Adventskalender Minikrimi am 3. Dezember


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Rapunzel, lass dein Haar herunter
München, die Singlehauptstadt. Andreas hätte es schlechter treffen können mit dem Ort seiner Facharztausbildung. Da würde er neben einem netten Job und einer schönen Wohnung auch bald eine hübsche Freundin sein Eigen nennen. Das hatte er zumindest gedacht. Doch heute, gut zwei Jahre nach seinem Umzug aus dem unter medizinischen und landschaftlichen Aspekten sicher reizvollen, aber für einen Endzwanziger mit entsprechender Testosteronlast nur bedingt aufreizenden Städtchen war in Sachen Beziehung enttäuschend wenig gelaufen. Im Gegensatz zu Samson, seinem roten Kater, hatte Andreas bisher nicht einmal so etwas wie eine leidenschaftliche Affäre gehabt. Auch Krankenschwestern waren heute offensichtlich nicht mehr unbedingt auf charmanten Ärztenachwuchs aus. 
 
Aber dann geschah es: eines Morgens klingelte jemand an seiner Wohnungstür im ersten Stock eines renovierten Altbaus im Münchner Stadtteil Bogenhausen. Sturm. Eine Frau stand vor ihm, mit schulterlangen blonden Locken, wutsprühenden grünen Augen und einem Scharlachmund, dem wunderbar modulierte Alttöne entsprangen. Im ersten Moment dachte er tatsächlich, sie sänge. Dann hörte sie abrupt auf und starrte ihn erwartungsvoll an. Er schwieg fasziniert. „Haben Sie mich nicht verstanden? Das ist Katzenkot“, und sie hielt ihm einen offenen Gefrierbeutel vor die Nase. Der Geruch war eindeutig. „Soeben auf frischer Tat ertappt! Wenn Ihr elender Kater noch einmal in meine Rosen scheißt, bringe ich Sie um. Haben Sie mich jetzt verstanden?“ 
„Warum mich?“ fragte Andreas, als er sich von seinem Stupor erholt hatte. Aber die Worte rieselten von den Wänden, ohne sie zu erreichen. Sie war schon den Gang entlang und die Treppe hinabstolziert. Auf 10 cm Absätzen.
 
Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zumindest von seiner Seite aus. Nach einer Woche wusste er genau, wann sie die Wohnung verließ und  wann sie wieder nach Hause kam. Sie musste im medizinischen Bereich tätig sein, vielleicht war sie Ärztin, genau wie er. Wenn das kein Zeichen war. Wie gut, dass er seinen romantischen Traum von der großen Liebe nicht aufgegeben und sich irgendeiner Patientin an den Hals geworfen hatte. Er hatte sich für sie aufgehoben. Das musste ihr gefallen.
Wenn er ihr morgens „rein zufällig“ an der Haustür begegnete, hielt er ihr diese galant auf. Hatte sie eine Tüte mit Abfällen in der Hand, ging er ihr voraus zum Müllhäuschen und hob den Deckel der Restmülltonne für sie hoch. Sie bedankte sich mit einem Lächeln, noch knapper als ihr Lederrock. Andreas fand es absolut in Ordnung, dass sie reserviert war. Er hätte nichts anderes von ihr erwartet. 
 
Nur sein Kater machte ihm zu schaffen. Der Kerl war ein Despot. Schon immer gewesen, seit er ihn vor 20 Jahren von der Straße gekratzt und zum Entsetzen seiner Mutter ins Haus geschleppt hatte. Ohne besondere Pflege hatte sich das Tier erholt,  bis auf den Verlust eines Auges und ein leichtes Humpeln hatte es keinen Schaden davongetragen. Zumindest körperlich. Psychisch, davon war Andreas überzeugt, war der Kater seither ziemlich abgestumpft. Bzw. war er ein Menschenhasser geworden. Auch Andreas wurde von ihm nur geduldet. Er ließ sich nie streicheln. Aber nachts lag er auf einem eigenen Kopfkissen in dem optimistischen Kingsize-Bett. Obgleich sie einander keinerlei Liebe eingestanden, waren die beiden unzertrennlich. Allerdings hatte Andreas keine Macht über den Kater, der über die Katzentreppe vom ersten Stock in die Gärten ging und wieder kam, wie er wollte. Seltsamerweise aber machte er sein Geschäft nie wieder in den Garten von Dr. Verena Mießtal – den Namen hatte das Klingelschild preisgegeben.
 
Nach einem Monat intensiven Werbens zwischen Haustür und Müllhäuschen ging Andreas zum Angriff über. An einem Sommerabend um 20 Uhr stand er vor ihrer Tür. Während des Heimwegs auf dem Rennrad von der Klinik und dann unter der Dusche hatte er sich den Verlauf des Abends ausgemalt. Nein, vorgestellt. Er wusste genau, was passieren würde. Und hatte sicherheitshalber das Fenster, an dem die Katzentreppe montiert war, geschlossen, um jedwede Störung ihrer ersten gemeinsamen Nacht auszusperren.
 
