Adventskalender MiniKrimi vom 5. Dezember 2018


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Heute gibt es einen ganz besonderen Leckerbissen, meine Lieben! Einen Gastkrimi meiner lieben Autorenkollegin Carola Christiansen. Sie ist Präsidentin der Mörderischen Schwestern. Viel Vergnügen beim Lesen!

Die Wohnung 

Sie saß auf dem Sofa, die Füße exakt parallel nebeneinander auf der Auslegware, die Knie fest zusammengedrückt. Ihre Stricknadeln flogen. Sie erzeugten ein unablässiges leises Klicken.

Er saß bewegungslos auf dem Sessel. Die Zeitung hatte er sinken lassen. Sein Gesicht war zu einer missmutigen Maske erstarrt. Die Augen funkelten bösartig darin. Das Geräusch ihrer Stricknadeln machte ihn wahnsinnig. Er musste an Loriot und die Geschichte mit dem Frühstücksei denken. Ein einziger Satz hatte sich ihm eingeprägt, und er wiederholte ihn wie ein Mantra: Irgendwann bringe ich sie um…. Er knüllte den Zettel in seiner Faust zusammen.

Während die Wolle sich zwischen ihren Händen zu einer Socke verformte, dachte sie daran, dass sie in einer Woche ihren 60. Hochzeitstag feiern würden. 60 Jahre mit diesem bornierten Scheusal! Hoppla, jetzt hatte sie die Farben falsch aufgenommen! Sie trennte die letzten Reihen auf. Warum hatte sie es nicht geschafft, sich zu trennen? Sinnlose Fragen: Warum? Wieso? Weshalb? Sie dachte an den Zettel in ihrem Ärmel und seufzte.

Die junge Frau legte eine Hand auf ihren nicht mehr ganz so flachen Bauch. Noch gut fünf Monate, dann war es soweit! Gnädig ertrug sie seine Zärtlichkeiten. Obwohl sie langsam ungeduldig wurde. Er hatte den Kopf an ihrer Brust vergraben und streichelte ihr Gesicht. Sie seufzte und sah auf die Designer-Wohnzimmeruhr. Dazu musste sie ihre Position auf dem Sofa etwas verlagern. Die Hand auf ihrer Wange hielt in der Bewegung inne. Er hob den Kopf, suchte ihren Blick. Sie verzog das Gesicht zu einem beruhigenden Lächeln und drückte seinen Kopf zurück. Sie hatten noch Zeit.

Ihre Gedanken begannen zu wandern. Spätestens von dem Augenblick an, als sie die beiden Alten in ihrer Wunschwohnung in der Minervastraße aufgesucht hatten, war klar gewesen, dass die nicht so bald und schon gar nicht freiwillig ausziehen würden. Sie seufzte. Es war einfach nicht fair! Diese Wohnraumsituation! Da waren sie, ein erfolgreiches Paar! Er ein gefragter Webdesigner, sie eine Bloggerin mit mehreren Tausend Followern. Und was nützte ihnen das? Sie erwarteten Nachwuchs und würden schon bald eine größere Wohnung brauchen! Wie sollten sie die finden? Ein Leben außerhalb der Großstadt kam für sie nicht infrage. Wie sollte sie den nagelneuen Porsche-Kinderwagen über unbefestigte Dorfstraßen zerren? Und, schlimmer noch, wer würde sie sehen? Sie würde zwischen schmutzigen Windeln und Babybreis zugrunde gehen – und niemand würde es auch nur bemerken!

Nein, redete sie sich ein, es war völlig in Ordnung, dem Tod ein wenig auf die Sprünge zu helfen! Letztendlich – was hatte man mit über 80 schon noch von seinem Leben? Warum konnten diese störrischen Alten es nicht einsehen und endlich abkratzen?! Wenn sie schon nicht ausziehen wollten!

Blaulicht verzerrte die Nacht. Ein altes Ehepaar lag zerschmettert auf dem Boden vor dem Mietshaus.

Mindestens ebenso rätselhaft allerdings war der Tod des jungen Ehepaares, das als Nachmieter in die Wohnung der alten Herrschaften gezogen war. Wie sich später herausstellte, hatten sie vergifteten Champagner getrunken. Die junge Frau lebte noch, war allerdings ins Koma gefallen. Fünf Monate und vier Tage später, wurde sie von einem gesunden Kind entbunden. Danach wurden ihre lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet.

Das Ehepaar fasste sich an den Händen. Sie hielt behutsam das Bündel mit dem winzigen Säugling. Die Adoption war nicht ganz einfach gewesen, da sie beide schon fast 40 Jahre alt waren. Aber wichtig war nur, dass es geklappt hatte!

Und dann war auch noch, völlig überraschend, diese Wohnung frei geworden….

Adventskalender MiniKrimi vom 4. Dezember 2018


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Tödliche Arien

Die Minervastraße liegt in einer Neubausiedlung am südlichen Stadtrand von München. Eine ruhige Gegend. Ein paar Familien mit Kindern, nicht zu viele, dazu sind die Wohnungen hier zu teuer. Ein idealer Rückzugsort für Rentnerinnen, wie Barbara.

