Opfer, g’schleckerte!


MONun wissen wir es. Nicht, dass wir darauf gewartet hätten. Ich zumindest hatte bis heute um 7.08 Uhr sogar vergessen, dass es so etwas Weltbewegendes wie eine Jury aus Sprachforschern gibt, die aus 2241 (die Zahl wurde nachträglich nochmal nach oben korrigiert, aha) Einsendungen in einer Sitzung, über deren Länge und Ausgestaltung nichts weiter in den Medien steht, ein „Unwort“ kürt. Wobei das Wort „küren“ eigentlich durch einen negativ konnotierten Gegensatz ersetzt werden müsste. Aber das sind sprachwissenschaftliche Peanuts, bzw. Kleinzudruckendes, um im Sprachbild zu bleiben. „Der Begriff Unwort ist ein Schlagwort aus dem Bereich der Sprachkritik und bezeichnet ein „unschönes“, aber auch ein „unerwünschtes“ Wort“, lese ich. Einmal. Und noch einmal. Ich zumindest habe Opfer-Abo noch nie gehört. es ist mir so fremd, dass ich ihm nicht einmal Attribute wie „unschön“ oder „unerwünscht“ zuordnen kann. Offensichtlich konnten das auch die Einsender  nicht, bzw. war das Wort einer breiteren und engagierten Öffentlichkeit völlig unbekannt, denn unter den 1019 unterschiedlichen Vorschlägen rangiert es an hinterster Stelle. Im Vorfeld wurden die „Schlecker-Frauen“ als Nummer Eins gehandelt, gefolgt von der „modernen Tierhaltung.“ Prompt sieht sich die Vorsitzende der „Unwort“-Jury im Erklärungszwang und sagt, es sei schon mehrfach ein einzelner Vorschlag ausgewählt worden. Mag ja sein. Aber ganz ehrlich: „Opfer-Abo“! Das Wort bleibt völlig geschmacksneutral, auch, wenn ich es wieder und wieder auf der Zunge zergehen lasse, als Linguistin, die ich – ja! – bin.

Nein, es ist nicht selbsterklärend. Zum Glück kommen mir die Medien zu Hilfe, beziehungsweise die Jurymitglieder selbst. Sie bezögen sich auf eine Äußerung des „gestürzten Wettergottes“ (Anm. d. Red.). Jörg Kachelmann, der in einer Talkshow gesagt habe, Frauen würde in Vergewaltigungsverfahren „stets die Opferrolle zugesprochen werden“. Ah ja. Jetzt bekommt das Wort einen Geschmack. Oder vielmehr ein „Geschmäckle“! Und ich frage mich ernsthaft  dreierlei.

Erstens: woher in aller Welt diese „unabhängige, sprachkritische Jury mit ihrer Sprecherin in Darmstadt“ ihre Legitimation erhält. Gut, da hat die Gesellschaft für deutsche Sprache die Wahl zum Unwort des Jahres 1994 abgegeben. An eine „institutionell unabhängige“ Jury. Ok. Über die Hintergründe hierzu darf spekuliert – und vor allem recherchiert werden.

Zweitens: was macht „Opfer-Abo“ zum Schlagwort? (Definition: Begriff, der den Inhalt eines Dokuments auf der Grundlage eines normierten Begriffsverzeichnisses beschreibt). Normiert? Ah so. Ja. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Ich schaue mir dir „Norm“ der Jury an.

Und ich frage, drittens: waren die vier männlichen Mitglieder in Zugzwang gegenüber der weiblichen Sprecherin? War das also eine veritable „Opfer-Abo“-Situation? Wenn ja, dann wäre es für das öffentliche Verständnis sicher hilfreich, den MO der Wort-Wahl offen zu legen. Nur dieses eine Mal. Bittesehr. Ich möchte der Dame kein geplatztes Rendezvous mit Kachelmann nebst daraus folgenden Racheszenarien unterstellen. Fakt ist, dass schon Stunden nach Bekanntgabe das Wort selbst nicht mehr an erster Stelle der Berichterstattung steht, sondern nur einem C-Promi wieder an die Spitze des medialen Rankings verholfen hat. Chauvinismus hin oder her. War das die Absicht? Jetzt wird der Sinn des Wortes deutlich. Wenn einer ein Opfer-Abo hat, dann Kachelmann! Alice Schwarzer war übrigens kein Jury-Mitglied. Leider!

