Adventskalender MiniKrimi am 11. Dezember


Bares für Wahres

Als der Bewerbungsbrief – handgeschrieben, blaue Tinte auf wildgeripptem Büttenpapier – bei der Produktionsfirma der besonders beim reiferen Publikum beliebten Trödelshow eintraf, dachte die Chefredakteurin zunächst an einen Scherz. Wer seine Schätze – oder was er dafür hielt – einem Millionenpublikum und einer Handvoll Händler*innen vorführen wollte, schickte eine E-Mail mit maximal 5 hochgeladenen Fotos. Darin bestand schon die erste Hürde, denn wenn die Bildqualität nicht ausreichte, um einen ersten zuverlässigen Eindruck von der angepriesenen Rarität zu vermitteln, erhielten die Bewerber irgendwann eine lapidare Absage. 

Diesem Brief jedoch lagen sehr gute Fotografien bei, anhand derer sogar ein ungeübter Betrachter den ganz außergewöhnlichen Wert des angebotenen Schmuckstückes erkennen konnte. Es handelte sich um einen Platinring mit einem einzelnen Diamanten, leicht getönt und in erstklassiger Reinheit, ohne mit bloßem Auge erkennbare Einschlüsse.

Die Briefeschreiberin gab vor, den Ring in den 1960er Jahren von ihrem Vater als Verlobungsgeschenk erhalten zu haben. Inzwischen sei sie fast 90 Jahre alt, seit langem verwitwet, kinderlos – und wolle den Ring noch zu Lebzeiten verkaufen, um die Freude, die sie mit dem Erlös bereiten würde, erleben und genießen zu können.

Der Ring wäre eine für die Trödelshow einmalige Gelegenheit, deshalb beschloss die Redaktion, zu antworten und einen Besuchstermin auszumachen. „Wenn sich die Dame nicht meldet, ok, dann wissen wir, dass es ein Fake war. Aber wenn doch – dann wird das das Highlight des nächsten Sendejahres“, erklärte die Chefin. Denn so lange würde es dauern, bis die Dame in live in der Show zu sehen wäre und die Händler*innen ihren Schmuck ersteigern würden. „Hoffentlich stirbt sie nicht vor der Sendung“, witzelte der Assistent. Und alle lachten. 

Der Brief war echt, und die Verfasserin begrüßte das Team drei Monate später in ihrem eleganten aber überschaubaren Haus am Rande einer Kleinstadt. Die Chefredakteurin hatte den Händler mit der größten Expertise bezüglich Diamanten mitgebracht. Sie saßen, Kaffee nippend und Möhrentorte kauend, auf dem gestreiften Chintzsofa wie auf heißen Kohlen. Die Dame des Hauses ließ sich Zeit. Vielleicht, dachte der Händler, lebt sie alleine und möchte den Besuch so lange und intensiv wie möglich auskosten. „Gnädige Frau“, sagte er schließlich und tränkte seine Stimme mit einem kleinen Extraschuss Öl, „bei Ihnen ist es wie in einer Oase, so ruhig und entspannt. Aber wir haben einen weiten Rückweg vor uns…“.

„Aber ja, entschuldigen Sie. Einen Moment, bitte.“ Sie erhob sich, eine große, schlanke und immer noch aufrechte Frau in blassblauem Tweed mit sorgfältig frisiertem weißem Pagenkopf. „Ich habe meiner Haushälterin heute frei gegeben, damit wir ungestört sind.“ Sie ging in den Nebenraum und kam kurze Zeit später mit einem schlichten schwarzen Kästchen zurück. Sie öffnete den Deckel, und, eingebettet in dunklem Samt, lag der kostbarste und schönste Ring, den der Händler jemals gesehen hatte. Sprachlos beugte er sich darüber, nahm auf ein freundliches Nicken der Dame hin das Schmuckstück in die Hand, betrachtete es lange und seufzte dann leise: „Ahhh!“

Er war sich der Qualität des Ringes sicher. Dennoch machte er mit der Besitzerin einen weiteren Termin aus, zu dem er einen Amsterdamer Kollegen hinzuziehen wollte. Aber als sie das Kästchen wieder verschloss, ins Nebenzimmer brachte und die Gäste zur Tür begleitete, war der Händler bereits fest entschlossen: diesen Ring musste er haben.