Sie hat eine 2- Zimmer-Wohnung im vierten Stock. Das schönste an ihrer Wohnung ist der Balkon. Barbara hat ihn mit einer üppigen Vielfalt exotischer Büsche und Bäume in eine zauberhafte Oase verwandelt, die ein wenig an den verwunschenen Wald in der Zauberflöte erinnert. Tatsächlich hat Barbara ihren Beauceron Papageno genannt. Die beiden verbringen viel Zeit in dieser grünen Kulisse. Dann singt Barbara das Papageno-Lied, oder die Arie der Königin der Nacht. Der Beauceron liegt ihr zu Füßen, still wie der erlegte Lindwurm.

Die Oper ist Barbaras Leben. 40 Jahre hat sie dort verbracht, alle bedeutenden Aufführungen mit gemacht, von der Zauberflöte über Don Giovanni bis zu Carmen, Aida und dem Fliegenden Holländer. Sie kann sie alle auswendig, die unsterblichen Melodien. Champagnerarie, Habanera, Nessun dorma. Sie hat sie alle mitgesungen, auf ihrem Hocker in der Garderobe. 

Jetzt betritt die pensionierte Garderobiere selbst die musikalische Bühne. Und singt und schmettert, wann immer ihr danach ist. Morgens, mittags, abends, ja sogar nachts. Ihr unfreiwilliges Publikum auf den umliegenden Rängen in der Minervastraße ist alles andere als begeistert. Nachdem entsprechende Anrufe, Briefe, ja sogar Steinwürfe nicht gefruchtet haben, überlegen sich die verzweifelten Hausfrauen der Siedlung eine wirksame Methode und beauftragen den Hausmeister mit der nachhaltigen Lösung des Problems. Belle erklärt ihm den Plan in allen Einzelheiten. Und verspricht ihm nach getaner Arbeit eine süße Belohnung. Fred, der seit ihrer ersten Begegnung im Müllhäuschen unsterblich in Belle verliebt ist, zögert nur unmerklich.

Am nächsten Abend klingelt er bei Barbara. „Die Nachbarn aus dem dritten Stock haben sich beschwert. Ihr Hund hat auf den Balkon gepinkelt, und der Urin ist runtergelaufen. Das ist ekelhaft.“ „Papageno „pinkelt“ nicht, auch nicht auf dem Balkon, und schon gar nicht so, dass es den Erbenbergers auf den tropft“, wehrt sich Barbara. „Kommen Sie, ich zeige es Ihnen,“ sagt Fred und geht durch’s Wohnzimmer auf Barbaras Balkon. Im Gänsemarsch folgen Barbara und Papageno. Der Beauceron wedelt aufgeregt mit dem Schwanz, es liegt was in der Luft, er spürt es.

„Hier“, Fred deutet nach unten. Barbara kann nichts erkennen. Fred beugt sich etwas über die Brüstung. „Sehen Sie? Nein? Warten Sie“; sagt er, zieht die mit grünem Brokat bezogene Gartenbank an die Brüstung und schiebt Olga hinauf. „Sehen Sie jetzt?“ „Nein!“ „Weiter unten,“ sagt Fred. Er klettert neben Olga auf die Bank und drückt sie über die Brüstung, immer stärker. „Nein!“, ruft sie wieder und dann: „Lassen Sie das! Fass! Fass! Fass!“ Barbara rudert mit den Armen. Aber bevor sie endgültig das Gleichgewicht verliert, lässt Fred sie plötzlich los. Papageno ist seiner Herrin zu Hilfe gekommen. 

Die Polizei kann nicht davon ausgehen, dass der Hund den Hausmeister gezielt umbringen wollte. Und die Nachbarn, die behaupten, ganz deutlich Barbaras Befehl „fass“ gehört zu haben, stehen mit ihrer Aussage allein gegen die Opernfreundin, die glaubhaft versichert, sie habe immer nur „lass“ gerufen. Wie in einem Rezitativ. 

Belle und die anderen haben keinen Einfluss auf das Opernprogramm dieses Abends: Barbara schmettert auf ihrem Balkon im schrägsten Sopran den Triumphmarsch. 

Adventskalender MiniKrimi vom 3. Dezember 2018


Fototapete

Jedem sein Päckchen

Paketzusteller bedienen Klingelbretter wie eine Klaviatur. Nicht nur in der Minervastraße 89, aber hier, in einem Hochhaus, haben sie natürlich eine besonders große Auswahl. Melitta Vukovic war es leid, immer wieder die Briefe und Päckchen für ihre Nachbarn anzunehmen. Aufgrund ihres Namens hielten die Fahrer sie vielleicht für die Hausmeisterin. Oder sie verständigten sich untereinander mit einem geheimen Nachrichtensystem und wussten deshalb alle, dass sie immer zu Hause war. Melitta litt an Agoraphobie. Sie war arbeitsunfähig und mit einer reißfesten Kette aus Ängsten an ihre vier Wände gekettet. Mit Fototapeten versuchte sie, sich in die Ferne zu träumen. Nach Hawai, in die Alpen, an die Chinesische Mauer. Das klappte aber nicht wirklich. 

Melitta hätte gerne auf ihre großzüge Witwenrente verzichtet, mit der sie sich locker eine Kreuzfahrt im Jahr hätte leisten können. Einmal auf der Bank auf dem Spielplatz im kleinen Park vor der Minervastraße zu sitzen, dafür würde sie alles geben. 

Stattdessen hockte sie tagein, tagaus in ihrer Wohnung im Erdgeschoss, und der einzige Kontakt mit der großen weiten Welt waren die Pakete, die sie entgegennahm.Flache Plastiktüten mit Kleidung, schwere Kartons vom Bücherversand, einmal war sogar ein ganzer Kratzbaum bei ihr abgegeben worden. Die Nachbarn bedankten sich mal verschämt, mal überschwänglich, die besonders originellen legten ihr eine Schachtel Merci auf die Fußmatte. Melitta hasste Schokolade.

