Adventskalender-Minikrimi am 16. Dezember


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Das Ende von Beate U.

„Er hat wieder zugeschlagen. Die gleiche Methode, die gleichen Verletzungen, die gleiche Maske.“ Kommissar Helsink setzt sich rittlings auf den Bürostuhl. Sein Team ist bunt zusammengewürfelt, aus jeder der Städte, in der der Fetischmann seine Spuren hinterlassen hat. „Das stimmt nicht ganz.“ Susanne, die blonde Kollegin aus Hannover, tippt mit dem Laserpointer auf die Fesseln. „Das ist eine andere Marke.“  „Stimmt. Aber was sagt uns das?“ „Abwarten.“

Der Fetischmann findet seine Opfer über Kontaktanzeigen, denen er als einsamer, schüchterner Witwer antwortet. Er lässt sich Zeit, ein, zwei, drei Treffen. Abendessen in teuren Lokalen. Erst dann zeigt er sein wahres Gesicht. Folgt der Einladung zum Kaffee bei ihr zu Hause. Ko-Tropfen, Bettfesseln, Vergewaltigung. Die Frauen sind so traumatisiert, dass sie keine hinreichende Beschreibung des Mannes geben können. Das Auffälligste ist die rote Strumpfmaske, die er sich zum Höhepunkt überstülpt.

Das muss ein Ende haben. Gegen den erklärten Willen von Kommissar Helsink macht Susanne den Lockvogel. Und tatsächlich, nach ein paar kläglichen Fehlstarts mit albtraumartigen Esserlebnissen im Schnellrestaurant, beim Stehasiaten und, ja, an einer Currywurstbude scheint der Fetischmann angebissen zu haben. Er ist erstaunlich unscheinbar, hat gute Manieren und dieses gewisse Lauern im Blick, das beim Dessert zu Susanne hinüber huscht. Nach dem zweiten Date ist sie sich sicher: er ist es. Für das dritte Treffen hat ihr Team ein schlichtes Aparthotel ausgesucht. Und Susanne ein rotes Kleid mit tiefem Dekollete, in dem sie die Wanze gut unterbringen kann.

Es läuft alles wie geplant. Aus Sicht des Fetischmannes. Essen, Trinken, Kaffee. Auf dem Weg ins Schlafzimmer spürt Susanne eine bleierne Müdigkeit. Und das, obwohl sie den Kaffee gar nicht wirklich getrunken hat. Es muss ihr etwas in den Wein gekippt haben. Mist! Dann geht alles ganz schnell. Ein Moment der Unachtsamkeit. Und ehe sie sich’s versieht, hat er die Bondageutensilien ausgepackt. Mit diabolischem Lächeln, so scheint es Susanne, fesselt er ihre Arme und Füße an’s Bettgestell. Und beginnt, sich auszuziehen, die Maske überzustülpen, sich auf sie zu legen. Wenn er in dem Tempo weitermacht, kommen die Kollegen nicht mehr rechtzeitig!

Mit wachsender Verzweiflung wirft Susanne sich auf dem Bett hin und her. Reißt und rüttelt an den Fesseln. Sie weiß aus Erfahrung, dass sie stabil sind. Eine „gute“ Marke. Halt! Vielleicht hat sie doch noch eine Chance. Sie erinnert sich an die Fotos vom letzten Fall. Die Fesseln haben eine Sollbruchstelle. Und genau die nutzt Susanne aus. Ein Ruck, ein Druck – und sie ist frei. Schlägt dem Mann über ihr mit der Faust ins Gesicht, reißt sich auch von den Fußfesseln los und tritt ihn gezielt genau dort, wo es besonders weh tut.

Als die Kollegen kommen, können sie dem Fetischtäter Handschellen anlegen. Echte, diesmal.

„Ich wusste, die Marke macht den Unterschied“, erklärt Susanne später. Erst hat er immer im renommierten Sexladen gekauft. Nachdem der pleite gemacht hat, musste er auf Online-Bestellung umschwenken. Billigware aus China. Sein Pech.

Adventskalender-MiniKrimi am 15. Dezember


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Unkontrollierte Eskalation

Strategieworkshop im Wahlkampf. „Wenn die Argumente ausgehen, muss man kontrolliert eskalieren. Dabei darf man den Gegner nicht schonen. Und sich selbst auch nicht.“

Der Chefdenker bekommt ein Honorar in der Dimension eines Mittelstreckenfliegers, also muss er wissen, was er sagt. Trotzdem jagen der Leiterin der Wahlkampfzentrale heiße Schauer über den Rücken. Wie meint er das? Oder hat er sich vorher die Konsequenzen von dem überlegt, was er da so gelassen ausspricht?

