Schwefelbeeren im Winter


Der Spätwinterabend schichtet Himmel in Lagen auf kahles Geäst. Weißgrau – himbeerrosé – gletscherblau. Streicht mit pünktlichem Strich den Sonnenkopf am Horizont entlang und setzt die Winterwelt in Brand. Zinnoberrot züngelt das Licht an den Ästen. Der Schnee glüht violett und die Luft atmet Schwefel. Doch der Zauber verglimmt und zieht im Erlöschen die Farbe ab von den Bäumen, streift das Leuchten vom Schnee. Kalt und grau legt sich der Wald in die leisweise Nacht.

Himmelsbrut spuckt Wolkenblut


Unter der weißen Fracht verblasst die Welt zum Negativ.

Wolkenblut reißt tausend schwarze Wunden, sickert strömt fließt aus wird fest und überzieht die Abendhaut mit Glitzergrind.

Weiß erstickt den Straßenatem. Wächst auf Bäumen Dächern Zäunen in den Himmel, reicht sich selbst die Hand am Horizont. Drei Affen ist der Wintertag. Blind taub und stumm vor Schnee.

Silvesterlied


Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar…

Katharina schiebt ihren Rollator durch die Korridore. Die Pfleger sind alle weg, nur Johanna sitzt im Schwesternzimmer und schaut mürrisch drein. Draußen stöbert es weiß durch die Nacht. Da – ein Schuss! Und noch einer! „Alarm, alle in den Bunker“ schreit Herr Böhm. „Sind das die Russen oder die Amerikaner?“ fragt Frau Huber ängstlich. „Ab ins Bett, Herr Böhm! Es ist kein Krieg, Frau Huber. Das sind nur Knaller. Heute ist doch Silvester!“ Johanna hat alle Hände voll zu tun, um die Bewohner zu beruhigen. “Silvester?“ Katharina versucht, dem Wort einen Sinn zu geben. In der Kapelle  liegt ein aufgeschlagenes Gesangbuch. „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Katharina lächelt wage.

 Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last

„Jonas, so viele Raketen! Du schießt ein Vermögen in die Luft! Das können wir uns gar nicht leisten!“ „Mensch Isabell, du musst immer alles kaputt machen! Soll ich mich um Mitternacht hinstellen und den Kindern sagen: Lisa, Max, das letzte Jahr war echt bescheiden, Opa liegt im Krankenhaus, Papas Job steht auf der Kippe und Mama will sich scheiden lassen. Ja – hättest du das gerne?“ „Ach, Jonas. Nein! Aber  – die letzte Zeit war nicht einfach. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Ich wünschte, wir hätten den Mut, zusammen weiter zu machen, im Neuen Jahr!“

Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand…

Endstation mit und ohne Sehsucht. Uli steht im Gang. Hinter jeder Tür ein Sterbender, eine Kranke. Letzte Stunden und Minuten. Und dann? Menschen weinen, Kinder, Eltern, Partner. Uli möchte ihnen mehr schenken als Diagnosen und ärztlichen Rat. Hoffnung.

Lass warm und still die Kerze heute flammen, die Du in unsre Dunkelheit gebracht…

Eva sitzt in der Kirchenbank, in Worten versunken. Ich bin nicht allein. Das Licht leuchtet auch für mich, ich nehme es auf und es leuchtet in mir. Macht den Weg ins Morgen hell und schiebt Zweifel und Sorgen ins Dunkel.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all Deiner Kinder hohen Lobgesang.

Primus inter pares beim Goldbroiler Kriminalwettbewerb 2011!


Der GoldbroilerKriminalwettbewerb: Wir haben fünf Geschichten, die alle gleich gut und spannend sind, die alle den ersten Preis verdienten: Eine der Geschichten weicht in Poesie, Verrücktheit, Form und Erzählweise gekonnt ab. Der Tod eines Traumes von Marie Bastide. Sie bekommt nun den Ersten der ersten Preise.

HERZLICHEN DANK der Broilerbar für diese Ehrung! Danke Jay, danke alle. Hier für Nicht-Facebook-Nutzer mein Kurzkrimi, Gewinner des Goldbroiler-Kriminalwettbewerbs 2011:

Kein Kinderlied. Der Tod eines Traums.

