Freitag, der 13.


Pluderhose an und Samtwams drüber. Krummsäbel umgeschnallt und die Haare schwärzt gegelt. Fertig ist der Prinz von Theben. Er steigt in den Fahrstuhl. Der Spiegel wirft ihm das Bild eines Fremden zurück. Sehr gut. In der Untenwelt gelten andere Gesetze als oben. Gleich ist er dort. Minus 777 gibt er ein. Das Gitter rasselt herunter, Eisen schlägt auf Eisen, rastet ein. Die Türen schließen hermetisch,  und scheppernd setzt sich der Aufzug in Bewegung. Rast durch die Erde und die Zeit. Siebenhundertsiebenundsiebzigste Etage. „Aussteigen auf eigene Gefahr.“ hallt es von den Wänden. Die Tür öffnet sich, und der Prinz von Theben tritt in einen dunkelrot bemalten Flur. Fackeln in Nischen, die in regelmäßigen Abständen in die Wand gehauen sind, spielen flackernd mit Licht und Schatten. Am Ende des Flurs öffnet sich ein Torbogen auf eine weite Halle. Sie liegt in blauem Dämmerlicht. Rufe, Schritte und harsche Kommandos hallen herüber. Der  Prinz schmiegt sich in eine der Nischen und wartet. Da kommt ein Krieger aus der Halle in den Flur. Seinen Kopf ziert ein gepanzerter Helm mit Federn aus Stahl, an den Enden schillern vergiftete Pfeilspitzen. Er ist in einen Fellmantel gehüllt und trägt eine Armbrust über der Schulter. Er hat es eilig. Zu eilig. Der Prinz ersticht ihn im Vorübergehen. „Guuut gemacht“, hallt es leise von den Wänden, und grüne Ziffern stehen sekundenlang im Raum. Vom Erfolg berauscht, wird der Prinz übermütig. Er verlässt seine Deckung und tritt in den Torbogen. Auch den nächsten Krieger kann er mühelos erlegen. Doch als er sich bückt, um ihm den mit Diamanten besetzten Gürtel abzunehmen, sind die Feinde plötzlich über ihm. „Hmmm, Bluuuuut!“ schmatzt es an seinem Ohr, und er sieht einen alterfaltigen Vampir die Lippen schürzen. Er schiebt sein Gesicht ganz nah an den Prinzen heran, seine zwei elfenbeinfarbenen Hauer fertig zum Biss. „Halt, er gehört mir!“, schreit eine Amazone. Ihr halbes Gesicht ist von einem Platinpanzer bedeckt, seit es ihr von einem Morgomongus zerfetzt wurde. Ihre Haare sind züngelnde Schlangen, und wenn sie spricht, speit sie Speichel aus Blut. Sie hebt ihre mit Feindeslocken gespickte Lanze hoch über den Kopf, die Schlangen steigen an ihr empor. „Ahhhh!“ schreit sie. „Ahhhh!“ „Jaa!“ Und stößt zu.

„Cut! Cut. Cut!!! Ehrlich, Andrea, wie oft soll ich dir das noch sagen. Du kannst meinetwegen alles schreien, was dir so einfällt.  Tod oder Rache oder Aaaarrgg, aber bitte nicht Ahhh!  und dann Jaaa! Wir drehen hier einen Horrorfilm, keinen Fantasy-Porno!“

Viola und der Grant (ein Auszug)


Der Stadtpark ist menschenleer. Abendschatten lecken an den schneebepuderten Hängen, mit dem welken Laub darauf sehen sie aus wie Nussecken in einer riesigen Konditoreiauslage. Krähen schaukeln auf den kahlen Ästen, blaue Wolken mit zartrosa Rändern winden sich sanft um die Kronen der Bäume. Die Dämmerung lauert auf ihren Auftritt. Der gefrorene See glänzt aus der Tiefe herauf, die Schwaneninsel in der Mitte wie ein dunkles, tannenbewimpertes Auge. Am Ufer zieht Viola die Schlittschuhe an. Es sind nur drei Jugendliche auf dem Eis. Sie beachten das Mädchen nicht weiter. „Na, Eisprinzessin?“ flüstert die Stimme, von der Viola nicht weiß, ob es ihre eigene ist. „Ist das nicht wunderbar?“ Ja, das ist es. Wunderbar und still und genau so, wie es sein sollte, am Heiligen Abend. Viola zieht ihre Kreise, immer weiter, immer mutiger. Die Eisprinzessin erkundet ihr Reich. Sie gleitet am Ufer entlang bis zum hinteren Schilf. „Da sollst du nicht hin, sagt Papa. Das Eis ist zu dünn“. „Ach was. Hab ich Angst? Nein, vor was denn?“