Wie es bei der Trödelshow nun einmal ist, gingen danach mehrere Monate ins Land. Es folgten noch ein paar weitere Besuche bei der Dame, die sich immer sehr zu freuen schien. Der Händler und das Team erfuhren, dass ihr Vater während des zweiten Weltkriegs als Offizier in Afrika gewesen sein. Dort habe er einem Stammesfürsten das Leben gerettet und dafür als Dank den Rohdiamanten bekommen. Als seine Tochter sich mit einem Studienfreund verlobt habe, habe er den Ring als Geschenk in Auftrag gegeben. Sie hatte ihn von da an oft und gerne getragen. Aber nun sei ihr Mann schon lange tot, ihre einzige Tochter sei vor zwanzig Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und sie fange nun, mit weit über 80 Jahren, an, „ihr Haus zu bestellen“, wie sie sich ausdrückte. 

Natürlich hatte sie den Ring schätzen lassen, mehr als einmal. Er sei wohl an die 90 Tausend Euro wert. „Aber ich will das Risiko nicht eingehen und ihn selbst verkaufen. Lieber gebe ich ihn etwas günstiger ab – und muss mich um nichts persönlich kümmern.“

Wie alle Bewerber*innen wurde sie vor laufender Kamera gefragt, was sie mit dem Geld machen wolle. „Ich werde den Erlöst aufteilen. Zwei Drittel gehen an ein Schulprojekt für Mädchen in Afrika, der Heimat des Diamanten. Ein Drittel erhält meine Haushälterin.“ „Weiß sie von ihrem Glück?“ „Natürlich. Sie wird mich ja in die Sendung begleiten.“

Wieder gingen zwei Monate ins Land. Chefredakteurin und Händler telefonierten täglich mit der Dame – und waren jedes Mal erleichtert, wenn sie ihnen versicherte, es gehe ihr gut und sie habe keineswegs die Absicht, vor der Sendung das Zeitliche zu segnen.

Und dann war es soweit. Um ganz sicher zu gehen, holte das Produktionsteam gemeinsam mit dem Händler Dame und Schmuck ab. Pünktlich um zehn standen sie vor der Tür. Doch auf ihr Klingeln regte sich drinnen nichts. Absolut nichts. „Das gefällt mir nicht“, brummte der Händler und ging um das kleine Haus herum. Durch die Terassentür sah er die Dame am Boden liegen, verkrümmt und reglos. Mit einem Stein schlug er die Scheibe ein. Aber es war nichts mehr zu machen. Sie war tot. „Der Ring“, dachte der Händler und sah sich suchend um. Ihre linke Hand lag unter ihrem Kinn, fast so, als würde sie schlafen. Ein Sonnenstrahl kletterte über die Lorbeerhecke und ergoss sich auf das Wohnzimmerparkett. In seinem Schein funkelte der Diamant ganz kurz am Finger der Toten.

„Was machen wir jetzt?“, fragte der Fahrer. „Na, wir rufen die Polizei – oder?“, antwortete sein Kollege. „Dann platzt die Show,“ sagte der Händler. Und wer weiß, ob ich den Ring jemals kriege, setze er in Gedanken hinzu. Und hatte eine Idee.

In diesem Moment kam die Haushälterin vom Bäcker zurück. Nachdem er die völlig verstörte Frau beruhigt hatte, erläuterte er ihr seinen Plan. „Sie ist tot. Auf ein paar Stunden kommt es jetzt nicht mehr an. Fahren Sie mit uns ins Studio, und wir ziehen den Deal wie geplant durch. Wer weiß, ob Sie ansonsten jemals Ihren Anteil kriegen,“ wiederholte er seinen leicht abgeänderten Gedanken. 

Die Haushälterin stimmte zu. Alles klappte perfekt. Die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, sie sitze in der Garderohe, sagte die Stimme aus dem Off. Und dank des Einspielers, in dem sie die Verwendung des Erlöses erklärte, war das auch vollkommen glaubhaft.

Die anonyme Stimme pries den Stein. „Der hier vorliegende Ring hält in seinem Zentrum einen ungewöhnlichen Diamanten von imposanten 8,64 Karat im Kissenschliff. Seine Farbe ist leicht getönt und wirkt warm weiß. Seine Reinheit ist erstklassig und entspricht der Reinheitsstufe „vsi“. Er hat auch mit der Lupe nur schwer erkennbare Einschlüsse. Durch seine gute Symmetrie hat er ein ausgezeichnetes Feuer.“

