AnderZeit


Ich bin neunzehn und hocke im Garten.  In der Hand eine Harke. Vor mir ein Beet voller Giersch. Unkraut jäten. Wie spießig ist das denn? Die Sonne brennt. Ich würde mich gerne ins Gras legen und meine dicken Beine bräunen. Das wäre vergeudete Zeit, denn meine Beine bleiben weiß wie Elfenbein, nur nicht so glatt. Egal. Ich könnte mir einen Campari-Orange mixen und abwechselnd eine Seite Agatha Christie lesen und einen Schluck von dem eiskalten Getränk zu mir nehmen. Dann wäre ich nach zwanzig Minuten glücklich, keine Giftmörderin zu sein und auch kein Opfer, und meine Beine würden aus der Liegestuhlwarte mit steigendem Alkoholpegel auch immer länger und glatter werden. Aber nein. ich hocke im Garten mit der Hacke in der Hand und weiß, wenn ich den verdammten Giersch nicht bis zur Rückkehr meiner Mutter entsorgt habe, gibt es ernstlich Ärger.

Ich rebelliere, zunächst in Gedanken. Das ist IHR Garten! Ihr Azaleenbeet. Und IHR verdammter Giersch. Was habe ICH damit zu schaffen? Außer, dass ich den Giersch heute entfernen soll? Warum macht sie das nicht selbst? Hallo? Sie kommt um sechs nach Hause. Nach zwölf Stunden unterwegs, davon neun in einem stickigen Büro mit irgend welchen ausländischen Antragstellern könnte sie sich bei dieser Jätarbeit ideal entspannen. Rundherum alles grün. Die Azaleen, der Giersch. Der Rasen, die Hügel. SIE wollte hierher ziehen. Soll SIE doch sehen, wie sie damit klarkommt. ICH packe jetzt meine Sachen und fahre zurück nach Frankfurt. Ins Studentenwohnheim. Zu meiner Freundin. Zu Cocktails und Joints und Jazzclub und Kakerlaken. Einziges Problem: wie komme ich an mein Wochengeld?  Also packe ich die Harke fester, meine Hände haben schon Schwielen, körperliche Arbeit, das ist etwas für Kulaken, nicht für Literatinnen!

Ich bin … Schwamm drüber…. und hocke im Garten. In der Hand ein Kneipchen. Der Garten ist VIEL kleiner als der in meiner Studentenzeit. Aber er bringt auch Arbeit mit sich. „Wenn ich weg bin, entfernst du bitte das Unkraut aus den Ritzen“, habe ich meinem Sohn gesagt. Gesagt habe ich es, nicht ihn gebeten. Und ich habe seinen Blick dabei gesehen. „DU wolltest hierher ziehen. Es ist DEIN Garten. Schau DU doch zu, wie du damit klarkommst. Und überhaupt: Unkraut aus Steinritzen kratzen, wie spießig ist das denn?“ Er sagt es nicht. Er schaut an mir herunter, Tankini (! immerhin! Ich bin ja nicht blind) und Clogs, und fragt: „Wo willst du denn hin, in dem Aufzug?“ Töchter sind grausam. Söhne sind tödlich. Dann fährt er ins Fitnessstudio.

ICh hocke im Garten. Kneipchen in der Hand. Reißezupfe Unkraut aus den Ritzen zwischen den Steinen. Weil ich weiß, dass sonst nach einer gewissen, unglaublich kurzen Zeit die Steine instabil werden – Grünzeug ist insistent! – und wackelig. Weil ich weiß, dass ich nicht das Geld habe, um den gesamten Gartenweg neu zu pflastern. Weil ich ein schlechtes Gewissen habe deswegen. Weil ich schreibe und dichte statt NUR NOCH Geld zu verdienen, um den verdammten Gärtner zur zahlen – vorausgesetzt, ich finde einen – der alle drei Woche kommt und das verdammte Unkraut zwischen den Steinritzen entfernt. UND den Rasen mäht. UND die Rosen düngt. UND die Pflanzen gießt – allerdings täglich.

