt und schlage ihr mit einem Knüppel gegen Schläfe und Ohren, immer und immer wieder. Sie fuhr hoch, starrte mit zugekniffenen Augen in das halbdunkle Zimmer und erkannte, dass das Geräusch von außen durch die weit geöffneten Fenster hereindrang. Es waren die Glocken der ehrwürdigen Münchner Kirchen, die die Gläubigen, von denen wahrscheinlich niemand die halbe Nacht durchgefeiert hatte, zum Morgengebet riefen. Der Dom, Sankt Peter, die Heilig Geist Kirche und Sankt Michael vereinten ihre Stimmen zu machtvollem Geläut. Ihren Mann schien das nicht zu stören, er lag weiter reglos unter der Decke. Sie aber sprang auf, stolperte brillenlos durch das Zimmer, schob die Vorhänge leicht beiseite und schloss die Fenster. 

Ahhh – Ruhe! Aufatmend machte sie sich auf den Weg zurück ins Bett. Und erstarrte! Was war das? Matratze, Laken, Decke – alles war blutrot. Und er? Machte keinen Mucks! Oh nein! „Das kommt davon, wenn sich alte Leute wie Teenager benehmen. Ich hätte wissen müssen, darauf achten müssen, verhindern müssen…“ Aber was? Ein Blutsturz, was sonst? Oder hatte er das Steakmesser in die Brusttasche gesteckt und sich im Schlaf damit erstochen? Unmöglich! Wut kam in ihr auf. „Er muss doch gewusst haben, wie krank er ist. Warum hat er mir nichts davon gesagt? Warum hat er mich überhaupt geheiratet? Vor allem – warum dann die Gütertrennung? Oder – wollte er eigentlich MICH mit dem Steakmesser erstechen? Aber nein. Davon hätte er ja auch nichts gehabt. Außer, er hat mich so gehasst……“ 

Aus der Tiefe der blutroten Decke kam ein Stöhnen. Dann ein Gähnen. Dann schälte sich eine Hand aus den Falten und tastete die leere Bettseite entlang. „Wo bist du?“ 

Vor Erleichterung wurde ihr schwindelig. Sie glitt an der Wand zu Boden, kroch hinüber zum Bett. Suchte auf dem Nachttisch nach ihrer Brille. „Was machst du denn da?“, fragte er. Statt zu antworten, starrte sie fasziniert auf die Laken und Decken. Erst jetzt nahm sie den intensiven Geruch nach Rosenblüten wahr, süß und stark und, ja, beinahe mazeriert. Die ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg über die Dächer und an den Vorhängen vorbei ins Zimmer gebahnt hatten, malten ein unglaubliches Bild, das sie dank ihrer Brille nun deutlich erkennen konnte:

Auf dem Bett war ein Meer tiefroter Rosenblüten verstreut worden, ohne Zweifel von Ella, der Hochzeitsplanerin. Leider hatte das Brautpaar aus hinlänglich beschriebenen Gründen diese ästhetische Hommage nicht gewürdigt. Mehr noch: es hatte die Pracht nicht, wie vorgesehen, nach ausgiebiger Bewunderung sorgfältig beiseitegelegt, sondern sich einfach mitten hineingeworfen. Die Körperwärme, gepaart mit zwar bekleideten, aber dennoch unruhig wälzenden Bewegungen zweier ausgewachsener Menschen, hatte quasi zu einer heißen Enfleurage geführt. Und die erhitzten, zerdrückten Blätter hatten ihre rote Farbe mit allem geteilt, was sie berührt hatte. 

„Jetzt ist es eh schon passiert“, murmelte sie, schmiegte sich eng an ihren Ehemann – und die beiden holten die Freuden der Hochzeitsnacht am helllichten Morgen ausgiebig nach. 

Das Hotel lehnte ihr Angebot, für den an der Wäsche entstandenen nicht zu behebenden Schaden aufzukommen, ab. Dass Laken und Decken in einer Vitrine ausgestellt und im Rahmen einer Motto-Führung über „Skurrile Episoden eines Grandhotels“ gezeigt werden, ist lediglich ein nicht bestätigtes Gerücht, dass das Ehepaar übrigens selbst in die Welt gesetzt hat. 

