Frühe Erkenntnis


Es geschah heute Morgen. Auf der Gabelsberger Straße, auf dem Stück zwischen Alter Pinakothek und der neuen Hochschule für Film und Fernsehen. Plötzlich fühlte ich, dass ich ok bin, so, wie ich bin. Mit meinen Jahren auf dem Buckel und den Falten im Gesicht, den Knicken in der Optik und den Extrawindungen für einen überquellenden Gedankenspeicher. Dass ich ruhig Angst haben darf vor dem Lebenshorizont und all dem, was davor noch auf mich wartet. Dass ich schön bin, dass ich reich bin, dass ich glücklich bin, jetzt und genau in diesem Augenblick. Dass ich kein Kind mehr sein muss, um mir zu gefallen, und auch kein abnehmbares Abziehbild.

Wow – das war ein überwältigendes Gefühl. Schade, dass ich den Rückspiegel nicht herunterklappen konnte, um mich in diesem Moment zu sehen. Mit dem Richtung Nasolabialfalte verlaufenden weil allzu fetthaltigen Lippenstift, den morgendlichen Augensäcken und dem grauen Haaransatz.

Als die nächste Ampel auf rot sprang und ich den Spiegelblick nachholte, war er nämlich schon vorbei, der tolle „Ichbinoksowieichbin“-Moment.

Naja, ich fahre die Strecke bald wieder.

Ein neues Jahr


Januarbaum

Gute Vorsätze zum Jahresanfang? Lassen sich am Jahresende gut planen. Und wie sieht es am Morgen des ersten Januar aus? Früh raus und vor dem Frühstück eine Runde laufen. Wie früh ist früh? Und wann soll es losgehen? Ach, heute lieber doch noch nicht…

Nur noch zu den Mahlzeiten essen, und immer auch Gemüse. Aber noch nicht zum Katerfrühstück, da passen Weißwürste doch besser. Oder Hering. Vor allem aber Bier. Ach, weniger Alkohol, das war gestern doch auch noch ein guter Vorsatz. Allerdings ist der Teufel mit Belzebub am besten zu bekämpfen. Also her mit dem Stoff. Aber nur noch heute!

So oder ähnlich geht es dann dahin, mit den guten Vorsätzen. Und das schon am ersten der nächsten 365 neuen Tage.

Ich habe mir für 2015 eigentlich nur zweierlei vorgenommen. Erstens, bei allem, was ansteht, zu überlegen, ob es besser gleich zu machen ist, und dies dann auch zu tun. Und das im Kleinen. Das ist einfach, und es ist mir heute bereits geglückt, was soviel bedeutet wie:  es klappt auch in den 364 kommenden Tagen.

Und das zweite: ich will versuchen, an jedem Tag jede Minute zu schätzen. Wertzuschätzen. Ohne sie durch den Schatten der Ungewissheit zu trüben, den das Morgen nun einmal wirft.

Obe mir dies gelingt? Für mich gilt: der Weg ist das Ziel.

Machen wir uns auf. Und gehen 2015 entgegen. Unserem. Ganz persönlichen. Sehen wir nicht den 31.Dezember als das Erfolgsmaß aller Dinge, sondern den Abend jedes neuen Tages. Also, auf geht’s. Starten wir…. Der 2. Januar ist unsere nächste Etappe. Wir sehen uns.

So strahlend sonnig, wie das neue Jahr begann, möge es für uns und euch und alle werden.

MiniKrimi zu Weihnachten


Yes  I can.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten“, sagten seine besten Freunde und schüttelten missbilligend den Kopf, als er schon wieder seine eigene Brotzeit an die Kinder verteilt hatte, die ihn mit vor Hunger großen Augen angestarrt hatten.

Du kannst doch nicht die ganze Welt retten“, sagte seine Mutter, als er alles daran setzte, einem Freund dabei zu helfen, sein Gesicht vor der Familie seiner Braut zu wahren, weil ausgerechnet bei der Hochzeit die Getränke ausgingen.

„Du kannst nicht die ganze Welt retten!“, rief seine Freundin, als er selbst Gefängnis und Verurteilung riskierte, im Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit.

„Du kannst ja nicht mal dir selbst helfen. Wie willst du dann die ganze Welt retten?“, fragte ihn der Richter.

„Wetten, dass ich kann?“, antwortete er.
Gesegnete Weihnachten der ganzen großen Welt!