Fifty ways 2.0


Du bist deinem Göttergatten auf die Schliche gekommen und er hat ne Affäre? Sie ist klassischerweise zehn Jahre jünger als du, zehn Kilo dünner und hat täglich zehn Stunden mehr Zeit als du. Und die setzt sie für ihn ein, während du seine Kinder zur Schule fährst, deinen Job machst, auf dem Heimweg einkaufst, zu Hause was Gesundes kochst, mit deinen Kindern isst und dabei mit ihm telefonierst und erfährst, dass er leider heute wieder nicht vor Mitternacht nach Hause kommen wird, wegen eines erneuten aufwändigen Meetings mit Wem auch immer. Aber du hast jetzt einen Namen. Und einen Plan. Oder zwei. Oder drei.

Plan 1:
Er hat seit neuestem einen tiefen Schlaf. Kein Wunder, er ist ausgepowert. Du nicht, deshalb bleibst du wach und tippst eine SMS in sein Handy. Das hat er so typisch im Geheimfach seiner Aktentasche versteckt, dass du es gleich gefunden hast. Du kennst ihn eben. „Kann nicht schlafen, ohne dich. Muss dich sehen. GLEICH. In der Tiefgarage.“ Du nimmst sein Auto und seinen Hut, du fährst ihr entgegen und dann über den Haufen. Passiert schon mal, nachts. Zeugen gibt es keine. Aber er hat morgen Erklärungsnot. „Nein, mein Mann war gestern nacht leider nicht zu Hause.“

Plan 2:
Du wartest, denn das hast du gelernt. Endlich friert es. Zehn Grad unter null. Du nimmst wieder sein Handy – am gleichen Platz, und schreibst ihr, diesmal allerdings bestellst du sie zum Monopteros. Rendezvous bei Schnee und Mondschein! Du erwartest sie im Säulenschatten einen 10 Liter-Eimer-Wasser in der Hand. Als sie die steilen Treppen hochsteigt, kippst du das Wasser aus – bei der Rutschpartie auf diesem Blitzeis bricht sie sich ganz sicher Herz und Hals.

Plan 3:
Du folgst ihr zum Fitnessclub und wirst ihre beste Freundin. Du bist witzig, du bist ungefährlich. Du erzählst von deinem Mann. Die reinsten Horrorstories. Wie er sich vom Märchenprinz zum Faulen Sack verwandelt hat. Wie er die Frauen abserviert. Die Kinder quält. Frösche isst und Katzen tötet. Dass er dich schlägt und jetzt auch noch um deinen Lottogewinn bringen will. Eine Million. Sie ist gerührt. Hat Mitleid.  Will dir helfen. Ihr geht es doch so gut mit ihrem tollen Liebhaber. Sie tüftelt den perfekten Giftmord aus. Natürlich weiß sie immer noch nicht, wer das Opfer wirklich ist. Weil du zu schwach bist, stellt sie ihm den Arsenkaffee hin, klammheimlich. Als sie ihn erkennt, ist es schon viel zu spät. Zum Glück hast du sie auf frischer Tat ertappt und die Polizei geholt.

Jetzt musst du nur noch Lotto spielen, dann gewinnst du auf der ganzen Linie.

Fifty ways…..