Nein – ich brotarbeite fast rund um die Uhr, und statt zu schlafen dichte ich. Schreibe. Statt ins Fitness-Studio zu gehen, jäte ich Unkraut. Das ist mein Leben. Ich LIEBE es. Aber ich liebe auch meinen Sohn. Deshalb hocke ich hier im Garten…. gut, was ich tue, ist klar. Ich will ihm kein schlechtes Gewissen machen. Will nicht, dass er in zwanzig Jahren eines bekommt. So wie ich, heute.

Aber…………………………………………….

ich betrachte das Bild meines Vaters im Treppenhaus über dem cremigen Marmor. Die vier Jahreszeiten, hat er es genannt. Schaue auf das geschlossene Buch mit den Lebenserfahrungen. Frage mich: warum muss der Kreislauf von leben und sterben zwangsläufig auch einer von Wissen und Nichtwissen sein? Von Nichtakzeptieren und zu spätem Verstehen?

Ich bin neunzehn. Ich stehe im Garten. Ich schwinge die Hacke. Ich hole den Rechen. Nach einer halben Stunde ist das Beet erdbraun und glatt. Meine Mutter kommt heim, müde von menschlichem Leid, wenig Schlaf, langer Fahrt. „Oh wie schön!“ ruft sie. Und „Danke!“

Zwei Wochen später hat der Giersch seinen Weg über die aufgeschüttete Erde gefunden.

Ich komme in zwei Wochen wieder nach Hause. Zwei Wochen mit meiner dementen Mutter. Im zeitzerstörten Garten, wo der Giersch lange nicht mehr wuchert, es ist ihm zu öd, da. Der Mensch und die Zeit. Sie passen nicht in- und nicht zu einander. Wer geht und wer bleibt? Ist es an der Zeit?

Pergamentich


Vor dem Fenster fingerblättert eine grüne Wand rote Spitzen auf mich, knusperdroht mir mit dem Entern meines Häuschens. Dicke Schalen glocken ohne Laut  im Wind . Herbstnüsse, wenn die Sonne sie nur eine Weile küsst.

Töne dringen aus den Tiefen stiller Räume an mein linkes Ohr. Tröstend greifbar, ich kann ihre Spur zurückverfolgen bis zu einem klaren Bild.

Wie die Nüsse säß ich gern in meiner festen Haut, sicher vor dem Reifeplatzen, grün geborgen.

Aber ich – pergamentblass offen lasse ich in mich hinein, was durch den Tag an Ängsten strömt, an Sorgen. Nöten. Autofahrer mit gefurchten Stirnen Frauen hinter Diagnosescreenings Väter Töchter Mütter, Arme voller Hoffnungssträuße vor den Kliniktoren. Liebeskummer Armutsfalten Todesahnungen und Lebensüberdruss. Das alles muss aus vollen Herzen in die Julihitze. Dort bin ich. Und spüre Wellen Wellen Wellen aus den übervollen Seelentöpfen quellen. Reißen mit mich um. Beinah. In mich hinein durch mich hindurch. Als wäre Pergament ich. Unsichtbare Tafel für die Stifte ihrer Not. Ist das Tintenschwarz aus ihrem Herz getropft, sind sie wohl heller? Und ich dunkler?

Gestern habe ich begonnen, mich zu wehren. Nicht mit Schlägen. Mit Gedanken. Eine Gegenwand aus Mut und Kraft, semipermeabel. Ausgeschickt ins volle Nichts. Zur Lösung einer Gleichung mit unendlich vielen Unbekannten. Jetzt ist es gut.

Ach ja – wenn du mir Freude denkst, heut abend, morgen früh – trink pergamentich gierig aus und sende – Doppelglück! zurück.