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihm die Tür öffnete. Aber dann wurden seine kühnsten Erwartungen übertroffen.Da stand sie vor ihm, mit tropfenden Haaren, nur in ein Badehandtuch gehüllt. „Ja`?“ fragte sie, während sich um ihre Füße eine kleine Wasserlache bildete, aus der der Duft von Jasmin aufstieg.“Da bin ich“, sagte er, hielt ihr die roten Rosen entgegen, beugte sich ein wenig zu ihr herab – sie war etwas kleiner als er, nicht zu viel, nicht zu wenig – und küsste sie innig auf die halb geöffneten Lippen, am Ziel seiner Träume, endlich.
 
Aber dann: Filmriss! 
„Sag mal spinnst du? Du tickst ja wohl nicht richtig“ „Aber – ich dachte…“ „Du dachtest WAS? Nein, danke. Ich bin nicht interessiert!“
Während Andreas noch versuchte, ein paar passende Worte zu sammeln, passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Aus der Tiefe der Wohnung rief eine Stimme – hell, weiblich – „Was ist, Vreni? Soll ich die Polizei rufen?“ Und eine Frau, jünger als Verena, mit kurzem braunem Haar und ebenfalls nur in ein Badetuch gehüllt, trat aus dem Schatten des Flures. Eine rote Kugel flog mit markerschütterndem Gekreische an Andreas vorbei, landete im Gesicht der jungen Frau und durchpflügte es mit scharfen Krallen, bevor sie pfeilschnell in den ersten Stock hinauf verschwand.
 
Als Andreas am nächsten Abend nach Hause kam, lag der rote Kater tot auf dem Kopfkissen, äußerlich unverletzt.
 
Dr. Verena Mießtal konnte nicht ahnen, dass ihr Verehrer kürzlich am Rande einer Fortbildung aufgeschnappt hatte, dass der Wirkstoff Minoxidil, der in einem äußerst beliebten Haarwuchsmittel enthalten ist, schon in geringsten Dosen für Katzen tödlich ist, und dass Tierärzte das sehr wohl wissen, ihren humanmedizinischen Kollegen aber nicht sagen. Warum auch. Und wann. Sie hatte außerdem keinen Gedanken daran verschwendet, dass Andreas beim Erforschen ihres Lebens auch Kenntnis von ihrem Beruf als Veterinärin erhalten hatte. 
 
Nachdem er den leisen Geruch im Fell seines Katers identifiziert hatte, wartete er, still, gefühllos, geduldig, so lange abends am Müllhäuschen, bis Verena schließlich mit einer Abfalltüte in der Hand auftauchte. Der Messerangriff, der nur dank Verenas Gegenwehr nicht tödlich ausging, wurde als versuchter Raub behandelt, der Täter nie gefasst.
 
Sowohl Verena als auch Andreas verließen den wunderschönen Altbau in Bogenhausen. Hoffentlich in entgegengesetzte Richtungen.

Adventskalender Minikrimi am 2. Dezember


Magie? Oder doch bloß Zauberei?

„Ich habe dir ja immer gesagt, dass du einen Fehler gemacht hast, als du dich mit diesem Magier eingelassen hast! Mephisto! Das sagt doch schon alles. Teuflischer Typ!“

„Uwe ist kein Magier, Mutti. Er ist ein Zauberer.“

„Als ob da ein Unterschied wäre!“

„Und ob. Zauberei ist ein Handwerk, und Uwe ist Handwerker. Er lässt Kaninchen im Zylinder verschwinden und holt stattdessen Seidentücher daraus hervor. Mephisto ist sein Künstlername. Er heißt UWE. Nenn ihn bitte auch so.“

„Ach ja. Nur, dass Max aus UWEs Auto verschwunden ist und er nicht einmal ein Kaninchen auf dem Kindersitz hatte, als er zu Hause ankam. Wo bitte ist dein Kind? Machst du dir gar keine Sorgen?“

„Natürlich mache ich mir Sorgen. Meph – Uwe auch. Aber wenn du ständig auf ihm herumhackst, hilft uns das auch nicht weiter. Lass dir lieber was einfallen, um Max zu finden.“

Mit einem Ruck schiebt Yvonne den Stuhl nach hinten und greift im Aufstehen nach der Zigarettenpackung, die neben einem übervollen Aschenbecher auf dem Küchentisch liegt.

„Hör auf zu rauchen! Man sieht ja schon nicht mehr die Hand vor Augen in diesem Qualm. Wenn Max jetzt heimkommt, kriegt er keine Luft, das weißt du doch!“

„WENN er heimkommt…“ Yvonne zündet die Zigarette an. Ihre Hände zittern, immer wieder geht die Flamme aus. Endlich brennt die Zigarette, sie nimmt einen tiefen Zug und geht durch die Küchentür hinaus in den Garten. Auf und ab, auf und ab. von einer Ecke des schmalen Reihenhauses zur anderen. Beugt sich über den Jägerzaun, bis sie aus den Augenwinkeln die Straße sehen kann. Ein Kind hüpft den Bürgersteig entlang, in der einen Hand eine Schultasche, in der anderen einen Hasen. Einen Hasen? Yvonne reißt das Gartentor auf, ist mit zwei Sätzen auf der Straße. Leer. Kein Kind zu sehen. Sie wirft die Zigarette in den Rinnstein. Ihre Augen brennen, tränenlos. Wo ist Max?