 

Minikrimi vom 23. Dezember


Das Schicksal aufhalten

Morgen ist Heiligabend! Die Liste der Dinge, die ich noch zu erledigen habe, ist viel länger als die Zeit, die mir dafür zur Verfügung steht! Als erstes muss ich die Wohnung putzen. Wenn morgen meine Freunde zum Essen kommen, will ich sie nicht mit Katzenhaaren im Salat erschrecken. Es ist wohl ziemlich lange her, seit ich das letzte Mal den Boden gewischt habe. Denn ich finde nirgends einen Schrubber. Also runter zur Nachbarin, die hat einen Putzfimmel und kann mir ganz sicher aushelfen.

Sie kann. Und holt umgehend einen nagelneuen Schrubber nebst jungfräulichem Lappen aus den Tiefen ihrer nach Lenor duftenden Wohnung. Aber dann steht sie in der Tür, Schrubber und Lappen fest in ihren Händen, und erzählt mir die komplette Krankheitsgeschichte ihres Bruders. Von der chronischen Verstopfung über die Gallensteine bis hin zum Darmverschluss. Tragisch, natürlich. Aber ich höre bei jedem ihrer Worte das Ticken ihrer Küchenuhr – und weiß, meine Zeit verrinnt. Als es mir endlich gelingt, ihr die Putzutensilien zu entreißen, habe ich zwanzig Minuten verloren!

Ich gehe zurück in die Wohnung. Nach einer Stunde habe ich den gröbsten Schmutz entfernt. Vom Kirchturm auf der anderen Seite des Stadtwäldchens schlägt es drei. Vor allen Dingen muss ich einkaufen. Und zwar mehr als die zwei TK-Pizze und fünf Äpfel, die ich für mein normales Wochenende brauche. Das heißt, ich muss mit der S-Bahn in die Stadt, zum Supermarkt und dem kleinen, feinen Libanesen, bei dem ich all das bekomme, was für mein Hauptgericht morgen nötig ist. Ich bin keine besonders gute Köchin. Es gibt überhaupt nur zwei Gerichte, die ich beherrsche. Eines davon ist das gefüllte Perlhuhn nach einem alten libanesischen Rezept. Das habe ich von meiner allerersten großen Reise mitgebracht. Seitdem ist es mir ans Herz gewachsen, und ich bereite es immer dann zu, wenn ich wirklich Eindruck machen will. So wie morgen. Denn einer meiner Freunde, Antoine, gefällt mir ganz besonders gut……

Die nächste S-Bahn, die in Frage kommt, fährt um 16.05 Uhr. Später geht nicht, sonst macht der Libanese zu. Ich gehe aufs Klo. Beim Händewaschen fällt mein Blick aus Versehen in den Spiegel – ich vermeide es tunlichst, mein Spiegelbild anzuschauen. Aber jetzt ist es passiert, und ich weiß sofort: SO kann ich nicht unter die Leute. Also schnell den Kopf unter die Brause.

Das Telefon klingelt. Mit Shampoo im Haar nehme ich ab. Es ist Tante Elsbeth. Wir telefonieren einmal im Jahr, immer am 23. Dezember. Ich kann ihr unmöglich sagen, dass ich jetzt gerade keine Zeit habe. Eine halbe Stunde später wasche ich mir die Seife aus dem Haar. Nach weiteren 30 Minuten bin ich ausgehfertig. Es ist inzwischen halb vier. Ich liege gut in der Zeit und schaffe die S-Bahn sicher ohne Probleme.

Auf dem Weg durch das Wäldchen begegnet mir Herr Bergmaier mit seinem Afghanen. Besser gesagt, der Afghane kommt mir allein entgegen und zieht die Leine hinterher. Ohne das Herrchen am anderen Ende. Als Freddy, so heißt der Hund, mich sieht, springt er schwanzwedelnd an mir hoch. Er legt mir die Pfoten liebevoll auf die Schultern, aber sein Gewicht reißt mich einfach zu Boden. Da liege ich nun im Dreck und versuche, mich einer nassen Hundezunge zu erwehren. Schließlich kommt Herr Bermaier. Völlig außer Atem. Er bedankt sich überschwänglich bei mir dafür, dass ich den Hund aufgehalten habe. Er ist aus Angst von einem Böller davongelaufen. Wer weiß, ob er nicht unter die S-Bahn gekommen wäre, wenn ich nicht gewesen wäre….. Herr Bergmaier erzählt mir noch, wie Freddy und er Heiligabend verbringen werden – mit einer ganzen Staffel Martin Rütter auf Sky. Als ich die Treppen zur Bahngleisunterführung runterrenne, schlägt die Kirchturmuhr gerade vier. Vor mir läuft eine alte Dame, komplett mit Hut, Mantel, Reisetasche und Stockschirm. Der verfängt sich auf der vorletzten Stufe in ihrem Mantelsaum, die wacklige, aber korpulente Person schwankt ein paar Sekunden lang hin und her – und kippt dann hintüber die Bahnsteigtreppe hinunter. Ich hechte mit einem meiner Volleyballsprünge, für die ich in der Schule mal berühmt und bei den Jungs besonders beliebt gewesen bin, die vier Stufen zu ihr rauf und werfe mich mit meinem ganzen, nicht sehr üppigen Gewicht gegen ihre Sturzrichtung. Wir prallen aufeinander, sie ist stärker, und wie eine bunte Lawine kugeln wir die Treppe hinab.