Häuser ohne Zukunft


In den Straßen ringsum entstehen wie über Nacht neue Häuser. Alle kühl alle grau alle hochfenstrig mit mittigen Orchideen. Alle schmal alle loftig nicht luftig. Mit dunkelroten Türrahmen und Fenstern. Mit farbigen Innenwänden, die ich durch die vorhanglosen Scheiben gut erkenne, beim Abendgassigang, Wo sind die alten Bungalows geblieben? Sie lagen am Ende verschwiegener Gartenalleen, gesäumt von Apfelspalieren und Lupinenbüschen. 70er Jahre Blumen, Altobst, das neue Jahrtausend verlangt nach geordneten Linien und Formen. Nach Bambus und Buddhas und kantigen Gräsern. Wo sind die Bewohner? frage ich durch ein gekipptes Fenster den bierbebauchten Neuankömmling inmitten der Bauzäune und Zementsäcke. Im Altenheim sagt er. Und ich: Na, dann wissen Sie ja, was Sie in dreißig Jahren erwartet. Soll ich ein paar Lupinen züchten, solange, für Ihre Nachbewohner?

Gegenüber recken die Betonmauern einer Kita ihre überhohen Fenster in den Himmel. Kurfristiger Belegungsbedarf angesichts der Geburtenstatistik, Kotau vor weltfernen wahlnahen Gesetzeseifern. Hauptsache, der Bau ist barrierefrei. Wir werden ihn brauchen, für Rollstuhlfahrten zu gemeinsamen Altersmahlzeiten, balddann, wenn die Kinderstimmen gebrochen über unsere Überzahl fluchen.

Werden vergehen. Wachsen verblühn. Schaffen zerfallen. Mephisto wo bist du?

 

Tatort Bibel – kriminelle Geschichten mit biblisch-musikalischem Hintergrund


Alle die glauben, in der Bibel stünden nur alte Kamellen, werden eines Besseren belehrt. Im Tatort Bibel geht es um Mord und Totschlag mit biblischem Hintergrund. Im Rahmen der Moosacher Stadtteilkulturtage liest Krimiautorin Maria-Jolanda Boselli biblisch inspirierte Geschichten, umrahmt und untermalt von Klavier- und Gitarrenmusik und Gesang rund um Liebe, Mord und Eifersucht. Die Interpreten sind Julia Korzh, Ingrid Zacharias und Ludger im Winkel.

Am 12. Juli 2012 um 19 Uhr in der Magdalenenkirche, Ohlauer Straße 16, 80997 München. Der Eintritt ist frei.

Maria-Jolanda Boselli ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern, der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautorinnen, sowie bei der Autorinnenvereinigung AV. “Die Bibel ist voll faszinierender Geschichten”, sagt sie. “ Viele davon, vor allem im Alten Testament, handeln wirklich von Mord und Totschlag. Sie sind heute noch genauso spannend wie vor mehreren tausend Jahren. Deshalb lassen sich die Motive wunderbar in die Gegenwart übertragen”. Julia Korzh, Sängerin und Pianistin, hat passend zum Thema dramatische Stücke ausgesucht, u.a. von Schostakowitsch, Mozart und List. Die Mezzosopranistin Ingrid Zacharias spannt mit ihrem Gitarristen einen weiten Bogen von russischen Liedern über irische und amerikanische Balladen bis hin zu Brecht und deutschen Chansons. Ein unterhaltsamer Abend, der unter die Haut geht.

Wannsee sehn…..! Und lesen!


Kofferpacken. Wird es schwül oder kalt? Regenmantel oder High heels?  Listenschreiben. Haifischpressebecken Berlin. Wartet DOCH auf uns. Texte sammeln. 60 Sekunden reichen mir für ein paar hundert Tote. Und dann vor allem: Stimmen sehen, fühlen, ohne Telefonentfernung. Kennen. Lernen. Endlich. Und davor noch Jubeln für die Himmelblauen. Heute an der Kaufhauskasse schscht mich die exotische Kassiererin an, als ich nach italienischen Fanartikeln frage. Und ein – süßer – Mann mit grauem Pferdeschwanz – ach die immer gleichen Präferenzen, aber wenigsten akzeptiere ich inzwischen nicht nur schwarze Haare – fragt mich adleraugig: Sind Sie italienisch? „Ich mag nur lieber Leute, die mit Freude spielen, als solche, die verbissen kämpfen immer wieder um diesen verdammten Endsieg“, sage ich nur zum Teil. „Und sie?“ schiebe ich provokativ nach. „Ma, io sono italiano“, lacht er. Und verschwindet leider wieder. Trotzdem – sie werden verlieren. Und ich also früh ins Bett dürfen statt auf der Leo Straßen zu schlachten. Auch was wart. Und morgen dann……….. hui. Berlin Berlino. Forza. Arrivo!