Die Schlecker-Frauen hingegen, meistgenannt als Vorschlag und mit der nicht erfolgten Anschlussverwertung doppelt gestraft, haben –  wieder mal – lediglich die Opfer-Rolle. Toll!

Zum Glück gibt es ja noch das Wort des Jahres 2012. Das wurde zeitnah im Dezember gekürt, zum Glück immer noch von der Gesellschaft für deutsche Sprache.  Es lautet „Rettungsroutine“ und steht „für die immer wiederkehrenden Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems.“ Das hilft den Schlecker-Frauen zwar nicht unmittelbar. Aber vielleicht können im Zuge dieser Rettungsroutine auch ihre Arbeitskräfte wieder aus dem Opferkeller hervorgeholt werden.

Ich habe übrigens schon einen Vorschlag für das Unwort des Jahres 2013: Frauenmafia! Honi soit qui mal y pense…..

Vampirschwesters Lieblingsnichtenkind


Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 

Die Tageslosung. Sie macht mich freudenspringen, denn sie spricht mir aus dem Herzen. Gestern Abend kam meine Nichte. Neun Jahre, viel Schicksal, noch mehr Sport, grüne Augen und eine ganze Menge starker grauer Zellen, um mit Hercule Poirrot zu sprechen. Du hast schon einen gebrochenen Fuß, eine demente Mutter, einen Nachtschicht-arbeitenden Sohn, Hund und Katze. Und jetzt auch noch ein kleines Mädchen? Klein ist sie nicht. Eher groß und kräftig. Und Mädchen? Ja. Trotz Fußball und Hockey. Eindeutig. Und was für eins: „Wenn ich die alten Frauen sehe, die allein auf der Straße gehen, tun die mir so leid.“ „Warum denn?“ „Weil sie alleine sind.“ Ein erstaunliches aber ein Mädchen. „Wer ist die junge Frau da in deinem Bett?“ fragt meine Mutter. „Meine Nichte“, erkläre ich, beim zehnten Mal leider und völlig Alzheimer-unzweckmäßig sehr gereizt. „Aber ihr seid doch nicht blutsverwandt?“ „Doch, Mamma. Sie ist meine Großnichte.“ „Aber du hattest doch nie etwas mit ihr zu tun?“ „Doch, Mamma. Schon seit ihrer Geburt.“ „Und wo ist ihre Mutter?“ „Tot. Gestorben. Vor anderthalb Jahren.“ „Aber die habe ich nie gekannt!“ Oh Mamma. Die Vergangenheit, dieses buntschillernde Papier, in das dein Leben eingehüllt war, hat sich aufgelöst, als habe es zu lange auf dem Bordstein gelegen, achtlos beiseite geworfen von deiner Krankheit, bevor sie von deinen Gedanken genascht hat, und vom Regen blassgespült. Der römische Sommer, deine Lieblingsenkelin und du, verschollen irgendwo im Salento, wochenlang nichts als Badeurlaub und Freiheitsgenuss. Weg wie Sackgasse. Weg. Aus der Erinnerung aus dem Sinn aus dem Herzen. Jetzt wacht sie auf, das Lieblingsnichtenkind. Freut sich auf einen Münchentag mit Lasagne und Vampirschwestern. ich freu mich auch!

24. Dezember: Schöne Bescherung


ChiesaDer Warteraum in der Notaufnahme des Krankenhauses ist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt. Wobei ich das nur mit den Augen erfasse. Wäre ich blind, würde ich vermutlich davon ausgehen, die einzige Patientin zu sein. So aber sehe ich sie alle schweigend und entsetzensblass auf den Plastikstühlen kauern. Frauen mit karierten Küchentüchern an den Füßen, Frauen mit geschwollenem Bein, Frauen mit Händen, von denen es blutrot auf untergehaltene Küchenrollen-Abrisse tropft. Und nein: dies ist  – leider – keine literarische Übertreibung, sondern blanke Vorweihnachts-Realität. Die Männer tragen Wintermäntel, Handtaschen und Sorgenfalten. Sind womöglich noch blasser als ihre Frauen. „Frau X. wird begleitet von ihrem äußerst besorgten Ehemann“, steht dann völlig unwahrheitsgemäß auf dem Arztbrief. Denn dadurch entsteht ein irreführender Eindruck. Die Ehemänner sind nicht um ihre Frauen besorgt, sondern um ihre ganz persönliche unmittelbare Zukunft.