Ihm muss doch klar sein, dass der Kandidat am Ende ist. Seit Wochen im Umfrage-Tief. Nur ein Wunder kann ihn retten. Und sie ist dafür verantwortlich, dass dieses Wunder geschieht. Wie durch dichten Nebel hindurch hört sie den Chefdenker weitersprechen: „Was in solchen Fällen immer hilft..“ „Katzenvideos?“, versucht einer einen Scherz. Ausgerechnet der Presseverantwortliche! „Was in solchen Fällen immer hilft“, wiederholt der Chefdenker geduldig und in genau dem Tonfall, den sie bockigen Kindern gegenüber anwenden würde – vorausgesetzt sie hätte welche. „Also was da hilft ist der Mitleidsbonus.“

Fragende Gesichter in der Runde. Mitleid – weshalb? Weil der Kandidat im Privatjet von Termin zu Termin hetzen muss und mit Kaviarhäppchen und Champagner bei Laune gehalten wird? Oder weil er zufällig so gut aussieht, dass sich die hübschesten Blondinen darum reißen, neben ihm fotografiert zu werden, ungeachtet jedes Klischees?

„Ich werde Euch jetzt nicht näher erläutern, was ich meine (klar, sonst stünde er sofort mit anderthalb Füßen im Gefängnis, denkt sie), aber unlängst wurde eine Bürgermeisterin mit unerwarteter Mehrheit gewählt, während sie nach einem Attentat auf der Intensivstation lag…..“.

Sie hat es geahnt. Sie wusste es. Und sie weiß, was sie tun muss. Aber ihr wird schlecht bei dem Gedanken an die Durchführung. Sie gibt sich einen Ruck. Sie ist die Verantwortliche. Jetzt gibt es kein Zurück. Sie steht auf, geht leise aus dem Meetingraum und, setzt sich an ihren Schreibtisch, holt den vorbereiteten Umschlag aus der untersten verschlossenen Schublade und macht sich auf die Suche nach einem unauffällig platzierten Briefkasten.

„Spitzenkandidat von Briefbombe schwer verletzt!“, schreit es am nächsten Tag aus dem Blätterwald. Und wie erwartet finden die Boulevardzeitungen plötzlich und zum ersten Mal seit Wochen freundliche Worte für den armen Politiker, der so hart für sein Land arbeitet, dass er sogar selbst seine Briefe öffnet. Ein im Wortsinn durchschlagender Erfolg.

Aber dann – besucht ausgerechnet seine schärfste Konkurrentin den Verletzten im Krankenhaus. Medientechnisch perfekt inszeniert überreicht sie ihm einen großen Blumenstrauß.

Sie ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Wahlkampfauftritt, als der Spitzenkandidat einem anaphylaktischen Schock erliegt. Allein schon aus Selbstschutz werden die behandelnden Ärzte das nie nach außen dringen lassen, ebensowenig wie die Tatsache, dass sich ein Zweiglein Ambrosia in die Blumen gemogelt hatte.

Kurz nach ihrer Wahl wird die neue Ministerpräsidentin ihr Coming out bekanntgeben und mit ihrer neuen Liebe in die Staatsvilla einziehen. Dass die Geliebte mal Wahlkampfleiterin ihres stärksten Gegners war, ist zu diesem Zeitpunkt niemandem mehr bekannt.

Adventskalender-MiniKrimi am 14. Dezember


Tödliche Begegnung

Er ist schon spät dran. Zu Hause steht das Essen auf dem Tisch. Die Kinder haben sich schon die Hände gewaschen und streichen hungrig um die Töpfe. Und Claudia steht mit dem Rücken an die Frühstückstheke gelehnt, den Blick auf der Küchenuhr und die Hand am Telefon. Hoffentlich gibt es keinen Risotto, sonst ist der Abend jetzt schon komplett gelaufen. Vor seinen Augen spielt sich die Szene ab, die ihn erwartet. sobald er den Schlüsselt ins Schloss steckt. Der Hund bellt wie verrückt, die Kinder rufen: „Papa, endlich.“ Dann schiebt er die Haustür auf, 6 Augenpaare schauen ihm entgegen. Zwillinge und Terrier. Nur Claudia dreht im den Rücken zu. Füllt den natürlich inzwischen zu weichen Risotto in die Schüssel und murmelt „Eine halbe Stunde zu spät! Du hättest anrufen können. Ein Klick. Mehr nicht. Aber das bin ich dir ha nicht wert.“