http://www.autorinnenvereinigung.de/index.php?id=73&tx_ttnews[tt_news]=51&cHash=54cdec40efdf7c3a3c8fb870bbe0b027

Kastanienfenster


Vor dem Fenster türmt sich eine grüne Wand

raschelt rauscht wiegt sich im blassen Abendblau

drei rote Blätterspitzen

recken sich noch kaum entkräuselt

am Mutterastarmschwung entlang

Unter hellen Schalen quellen juniweich

die frisch geborenen Versprechen von einem reichen Herbst.

Septemberblumen weißen an der Hecke

und der Tag

ist schon ein paar Sekunden müder.

Aber noch wärmen wir uns an heißen Träumen glühwürmchenlauer Nächte.

Vom Recht an den Worten. Schreiben zwischen Acta und Piraterie


Ups -da war doch was? Einigen schien es vielleicht so, als hätten die Autorinnen und Autoren da etwas verschlafen, was sie in ihrer Existenz berührt. Und der Schauplatz den Medien überlassen. Der Straße. Dem Flashmob. Aber nur beinahe. Schriftsteller sind ja nicht qua Begabung die besseren Menschen. Deshalb geht es auch in ihren Reihen hoch her, wenn die Urheberrechts-Debatte entflammt. Ähnlich wie im Fußball gibt es ja auch in der Literatur verschiedene Ligen. Wobei die vielleicht nicht allein von Kunst und Können abhängen, sondern auch von der Gunst. Nämlich des Augenblicks sprich des Publikums sprich der Nachfrage. Aber die mit weniger Geld neiden denen, die ihr Auskommen schon haben, vielleicht den einen oder anderen Cent. Und die wohl Habenden wollen nichts abgeben von dem wohligen Stand. Auch verständlich, vom Verstand her betrachtet. Noch mehr, wenn wir das Herz fragen. Nur leider. Leider. Achsoleider. Wird Acta weder mit dem Herz noch mit dem Einzelverstand entschieden. Und noch nicht einmal hier, sondern ganz weit draußen, um ein Bild der Ferne zu bemühen, das sich sowohl auf geistige wie geographische Gefilde beziehen kann.

Die Autorinnenvereinigung hat heute das Schweigen der Literaten für sich gebrochen und eine Pressemeldung veröffentlicht, die ausgewogen und sachlich zu sein scheint – so jedenfalls wurde sie im Netz – der Quelle allen Urheber-Übels, der Höhle des kopistischen Löwen, sozusagen – bewertet. Hier ein Zitat daraus: „Weder ist eine notwendige Anpassung der Urheberrechte eine persönliche Beleidigung der Kreativen, noch ist Acta die Ausgeburt einer Verschwörung gegen das namenlose Heer der Internetnutzer. Jay Walther, Vorstandsvorsitzende der Autorinnenvereinigung e.V. , betont ihr grundsätzliches Ja zum Urheberrecht und gleichzeitig „ die Notwendigkeit, neue Wege zu suchen und zu finden, damit die Nutzung des geistigen Eigentums den Autorinnen und Autoren zu Gute kommt.“  Und hier der Link zur Facebook-Seite der Autorinnenvereinigung e.V.

Von röhrenden Hirschen und dröhnenden Bässen


Man müsste eine Erzählung gedreht haben. Gestern Abend im Goldenen Hirschen. Namensgeber das schmalbrüstige Mittelornament eines vielleicht hundertjährigen Schrankes, eingeklemmt zwischen Herren- und Damentoilettentüren im „Veranstaltungssaal“. In der Gaststube nebenan gibt es Balkanmenus und Maggiflaschen auf den Tischen! „Hier haben die Achtundsechzger im Viertel ihre Konzerte gehabt, damals, weißt schon. Alles was angesagt war, von den Stones zu den Beatles, von Cream bis The Doors.“ Also bin ich gekommen. Und steh vor der Tür. Damals, das muss dann gewesen sein, als es noch nicht verboten war, sich erkennungsdienstlich unkenntlich zu machen zwischen und hinter raumgeschlossenem Rauchgenuss. Damals, als die Polizei noch nicht trocken war hinter den Ohren und Gras nicht von Tabak unterscheiden konnte, geruchstechnisch, mangels eigener Selbsterfahrung. Heute Abend greift einer ganz cool im Schankraum nach der Kippe, und kurze Zeit später stehen die Spione vom KVR vor der Wirtin, und eine Anzeige gibt’s.

