Ansichtssache. Oder Stilfrage?


alles dreht sich um ein HaarNach diesem Aufschrei kniff ich beide Augen fest zusammen, wie, um kein Schampoo rein zu bekommen. Aber was ich vermeiden wollte war keine Seife, sondern die Realität nach der Sekunde NULL.

Schließlich zwinkerte ich. Erst rechts – auf dem Auge bin ich kurzsichtig. Dann links. OH! Ein kurzer Vollblick in den Spiegel – und ich hechtete zum Telefon. Das steht zum Glück auf der Kommode im Arbeitszimmer nur zwei Meter und eine Ecke entfernt. „Hallo? Silvia“ (Name geändert, Anm. d. Red. 🙂 ), hauchte ich mit letzter Kraft. „Silvia, ich brauche ein Wunder. Und nur SIE können das schaffen.“ Ich weiß nicht, ob meine Friseuse Hellseherin ist (oder sagt man Friseuerin? Haarstylisten erscheint mir für Silvia zu hoch gegriffen –  sie arbeitet allein in ihrem kleinen, violett und weiß und allem Anschein nach selbst gestalteten Studio, riecht ganz ungeniert nach Zigaretten, wäscht sich täglich die Haare, coloriert sie selbst in knallmattschwarz und ist erfrischend down to earth…!). Vielleicht ist sie auch nur lange genug im Geschäft. Jedenfalls fragte sie gelassen – und ich hörte, wie sie dabei genüsslich Rauch herausblies – „wie viel ham’s denn abgeschnittn?“ „Naja, so zehn, fünfzehn Zentimeter…. aber nur an einer Seite…“ „Oha.“ Jetzt klang auch Silvia alarmiert, und ich fühlte mich ungefähr so wie der Patient, dessen Arzt diesen Ausruf beim Betrachten der Lungenradiographie ausstößt. Aber sie hatte sich gleich wieder im Griff (Friseusen oder auch Friseurinnen, egal, haben halt viel Ähnlichkeit mit Doktoren. Sind ja auch welche. Haar- und Seelenpfleger in einem, sogar..). Und sagte: „Moment. Da muss ich meinen ganzen Tagesplan umstellen.“ P a u s e . „Kommen’s inra Stund vorbei. Aber bis dahin NICHTS mehr abschneiden, ok?“

„Ok. Danke“, seufzte ich. Ich habe keine Erinnerung daran, wie ich die Wartezeit verbracht habe. Auf die Sekunde genau stand ich vor der Haarstudiotür. Daheim hatte ich einen schwarzen Schal um den Kopf gebunden und eine dunkle Brille aufgesetzt. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen und huschendem Gang überbrückte ich die Meter vom Parkplatz zum Laden. Ein letzter konspirativer Blick über die Schulter. Die Straße war leer. Ich zog den Schal vom Kopf. „Also ich hätts mir schlimmer vorgestellt“, war Silvias lakonischer Kommentar, bevor sie meine Haare mit destilliertem Wasser befeuchtete.

Über die nächste Stunde bewahre ich Stillschweigen. Zwischen Freundinnen gibt es Dinge, die für immer ein Geheimnis bleiben. Eines nur kann ich preisgeben: als ich Silvias Laden verließ, zählte ich sie zum engen Kreis meiner besten Freundinnen. Mit Ira, meiner Kosmetikerin, habe ich davon inzwischen also schon zwei.