Anfangs hatte sie versucht, einfach nicht aufzumachen. Aber das hatte sie nicht durchgehalten.  Dann war Tom Müller im achten Stock eingezogen. Schon am nächsten Tag kam das erste Päckchen für ihn an. Sie wunderte sich, dass er direkt nach dem Einzug – den sie durch das Küchenfenster beobachtet hatte – schon wieder unterwegs war. Aber sie nahm sein Päckchen an, als Einzugsgeschenk, sozusagen. Gegen zehn Uhr am gleichen Abend klingelte es bei Melitta Sturm. Sie hatte sich grade mit einem Cuba Libre vor ihre Hawai-Tapete gesetzt und wollte nicht aufmachen. Aber Tom Müller klingelte Sturm, riss ihr das Päckchen aus der Hand und knurrte: „Nächstes Mal tragen Sie’s mir rauf und legen es vor die Tür, klar?“ 

Nächstes  Mal, dachte Melitta, nehme ich das Päckchen nicht an. Aber dann tat sie es doch. Es kam jeden Mittwoch, nie stand ein Absender drauf, es war weich und geruchlos. Ja, Melitta schnüffelte tatsächlich daran. Denn natürlich war sie neugierig. Und jeden Mittwoch stand Müller vor ihrer Tür, riss ihr das Päckchen aus den Händen und stürmte damit in den Aufzug. Es war ein Ritual, ein Tanz, den die beiden führten. der junge Mann mit den tätowierten Armen und gepiercten Ohren und die alte Frau mit der Angst vor offenen Räumen. Er blaffte sie an, sie rümpfte die Nase. Dann, eines Mittwochabends, kam er nicht. Sie lauerte bis Mitternacht hinter der Eingangstür. Umsonst. Auch am nächsten Tag – Fehlanzeige. Drei Tage später erst klingelte es. Er hatte eine geschwollene Nase und blutunterlaufene Augen. „Besuch von den Bullen“, brummte er zur Erklärung und dann: „Gottseidank hast du mir das Zeug nicht raufgebracht, sonst säße ich jetzt im Knast. Aber warum nicht?“

Sie erklärte ihm die Sache mit der Agoraphobie. Er staunte. Dann riss er das Päckchen auf, gab ihr einen kleinen braunen Klumpen daraus und erklärte ihr, wie sie daraus Plätzchen backen sollte. „Erst essen, dann fliegen,“ sagte er und lachte. 

Seitdem genießt Melitta ihre Tage in der Minervastraße. Morgens überlegt sie sich, ob sie in die Berge oder ans Meer reisen will. Dann macht sie sich mit einer Tasse Tee und ihrem Plätzchenteller auf den Weg in ihre Traumwelt. Und jeden Mittwoch kommt Tom Müller und füllt ihren Proviant auf. Sie sollen auch schon mal gemeinsam geflogen sein……

Adventskalender MiniKrimi vom 2. Dezember 2018


Zu schön, um wahr zu sein

Zu schön, um wahr zu sein.

Die Balkone in der Minervastraße 89 sind einer der Gründe, warum die Wohnungen in dieser Neubausiedlung so unverschämt teuer sind. Man hat, vor allem ab dem 6. Stock, eine sensationelle Aussicht auf das Bergpanorama der bayerischen Alpen.

Ira, Filialleiterin eines renommierten Münchner Bankhauses, wohnte im dritten Stock. Aber seit einigen Wochen war auch ihre Aussicht einzigartig aufregend. Im Haus gegenüber waren auf der zweiten Etage neue Mieter eingezogen. Und statt in der Julisonne vor sich hin welkender Geranien war auf dem Balkon ein Bild von einem Mann zu sehen. Wirklich spektakulär. Ira gewöhnte sich an, den Nachbarbalkon aus dem Augenwinkel immer im Blick zu haben. 

Das Pärchen von gegenüber war sich offensichtlich nicht der Tatsache bewusst, dass es, umringt von Hochhäusern, quasi auf dem Präsentierteller saß. Das beobachtet man in der Stadt ja öfter. Ganz ungeniert turtelten die beiden an den heißen Sommerabenden, mal mehr, mal weniger angezogen, dort herum. Ira, die seit zwei Jahren keinen festen Freund mehr hatte. wurde beim Beobachten ganz heiß. 

Um die Details besser sehen zu können, kaufte sie sich ein neues Handy mit verschiedenen Objektiven und gab vor, die Vögel in den Bäumen auf dem Rasen vor den Häusern zu beobachten. Zwei Wochen später geschah es – die beiden Nachbarn begannen zu streiten. Imm häufiger und immer lauter. Der Mann lief dann in seiner Aufregung nackt auf den Balkon und zündete sich eine Zigarette an. Ina stockte der Atem, er hatte einen Körper wie Adonis! Es blieb nicht bei dem einen Streit – und Ira war genießende Zeugin.

Es kam, wie es kommen musste. Eines Abends bemerkte er, dass sie ihn beobachtete, und ging hastig zurück in die Wohnung. Am nächsten Tag traute Ira sich nicht, ihren Posten zu beziehen. Als es an der Tür klingelte und er vor ist stand, nur im Bademantel und darunter – nichts, da konnte Ira nicht einmal mehr denken, dass sich ihre kühnsten Träume erfüllt hätten.