Als wir uns unten auseinander sortiert haben, ist schnell klar, dass keine von uns sich verletzt hat. Die alte Dame ist weich gefallen, und meine Knochen sind stabiler als ihre.

Noch während sie mir überschwänglich dankt, hörte ich oben meine S-Bahn ein- und dann wieder abfahren.

Das war’s, denke ich resigniert, und lasse mich von der alten Dame auf einen Piccolo ins Café Kreuzeck neben dem Bahnhof einladen. Dort hören wir dann auch die Polizeisirenen und sehen kurz darauf im Regionalfernsehen, dass die 16.05 Uhr-S-Bahn entgleist ist. Ein Sprengstoffanschlag wird vermutet.

 

MiniKrimi vom 22. Dezember


Heute wieder eine Geschichte nach den Clues von Monika. Du machst es mir nicht leicht, meine Liebe….

Schöne Bescherung

Der Weihnachtsmann hatte seinen Sack gut zugeschnürt. Dachte er. Aber für Timo und Ali war es nicht schwer, ihm zu folgen. Denn auf dem frisch gefallenen Schnee, auf dem feuchten, salzglänzenden Asphalt und dem hellen Marmor der Hausflure und Treppen hinterließ er eine feine, funkelnde Spur aus engelshaarfeinem Lametta. Es rieselte aus dem unauffälligen Loch, dass Timo mit seinem Messer in den Sack geschnitten hatte, während Ali einen Zusammenstoß mit dem Mann im dick ausgestopften Kostüm simulierte. Unglaublich, wie fahrlässig die Leute zu Weihnachten wurden. Als raubte ihnen der kindliche Glaube an das Gute, das alle Jahre wieder über sie hereinbrach, jeglichen Sinn für Vernunft. Anders war es nicht zu erklären, dass sie dem Weihnachtsmann ihre teuren Geschenke für Frauen und Kinder, Eltern und Freundinnen anvertrauten, nur, damit alle so tun könnten, als glaubten sie noch immer an Märchen. Stattdessen würden sie in dieser stillen Nacht, in der die reiche Vorstadtwelt wie eine mit Zuckerguss verzierte Tortenlandschaft aussah, ihr blaues Wunder erleben. Von wegen Bescherung. Beziehungsweise würde die ganz anders ausfallen als erwartet.

Timo und seine „Gangstas“ hatten alles genau geplant. Mike war der Spion und hatte ausgekundschaftet, welche Geschenke der Weihnachtsmann wo abliefern würde. Timo und Ali schlichen hinter dem armen Mann her, der sichtlich an der Gabenlast zu schleppen hatte. „Nicht mehr lange, und wir erleichtern dir die Arbeit“, flüsterte Timo, und Ali keckerte sei Lachsack-Lachen. Er hörte gar nicht mehr auf damit. Timo stieß ihn unsanft in die Rippen, denn gerade ertönte Mikes Pfiff. Darauf hatten die beiden Diebe gewartet.

Während der Weihnachtsmann sich mit aller Kraft mühte, mit dem umständlichen Kostüm die Feuerleiter hinauf und dann den Kamin hinabzuklettern, huschte Timo behände hinter ihn und legte ihm die Hand mit einem in Chloroform getränkten Lappen auf Mund und Nase. Mit einem leisen Seufzer, wie ein Luftballon, aus dem das Gas entweicht, ging der gute Mann zu Boden. Das letzte, was er sah, waren zwei Aliens mit schwarzwollenen Gesichtern, aus denen nur die Augen hervorglühten.

„Schnell, her mit dem Sack, und dann nichts wie ab“, befahl Timo. Ali schulterte ächzend den Jutesack. Wahnsinn, wie schwer der war. Kein Wunder, bei all den Uhren, Diamanten, Laptops und Kameras, die da drin steckten und jetzt nur darauf warteten, von Timo und seiner Bande vertickt zu werden.