Die Straße am Waldrand ist dunkel. 30er-Zone. Aber um diese Zeit ist hier kein Mensch unterwegs. Höchstens ein paar Jogger. Aber die laufen zum Glück nicht einfach über die Straße. Er tritt auf’s Gaspedal. Noch bis zum Ende, und dann links. Noch ist die Ampel grün. Er sieht den Jogger, der parallel zu ihm auf dem Gehweg läuft. Richtung Ampel. Als plötzlich unvermittelt eine 90-Grad-Drehung macht, sieht er sein Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann hat er ihn mit seinem SUV erfasst.

Sie hatten keine Chance. Er hätte nicht mehr bremsen und der Jogger nicht mehr stehenbleiben können.

Er steigt aus. Vor ihm, halb unter seinem Wagen, liegt der junge Mann. Schaut ihn aus blinden Augen an. Die Kopfhörer sind verrutscht. Aus ihnen hört er eine Stimme: „Jetzt links über die Straße, René.“

Und jetzt, liebe Adventskalender-Krimifreunde, seid Ihr dran. Was genau ist passiert?
Ich freue mich auf Eure Auflösung!

Adventskalender-MiniKrimi am 13. Dezember


Die Luft ist raus

„Du bist so hässlich, dass ich’s kaum ertragen kann….“ Die Platte hat schon bessere Zeiten gesehen. Eva ist nicht eben zimperlich umgegangen, mit dem Vinyl. Das Lied ist für sie mehr als ein Song aus den 1980ern. Es ist ihr Initiationslied. Es markiert das Ende ihrer Unterwürfigkeit im Haus des despotischen Vaters und den Beginn ihrer Freiheit. Eigene Wohnung eigener Job, eigener Freund. Eigenes Pech. Immer wieder. War sie reingefallen. Auf die schönen blauen Augen. Auf den Kussmund. Und die vielen süßen Worte. Alles heiße Luft.

„Du bist so häßlich, dass ich’s kaum ertragen kann…“ Aber jetzt hat sie den Bogen raus. Wenn er ihr nicht mehr passt, dann muss er gehen. Oder gegangen werden. So war’s mit Fritz. Mit Franz. Mit Olaf.

Und jetzt Mike. „Du bist so hässlich. Mit den viel zu runden Lippen. Und dem viel zu dicken… na du weißt schon. Viel zu aufgeblasen. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Luft ist raus.“

Und sie sticht zu. Einmal, zweimal, dreimal. Immer wieder und mit großer Lust. Sie hört erst auf, als Mike am Boden liegt. Unordentlich zusammengekrümmt und völlig reglos.

Sie rollt ihn mehr schlecht als recht zusammen, packt ihn in den Plastikmüll und sucht im Online-Katalog für aufblasbare Männerpuppen nach dem neuesten Modell.

Adventskalender-MiniKrimi am 12. Dezember


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Liebe Adventskalender-MiniKrimi-Freunde,

heute habe ich für Euch ein ganz besonderes „Schmankerl“: Das Krimi-Debut meiner lieben Autorenkollegin Gabriele Auth. Ich finde, der Text hat alles, was ein echter Krimi braucht. Aber lest selbst!

Schritte

Schritte. Hinter mir. Im gleichen Takt wie meine eigenen. Die ganze Zeit.
Warum sind die verdammten Laternen so trübe? Oder liegt das am Nebel? In den Fenstern der Häuser brennt kein Licht. Dunkel ist es. Stockdunkel. Ein seltsames Wort.

Die Schritte hinter mir werden schneller, wenn ich schneller werde.
Mein Atem will ausbrechen. Die Lunge sprengen. Fast schon hechelnd.
Bloß nicht umdrehen. Nicht über die Schulter sehen.

Schritte, die näher kommen.
Schneller, ich muss schneller gehen. Die verfluchten

Stiefel haben so hohe Absätze. Ich wollte ja heute unbedingt sexy sein. Mein Atem steht in weißen Wolken in der Winterluft,
geht schnell. Viel zu schnell. Wie die Schritte.

Cool bleiben oder losrennen?

Der Typ in der Kneipe, der mich die ganze Zeit so angestarrt hat. Als ich raus ging, streifte seine Hand meinen Rücken.
Dem möchte ich nicht im Dunklen begegnen, dachte ich.
Es ist dunkel. Ob er…?

Ich laufe schneller. Mein Atem keucht. Oh Gott. Ich will nicht… ich renne.