Nachtrag: als der Rest meiner Familie sich am Abend um den (wie üblich von mir und einzig und allein von mir) gedeckten und mit italienischen, selbstverständlich selbstgekochten Köstlichkeiten angereicherten Tisch einfand, stürzten sich alle auf das Essen und kauten und schmatzten mehr oder weniger. Auf meine erwartungsvolle Frage: „Und, fällt euch nix auf?“ erntete ich schuldbewusste, kurze Blicke. „Hast du wieder Soja genommen statt Fleisch?“ mutmaßte mein Sohn. „Es ist alles so wie immer – einfach köstlich“, echote meine Mutter ihren eigenen Standardsatz. Die Katze schnurrte. Der Hund bettelte. Ich stand auf, sprintete zum nächsten Spiegel – und beruhigte mich schließlich mit der Erkenntnis, dass ich einfach gut aussehen musste. Sonst wäre es ihnen wahrscheinlich aufgefallen. Oder auch nicht. Das nächste Mal, wenn ich eine krasse Stilveränderung vornehme, werde ich zusätzlich das Essen versalzen. Dann schauen sie mich wenigstens an.

Und morgen gehe ich entweder tanzen oder ins Fitness-Studio. Viellleicht finde ich da noch eine Freundin…..

Mir stehen die Haare zu Berge!


Nein stimmt nicht. Mehr. Aber gestern! Ich züchte mit Liebe und Jahresausdauer jeden Zentimeter, im Hinterkopf die Befürchtung, dass ich meine Haare nie wieder so lang tragen werde wie jetzt. Als Kind lief ich mal einer blonden Frau hinterher, deren Mähne sich bis auf den Po herunterlockte. So schöne Haare, dachte ich. Und lief schneller und schneller, bis ich sie überholt hatte. Dann drehte ich mich um und tat, als hätte ich etwas verloren. Ich war ja gut erzogen, wollte aber trotzdem sehen, zu welchem Gesicht die Prachtfrisur gehörte. Die Dame war weit über sechzig, mindestens. Und ich war geschockt. Diese Erinnerung trage ich mit mir rum. Und deshalb bleiben mir nur noch wenige Jahrzehnte, bis Rapunzels alte Zöpfe weg müssen.  Beinahe wäre es aber bereits gestern um meine Locken geschehen. Gewesen. Seit Wochen beäugte ich eine Strähne auf der linken Kopfseite, vorne neben dem Pony. Stumpf und widerspenstig streckte sie sich allen Lotionen, Pflegeölen und Feuchtigkeitskuren zum Trotz wie ein explodiertes Kabel in alle Richtungen außer der, in die ich sie legen wollte.

Gestresst von der bereits hinreichend beschriebenen Haut- und Nabelschau gab mir der Anblick dieser Strähne dann den Rest. Mit Mord als beherrschendem Gedanken ging ich, ganz ruhig, an meinen Sekretär. Holte aus der unteren mittleren Schublade die Papierschere und stellte mich vor den Badezimmerspiegel.  Eiskalt musterte ich mein Gesicht, als sähe ich es zum letzten Mal.

Ich brachte die Schere in Angriffsstellung. Sah mir todesmutig ins Auge. Wie ein Film liefen Szenen aus meiner Vergangenheit an mir vorüber. Ich mit  sechs und schulterlangen Haaren. Ich mit sieben und Bubikopf. Ich mit neunzehn und Spliss. Ich mit zwanzig und Pudelwelle. Ich mit dreißig und Bob. Ich blinzelte eine Träne in die Wimpern. Und schnitt…….. AHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!

Plagiamus igitur…. Guttenberg non sumus


Nachdem der Journalist mir so nachhaltig die Tagespolitik ans Herz gelegt hat, kann ich nicht schweigen. Zumal, da ich dachte, es sei in diesem Fall noch nicht einmal alles gesagt, geschweige denn von allen. Als ich mich dann aber doch – um zumindest rudimentär journalistisch zu handeln – vorab informierte, stieß ich auf einen Blog, in dem just meine Fragen gestellt wurden. Allerdings kommt der Verfasser zu anderen Schlüssen und Antworten. Statt zu plagiieren, zitiere ich (erlaubt hat er mirs nicht, aber ich gebe mal die Quelle an und hoffe, dass ich im Zweifelsfall meinen Weblogtitel nicht zurückgeben muss.)