Drei Stunden lang schwebte sie auf Wolke sieben, naja, schweben trifft ihre vielfältigen Positionen nicht im mindesten. Schließlich schlief sie ein, müde vom Sex und vom Champagner. Als sie aufwachte, brauchte sie nicht lange, um festzustellen, dass ihr Schmuck, ihr Bargeld, die Kredit- und die EC-Karten weg waren, samt den PIN-Codes. Sie wollte grade die Polizei anrufen, als ihr Handy vibrierte. Fotos von ihr, in unmöglichen Stellungen, und die lapidare Nachricht: „keine Polizei, sonst landest Du im Netz. Damit findest Du in Deinem Alter garantiert keinen Job mehr. Und schönen Gruß auch von meiner Freundin.“ 

Adventskalender MiniKrimi vom 1. Dezember 2018


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Ein MordsHaus: Bittermandel-Plätzchen

Die Anonymität in der Großstadt ist relativ. Es mag Häuser geben, in denen ein Nachbar wochenlang unbemerkt tot in der Wohnung liegt und von niemandem vermisst wird. In der Minervastraße 89a wäre so etwas undenkbar. Hier kennt jeder jeden. Bzw. vor allem die Frauen kennen sich. „Anita aus dem dritten Stock hatte gestern einen Neuen zu Besuch.“ „Was heißt hatte – der war heute Morgen immer noch da!“ „Claudia hat ja so zugenommen! Ist die schon wieder schwanger?“ „Nee, seit ihr Mann arbeitslos ist, ist er für*s Kochen verantwortlich. Das setzt an.“ Und so weiter. 

Jemima war auf dieses nachbarschaftliche Miteinander nicht vorbereitet. Nach einem nervenaufreibenden Scheidungskrieg hatte sie in der exklusiven Hochhaussiedlung Minervastraße vor allem eines gesucht: Ruhe und – ja, die Anonymität eines Großstadthauses. 

Stattdessen wurde sie beim Einzug von einer Delegation der Hausbewohnerinnen begrüßt. Jemima balancierte eine Pyramide von Kartons und Schachteln, über die sie kaum hinwegschauen konnte, Richtung Eingangstür. Elvira kreuzte ihren Weg, beladen mit einem kunstvoll mit Schokoglasur verzierten Marmorkuchen. Der Zusammenprall war unvermeidlich. Noch Tage später war der Weg gepflastert mit schokoladenüberzogenen Muschelsplittern. Jemima hat den Nachbarinnen die Zerstörung ihrer Muschelsammlung nie verziehen. Und Elvira ihrerseits machte Jemima nicht nur für die Missachtung nachbarschaftlicher Freundlichkeit im allgemeinen und weiblicher Solidarität im besonderen verantwortlich, sondern auch für die nachhaltige braune Verfärbung ihrer Seidenbluse. 

Das Verhältnis zwischen Jemima und den Bewohnerinnen der Minervastr. 89a  war gespannt. Aber als der November sich seinem Ende zu neigte und die Adventszeit mit den ersten Lichterketten auf Balkonen und Fensterbänken Einzug hielt, stimmte die Erwartung auf milde Weihnachtslaune auch die Frauen gnädig. Und so beschlossen sie bei einem spontanen Treffen im hauseigenen Fitnessraum, Jemima noch eine Chance zu geben, Teil ihrer eingeschworenen Schwesternschaft zu werden. 

Jemima wunderte sich über die Einladung zum gemeinsamen Plätzchenbacken, die in Form eines kunstvoll verzierten Muffins eines Abends auf ihrer Türmatte lag – komplett mit allen Daten auf einem rosaroten Fähnchen. Prima, dachte sie. Und brachte zum vereinbarten Treffen ihre Allerlieblingsplätzchen mit. „Jemimas Amarettini.“ Ein todsicheres Rezept. Elvira, die Vorkosterin, war zwar der Meinung, dass das Bittermandelaroma zu dominant sei. Leider konnte sie die verbesserte Rezeptur nicht mehr genießen. Ihre einzigen Hinterbliebenen, das Katzenpärchen Miez und Mauz, fühlten sich schon bald bei Jemima heimisch. 

Der MiniKrimi Adventskalender 2018


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Hattet Ihr gedacht, heuer gäbe es keinen? Falsch! Heute Abend geht’s los! Und zwar erlebt Ihr diesmal auf mariebastide.de ein „Mords Haus“ – 24 Blicke hinter ganz normale Türen….

Ihr dürft gespannt sein, was sich einem Mietshaus mitten in München so alles abspielt…..

 

Wenn ich Dich suche.


Wenn der Schmerz verebbt, kann die Trauer aufsteigen.
Sie legt sich wie ein weiches Tuch um meinen Hals und riecht nach Dir.
Ich gehe ins Gästezimmer, diesen Raum, den Du nur als Gast bewohnen wolltest, und der Dich doch gefangen hielt, in Deinen letzten Jahren.

Ich suche Dich. Hinter geöffneten Schranktüren hängen Deine letzten Lieblingskleider. Ich vergrabe mein Gesicht zwischen den paar Röcken und Pullovern. Schlüpfe in die braune Teddyjacke, finde in der Tasche ein zerknülltes Tuch.

Aber hier bist nicht Du.