„Wo ist Max? Hast Du ihn gefunden?“, flüstert sie ins Telefon, als Uwe anruft. „Nein, Schatz. Nein. Leider.“

„Dann gehe ich jetzt zur Polizei“, sagt Yvonne.

„Warte noch, Schatz. Vielleicht hat er irgendwas Spannendes gesehen, du weißt ja, wie er ist. Wenn die Polizei erst mal ermittelt, sind immer die Eltern Schuld. Am Ende nehmen sie dir Max sogar weg……Schatz, lass uns noch warten. Bis heute Abend. Ich suche den Park nach ihm ab. Dann den Bahnhof. Du bleibst zu Hause und wartest auf ihn.“

„Gut. Melde Dich.“

In der Küche hat Yvonnes Mutter die Tarotkartenj ausgelegt. „Wenn Mephisto glaubt, dass er der einzige Magier ist, hat er sich verrechnet“, murmelt sie.

„Mutti, lass das! Überleg lieber, warum Max aus dem Auto gestiegen ist. Irgendwas muss er gesehen oder gehört haben.“

„Ich glaube nicht, dass er von alleine ausgestiegen ist. Und die Karten helfen mir dabei, ihn zu finden.“ Während sie spricht, dreht sie die Karten um, eine nach der anderen. „So. Ja, klar. Der Hierophant. Der Narr. Der Magier. Und jetzt..:“ Sie lässt die letzte Karte fallen, als habe sie sich verbrannt. „Nein.“

„Mutti? Hör endlich auf damit. Mutti? Was ist?“

Yvonnes Mutter starrt auf den Küchentisch. Auf dem blanken Holz liegt die  13. Karte. Der Tod.

Ohne nachzudenken greift Yvonne zum Telefon. Die Polizei nimmt ihren Anruf ernst. Die Suche nach dem 7-jährigen Max wird umgehend eingeleitet. Sie finden das Kind schließlich im ICE von Frankfurt nach Paris in einem Koffer mit doppeltem Boden. Erstickt. Der Koffer gehört Uwe Reber, Künstlername Mephisto. Reber lässt sich ohne Gegenwehr festnehmen und gesteht sofort, schuld am Tod seines Stiefsohnes zu sein.

„Es war ein Unfall. Max träumte davon, ein großer Zauberer zu werden. Ich sollte ihm immer Tricks beibringen. Wenn eine Schulstunde ausfiel, rief er mich an, ich holte ihn ab und wir fuhren in meinen Probenraum, um zu „üben“. Wie heute. Er wollte unbedingt den Trick mit dem doppelten Boden ausprobieren. Also habe ich ihn da „verschwinden“ lassen. Natürlich wollte ich ihn gleich wieder rausholen. Aber dann stand plötzlich Yvonne in der Tür. Sie war „zufällig“ vorbeigekommen und wollte die Zeit, bis ich Max von der Schule abholen sollte, mit mir allein genießen, ohne Kind, ohne Oma…

Als sie gegangen war, befreite ich Max sofort aus dem Koffer. Es war zu spät!“

Adventskalender Minikrimi Countdown


Draußen schwimmen Wattewolken über blasses Blau. Sie flüstern von Schnee, von Kerzenlicht, vom ersten Advent. Um vom Adventskalender Minikrimi, der morgen sein erstes Türchen für Euch bereit hält. Krimifans und Shortie-Lovers, Romantikfreunde und eilig Lesende – alle kommen auch heuer wieder auf Ihre Kosten. Versprochen!

Wie in jedem freuen wir uns über Eure Anregungen. Ihr könnt uns „Clues“ schicken, Wörter, um die herum wir unseren Krimi ranken sollen. Oder eine spannende Idee. ODER: Euren Gastbeitrag!

Noch einmal schlafen, dann ist es soweit. Morgen Abend, am 1. Dezember, startet der Minikrimi Adventskalender nur auf mariebastide.blogchristmas-2933027__340

Adventskalender MiniKrimi vom 19. Dezember 2018


 

Der Tausch

Frank hatte sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ganz selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur im seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mag. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Straße. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin. „Morgen gehen wir in den Zoo“; sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. 

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war im Entenbachstift zur Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Haus mit Einliegerwohnung organisierte, wo die demente Mutter mit einer Pflegerin wohnen konnte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter schmerzlich und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi vom 13. Dezember 2018


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Drum prüfe, wer sich ewig bindet….

Es gibt wohl kaum ein Paar in der Minervastraße 89, über das so viel geredet wird wie über Salomé und Freddi Schlicht. Das liegt natürlich zum Teil daran, dass sie die mit Abstand teuerste Wohnung im Haus gekauft haben – sie erstreckt sich über 2 komplette Etagen mit vier über Treppen verbundenen Terrassen. Das heißt, Salomé hat sie gekauft und, so will es die Hauslegende, auch noch bar bezahlt. Das allein ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Gerüchteküche, und die brodelt, glauben Sie mir, in noblen Quartieren genauso wie in  sozialen Brennpunkt. 

