Weihnachten ausgebrannt?


Es ist nicht mehr als eine Randnotiz auf Google News, rechte Spalte: Weltmeister Kabashi tot. Weltmeister? Ich denke an Schach, aber der Name klingt eher albanisch als russisch. Gewichtdopen, ehm, -heben, eher? Nein. Thaiboxen, entnehme ich der Meldung. 35, tot in seiner Münchner Wohnung aufgefunden. Angesichts der Tatsache, dass auch Christa Wolf keine ganze Seite bekam und nur ein paar Wenigminuten in den öffentlichen TV-Nachrichten (bei den Privaten hast du ohne Doppelvorname keine Chance auf Erwähnung, gell, Gina-Lisa), hat er es doch auf einen  gewissen Zeilenwert gebracht, nach seinem Ableben. Kein Vergleicht natürlich mit anderen Größen aus Sport und Unterhaltung. Vom Torwart über diverse Sänger und Sängerinnen. Aber er war ja auch älter. Nicht so alt zwar wie Joe Frazier, aber zu alt, um ein Recht zu haben, sich melancholisch zu Tode zu dopen – und sich dadurch einen Namen in der Hall of Fame zu sichern. Früher Tod muss keine Gnade sein.

Wir sterben  – hoffentlich nicht vor Weihnachten an Überdosen. Aber wir kranken daran. Immer mehr immer öfter. Anrufe wie „Du, ich schaff den Auftrag vor Weihnachten nicht mehr, in habe Burn Out“, sind an der Tagesordnung. Ebenso wie die Absagefloskel „Sorry komme nicht zur Weihnachtsfeier, bin ausgebrannt.“ Soll ja schon bei manchen Handys als Textvorlage angeboten werden. Ja. Wir brennen mit den Adventskerzen um die Wette. Rennen hierher und dorthin. Verrennen uns. Wollen es jedem und allen recht und schön und gemütlich machen. Geld haben wir scheinbar (!) genug. Leider aber keine Zeit. Ich mache da keine Ausnahme. Oder! Doch! Jetzt gerade nämlich müsstesollte ich einen Artikel schreiben. Meine Rechnungen ausdrucken. Drei wichtige Telefonate führen. Staubsaugen. Reifenwechsel terminieren.

Stattdessen sitze ich am Mac und  – sinniere. Nehme mir die Freiheit, Zeit zu haben, ohne sie zu besitzen. Und jetzt kommt das Beste: ich verschenke sie. Euch, liebe Leser! Freut euch, ihr Christen und Nichtchristen und genießt die drei Minuten hier auf meinem Blog. Entspannt. Denkt nach, kritisiert, lacht oder ärgert euch. Egal. Für drei Minuten habe ich euer Hamsterrad angehalten. Wenn das kein Nikolausgeschenk ist!

Ungebunden an die Zeit


Kindheitsmuster verschlungen bis die Seiten Eselsohren hatten und das dünne, schlechte Papier die zerlesenen Buchstaben nicht mehr halten konnte. Anders als „Licht über weißen Felsen“ und „Winnetou“, diesen in ihrem Gegensatz ähnlichen, pathetisch-ideologischen Indianer-Epen ohne Nähe zum Sujet, verwandelte sich „Kindheitsmuster“ nicht unter dem Kaleidoskop meines Erwachsenenblicks. Nachdenken über Christa T. Kassandra. Kein Ort. Nirgends. Ihre Art, die Welt zu sehen und ihre Fähigkeit, mir ihren Blick zu öffnen, habe ich bewundert und verehrt. Sie konnte als Frau schreiben, ohne sich die Feministin auf die Stirn zu heften. Für mich sperrte sie sich allen Schubladen. „Von einem bestimmten Zeitpunkt an, der nachträglich nicht mehr zu benennen ist, beginnt man, sich selbst historisch zu sehen; was heißt: eingebettet in, gebunden an seine Zeit …“. Das war sie, und allein deshalb gehören Lob und Kritik zu ihre wie die Tage ihres Lebens umhüllend nicht verwischend. Ich fand, sie stand. In sich und zu sich. Das ist mehr, als wir von vielen deutschen, ach was, von vielleicht den meisten „Literaten“ überhaupt sagen können….