Der Heilige Abend steht vor der Tür. Die Gäste praktisch auf der Matte. Der Christbaum noch im Garten. Die Kugeln auf dem Dachboden. Die Zutaten zum Festmenu im Kühlschrank. Nur die Frau steht nicht mehr. Sie sitzt. Oder liegt sogar, wie die Brunette, die grade angekommen ist, auf einem Transportbett. Schöne Bescherung! Was soll jetzt werden? Ach, wäre die Welt doch einfach untergegangen, am 20. Dezember. Ein konzertiertes, kollektives Ende wäre nichts gewesen im Vergleich zu diesem interfamiliären Supergau. Die Hand zerschnitten beim Versuch, die 5-Kilo-Gans in gefrorenem Zustand zu zerteilen. Das Gehirn erschüttert beim Sturz im gedankenlosen Griff nach dem guten Geschirr ganz oben in der Schrankwand. Den Fuß gebrochen beim Slalom zwischen aufgetürmten Geschenkpaketen, leider noch nicht eingepackt. Während die Frauen mit bleichen Lippen und wirren Blicken ihrer Behandlung entgegenfiebern wie Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank, klingeln, surren, vibrieren die Handys der Ehemänner. „Mama, gut dass du anrufst! Könntest du vielleicht schon früher kommen und deinen Sauerbraten mitbringen? Viola hat sich blöderweise (!) verletzt! Wie bitte? Ach, du kennst sie ja! Immer das perfekte Timing…. Nein, Mama, das ist doch nicht…. wirklich? Ach, das wäre ja…. Danke, Mama! Nein nein, die Kinder lass ich bei Viola, dann ist sie nicht so allein. Also, dann bin ich pünktlich zur Bescherung bei Euch!“ Oder so ähnlich.

Frau B. bitte in Zimmer drei. Ich raffe mich auf und humpele durch die Glastür meiner Diagnose entgegen. Zehn Minuten und einen Gips später weiß ich: dieses Fest wird unvergesslich! „Wenn Sie den Fuß ruhig halten, kommen Sie vielleicht um eine OP drumrum“, hat mir der unsympathische und völlig unempathische Arzt mit auf Weg gegeben. Soll wohl heißen: wir sehen uns in einer Woche auf dem Tisch wieder. Denn wie bitte soll ich meine demente Mutter pflegen, den Hund rausbringen, die Katze füttern, ohne mich vom Bett zu bewegen? Als erstes falle ich gleich mit den Krücken die Treppe hinauf. Der Hund flieht vor mir, die Katze schenkt mir einen Riesenhaufen – der nach drei Stunden zum Glück aufhört, zu stinken. Und das ist der erste Tag!

Schöne Bescherung!

Und dann kommen Freunde und holen den Hund zum Spaziergang. Andere bringen das Essen. Mein Sohn geht einkaufen. Nur meine Mutter steht alle zehn Minuten vor mir und fragt: „willst du nicht bald mal mit den Vorbereitungen anfangen? Was hast du denn da gemacht? Ach so, ja, mir tut auch schon der Arm weh“.  Aber auch dafür werden wir eine Lösung finden.

Ich niste mich jetzt auf dem Sofa ein – und schreibe meinen Alzheimer-Krimi fertig! Das ist wirklich eine schöne Bescherung!