Es ist aber noch ein anderer Umstand, der Salomé und Freddie zu begehrten Klatschobjekten macht, und das ist ihr beträchtlicher Altersunterschied. Salomé sieht aus wie eine gut erhaltene Fünfzigjährige, aber tatsächlich ist sie weit über 60. Freddie hingegen ist grade mal Ende zwanzig. Muskulös, durchtrainiert, knackig. Wenn man bedenkt dass die beiden schon 2 Jahre verheiratet sind, fragt man sich natürlich unwillkürlich…… warum?

Dazu müssen Sie wissen – und dieses Geheimnis kennt in der Minvervastraße 89 niemand – , dass Salomé ihren durchaus beträchtlichen Reichtum mit einer Reihe von Bordellen erworben hat. Sie hat mit knapp 17 selbst als Bordsteinschwalbe angefangen und sich dann zielstrebig nach oben gearbeitet, gespart, gekauft, gemanagt, protegiert. Junge Mädchen, junge Männer. Und hat immer mal wieder einen jungen Menschen gerettet, vor dem Absturz in die Drogen oder in die Kriminalität. In ihren Etablissements waren alle Angestellten clean.

Freddie wäre heute ohne Salomé entweder tot oder im Gefängnis. Aber es gibt Tage, da ist er nicht sicher, worin sich der goldene Käfig, in dem er hier lebt, vom einem Strafgefängnis unterscheidet. Denn Salomé lässt ihn jeden Tag spüren, dass sie für seine Rettung Dankbarkeit erwartet – und unbedingten Gehorsam. Tag und Nacht…….

Vom Frühstück am Morgen über ausgiebige Massagen am Nachmittag bis zum frisch zubereiteten Abendessen reichen Freddies Pflichten. Tagein tagaus. Zu seinem Glück ist er ein kreativer und passionierter Koch, so dass ihm zumindest diese Pflicht auch Vergnügen bereitet.  Was Salomé dazu bewogen hat, ihm in einem großzügigen Moment einen Kurs „Kundalini kochen“ bei dem Sternekoch und Shootingstar der exotischen Küche, An Lee, zu schenken. Seitdem lodert in Freddie die Leidenschaft. Wofür auch immer….

Heute  soll es endlich soweit sein. Freddie wagt sich an An Lees kunstvollste Kreation. Er hat den Esstisch besonders liebevoll dekoriert, Lotusblüten, schwimmende Kerzen und Räucherstäbchen verzaubern die Wohnung. Er zelebriert das Essen wie einen Tanz und reicht Salomé jede Schale mit einer tiefen Verbeugung. Sie lächelt aus kohlschwarzen Augen. Er lächelt zurück. Sie essen. „Die Erdnüsse hast Du aber weggelassen, mein Liebling?“ „Natürlich, Salomé, ich will Dich doch nicht vergiften!“ Er folgt jeder Bewegung, mit der sie den Löffel zum Munde führt. Folgt ihr so lange, bis sich sein Magen verkrampft, bis er sich am Boden krümmt und schließlich reglos liegen bleibt.

Arsenvergiftung, stellt der Pathologe fest. Salomé scheidet als Täterin aus, denn beide haben genau das gleiche gegessen, wie die Überwachungskamera („Die läuft eigentlich nur nachts, Freddie muss vergessen haben, sie auszuschalten“)  eindeutig beweist. Und ihr geht es gut, abgesehen von ein paar unangenehmen Auswirkungen einer leichten Erdnussintoleranz (Seit Freddie seine Liebe für’s Exotische entdeckt hat, hat sich Salomé in aller Stille einer intensiven Desensibilisierung unterzogen. Sicher ist sicher).

Als die Polizei der Gründlichkeit halber die Wohnung durchsucht, fehlt in Salomés Bibliothek Dorothy Sayers Beststeller „Strong Poison“. Sicher ist eben sicher.

Adventskalender MiniKrimi vom 12. Dezember 2018


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Was ist nur aus Deutschland geworden?

„Soweit sind wir jetzt schon. Weihnachten haben die uns komplett kaputt gemacht.“ Kopfschüttelnd betrachtet Elfriede das Video, das ihre Freundin Alma ihr auf WhatsApp geschickt hat. Zu den Klängen von Stille Nacht spulen sich Bilder von 60er Jahre Weihnachtsmärkten ab, Kinder in schwarzweiß strahlen Zuckerwatte an, der Kölner Dom leuchtet. Dann Szenenwechsel, Flammen und Heavy Metal, während ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast. „Raus mit dem Pack!“, murmelt Elfriede vor sich hin, während sie ihre ganze Wut auf den Vorwerk VT 300 überträgt und dabei die Schiekraftregulierung des Saugwischers durcheinanderbringt. 