Die beiden Halbstarken zogen und zerrten den Sack schließlich gemeinsam die Feuerleiter hinunter. Erschöpft ließen sie sich nebeneinander auf den Boden gleiten. Da brauste auch schon der geklaute Buick um die Ecke, mit Mike am Steuer. Auf dem frischen Schnee kam der Wagen in der Kurve ins Schleudern und hätte beinahe den Sack über den Haufen gefahren. „Schnell rein mit euch“, rief Mike. Sie warfen sich auf die Rücksitze, den Weihnachtsmannsack fest zwischen sich. Und dann gings los, in einem halsbrecherischen Tempo quer durch die Stadt bis hinaus zu den Dünen am Strand. Um die Zeit und bei dem Wetter war selbst die Polizei nicht draußen. Keiner verfolgte die jungen Männer. Und eine Stunde später saßen sie im Sand und begutachteten ihre Beute. „Das Zeug ist mindestens eine Million Dollar wert“, sagte Timo. Und Ali pfiff anerkennend durch seine Zahnlücke. „Wir haben echt n super Ding gedreht!“ Schließlich lag nur noch ein kleines, flaches Kästchen im Sack, nicht größer als eine Streichholzschachtel. „Was isn das?“, fragte Mike. „Keine Ahnung“, sagte Timo und dreht das Ding vorsichtig zwischen den Fingern. „Bugatti„, war darauf eingraviert. Und an der einen schmalen Seite, kaum sichtbar, blinkte es rot.

Und dann blinkte es um sie herum, viele Lichter, weiß, rot und blau. Der ganze Strand wimmelte von Polizisten. „Halt, Pfoten hoch, Jungs“, hörten sie, ohne zu verstehen, was plötzlich los war. Auch, als sie beim Verhör saßen, konnten sie sich nicht erklären, wie die Polizei sie gefunden hatte. Ein Sergeant hatte schließlich Mitleid mit den drei Möchtegern-Ganoven. „Das kleine Kästchen ist eine Mini-Alarmanlage. Sie gehört zu dem Bugatti, den Marvin C. seiner Freundin zu Weihnachten schenken wollte. Marvin war selber ein Gangsta, bevor er als Rapper Millionen verdient hat. Deshalb hat er die Alarmanlage scharf gemacht. Sie hat die ganze Zeit Signale gesendet – die kamen aber nicht zu Marvin C.s Haus, sondern entfernten sich immer mehr. Da hat er uns verständigt. Und wir haben Euch gefunden. Schöne Bescherung, Jungs.

„Ich glaub, ich mach im Knast nen Rappel-Kurs“, murmelt Timo zu Ali, als er in U-Haft geführt wird.

MiniKrimi vom 21. Dezember


Todeshappen

Alf trug sein Moleskin immer griffbereit entweder in der Jackentasche oder, falls er auf Reisen war, im Rollkoffer bei sich. Denn die besten Einfälle kommen unbemerkt und schleichen sie auf leisen Sohlen schnell wieder davon, wie professionelle Einbrecher, davon war er überzeugt. Eigentlich hatte er nur seinem Ärger über den Service und das kalte Essen Luft machen wollen. Vielleicht auch seinem Frust über das verpatzte Wiedersehen mit Carla. Oder vor allem. Tatsache ist, dass aus den zwischen versalzenen Horsd’oeuvres und dem von einer schlecht gelaunten und noch schlechter ausgebildeten Aushilfs-Bedienung lauwarm auf den Tisch geknalltem Hauptgang auf eine Moleskin-Seite gekritzelten Notizen aus Beststeller wurde. Der erste große Wurf, sogar. Ein Gourmet-Krimi, der Alf von den untersten Regalen billiger Bahnhofs-Büchermarktketten in die Primezone renommierter Buchläden katapultierte.

Alf signierte, Alf las, Alf dinierte – auf Kosten von Verlegern und Restaurateuren, die sich im Schatten seines Romans etwas Ruhm erhofften. „Alf P. hat bei uns gespeist, es hat ihm vortrefflich gemundet, sein Moleskin lag die ganze Zeit geschlossen neben seinem Teller. Nachdem auch die dritte Auflage von „Mord aus kulinarischen Motiven“ vergriffen war, arbeitete Alf an einer Fortsetzung mit dem Arbeitstitel „Rache ist Blutwurst“. Dafür schlug er sich durch die Imbissbuden der Nation. Warum, das wusste er selbst nicht so genau. Vielleicht war er die vielen Sternemenüs leid, die er, wenn auch kostenfrei, hatten kosten müssen. Vielleicht hoffte er aber auch, bei seinen Streifzügen durch die Stehgastronomie Carla wieder zu treffen, die als Kommissarin sicher an irgend einem dieser Stände  irgendwo in Deutschland ihre mittägliche Currywurst verzehrte – denn diese Essgewohnheit hatte Alf aus den unzähligen Krimiserien im deutschen Fernsehen verinnerlicht.