Markwart schreibt also auf http://www.markwart.wordpress.com: „Warum jetzt? Es ist doch kein Zufall, daß diese Angelegenheit gerade jetzt in aller Öffentlichkeit breitgetreten wird. Normalerwesie wäre so etwas mit einem kleinen Artikel in der Zeitung und einer Meldung in den Fernsehnachrichten abgetan worden. (Ja, das denke ich allerdings auch. Denn die Medien springen nur auf Züge auf, zu denen sie die Fahrkarte bekommen. Und von wem? Anm. v. mir) Warum diesmal nicht? Soll zu Guttenberg kaltgestellt werden oder ist dies nur ein massiver Schuß vor den Bug? Warum wird diese Geschichte zu einem Skandal ausgeweitet? Oder andersherum: Worin lag zu Guttenbergs Fehlverhalten in den Augen der wirklichen Machthaber? Besonders interessant ist das daher, da „Gutti“ ja schon als zukünftiger Kanzler gehandelt wurde (Genau genau genau. Und wem passt das vielleicht nicht? Und warum?) Tadelloses Auftreten, intakte Familie, Blitzkarriere in der Politik (immer Vorsicht bei Blitzkarrieren in der Politik!!!), Atlantiker in Perfektion. Einen Mann so aufzubauen und dann in eine solche Affäre schlittern lassen? Da muß was Größeres im Spiel sein. (Ja, das denke ich auch!)  Wer steckt dahinter? Es gibt ja Mutmaßungen, daß Merkel und Seehofer von zu Guttenbergs Schwäche profitieren. (Da mag was wahres dran sein. 🙂 ) Schließlich war ja auch der Schleudersitz „Verteidigungsminister“ deren Idee (offiziell hatte zu Guttenberg die Wahl zwischen Innen- und Verteidigungsministerium. Und da wählt er ausgerechnet den Verteidigungsposten? Ja, klar…). Außerdem macht doch das offenkundige „sich hinter zu Guttenberg stellen“ mißtrauisch. Meuchelmörder stehen zumeist auch hinter ihrem Opfer.
Rotgrün wird wohl nicht dahinter stecken, die haben selber genug Dreck am Stecken und müssen eine Revanche fürchten. Die Opposition kann nun ein bißchen Dampf ablassen, den Moralapostel geben, Wählerstimmen in großem Maße wird es kaum bringen (Interessanter Gedanke…. ).

Möglicherweise ist ja  zu Guttenberg den wirklich Mächtigen außerhalb Deutschlands auf den Schlips getreten? Aber womit?
Soweit das Zitat.

Wie eingangs geschrieben, lohnt es sich zuweilen, vor dem eigenen Artikel durch den Bloggerwald zu streifen. Denn genau diese Fragen habe ich mir auch gestellt. Werde ich stellen. Allerdings divergieren wir in der Beantwortung. Dass die Ausmaße, die diese Affäre annimmt, ebenso wenig zeitlich zufällig sind wie deren Inititialzündung – da gehe ich mit Markwart konform. Schwierig bzw. zweifelhalft erscheint mir dann allerdings die Andeutung von Dunklen Mächten (in denen wären wir wenn überhaupt dann doch geborgen?) außerhalb Deutschlands. Wen genau meint Markwart? Globale Konzerne? Oder versteckt sich hinter dieser  freiheitsliebenden Fassade „altreichliches“ Gedankengut? Es klingt so an. Mir friert das Mark….

Ich glaube, Guttenberg ist zu schnell zu mächtig geworden. Vor allem hat er zu viel Rückhalt im Volk, pardon, in der Bevölkerung. Wir haben keinen Edward, keine Kate, dann wenigstens Karl-Theodor und seine Stefanie. Stammbaummäßig nehmen die sich kaum etwas…

Nun ist die Tatsache, adliger Abstammung zu sein, per se eigentlich kein Grund, diskriminiert zu werden. Gut, das Wort ist stark. Aber ich frage mich: sind die ständigen Probleme an den unterschiedlichsten militärischen und – jüngst – auch noch privaten Fronten ausschließlich Frucht der ausnehmenden Führungs- und Verhaltensfehler dieses Mannes? Wenn ja  (ich will nichts ausschließen): wie kam es dann zu seinem steilen fehlerlosen Aufstieg? Und warum hat niemand schon viel früher „aufgemerkt“, wie wir in Bayern sagen?