„Hallo, Elfriede, bin wieder da! Möchten Sie einen Kaffee?“ „Hallo Karim, nee. Nen Latte.“ Elfriede reinigt zweimal die Woche die Maisonette-Wohnung des Herzchirurgen Dr. Karim Abdelkader im Dachgeschoss der Minervastraße 89. Für 20 Euro die Stunde, schwarz. Das kollidiert mit ihrem Hass auf „die Ausländer“ ebensowenig wie der italienische Latte Macchiato, den Karim ihr auf einem Silbertablett serviert, mit zwei Stück Würfelzucker und vier Giottokugeln. Während der Kaffeepause erzählt Elfriede, was sie sich von ihrem Mann zu Weihnachten wünscht: einen Urlaub auf Ibiza nächstes Jahr, und was sie ihrem pubertierenden Sohn schenken wird: das neue Egoshooter Computerspiel (eigentlich ab 18)  und einen Paintball-Nachmittag mit Freunden. 

Karim hört zu und lächelt. Er ist höflich, und Elfriede putzt gut und will nichts Privates von ihm wissen. Jedenfalls nicht im Gespräch.

Auf dem Weg nach Hause macht Elfriede einen großen Bogen um den Weihnachtsmarkt am Rotkreuzplatz. Obwohl ihr schon auf der U-Bahn-Treppe ein verführerischer Duft nach gebrannten Mandeln entgegenweht und ihr Bus erst in zehn Minuten kommt. An der Haltestelle rempelt sie eine junge Frau mit Kopftuch und Kinderwagen an, aus Versehen, aber sie entschuldigt sich nicht. Murmelt stattdessen wieder: „Raus mit dem Pack.“ 

Daheim schreibt sie in die Timeline ihres Sozialen Netzwerks, dass sie heute nicht auf den Weihnachtsmarkt gegangen ist, weil „eine verdächtige arabische Frau mit Kopftuch und Kinderwagen“ ihr Angst gemacht hat. „In dem Wagen hätte ne Bombe sein können, man weiß ja nie, heutzutage. Was ist nur aus Deutschland geworden. Kein Verlass mehr auf die Polizei. Früher hätten die solche Leute sofort verhaftet und postwendend über die Grenze geschickt.“

Einer der vielen zustimmenden Kommentare auf ihren Post lautet: „Früher, da herrschte noch Recht und Ordnung bei der Polizei. Da ham die mit Ausreisepflichtigen kurzen Prozess gemacht.“ „Ja genau, Scheiß Polizei. Alles Merkels Schuld“, pflichtet ein anderer bei. Elfriede fühlt sich bestätigt. Es wird Zeit, dass Deutschland wieder ein Rechtsstaat wird. Die Ausländer müssen raus. Oder ins Gefängnis. Solange, bis sie ausgewiesen werden.

Am nächsten Morgen klingelt es Sturm. Draußen ist es noch dunkel. Elfriedes Mann brummt unwirsch: „Geh nachschauen, das hört sonst nie auf.“ Im Morgenmantel öffnet sie die Tür. Und steht dem funktionierenden Rechtstaat gegenüber, der sie vorschriftsmäßig in Handschellen abführt. Im Vernehmungsraum des Polizeipräsidiums wird ihr Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Sie soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Rotkreuzplatz geplant haben. Und den Mord an der internationalen Herz-Koryphäe Dr. Abdelkader. 

Elfriede verneint. Elfriede schreit. Elfriede weint. Schließlich beschimpft sie die Polizei. Den Rechtsstaat. Ihr Pflichtverteidiger sieht die Polizeiakten ein – alles bestätigt, mit Zeugenaussagen und allem drum und dran, sogar mit konspirativen Fotos. „Am besten, sie geben alles zu. Das macht dann vor Gericht einen guten Eindruck.“

Inzwischen hat in den sozialen Netzwerken der Shitstorm gegen Elfriede schon begonnen. Nestbeschmutzerin ist noch das netteste, womit ihre Freunde vom rechten Rand sie beschimpfen. 

Erst nach Monaten in U-Haft klärt sich die Sache. Ihr Sohn hatte die Nase voll von EgoShootern und wollte sich mal als Hacker ausprobieren. Seine Mutter nervte ihn, und ein paar Monate ohne sie stellte er sich richtig cool vor. Als er keine Wäsche mehr hat, Kühlschrank und Tiefkühltruhe lange leer sind und der Vater zur Nachbarin gezogen ist, geht Kevin missmutig zur Polizei und gesteht die selbst gebastelten „Fake News.“   

Elfriedes Glaube in den Rechtsstaat und seine Exekutive ist wiederhergestellt. Irgendwie. Oder so. 

Adventskalender MiniKrimi vom 11. Dezember 2018


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Der MiniKrimi von heute stammt aus der Feder einer Literatur-Debütantin, L. Na, ist ihr kriminalistisches Coming out gelungen?

Home, Smart Home.

„Nein, nein, nein!“ Miriam schrie aus Leibeskräften und schlug dabei auf ein Kissen ein. Immer wieder.