Einen gesegneten, besinnlichen Heiligen Abend Euch allen! Wünscht aus dankbarem Herzen Eure Marie Bastide

18. Dezember 2012: Wenn ich einmal alt bin


Barbies_P1„Zwei fünfzehnjährige Mädchen unterhalten sich. Zwanzig geht ja noch, so grade. Aber dreißig! Ne, das is so ultra. So alt will ich nie werden.“ Der Schriftsteller erzählt, dass er mit Mitte Vierzig die Hälfte seines Lebens verbraucht habe und ihm die Rückschau auf fünfzehn wie ein Wimpernschlag vorkomme. „Wenn ich mal pensioniert bin“, sagen viele. Und fächern ihre Träume auf. Nach Spanien ziehen. Malen. Schreiben. Schlafen bis in die Puppen. Klar, mit den Puppen geht ja nicht mehr, dann, irgendwie. Viele freuen sich auf’s Alter. Auf die Zeit, die sie sich frei einteilen können, dann. Darauf, mit ihrem Partner alt zu werden. Mit den Enkelkindern zu spielen, Cricket unter Orangenbaumblüten, meinetwegen. Und nie mehr weggehen zu müssen.

Ich verstehe das nicht. Ich will nicht älter werden, auch, wenn ich weiß, dass ich muss. Im besten Fall! Weil ich keine Träume habe, die am Horizont darauf lauern, verwirklicht zu werden. Weil ich alles in Händen halte, was ich später vielleicht nicht mehr werde halten können. Einen Stift. Meine Erinnerung. Ideen. Plots.Weil die Vorstellung, mit einem alten Mann vor einem überlauten Fernseher zu sitzen, mir die Nackenhaare aufstellt. Weil ich die fünf Katzen und drei Hunde im Grunde auch jetzt schon haben könnte. Und weil die Enkel doch auch keine Lust hätten, der Oma beim Krimischreiben zuzuschauen. Obwohl…. vielleicht gäbe es spannende Horrorgeschichten….

Nein. Ich kann nichts damit anfangen, dass ich älter werde. Ich will auch nicht jünger sein. Ich würde am liebsten so bleiben, wie ich bin. Wenn ich mir das jeden Tag sage, dann passt es ja unter’m Strich wieder!

17. Dezember: Friedenslicht mit Schatten


friedenslichtGestern große Friedenslicht-Feier. Im Dom! Allein der Weg dahin, durch Sonntagsmassen – fast so wie in einer italienischen Kleinstadt, hahaha, vorbei an Buden mit geschnitzten Krippenfiguren, anderen mit feuerleuchtenden Sternen, wieder andere mit Biobratwurst und Glühwein! Dann, als wir uns dem Dom nähern, spielt der Wind schon Fangsti in den Gassen. Mittelalterluft und Moderduft und plötzlich greift das Dunkel nach der Seele, bevor du die Treppen hinaufsteigst, die schweren Türen hältst, vor dir und hinter dir Ströme von Menschen. So viele Menschen! Das christliche Abendland wird sichtbar greifbar fühlbar, und ich selbst und du alle klein in diesem Bau, in dem jeder Bogen jede Volte majestätisch dimensioniert ist. Kinder, Mütter, Pfadfinder jeden Alters. Dazwischen Ordensschwestern. Und meine Mutter, zierlich schrumplige 88, mittendrin. So weit es geht, schiebe ich uns vorwärts. Kein Platz! Sicher seit Stunden. Nur in der Mitte einer Bank, hinter der Säule. „Würden sie etwas rücken, vielleicht?“ „Nein“. Die Ordensschwester hat harte Augen und ebensolche Worte. Meine Mutter stellt sich eng an einen Bankpfeiler geschmiegt hin. Vor ihr hinter ihr Kinder, Mütter, die Ordensschwester. Ich schaue. Sie an. Sie schaut. Weg. Meine Mutter steht. Der Chor stimmt ein Lied an. Meine Mutter schaut. Ich auch. Kein Platz. Da kommt eine Dame, blond mit Pelzkragen. „Da soll mal eins von den Kindern aufstehen. Seht’s ihr nicht, dass die Dame hier steht? Der Blick der sitzenden Mutter ein Pfeil. Das Mädchen wird rot, steht auf, immerhin. Ich schiebe meine Mutter auf den freien Platz. „Komm, komm, schnell, hier zu uns!“ Die Ordensschwester streckt beschützende Arme nach dem Mädchen aus und zieht es neben sich auf die Bank. Geht also doch. Vorne sprechen ökumenische Bischöfe vom Friedenslicht, das aus Bethlehem hier in den Dom gebracht und gleich unsere Kerzen entzünden wird. Herzen wären auch mal nicht schlecht, denke ich……..