„Schatz, mir ist plötzlich so schwindelig, kannst du mir kurz helfen, das Fenster zu putzen?“ eR ist hilfsbereit – aber nur, weil sIE  keinen Schlüpfer unterm Mini trägt. Er klettert auf die Leiter, greift nach ihr. sIE fällt – oder sie springt – und er verliert das Gleichgewicht. Das Fenster ist weit offen und liegt im siebten Stock. sIE beugt sich runter: „Ups“.

„Hast du was gesagt, Liebling?“ eR steht am Fuß der Leiter, ein Glas Bier in der Hand. „Cheers!“ Dann macht eR den Fernseher an.

„Halt mal still, sonst schneide ich dir noch ins Fleisch“. Mit geübten Griffen führt sie das Rasiermesser. Macht sIE ja schon seit Jahren. „Wofür Geld ausgeben, das kannst du auch lernen“, hatte eR gesagt. Und so war es gewesen. Nie war er zufrieden, aber zum Barbier ging er trotzdem nicht, kaufte auch kein Rasiergerät. Der Geizkragen. „Verdammt, jetzt pass doch auf,“ brüllt er und fasst sich an den Hals. Seine Augen weiten sich, als er das Blut an seinen Fingern sieht. So viel.  So rot. Sie zieht noch einmal nach, von links nach rechts. Geübt ist geübt.

„Blöde Schlampe“, murmelt er, springt auf und holt den Hirschhornstift.

„Lass nur, Schatz, ich fahr den Wagen schnell in die Garage.“ „Gut. Aber pass auf, dass du mein Motorrad nicht rammst.“ „Ich bin doch nicht blind!“ „Aber blöd,“ lacht er. Da kracht die Stoßstange schon in seine Harley. „Schei…“ schreit er und wirft sich dazwischen. „Stopp! Stopp! Stoooopp!“ sIE ist erschrocken. Wird nervös. Verwechselt Gas und Bremse. Vollgas! Kann ja mal vorkommen.

Kann. Darf aber nicht. Sie schaut in den Rückspiegel. Wartet darauf, dass eR sie – wie gewohnt – aus ihrem rachesüßen Tagtraum reißt. Schreit. Schimpft. Brüllt. Schlägt.

Stille.

Manchmal werden Träume wahr.

 

Strahlenwüste


Die Hitze schwebt über der Piste wie ein Band aus Blei. Sie singt. „Hast du gewusst, dass die Hitze singt, Joe?“ „Das sind die Zikaden, Mann.“ „Das ist die Hitze. Sie singt dich in den Schlaf, und wenn du die Augen zumachst, trinkt sie dir den Verstand aus dem Hirn und bringt dein Blut zum Kochen wie heiße Chilischokolade.“ „Son Quatsch, Mann. Hat deine Mutter zu lange Händchen gehalten, bei dir? Was für Ammenmärchen sind das bloß?“ Joe und Bill sitzen im Sand am staubigen Straßenrand. Ein Reifen des geklauten LKWs ist geplatzt. „Das gibt’s doch nicht, die hatten beim Transport echt keinen Ersatzreifen dabei?!“ Das war vor drei Stunden. Seitdem starren sie auf die schnurgerade Straße hinter ihnen, auf die schnurgerade Straße vor ihnen, hoffen und fürchten, dass ein Wagen kommt. „Was machen wir, wenn das erste Auto son kleiner Flitzer ist, am Ende auch noch n Cabrio? Wir können die Kisten unmöglich in nen PKW umladen.“ „Nee das geht nicht. Dann fahr ich zur nächsten Tanke und klau n großen Wagen, und du bleibst hier.“ „Biste blöd? ICH fahre und du bleibst hier!“ „Wie du willst, Mann“. Inzwischen hat sich die Sonne in ein Himbeerbonbon verwandelt und beim Auflösen im Horizont die Himmelslagen blutorange gefärbt. Jetzt ist es Nacht, und die Hitze aus Blei klebt schwarz an den schweißnassen Hemden, den feuchten Gesichtern, der LKW-Plane, der Motorhaube. „Du, Joe, mir ist übel. Hast du noch Whiskey?“ „Ne, und auch kein Wasser.“ „Sag mal, Joe, was werden die machen, wenn wir den LKW nicht abliefern mit der ganzen Ware?“ „Die werden denken, wir haben sie über’s Ohr gehauen. Die werden uns suchen und abknallen.“ „Komm, Joe. Ne Kiste für dich, ne Kiste für mich. Das reicht, um reich zu werden. Nicht megareich, aber auch nicht tot“.