So hatte sie es in der Therapie gelernt,  die sie seit einem Jahr wegen Ihrer Angststörung machte. Keine simple Spinnenphobie, nein. Eine generalisierte Angststörung, deren Ursache in einer starken Verlustangst begründet war. Im Zusammenspiel von Therapie und Psychopharmaka konnte sie in den letzten Monaten ein fast normales Leben führen.  Und zum ersten mal seit langem abends ausgehen. Sie genoss diese Normalität. Endlich so tun können, als sei sie eine von denen, die sich da auf der Tanzfläche drehten. Die an der Bar saßen und tranken und redeten. Sogar ihre Mutter begegnete ihr kaum noch, weder auf der anderen Straßenseite noch hinter den Scheiben einer U-Bahn.

An einem dieser Abende hatte sie ihn kennengelernt, David. Gutaussehend, erfolgreich. Unternehmensberater. Zuerst dachte Miriam, sie sei für ihn nur ein Spielzeug, Abenteuerfrau für eine Nacht.  Sie,  die Verrückte, die Verkäuferin in einem großen Modehaus.  Normalerweise begegnete sie Männern wie David ausschließlich an ihrem Arbeitsplatz, wenn sie in Begleitung einer wunderschönen Frau in ihre Abteilung kamen. Sie schauten dann mehr oder weniger gelangweilt auf die Displays ihrer Smartphones,  während Miriam den Damen die neueste und teuerste Kollektion schmackhaft zu machen versuchte.  Sie war gut im Umgang mit der Jeunesse Dorée – und für einen fünfstelligen Umsatz. Nach ein, zwei Stunden Modeberatung landete unweigerlich die Kreditkarte des Begleiters im Kartenleser.

Eigentlich hätte Miriam es ahnen müssen,  aber die Psychopharmaka in Kombination mit dem Alkohol hatten sie im wahrsten Sinne des Wortes leichtsinnig gemacht.  Leicht und sinnig. Sinnlich. Die auf die erste Begegnung mit David folgenden Wochen waren die schönsten ihres Lebens.  Und nun das. Ungläubig sah sie noch mal auf die SMS. Zum hundertsten Mal. Mit einer SMS abgefertigt.  Verlassen. Weggeworfen.  So, wie ihre Mutter sie damals in einem Einkaufszentrum zurück gelassen hatte. Einfach so. Und danach jeden Kontakt zu ihr vermieden hatte.  Bis heute. Sie nahm all ihren Mut zusammen und bat David telefonisch um eine letzte Aussprache, bei ihm, in der noblen Minervastr 89a. Er, offenbar irgendwie geschmeichelt durch ihre Anhänglichkeit, sagte ja.
Auf dem Weg zum Aufzug sah Miriam plötzlich ihre Mutter. Sie ging Richtung Ausgang, und als Miriam sie rief, rannte sie schnell zur Tür und löste sich auf. Eine Fata Morgana.

Die Aussprache endete im Bett. Miriam verabschiedete sich für immer von David und verließ die Minervastraße. David begab sich,  nur in Unterhose, auf seinen Balkon, um eine Zigarette danach zu rauchen.  Eiskalt, heute! Minus 10. Brrrrrr.

Von unten schaute Miriam hinauf. Neben ihm sah sie wieder ihre Mutter. Ebenfalls rauchend. Wie war sie nur raufgekommen. Egal – zwei Fliegen mit einer Klappe!

David ließ sich Zeit mit der Zigarette. ihm blieben von 5 Minuten,  bevor die Programmierung in seinem Smart Home, die Rolläden vor dem Balkon bis zum nächsten Morgen herunter lassen würde. David spürte die Kälte nicht. Im Gegenteil. Ein wenig Abkühlung konnte nicht schaden nach diesem hitzigen Liebesakt. Plötzlich hörte er im Rücken das Geräusch des Rolladens. Er brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen,  was geschehen war. Und dann konnte er es nicht glauben.

Miriam,  dieses Miststück von einer durchgeknallten Verkäuferin. Sie musste die Zeitschaltuhr für die Rolläden in seinem Smart Home  verstellt haben, während er im Bad war. Unglücklicherweise waren die Nachbarn vom Balkon gegenüber grade auf den Malediven. Und lautes Schreien wurde in der Minervastraße  aus Prinzip überhört.

Adventskalender Minikrimi vom 10. Dezember 2018


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Heute wieder ein Schmankerl der besonderen Art: Ein Kurzkrimi meiner Autoren-Kollegin Heide-Marie Lauterer! Nicht nur für Vegetarier……Wohl bekomm’s. P.S. Ihr neuer Roman Das blaue Album ist jetzt erschienen und
beim Rungholt Verlag oder als E-Book erhältlich.
 

Wenn der Gang zum Metzger zum Survivaltraining wird

Der Metzger mit seinem wilden Blick und seinen wirren Haaren und den hochgekrempelten Ärmeln seiner blauweiß gestreiften Metzgerjacke – wenn es kalt ist, wird geschlachtet. Wir nehmen vom Schwein zwei Bratwürste und natürlich Senf aus Dijon. Die Würste gleichen seinen Fingern, lang, fest und grobgehackt.

Es sind die Finger, die den Bolzenschuss gelöst und das Messer an die Halsschlagader gesetzt haben. Der Metzger kennt hier jedes Schwein, er macht alles selbst, von Anfang an.

Er weiß wovon er spricht, wenn er uns einen schönen Nachmittag wünscht.