Jetzt ist sie zeitlos ungebunden. Körperlich. Kassandra ruft aber weiter, und die Kindheitsmuster ziehen Kreise an den Horizonten unserer Lesewelten.

Ich trauere um Christa W.

Hommage an Jack Sparrow


Berlin lichtet die Anker, Jack Sparrow segelt durchs Internet und das Sorgenmeer mit seinen grauen Wogen, der Krisensturm und das Wirtschaftstief verschwinden im Sog der Entereuphorie. 15 Mann an Deck, und „Anti“ als Programm. Naja – bei dieser Bundesregierung ist die Utopisierung der Hauptstadt eigentlich keine Überraschung.

Eine Überraschung war auch unser Abendessen nicht – ich wusste, es würde lecker werden. Grün war es in weiten Strecken, rot auch. Nur gekapert habe ich es nicht, finde die kleinen dunklen Beeren zu salzig für die Geschmacksharmonie. Nur eine kulinarische Zwangskoalition gab es zu guter Letzt: die Piadine aus der Metro sind halt salziger und leider viel dicker als ihre italienischen Vorbilder. Erwärmt und mit flüssiger Schokolade und gelben Kiwi gefüllt prallen Zucker und Salz als Oppositionelle recht heftig aufeinander. Nehmt also lieber Crêpes, wenn ihr stabile Mehrheiten sucht.

O’zapft is!


Ein paar Tagstunden noch hatte der Himmel ein Einsehen. Und ließ Riesenräder, Eurostars und Geisterbahnen in den Sonnenhimmel fahren. Dirndl im Sommerwind wehen und Raucher trockenen Hauptes vor den Bierzelten lungern. Trockenen Fußes eher nicht, denn auf den Holzbohlen schwamm sicher schon bald das Bier in Lachen. Wie „über den Wolken“, nur gespiegelt, im Himmel der Bayern.

Ein paar Stunden Oktoberfestsonne sind jetzt vorbei. Mit einem Paukenschlag und einem gleißenden „Spot“ kam das Nachtgewitter. Gleich beim ersten Blitz fiel der Fernseher aus. Die Kerzen brannten schon seit einer Stunde, und hinter schwarzen Scheiben zählte ich weiße Hagelkörner beim Terrassentanz.

Als dickes Kind wohnte ich in der Schlossstraße. 250 Quadratmeter, Stuckdecken über 4 Meter hohen Räumen, geschnitzte Ornamente über den Türen und bei jedem Gewitterguss Plastikeimer unter den riesigen Sprossenfenstern. War es ein längerer Regen, mussten wir den ein oder anderen Eimer zwischendurch ausleeren.

Und dann blitzte es und die große  Linde auf dem Hofplatz wurde grau und dann, ganz kurz, grellgrün. Und dann war es dunkel um uns. Und wir hatten schon wieder vergessen, di Streichhölzer auf den Tisch zu legen. Suchten die Kerzen und tappten uns auf die Füße und quiekten und kicherten. Und mein Vater, der das Feuerzeug  immer in der Hosentasche hatte, ließ uns gewähren.

Im Kerzenschein durften wir länger als üblich aufbleiben. Keine zehn Pferde hätten mich ins Bett gebracht. Vampire und Werwölfe, Hexen und Mörder hätten sich unbemerkt in mein Zimmer schleichen können, in der Dunkelzeit. Also spielten wir Schattentheater am Küchentisch – wohlig sicher in den klobigen, warmgepolsterten Bootshausstühlen. Die Kerzen flackerten, heiße Schokolade dampfte in unseren Tassen, meine Mutter sang ein Lied, und mein Vater räusperte sich. Hmhm. Begann er.