Am nächsten Morgen haben Joe und Bill mit ihren Kisten die Grenze erreicht. Sie haben Durst, sie haben Hunger. Sie haben schwarze Flecken auf der Haut und rote Risse in den Augen. Sie haben Kontakte und bald wieder Geld. „Hey Joe, warum hat der Typ uns viel Glück gewünscht? Warum  hatte der nen Ganzkörperanzug an und nen Helm auf?“ „Keine Ahnung. Mann, ist mir übel. Mach mal den Fernseher an“.

„Las Cruces. Vor drei Tagen haben zwei Männer einen Urantransport überfallen. Der gestohlene LKW mit einem Teil der Ladung wurde in der Chihuahua-Wüste mit einer Reifenpanne gefunden. Von den Männern fehlt jede Spur. Die Polizei geht davon aus, dass sie mit Uran über die Grenze gegangen sind. Sie tragen keine Schutzkleidung und müssten daher inzwischen eine tödliche Strahlendosis abbekommen haben.“

Spurensuche


So ein schöner Tag! Wie geschaffen für eine Schneeschuh-Wanderung! Und eine prima Gelegenheit, zu testen, wie ihr Hund im Gelände geht, denkt Teresa. Ihr neuer Hund. Oleg heißt er, und sie hat ihn schon im Sommer in den Bergen trainiert, aber nur an der Schleppleine. Oleg ist ein Schlittenhund-Mischling, und Teresa hat seinen eigenwilligen Charakter noch nicht ganz im Griff. „Muss der Hund unbedingt mit?“ Michael, ihr Tourenfreund, ist nicht begeistert. „Der hält uns doch nur auf.“ „Ach was, der zieht dich höchstens, wenn du schlapp machst!“ Teresa ist gut gelaunt, und auch Oleg genießt den Ausflug. Er jagt im Schnee hin und her, immer weiter zieht er seine Kreise, während die beiden auf ihren Schneeschuhen lautlos durch die Winterlandschaft gleiten. Der Tag steht still. Andächtig neigen Tannen ihre weiß gesäumten Arme. Die Sonne zeichnet blaue Muster auf den Weg und wirft mit schattenloser Geste leuchtende Kristalle auf die weiten Hänge. „Wir sind schon fast am Gipfel, nur noch dieser Überhang“, sagt Michael. Plötzlich schlägt Oleg an. Er steht ganz vorne, dicht am Grat. Die Nackenhaare aufgerichtet und den Schwanz gerade ausgestreckt. Dann rennt er zurück und beginnt Teresa zu umtanzen. „Oleg, aus, lass mich, wir müssen weiter.“ Aber der Hund ist nicht zu halten. „Siehst du, war mir klar, dass das Probleme gibt. Nimm ihn halt an die Leine und Schluss.“ Doch genau das gelingt Teresa nicht. Oleg lässt sich nicht greifen. Er stimmt ein langgezogenes Jaulen an und stößt Teresa immer wieder mit der Schnauze in die Kniekehle. Schließlich läuft er davon. „Oleg, hier,“ ruft sie. Vergeblich. „Ich muss ihn holen, sonst verlieren wir ihn. Komm.“ Aber Michael hat keine Lust. „Ich geh schon mal zum Grat.“ Teresa wird ihn nie mehr wiedersehen. Sie geht alleine los, folgt Olegs schnurgerader Spur. Sie ruft ihn, immer wieder. Und hört schließlich sein langgezogenes Heulen. Dann sieht sie ihn. Er liegt hechelnd unter einem großen Felsvorsprung, die rosa Zunge hängt ihm aus dem Maul wie ein frisch gefangener Lachs. „Oleg, hier!“ Keine Reaktion. Aber als sie sich neben ihn in den Schnee fallen lässt, läuft er nicht davon. Große schwarze Augen schauen sie an, dann legt er seine Schnauze still auf ihre Handschuhhand. Sie kann ihm nicht böse sein. „Komm, Oleg, genug gespielt, wir gehen“. Und dann hört sie es. Ein Grollen, leise erst, dann schnell immer lauter werdend, wie ein Orkan oder ein Donner, und da geht auch schon die Welt um sie herum ganz plötzlich unter.