1.
„Dicke rote Kerzen, Tannenzapfenduft..“ „Marie, leise, Papa schläft. War so viel los in der Schule!“. Sie legte sich aufs Bett, stöpselte das Lied ins Ohr. Die Wohnung duftete nach Zimt und Plätzchen. Marie liebte den Advent, die gemütliche Heimlichzeit.

Sieht aus wie eine dicke rote Kerze. Passt perfekt in den Adventskranz.  Keiner bemerkt, wer sich vor dem Blumenladen eine Zigarette anzündet und den Docht dazu.  Jetzt schnell weg und weiter, ein sichtlich unsichtbarer Schatten in der Menge wogender Mäntel. Der Kirchturm wird zum Logenplatz, die Straße zur Arena. Ein Knall, klirrendes Glas von zerberstenden Scheiben. Schreie. Schreie und Blut.

2.
„…Man begegnet hin und wieder schon dem Nikolaus“ Er hatte immer was Süßes im Sack. Anziehend und unheimlich zugleich. Ein geheimnisvoller Fremder. Bis er ihr zu nahe kam.

Bunt und laut und weihnachtsdurstig wimmelt die Samstagsmenge in der jubelbeschallten Einkaufsmeile. Alle freuen sich und viele nehmen gern den Glühwein, den ihnen der dick vermummte Nikolaus freundlich lächelnd anbietet. Sie kommen nicht weit. Rattengift wirkt schnell.

3.
„Lieb verpackte Päckchen, überall versteckt“. Am letzten Schultag wurde gewichtelt. Marie hatte Jo ein Schokoherz gekauft. Und er? Als sie ihr Päckchen auspackte, grölte die ganze Klasse. Ein kaputter Vibrator für „Lehrers Liebling“!

Letzter Schultag! Alle strömen in die Aula. Neunhundert Schüler bestaunen die Riesentanne mit den Paketen für arme Kinder darunter. Halleluja singt der Chor der Ehemaligen. Ritual und Tradition. Diesmal mit Feuerwerk: Ein Handy klingelt, und schon wirbeln Sänger, Äste, Kerzen durch die Luft. Wie vorgezogenes Silvester.

4.
„Alte Lieder, Dunkelheit, Bald ist es so weit!“ Es war so einfach. Internet sei Dank. Erst der Flirt, dann die Kalaschnikow. Ein volles Magazin. Drei Treppen und ein Flur. Die Waffe entsichern. „Schöne Bescherung, Papa,  Schluss mit Weihnachtsmann“.  „Ich wusste, dass du das warst. Verzeih mir. Alles.“ Dann schießen alle gleichzeitig. Marie und das SEK.

Adventskalender 2.0. 24.Dezember: High noon and tight night


„Das gibts ja nicht. Dieser Lügner!“ Ich flüstere mich heiser. Immer wieder „Lügner. Lügner.“ Damals, als ich in Beirut in den Terroranschlag hineingeriet, typisch ich, natürlich, immer auf der Suche nach Abenteuern abseits der ausgetreten Pfade, aber wie abseits, in diesem Markt Teppiche und Drogen, damals wurde mein Gehirn in Sekunden zur Maschine. Chancen ausrechnen, Wahrscheinlichkeit durchchecken, und dann los, jeder Handlung wie ein Uhrwerk. Ich höre die selben Schreie wie auf dem sonnengetränkten Souk. Schnelle Schritte, schweres Fallen. Langsam lege ich den Schalter um in meinem Kopf. Schließe die Augen, sehe die Schattenmänner auf sicheren Sohlen in meiner Wohnung. Das Paneel hinter dem rechten Vorhang. Richtig, es löst sich von einem Versteck. Ich greife hinein und ziehe das Päckchen mit dem weißen Pulver raus. Wie schwer es ist. Gut! Ich schnappe mir das Handy und drücke auf Wiederwahl. Ohne zu warten zische ich in dieser undefinierbaren Lautstärke: „Hey Amigo, wir sind aufgeflogen. Schnell hol dir den Stoff ich warte im Müllhäuschen“.