Es war eine stürmische, wilde Neumondnacht. Ein Vater und seine Tochter fuhren in ihrer Kutsche nach Hause, überland. Sie hätten längst zu Hause sein wollen, aber das Unwetter erschwerte ihr Fortkommen. Da, plötzlich versank ein Rad tief im Morast, und die Achse brach. Zum Glück sahen sie ganz in der Nähe ein Licht. Sie stiegen aus und eilten, so schnell es der unebene Weg erlaubte, diesem Licht entgegen. Schon bald standen sie vor den wuchtigen Mauern eines alten Schlosses. Sie klopften, und nach einiger Zeit schob der Schlossherr selbst die eisernen Riegel beiseite.

„Ihr dürft gerne bei uns übernachten“, sagte der Schlossherr, nachdem sie ihm ihre Geschichte erzählt hatten. „Aber ihr dürft euch nicht fürchten. Denn bei uns SPUKT es……“

Nach einer kleinen Stärkung, Brot, Wein, etwas Käse und Obst, süße Kuchen und Schokolade, nahm der Schlossherr den siebenarmigen Leuchter vom Tisch und sagte: „Es ist Schlafenszeit. Ich führe euch in eure Gemächer. Sie liegen im dritten Stock. Ich hoffe, das ist für euch nicht zu anstrengend.“

Vater und Tochter sagten Gute Nacht. „Verschließ deine Tür“, raunte der Vater der Tochter noch zu. Das tat sie. Und legte sich müde ins Bett. Sie war nicht von ängstlicher Natur, und schon bald fiel sie in einen  tiefen, traumlosen Schlaf.

Plötzlich schreckte sie auf. War hellwach und lauschte. Gänsehaut kroch über ihren Körper. Da. Schritte auf der Treppe. Und dann eine Stimme: „Stomm. Stomm. Stomm. Ich bin jetzt im ersten Stock“….

Wenn wir das Ende der Geschichte schweißgebadet überlebt hatten, machte meine Mutter meinem Vater stets Vorwürfe. Er solle uns nicht so erschrecken. Die eigene Tochter. Und dann auch noch den Kinderbesuch. Was würden die Eltern dazu sagen? Und dann erzählte sie uns ihre Geschichte.

Eine Familie machte Urlaub an der Nordsee. Sie wohnten in einem wunderhübschen kleinen Häuschen direkt am Strand. Lange war wunderschönes Wetter. Aber eines Abends tobte ein furchtbarer Sturm. Das Licht ging aus, und die Familie saß bei Kerzenschein um den einzigen Tisch in dem winzigen Häuschen. Die Wellen rollten und rauschten. Der Sturm rüttelte am Dach. Ungemütlich war das! Plötzlich krachte etwas mit voller Wucht an die Hauswand. Boammmm! Und dann gleich nochmal. Boammmmmm.

…………. Ich halte im Schreiben inne. Lausche. Tatsächlich. Der Regen hat aufgehört. Und unten singt Udo Lindenberg bei Schlag den Rab. Der Fernseher läuft wieder.

Papà, Mammina, hebt euch eure Geschichten für das nächste Gewitter auf! Oder gleich für den nächsten Kinderbesuch.

Tagliata


Von wegen „domani“. Aber manch gutes Ding will nun mal Weile haben. Und bevor ich ein Rezept „unausgegoren“ zum Besten gebe, lasse ich lieber Wartezeit verstreichen, denn die tagliata musst du nicht nur mit Hingabe genießen, sondern auch aufmerksam beschreiben.

Die Zutaten sind vorbereitet? Das Fleisch gut abgehangen?