Dann kam die Haushälterin in den Verkaufsraum, legte den Ring auf die Theke und ging eine paar Meter zurück. Nacheinander nahmen die Händler*innen das kostbare Stück in die Hand. Der Händler mit der Kaufabsicht – natürlich waren Deal und Kaufpreis vorab abgesprochen worden – wartete, bis er an die Reihe kam. Doch plötzlich runzelte die Juwelierin die Stirn. „Richard“, sagte sie und hielt dem Händler den Ring entgegen. „Richard, schau doch bitte nochmal genau hin. “ Tatsächlich: bei näherer Betrachtung mit der Lupe erkannte er sofort, dass es sich bei diesem Stein nicht um einen Diamanten handelte, sondern höchstens um ein Stück Glas. „Ich muss nur kurz mit meinem Kunden telefonieren“, sagte er. Als das Gespräch beendet war, nannte er der verdutzen Haushälterin einen Preis, den diese nicht akzeptieren konnte. „Gut, dann gehe ich wieder“, sagte sie und wollte den Verkaufsraum schnell verlassen.

Doch an der Tür warteten schon zwei Polizeibeamt*innen und nahmen die Frau fest. „Mord aus Habgier“ lautete der dringende Tatverdacht.

Adventskalender Minikrimi am 9. Dezember


Weil ich ihn so mag, und weil es schon ein paar Jahre her ist – hier ist ein Comeback aus dem Jahr 2018.

Der Tausch

Frank hatte sie sein ganzes Leben lang um sich gehabt. Als Kind. als Jugendlicher, und auch als Erwachsener. Bis auf ein kurzes Intermezzo an der Akademie der Bildenden Künste in Wien war er immer für seine Mutter da gewesen. Nachdem der Vater gestorben war, erwartete sie von ihm ganz selbstverständlich, dass er seinen Platz einnehmen würde. Und das hatte Frank getan,  ebenso selbstverständlich. Geld war genug da. Frank musste sich nur um seine Mutter kümmern, einmal am Tag kochen, jeden zweiten Tag eine Spritztour mit ihrem Sportwagen ins Blaue Land, einmal im Monat in den Zoo und am Sonntag essen gehen, mal im Bayerischen Hof, mal bei Schuhbeck. Die restliche Zeit verbrachte Frank damit, zu malen oder mit Freunden auszugehen. Aber nie nach Mitternacht, damit seine Mutter sich keine Sorgen zu machen brauchte. Sie wurde im Alter immer ängstlicher. Deshalb waren sie aus dem Haus in eine Wohnung in der Minervastraße gezogen.

Und dann starb seine Mutter. Ihr Tod kam weder plötzlich noch unerwartet, sie war weit über neunzig und inzwischen schon so dement, dass sie sich nicht mehr alleine zurechtfand. Aber Frank hatte insgeheim angenommen, dass sie ewig leben würde. Irgendwie.

Seitdem ertappte sich Frank dabei, ältere Damen zu beobachten. Im Sommer beim Spaziergang im Tierpark, in den er eigentlich nicht mehr hätte gehen müssen. 

Im Supermarkt um die Ecke, vor dem Regal mit den Keksen. Die alte Dame mit dem Kamelhaarmantel sah so aus, als könne sie genau die Sorte nicht finden, die sie am liebsten mochte. Frank blieb neben ihr stehen, beobachtete sie. Sie sah ein bisschen so aus wie seine Mutter, und er wollte ihr helfen. Aber da griff sie zielsicher nach dem Shortbread und legt es in den Einkaufswagen.

Vor dem Schaufenster des großen Kaufhauses am Marienplatz. Diese alte Dame trug die Haare so kurz wie seine Mutter, die Lippen waren kräftig rot geschminkt – mit ungenauen Konturen, die Nägel rot und die Schuhe spitz. Unschlüssig tippelte sie von einem Fenster zum andern. Die Hüte oder die Röcke? Die Röcke oder die Hüte? Er näherte sich ihr, vorsichtig. „Möchten Sie einen anprobieren?“, wollte er grade fragen. Da kam unter den Arkaden ein korpulenter Herr herangeschossen. „Irmi, wo bist Du denn? Komm, die Kinder warten schon“, sagte er und zog die Dame am Ärmel weiter Richtung Marienplatz.

Als er den beiden nachsah, kam ihm auf einmal dieser Gedanke. „Warum nehme ich mir nicht einfach eine andere Mutter?“ Gleich darauf musste er lachen. Wie albern! Aber er legte den Gedanken nur beiseite, ohne ihn zu verwerfen.