Adventskalender MiniKrimi am 18. Dezember


Musikus(s)

Herzlichen Dank, liebe Laura, für den Impuls. Ich freue mich schon auf unsere nächste musikalisch-literarische KrimiPerformance….

Der Konzertsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Strawinskys Psalmen-Sinfonie war selten genug, um großes Interesse bei den Liebhaber*innen von Bläsermusik zu wecken. Tatsächlich spielen die Holz- und Blechblasinstrumente in dieser Sinfonie die Hauptrolle: Flöten, Oboen, Englischhorn, Fagotte und Kontrafagott, Hörner, Posaunen und Tuba sind vertreten. Und so gab sich an diesem Abend die Créme de la créme der Nachwuchs-Bläser-Elite ein illustres Stelldichein.  

Nach Tschaikowsky, Szymanowski und einer ausgedehnten Pause strömte das Publikum, klangbeseelt und weingestärkt, zurück in den Saal – in erwartungsvoller Vorfreude auf den Höhepunkt des Konzerts. Der erste und zweite Satz waren an Brillanz nicht zu überbieten, wie die Kritiker am nächsten Tag schreiben würden. Doch dann geschah es. Mitten im dritten Satz fing die Tuba unvermittelt an zu stottern. Die Musikerin bewegte ihren Oberkörper ganz und gar unrhythmisch vor und zurück, hin und her – und fiel schließlich mitsamt ihrem Instrument vom Stuhl. Der herbeigeilte Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. 

In den Fluren und im Säulengang vor dem Konzertsaal standen die Gäste in glitzernden Trauben und kultivierten wohliges Entsetzen in Abendgarderobe. Natürlich waren alle untröstlich, dass sie den längsten Satz der Sinfonie nur halb hatten genießen können. Doch ein solch tragisches Geschehen machte diesen Verlust beinahe wett, sorgte er doch auch unter den musikalisch nicht so fachbewanderten Besuchern für farbenreichen Gesprächsstoff. 

Drinnen in den Gängen und Garderoben herrschte eine bedrückende Mischung aus geschäftigem Treiben und kontrollierter Panik: Polizei, Erkennungsdienst und aufgeregte Mitarbeitende des Konzertveranstalters auf der einen und betroffene, verängstigte Musiker und Musikerinnen auf der anderen Seite. Nach zwei Stunden gab die herbeigerufene Rechtsmedizinerin die Leiche der jungen Frau frei. Sie hatte am makellosen, marmorblassen Körper keinerlei Spuren von Fremdeinwirkung gefunden, allerdings auch nichts, was eindeutig auf einen Unfall oder Selbstmord hingewiesen hätte. Also wurde Franziska bzw. das, was von dem aufsteigenden Stern am Bläserhimmel übrig war, nämlich eine reglose, zu keiner musikalischen Euphorie mehr fähige Hülle, zur Obduktion in die Rechtsmedizin gebracht.

Die Zeitungen berichteten noch ein paar Tage lang, wobei die Artikel vom Titel immer weiter in die Innenseiten rückten und gleichzeitig von Mal zu Mal kleiner wurden. Als das Ergebnis der Autopsie veröffentlicht und als Todesursache multiples Organversagen ohne erkennbare Causa angegeben wurde, erlosch das Interesse der Öffentlichkeit.

