Frau ohne Gefühle V


Marisa versucht sich zu konzentrieren. Sie starrt auf das Blatt in ihrer Hand, bis die Buchstaben zu tanzen beginnen. Ein bedrohlicher Reigen schwarzer Fühler, die sich windend nach ihr strecken und Witterung aufnehmen. Schon überwinden sie die Falten und Knicke, kriechen unaufhaltsam dem Blattrand entgegen. Streben ihr zu. Sie lässt das Blatt fallen. Sanft segelt es in ihren Schoß und bleibt liegen. Zwischen ihren Schenkeln. Wie ein schweres Versprechen.

Sie schüttelt sich, dreht den Kopf und wendet den Blick ab, schaut zum Fenster. Draußen rieseln weiße Kristalle vom Himmel, tanzende Fragen auf der Suche nach Erdung. Unaufhaltsam schieben sie sich aus den Wolken herunter. Legionen glitzernder Leiber, so weich und so messerscharf. Wenn sie jetzt die Terassentür aufmacht und sich auf die schneebedeckten Fliesen stellt, werden die kleinen Feinde tausend Stiche gegen sie führen. Und in tausend Tropfen wird sie sich ausgießen, rot auf weiß. Ein verlockender Gedanken. Sie steht auf und lässt per Schalterdruck die Rolläden herunter.Lehnt ihre Stirn an das kühle Glas. Eine Ader aus Blei klopft an ihre Gedanken.

Sie ist bereit. Er kann kommen.

Frau ohne Gefühle IV


„Liebe, sehr verehrte Frau von Kühl, ich muss Ihnen schreiben, weil ich gerade Ihren Roman Schneckenhaut gelesen habe. Ich bin ganz ehrlich – noch nie zuvor habe ich ein Buch so sehr mit allen Sinnen, ja, verschlungen. Es lässt mich nicht mehr los. Es verfolgt mich in meinen Träumen. Nachts wache ich auf und trage den Geschmack Ihrer Worte auf der Zungenspitze. Ach was, das schreibt Ihnen sicher jeder zweite Verehrer. Aber ich, ich schmecke nicht nur Ihre Sätze, ich koste ihren geheimen Hintersinn. Ich weiß, was sie nicht geschrieben haben. Ich kenne den dunkelsten Ursprung jeder Silbe, die Sie verschwiegen haben. Ich muss Sie  – nein, nicht kennenlernen. Ich weiß bereits, wer Sie sind. Aber Sie. Sie müssen mich treffen. Haben Sie Geduld. Auch, wenn es Ihnen schwer fällt. Ich werde Sie zu finden wissen. Im geeigneten Moment. Warten Sie. Auf mich.“

Marisa C. – nachdem sie das erste Mal die Bestsellerliste im Spiegel angeführt hatte, ersetzte sie den Rest ihres Nachnamens durch einen schlichten Punkt – kräuselte die Stirn. Sie bekam im Durchschnitt zehn Leserbriefe pro Tag. Drei wollten ihr Buch signiert haben, vier wollten mit ihr Kaffee trinken, einer wollte sie ermorden – aus Eifersucht. Und zwei wollten ihre genaue Adresse, um ihr eine Torte oder einen selbstgehäkelten, mit Arsen getränkten Pullover zu schicken. Oder so. Sie zerknüllte das blassblaue Papier, hob träge die Hand und zielte mit spitzen Fingern auf den Papierkorb. Aber dann hielt sie ihre Bewegung an. Wie in Zeitlupe zog sie den ausgestreckten Arm wieder an. Ließ das Papierbällchen in ihren Schoß fallen. Und schloss die Augen.

„Ich muss nachdenken. Ich muss……“ Etwas in diesem Brief machte ihr Angst. Sie fühlte es. Sie wusste es. Aber es gelang ihr nicht, es zu benennen. Noch nicht. „Ich muss nachdenken….“

Von Käfern und Mäusen


Der Käfer hat an meinem Laptop genagt. Also nur virtuell, aber immerhin. Oder vielmehr schadenanrichtend real. Und die Maus ist zerplatz, also nur der Kabelhalter, aber immerhin. Ich konnte nicht mehr schreiben. Früher waren immer noch Wände da, zum Hineinritzen. Wenn heute der digitale Stift das elektronische Blatt nicht mehr findet – das sind die wahren Chaosmomente!!