Seit dem Tag, an dem Oleg Teresa vor der Lawine gerettet hat, geht sie keinen Schritt mehr ohne ihn.

Doppelte Gerechtigkeit


Wie durch einen Zauber erstirbt die Neonbeleuchtung. Die Kerzen in dem schweren Silberleuchter auf dem blanken Holztisch malen flackernde Schatten an die Wand. „Nun lasst uns entscheiden, wen heute unsere Gerechtigkeit trifft“. Eine Stimme aus Stahl. Ohne Mitleid. Der Mann am Kopfende reicht eine polierte Schale weiter, und einer nach der anderen werfen die Zwölf zu Kugeln gerolltes Papier hinein. Ihr Führer schließt die Augen, lässt die Hand eine kleine Unendlichkeit lang über der Schale schweben, dann greift er hinein. „Familie Schmitz“, liest er aus der entfalteten Kugel. „Ihr wisst, was zu tun ist. Gehen wir.“

Sörens Zunge bohrt sich in Biancas Ohr. Sie stöhnt. Seine Lippen gleiten hinunter, über ihren Hals und das Tal zwischen ihren Brüsten. Als er Wodka in ihren Bauchnabel kippt und geräuschvoll schlürft, schreit Bianca laut auf. „Hey, müssen wir nicht leise sein, du weißt schon, wegen deiner Nachbarn? Nicht, dass die dir wieder so nen Zettel in den Briefkasten werfen…!“ „Keine Sorge, Kleiner, die Schmitzens tun das nie wieder.“ „Echt? Wie haste’n das geschafft?“ „Ach, egal. Ich kenn da so Leute, weißt du…… Übrigens, wie heißt denn die Rentnerin, die dich an der Supermarktkasse so zusammengeschissen hat, weil du dich vordrängeln wolltest?“ „Mann, war die blöd. Ich wollte nur’n paar Bier kaufen für unseren Fußballabend und war eh schon spät dran. Und die Kuh hat gemeckert. Dabei hat die doch nix mehr zu tun, kann se mich doch vorlassen. Hab ich ihr auch deutlich klar gemacht. Meyer hieß die, glaube ich. Wohnt gegenüber.“ „Meyer??? OMG! Sören, zieh dich an, wir müssen hier weg. Gleich!“

Sören ist nicht der Schnellste. Als die Wohnungstür aufgebrochen wird, zieht er sich gerade die Hosen hoch. Der Schuss aus der 9mm trifft ihn mitten ins überraschte Gesicht. „“Aufhören! Ich bin Bianca, eine von Euch!“ „Tut uns leid, Bianca“, sagt die Stimme aus Stahl. „Gleiches Recht für alle.“