Am Tag der Beerdigung trafen sich die jungen Musikerinnen und Musiker nach Trauerfeier und Beisetzung im Haus ihrer Mäzenin, Friederike von Elms. Eine Trompete und das Kontrafagott tranken starken Earl Grey. Alle anderen hatten das Bedürfnis, Kummer und Ratlosigkeit in Gin, Vodka und Whiskey zu ertränken. „Ich kann mir das einfach nicht erklären“, sagte eine der Flöten. „Ich auch nicht. Sie war immer total auf ihre Gesundheit bedacht. Morgens Yoga und Atemübungen, dann Müsli und Obst, mittags Salat, zwischen dem Üben nur grünen Tee. Kein Alkohol, keine Zigaretten. Nicht mal ein paar Benzos ab und an!“, stimmte eine Oboe zu. „Organversagen, da hätte sie doch vorher krank sein müssen, oder?“, fragte der Fagottist. „In den letzten Tagen vor dem Konzert hat sie schon manchmal über Muskelschmerzen und Kopfweh geklagt,“ erinnerte sich sein Kollege. „Aber sie dachte, sie hätte sich im Zug hierher erkältet.“

„Wie dem auch sei. Franziska ist tot. Das ist furchtbar, und glaubt mir, ich weiß genau, wie Ihr Euch fühlt. Aber wir müssen nach vorne schauen. Ist denn schon entschieden worden, wer ihren Platz einnimmt? Der nächste Konzerttermin ist doch schon in 14 Tagen…“

Die Flöte nickte leise, die Oboe fixierte einen blauen Vogel auf dem Perserteppich zu ihren Füßen. Die anderen schauten betreten überall hin, nur nicht auf Frau von Elms. Natürlich verstand sie, wie es den jungen Musiker*innen ging. Egal, wie sehr diese der Tod ihrer Kollegin getroffen hatte. Sie war keine Schwester, keine Tochter. Nicht wie Antonia, Franziskas Vorgängerin. Sie hatte sich vor einem Jahr bei einem unglücklichen Sturz in den Orchestergraben das Genick gebrochen. War auf einer Wasserlache ausgerutscht. Genau deswegen war es verboten, Flaschen oder offene Gläser mit zur Probe zu nehmen. Damals hatten alle versichert, keiner von ihnen habe dieses Gebot missachtet. Es musste jemand vom Putzpersonal gewesen sein. Antonia war eine der talentiertesten Nachwuchsbläserinnen gewesen. Und Friederike von Elms einzige Tochter. 

Trotzdem hatte sie das junge Orchester weiter gefördert, es sogar zu den bedeutendsten Auftritten begleitet. Es hatte lange gedauert, bis Franziska soweit war, Antonias Platz einzunehmen. Und dann, beim allerersten Konzert – dieses Unglück! „Es ist, als sei das Instrument verflucht“, murmelte die Flöte jetzt.

Die Tage vergingen, der Dirigent überredete eine junge Musikerin aus Frankreich, kurzfristig einzuspringen. Sie hatte vor kurzem den Aeolus Wettbewerb gewonnen und war eine absolute Bereicherung des jungen Orchesters. Knapp eine Woche vor dem Konzert trafen sich alle noch einmal bei Friederike von Elms. Es gab viel zu essen – feine Sandwiches, Hühnerbrüstchen, Salate, die seltensten Obstsorten. Und natürlich Wein und Champagner in Hülle und Fülle. Céline hatte wohl etwas zuviel von allem. Doch als ihr nach dem letzten Glas übel wurde, nahm Frau von Elms sie fürsorglich mit ins Bad und gab ihr eine homöopathische Spritze. 

Am Konzertabend übertraf das Orchester sich selbst. Céline spielte wie eine junge Göttin. Bis zur Mitte des zweiten Aktes. Da brach sie plötzlich zusammen. Als Todesursache wurde wiederum multiples Organversagen diagnostiziert. Erst Tage später erinnerte sich Posaunist Arno, Franziskas heimlicher Verehrer, dass auch seiner Angebetete ein paar Tage vor dem verhängnisvollen Auftritt bei Friederike nach dem Essen schlecht geworden war, worauf diese ihr im Bad eine heilende Substanz injiziert hatte.

Arno packte seine Sachen, nahm den nächsten Flieger nach Amerika und trat dort in das Chicago Symphony Ochestra ein, bei dem er sich schon vor Monaten beworben hatte. Er kaufte sich eine Wohnung im Pullman Historic District und lebte dort stilvoll zurückgezogen. Zuvor hatte er in einem langen Telefonat mit Frau von Elms seine Kenntnisse über die Wirkung von Rizin erläutert und eine Vereinbarung getroffen, die ihm moderaten Luxus und den Mitgliedern des jungen Blasorchesters, besonders denen an der Tuba, ein unfallfreies Leben sicherte. 