Eine Woche später stand Frank an der Ampel an der Schleißheimer Straße. Da hörte er neben sich eine leicht verzitterte Stimme: „Junger Mann, würden Sie mich wohl über die Straße begleiten?“ Als die Ampel grün wurde, schritt Frank mit einer eleganten, zierlichen alten Dame im schwarzen Kostüm, mit Hut und Handschuhen, über die Kreuzung. Drüben angekommen sahen sie sich an, und aus der Laune des Augenblicks heraus fragte er: „Kaffee?“

Abends machte er ihr pochierten Lachs, und als sie im Bett lag – er hatte die Daunendecke mit der Lieblingsbettwäsche seiner Mutter bezogen – las er ihr noch etwas aus dem Zeit-Magazin vor. „Morgen gehen wir in den Zoo“, sagte er, aber da war sie schon eingeschlafen. Mit einem seligen Lächeln im Gesicht.

In den Spätnachrichten auf Antenne wurde die Meldung durchgegeben, dass Frau Mathilde Richter, 93, seit dem frühen Nachmittag vermisst wurde. Sie war in einer Kurzzeitpflege untergebracht, während ihre Familie den Umzug in ein Altenheim organisierte, wo die nach Ansicht der Familie demente Dame in der „beschützten Abteilung“ wohnen sollte. „Familie Richter vermisst ihre Mutter und Großmutter und hat eine Belohnung von 1000 Euro für sachdienliche Hinweise ausgegeben“, hieß es. 

Frank brauchte kein Geld.

Adventskalender MiniKrimi am 8. Dezember


Künstlerpech

Es sah aus, aus würde sie schweben. Die schlanken Beine lässig übereinandergeschlagen, beide Handflächen fest auf die lichtbleichen Steine gelegt, der Oberkörper ein gelber Farbtupfer im gleißenden Blau. Der Horizont nicht mehr als eine schaumige Linie. Sie saß auf einer verwitterten Mauer mit dem Rücken zur Sonne, zu ihren Füßen sattgrünes Gras. Der Kopf war nach hinten geneigt, die Augen versteckt hinter einer geschwungenen Sonnenbrille, der karmesinrote Mund im Lachen geöffnet. Eine leichte Brise spielte mit ihren schulterlangen blonden Locken.

Francois Simonds trat zurück, den Pinsel zwischen den Zähnen, sein Blick wanderte schnell zwischen Bild und Modell hin und her. Und er wusste, dass er unfassbar, unheilbar, unrettbar verliebt war. In das Modell, in die Sonne Südfrankreichs, in das Meer – aber vor allem in sein Bild und ja, in sich selbst. Sein Pinselstrich, die Art, wie er das Licht einfing, den Seidenschimmer ihrer Haut – er war einer der ganz Großen. Es war nur eine Frage der Zeit, da war er sich sicher, bis er in den besten Galerien in Paris hängen würde. Bei Polka, Perrotin oder sogar Gagosian.

„Fertig, mon amour?“, fragte Eloise, sein Modell, seine Muse, seine Geliebte. „Mir tut jeder Muskel weh, ich habe sicher schon einen Sonnenbrand auf den Schultern – und überhaupt keine Lust mehr.“

„Ganz kurz noch! Das Bild muss perfekt sein. Ja, das wird es. Perfekt! Was ist dagegen schon ein bisschen Muskelkater?“

Eloise öffnete ihren Schmollmund. „Ok, aber nur noch fünf Minuten“, stöhnte sie, warf ihm einen Luftkuss zu, reckte und streckte sich. Francois hob die Hand mit dem Pinsel, kniff die Augen zusammen, schaute auf das Bild, dann auf seine Geliebte. „Du sitzt ganz anders! Dreh dich nach links, nein, nicht so weit. Wieder zurück! Ach, merde! So geht das nicht!“, schrie er unvermittelt, schleudert Pinsel und Palette auf den Boden, riss das Bild von der Staffelei und stürmte davon, den steilen Felsenpfad von der Zitadelle hinab zum Strand. 

Am frühen Abend wollte die Polizei von Eloise wissen, wann genau sie Francois zum letzten Mal gesehen hatte. Zwei Stunden zuvor war die junge Frau barfuß, mit zerkratzen Armen und Beinen, aufgeplatzter Lippe und geschwollener Wange im vollbesetzten Standcafé aufgetaucht, weinend und zitternd. Nachdem die Wirtin ihr ihre Wolljacke um die Schultern gelegt und ein Glas Pernod in die Hand gedrückt hatte, hatte Eloise darauf bestanden, die Polizei zu verständigen. Der Maler Francois Simond habe sie gerade im Rondell auf der Zitadelle angegriffen und geschlagen. Sie habe sich losgerissen und sei den Felsenpfad hinunter zum Strand gerannt. Francois habe sie verfolgt, aber nicht eingeholt. 