Von gegenüber höre ich Schüsse. „Hände hoch, Polizei!“ ruft eine Stimme und rast sekundenlang durch mein Blut. Ich schalte mich auf Automatik. Gefühle waren gestern. Jetzt geht’s mal wieder um mich, zur Abwechslung. „Eh du Verrätaschwein“, schreit jemand, dann klirrt Glas. Hektik im Hof. Fenster werden aufgerissen. Leute gaffen. Ich nicht. Ich wische meine Fingerabdrücke von Francks Ausweis, geh in die Küche, hole ein Messer und warte. Jetzt ist es still.

Dann ein Klopfen. „Gisa, Liebes. Alles vorbei. Ich habs dir versprochen. Mach auf.“ „Ich renne zur Tür. Lasse mich wortlos in die Arme nehmen, drücke Franck fest an mich, ganz fest. Dann steche ich zu. Genau zwischen die Schulterblätter. Das kann ich. Ich kann alles. Nur nicht zuschauen wie er stirbt, mit diesem fragenden Blick. Er hat wirklich keine Ahnung.

Die Latexhandschuhe stecke ich ein. Auf dem Weg zum Parkplatz gehe ich querbeet über den Rasen, schaue ich ins Müllhäuschen. Jemand duckt sich hinter die Tonnen. „Der Typ da inner Wohnung hier im dritten Stock, mit den blutunterlaufenen Augen und dem weißen Zeug im Sack, gehört der zu dir? Ich soll dich raufschicken, jedenfalls. Haste Handschuhe?

Er grinst und läuft los. Ich auch. In die entgegengesetzte Richtung. Keiner hält mich auf, als ich den Porsche anlasse und ganz gemächlich auf den Parkplatz rolle, hinaus auf die Straße. Und dann Richtung Autobahn. In den Süden. Dort ist das Zeug ne Menge wert. Leben, ich komme.

An der Tanke dreht sich der Typ vor mir in der Schlange um. Schaut mich an. Nicht übel. Haselnussbraune Augen tasten mich ab. Von Kopf bis Fuß. „Biste in Scheiße getreten?“ Fragt er. „Kann sein. Heute ist wohl mein Glückstag“, grinse ich. „Ich heiße Leah. Und du?“

Adventskalenderkrimi 2.0. 23. Dezember: Von Wölfen und Schafen.


„Und du hast mein Leben riskiert, um dein letztes dreckiges Geschäft abzuwickeln?“ Ich bin nur verwundert. Über ihn und mich, weil mich das so kalt lässt. „Nein, um uns ein neues Leben wahr zu machen. Uns. Dir und mir! „Hab Vertrauen.“ „Bis wann?“ Franck schaut mich an. Lächelt. Streicht mir meine vorwitzige Strähne aus der Stirn. Setzt zum Antworten an, da klingelt sein Handy. Er rührt sich nicht, wir schauen uns an und schwimmen in unseren Augen wie in Bergseen. Er zittert. Mein See ist ein Gletscher.

Es hämmert gegen meine Tür. Ich erschrecke. Das ist kein Spiel. Ich hab schon viel Scheiße gemacht in meinem Leben. Hab viele Chancen sausen lassen, bin auf hoher See im Orkan gesegelt. Hab ne Million verlassen, weil ich keine Lust mehr hatte auf Austern zum Frühstück. Ich wohn in ner kleinen Etagenwohnung und hab kein Auto und kein Geld. Mehr. Aber zum ersten Mal in meinem Leben hör ich auf zu spielen. Franck springt auf. Schnappt sich Hose Socken Hemd und rennt zur Tür. Reißt sie auf. Knallt sie zu. Ist weg.

Ich zähle langsam bis hundert. Dann schnappe ich mir sein Handy, das ihm aus der Tasche gefallen ist. Zusammen mit einem Ausweis.

Adentskalenderkrimi 2.0. 22. Dezember: Neustart.