Adventskalender MiniKrimi vom 7. Dezember 2018


Noblesse oblige…..

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Was halten Sie von Hunden in der Stadt? Die Meinungen gehen da ja weit auseinander, von „geht gar nicht“ über „Hunde sind Umweltsünder“ bis hin zu „Hunde sind gut gegen Einsamkeit und deshalb in Single-Metropolen überlebenswichtig.“

Corinna hatte eigentlich weder eine Beziehung noch eine Meinung zu Hunden. Bis sie in die Minervrastraße zog. Die geräumige Erdgeschosswohnung kaufte sie sich vom Geld ihres Mannes, der mit einer blonden Weißrussin auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Und kaum war sie eingezogen, holte sie sich vom restlichen Geld zwei preisgekrönte chinesische Schopfhunde als Grundstein für ihr Hundezucht: Minervas Heart Saver.

Nun  sind chinesische Schopfhunde zwar klein, äußerst liebevoll und von Natur aus erstmal nicht aggressiv.  Dennoch sind sie, zumal im Wurf, leb- und stimmhaft. Schon begann sich Widerstand gegen Corinnas Hundezucht zu formieren. „Hunde gehören auf dem Land gezüchtet, nicht in einer Wohnsiedlung. Nicht in einer exklusiven, und schon gar nicht bei uns.“ „Die armen Hunde, ständig eingesperrt.“ „Der Garten sieht aus wie eine Festung. Das schadet der Wohnqualität.“ Doch dann stellten sich die ersten Interessenten für die Welpen ein, und plötzlich war alles anders. „Hast Du die gesehen? Das war doch die Frau Glas!“ „Gestern habe ich einen aus einer Stretch-Limo aussteigen sehen, der sah genauso aus wie David Garret.“ Aber den Vogel schoss der Besuch eines TV-bekannten Designers mit Vornamen Guido ab. „Obwohl der doch eigentlich auf Windhunde steht..?“

Seitdem wurde Corinnas Hundezucht in der Minervastraße gelitten. Nicht zuletzt, weil die Züchterin es so einzurichten verstand, dass die Bewohner*innen des öfteren die Möglichkeit zu einem Selfie mit einem A-, B- oder C-Promi hatten,

Kurz – Die Welpen von Minervas Heart Saver boomten. Regenbogenpresse und Privatsender berichteten über die Wunderhunde, die ganz besonders schön und stark waren. Auf die Frage, wie ihr das gelinge, antwortete Corinna nur geheimnisvoll: „ich barfe.“

Eines Tages jedoch zog ein neuer Mieter in die Minervastraße. Und der schien ein großes Problem mit der Hundezucht zu haben. Er warf Corinna im Vorbeigehen böse Blicke zu, und schließlich gestand sie ihrer größten Bewunderin und besten Freundin Anita: „Der Kerl macht mir Angst. Mit diesen tätowierten Muskelpaketen und der Glatze sieht er absolut gewaltbereit aus. Ich glaube, ich muss meine Hunde trainieren, mich zu verteidigen.“ Dabei kicherte sie, verständlicherweise.

Und dann geschah es. Mitten in der Nacht wurden die Bewohner*innen der Siedlung an der Minervastraße von hektischem Hundegebell geweckt. Schrill und aufgeregt. Doch als reihum Licht aus den Fenstern auf den Rasen floss, war nichts mehr zu sehen. Und die Bewohner*innen legten sich zu Bett, manche mit dem festen Vorsatz, Corinna morgen zur Rede zu stellen.

Aber dazu kam es nicht. Denn schon um neun stand Anita am mit Kletterrosen umrankten Müllhäuschen und erzählte jedem, der es hören wollte, dass „die Glatze“ gestern Nacht Corinna bei ihrem Gassigang aus dem Hinterhalt angegriffen habe. Nur dank des heldenhaften Eingreifens ihres Zuchtrüden Apollo sei ihr die Flucht gelungen. „Natürlich lässt sie das nicht auf sich sitzen. Sie hat schon um sieben mit dem Schröder telefoniert, der kümmert sich persönlich drum.“ Ehrfurchtsvolles Schweigen. Die Tochter des Landesvaters hatte  kürzlich erst einen allergiefreundlichen Welpen von Corinna erhalten. Scheinbar hatte „die Glatze“ Wind von ihren Absichten bekommen, denn von Stund an war er wie vom Erdboden verschwunden, und auch eine groß angelegte Polizeirazzia brachte ihn nicht zum Vorschein.

Bei der nächsten Ausstellung machte Zuchtrüde Apollo den ersten Preis. Einen so starken, gut genährten Rüden, so die Juroren, hätten sie noch nie gesehen. Wie ihr das gelungen sei, fragten sie Corinna. Aber sie antwortete nur lächelnd: „ich barfe.“

N.B.
Wer weiß, wie lange die Minervastraße noch ein Treffpunkt der reichen und schönen Hundefreunde geblieben wäre. Leider kam eines Tages der Lebensgefährte der „Glatze“ zu Corinna. Mit Beweisen, dass sie sowohl ihren Mann als auch seinen Geliebten erschlagen und zu Hundefutter verarbeitet habe, als dieser versuchte, sie mit dem Wissen über ihre Tat zu erpressen. Sein Partner nahm einen erneuten Anlauf – mit einem abgerichteten Dobermann im Schlepptau, der Corinna und ihren Apollo zähnefletschend anknurrte. Am nächsten Tag ließen Corinna und ihre beiden chinesischen Schopfhunde die Minervastraße hinter sich. Seitdem dürfen dort nur noch Goldfische gehalten werden. Und Katzen.

