„Ein bisschen Frieden“


Ihr lieben Alle, die ihr in München und Umgebung wohnt: Hier kommt ein echtes Sommerschmankerl für euch:

Am kommenden Sonntag, 5.7.2026, um 19 Uhr lese ich in der Magdalenenkirche in 80997 München meinen absolut tippfrischen Sommerkrimi „Ein bisschen Frieden“. Und damit ich vom Dauerlesen nicht heiser werde, gibt es zwischendrin wunderschöne, tolle, coole (ihr sucht euch euer Lieblingsadjektiv aus, gell?) Musik von und mit den ukrainisch-stämmigen Musiker*innen Julia Korzh und Alexander Vynograd.

Kostprobe gefällig? Et voilà:

Ein bisschen Frieden

„Schreiben Sie was über Frieden, Moser. Die Leute wollen im Sommer nichts über Krisen lesen.” Hohlmeier, seines Zeichens Chefradakteur des Irsinger Anzeigers, schob den breiten, in der engen schwarzen Jeans weniger als notdürftig bedeckten Hintern von Nadjas Schreibtisch. Hohlmeier. Nomen es Omen, dachte Nadja. Und dann: typisch Boomer. Denkt, schwarze Klamotten wären die Brutstätten von Kunst und Kreativität. Wobei ihm beides fehlte.

Nadja, in weiten Hosen, Birkenstocks und bunten Motto-T-Shirts so ziemlich das genaue Gegenteil von Hohlmeier, ist „die Neue“ im kleinen Redaktionsteam des Lokalblättchens, das sich seit Jahren heldenhaft dagegen wehrt, vom großen Doppel M geschluckt zu werden. Entsprechend niedrig liegt die Latte für ihre redaktionellen Aufträge. Wenn der Chef wollte, dass sie „was über Frieden“ schreiben sollte, dass musste das so sein.

Obwohl Nadja das Thema furchtbar findet. Abgedroschen, in einem See rührseliger Klischees ersoffen – und absolut unpassend für Irsing.

Frieden? Echt jetzt? In dem Marktflecken streitet die Hälfte der knapp 5000 Einwohner seit zwanzig Jahren über einen Thujazaun am Gemeindezentrum, während die andere die Pläne für den neuen Maibaum so lange diskutiert, bis es dafür regelmäßig zu spät war, weshalb sie immer noch um den alten, schiefen verwitterten tanzen, am 1. Mai.  Der Gemeinderat zerlegt sich bei jeder Sitzung selbst, das weiß Nadja aus erster Hand, weil sie nämlich schon so manchen schier endlosen Abend lang als Lokalreporterin dabeisitzen und viel Kaffee trinken musste, um nicht einzuschlafen. Sogar auf dem Friedhof gibt es keine Frieden, denn immer wieder werden dort Plastikblumen geklaut. (Ein echte Idylle. Sowas gibt’s bei uns natürlich nicht!)

Der Friedhof! Ein Hof des Friedens. Und vielleicht ja ein ganz interessanter, weil unerwarteter Aufhänger für diese alberne Sommer-Friedens-Geschichte. „Alles klar. Da fange ich an“, dachte Nadja. Am Ende gab es da ja wirklich allerhand friedliches zu entdecken. Und im besten Fall auch noch das eine oder andere skurrile Detail, um der Story Würze zu verleihen. Nadja liebt unerwartete Wendungen in ihren Artikeln. Und die Leserinnen und Leser auch. Das haben die in der Redaktion schon bemerkt. Sonst wäre es Hohlmeier gar nicht erst eingefallen, sie auf den Saure-Gurken-Quotenretter anzusetzen.

Gesagt, getan. Oder, wie die Gen Z, zu der Nadja gehört, sagen würde: „Bet“.

Es ist ein warmer Montagmorgen wie aus dem Bilderbuch – oder einem bayerischen Hochglanzprospekt. Irsing ist stolz darauf, eine Touristenattraktion zu sein. Jetzt keine spektakuläre wie Schloss Neuschwanstein, Starnberg oder Oberammergau. Aber geh – wer will da heute noch hin, also außer Chinesen, Millionäre in Ausbildung und Wallfahrer. Respektive. Irsing hat eine schöne Bergkulisse, eingebettet in einen oft blauen Himmel mit Obers-Tupfen, es hat verschlungene Gassen und Häuschen mit Lüftlmalerei und zugigen Fensterläden. Es hat einen Konsum, einen Brunnen, ein Herrenhaus und eine Kirche. Letztere liegt auf einem grünen Hügel inmitten eines Friedhofs, wie geschaffen als Kulisse für einen Regiokrimi à la Leberkäs-Schmarrn. Oder so.

