Sarrazin oder die Sache mit den Genen

Die Medienwelt ist ja sehr schlicht gestaltet. Einschaltquoten und Auflagenzahlen regieren die Titel. Und Thilo Sarrazin bringt beides. Wir können ihm seit Erscheinen seines Buches nicht entrinnen. Auf jeder Frequenz und aus jedem Blatt schallt uns der Name entgegen. Ist ja auch wohlklingend. Sarrazin. Woher kommt der eigentlich? Der „Stern“ hat letztes Jahr recherchiert, dass der Banker und vielleicht bald Ex-SPDler einer sabäischen Familien entstamme, die über Nordafrika und Spanien nach Frankreich gelangt sei und sich dort mit Hugenotten „vermischt“ habe. Und legt für „sarrazin gleich sarrasin“ zwei Namensbedeutungen nahe. Erstens: eine Person, die zur muslimischen Bevölkerung des Mittelalters gehörte, zweitens:  Buchweizen. Gleich, für welche der beiden Bedeutung man sich entscheidet: genetisch einwandfrei ist das alles nicht. Na und? Weiterlesen „Sarrazin oder die Sache mit den Genen“

Elbanische Melegie

Grün fächert Pinienduft auf warme Hänge. Pink oleandert Palmenblickeüber Lorbeerwänden. Blau buchtet sanft an schwarzem Sand. Darüber glitterflittert Weiß unendlich bis zum Horizont. Ein Silberboot strichzieht gen Himmelerde.

Meine Häute schwimmen in dem lauen Meer aus grauem, gelbem rotem Stein. Meine Augen trinken Diamanten aus dem Wasser, schlürfen Blätter von den Inselhängen. Rosmarin und Sonnensaft umhüllen mich, ich sinke in die Nacht aus Salz und Wellenschlag.

Das Leben schmeckt nach achtundzwanzig Grad. Ich bin mir selbst zu eng und gieße meine klammen Poren aus im grenzenlosen Blau der Tage.

In eigener Sache

"Alle sind unterwegs"Die Welt dreht sich weiter. Politiker kommen und gehen, entscheiden nach diesem Gutdünken oder jenem Gewissen. Katastrophen geschehen. Wunder auch.

Ich klinke mich aus, für eine Sonnenwoche. Geocaching, Spurensuche, Schattenspiele, Burgen aus Sand und Schaumkronenzählen am Strand. Mariebastide wird Stille produzieren oder Lyrisches, vielleicht, wenn die Insel einen Hotspot verortet. Genießt die süße Melancholie der verblasssenden Sommerdämmerung!

Pakistan versinkt

Pakistan versinkt. Eine unvorstellbar große Zahl von Menschen steht vor dem Nichts. Buchstäblich, denn alles, was sie hatten, alles, was ihre Zukunft sichern konnte, ist verschwunden. Untergegangen. Inzwischen haben sich auch die europäischen, auch die deutschen Medien des Themas angenommen. Zögerlich, als seien sie wasserscheu , kommen erste Live-Berichte. Und in dieser Woche nun die erste Spenden-Gala. Sozusagen. Während die vereinten Nationen offen von einer Katastrophe sprechen, die weit über das Ausmaß des Tsunami hinaus geht, erreicht das Elend der Menschen in Pakistan offensichtlich kaum unsere Augen und noch seltener unsere Herzen. Woran liegt das? Am Sommerloch? Oder an der Tatsache, dass diese Not schleichend ist? Vergleichbar etwa mit „Hunger in Afrika“? Daran, dass ohne grell getöntes Leid das Mit-Leid ausbleibt? Oder daran, dass keine Urlauber betroffen sind?

Sagt mir, was Ihr denkt!

Nicht meine Tochter

Die eine feste Größe im Leben eines Kindes ist auch heute noch die Mutter. Zumindest in einem so genannten normalen familiären Gefüge. Der Vater, selbst wenn elternzeitlich intensiv in die Kleinkindbetreuung involviert, ist, so meine Beobachtung, eher der Freund,  der Kamerad, wahlweise auch der Buhmann, der für Streiche und Ungehorsam bestraft, oder der letzte Retter vor Mamas Zorn. Ich habe Kinder erlebt, die von ihren Müttern geschlagen wurden, jeden Tag, auf den Kopf. Die allein gelassen wurden, stundenlang, ohne Essen, ohne etwas zu trinken, ohne ein Spielzeug, vielleicht vor dem Fernseher. Ich habe dieselben Kinder schreien hören, ich habe in verschreckte Gesichter und vor Angst weit aufgerissene Augen geschaut, wenn sie von denselben Müttern getrennt werden sollten. Weiterlesen „Nicht meine Tochter“

Auszug aus Arabien

„Der Krieg dauerte sieben Jahre, kostete 4400 US-Soldaten das Leben und den amerikanischen Steuerzahler eine Billion Dollar: Jetzt hat die US-Armee ihre Kampftruppen aus dem Irak abgezogen“ – so titelt der Stern heute zum Abzug der letzten US-amerikanischen Kampfeinheit aus dem Irak.

Drei Fragen stellen sich mir beim Lesen: 1. Ist es präzise, das, was da heute zu Ende geht, als „Krieg“ zu bezeichnen? 2. Wie hoch waren die Verluste auf Seiten der anderen Kampfbeteiligten? und schließlich: 3. Wenn jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt: was beginnt ab heute? Im Irak? Oder auf den Kriegsschauplätzen, auf die sich die Auseinandersetzung verstärkt verlagern wird? Weiterlesen „Auszug aus Arabien“

Heute schon geviewt?

Haben Sie heute schon geviewt? Ich wohl.

Beim Milchholen die Straße entlang. In’s Nachbarfenster. Über den frisch gestrichenen Balkon durch die schrägen Rolläden hindurch. In’s Blumenschaufenster.

Beim E-Mail-Lesen. Auf ein Wohnhaus in Washington, dessen Street-View-Bild mir jemand gemailt hat, weil es in ihm Reminiszenzen an vergangene Leben aufwühlt.

Bei Google-Maps. Ich war auf dem Boul Mich und habe eine dicke Frau – nicht Dame – hinter einem Laternenpfahl hervorplatzen sehen. Für immer bis zur Fotoaktualisierung. Ich habe gesehen, woher die labbrigen Weichkuchen kommen, die im Münchner Hauptbahnhof angeboten werden, die Heimstatt der Brioche Dorée. Weiterlesen „Heute schon geviewt?“