Auch wenn mein Herz grade singt und lacht, in meinem Kopf bohren die Fragen. Ich schiebe meine Hand unter seinen Rücken. Streichle mit der Zunge seine Ohrmuschel und flüstere – ich klinge eher müde als überzeugend, dabei – : „Franck, was los mit mir? Kommmm, sagsssss“. „Hmmmmm“ brummt er genüsslich. dann, fragend: „Hmmm?“ „Frahanck, komm schon“ „Schon wieder?“ murmelt er. „Ich kraule seine Schultern und warte auf eine Antwort. Als ich aufwache, scheint die Sonne ins Zimmer. Franck liegt dicht neben mir und schaut mich aus der Horizontalen schräg an. „Gisa“, sagt er. „Ja?“ „Gisa, das war so nicht geplant, weiß du? Ich war ziemlich lange weg, in Frankreich, in der Türkei. Geschäftlich. Ich bin da an die falschen Leute geraten. Ich geb’s zu. Das Leben ist nirgendwo einfach. Als Ausländer schon gar nicht. Und ich hab nun mal’n Faible für schnelle Autos. Und für schnell verdientes Geld. Ich…… ich wollte aussteigen. Aber….. die sind mir nach. Ja. Und als ich so ganz tief drin saß, in der Scheiße, da stehst plötzlich zu neben mir an der Kasse. Gisa – ich liebe dich!“

Er hat das alles fast in einem Atemzug gesagt und ganz leise. Ich musste mich total anstrengen, um kein Wort zu verlieren. Aber ich habe alles verstanden. Vor allem das, was er nicht gesagt hat. „Und? Ist jetzt alles vorbei?“ Ich versuche, meiner Stimme einen leichten Klang zu geben. „Ja, jetzt ist alles vorbei. Fast“.

Zeit finden………….


Nur noch drei Tage bis Weihnachten! Und noch fünf, sprich alle Geschenke zu kaufen! Mum, Pa, Sister, Oma, Freundin. Noch zwei Tage, um die Kohle dafür aufzutreiben! „Ich freu mich viel mehr über was Selbstgemachtes. Einen Kalender, zum Beispiel.“ O-Ton Mum. „Schenk mir keine Krawatte, die trag ich eh nicht. Schenk mir lieber, dass du mit mir Skifahren gehst, einen Tag lang.“ Sagt der Vater. „Ach, Kind, komm mich doch mal besuchen“, schrieb ihm Oma. Wünsche, die leider unerfüllbar sind. Denn Zeit ist genau das, was ihm fehlt, weiß Vic. Und er hat keine Ahnung, wo er die finden könnte. Weiterlesen „Zeit finden………….“

Adventskalender 2.0. 21.Dezember: Punkt oder Strich?


Diesmal dauert es nur ein paar Minuten, bis ich wieder wach bin. Meine Stirn tut höllisch weh, und etwas kleckert klebrig die Wangen hinunter. Ich lehne an der Badewanne. Franck kommt aus der Küche, ein Kühlelement in der einen, einen Waschlappen in der anderen Hand. „Du kriegst ne Riesenbeule. Außerdem hast du dir die Stirn aufgeschlagen. Ich hab dir doch gesagt, du hattest ne Gehirnerschütterung!“ „Ach ja, und woher, bittesehr?“ Bevor ich dich kannte, war mein Leben vielleicht langweilig, ich hatte keinen Hummer sondern Semmeln aus der Tüte und dazu ne Zigarette. Aber auf diese Art von Spannung kann ich, glaube ich, verzichten“. Ich funkele ihn an. Aus die Maus, denke ich. Egal, was dieses dumme Herz da drinnen macht. Soll es wummern und heiß laufen. Ich bin eben nicht gemacht für ein Leben  auf der wilden Seite der Straße. „Sorry, Gisa. Tut mir leid. Aber wie die Dinge stehen, wirst du mich jetzt noch nicht los“. Franck sagt das ohne Bedauern. Ich höre sogar ein kleines, lustiges Ende direkt vor dem Punkt.

„Was soll das…?“ setze ich an. Aber da verschließt er mir schon den Mund mit seinen Lippen, schiebt die Zunge zwischen meine Zähne und trägt mich ins Schlafzimmer, als sei ich eine Schaufensterpuppe. „Jaaaa“…. schreit mein Herz. Und während wir miteinander schlafen, sehe ich uns vor mir, morgen früh, wie wir Kaffee trinken, in der Sonne. Hand in Hand durch den Englischen Garten gehen. Ins Auto steigen und einfach Richtung Süden fahren. Oh nein! Nicht schon wieder!