Adventskalender MiniKrimi am 17. Dezember


Es ist nie vorbei!

Draußen vor den Fenstern des Klassenzimmers strahlt ein herrlicher Sommertag. Der Himmel azurblau ohne ein Wölkchen. Im Kirschbaum auf dem Schulhof zwitschern die Vögel. Der Lehrer, konservativ gekleidet in braunen Zwirn mit grüner Krawatte, doziert, durchaus passend zur Jahreszeit, über Shakespeares Sommernachtstraum. Aber die Schüler*innen der 11. Klasse sind nur halb bei der Sache. Sie tuscheln und planen den Nachmittag, sie flirten, sie träumen aus dem Fenster. Ein klassischer Vormittag!

Und da ertönt auch schon der Gong. Die Schüler*innen stehen auf, einer wirft ungestüm seine Bank mitsamt dem Stuhl um, ein anderer stolpert über seine Tasche. Drei Mädchen haben einem Jungen das Handy weggenommen und tun so, als würden sie es aus dem Fenster werfen. Der Lehrer packt seine Bücher ein und schüttelt den Kopf über das Chaos in seiner Klasse – allerdings ohne sonderlich überrascht zu erscheinen.

Schließlich haben alle Schüler*innen das Klassenzimmer verlassen. Der Lehrer wischt die Tafel ab. Da fällt von irgendwoher aus dem Schulgebäude ein Schuss. Und noch einer. Der Lehrer hebt den Kopf, als wolle er Witterung aufnehmen. Wieder ein Schuss, eine ganze Salve. Jetzt bricht die Hölle los. Schrille Schreie, Hilferufe, Schritte wie von einer Herde ausgebrochener Elefanten. Die Tür zum Klassenzimmer wird aufgerissen. Zwei Jungen stürmen hinein, hinter ihnen drei Mädchen, ein weiterer Junge. Noch zwei Schüsse, diesmal ganz in der Nähe. „Schnell, unter die Bänke!“, ruft der Junge mit dem Handy. Zum Lehrer: „Sie auch!“ Er kriecht unter eine Bank und hält das Handy ans Ohr. Da steht plötzlich eine schwarz gekleidete Gestalt in der Tür. Sturmhaube, Hoody, Funktionshose, Springerstiefel. In der Hand ein Maschinengewehr, um die Schultern einen Patronengürtel. Ohne zu zielen feuert er eine Salve von einer Ecke des Raumes zur anderen. Der Junge mit dem Handy wirft eine Schulbank um und schiebt sie als Barrikade vor sich. „Schützt Euch!“, ruft er den anderen zu. Der Lehrer ist am Pult zusammengesackt. Auf seinem Hemd breitet sich ein roter Fleck aus. 

Der Junge schreit etwas ins Handy. „Amok“, und „Schule“, „Klassenzimmer 11 a, dritter Stock.“ Die Gestalt in der Sturmhaube sieht sich um, schießt noch einmal auf den Lehrer und geht. Wieder sind Schreie aus anderen Räumen zu hören. Dann – Stille. Langsam kriechen die Schüler*innen hinter ihren Verstecken hervor. „Ist er weg?“, fragt ein Mädchen. Schnelle Schritte, die Gestalt ist wieder da. Mit dem Gewehr im Anschlag, sie brüllt etwas Unverständliches, vielleicht ist es auch nur ein Verzweiflungsschrei. Lässt sich auf den Boden gleiten, hält den Lauf des Gewehres von unten ans Kinn. Wimmert. „Nein“, schreit ein Mädchen! „Nein, tu das nicht!“

Da taucht ein Mann aus dem Dunkel des Ganges auf. Kein Polizist. Kein Lehrer, denn die Lehrer*innen tragen während des Unterrichts keine Pistole. „Du Schuft, du Mörder!“, zischt er, hebt die Hand und tötet die am Boden liegende Gestalt mit einem gezielten Kopfschuss. 