Dann nimmt eine Handvoll Kräuter, Rosmarin, Salbei, Thymian, Origano, je nach Geschmack auch eine zerdrückte Knoblauchzehe. Die Kräuter putzt du und zerkleinerst sie – rupfen nicht schneiden, natürlich. In einen Topf gibst du zunächst das Olivenöl, drei, vier Esslöffel dürfen es sein, und dann die Kräuter. Vielleicht musst du Öl nachgießen. Dann aromatisierst du das Öl, indem du es auf sehr kleiner Flamme 10 bis 15 Minuten leicht erwärmst. Hat das Öl den Geschmack der Kräuter angenommen, seihst du es ab und stellst es beiseite.

Die Rucola, evtl. gemischt mit anderen Salatkräutern wie Löwenzahn oder Pimpernell, wäschst du, trocknest sie ab und legst sie als Bett auf eine entsprechend große Servierplatte. Dann verteilst du die geviertelten Datteltomaten darauf. Schließlich hobelst du den Parmesan zu Blättern und legst ihn beiseite.

Nun erhitzt du eine Grillpfanne sehr stark. Du kannst grobes Salz auf die Pfanne streuen, dadurch wird das Fleisch außen knuspriger. Wenn die Pfanne raucht, legst du die Entrecôte-Stücke hinein. NICHT mehr berühren. Je nach Geschmack drei bis fünf Minuten grillen – du kannst du Hitze etwas verringern, die Pfanne ist ja heiß genug. Dann das Fleisch umdrehen, danach wieder nicht berühren, drei bis fünf Minuten auf der zweiten Seite grillen. Willst du das Fleisch „durchgebraten“, dauert der Vorgang natürlich länger. Ist aber an sich schade……..

Die fertigen Entrecôte-Stücke schneidest du quer in ca 1 cm breite Streifen und auf dem Salatbett wieder „zusammenlegen“ (das sieht schöner als, aus wenn du sie nur verteilst). Nun übergießt du das Ganze mit dem noch warmen aromatisierten Öl und lässt es etwas einziehen. Vor dem Servieren bestreust du die tagliata mit den gehobelten Parmesanblättern.

Dazu passt Focaccia. Alternativ aber auch Ciabatta oder, denke ich, als internationaler Touch, Fladenbrot. Und ein nicht zu kräftiger, gerne moussierender Rotwein.

Buon Appetito….

Ach, ein Foto folgt, nachdem ich das nächste Mal tagliata zubereitet habe, also wahrscheinlich schon morgen…..

Stille Tage zwischen Wolken und Wellen


Über mir schwimmen Wolken im blassen Grau. Unter mir schwappen Wellen im kräftigen Blau. Um mich herum schmiegen sich barocke Bäume zu undurchdringlichen Wäldern. Unkrautgirlanden umranken mannshohe Gräser und von Olivenbäumen baumeln Styroportäfelchen, schnabelzerpickt.

Lunigiana. Niemandsland zwischen Wasser und Himmel, Grenzgebiet auf vielfältige Weise. Kulinarisch. Geographisch. Sentimental. Der Horizont schwankt vom Träumen ins Grübeln, der Blick fokussiert mal die Echse im Stein mal den Tanker auf See.

Das Fenster zum Hof wendelt sich hölzern und steil vom DVD-Kino unter die Dachbalkensuite, und schon beim Kofferauspacken habe ich mehr als ein Brett vor dem Kopf. Spinnen nisten hinter Grace Kellys Spiegel, und das Bad hat einen muffigen Atem. Wie ein alternder Film. Über den holprigen Steinen blinken blaue Lichter, wir essen bei Kerzenschein und viel zu lauter Schlagermusik, und über dem gewürzträchtigen Duft der Tagliata schwebt wie ein Spätersommerfaden die Ahnung von Moder. Wir sind die einzigen Gäste. Das rote T-Shirt mit der hebräischen Schrift ist das einzige Kleidungsstück, das der Wirt zu besitzen scheint.