Heilt Zeit Wunden?


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Die Zeit heilt keine Wunden. Mit der Zeit verschorfen sie, verheilen, vernarben. Was aber löst den Heilungsprozess aus? Was fördert ihn?

In den ersten Wochen und Monaten nach dem Tod meiner Mutter konnte ich unsere gemeinsamen Spazierwege nicht gehen, ohne dass mir nach wenigen Schritten die Tränen in die Augen schossen. Wege, Wiesen, Bäume verschwammen zum immer gleichen Bild schmerzhafter Erinnerung, und ich sah sie neben mir gehen, resolut, dann zögernd, schließlich ängstlich. Ich hörte ihre Stimme, immer fest und jugendlich. „Nur so eine kleine Runde?“, „Wie viele Kilometer noch?“, schließlich nur noch „ich habe Angst, ich will nicht gehen.“ In diesen Monaten habe ich verstanden, was es heißt, wenn dir das Herz blutet.

Ich suchte andere Wege, solche, die ich nie mit ihr gewandert war. Die Hunden dankten es mir, und wir liefen spielten rannten ohne Schattenbilder.

Doch dann kamen wir nach Hause. Wo sie auf uns wartete. Ich spürte ihre unsichtbare Nähe, hinter mir auf dem Sofa, wenn ich am Schreibtisch saß. Sah sie die Treppe hinunter huschen, lautlos. Manchmal vergrub ich meine Nase in dem Tigerpulli mit den rosa Ohren an der Kapuze, in dem sie gestorben war. Ahnte ihren leichten Duft, der lange verflogen war.

Das Weinen überkam mich immer plötzlich, schüttelte mich mit harter Hand und ließ mich nach ein paar Minuten zurück, erschöpft und atemlos. Es waren diese Momente, in denen sie mir nahe kam, irgendwann. Mit vergessenen Zitaten, so sehr sie, so, wie sie in den letzten Jahren nicht mehr war. Mit ihrer Stimme und, ja, mit einer zärtlichen Berührung. Begegnungen zwischen den Welten, Wundenbalsam.

Und dann natürlich die Landmarken. Alles zum ersten Mal ohne sie. Es lebt sich näher am Horizont, als Vollwaise. Plötzlich ist die Endlichkeit keine mathematische Tatsache mehr, sondern eine Angst, und zwischen dir und dem Treibsand der Welt steht keine Wand mehr, kein Schutz. Meine Mutter schenkte mir eine Schneekugel. Kurz nach ihrem Tod lief das Wasser aus, und der Engel darin steht nun nackt auf dem Boden. So habe ich mich gefühlt, am ersten Advent. Beim Schmücken des Christbaums. Beim Decken der Tafel am Heiligen Abend. Beim „O du Fröhliche“ in der Christmette.

Immer wieder begegnete ich meiner Mutter im Traum. Immer lebte sie – immer war sie viel pflegebedürftiger, hilfloser, unglücklicher als bis zu ihrem Tod.

Am schlimmsten waren die Rauhnächte bis zum 1. Januar. Ich halte nichts von Orakeln und 12 sich öffnenden Monatstüren, nicht von offenen Zeiten. Aber ich bin dünnhäutig genug, um zu spüren, dass die sichtbare greifbare Welt durchlässiger ist für vieles, das um uns herum existieren mag, auch, wenn wir es im Alltag nicht wahrnehmen – oder wahrnehmen wollen. Ich schlief unruhig und angstvoll, im Halbschlaf eingehüllt von düsteren Nebeln.

In einer dieser traumwachen Nächte saß meine Mutter neben mir auf der Bettkante, schaute mit intensiv an und fragte – ich weiß nicht, ob wehmütig – „Ich bin wirklich tot, oder?“. Und ich antwortete: „Ja, Mammina.“

Im neuen Jahr sind die Nebel verflogen. Frischer Mut breitet sich aus, in mir. Ich gehe die altvertrauten Wege. Allein mit den Hunden. Dort drüben auf der Bank an der Schlossmauer saß meine Mutter und wartete ungeduldig, während ich die Tiere zumindest ein paar Runden rennen ließ. Heute springen die Hunde kreuz und quer über die Wiese, graben nach Mäusen und jagen sich gegenseitig. Ich schaue nach rechts zur verwaisten Bank. Da sitzt sie, Entspannt. Und lächelt zu mir herüber.

Und statt bitterer Tränen steigt Freude in mir auf, und ich lächle zurück.

Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Aber mit der Zeit werden die Narben ein Teil von mir, der bereichert und immer weniger brennt.

Trotzdem: „Du fehlst“.

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