„Es ist vorbei“, sagt er dann zu den Schüler*innen, die panisch im Kreis um die schwarze Gestalt hocken. Keine Angst, der tut euch nichts mehr.“

„Nein. Es ist nie vorbei!“, sagt der Junge mit dem Handy. Er steht auf, die anderen folgen seinem Beispiel. Sie gehen nach vorne, in die Mitte des Klassenzimmers. Dort nehmen sie die schwarze Gestalt in ihre Mitte. Vom Pult kommt der Lehrer dazu. Das Mädchen zeigt auf den Mann mit der Pistole: „Auch du bist ein Mörder!“ „Es wird nie vorbei sein, solange es Waffen zu kaufen gibt!“ rufen alle im Chor. 

Dann fällt der Vorhang. „Eine beeindruckende Art des Gedenkens an den Amoklauf vor 5 Jahren an dieser Schule. Und ein leidenschaftlicher Aufruf zur Gewaltlosigkeit“, schreibt die lokale Presse nach der Vorführung. 

Adventskalender MiniKrimi am 16. Dezember


Auf vielfachen Wunsch heute eine Fantasy-Geschichte. Oder ein Märchen. Nicht Korrektur gelesen, weil die Hunde mich zur Abendrunde abholen. Morgen miste ich die Fehler aus. Versprochen!

Die Hummel

„Du darfst sie nicht so nah an dich heranlassen.“ „Ja, klar. Aber wie mache ich das?“ Er saß auf der Treppe vor dem Einkaufszentrum, das Kinn auf sein Skateboard gestützt. Schwarze Strähnen fielen in sein blasses Gesicht. Die Augen, zwei Kohlestücke, hielten den Blick der gebeugten Frau fest, die eine Stufe unter ihm steht. „Wie?“ fragte er. Die beiden bildeten eine Oase im Vorweihnachtskauflauf, links und rechts schoben sich Menschen an ihnen vorbei, Konturen, die zu einer murmelnden Masse verschmolzen.

„Das ist ganz einfach – wenn du weißt, wie es geht.“ Jenseits des kleinen Mäuerchens, das die Eingangstreppen zum Einkaufszentrum begrenzte, sammelten sich vier junge Männer. Skateboards in den Händen, schauten sie zu dem ungleichen Paar hinüber, mit einer Mischung aus Häme und Verachtung. Einer rief: „Versteckst du dich hinter dem Rock deiner Oma! Warte, wir kriegen dich“, in diesem scharfen Flüstern, das so viel lauter ist als ein leises Wort.

„Oder auch nicht“, sagte die gebeugte Frau. 

Wenig später saßen sie in ihrem Häuschen, efeuumrankt, von einem knorrigen Birnbaum beschattet. Bis zur chrom- und glasglitzernden Einkaufswelt waren es nur ein paar Hundert Meter – und doch stand das Haus auf einem anderen Kontinent. Während er den Einkaufs-Trolley durchs hohe Gras zog – sie vorneweg und immer wieder rufend: „Vorsicht, nicht auf den Löwenzahn hier vorne treten“, und „Achtung, Gänseblümchen voraus“ oder „Wollen wir reingehen oder lieber zuerst der Hummel folgen?“ – fiel jedes Gefühl von Raum und Zeit von ihm ab. Zuerst konnte er nicht verstehen, warum er sich überhaupt mit den Skatern eingelassen und auf ihre Provokationen reagiert hatte. Dann vergaß er sie ganz und gar. 