16. Dezember: die Paartherapeutin


mezingersEs ist eng. Und laut. Für die beste Pizza in town nehme ich selten, aber dann gerne, 30 Zentimeter Bewegungsunfreiheit in Kauf. Während ich an meinen Grissinistangen knabbere, legt sich der ruhigste Schneehund der Welt unter die Bank und widmet sich hingebungsvoll der Fußbodenreinigung. Wo gegessen wird, fallen Krümel. Ich nippe am Wein, warte auf die Pizza und komme nicht umhin, die Unterhaltung am Nebentisch zu verfolgen. Sie schrillt aus dem Geräuschqualm hervor und direkt in mein linkes Ohr. „Und die Kinder?“ „Ach hör dich auf. Die Kinder! Die bringst du am Wochenende zu mir.“ „Aber…. warum denn? Ich…. du liebst mich nicht mehr?“ „Nein.“ Whoammmm. Ehrlich. Männer sind Kunstwerke emotionaler Enthaltsamkeit. Ein Trennungsgespräch beim Italiener. Ich drehe den Kopf nach links. Das ist nicht mal auffällig. Ich könnte auch nach meiner Bestellung schauen. Sie ist blond, vielleicht Anfang vierzig. Schmal, und sie wird noch ein paar Kilos verlieren, demnächst. Wimperntusche zeichnet ihr eine blauschwarze Kriegsbemalung auf die Wangen, unaufhaltsam. Ich könnte ihrem Mann ins Gesicht springen. Vierkantig, kühl und wahrscheinlich schon mit dem Pyjama im nächsten Bett. So sieht er aus. Da schiebt sich eine feuchte Schnauze auf die Bank, schnuppert an der Nachbarjeans und legt sich dann ohne Umschweife auf’s Bein. Mechanisch schiebt die Weinende ihre Hand auf den Hundekopf,streichelt in sanften Bewegungen. Hört auf zu schluchzen. Dreht ihren Kopf von dem Ehemann ab. Schaut auf den Hund. Dann auf mich. „Schon gut, streicheln Sie sie, solange sie hier sind.“ Sie lächelt. Noch zwanzig Minuten dauert die stillschweigende Streichel-Therapie. Dann steht sie auf, nimmt Mantel und Tasche und geht. Einfach so. „Hey, sag mal, du kannst doch nicht einfach so weggehen? Wir sind noch nicht fertig!“ „Ich schon. Und lass dir bloß nicht einfallen, mein Essen vom Unterhalt abzuziehen. Du hörst von meinem Anwalt.“

Mein Hund richtet sich auf. Bellt einmal kurz wie zur Bekräftigung. Dann verdeckt der Kellner meinen Blick auf den Ehemann mit einer riesigen dampfenden Holzofenpizza.