Die fremden Schritte rennen mit. Die Stiefel ausziehen. Auf Strümpfen wäre ich schneller.
Nein.
Ich müsste dazu kurz stehen bleiben.
Auf. Gar. Keinen. Fall.

In meinem Magen wabert eine dunkle amorphe Masse. In meinem Mund ein Geschmack wie schwarzes Silber.
Woher weiß ich wie das schmeckt?

Die Schritte kommen näher.
Da vorne. Die Kreuzung. Auf der anderen Straßenseite sind Geschäfte. Hell erleuchtet. Nur noch über die Straße.
Rennen.
Keuchen.
Rennen.

Keucht es hinter mir auch?
Ist das Atemluft, die kühl auf meinen Nacken trifft?
Die kleinen Härchen richten sich auf.

Endspurt.

Rennen.

Die Straße. Schnell. Schneller. Ich. Das Auto. Ein  Mercedes.

Verdammt. Bremsen kreischen.
Im Fallen geht mein Blick zurück.

Da ist niemand. Niemand.

Ich…

Schwarz.

Adventskalender-MiniKrimi am 11. Dezember


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Wehret den Anfängen

„Wie konnte es nur so weit kommen?“ Ernest steht auf dem schneebedeckten Hügel, kaum mehr als eine Armlänge von dem Jungen entfernt. Dunkelheit umhüllt ihn, aber der Junge würde ihn nicht sehen, auch, wenn er direkt neben ihm stünde.

Er hat einen schwarzen Umhang um seine mageren Schultern gehängt, dicht an dicht mit Rabenfedern benäht. Wo er die her hat? Sein rußgeschwärztes Gesicht ist von einer grellroten Maske verdeckt. Seine Füße und Arme sind mit Lederfetzen umwickelt. Kerzengrade reckt er sich in die Winternacht. Sterne am Himmel, ausgestreut wie Diamanten auf einem Tuch. Welche Verschwendung. Die Menschen am Fuß des Hügels haben keinen Blick für die Mittwinterschönheit. Lachend und johlend drängen sie sich um den mannshohen Scheiterhaufen, seine Flammen vertreiben Dunkelheit und Kälte. Bierflaschen klirren, Zigaretten glimmen. Immer wieder stimmt jemand ein Lied an und bricht ab, als niemand mit einstimmt.

Fast kann Ernest den Jungen verstehen. Er war genauso, früher. Voller Verachtung für alles, was auf der Oberfläche des Lebens dahintrieb, ohne jemals zu versuchen, dessen Tiefen auszuloten. Ja, er kennt das Gefühl. Aber er hat sich von ihm doch nie beherrschen lassen, und nie hat er so auf einem Hügel gestanden, ein wütender Rächer ohne Aufgabe.

Jetzt hebt er die Arme, in einer Hand hält er den Bogen, in der anderen den Pfeil. Er legt an, nimmt Witterung auf, ein wildes Tier auf seinem Beutezug. Die Knie fest, nicht durchgedrückt. Der Oberkörper gerade und leicht nach vorne geneigt.  Der Bogenarm durchgedrückt und eingedreht, die Hand um 90° geneigt.

Ernest kann es nicht fassen. Der Junge vor ihm zielt auf die feiernden Menschen dort unten. Auf die Winterwendtänzer am Feuer. Zu seinen Füßen liegen über ein Dutzend Pfeile. Er hat diesen stummen Amoklauf lange geplant.

„Nein!“ ruft Ernest und will auf den Jungen zuspringen. Seinen Arm runterreißen, Den Bogen zerbrechen. Aber er ist angewachsen auf dieser nächtlichen Wiese. Und seine Schreie sind stumm. Und so muss er zusehen, wie dieser Junge, sein Sohn, unschuldige Menschen tötet. Aus Wut? Oder aus Verzweiflung. Ganz sicher aber, weil er, Ernest, als Vater versagt hatte. Ich habe Dich nie gewollt! Ich wusste genau, dass aus Dir nur genau das werden konnte, was Du jetzt bist. Ein…. MÖRDER.

„Ich bin der Vater eines Mörders! NEIN! NEIN! Das darf nicht sein!“ Endlich lösen sich die Schreie aus seiner Brust. Er wirft sich nach vorne.

Und landet auf dem Fußboden. „Sag mal spinnst Du?“ Vera liegt bäuchlings auf dem Bett, funkelt ihn wütend an. „Was tust Du da unten? Du hast wohl keine Lust, mit mir zu schlafen?“ Ich will einen Mörder aufhalten, denkt Ernest. Und die todsichere Methode ist, die Kondome aus der Hosentasche zu holen. Damit es garantiert nie so weit kommt!