Und so stand er nun an einem regnerischen Wintertag am Mainkai unter einem triefenden Sonnenschirm mit „Bindung-Bier“-Werbung, starrte auf die Frankfurter „Mainhatten-Skyline“ und sinnierte darüber, wie er seinen Buchtitel mit der Standard-Speisekarte einer Imbissbude in Einklang bringen konnte. Denn leider hatte er bislang keine gefunden, die außer Curry- und Rot-, Thüringer und grober, ja sogar Veggiebratwurst auch Blutwurst im Angebot hatten.

Zu blöd, dachte Alf. Zückte sein Moleskin und schickte sich an, die Imbissbude am Mainkai in bösen Stichworten zu verewigen. Matschige Pommer, ein Haar im Curry. Dass es sein eigenes war, kümmert ihn wenig. „Alles gut, der Herr?“, säuselte die ölige Stimme des Budenbesitzers zu ihm herüber. „Wolle Se ’n Schnäppsche zum Runnerspüle?“

Alf dreht sich halb zu dem dreisten Mann um. Offenbar wusste der nicht, wen er da vor sich hatte. Oder doch? „Komme Se, Herr P“, sagte der Mann doch jetzt und kam mit einem Schnapsglas in der Hand aus seinem Wagen zu Alf an den Stehtisch. „Den werde Se brauche, dann tut des net gar so weh, in Ihre letzte Minute“. Gerade als Alf anfangen wollte, sich zu fragen, was der Mann mit diesem kryptischen Satz wohl meinen könnte, traf die erste Schmerzwelle seinen Magen wie eine Attacke mit japanischen Küchenmessern.

Alf zuckte zusammen, krümmte sich und sackte schließlich am Tisch hinab in den schlammigen Boden. Regen fiel kühl auf seinen plötzlich glühend heißen Nacken. „Nur damit Se wisse, warum Se jetzt den Löffel abgebbe“, fuhr der Imbissbuden-Besitzer in freundlichem Plauderton fort. „Nach Ihrem Buch hat bei mir keiner mehr esse wolle. Nach em halbe Jahr war isch pleite. Die Imbissbude is alles, was isch noch hab, als Existenz. Und jetzt wolle Sie mir die anoch wegnemme? Ebbe reischts.“

Das letzte, was Alf aus seinem Autorenleben mitnahm, war der Geschmack nach ranzigem, mit Blausäure vermischtem Fett im Gaumen.

MiniKrimi vom 20. Dezember


Pünktlich zum 4. Advent hier der Krimi meiner KSB-Autoren-Kollegin Sabrina Moriggl. Viel Spaß beim Lesen – und immer schön vorsichtig mit der Deko, gell?!

Advent, Advent, ein Grablicht brennt

Patricia Holgerson blaues Etuikleid wies ebenso wenige Falten auf, wie das dezent geschminkte Gesicht. Passend zu den hochgesteckten Haaren trug sie eine Halskette, deren Perlen im Ton ihrer manikürten Fingernägel schimmerten. Am Finger der Verlobungsring ihres Geschäftspartner Peter Weiß. Holgerson & Weiß war auf dem besten Wege eine renommierte Anwaltskanzlei zu werden. Die Mandanten wuchsen ebenso wie der Kontostand. Durch die verdoppelte Arbeit stellte Peter eine Hilfskraft ein. Slanka kam aus Slowenien, sprach gebrochen Deutsch und erwies sich als Engel. Sie war nicht nur schnell und sorgfältig, sondern auch diskret und engagiert. Nie gab es Probleme mit ihr. Bis sie im Keller die Box entdeckte und auf den Empfangstresen abstellte. »Chefin, schauen!«, rief Slanka begeistert und zog eine weiße Plastiktannengirlande aus der Kiste. Patricia Holgerson unterdrückte ihren Brechreiz. Sie fand die Weihnachtsdeko schon immer scheußlich, doch Peters Vater liebte diesen Kitsch. Blinkende Lichter, röhrende Elche und vom Balkon abseilende Weihnachtsmänner. Patricia Holgerson brauchte drei Jahre um diesen Müll aus der Kanzlei und ihren Schwiegervater aus dem Leben zu verbannen.