An der Stirnseite des Raumes hängst das Kreuz, vor dem ich schon als Kind gebetet habe, auf den Knien: „Bitte lieber Gott, bring meine Mamma bald zurück“. Hinter mir stand mein Vater, Whiskeyglas in der Hand, mehr Angst um Dich als ich.

Und dann höre ich Dich, dort, nur dort, wo ich Dich finden kann! In mir.

Alles ist gut so, wie es ist. Halt mich nicht fest, dann kann ich um Dich sein. Jetzt beginnt Deine Zeit. Genieße sie, so, wie ich meine Zeit genossen habe. Und dann unsere. Erinnere Dich gerne, sieh mich lachen, hör mich sprechen, singen. Aber weine nicht. das entspricht nicht dem Sinn der Zeiten. Es geht mir gut, Und Du sollst kein Mitleid haben, vor allem nicht mit Dir.

Stattdessen trinke die Minuten, tanz die Tage, lebe mir denen, die Dich lieben. Halte mich im Herzen, aber nicht mit Deinen Händen.

 

 

 

c0109 oder warum ich nicht nach Chemnitz fahre. Heute.


Bei uns daheim herrscht dicke Luft. In der Familie wurde gestern Abend heiß darüber diskutiert, wie und mit wem wir heute nach Chemnitz fahren sollten. Ob – das stand zunächst nicht zur Debatte. Bis ich das Gespräch darauf brachte. Seitdem bin ich Persona non grata im Hause.

Damit kann ich leben. Schlecht. Daher, und auch für mich selbst, damit ich meine Gedanken mal klar auf Linie bringe, hier der Versuch einer Argumentation. Ich hoffe, dass die Kette nicht reißt, zwischen den Zeilen. Und ich bin gespannt, ob es anderen da draußen ähnlich geht, ob ich einen Shitstorm auslöse, bedauerndes Kopfschütteln oder, und das wäre mir am liebsten, klare Kante Gegenargumente. Oder Pro. Oder so.

Ehrlich gesagt, hatte ich vorher nur ein leises Unbehagen, wenn es darum ging, sich zu Demos an entfernten Orten aufzumachen. Noch ehrlicher gesagt, habe ich dieses Unbehagen erst, seitdem ich die Teens+ hinter mir gelassen habe. Vorher, diese Erinnerungen will ich nicht der selektiven Amnesie anheim fallen lassen, vorher also waren Fahrten nach Wackersdorf, La Hague, Dannenberg Ehrensache. Nein, Fukushima nicht. Mehr.

Gestern dann las ich einen Thread auf Instagram, Kommentare zum Post von FeineSahneFischFilet über das Konzert am Montag in Chemnitz. Da äußerten junge AntiFaschisten aus Sachsen ihren Unmut über das Konzert. Da kämen Tausende aus ganz Deutschland wegen der Musik und/oder weil sie Flagge zeigen wollten, gegen die Rechten. „Und am Dienstag sind sie wieder weg, und wir haben hier bei uns niemanden dazu gewonnen, aber die Stimmung ist noch aufgeheizter“, so klagten sie.

Und da begann der Unmut in mir Worte zu finden. Klar, es ist wichtig, zu zeigen: #wirsindmehr! Ebenso klar ist es, dass wir tatsächlich mehr sind. Mehr Demokraten, mehr Leute, die nie wieder Faschismus haben wollen, in Deutschland. Mehr, die nichts gegen Flüchtlinge haben (statistisch gesehen sogar rund 70%, das besagen alle Umfragen).

ABER die Frage, die sich mir stellt, lautet: wie bekommen wir die Lage in Ostdeutschland in den Griff? Als Krimitautorin habe ich schon einen Plot im Kopf, der im Deutschland nach dem Wiederaufbau der Mauer spielt. Aber das ist Autorenfiktion. Wie kriegen wir die Ostdeutschen (also diejenigen von ihnen, die bei Mahnwachen blank ziehen, den Hitlergruß zeigen und „absaufen“ skandieren, wenn es um Flüchtlinge im Mittelmeer gehr) dazu, daran zu glauben, dass Demokratie etwas gutes ist, dass sie weiter ihre Klöße und Rostbratwürste essen können, auch, wenn nebenan eine Dönerbude steht. Ehm – aber das tut sie doch schon, und da gehen sie sogar hin, und gerne….. letztendlich reduziert sich die Frage dann so: wie kriegen wir die rechten Demonstranten dauerhaft von der Straße, in Chemnitz, Dresden und anderswo? Und dann, in der Erweiterung: wie verhindern wir rechte Parolen, Angriffe auf Ausländer und, ja, auch die AfD? Aber diese Frage ist dann schon nicht mehr auf den Osten Deutschlands begrenzt! Tja, so ist das!

Warum also fahre ich nicht nach Chemnitz? Weil ich glaube, dass ich den Chemnitzern, die keine rechten Parolen schreien oder denken, die nichts gegen Geflüchtete haben, die sich noch gut an den zweiten Teil des Rufes „Wir sind das Volk“ erinnern („keine Gewalt“), die sich für die Bilder der nazigrüßenden deutschen Randalierer schämen, die derzeit durch die internationalen Medien kreisen – dass ich diesen Chemnitzern mit meiner Anwesenheit nicht helfe. Nicht wirklich und auch nicht ideell.