 

Adventskalender-MiniKrimi am 10. Dezember


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Des Ruhmes Schattenseite 

Es sollte ihre Sternstunde werden. Seit seiner Pensionierung schauen Renate und Dietmar jeden Abend die Trödelshow, in der Leute wie sie und er ein altes Fundstück, Erbstück, Sammelstück mitbringen, schätzen lassen, einer Händlerreihe anbieten und im besten Fall von dem Erlös in Urlaub fahren. Oder wenigstens das Benzingeld rausbekommen.  „Wollen wir da nicht auch mal hin?“, hat Renate kürzlich Dietmar gefragt. „Wir haben doch so viel Krempel.“

„Was denn, zum Beispiel?“ „Na die alte Porzellanpuppe von deiner Oma. So eine ist grade für 130 Euro weggegangen.“ „Warum nehmen wir nicht was von deiner Familie? Den Jugendstil-Bowlentopf mit dem Medusenkopf, zum Beispiel?“ So ging es ein paar Tage hin und her. Aber schließlich einigten sich Renate und Dietmar auf etwas, das sie gemeinsam angeschafft hatten. Nicht Großes. Und sicher von eher geringem Verkaufswert. Aber das war ihnen egal.

Jetzt stehen sie am Expertentisch und lassen ihren Teppich begutachten. Ein hundert Jahre alter Hereke. „Ein wundervolles Stück“, sagt der Fachmann. „Aber Sie wissen, dass die Händler oben Ihnen nicht das zahlen werden, was er wert ist.“

Das macht nichts. Renate und Dietmar sind nicht wegen des Teppichs hier. Also nicht wirklich. Ihr Freundin Elke nimmt die Sendung auf. Der halbe Ort sitzt im Gasthof und schaut ihnen zu. Und mit ihnen fast drei Millionen Zuschauer im deutschsprachigen Raum. Die beiden sind gut vorbereitet. Und glaubhaft. Der Teppich passt nicht mehr zur Einrichtung. Sie haben sich umorientiert. Von antik auf futuristisch. Designermöbel und moderne Kunst. Eine schöne Sammlung. Der Läufer stört leider, und bevor sie ihn verschenken….. also für ein nettes Mittagessen wird der Erlös sicher reichen, scherzt Dietmar. Und bekommt die Händlerkarte.

Sie erklimmen die legendäre Treppe zum Händlerraum. Sie stehen vor dem Tisch, schauen in die freundlich lächelnden Gesichter. Sie hören kaum, was die Händler sagen. Es ist ja auch nicht wichtig. Also nicht wirklich. Das ist ihre Sternstunde. Sie genießen sie in vollen Zügen.  Auch im Auto lassen sie jeden Moment ihres Auftritts wieder und wieder aufleben. Ganz Deutschland hat sie gesehen.

Das stimmt natürlich nicht ganz. Aber als Renate und Dietmar zuhause ankommen, schreiten sie tatsächlich über einen roten Teppich durch die weit offen stehende Tür. Ihnen bleibt weder die Zeit, sich darüber und auch über den Transporter im Vorgarten zu wundern, noch dem Golfschläger auszuweichen, mit dem zwei schwarz gekleidete Gestalten sie zu Boden strecken.

Unter mehreren Millionen Zuschauern befinden sich eben auch ein paar medial versierte Einbrecher.

Adventskalender-MiniKrimi am 9. Dezember


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Blut ist ein ganz besonderer Saft

„Ein Mord. Ein Mord. Ich brauche einen MORD!“ Agathe stand von ihrem Schreibtisch auf und begann, mit ungeduldigen Schritten die Länge des Raumes zu durchschreiten. Von wegen heiter, dachte sie. Hesse hatte gut reden. Jeden Tag ein Mord. Wie soll das gehen? „Hermann? HERRMANN!“ rief sie, und dann gleich noch einmal: „HERRMANN!“

„Agathe Schatz, was ist denn? Ich war grade dabei…“

„Ist mir egal. Ich brauche dich jetzt. Hier. Sofort!“

„Bin gleich da, mein Schatz.“ Und dann stand er auch schon in der Tür, hemdsärmelig, mit blutroten Händen, das Bunka Hocho in der rechten, eine tropfende rote Beete in der linken Hand. „Das war jetzt sehr ungünstig.“

„Was wird das, wenn’s fertig ist?“, fragte Agathe in barschem Ton.