Die Grillen zirpen und die Sterne schauen uns einfach nur zu. Der Borgo aus dem 17. Jahrhundert im Schulterschluss mit der gelben Kapelle, die nahtlos angeklebten Häuser, zwanzig Stufen zwei Hunde eine Küche direkt neben unserer Miniatursuite – unser Avalon im See urwüchsiger ungebändigter unbändiger Vegetation.

Corrado kocht uns die Sterne vom Himmel, und Cinzia breitet die Welt vor uns aus in farbigen Anekdoten. Die Mailänder Skala das Pferd in den Marche der Markt von La Spezia, diesem unerreichbar nahen Hafen. Ghiblir der Schäferhund kräuselt die Krallen und riecht wie eine Wagenladung voll Parmaschinkenknochen.

Drei Tage zwischen Wolken und Wellen, Fisch und Fleisch, Bergen und Tälern, Stille und Lachen, Genuss und Geschmack. Ein Korb voller Filme. Ein Buch voller Bilder. Eine Seite voller Rezepte. Bruschetta, Focaccia, Gnocchi mit Steinpilzsoße, Pasta mit Muscheln und die Tagliata. Damit fangen wir an. Gleich morgen.

Hier vorab schon der Einkaufszettel:

pro Person 1 Entrecôte, gut abgehangen und ca. 2 cm dick;100 Gramm Rucola, eine Handvoll Datteltomaten, eine Handvoll Parmesanblätter, grobes und feines Salz, Pfeffer, verschiedene pflückfrische Kräuter, z.B. Salbei, Anis, Thymian, Origano, Rosmarin, gutes Olivenöl.

A domani, dunque.

Über das Alter durch den Tod


Als ich zwanzig war, stand ich mit einer Flasche Champagner an der Schlossmauer, stieß mein Glas in die Silversterglockenluft und sagte voller Stolz, ich sei wie eine Fackel. Schnell würde ich leben und intensiv lodernd und dann leuchtend verglühen. Mit vierzig, da war ich mir sicher, wäre ich sicher schon tot.

Heute begnüge ich mich damit, Parallelen zu einem Teelicht zu ziehen, dessen flüssiges Wachs lange in seinem unprätentösen Behälter schwimmt, derweil der Docht flackernd glimmt. Mitten im Wald sehe ich schon die Lichtung, den Horizont, und ich bin froh, das es noch eine Strecke dorthin sein mag, auf meinem Weg.

Aber ich ahne bereits, dass ich in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht mit Gleichmut zurückschauen werde, nicht hadernd ob der genommenen Abzweigungen, hoffentlich, aber auch nicht mehr neugierig auf die vielen anderen, übrig gebliebenen. Vielmehr kann es sein, dass ich einem ganz anderen Licht entgegen sehe. Einer Erfahrung, die ich noch nicht kenne, und die mich nach den Erkenntnissen, Leiden und Freuden im Diesseits mit Unbekanntem zu locken vermag.

Ich ahne. Aber bis dahin kann es und darf es, von mir und meinem Heute aus, ruhig noch eine lange Wanderung sein.

Auch nur ein MANN


Hund/e
P

Jeden Morgen das gleiche Spiel. Du wachst vor mir auf. Bleibst trotzdem liegen. Im wohligen Halbschlaf grunzt du ab und zu, dein Herz schlägt gleichmäßig unter dem warmen Pelz auf deiner Brust. Du bist eine haarige Angelegenheit, durch und durch,  aber das wusste ich ja. Oder hätte es wissen können, wäre ich nicht dem Charme deiner braunen Augen erlegen.

Erst wenn ich mich endlich aus den Laken schäle, rappelst auch du dich auf. Gähnst herzhaft, streckst dich und schaust mich erwartungsvoll an. Sonst nichts. Sobald ich aufstehe, folgst du mir. Du oder ich, wer gewinnt den Wettlauf ins Bad? Ich. Aber dann du stehst vor mir, drängelnd,  und kannst es kaum erwarten, bis ich die Klospülung drücke. Der Weg in die Küche wird zum Spießrutenlauf. Kaffee kochen, Milch heiß machen, alles unter deinem wachen, aber trägen Blick. Du hängst an mir, ich weiß. Und habe ich mir das nicht immer gewünscht? Nie wieder auf Platz 2 liegen hinter  Job, Computer oder Sport. Nie wieder nur die Alternative sein zu Mutters Wachmaschine oder dem Stammplatz beim Billig-Italiener. Die sprechende Version von Air Doll, die Putzfrau ohne Sozialversicherung. Die Nachtchauffeuse.