Slanka hängte einen Nikolauskopf mit schwarzer Sonnenbrille an die Eingangstür, als Peter ins Büro trat. Er warf seiner Verlobten einen fragenden Blick zu. »Ich dachte, du hasst Vaters alte Deko.« »Du ahnst nicht wie sehr.« »Oh Chef!«, lachte Slanka und hielt einen Strauß roter Weihnachtssterne empor »Weihnachtsschmuck schön. Schmücken ein bisschen hier, ja?« Peter zwinkerte seiner Verlobten zu und nickte. Schließlich war ja Weihnachten. Wenige Stunden später steckte Patricia Holgerson ihren Kopf aus dem Büroraum. Ihr Atem stockte. Dort, wo am einst kühle Eleganz herrschte, tobte nun ein Orkan in schrillen Rot-, weiß-, und Goldtönen. Blinkende Neonlichter explodierten in Blau, wechselten ins Grüne und wichen ins Violette. »Ach komm, so schlimm ist es doch nicht.«, beschwichtigte Peter seine Verlobte und erntete einen giftigen Blick.

Patricia Holgerson versuchte Slanka verständlich zu machen, dass sich das Image einer seriösen Kanzlei nicht mit einem ‚Jingle Bells‘ singenden Fisch an der Wand vereinbaren lies. »Slanka, das muss weg!« »Ah, Chefin – ich verstehe.« Patricia Holgerson zweifelte, dass die Hilfskraft verstand, was sie meinte. Aber Slanka nickte eifrig und beharrte »Ich weiß, ich weiß. Chefin nicht gefallen. Ich mache anders.« Am Abend stand Patricia Holgerson vor einer mit Lametta und Christbaumkugel behängten Yuccapalma. »Besser?«, fragte Slanka und lächelte. Patricia Holgerson seufzte. Sie erkannte aussichtslose Fälle und die Akte Slanka musste umgehend geschlossen werden. Für immer. Als Peter Weiß am nächsten Tag die Kanzlei betrat, fand er die Räume wie eh und je stilistisch auf ein Minimum reduziert vor. Nichts wies mehr auf das kurze Weihnachtsinferno vom Vortag hin.

Wo ist Slanka?«, fragte er. »Sie musste uns leider verlassen.« »Wieso denn das?« Patricia Holgerson musterte ihre Hände, einer ihrer Nägel war abgebrochen. Außerordentlich ärgerlich. »Ach, unüberwindbare Differenzen.« »Aha«, murmelte Peter und zog seinen Mantel aus. Patricia Holgerson erstarrte. Um den Hals ihres Verlobten hing eine abscheuliche Krawatte, auf der ein dreidimensionaler Schneemann aus Watte  winkte. Patricia Holgerson straffte ihre Schultern und zog eine Schere aus ihrer Schreibtischschublade. Manche Dinge durfte man nicht zulassen. Schließlich war sie eine Frau mit Stil.

MiniKrimi vom 19. Dezember


Eine falsche Perle

„Ella, du siehst fantastisch aus“. Monique tut nach außen hin begeistert, innerlich nagt die Eifersucht. Ihre „Freundin“ Ella war normalerweise notorisch gestresst, mit immer leicht zerzausten Haaren und dem gewissen Etwas, das ihre Kleidung unordentlich aussehen ließ, unabhängig davon, ob sie von Kenzo oder Prada war. Ein abgerissener Knopf, ein herunter getretener Saum, ein Fettfleck auf der Brust. Aber heute steht sie vor Monique und Babsi und strahlt vor Ruhe und Perfektion. Alles an ihr sitzt und passt. „Mädels“, ihr glaubt es nicht. Ich habe die perfekte Hilfe gefunden. Seitdem klappt bei uns einfach alles.“ Ella schlägt die Beine elegant übereinander und bestellt ein Glas Champagner. Für alle. „Ich geb ne Runde aus“, sagt sie und berichtet von ihrer neuen Perle. Sie ist zu gut, um echt zu sein, denkt Monique, und zur Eifersucht gesellt sich auch noch Neid. Dora putzt und bügelt, wäscht und kocht, räumt auf, kauft ein. Und ganz nebenbei hat sie noch den chaotischen Terminkalender von Mike, Elias Mann, auf Vordermann gebracht. „Ohne sie könnten wir gar nicht mehr leben“, lacht Ella. „Und wo ist Dora jetzt?“, fragt Monique. „Das ist das allerbeste,“ erklärt Ella. „Gestern Abend wurde Mike doch tatsächlich von der Polizei angehalten, als er schnell im Auto Zigaretten holen wollte. Als hätten die den siebten Sinn. Mike trinkt ja sonst nie etwas. Aber Dora hatte so einen tollen Punsch gemacht. Egal, jetzt fährt sie ihn ins Büro, als Sühne, sagt sie.“

„Hast du keine Angst, dass Dora mit Mike mehr als nur Auto fährt?“, fragt Monique, und ein hämisches Lächeln spielt um ihrer aufgespritzten Lippen. „Ach was, Dora ist mindestens so alt wie Mike, und außerdem ist sie fett und hässlich. Fast so wie seine Ex. Nein, da besteht keine Gefahr.“

Die Freundinnen schlürfen genüsslich den Champagner und schauen dabei den jungen Burschen hinterher , die vor dem Straßencafé auf und ab gehen. „So macht das Leben Spaß“, seufzt Ella.