„Barszcz. Hattest du dir doch gewünscht, gestern.“

„Gestern! Was weiß ich, was ich mir gestern gewünscht habe! Jetzt brauche ich deine Hilfe. Ich habe nur noch zwei Stunden Zeit, und mir fällt kein gescheiter Mord ein!“

„Agathe,Schatz. Dann setzt du heute eben mal aus! Das ist doch nur ein alberner Wettstreit. Was passiert, wenn du heute bis 20 Uhr keinen Mord ablieferst? Die Welt geht davon bestimmt nicht unter!“

„Aber natürlich! MEINE Welt! Meine Reputation! Soll ich mich etwa von Rupert Rosen besiegen lassen? Ausgerechnet von DEM? Niemals. Ich habe eine Idee. Stell dich mal hier auf den Stuhl. Und dann legst du dir die Gardinenschnur um den Hals, und ich nehme das Ende in die Hand und gehe Richtung Tür, und dann…“

„Agathe, es reicht. Seit einer Woche probierst du an mir die verschiedensten Tötungsarten aus. Hier“, er zeigt auf den blauen Fleck an seiner Stirn, „hast du dich in den Apfelbaum gesetzt und versucht, mich  mit einem Ast zu erschlagen, während ich darunter vorbeilief. Zehn Mal hast du es versucht! Und hier,“ er streckt ihr anklagend den linken Arm entgegen, um sein Handgelenk windet sich ein Band aus roten Striemen. „Hier wolltest du ausprobieren, ob es dir gelingt, mir mit einem Frühstücksmesserchen die Pulsader aufzusägen.“

„Ja, das war leider ein sehr kläglicher Mordversuch.  Meiner absolut unwürdig. Aber heute versuchen wir es mit einer Kombination aus….“

„Heute versuchen wir gar nichts mehr. Ich gehe jetzt zurück in meine Küche und koche Barszcz.“ Damit dreht Herrmann sich um und geht zur Tür. Aber Agathe ist schneller. „Halt, hiergblieben!“, ruft sie und zerrt an seinem Ärmel. So heftig, dass sein Arm ihr entgegenschnellt. Das Bunka Hocho in seiner Hand zerteilt Agathes Brust so leicht wie die Rote Beete. Blut und Saft vermischen sich. Ungläubig starrt sie ihn an, sinkt in Zeitlupe zu Boden und flüstert: „Genial! Das ich darauf nicht selbst gekommen bin! Wenn Rupert das mitkriegt! Jetzt….habe…………..ich…………… ge…….won…ge…..wonnen“, gurgelt sie noch.

„Gratuliere, Schatz“, sagt Herrmann mechanisch. Dann widmet er sich wieder seiner Suppe. Ungestört.

 

Adventskalender-MiniKrimi am 8. Dezember


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Alles im Arsch

Als er beiläufig im Auto  – als Beifahrer –  in seinem Smartphone die „breaking news“ las, in einem spanischen Städtchen seien im, O- Ton, „Popo einer Jesus-Statue“ historische Dokumente aus dem 18. Jahrhundert gefunden wurde, dachte er zunächst an eine mediale Ente.

Aus Neugier – und um seine Aufmerksamkeit vom unausgereiften Fahrstil seines Freundes abzulenken – klickte er den Artikel an. Und stutzte. Der Name des kleinen Ortes in der Nähe von Madrid weckte unerwartete Erinnerungen. Die Augusthitze, die sich erbarmungslos über alles ergoss, Mauern, Straßen, seine klebrigfreuchte Haut. Die frittierten Kartoffelwürfel, aus denen das Fett auf das Zeitungspapier tropfte, wenn die Großmutter sie aus der Pfanne hob.

So lange her, dass er erstaunt darüber war, sich an die Erinnerung erinnern zu können. Mit fünf Jahren war er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Er hatte seine Kindheit im Wirtschaftswunderland verbracht, seine Jungend. Seinem Vater war es nicht gelungen, sich vom Fabrikarbeiter zu einer Position in seinem erlernten Beruf hoch zu arbeiten. Spanische Gymnasiallehrer für Literatur und Geschichte waren nicht gefragt. Aber er hatte sehr darauf geachtet, dass Miguel, der Sohn, Abitur und Studium absolvierte. Damit es Dir einmal besser geht als uns.