Ich habe auch keine Antwort. Wohl aber eine Idee. Es ist nicht so, dass die CDU keine fähigen Köpfe gehabt hätte, in den letzten Jahren. Die auch auf höchste Ebene hätten steigen können. Aber – sie sind alle…. „verschwunden“. Und einsam weht der Wind der Macht Frau Merkel um das Physiker-Haupt. Vielleicht sollten wir unseren Dürrenmatt nochmal ganz anders lesen……. 🙂

Beste Freundinnen


Ein Vorwurf hat mich von Kindheit an begleitet. „Du bist irgendwie anders. Nicht wie andere Mädchen. Teenager. Frauen. Du hast keine beste Freundin.“ Und ja. Es stimmt. Ich hatte so was nie…..nötig, vielleicht.

Während andere Mütter sich täglich am Sandkastenrand trafen – dem waren zweistündige Vorbereitungsorgien zwischen Kleiderschrank und Schminkspiegel vorausgegangen, ihrem Aussehen nach zu urteilen – und sich auf Krabbeldecken an Zigaretten, „Latte“ und Klatschgeschichten labten, hockte ich abseits unterm Baum und schrieb. Oder ich las. Während andere „Mädels“ sich nach der Arbeit zum gemeinsamen Schwitzen ins Workout-Studio oder auf die Joggingpiste begaben, fuhr ich – im Auto, nicht mit dem Rad! – nach Hause. Und las. Oder schrieb.

Während sich andere Frauen am Elternstammtisch trafen, den sie als willkommene Gelegenheit zu vorherigen gemeinsamen Shopping-Exzessen in einschlägigen Outlet-Stores oder Fußgängerpassagen nutzten, schrieb ich meinem Sohn den einen oder anderen Schulaufsatz. Oder ich las seine Kinderbücher.

Seit einiger Zeit habe ich mich geändert. Streckenweise. Ich habe eine Freundin, mit der ich tanzen gehe, zuweilen. Und eine, mit der ich liebend gern neue Geschäftsideen entwerfe. Und in die Tat umsetze (www.mord-a-la-carte.de !!!!). Ja. Wahrscheinlich entdecke ich auf meine ansatzgrauen Tage doch noch meine Weiblichkeit. Und erkenne den Wert von BESTEN FREUNDINNEN.

Die beiden wichtigsten möchte ich euch nicht nur vorstellen, sondern ans Schneckenherz legen! Weiterlesen „Beste Freundinnen“

Alter Ego Schneckentempo


„Bleib wir du bist, Mum. Wie auch immer.“

Dies war der Satz, der mein literarisches Lebensstreben umgekrempelt hat!

Weshalb ihr, meine geschätzten Leserinnen und Leser, herzlich eingeladen seid, ab SOFORT diese Kategorie meines Blogs mitzugestalten. Mitzulesen. Mitzuleben. Mitzuleiden. Mitzulachen. Mitzuschreiben! Denn in dieser Kategorie geht es UM UMS. Um UNSER Leben, Lieben, Lachen. Um den ganzen geilen Spaß am Leben 50 plus. So. Da isses. Das Bekenntnis zum Dahinschleichen Richtung A….. ehm. Alter. Eigentlich altern wir ja von Geburt an. So dass es nachgerade lächerlich erscheint, urplötzlich einen ganz bestimmten  Zeitpunkt auf unserem Lebensstrahl zu fixieren und mit der Markierung zu versehen: „Hier beginnt mein Alter.“

Nichtsdestotrotz altern wir ab irgendwann irgendwie bewusster. Und sind darob zumeinst nicht rückhaltlos erfreut. Schluss damit, meine Freundinnen. Und (traut euch, ja!) meine Freunde!