Ich schaue durch die Scheiben in vergangene Jahrzehnte. Blondinen mit frech gegelten Haaren und hautengen Lederleggins. Brunette und Overknees sehr kleine Schwarze und klimpernde Ohrgehänge. Und Jeans, natürlich, knallig und weit, Cowboystiefel, an denen imaginäre Sporen klirren, Männer mit breiter Krempe und wallenden Locken. Vorn auf der Bühne rocken sie ab mit verzückten Gesichtern. Wie vor dreißig, vierzig  Jahren. Ach was, ihre Musik, Trommelschlag und Synthesizer-Gitarre, hat die Zeit angehalten. Ich sehe es in ihren Augen. Sie sind jung. Sie sind heute im damals. Was sehen sie, wenn sie ins Publikum blicken? Blondinen mit aufgestylten Haaren, Brunette mit knalligen Jeans. Winkend und wiegend und klatschend und kreischend.

Sie sind ganz bestimmt kurzsichtig, die Herren dort vorn auf der Bühne. Und hypertonisch, da bin ich mir sicher. So gut genährt. Da muss die Muse Gelegenheitsauftritte küssen, und im Alltag schwingen sie Griffel und Lehrbuch. Aber immerhin. Schön aufgespielt. Und das Publikum liebt sie. Das sehen sie. Hören sie. Wie damals, wie vor dreißig, vierzig Jahren. Und die Begeisterung wischt alle Falten aus den Gesichtern der Alten. Der Fans. Jetzt stehe ich vor der Blondine, sie wedelt mit fleckigen Armen. Die Brunette trägt Botox statt Brille.

Ich suche ganz schnell einen Spiegel. Jugendliche Greise, alt und nicht weise, ewig gestrig und heute verrenkt im Spagat zwischen innen und außen.

Das wird eine Gaudi, in zehn, zwanzig Jahren. Darauf sind die Altenheime gar nicht ausgerichtet. Da muss ganz anders geplant werden, zukünftig. Von wegen Cafeteria! Music-Halls mit Groupie- Bereich und dezent drapierter Reanimations-Liege. Toiletten mit Lupenschmink-Spiegeln. Und die Oberschenkelhälse werden nicht länger beim Schieben des Einkaufstrolleys gebrochen, sondern beim Boogie.

Ich verhänge ganz schnell meinen Spiegel. Und verschiebe die Frage an mich noch ein Weilchen. …“wer ist die…… im ganzen Land?“

Vatersprachen


Lange, sehr zu lange habe ich gedachtglaubt, dass ich Vergangenheitserlebnisse verschlossen habe in der Dunkelstkammer meines Denkens, um mich vor   mir selbst zu schützen.

Lange, sehr zu viel habe ich gehofftfürchtet, dass ich nur den Schlüssel finden müsse zu diesen dunklen Denkverliesen, und schon würden mich die Angstplagen verlassen, meiner alberstickten Träume.

Nun wickele ich meine Kindheit auf wie ein schon halb verfilztes Knäuel altverblichner Wolle. Strang um Strang entwirre ich vor langer Zeit Verfühltes. Sitze sonntagmorgens brötchennagend da und Töne bringen mich zum Klingen. Wecken Erinnerungen auf wie Minotauren. Und ich spüre: Schmerz und Verbundenheit zu einem Menschen, den ich lang soviel zu lange mir gedacht und in dem Denken mir zurecht geformt, in harten, bösen Sätzen. Statt ihn in mir zu suchen, dem verwandten Sehen, Träumen, Drahtseiltanzen auf dem furchtbegossenen, sehnsuchtshassdurchflossenen Leben.

Ist es nie zu spät. Ich bin ein Vaterkind.