Aber jetzt. Aber jetzt. Jetzt.

Geht’s weiter!

Frau ohne Gefühle III


Schnecke„…..Schneckenhaut…“ . Er ist ein Mann, und was für einer. Er könnte jeden Morgen in einem Gebirgsbach baden, alternativ duscht er eiskalt. Er trinkt seinen Kaffee schwarz, und er scheut sich nicht, über den Tassenrand zu flüstern: „ich bin ein Sünder“. Er hat einen Stier bei den Hörnern gepackt, im glutheißen Sand der Maestranza in Sevilla. Er fasst eine Vogelspinne  – im Zoo – an den Beinen. Ein ganzer Mann. Eben.

Aber als er in dem staubigen Halbdunkel des vergessenen Buchladens stand und diesen Einband auf der Innenfläche seiner Hand spürte, glitt ihm dessen kühler Glanz durch die Haut ins Blut und schoss ihm wie ein kalter Blitz in den Kopf. „Schneckenhaut.“ Nichts hasste er mehr. Nichts flößte ihm solchen Ekel ein wie die glitschig glatte, klebrig feuchte Haut der nackten Schnecken.

Seit er als dickes Kind verzweifelt genug war, um die Herausforderung von Holger (groß und schlank mit braunen Augen weichen Haaren und absolut glatter Haut) anzunehmen, wacht er immer wieder nachts auf, schweißgebadet. Mit verklebten brennenden Händen. Wie damals. Mit zähfließendem Schleim zwischen den Zähnen, auf der Zunge, überall.  Schnecken schmecken nach nichts. Aber das Gefühl ihrer Haut kann sein Körper nicht vergessen.

Schneckenhaut. Jetzt klebt das Buch an seinen Gedanken. Er hat es mitgenommen, fasziniert von dem Ekel, den der Einband in ihm ausgelöst hat. „Zwanzig Mark“ stand mit Bleistift auf der ersten Seite. Er fischte zehn Euro aus der linken Hosentasche, in der er sein Wechselgeld trägt. Legte es auf den Tresen und schlug die Ladentür zu. Innen fiel die Glocke auf die Fliesen. Ein Stückchen Kitt rieselte grau auf den Bürgersteigschnee. Es dämmerte. Zwei Stunden hatte er allein in dem seltsamen Raum verbracht. Er sehnte sich nach Menschen. Nach rotwangigen, braungebrannten, solariumgetönten Wesen mit zartem Duft und dem Geschmack nach Mandeln auf ihrer Haut. „Mein Leben ist eine Hautsache“, dachte er in einem Anflug von Sarkasmus. Und beschloss, sich an ihr zu rächen. Mit ihrer Schneckenhaut.

Frau ohne Gefühle II


Er ist eher zufällig dahinter gekommen. Eigentlich liest er keine Liebesromane. Krimis schon. Aber nur solche, deren Seitenstatistik 80% Stunts, 10% Blut, 5% Technik und maximal 5% Sätze, alle von einer Länge unter einer Zeile, aufweist. Doch im Wintersportort seiner Wahl regnete es, der Schnee führte nurmehr ein graues Schattendasein an Straßenkreuzungen, und am Hang verloren die Schneekanonen ihren aussichtlosen Kampf gegen die Plusgrade auf nebeligem Terrain.

Die Hotelschwimmbäder waren überchlort und hallten wider vom Geschrei unausgelasteter Kinder. Die Wellness-Oasen hatten sich in Dampfkessel verwandelt, in denen zum Leben erwachte Botero-Figuren wie unreife Gänse der maximalen Garzeit entgegenschnatterten. Die Barhocker waren von in Whiskey eingelegten Gockeln belagert, und wie es in den Konditoreien aussah, wusste er nicht, weil er keine Torten mochte.