Weil ich davon überzeugt sind, dass sie wissen: wirsindmehr! Weil ich nicht davon überzeugt bin, dass, weil ich auf ihre Straßen gehe, sie das auch tun werden. Weil meine von Bundespolizisten geschützte Anwesenheit sie nicht davor bewahren wird, morgen, wenn ich weg bin, von sächsischen Polizisten, die „im Umgang mit demokratischen Mitteln wie Demonstrationen“ geschult sind, angegriffen zu werden. Oder vom Nachbarn angepöbelt, ausgebuht, im Job gemobbt oder schlimmeres zu werden.

Weil ich denke, dass zu beweisen, dass wir mehr sind, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen, wenn „wir“ aus allen Ecken Deutschlands anreisen. Weil das „wir“ aus den Menschen im Osten heraus kommen muss, um einen Zusammenhalt zu schmieden, um einen Sinneswandel anzustoßen.

Auf meine Frage, warum so viele Menschen im Osten so fremdenfeindlich seien, so demokratieverdrossen nach so kurzer Zeit, so unheimlich hasserfüllt, antwortete mir eine junge Studentin, die als Kind in Dresden gelebt und später nach München zurück gekommen ist. Ihre Antwort gibt mir zu denken:

Die Menschen im Osten haben Angst. Es leben kaum Ausländer dort, aber sie haben Angst, dass in der Zukunft viele Geflüchtete dorthin kommen könnten. Weil so viele Häuser leer stehen, weil im Osten mehr Platz ist als im Westen. Sie haben Angst, dass die ihnen dann was wegnehmen von dem wenigen, was sie haben. Weil sie das Gefühl haben, von der Wende übervorteilt worden zu sein. Weil sie unzufrieden sind und jemanden suchen, dem sie dafür die Schuld geben können. Weil sie mit der großen Freiheit, der Meinungen, der Wahl, der Freiheit zu gewinnen – aber auch zu verileren, nichts anfangen können. Weil es ihnen Angst macht, dass keiner mehr für sie entscheidet. Weil sie selbst nicht entscheiden können, sondern nur fordern und dann erwarten, dass sie alles kriegen.

Boah, starker Tobak. Ist das so? Ich habe selbst Verwandte „drüben“. Und ich kann eines beisteuern, hier. Ich habe erlebt, dass die Abgrenzung zum Westen in den Köpfen der Menschen dort erfolgt. Dass sie, nachdem sie „eins“ geworden sind mit den Geschwistern im Westen, einen Identitätsverlust erlebt haben, den sie mit DDR- Reminiszenzen kompensieren. Von der Spreewaldgurken über die Datsche bis hin zu Redewendungen. Wir haben das DDR-Sandmännchen schon immer schöner gefunden und freuen uns, es jetzt deutschlandweit zu haben. Sie sagen, wir haben es geklaut. Wie die Ampelmännchen.

Und singen das Deutschlandlied und brüllen den Hitlerruf – und vergessen, dass er es war, der „unsere Heimat“ in Schutt und Asche gelegt hat und letztendlich daran Schuld ist, dass sie 40 Jahre in der DDR gefangen waren. In die sie jetzt zurück möchten, oder? Mensch, was wollen die eigentlich???

Vielleicht ist das die Kernfrage, die wir uns alle stellen müssen. Vielleicht wäre die Antwort darauf die Lösung des Problems. Denn dass es ein Problem ist, ist unbestritten. Die auf der Straße haben ein Problem, und die hinter den Vorhängen auch, und wir ebenfalls.

„Unsere Frauen haben Angst, auf die Straße zu gehen. Wegen der Ausländer.“ Das mag sein, aber das Problem existiert nur in den Köpfen. Statistisch gesehen verüben viel weniger Ausländer Straftaten als Deutsche. In Westdeutschland, und allemal in Ostdeutschland, denn dort gibt es praktisch keine Ausländer. Aber wie geht man mit einer Fake Reality um, die sich ausbreitet wie Masern in den Köpfen der Leute?

Ich fahre nicht nach Chemnitz. Aber ich möchte dazu beitragen, dass rechte Gedankengut aus den Köpfen der Menschen zu vertreiben. In Dresden, in Karl-Marx-Stadt und überall. Ich glaube, das geht nur durch Erziehung. Durch kulturelle Begegnungen. Von Kindern. Und Eltern. Nur so geht das!

Wenn ich doch nach Chemnitz gehen würde, dann im Rahmen eines Projektes, dass gezielt Familien verbindet. Deutsche und ausländische. Wenn ich denn solche fände, dort. Und ich glaube, auch in Dresden sollten alle, die rechtes Denken bekämpfen wollen, sich solche Projekte suchen, sie aufbauen, sich vernetzen mit Kirchen, ja, mit Kirchen. Mit sozialen Organisationen. Mit linken Strukturen. Mit Studenten. Ich glaube, Veränderung braucht Zeit und muss in die Herzen der Kinder gepflanzt werden.

Wenn oben auf dem Podium bei einer Demo Kinder stünden, blonde Kinder mit großen blauen Augen, schwarze Kinder mit großen braunen Augen, wenn Kinder durch die Reihen der Demonstranten gehen würden, mit offenen Armen. Würde ein Rechter ein solches Kind schlagen?