15. Dezember: …ist so kalt der Winter….


Neve ChiaraNoch bevor es klingelt, schlägt der Schneehund an! in kurzem Staccato, eindeutig kein Rufen –  ein Warnen.Ich springe vom Schreibtisch auf – woher auch sonst?! Sage nein schreie mir beim Abgleiten von der drittletzten Marmorstufe wieder in Erinnerung, dass ich eigentlich diese absolut hässlichen Treppenmatten anbringen müsste. Und komme zeitgleich mit dem heiseren Laut unserer Klingel am Türöffner an. Es hat keinen Sinn, den Hörer abzunehmen, die Anlage hat noch nie funktioniert. Also steige ich in die erstbesten Schuhe, die mir im Windfang den Weg versperren – es sind natürlich die meines Sohnes in Größe 48 – stolpere prompt über meine viel zu groß beschuhten Füße und kralle mich im weißen Hundefell fest. Das Staccato ist inzwischen einem wuffigen Schnaufen gewichen. Hund in der rechten, Türklinke in der linken Hand, schaue ich um die Ecke des Vorbaus. Eine Frau steht am Gartentor. Nein keine Dame. Grauer Anorak graue Haare. Unbeeindruckt vom Wuthaustier greift mir ihr Blick direkt in die Augen. Ich lassen den Hund los. Sie schießt vor bis an Türchen. „Na du,“ sagt die Frau mit einer Roth Händle-Stimme. Und erklärt mir dann in einem einzigen wortknappen Satz, dass sie vom Zirkus ist und um eine Spende bittet. „Wir kommen meistens gut über die Runden“ – das sagen sie immer und klingeln doch jedes Jahr – „…aber heuer…“. Ich erinnere mich an die Reaktion dieses Frankfurter Penners in meiner Studentenzeit, als ich ihm statt einer Mark meine Käsesemmel anbot. „Keine Salami? Nee, dann nich.“ „Ich habe leider kein Bargeld daheim, aber ich kann Ihnen gern zwei Dosen Hundefutter geben“. Schon ist er raus, der Satz. Und sie: „Mei, das ist nett! Aber tun sie sie mir bitte in eine Tüte. Ich hol sie ab, wenn ich die Runde gemacht hab, in der Straße“. Dreht sich um. Geht weiter. Ich hole zwei Dosen Reico – à 4,85!  – und eine Katzenwurst. Dann schippe ich nicht mehr vorhandenen Schnee. Ich will sehen, ob das mit dem Zirkus ne Masche war und die Frau Teil einer Bettlerkolonne. Dann bellt der Hund, moderat, muss ich sagen. „Von welchem Zirkus kommen Sie?“ „Baldoni, vorn an der Dachauer Straße. Danke. Und schöne Weihnachten!“ Mein Wuthund begleitet sie innen am Zaun entlang bis zur Kreuzung. Ob Zirkustiere Reico wohl mögen?

13. Dezember: Weißer Schnee macht schwarze Gedanken


DezemberschneeMei, wie schön! Eine Außenansicht wie im Fotokalender. Und auf Facebook erntet mein Wintergarten sehnsüchtige Kommentare aus schneefreien Flecken der Welt. Klar, denke ich. Von weitem sieht das klasse aus. Ein Morgen in blauweißgold. Mag sein, dass das auch für Sonnenanbeter auf ihren Stockwerkbalkonen und Dachterrassen so rüberkommt. Garniert mit einem ungetrübten Alpenblick, vielleicht. Oder für Nachbarn jenseits meiner Spielstraßenseite und ohne dringendes motorisierendes Wegfahrbedürnis. „Ja mei, Sie können sich schon gerne beschweren, aber das wird ned viel helfen“, erklärt mir der Telefonhörer in norddeutschem Bayrisch. „Spielstraßen werden bei diesem Wetter als letztes geräumt!“ Ich weiß, und auch, dass ich als Spielstraßenanwohner nicht nur den postulierten und lediglich mit einem verblasst weißen Strich – wenn überhaupt – markierten Gehweg vor sieben Uhr morgens räumen muss, sondern auch noch die halbe Fahrbahn. ICH weiß das. Deshalb sitze ich, schwitzend, mit schmerzenden Rippen und schwieligen Händen, nicht auf der Terrasse sondern an meinem PC. Und entwerfe ein Schreiben an meine Nachbarn. „Ihr Lieben. Ihr seid alle gut zu euren Garagen und Zauntürchen gekommen, schnee- und eisfrei. Das habe ich gemacht. Für euch. Nicht, weil ich so blöd bin oder süchtig nach körperlicher Ertüchtigung. Und nicht nur in diesem, sondern schon in den vergangenen Wintern. Ok. Ihr habt mir nie Danke gesagt. Das habe ich auch nur erhofft, nicht erwartet. Aber wenn ihr mir heute erklärt, ihr hättet auf eurer Seite weder die Pflicht noch die Lust, die andere Hälfte der Straße zu räumen, dann… dann….“ Hier endet mein Brief, den ich weder drucke noch speichere. Stattdessen stärke ich mich mit einem Espresso und gehe wieder hinaus in den blau leuchtenden Tag. Packe die Schaufel mit festem Griff. Und schiebe die weißen Massen vor meiner Einfahrt auf den freigeleckt schmalen Gehweg uns gegenüber. Ein eisiger Wille versetzt auch mal Schneeberge.