Du warst der letzte Versuch. Neuanfang und Kapitulation in einem. Ja. Du brauchst mich. Aber das wird mir jetzt zur Last. Deine Blicke sind wie die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Ich kann dir nicht entfliehen. Du folgst mir, wo ich gehe und stehe. Du vergötterst mich. Aber du kannst so lange mit deinem zugegeben langen Schwanz vor mir herum wedeln, wie du willst. Das macht mich nicht an. Du forderst mich nicht heraus. Du rufst mich ab. Ich soll für dich da sein. Tag und Nacht. Gut, ich hatte sie satt, die einsamen Couch-Wochenenden mit Celluloidträumen aus der Videothek. Jetzt weiß ich, dass ich weder Holly Golightly bin noch Lara Croft. In mich verliebt sich niemand bedingungslos. Auch du nicht.

Ich wollte nie mehr allein im Englischen Garten spazieren gehen und mein Gesicht hinter einem Liebesroman verstecken, jedesmal, wenn ein Pärchen an meiner Bank vorbeischlendert. Es stimmt, diese Zeiten sind nun vorbei! Ich habe keine Minute mehr, um Liebesromane zu lesen. Und ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Video ausgeliehen habe. Du erfüllst meinen Tag von morgens bis abends. Du willst meine Aufmerksamkeit, und wenn ich sie dir verweigere, wirst du brutal. Meine Kaschmirweste hast du zerrissen. Meine Armani-Jeans zerfetzt. Von den Flecken auf dem Wohnzimmerteppich will ich gar nicht anfangen. Natürlich, ich war schuld. Ich bin immer schuld. Auch jetzt. Hör auf, mich so  anzustarren. Verdammt noch mal. Siehst du nicht,  dass ich noch im Pyjama bin? Darf ich wenigstens erst meinen Milchkaffee austrinken?

Jetzt reicht`s! Hau ab! Hier ist die Tür! Verschwinde. Und komm erst wieder, wenn du alles gemacht hast. Du Mistvieh, du nerviges. Hätte ich mir nur ein Weibchen geholt, beim Hundezüchter.

So – das habe ich letztes Jahr geschrieben. Das ironische Lächeln klebt mir wie Eiszapfen am Herzen. Nein, ein Mistvieh war er nie. Eher ein Schatten, der auf meiner Erinnerung liegt, jetzt. Und fehlt. Mir. Uns. Sogar der Kater sucht auf dem Sofa, dem Bett, dem Teppich, der Terrasse mit tierischem Gespür die Plätze, an denen er lag.

Ja, ein Weibchen wird es sein, das nächste Mal. Aber sicher nicht vom Züchter. Eher vom Sonnenhof. Aber ein Ersatz? Niemals.

Micromoments


ShivastreetEs stimmt nicht. Sonnenschein und blauer Himmel sind keine gute-Laune-Garanten. Ebensowenig wie blühende Blumen, grünende Gräser und schwärmende Schwalben.

Wenn du dich fühlst, als wäre deine Haut ein helles Gewand und innen wärest du schwarz ausgekleidet, ganz, dann duften die Wiesen nach Moder, die Singvögel flöten zum Trauermarsch und die Luft liegt schwer auf deinem Atmen.

Schwüle breitest du aus um dich. Doch dein Gewitter lauert auf Entladung. Wirst du aus dir fließen? Oder eine Seite weiter blättern und die Dunkelwolken UnterSchlagen?