Nikolaus


„Ich will noch nicht sterben“.  War das ein Gedanke? Oder hat das Lumpenbündel am Stadttor diese Worte geflüstert? Dämmerung ist in die Gassen eingefallen wie ein starker Feind. Die Marktleute packen eilends ihre sieben Sachen – es ist nicht gut, bei Dunkelheit noch unterwegs zu sein.  Schwer liegen die Gerüche des Tages in der Luft. Verkohltes Holz von der letzten Glut wärmender Feuer, Fett und Suppe, Talg. Kot und Urin. Die Gassen sind voll davon. Mütter tragen ihre Kinder nach Hause, Bauern treiben Schweine und Gänse vor sich her. Über den Himmel jagen wilde Wolkenreiter, ihr eisiger Atem zerrt an den eben entzündeten Fackeln in den Mauernischen. Der große Mann verbirgt sein Gesicht im wolligen Umhang, er schaut nicht auf und geht schnell hinunter zum Tor. Lautlos auf dem Kopfsteinpflaster. Soldaten kriechen wie Mäuse aus  Mauerlöchern. Er beachtet sie nicht und bleibt ungesehen. „Jetzt holen sie mich. Jetzt finden sie mich.“ Wieder ein Flüstern. Das Bündel schmiegt sich eng an die Steine, schmutziges Leinen am erdbraunen Wall. „Jetzt bin ich verloren. Weil mein Vater die Schulden nicht zahlen kann, holen sie mich.“ Der große Mann bleibt stehen. Zieht aus dem Umhang die Hand hervor und ein Ledersäckchen. „Du musst keine Angst haben. Er kann dich nicht mehr verfolgen. Keiner wird dich holen. Komm.“ Aus den Lumpen schält sich eine kleine Gestalt. Kaum noch Körper, nur Augen, Füße und Hände. Schwarze Locken. Ein Kind. Es schaut auf zu dem großen Mann, dann ergreift es die Hand und richtet sich auf. Der kleine Körper brennt von den Bissen der Kälte. Er lächelt es an, dann dreht er sich um und geht mit entschlossen ruhigen Schritten zum Stadttor hinaus. Ein letzter Schatten, den die Dunkelheit schluckt. Das Kind sieht ihm nach, dann  schließen sich klamme Finger um das Ledersäckchen, und es rennt atemlos bis in sein sicheres Versteck in der Scheune am Gasthaus des Vaters. Zwanzig Gulden, zählt es. Am Leder klebt Blut.

Under Cover


Schon wieder so spät! Eigentlich wollte Alexa heute wieder mal vor Mitternacht zu Hause sein, aber dann hat es im Schneideraum doch so lange gedauert. Mechanisch greift sie nach dem Handy. „Lust auf Sushi und Champagner, Süße? Und auf mich? Dann komm. Ich warte“. Das war um neun. Danach hat er ihr nicht noch mal geschrieben. Ach, Sascha. Wenn Alexa an ihn denkt, laufen ihr tausend Spinnenbeine den Rücken hinunter, und der Magen wird sehr flau. Und nicht nur, weil sie außer einer belgischen Praline zum Espresso noch kaum etwas gegessen hat. Sascha turnt sie an. Sascha macht sie heiß. Und unsicher. Sie hasst Unsicherheit. Warum versteht er nicht, dass dieser Film so wichtig ist, für sie? Der Durchbruch, endlich. Alexa under Cover kommt gut an. Die Episode als Au-Pair war super. Aber die Sendung „Alexa auf der Straße“ wird der Hit. Jetzt ist sie fertig.  Alexa wird Sascha den Directors Cut zeigen, als Wiedergutmachung. Dann wird er sie verstehen. Wenn er nicht schon abgehauen ist….. Ihre Schritte hallen überlaut im leeren Treppenhaus. Alles ist dunkel. Auf dem Parkplatz ist schon wieder die Laterne ausgefallen. Warum waren morgens immer nur die hintersten Stellplätze frei? Irgendwo schlägt eine Tür. Alexa bleibt stehen. Bewegt sich ein Schatten? Sie greift in die Manteltasche. Von ihrer Obdachlosen-Tour hat sie ein Stilett behalten. Verboten, eigentlich. Aber es gibt Sicherheit. Was war das für ein Ton? Ach, ihr Handy. Sascha. Nein, sie geht jetzt nicht ran. Keine Diskussionen, sie kommt lieber selbst. Alexa öffnet das Auto, da legt sich aus der Dunkelheit von hinten ein Arm um ihre Taille, Lippen pressen sich auf ihren Nacken.  Alexa reagiert automatisch. Sie zieht das Stilett aus der Manteltasche und sticht zu. DerAngreifer sackt lautlos zu Boden. Jetzt erst hat sie Angst. Erstarrt. Nimmt das Handy, um Sascha anzurufen. Es klingelt. An ihrem Ohr. Und ganz in der Nähe. Hier. Vor ihren Füßen auf dem Asphalt. Sie kniet sich neben ihn. „Über…raschung….Süße“, flüstert er noch.