Wie oft hatte Miguel die immer gleiche Geschichte gehört. Schon in Spanien, am Küchentisch. Es ist eine Ungerechtigkeit. Und eine Schande. Da sitzt Alonso Alvarez in seinem Palast neben der Kirche und hat mehr Zimmer als er allein in einem Jahr bewohnen kann. Und wir hocken in einer winzigen Mietswohnung, im Sommer ersticken wir, im Winter frieren wir an den Stühlen fest. Als kleiner Junge hatte er nicht wirklich verstanden, worum es ging, aber er hatte immer Angst gehabt zu ersticken oder zu erfrieren.

Später, in Deutschland, hatte er die Zusammenhänge verstanden. Ohne allerdings viel damit anfangen zu können. Familienlegende! Offenbar war ein Vorfahr im 18. Jahrhundert um sein Erbe betrogen worden. Und seine Großeltern und Eltern trauerten bis heute ihrem verloren gegangenen Besitz nach: ein Palast nahe der Kirche und ausgedehnte Ländereien.

„Beim Restaurieren entdeckten Enrique C. und Antonio V. im Gesäß der Statue einen Hohlraum. In diesem befanden sich einige Zettel mit Notizen über das Leben und die Gesellschaft der Stadt im 18. Jahrhundert“, las Miguel. Dann folgten ein paar Beispiele. „Der Pfarrer tut so, als sei er eine Respektsperson, aber er hält seine Hausfrau als Geliebte und hat von ihr schon 4 Kinder, die er alle im Waisenhaus untergebracht hat.“ „Die Frauen unseres Dorfes sind sehr schön und schmücken sich an den Kirchenfesten mit feinster Spitze. Ein einziges Spitzentuch kostet umgerechnet eine Unze Gold. „Die Familie Alvarez ist nicht besser als der Pfarrer. Sie sind die reichsten Leute der Stadt, aber sie haben sich ihren Reichtum nicht rechtmäßig erworben, vielmehr haben sie ihn durch Hinterlist der Familie Mendez gestohlen.“

Miguel traute seinen Augen nicht. Dort stand er, der Beweis für die Familienlegende. Und was konnte er jetzt damit anfangen? Nach Spanien reisen und sein rechtmäßiges Erbe erkämpfen? Er las weiter: „Die Papiere sollten als historischer Fund in ihrem Versteck bleiben, nachdem sie im Stadtmuseum fotografiert und konservatorisch behandelt worden wären. Allerdings sind sie im Museum unter nicht näher geklärten Umständen verschwunden. Angeblich sei es durch zeitgleich geöffnete Fenster zu einem starken Luftzug gekommen, wodurch die Blätter auf die Straße geweht und dort vom Feierabendverkehr erfasst worden seien. Der Bürgermeister spricht von einem großen Verlust.“

Von wegen Verlust!, dachte Miguel. Er wusste es besser. Alonso Alvarez hatte ganz sicher seine Finger im Spiel. Wieder mal. War alles im Arsch.

Dieser Minikrimi wurde inspiriert durch die heutige Medien-Meldung über geheime Schriftstücke im Hintern eines Jesus-Statue:

Der Adventskalender-Minikrimi vom 7. Dezember


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Liebe Leser*innen,

heute präsentiere ich Ihnen froh einen MiniKrimi meiner Autorenkollegin Rosemarie Schmitt. Wir sind wahrlich Schwestern im schwarzhumorig-literarischen Geiste. Danke, liebe Rosemarie, für diese rabenschwarz tiefgründige Story.

Auch das hätte sie mir niemals zugetraut

Als sich die Trauergesellschaft in Bewegung setzte, um den letzten Weg mit der Verstorbenen von der Leichenhalle zum Grab zu gehen, zogen sich die beiden Frauen in den Schutz zweier Lebensbäume zurück.

„Kannten Sie sich?“

„Sie mich nicht.“

„Das dachte ich mir. Wissen Sie, in letzter Zeit habe ich viele Beerdigungen miterlebt, und irgendwie … na ja, ich erkenne nicht, was Sie mit denen dort verbände.“

„Das sehen Sie ganz richtig. Doch, bitte entschuldigen Sie meine Neugierde, da Sie offensichtlich nicht zu der Beerdigungsgesellschaft gehören: Was tun SIE hier?  Ich kann mir weiß Gott Schöneres vorstellen, als auf einem Friedhof zu stehen.“

„Ich bin quasi zu Recherchezwecken hier. Ich bin Schriftstellerin und arbeite an einem Roman. Was ich suche, sind Worte, die mir fehlen, Leben, die gehen und bleiben. Früher oder später weinen sie alle, manche aus Trauer, andere aus Solidarität, wiederum andere aus Erleichterung.“

Mit einem herzlichen Lächeln reichte ihr Gegenüber ihr die Hand.