In dem kleinen Zimmer mit der Tapete aus himmelblauem Samt, auf der gemütlichen Bank rund um den grünen Kachelofen, in dem trotz des Sommers ein munteres Feuer die Luft mit Wärme und Lavendelduft füllte, atmete der Junge so klar und frei wie lange nicht mehr. Wie noch nie, eigentlich. Seine Eltern waren geschieden, seine Mutter lebte in einer anderen Stadt, seinen Vater sah er nur, wenn er ihm das Wochengeld auf die Bettdecke legte. Der Junge wusste nicht einmal genau, wo er arbeitete – oder was genau. In der oberen Etage einer Bank, mit einer Sekretärin, die keine Anrufe durchstellte. Auch nicht, als sein Sohn von einem Bus angefahren worden war und der Vater die Einwilligung zu einer OP hatte geben sollen. 

Das war lange her. Und doch hatte sich wenig geändert. Er wohnte noch zu Hause. Die Schule hatte er hinter sich gelassen. Jetzt stand er vor seinem Leben und wusste nicht, welche Weg er nehmen sollte. Also ging er mal hierhin, mal dorthin, mit dem Skateboard unterm Arm und unter den Füßen. Er ließ sich treiben, ein Tropfen im Strom. So sah er sich. Doch die Menschen, denen er begegnete, schienen in ihm etwas anderes zu erkennen. Etwas, das störte. Sie. Ihren Rhythmus. Obwohl er nichts tat, außer einfach da zu sein. Sich zu bewegen, zu stehen, zu sitzen. Als sei er ein schwarzer Block, eine undurchdringliche Materie, die sich ihnen in den Weg stellte. Sie daran hinderte, weiterzumachen mit dem, was sie gerade taten. Er spürte ihre Unsicherheit, ihren Widerwillen, ihre Abneigung wie eine Druckwelle, ohne sie anzusehen. Manchmal gelang es ihm, an ihnen vorbeizugleiten wie Wasser. Aber oft hielten sie an, oder inne, und schimpften auf ihn ein. Rempelten, schlugen und traten ihn. Er wehrte sich nicht, wusste nicht wie und auch nicht warum. So war es auch heute gewesen. Er war mit dem Skateboard die Treppen heruntergefahren, ohne die anderen zu beachten. Doch sie hörten auf, sich gegenseitig mit Kunststücken zu überbieten, und machten Front gegen ihn. Drückten ihn an das Mäuerchen, griffen nach seinem Board. Ein gutes, teures. Wenn die gebückte Frau nicht gekommen wäre, hätten sie es ihm wohl weggenommen.

Aber auch das schien nun lange her zu sein. Sie schenkte ihm die dritte Tasse Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem winzige Blüten wie Schneeflocken schwammen. „Siehst du, so geht das. Wenn sie auf dich zukommen, ziehst du dich einfach zurück. Immer mehr. Stülpst dich ein. Sitzt auf der Bank und trinkst Tee. Lässt den Raum hinter dir, und die Menschen, die dich ummauern. Atmest die Weite. Ganz einfach.“

Er wusste nicht, was daran einfach sein sollte. Aber er fühlte, dass es so war. Nachdem er eine kleine Weile in dem Lavendelzimmer gesessen und Tee getrunken hatte, sagte sie: „Nun geh.“

Es nahm sein Skateboard und lief durch das hohe Gras bis zu dem windschiefen Tor im verwitterten Holzzaun. Als er es hinter sich schloss und sich zur Straße drehte, war es dunkel. Die Laternen gossen gelbe Streifen auf den Gehweg. Zuhause angekommen, sah er auf die Uhr. Es war weit nach Mitternacht.

Schon bald stand er wieder da, diesmal in der Schlange vor einem Eiscafé, als die Leute hinter ihm plötzlich anfingen, mit ihm zu streiten. Er hatte nichts gesagt und auch nichts getan. Außer dazustehen. „Was drängelst du dich vor? Was glaubst du, wer du bist? Hey, fass meine Freundin nicht an.“ Und schon begann ein bedrohliches Schieben und Stoßen. „Lass sie nicht zu nah an dich ran“, murmelte die gebeugte Frau. „Ich versuche es. Kann ja nur besser werden“, dachte der Junge und begann, sich in sich selbst zurückzuziehen. Erst die linke Hand, dann die rechte, dann die Beine, schließlich stülpte er sich ganz und gar ein. Als er sich wieder entfaltete, stand er vor dem windschiefen Tor mit dem verwitterten Holzzaun. Er ging durch das hohe Gras, achtete auf den Löwenzahn und die Gänseblümchen und  – nein – ging auch diesmal nicht der Hummel hinterher. Drinnen saß er auf der Bank vor dem grünen Kachelofen, und diesmal war die Luft mit warmem Melissenduft erfüllt. Die gebeugte Frau schenkte ihm Tee ein, ein blässliches Gebräu, in dem lila Blüten wie Feenaugen schwammen. Irgendwann sagte sie wieder: „Nun geh.“ 

