Der SMS-Adventskrimi. 6. Dezember: Eingesackt.


„Wie süß! Der Chef schickt uns nen Nikolaus in den Laden! Hallo, lieber Nikolaus!“

Behäbig schiebt sich der dicke Mann in den Juwelierladen, die Glöckchen an seinem Stab bimmeln mit der Tür um die Wette.

„Hohoho….wart ihr auch alle brav?“

„Klar doch, wir haben heute ganz besonders viel Umsatz gemacht. Muss ja was rein in die Socken der Liebsten.“

„Schön schön schön. Dann macht mal schnell die Kasse auf – und rein in den Sack mit den Moneten. Und die ganzen Klunker hier noch dazu.“

Der Nikolaus leert seinen Sack auf den Boden – heraus purzeln Nüsse und Äpfel – und verleiht seinen Worten mit einer Beretta 92 FS Nachdruck.

„Haltet den Dieb! Stoppt den Nikolaus!“ Doch keiner nimmt die Rufe ernst. Am wenigstens die zwei, drei Dutzend Nikoläuse, die sich, schwer bepackt, auf der Fußgängerzone tummeln.

Der SMS-Krimi-Adventskalender. 3. Dezember: Komm!


„Brrr…………kalt!“

„Ich kenn ne Abkürzung.“

„Wie schön, der Winterwald. Ein Meer aus Puderzucker mit ganz vielen Schokoladenbäumen drin.“

„Komm. Es wird Nacht.“

„Abendrot! Da gehts lang!“

„Nein. Komm.“

„Ohhh….der See…“

„Gefroren. Komm….komm… komm!!!“

Keinsinn


Es sind nur Geräusche. Emotionslose Lebensäußerungen. TäTä, Klock Klock. Tasse auf Untertasse. Bereck Bereck Bereck. Gulp. Toast zwischen Zähnen. Kaffee auf dem Speiseröhrenweg. Tätä. Klockklock. Ting ting. Metallmesser an Glasteller.

Nur Geräusche. Sie kratzen an meinem Gehör wie nasse Kreide auf der Tafel. Fädeln meine Nackenhaare auf und ziehen daran, an jedem einzelnen, bis ich igele, ganzkörprig.

Es sind nur Worte. Gehaltlose Zeichen, zu Sequenzen gereiht wie Klangperlen in einer atonalen Komposition.

Du bist machtbesessen. Du bist ein Despot. Du willst mich vernichten. Du bist mein Unglück. Mein Tod.

Nur Worte. Auf dem Weg zwischen Gedanke und Mund ihrer Absicht beraubt, schrauben sie konzentrische Krater in meine Seelenhaut.

Krankheit ist Lösung. Lösung ist heiter.


Von der Autobahn geht es mitten hinein in die Filmkulissenlandschaft einer heilen Welt. Grüne Bergrücken, vor denen sich adrette Alpenhäuser an weiß blühende Apfelbäume schmiegen. Satte Weiden, buntes Fleckvieh, Raps so weit das Auge reicht. Am Talrand ragen weißbekränzte Gipfel in den Schlagrahmhimmel. Am Friedhof entlang und dann hinter dem Heuschober rechts über die Brücke. Das Haus des Bergdoktors entspricht allerdings schon auf den ersten Blick nicht der Filmvorstellungs-Vorlage. Ein Jahrhunderte alter Guts- und Gasthof, der Generationen von Reisenden und Wanderern als Rast- und Ruhepunkt gedient haben mag, Tulpen wiegen sich im Rasenwind, auf dem Pflaster des Parkplatzes stehen  große Wagen.

Biedermeier-Eleganz in Weiß und Blau empfängt den Gast. Flausch schluckt die Schritte, und der Duft nach frisch gewaschener Wäsche weht durchs Treppenhaus. Ein Rollstuhl lehnt an der Aufzugwand. Der Unterschied zu einem Romantikhotel liegt in der Abwesenheit gedämpfter Lounge-Musik. Und in der stillen Heiterkeit, die unaufgesetzt den Raum durchschwingt. Weiterlesen „Krankheit ist Lösung. Lösung ist heiter.“

Crux crucis


Es wogt. Es dampft. Es drückt. Es lacht. Es schwitzt. Es friert. Es ruft. Es eilt. Es hungert. Es dürstet. Es trinkt. Es schmatzt. Es ergießt sich. In unter auf und über München.

Es nimmt sich wichtig. Es macht sich wichtig. Es zeigt sich. Es übertönt. Es übertüncht. Es gleichmacht. Es verspricht. Es entspricht. Es verzieht. Es postuliert. Es deduziert. Es karikiert. Es markiert. Es paradiert. Oben unten hinter vor den Bühnen.

Es klingt. Es singt. Es jubelt. Es faltet. Es runzelt. Es schmunzelt. Es streckt. Es reckt. Es gröhlt. Im Rhythmus und daneben.

Er ist. Er atmet. Betet. Tröstet. Begleitet. Beschirmt. Durchschaut. Verzeiht. Er lebt. TrotzDem. InAllem.

Abgelegt.


Der Unterschied zwischen einem lebenden und einem toten Wesen ist der größte Gegensatz, den wir Menschen uns vorstellen können, sobald wir ihn einmal, zum ersten Mal, erlebt haben. Ein toter Körper ist wie ein ausgezogenes Kleid. Liegt auf dem Bett wie eine abgeworfene Insektenhülle. Eckig und mit tödlicher Schärfe gezeichnet. Ohne die Weichheit, die lebendige Bewegung ihm eingibt. Bewegung, die klingt. Auf eine ganz eigene, sehr persönliche Weise. Ist dieser Klang verweht, schneidet die Stille tief in den Raum. Kälte fließt aus dem abgeworfenen Mantel, aus atmender Haut wird eisiges Wachs. Weiterlesen „Abgelegt.“

Eben. Noch.


Eben noch die Hand gedrückt. Weiße Kälte.

Eben noch ein Licht gesehen. Gebrochenes Auge.

Eben noch gelächelt. Erstarrte Falte.

Eben noch Erinnerungen Meinungen Befürchtungen Ermahnungen und Wünsche. Jetzt Gewissheit. Oder nichts.

Fülle. Leere. Liebe. Leere. Tränen. Leere.

Weisheit Wildheit Dummheit Zorn. Güte Ahnung Trost Bewegung. Halt.

Leben. Tod.


Vivamus, Lesbia!


„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen“..  soll Martin Luther gesagt haben. Vor meinem Fenster schwelgt der Walnussbaum in zögerndzartem Grün. Wie noch nicht ganz entfaltete Flügel zittern die fedrigen Blätter in ihrem ersten Wind. Schattige Sonne leckt an den glänzenden Ästen, die sich stolz aus dem Winterschlaf strecken.

Wenn die Natur ihre Frühlingsaugen aufschlägt, mag keiner an das Ende denken. Nicht das des Sommers -auch wenn die Tage im Juni schon wieder rückwärts laufen; nicht das des Wohlstands – lass doch die Griechen hinter Griechen kriechen und die Banken samt der Börsen gleich hinterher; nicht das der Welt – auch das Mississipidelta ist von den Titelseiten in die Innenteile der Nachrichtenmagazine geglitten,  wie geschmiert; und schon gar nicht an das eigene Ende. Nein. Daran mag wirklich gar keiner denken. Gut oder schlecht? Unbesonnen oder weise? Weiterlesen „Vivamus, Lesbia!“