„Mein Name ist Charlotte Seinsfeld, es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ganz meinerseits. Ich bin Thea Kordel.“

Als habe es ein Startzeichen gegeben, schlugen beide Frauen ihre Mantelkragen hoch, zogen sich die schwarzen Filzhüte ein Stück weiter ins Gesicht und wandten sich der Angelegenheit zu, wegen der sie gekommen waren, der Bestattung einer alten Dame.

Wenn Theas Mutter zu Beerdigungen ging, legte sie stets großen Wert auf ein perfektes Äußeres. Man wurde ja dort von so vielen Leuten gesehen. Sie legte Lidschatten auf, und je nachdem, ob mit Tränen zu rechnen war, zog sie eine feine Linie mit einem Kajalstift und tuschte ihre Wimpern. Eine Maskerade, die durch Tränen zu einer perfekten Schmierenkomödie werden konnte.

 „Wissen Sie, Thea, wie alt die Verstorbene wurde?“

„76.“

 „Schreiben Sie auch, Thea?“

„Ja, ich schreibe überwiegend Kurzgeschichten. Ich liebe es, mich kurz zu fassen. Außerdem verfasse ich Essays und Kolumnen. Ich bin freie Mitarbeiterin für die hiesige Tageszeitung. Hin und wieder übernehme ich für befreundete Autorinnen die Lektoratsarbeit, so fern sie selbst publizieren und keinen Vertrag bei einem Verlag haben. Seit etwa einem Jahr arbeite ich an meinem ersten Roman

„Ihre Mutter muss sehr stolz auf Sie sein!“

„Sie hat niemals etwas von dem gelesen, was ich geschrieben habe. Es interessierte sie nicht.  Niemals wurde sie müde, mir zu sagen und zu zeigen, wie dumm ich doch sei. Noch bevor ich ein geschult wurde, waren meine Eltern sich einig, dass ich zwar zu einfältig sei, um ein Frühstücksei zu köpfen, aber man sich nicht sorgen müsse, weil ich erstens raffiniert sei und zweitens wenigstens eine ganz Hübsche. Das würde reichen, schließlich sei ich ja sowieso ein Mädchen.

Was ich mir wünschte und nie bekam, waren Bücher. Nein, so ganz stimmt das nicht, denn eines bekam ich zu meiner Kommunion und ein zweites, als ich mit 13 von einem Auto angefahren wurde und deshalb ein paar Tage in der Klinik bleiben musste.

Dass auch meine Verwandten mir niemals Bücher schenkten, lag daran, dass meine Mutter allen sagte, sie sollen keine Bücher für mich kaufen, ich wisse eh nichts damit anzufangen. Das erfuhr ich allerdings erst, als ich bereits erwachsen war.

Der Pfarrer leierte derweil: „Lasset uns beten. Herr, erforsche mich und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Wohin aber soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin sollte ich gar fliehen vor deinem Angesicht? …“

„Sind Sie geflohen, Thea? Geflohen vor den Erniedrigungen Ihrer Mutter? Oder holen Sie sich noch immer regelmäßig Ihre seelischen Ohrfeigen ab?“, fragte Charlotte in den Regen.

„Vor fünf Tagen wurde Mutter 76. Ich brachte ihr 200 Gramm von ihren liebsten Pralinen. Nur diese eine Sorte durfte es sein, diese mit der ganz besonders edlen Füllung .Sie steckte eine nach der anderen in ihren Schlund. Der mit Schokolade vermischte Speichel tropfte ihr vom Kinn, und sie stopfte und schmatzte. Am Ende sagte sie, ihr sei so übel und ich sei schuld, ich mit meinen fürchterlichen Pralinen. Angeboten hat sie mir keine davon, ich wisse ja, wo man sie kaufen könnte. Ich mag sie eh nicht, diese Pralinen, und meine Mutter.“

„Kommen Sie, liebe Thea“, sagte Charlotte, während sie sich wie selbstverständlich einhakte, „was halten Sie von einer heißen Tasse Tee und einem kleinen Imbiss?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, führte sie Thea mit sanftem Druck Richtung Ausgang.

„Vielleicht sollten wir Ihrer guten Frau Mutter demnächst gemeinsam einen Besuch abstatten, was meinen Sie?“

„Das haben wir bereits getan, Charlotte. Wir kommen soeben von ihrer Beerdigung.“