Eine Freundin von mir, die ich seitdem nicht mehr treffe, erklärte auf einem Fest, es sei jetzt endlich genug mit den Asylanten. Bei uns gäbe es genug Arme. Darauf gehe ich jetzt nicht ein, dazu schreibe ich ein andermal. Auf diesem Fest waren auch Menschen aus Indien, aus afrikanischen Ländern. Zwei kleine Mädchen tanzten zusammen. Ein blondes und ein schwarzgelocktes. „Guck mal, wie süß!“, sagte meine Freundin. „Das Mädchen ist aber eine Asylantin“, sagte ich. „Trotzdem. Die muss natürlich bleiben“, erklärte meine Freundin hingerissen. Vielleicht sollten wir viel mehr auf dieser Logikebene spielen……

Österliches Miniatur-Memory


Karfreitag 1989

Es ist ungewöhnlich heiß, und ich habe mich mit ausgeblasenen Eiern, Aquarellfarben, Pinseln und den Birsteiner Nachrichten von letzter Woche auf den Balkon verzogen. Weit genug weg von meiner Mutter, die mir immer noch nachträgt, dass ich sie nicht zum Karfreitagsgottesdienst begleitet habe. Jetzt tut es mir leid, und ich hätte ihr gerne gesagt, dass ich sie nicht hatte verletzen wollen, aber gleichzeitig auch keine Lust gehabt hatte, mir selbst weh zu tun. Denn das von getragenen Orgelakkorden untermalte „Haupt voll Blut und Wunden“ trägt für mich die Gesichtszüge meines Vaters, und da ich ihn auch 7 Jahre nach seinem Tod noch nicht beweinen kann, bleibt mir die Trauer wie ein Kloß im Hals stecken und verklebt mir den ganzen restlichen Tag.

Nachdem ich das obligatorische alljährliche Osterei bemalt habe, zeige ich es als Widergutmachungsversuch meiner Mutter. Sie runzelt die Stirn und sagt nichts. Das ist ihr Beitrag zur Versöhnung. Denn diesmal, ich befinde mich in der akuten Phase meines Feminismus, wackeln aufgeregte, der Sichtbarkeit halber violett umrandete Hühner über die Schale und fordern auf Plakaten „Mein Ei gehört mir“, „nieder mit der Massentierhaltg.“ Für das ganze Wort ist das Ei – es stammt übrigens von einer der drei Hennen des Bauernhofs schräg gegenüber – leider zu klein.

Den restlichen Nachmittag verbringe ich mit meinem neuen Freund und seiner Clique beim Metonkel. Wir lassen den verrosteten Opel am Ende des Forstwegs stehen, halb im Graben, damit der Förster noch vorbeifahren kann. Dann laufen wir durch ein sehr hellgrünes, nach Waldmeister duftendes Wäldchen hinunter zur Lichtung, auf der der schrullige Alte vor seinem Wohnwagen einen Biertisch und zwei Bänke aufgebaut hat. Der Met kostet eine Mark und wird aus einer dunklen fettfleckigen Flasche in Gläser geschenkt, die einen schmutzig braunen Rand haben und einen Bodensatz aus Staub und Dreck. Ich habe kurz Angst, mich anzustecken, weiß aber nicht, mit welcher Krankheit. Also lächle ich meinen Freund an und kippe den Met in einem Zug runter. Nach dem zweiten Glas und dem gemeinsamen Joint ist die Angst dann auch verschwunden.

Always look at the bright side of life – oder death, singen Monthy Python. Ein Metschwamm wäre gut gewesen, für Jesus, denke ich. Oder ein Joint. Am besten beides.

Ostersonntag 2018

„Mein österliches Beileid“ hat der Monsignore uns gewünscht, als meine Mutter kurz nach Ostern starb. Ein knappes Jahr und eine Katharsis später beantworte ich das leise Lächeln, das sie mir vom Foto auf dem Intarsientablett unter den bunten Tulpen zuwirft. Die Trauer hat sich aufgelöst und den Blick freigegeben auf unzählige unverhoffte Miniatur-Momente. Die Erinnerung schiebt sie mir vors Auge wie ein Damals-Dia. Ich schaue hin und wieder weg. Dann kommt irgendwann das nächste. Oder einem Erbstück, Schrank, Bild,  Recamiere, entströmt ein leiser Hauch, und dazu malt unser Gedächtnis uns das ganze Bild, komplett mit Gefühl und allem Drum und Dran:

Die Angst meines Sohnes vor dem dunkelbraunen Treppenhaus und davor, dass aus der auf halber Höhe eingelassenen ziselierten Dachbodentür etwas sehr Böses herausspringen würde. Etwas, das den Weg aus den metaphysischen Bildern meines Vaters, seines Großvaters, die in Salonhängung das Treppenhaus mit menschenähnlichen Baumfiguren in leuchtenden Ölfarben bevölkerten, in die Welt des Hauses gefunden haben könnte.

Die Gestalt meines Vaters, in der rechten Hand das dickwandige Glas mit Whiskey und zu löchrigen Quadraten geschmolzenem Eis, wie er mit der Linken die Schicksalsschläge der Eroika dirigierte, während  die Asche der Peter Stuyvesant auf den Wohnzimmerteppich segelte. Beethoven nachts um halb drei war für mich als Zehnjährige an der Tagesordnung.

Die Stimme meiner Mutter mit irgendeinem Kommentar, von treffend zu Nonsense driftend mit dem Fortschreiten der Demenz. „Du könntest in einem Drei-Sterne-Lokal kochen.“ Oder, zum Enkelsohn: „Du wirst ein fantastischer Arzt.“ Heute hören wir die Stimmen, riechen Zigarettenahnung, spüren Gänsehaut.

Und leben weiter. Sehen weiter, über den Karfreitagshorizont hinaus.