Mehr aus Verzweiflung als aus Interesse hatte er die verstaubte Tür aufgestoßen, beim Eintreten hatte die kalte Luft ein müdes Glockenspiel bewegt. Im halbdunklen Innern lungerten auf staubigen Regalen Berge von verstaubten Büchern der Dämmerung entgegen. Kein Buchhändler war zu sehen, keine ungeduldige Verkäuferin. Also blätterte er  sich verstohlen ungestört durch die literarischen Welten. Lustlos und stehend, zunächst. Dann zog er sich einen Elefantenfuß heran, auf dem eine dicke Staubschicht Zeugnis davon ablegte, dass sich in dem renommierten Ort schon lange niemand mehr für die Bücher in den oberen Regalreihen interessierte. Er hob den Blick. Dann den Kopf. Während auf den Tischen Kochbücher, Skiwanderführer und Bildbände der schönsten Alpenpanoramen um die Gunst seiner Aufmerksamkeit buhlten, drehten ihm die gebundenen Exemplare dort oben kühl den Rücken zu. Er bestieg den Elefantenfuß. Aber er schon der Blick von dieser leicht erhöhten Warte verursachte ihm Schwindel, und so griff er nach dem erstbesten Einband und rettete sich auf den sicheren Boden. Erstaunt las er den in kitschigem Gold aufgeprägten Titel: ….

Frau ohne Gefühle I


WinterengelSie schreibt Bestseller. Am liebsten Liebesromane, in denen sie die Gefühle der Personen so genau beschreibt, dass die Leser mit ihnen denken, atmen und leiden. Gebrauchsanweisungen zum Leben, hat ein Kritiker ihre Bücher genannt. Kochbücher für Lebensanfänger. Oder vielmehr für Fastlife-Liebhaber, die konservierte Emotionen den frisch gepressten vorziehen. Sie hat für jede Situation das passende Rezept. Sie lässt ihre Romanfiguren leiden. Und wie! Keiner leidet so wie sie. Nur mit dem Lachen hat sie Probleme. Die Freude kommt irgendwie immer aus zweiter Hand. Aber die Leser stören sich nicht allzu sehr daran. Über die glücklichen Seiten wird ohnehin gerne schnell hinweggelesen. Das Unglück ist es, was sie fasziniert. Die kleinen und vor allem die großen Katastrophen, an denen sie sich weiden, in bester Brechtscher Publikumsmanier.

Aber hinter ihr dunkles Geheimnis ist noch keiner gekommen. Bis gestern…….

Und heute mal ein Nano-Fast-Liebesroman: Panik


Dienstagmorgen in der vollen U-Bahn: Zwei junge Leute stehen nebeneinander im Gedränge.  In einer Kurve rempelt sie ihn aus Versehen an. Ihre Blicke treffen sich. „Nettes Mädel“, denkt er und lächelt. Sie schaut ihm in die Augen. Ihre Lippen verziehen sich zu einem breiten Strich. Dann guckt sie weg. „Schade“, denkt er. „Ich gefalle ihr nicht. Sonst hätte sie zurückgelächelt“. Beim nächsten Halt steigt sie aus, dreht sich am Bahnsteig nochmal um und sieht ihn an, ohne ein Lachen. „Mist“, denkt sie auf der Rolltreppe, „immer das gleiche. So ein süßer Typ. Bestimmt denkt er, ich fand ihn doof. Scheißangst! Morgen geh ich zum Zahnarzt. Zum ersten Mal in meinem Leben…. Oder übermorgen….oder…“

 

 

Wann beginnt das Leben?


Bei Beckstein diskutieren von der Leyen, Radke, ein PID-Arzt und ein Weihbischof über die PID. Achja: mit einer Mutter von 2 schwerstbehinderten Söhnen und einer durch PID gesund gestesteten Tochter. Vor allem Klerus und Politik haben viele schöne, wichtige, schwer wiegende Worte. Die Praktiker tragen das Leid und die Qual und die Wahl. Wann beginnt das Leben? Wann schützen wir es, und warum argumentieren Männer/Menschen so vehement für den Schutz des ungeborenen Lebens, während sie rein historisch gesehen und sicher auch zukunftsbezogen bereit sind und waren, bereits eigenständig lebenes Leben zu zerstören?