Da klingelt ihr Handy. „Hallo?…. Ja…. Jaja, das ist mein Mann. Was? Oh mein Gott!“ Unter dem Make-up wird Ella kreidebleich. „Das war die Polizei“, sagt sie. „Mein Mann hatte einen Unfall. Er ist tot.“ „Und Dora?“ „Dora? Von der haben sie kein Wort gesagt.

Mühelos hat sie mit Mikes Kreditkarte einen Wagen bekommen, ihn am Flugplatz abgestellt und einen Last-Minute-Flieger auf die Bahamas gebucht. Seine Unterschrift kann sie immer noch täuschend echt nachahmen. Die schwarze Perücke und die Polster unter ihrer Kleidung hat sie in einem Schließfach hinterlegt und den Schlüssel in den Fluss geworfen. „Du hast gedacht, du könntest mich einfach so verlassen, nach zwanzig Jahren Ehe? Und dann mit so einer dummen Schlampe wie dieser Ella? Ich hab von dir gelernt, mein Lieber. Rache ist süß. Danke, dass du mir auch noch den Tresorcode im Keller gesagt hast, aus reiner Faulheit“, denkt Gina Dora McDaniel. Und trinkt einen kräftigen Schluck Whiskey auf den Tod ihres Ex-Mannes Mike, während ihr Flugzeug der Sonne entgegen schwebt.

MiniKrimi vom 18. Dezember


Dieser Krimi wurde von meiner IsarChillies-Kollegin Kathrin Schubert geschrieben. Er ist spooky und thrilling zugleich. Viel Spaß beim Lesen!

 

Rabenkrähe1

Die Krähe

Die Krähe landet auf einem Baum wenige Meter vor mir. Hüpft von Ast zu Ast und krächzt dabei so engagiert, dass ich stehen bleibe. Vielleicht gefällt ihr das – jemand hört ihr zu. Sie starrt zu mir herunter und ich starre zu ihr hinauf. Die Krähe auf dem Ast vor mir wird immer lauter, schreit sich geradezu die Seele aus dem Leib. Dann flattert sie auf und verschwindet über den Dächern der Wohnblocks am Isarkanal. Bevor ich es weiß, fasse ich in meine Manteltasche: Der Schlüsselbund fehlt.

Sicher ist Britt um diese Zeit zu Hause, dann komme ich wenigstens rein. Britt Kristensen. Meine ominöse Mitbewohnerin. Alleine zu leben, kam mir seltsam vor nach der Trennung von Daniel. Und irgendwer musste den zweiten Teil der Miete zahlen. Ich habe Britt vor einem halben Jahr über eine Chiffre-Anzeige kennengelernt. Sie ist die perfekte Mitbewohnerin: single, ordentlich, und still. Wirklich grabesstill, fast schon beunruhigend: Kein Laut dringt durch ihre Tür in der eigentlich hellhörigen Wohnung.

Arbeit-Fernsehen-Schlafen scheinen ihre Tage zu strukturieren. Wir haben nie zusammen Freunde getroffen. Mein Telefon nutzt sie nicht, nur ihr Handy. Wie verbringt sie ihre Tage? Was arbeitet sie eigentlich? Woher kommt sie? Wie lange wohnt sie schon in München? Erst bei diesem Spaziergang fällt mir auf, dass ich rein gar nichts über die dürre, nervöse Frau weiß, mit der ich seit Monaten mein Zuhause teile. Meinen bisher zermürbendsten Lebensabschnitt haben in letzter Zeit mein Scheidungsprozess und eine gleißende Wut bestimmt. Ich habe bis zur Besinnungslosigkeit gearbeitet. Nur nicht zur Ruhe kommen, nur nicht nachdenken, den Schmerz und die Demütigungen irgendwie verdrängen.

Britt ist mir ein Rätsel – aber keine unangenehme Person. Und in diesem Jahr habe ich einfach keine Lust auf „Happy-family“-Theater am Heiligabend. Deshalb schlug Britt vor, wir könnten zu Zweit zu Hause „feiern“. Ich kann mir zwar noch nicht vorstellen, wie wir zusammen kochen und „Oh du Fröhliche“ am vertrockneten Adventskranz singen. Bis jetzt ist sie immer nur in die Küche gehuscht, wenn ich nicht da war. Sie frühstückt nicht und kocht nie. Aber versuchen kann man es.