Frohe Ostern!

Geld oder Cappuccino?


Menschen, Straße, Frau, Osteuropa, Roma

Es waren die kältesten Tage des Winters. Nach längerer Zeit war ich wieder auf dem Weg zum Büro einer meiner Kundinnen. Leider war am Straßenrand kein Parkplatz frei – wie immer am Montagmorgen, eigentlich. Und trotzdem fahre ich jedes Mal alle Gassen ab, stoppe vor jeder Einfahrt und überlege, ob ich mit meinem Wagen in die Lücke passe, die  die glücklichen Parkplatzfinder übrig gelassen haben. Mein räumliches Sehen ist schlecht, und rechnen kann ich auch nicht. Trotzdem erkenne ich meistens noch vor dem Versuch, mich dort hineinzuquetschen, dessen Sinnlosigkeit. Und fahre stattdessen in die warme, kostenfrei Tiefgarage. Der einzige Nachteil dieses Komfortparkplatzes ist tatsächlich der, dass ich sieben Wegminuten bis zum Büro zu laufen habe. Im Sommer kein Thema. Im Winter kalt und zugig, denn der Wind orgelt aus allen Registern durch die Schluchten der altehrwürdigen Gründerzeithäuser.

Als ich, mit eisigen Ohren und trotz Handschuhen klammen Fingern, die Kreuzung erreicht hatte, sah ich am Eingang der U-Bahn-Haltestelle eine junge Bettlerin sitzen. Vermummt und frierend hockte sie auf dem Stück Pappe und hielt den Vorbeieilenden wortlos eine Plastiktasse hin, den Blick starr vor sich auf den grauen Saum ihres Rockes gerichtet. Ohne nachzudenken sprang ich die Treppe hinunter in das Untergeschoss, kaufte im Stehcafé einen Cappuccino und fuhr mit der Rolltreppe wieder nach oben. Der entgegen gestreckten Tasse hielt ich den Becher hin, aus dem es einladend dampfte. „Geld gebe ich keines. Aber das ist schön warm“, sagte ich zu ihr. Die junge Frau hob ganz kurz den Blick, bohrte ihn in meine Augen, dann nahm sie den Becher und murmelte etwas, das ich nicht verstand. Schnell eilte ich weiter, hinein zum nächsten Bäcker, um einen Schneeball zu kaufen, diese fränkischen fettgebackenen, mit Puderzucker dick bestäubten Hefeteigkugeln. Ideal zum Kaffee an einem so kalten Morgen. Aber als ich die wenigen Schritte zurück zum U-Bahn- Eingang lief, war der Pappkarton verwaist. Hoffentlich hat sie einen windgeschützten Eingang gefunden, um ihren Cappuccino zu genießen, dachte ich. Und ist nicht von einem Aufpasser der Bettlertruppe wegen meiner Gabe bestraft worden.

Drei Tage später ging ich auf dem Weg zum Büro gleich hinunter in das U-Bahn-Geschoss. Kaufte einen Cappuccino und ein Croissant und fuhr die Rolltreppe hinauf. Oben auf dem Karton saß – nicht wie erwartet die junge Frau, sondern ein Mann.

Was mache ich bloß? fragte ich mich. Dann streckte ich ihm den Becher entgegen. Er sah mir offen ins Gesicht und sagte „Danke“. Das Croissant behielt ich in der Hand. Denn vielleicht saß die junge Frau ja vorne am Krankenhauseingang. Tatsächlich war auch dort der Pappkarton besetzt. Aber wieder mit einem jungen Mann. Was soll’s, dachte ich, und gab ihm mein noch warmes Croissant. „Danke“, grinste er – und schob es hinter sich in die Büsche zu einer recht beträchtlichen Sammlung von Bechern und Tüten.

„Habe ich alles falsch gemacht?“ fragte ich später die beiden Damen im Büro. Deutlich jünger als ich, und deutlich rationaler auch, wie mich ihre Antworten lehrten. „Da sitzen immer welche, wenn Du einem was gibst, musst Du allen was geben. Was nützt schon ein Kaffee? Außerdem soll man das Bettlertum nicht auch noch unterstützen. Nur, wenn niemand was gibt, werden die Banden die Stadt verlassen.“ Undsoweiterundsofort.

Ich kenne die Argumente. Habe sie selbst auch gerne gebraucht. Um mich reinzuwaschen. Wenn ich der Bettlerin vor mir nichts gebe, wird sie nicht deshalb verschwinden. Wenn ich ihr etwas gebe, wird sie einen Augenblick lang so sein wir ich, wie Du, wie jeder, der eine Tasse Kaffee in der Hand hält und den würzigen Duft einatmet, den herben Geschmack auf der Zunge spürt.

Morgen werde ich wieder in dieses Büro gehen, vorbei an der U-Bahn-Station. Ich werde erstmal schauen, wer auf dem Pappkarton sitzt. Und dann entscheiden, ob es nur ein Caapuccino wird oder auch ein warmes Croissant.

Was sagt Ihr? Was macht Ihr? Gebt Ihr Geld? Warum? Warum nicht? Schenkt Ihr ein Getränk, etwas zu essen? Warum? Warum nicht? Bitte, gebt mir Eure Tipps, Eure Meinung und Eure Kritik!

Bildnachweis: Das Foto ist von Michael Galda und zeigt eine Bettlerin aus Osteuropa. Sie ähnelt „meiner“ Bettlerin.