Wir werden nicht nur älter. Wir sind es schon. Weshalb ich diese Katetorie ausschließlich der Pflege unseres bewussten Alterungsprozesses widme. Denn ich habe erkannt, dass ich auch hier einen gewissen Selbstgestaltungsspielraum habe. Wenn ich schon altere, dann …. IM SCHNECKENTEMPO und in SCHNECKENZEIT.

Hier gibt es alles, was es dafür braucht. Tipps und Tricks. Lustiges. Erlebtes und Erträumtes. Widerfahrenes. Gedachtes, Reflektiertes. Macht mit! Das ist EUER FORUM. Lasst uns eine Legion von Schneckenzeitlern werden, die ihren „Alterungsprozess“ mit Ruhe und bedächtig gehen. Und dafür umso mehr Spaß daran zu haben !

 

Im Schneckentempo


Ohne dem Tag die Chance zu geben, dich mit seinem sonnigen Lächeln wachzustreicheln, hat die monotone Stimme aus dem Zimmerdunkel an deinen Träumen gerüttelt. „Hier ist B5 Aktuell, der Informationskanal des Bayerischen Rundfunks. Es ist sechs Uhr.“ Jäh ruckst du hoch. Spürst den Druck auf den Augen. Schiebst die Beine aus dem Bett und fühlst statt Teppich Taubheit an den Füßen. Steifgelenkig stakst du Richtung Tür. Der Kater streckt den lahmen Buckel auf der Decke, der Hund lugt starren Auges aus dem Flur herüber.

„Es ist, wie es ist. Wir sind alt, meine Freunde.“ „Aber wir kommen besser damit klar“, scheinen deine zwei Vierbeiner zu sagen. Samtpfotig schleicht die blinde Karikatur des legendären Comic-Katers  (ich habe den Namen der pizzafressenden Figur vergessen, wie ich überhaupt alle Namen vergesse, immer öfter) die Treppe hinunter. Der Hund will es ihm nachmachen, aus blankem Futterneid. Rutscht aus und poltert die Stufen hinunter, Hinterteil zuerst. Wenigsten einer ist genauso morgendappig wie du… Weiterlesen „Im Schneckentempo“

Zug gefahren


„Hallo? Hallo mein Schatz, hier ist Papa. Hörst du mich? Hast du heute Brot gegessen? Morgen isst du Brot? Nein, der Pappa ist heute kein Brot mehr. Du ja. Morgen. Morgen kommt der Pappa wieder heim. Heute sitze ich im Zug. Wir sind auch mal im Zug gefahren. Hast du heute Brot gegessen? Morgen. Morgen isst der Papa wieder Brot… Jetzt schlaf schön. Morgen essen wir Brot, mein Schatz.

Er lehnt sich zurück in das Schweigen des Abteils, und er liest  die stummen Fragen aus den Sitzen. Sie entfachen sich an seinen grauen, lichten Haaren. An seinen ungelenken Worten und der Struwwelpetersprache. Armes Kind. Denken die Fahrtgesichter. Das kommt davon, wenn alte Männer ihre Lebenskrisen auskosten, in vollen Zügen. „Meyer hier, Frau Walter. Ich komme morgen gegen Mittag. Senta hat heute Brot gegessen? In der Gruppe? Schön! Ja, sie wusste, wer ich bin. Das neue Medikament schlägt an, sagen Sie? Gott sei Dank! Bis morgen, dann, Frau Walter.“

Zug gefahren. Zu g e hört.