Jedenfalls wird es höchste Zeit für mich, wieder neuen Mut zu fassen! An diesem klaren Wintertag beginnt mein neues Ich, zu leben – wenn mich die Krähe dieses Mal verschont, denke ich halb belustigt, halb ängstlich. Ich beschließe, gleich nett mit Britt zu plaudern, sie auf ein Glas Wein einzuladen. Vielleicht hat sie etwas auf dem Herzen, traut sich aber nicht, darüber zu sprechen? Vielleicht ist sie einsam oder depressiv? Mit diesem lächerlich-gutmenschlichen „Jeden Tag eine gute Tat“-Gedanken mache ich mich beschwingt auf den Heimweg. Und versuche dabei, nur wenigen Weihnachtsfanatikern zu begegnen, die eine Lawine von Geschenktüten durch die Stadt jagt.

Doch irgendetwas stimmt nicht in meiner Wohnung. Alle Lampen sind an, obwohl es noch hell ist. Hinter meinen Fenstern bewegen sich schnelle Schatten. Britt hat nie Besuch! „Sind Sie Frau Hesse?“ Ich spüre einen scharfen Blick im Rücken und drehe mich um. „Ja, das bin ich. Was machen Sie in meiner Wohnung? Wo ist meine Mitbewohnerin?“ Der Polizist mustert mich skeptisch. „Was reden Sie da? Sie wohnen hier doch offensichtlich allein.“ Ich ging durch die Wohnung. Alles verlassen, als habe Britt nie existiert. Meine Möbel standen wieder so wie vor ihrem Einzug. Sogar die eingemotteten Vorhänge hingen. Ihr Zimmer war wieder mein altes Bügelzimmer. Im Bad keine Spur einer anderen Person. Keine zweite Zahnbürste, kein verhasster Zahnpastarand am Waschbecken. Nicht ein einziges Haar hat sie hinterlassen. Wie ein Spuk.

Eine schockierende Hinterlassenschaft entdecke ich allerdings im Briefkasten, den wir mangels Schlüssel aufbrechen müssen. Ein ganzer Haufen von Briefen prasselt auf den Boden. Ich traue meinen Augen kaum: Mahnbescheide, Vorladungen, Mitteilungen des Gerichtsvollziehers, Anwaltsschreiben! Papierne Hiobsboten, die der Briefträger mit professioneller Gleichgültigkeit täglich eingeworfen hatte. Die Beamten sehen zufrieden aus. Süffisant belehrt mich einer „Können Sie sich jetzt denken, warum wir hier sind? Ihre Gläubiger haben die Geduld verloren. Und den Gerichtsvollzieher wollten Sie ja nicht reinlassen – jetzt hat er sich Verstärkung geholt.“

Britt öffnete immer den Briefkasten. Warum ließ sie die wichtigste Post drin? Dieses Mahn-Drama habe ich ihr zu verdanken. Und den Besuch der Beamten – denn ich habe ganz sicher mit keinem Gerichtsvollzieher gesprochen bzw. ihn nicht reingelassen. Es gibt nur eine Erklärung für diesen Schlamassel: Ich habe Britt – wenn sie denn nicht nur in meiner Fantasie existiert – einmal meine Kreditkarte für eine Bestellung geliehen. Die Nummer muss sie sich notiert haben. Natürlich waren alle Rechnungen an mich gerichtet. Sie hat Dinge bestellt und sich zu einer Paketbox liefern lassen, die nicht in meine Lebenswelt passten. Teures wie Schmuck und Designermode (die sie nie trug), und völlig Überflüssiges aus dem TV-Shopping. Und keine der Rechnungen war bezahlt. Britt Kristensen ist eine Hochstaplerin, die jetzt wahrscheinlich schon woanders anonym ihr Unwesen treibt. Und ich bin über alle Maßen verschuldet.

Im Bad öffne ich das Fenster und ringe nach Luft. Eine seltsam kühle Stille beherrscht den Hof. Unheilbringend. Dann nehme ich einen schweren Flügelschlag wahr. Mit einem wütenden Kreischen schießt mir pfeilschnell eine Krähe entgegen. Das Fenster schließe ich in letzter Sekunde und sehe das Tier an der Scheibe verenden. Sein silbrig-schimmerndes Gefieder färbt sich rot. Fest umklammert im Schnabel glänzt… mein Schlüsselbund!