Am Ortsrand ist vor 40 Jahren eine Neubausiedlung entstanden, und direkt an der Ausfallstraße inzwischen auch ein Industriegebiet, komplett mit Sägewerk, Discountern und einem Hobbymarkt. Ja, dort hat sich sogar ein modernes Bestattungsinstitut niedergelassen, mit den irrwitzigsten Mod Cons für eine hippe Beerdigung und die standesgemäße Trauer danach.

Wie? Ich schweife ab? Nein, nein. Ihr werdet schon sehen.

Mit einem echten Fotoapparat um den Hals und ihrem Notizbuch in der Tasche betritt Nadja den Kirchhof. Denn darum handelt es sich hier ganz eindeutig. Wie ein grüner Ring mit großen Grauen Tupfen schmiegt er sich um die Kirche. Aus der Vogelperspektive sieht das ganz besonders malerisch aus.  Nicht, dass Nadja schon mal einen Ballon-, Paraglider- oder Segelflug über Irsing gemacht hätte. Aber die Redaktion hat – natürlich aus Recherchegründen – eine Drohne gekauft. Ein sehr nützliches Gerät (ihr werden schon sehen).

Das Eisentor ist an einigen Stellen verrostet, der Hebel widersetzt sich beim Runterdrücken, und wie üblich schwingt das Tor nicht ins Schloss zurück, sondern bleibt einen Spaltbreit offen. Groß genug für eine Maus, eine Katze im Jagdfieber oder eine fluchtbereite Seele. „So ein Schmarrn“, schimpft Nadja sich selbst. „Noch kaum richtig drinnen, und schon fängt deine Fantasie an zu spinnen.“

Sie schlendert den schmalen Kiesweg entlang, jetzt wieder ganz im Reportermodus. Die Grabsteine hier am Anfang sind alt, viele moosbewachsen, mit Efeu umkränzt und verwittert, die Gräber verwildert. Von den Menschen, die hier vor über hundert Jahren beerdigt wurden, ist sicher nichts mehr übrig als die Inschrift.

Die Grabgeschichten

Anna S. aus Ostpreußen

An einem Grab bleibt Nadja stehen. Es ist verwahrlost wie die meisten Gräber, aber am Grabstein schmiegt sich eine Kletterrose empor. Ihr knorriger Stamm hat nur eine Blüte hervorgebracht, ein dunkler Blutstropfen am grauen Stein. Nadja bückt sich, um die Zeilen zu lesen, die ihr klar und entgegenleuchten. Fast so, als ob jemand sie liebevoll gereinigt hätte, damit die Tote nicht vergessen wird.

Hier ruht Anna S.

geb. 1898 – gest. 1923

Ein stilles Leben, in fremden Häusern verbracht,
ein junges Herz, im Schmerz der Stunde gebrochen.
Hier ruht sie, namenlos im Urteil der Zeit,
doch nicht vergessen vor Gott.

…Und von jemand anderem. Jemandem, der die Buchstaben vom Schmutz befreit, damit die Erinnerung an sie und an ihr Schicksal lebendig bleibt. Auch nach über 100 Jahren.  „Im Schmerz der Stunde gebrochen“. Was konnte das Herz einer jungen Frau damals brechen? Im Schmerz. In einer Stunde?

(….)

Na, wollt ihr wissen, wie’s weitergeht? Welche mörderischen Geheimnisse Nadja auf dem Friedhof sonst noch entdeckt? Wie sie zu einem Diamanten kommt? Und in welchen echten Krimi sie dort hineingezogen wird?

Am Sonntagabend erfahrt ihr es.

Bis dahin….. habt eine friedliche Zeit 🙂

MiniKrimi REIN FIKTIV

Kapelle auf einer Bergspitze

Manchmal, liebe Freund*innen, holt die Realität sogar die kühnsten Krimiideen ein. Ich hoffe, dass das mit diesem MinKrimi nicht passiert. Allerdings – der „2. Akt“ wurde schon eingeläutet. Hoffentlich irre ich mich mit meinem fiktiven Krimiszenario beim 3. und letzten.

Margit

Sie hatte alles von langer Hand vorbereitet. Die Akteure waren gebrieft und ihren Anstrengungen entsprechend bezahlt worden. Aber als es soweit war, zögerte Margit den Anruf, der alles ins Rollen bringen würde, hinaus. Sie hatte schlecht geschlafen. Das war völlig untypisch für die Frau, die auch mit Ende 40 noch nicht so ganz in den Wechseljahren war und sich bester Gesundheit und eines idealen Schlafrhythmus erfreute. Immer wieder war sie aufgewacht, mit schweißfeuchtem Haar, und hatte verstohlen auf ihren Gatten – Margit sagte nie, auch nicht im Freundeskreis, „mein Mann“, sondern sprach immer mit leisem respektvollem Lächeln von „meinem Gatten“ – geschaut, der neben ihr den tiefen Schlaf des Gerechten schlummerte. Aber wie lange noch? Und woher nahm er dafür nur die Ruhe?