Auf der Mauer, auf der Lauer liegt der neue Prä….si….


Er ist verwirrt. Und ungekämmt. Er bittet um Verzeihung dafür, dass er keine Grundsatzrede halten wird, soeben aus Flieger und Taxi gestiegen. Und tut dann doch genau das. Programmatische Worte. Vertrauen. Einigung. Der Parteien, überoppositionell, diesmal. Er spricht von Zuneigung. Und meint die der Kanzlerin. Oder doch der DDR-Mitbewohnerin? Ich gebe zu, ich hätte zu den 57% gehört, hätte die BILD mich befragt. Ich hätte ihn gewollt. Und nun sitzt er da, self fulfilled aber wirklich profecy? Ein Prophet ist er nicht, oder doch? Dann aber kein Jesaja. Eher ein Jeremia. Aber spricht er im Auftrag des Volkes? Heiner Geißler, die ewig ideale Mephisto-Besetzung jeder Talkshow, bringt es auf den Punkt. Es ist ein gutes Ende, sicherlich. Aber ob alles gut ist, wird sich weisen. Wir haben jedenfalls praktischerweise wieder eine Gelegenheit verstreichen lassen, eine gute Frau ins Schloss Bellevue zu holen. Von der Leyen zum Beispiel hätte eine deutliche Wulff-Parallele aufzuweisen gehabt: den Merkelschen Abschiebebonus. Doch ganz abgesehen vom Parteibuch – soviel Frauenüberhang hätten weder Gabriel noch Fipsi toleriert.

Nun also Joachim Gauck. Was dürfen wir von ihm erwarten? Montagsbußritte quer durchs geeinte Vaterland, vielleicht? Ein Thesenpapier zur Freiheit im Netz, angeschlagen an das Portal der ACTA-Sünder? Dies dürfte aktuell in Deutschland der einzige Raum sein, in dem es noch Freiheitskämpfe auszufechten gibt. Außer in den Küchen der Republik-Restaurants. Aber diese modernen Sklaven fallen qua Pass nicht in die Zuständigkeit eines Bundespräsidenten. Er wird jedenfalls kaum mit Frau und Kleinkind auf Freundeskosten Sylt genießen. Allein altersmäßig steht er darüber. Und wenn er sich stattdessen in Rom zu einem gemeinsamen Abendmahl überreden lässt, von seinem Landsmann Benedikt? Gegenüber den daraus entstehenden weltpolitischen Konsequenzen ist so ein Sylt-Urlaub ein Tornado im Wasserglas. Ganz ehrlich – mit Margot Käßmann wäre das nicht passiert.

Aus tiefem Herzen finde ich sehr spannend, was da grade passiert. Allein vier der Gerüchtenominierten sind evangelische Theologen…….

Weder Benjamin Idriz noch der Dalai Lama wurden gefragt, offensichtlich. Und auch Hape Kerkeling durfte seine Alter Egos im Schrank lassen. Nein. Deutschland braucht Vertrauen. Gefühl und  – wie war das, Herr Gauck? – Zuneigung.

Hm. Bleibt abzuwarten, wie sich christliche Lehre und diplomatisches Parkett verbinden. Wange hinhalten ist da weniger gefragt. Immerhin: einmal Pfarrer, immer Pfarrer. Und als solcher dürfte Gauck jedenfalls nie um eine Rede – oder ihre Wendung – verlegen sein.  Vielleicht wird er ja unser Präsident der Herzen. Diesen Titel hat die junge Republik noch zu vergeben.

Und Bettina Wulff braucht auf die Nähe von Glamour und Dummheit nicht zu verzichten. Bei der prominenten Journalistin stehen Veronica & Co. sicher Schlange,  damit sie ihre Biografien schreibt…… Und ihr Mann gibt sichere Tipps zur optimalen Vermarktung der Selbstbeweihräucherungs-Oeuvres. Wenn das alles nicht genug Geld einbringt für den nächsten Fern-Urlaub, hier noch ein ganz heißer Vorschlag: die neue Staffel von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, freut sich ganz sicher über gefallene C-Promis aus der Polit-Szene.  Vielleicht gibt Gauck dazu ja seine Absolution….