„Hallo? Hallo Mamma, hörst du mich? Hallo? Ja, ich sitze im Zug! Hörst du mich? Schlecht? UND JETZT? BESSER? Jetzt isses zu laut? Hör mal, Mamma, ich hab gestern versucht, dich anzurufen. Aber du warst nicht da. Wann? So gegen zwei, drei. Ach ja, da warst du bei Frau Kreitmeier? Sie hat dich zum Kaffee eingeladen? WIe schön! Wie? Ach DU hast sie zum Kaffee eingeladen? Aber sie arbeitet doch, tagsüber? Nein, Mama, ich misch mich nicht ein! Ja, und dann nochmals um sechs. Nachrichten? Sind die nicht um sieben? Nein, Mama, alles ok. Alles bestens. Ich will dich nicht überwachen, Mama. Hör mal, wie ist das Wetter bei euch? Nicht zu kalt? Ja, pass auf mit dem Gas. Dreh lieber die Heizung auf, Mamma, NICHT den Gasofen anmachen! Mamma, hallo? Ja, nein, die Woche bin ich noch in Köln. Ja, da fahr ich grade hin. Nein, ich fahre zwar an Hanau vorbei, aber ich kann nicht aussteigen. Am Wochenende komm ich, Mamma! Ja, dieses Wochenende. Nein, du brauchst nicht einzukaufen. Nein, Mamma, heute ist Donnerstag. Am Samstag komme ich. Ich sag dir aber nochmal Bescheid. Nein, Mamma, es schneit nicht. Ich sag dir Bescheid. DIe Verbindung ist so schlecht…… Ich ruf nochmal an, aus dem Hotel. nachher. Ja später…. Tschüß, Mamma……“

Er lehnt sich zurück ins Abteilungsblau. Halbschließt die Augen. Schiebt die Knöpfe im Ohr zurecht und seine gestreifte Krawatte. Er trägt Brille blondes Haar keinen Ehering und eine alte Mutter.

Zug gefahren mit dem Leben gespielt. Geschaut. Gedacht.

 

Frau ohne Gefühle VII


Diese Frau fasziniert ihn. Schon der Titel des Romans. Schneckenhaut. Die Kindheitserinnerungen jagen ihm Schauer über den Rücken, er muss sich überwinden, den Bucheinband anzufassen. Aber er zwingt sich dazu, streckt die Hand aus, streicht über die glatte, kühle Fläche. Und er stellt sich vor, es sei ihre Haut. Marisas Haut. Marisa. Zwischen den Zeilen schwingt ihr Name wie ein Basso Continuo, legt sich unter die Handlung, schmiegt sich an jeden Satz. Marisa. Salz auf der Zunge. Magische Nähe einer Fremden. Es ist so, wie er ihr geschrieben hat, aus dem Skiparadies in den Alpen, nachdem er die ersten Kapitel gelesen hatte. Er kennt sie. Erkennt sie. Aber sie, sie weiß nichts von ihm.

Wie hat sie existieren können, mit dieser Unwissenheit? Oder ist es nicht so, dass sie ihn vergessen hat? Seit ihrer ersten Berührung in jenem Kindersommer verfolgt ihn die Erinnerung an sie. Und sie – hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn zu suchen. Aber jetzt . Hat er sie gefunden. Endlich. Marisa! Geduld. Ich werde dich finden. Und du musst warten.

Frau ohne Gefühle VI


Es hat wieder zu schneien begonnen. Pünktlich am Morgen seiner Abfahrt rieselte das weiße Gold vom Himmel, als wären Frau Holle alle Federbetten geplatzt. Nun, seinen Geldbeutel wird das weiße Glück nicht mehr zum klimpern bringen, soviel steht fest. Die letzten beiden Tage hatte er dem Touristenort kaum einen Cent geschenkt. Mit dem Buch unterm Arm war er aus der Buchhandlung gegangen, gesenkten Kopfes gegen den allzu trockenen Winterwind anrennend, immer schneller immer schneller Richtung Hotel. Die Treppe rauf haarscharf neben dem roten Teppich vorbei an den Livreeeaffen die ihn wieder nicht für James Bond hielten aber er war ihm jetzt gleichgültig im Aufzug die erste Seite anstarrend neunter Stock Stopp ins Zimmer den Mantel auf den Boden sich selbst auf das Bett geworfen. Seitdem las er. Liest er. Un. Unterbrochen.