Es muss an den Argumenten liegen. Oder muss mann noch nicht geborenes Leben so lange schützen, bis es für alle ersichtlich denken  und erleben kann, wie über sein Leben bestimmt und beschieden und im Zweifelsfall das Fallbeil erhoben wird?

Ungeborenes Leben lässt sich halt so viel leichter schützen. Du brauchst dafür vor allem Worte. Bei geborenem Leben brauchst du Arme……!

 

Der erste Tag


 

Es ist passiert. Spät, aber dennoch eindrucksvoll. Für mich. Am 10. Januar habe ich das erste Mal „2011“ geschrieben. In einem Brief. Bei Emails wird das Datum ja immer automatisch eingefügt, da vergeht die Zeit quasi unbemerkt… Jetzt ist es also amtlich, in meinem Kopf. Was wird es bringen, das grade angebrochene Jahr? Werde ich daran zu knabbern haben, oder wird es mir gar auf den Magen schlagen? Vielleicht kriege ich gar nicht genug davon?

Egal. Ob ich es nun lieber noch nicht ausgepackt und von den ersten Tagen genascht hätte, oder ob ich gleich alle 365 Tage auf einmal verschlingen möchte. Es kümmert sich nicht darum, was ich will oder nicht. Es spult sich ab, Stunde um Stunde. Und ich kann nichts weiter tun, als seinen Ablauf zu dokumentieren, indem ich das jeweilige Datum aufzeichne. Festhalten kann ich es nicht einmal auf dem Papier. Tempus fugit. Die Zeit verrinnt. Und ohne den Geschmack – oder das Feingefühl – des privaten Trauerinstituts bewerten zu wollen, das auf seine Fassade die Zeilen hat pinseln lassen: „Glückliche Tage – weine nicht, dass sie vorüber, sondern freue dich, dass sie gewesen“; es stimmt einfach. Da ich den Lauf der Zeit nicht verhindern kann, hat es keinen Sinn, auf die Sanduhr zu starren, in der Hoffnung, die Körner dazu zu bewegen, schneller zu rinnen oder unbeweglich zu bleiben.

Vivamus, mea Lesbia (oder wer auch immer!), atque amemus. Draußen klebt der graue Nebel an den Ästen, tropft der Winter auf Asphalt? Heute morgen habe ich die Vögel zwitschern hören, auf ihrem Futterplatzbalkon in unserer Gartentanne. Hund und Katze haaren um die Wette. Wenn das kein Grund ist, einen Frühlingsstrauß zu kaufen? Heute abend streue ich Zitronenblätter in den Reis. Und freue mich des späten Winterlebens.

Der Krimisieger


Das neue Jahr ist schon ein paar Nächte älter. Und statt bis zum 31.12.2010 ist das Voting für den Krimisieger der Adventsrunde bis heute gelaufen. Weil mein Notebook offensichtlich selbst zum Anschlagsopfer wurde. Vielleicht haben sich all die Gemeuchelten im Netz rächen wollen für meine bösen Kalendertaten….! Jedenfalls: seit soeben komme ich wieder rein, ins Netz. Und gebe hiermit den SIEGERKRIMI bekannt: es ist die Story vom 24. Dezember 2010. Allerdings – wie die meisten schon „enttarnt“ haben, ist der Inhalt, in Anlehnung an die Prinzen formuliert, „nur geklaut“ und „alles gar nicht meines“. Aber zugegeben, Leben und Tod Jesu Christi sind auch heute noch einen Krimi wert  🙂

Und vielleicht, ganz vielleicht, gibt es nicht täglich, aber immer wieder, weitere Nano-Stories hier bei und von Marie Bastide. Was meint ihr?

In diesem Sinne: keep on looking, watch out and… you better take care!