Um elf konnte Margit das Telefonat nicht mehr aufschieben, sonst wäre es zu spät für die nächste Ausgabe. Sie zog sich an, Joggingklamotten nebst Beseballkappe,  und ging in die letzte im Ort verbliebene Telefonzelle.

„Hallo? Ja, ich bin’s. Also, es geht los. Ist das ok für dich? Naja, du riskierst ja nichts außer Ruhm – und einem netten Extraurlaub von meinem Geld.“

Margit legt auf und joggte nach Hause. Sie atmete schwer. „Reiß dich zusammen, um Himmels willen. Jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Jetzt gibt es kein Zurück.,“ sagte sie sich.

Als am Abend ihr Mann anrief und kurz angebunden mitteilte, die Sitzung hätte länger gedauert und er werde in München übernachten, sagte sie nur: „Jaja.“ Und dachte: Genieß deine Freiheiten ruhig noch ein Weilchen. Ab morgen weht ein anderer Wind. Und ich bezweifle, dass deine Viola oder Susi oder wie deine aktuellen „Sitzung“ auch immer heißt einem Mann mit deiner Vergangenheit nochmal dir Tür aufmachen wird.

Dann passierte alles noch schneller, als Margit dies erwartet hatte. Um Mitternacht rief Gregor, der beste Freund und Anwalt ihres Mannes, auf dem Festnetz an. „Margit, ich kann Max nicht erreichen“ (kein Wunder, dachte sie). Ich muss ihn unbedingt sprechen. In der Bayerischen Zeitung von morgen steht ein fataler Artikel über ihn!“ Margit musste sich auf die Zunge beißen, um nicht gelangweilt zu sagen „ich weiß, ich weiß.“ Stattdessen antwortete sie gewissenhaft: „Er ist in München geblieben. Lange Sitzung, wieder mal. Da hat er sein Handy immer aus. Er wird es morgen schon mitkriegen.“  Und in letzter Sekunde fiel ihr ein, dass sie fragen musste: „worum geht es denn?“ Aber da wurde Gregor einsilbig, meinte, das würde sie schon früh genug erfahren, und am besten von Max selbst. Und legte auf. Ohne ihre eine „gute Nacht“ zu wünschen.

Doch erstaunlicherweise – oder auch nicht – schlief Margit den Rest der Nacht tief und fest. Es stimmte offenbar: Rache ist Gericht, das am besten kalt serviert wird.

Letztendlich, sagte sich Margit am Morgen, als das Radio sie mit der Nachricht weckte, ein hochrangiger bayerischer Staatsbediensteter sei in eine Affäre um ein antisemitische Flugblatt verwickelt, letztendlich hatte Max sich das alles selbst zuzuschreiben. Warum lässt er auch dieses jahrzehntealte Schmierblatt auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch liegen? Er konnte eigentlich nur von Glück sagen, dass sie, Margit, es gefunden hat und nicht die Putzfrau. Warum hatte er es überhaupt so lange aufgehoben? Es war ja wirklich widerlich. Wenn sie bis jetzt außer seinen ständigen Eskapaden mit jungen Dingern, seiner Knauserigkeit und der Angewohnheit, sie vor gemeinsamen Freunden lächerliche zu machen, keinen Grund gehabt hätte, Max zu hassen – dieses Flugblatt hätte ihr einen triftigen gegeben.

Margits Eltern waren stockkonservative Bayern, die ihr Leben lang nichts außer der CSU gewählt hatten. Aber nie hatte es daheim ein judenfeindliches Wort gegeben. Und auch gegenüber „all den Ausländern“ war man in Margits Familie sehr tolerant. „Irgendjemand muss doch die ganze Arbeit machen, auf die die Leute hier keine Lust mehr haben – inklusive deines Mannes“, sagte ihre Vater immer mal wieder mit einem nur halb amüsierten Schmunzeln.

Dass Max als junger Jurastudent offenbar ein antisemitisches Pamphlet verfasst hatte, verwunderte Margit aber im Grunde nicht. Er war schon immer sehr „rechts“ gewesen, und diese Haltung hatte sich in den letzten Jahren verstärkt – oder er trug sie einfach offener zur Schau. Gerade vor ein paar Tagen hatte er bei einem der seltenen gemeinsamen Abendessen gesagt, dass es ihn nicht wundern würde, wenn bei den nächsten Wahlen eine Partei von ganz rechts außen viele Stimmen bekäme. „Das müssen wir unbedingt verhindern.“ Margit war sich nicht sicher, ob er die Stimmengewinne der Ultrarechten aus demokratischen Gründen fürchtete, oder ob er ganz einfach Angst um sein Mandat hatte.