Draußen vor dem Café stand nur er. Der Laden war längst geschlossen, und Krähen zankten sich um die Eiswafellreste, die neben dem Mülleimer lagen.

Immer, wenn er wieder angegriffen wurde, zog der Junge sich zurück. Immer war das Holztor offen, immer blühten Löwenzahn und Gänseblümchen, auch, wenn er eben noch auf dem Eiskanal gestanden und Schlittschuh gelaufen war. Aber wenn er wieder zurückkam, war es manchmal nicht mehr Abend, sondern ein neuer Tag war bereits angebrochen. Oder schon wieder vorbei. Das machte dem Jungen nichts aus, denn was hatte er schon zu tun? Oder zu verlieren?

Eines Tages, kurz vor der Wintersonnenwende, ging er bei Anbruch der Dunkelheit in den Englischen Garten. An dem kleinen See mit der Schwaneninsel flackerten Fackeln, Menschen standen in Gruppen zusammen, tranken Glühwein und aßen Maroni. Den Jungen überkam eine tiefe traurige Einsamkeit. Wie gern würde er sich daneben stellen. Dabei sein. Dazugehören. Er ging hinunter zum Wasser. Kleine Wellen schwappten leise ans Ufergras. Die Gänse schliefen längst in den Büschen, nur Fledermäuse zogen von Baum zu Baum. Da stand plötzlich ein Mädchen neben ihm. Haare so lang wie seine, nur rot. Augen so groß wie seine, nur grün. Im Fackelschein sprühten sie Funken. „Bist du auch allein?“, fragte sie. Und er nickte. „Dann sind wir schon zwei.“ Sie lächelte und streckte die Hand nach ihm aus. So vertraut war diese Geste, dass er vergaß, sich zurückzuziehen. Und dann war es zu spät. Sie zog und zerrte an seinem Arm, riss ihn mit sich, hinein in den See, in die leisen, schwarzschwappenden Wellen. Immer tiefer und weiter. Nur mit größter Anstrengung gelang es ihm, seine Finger von den ihren zu lösen. Und er schlüpfte in sich hinein. Erst mit dem linken Arm, dann mit dem rechten. Mit den Beinen, das war schwierig, weil der nasse Stoff steif und unbeweglich war. Aber schließlich gelang es ihm.

Das Holztor klemmte, und er musste mit aller Kraft drücken, um es zu öffnen. Das Gras war kniehoch, und statt Löwenzahn und Gänseblümchen hatten sich Kletten und Giersch breit gemacht. Die Hummel suchte er vergebens. Aber drinnen war alles wie immer. Die Bank und der Kachelofen. Nur roch die Wärme diesmal nach Weihrauch. Und der Tee schmeckte rauchig. Er saß und trank, er atmete und trank. Ohne Raum. Ohne Zeit. „Willst du mich heute nicht fortschicken?“, fragte er die Frau. Auch sie war anders. Grauer. Zerstaubt. Die Stimme wie brüchiges Pergament. „Nein. Du gehst oder bleibst, heute ist es an dir, zu entscheiden.“

Als der kürzeste Tag des Jahres anbrach, fanden Spaziergänger einen leblosen Jungen am Ufer des kleinen Sees mit der Schwaneninsel. Zartrotes Sonnenlicht koste sein schwarzes Haar. Eine Hummel setze ihren Flügelschlag aus und berührte mit ihrem flaumigen Körper die kalte Stirn.