Egal. Dazu würde es jetzt nicht mehr kommen. Ein Anruf bei einem alten Freund und immer noch Verehrer – ja, andere Männer erkannten durchaus, dass Margit auch mit Ende Vierzig noch eine schöne Frau war. Ein Anruf bei Walter also, ein kurzes, heimliches Treffen – und das Pamphlet stand heute in der Zeitung.

Den weiteren Verlauf kennt Ihr wahrscheinlich aus einem aktuellen Fall – mit dem diese Story hier natürlich ausschließlich zufällige Ähnlichkeiten hat. Aber meine Geschichte endet leider anders. Und tragisch. Sehr tragisch.

Denn Max wehrte sich seiner Haut. Und das sehr erfolgreich. Zunächst mit Dementis, dann mit alternativen Szenarien. Ein Studienkollege hätte die Schrift verfasst, im Rahmen eines Theaterstücks. Dort sollte es verlesen werden. Er habe es aus Sentimentalität aufbewahrt, weil er in die Hauptdarstellerin verliebt gewesen sei. Leider sei das Stück dann nicht zur Aufführung gelangt. Nein, er habe seitdem keinen Kontakt mehr zu den anderen gehabt. Und nein, er würde ganz sicher keine Namen nennen. Er sei immerhin kein Denunziant!

Zunächst lief alles so, wie Margit es sich vorgestellt hatte. In den Medien wurde Max verrissen, es tauchten sogar Menschen aus seiner Vergangenheit auf, die sich daran erinnern konnten, dass er öffentlich antisemitische Sprüche geklopft oder sich sogar wie Hitler gekleidet hatte. Das, soviel wusste Margit, war jedenfalls erlogen!

Die Opposition forderte seinen Rücktritt, der Regierungschef persönlich lud ihn vor. Margit suchte in Prospekten schon nach einem netten, nicht zu noblen Ressort ganz weit weg, wo Max und sie sich von dieser Hölle erholen konnten. Ja, denn sie wollte ihrem Gatten und ihrer Ehe noch eine allerletzte Chance geben. Wenn Max aus tiefstem Herzen bereuen und versprechen würde, fortan wieder für sie da zu sein und sie liebevoll zu behandeln, nun ja, dann würde sie es noch einmal mit ihm versuchen.

Doch dazu kam es nicht.

Zunächst geschah etwas – für Margit – völlig Unerwartetes. Die Regierung ließ Max nicht fallen. Sie rügte ihn zwar, und er musste zu Kreuze kriechen, was er aber nur sehr angedeutet tat. Auch seine Partei stellt sich demonstrativ hinter ihn. Denn – Umfragen in der Bevölkerung hatten gezeigt, dass Max mitnichten zu einer Persona non grata geworden war, sondern vielmehr zu einer Art Held. Märtyrer für die einen, Mann der klaren Worte und hammerharten Überzeugungen für die anderen. Und so einen, da waren sich Regierung und Parteikollegen einig, musste man natürlich behalten. Zumindest bis nach der Wahl.

So kam es, wie es die demoskopischen Institute vorhergesagt hatten: Max‘ Partei erzielte dank einer außerordentlich großen Anzahl von Stimmen aus dem ultrarechten Lager ein sensationelles Ergebnis. Er selbst schwamm auf der Höhe seines Erfolges in Richtung des allerhöchsten Amtes im Lande.

Vor den Regierungsverhandlungen gönnte Max sich eine Woche in Südtirol. Mit Margit und ganz viel Presse. Kurz vor ihrer Abreise gelang es den beiden, den Paparazzi zu entkommen. Auf dem einsamen Steig hinauf zur alten Kapelle hoch über dem Tal, vor der Max ihr vor 30 Jahren den Heiratsantrag gemacht hatte, blieb er stehen und nahm seine Frau in die Arme. „Danke,“ flüsterte er heiser. „Danke, dass du genauso reagiert hast, wie ich es von dir erwartet hatte. Ich wusste, du würdest das Flugblatt aufheben. Und es Walter geben. Ich kenne dich eben in- und auswendig. Danke. Ohne dich hätte ich vielleicht die Wahl verloren. Und mit ihr die Aussicht auf ein fantastisches neues Leben. Schade, dass du es nicht mit mir teilen wirst. Aber – ich kenne dich halt zu gut. Deshalb weiß ich auch, dass du nicht die richtigen Schuhe für diesen Spaziergang trägst. Das ist hier in den Bergen lebensgefährlich!“

Margit versuchte noch, sich am Arm ihres Gatten festzukrallen. Vergeblich. Wenig später kauerte dieser, ebenfalls, wenn auch nur psychisch, offensichtlich am Boden zerstört, neben seiner toten Gattin.

Seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik tat auch dieser plötzliche Unfall keinen Abbruch. Im Gegenteil.