Jetzt hatte sie plötzlich Angst, dass ihm etwas zugestoßen sei. Wo war er? Und wo ihr Porträt, an dem er gemalt hatte?

Die Polizei leitete eine Suchaktion ein, und schon kurze Zeit später wurde die Leiche des Malers am Fuß der Steilküste zwischen den Klippen gefunden. Von dem Bild aber fehlte jede Spur.

„Mademoiselle, Sie haben Schreckliches durchgemacht. Es tut mir unendlich leid, aber ich muss Sie bitten, mir noch einmal genau zu berichten, was heute Nachmittag vorgefallen ist.“ Commissaire Verlaine war ein runder, freundlicher Mann mit Geheimratsecken und einem zerknitterten Leinenanzug. Er erinnerte Eloise entfernt an ihren Vater, und sie vertraute ihm. Sie seien am späten Vormittag zur Zitadelle aufgebrochen, weil Francois ihr Porträt vollenden wollte. Es sei der ideale Tag dafür, das ideale Licht. Nach zwei Stunden ungefähr habe sie keine Kraft mehr gehabt – das reglose Sitzen habe sie angestrengt. Francois habe das nicht verstanden, habe einen seiner Wutausbrüche bekommen und sei davongestürmt, kurz darauf aber wiedergekommen. Er habe noch ein paar Stunden weitergemalt und dabei immer wieder Cognac getrunken – er habe stets eine Flasche dabeigehabt, zur Inspiration. Aber der Alkohol habe ihn aggressiv gemacht, und als ihr Handy geklingelt habe, sei er ausgerastet. Er sei leider sehr eifersüchtig gewesen und unsicher wegen des großen Altersunterschieds. Er habe sie geschlagen, sie habe sich gewehrt, sei ihm davongelaufen, hinunter zum Strand und den vielen Menschen, wo sie sich sicher fühlte. Danach hatte sie ihn nicht mehr gesehen. 

Commissaire Verlaine begleitete Eloise persönlich nach Hause. 

Nach der Testamentseröffnung besuchte er sie in SImonds Villa und beglückwünschte sie dazu, dass Simond sie zu seiner Haupterbin eingesetzt hatte. Sie schien über seinen Besuch ehrlich erfreut und servierte ihm Kaffee im Salon. Über dem Kamin hing ein Porträt von ihr, in leuchtend gelber Bluse vor blauem Meer. „Ist das nicht im Rondell der Zitadelle?“, fragte Verlaine. „Ja, das stimmt. Er hat das Motiv immer wieder gemalt, es war wie besessen von dem Platz,“ sagte Eloise. „Aber das Porträt, an dem er am Tag seines Todes gemalt hat, ist nie wiederaufgetaucht?“ „Nein, leider. Es war perfekt.“

Am nächsten Morgen stand Verlaine mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Villa. Er nahm das Porträt in Gewahrsam – und auch Eloise. Die gelbe Bluse hatte Francois erst am Tag vor seinem Tod für seine Geliebte gekauft. Und die Sonne stand auf dem von der Kunstwelt gefeierten Bild im Zenit. Eloise hatte gelogen. Und den eifersüchtigen Maler schon mittags von den Klippen gestoßen. 

„Die blonde Mörderin“ wurde in der Galerie Gagosian ausgestellt und zu einem Sensationspreis verkauft. Der Erlös ging an einen Verein zur Förderung verarmter Künstler*innen.

Adventskalender MiniKrimi am 7. Dezember


Eine schöne Bescherung 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am schlimmsten. Wenn draußen die Lichtgirlanden, in den Fenstern die Jakobsleitern und am Adventskranz die Kerzen leuchten, wenn die Luft nach Glühwein duftet und gebrannten Mandeln, wenn sich im Keller die Dosen mit frisch gebackenen Plätzchen stapeln und das Radio „Last Christmas“ in Dauerschleife dudelt, packen die Erinnerungen Erika jedes Mal mit aller Macht. Denn genau in dieser magischen, wunschprallen, nach Vergebung und Liebe suchenden Zeit ist Erika die schlimmste Kränkung ihres Lebens widerfahren. 

In der Vorweihnachtszeit ist es immer am besten. Wenn draußen ein eisiger Ostwind den Schnee vor sich hertreibt und drinnen vor dem munter flackernden Kaminfeuer Whiskey und Pfeife auf ihn warten, genießt Eduard die Erinnerungen am meisten. Und während das Holz in den Flammen knistert, ergreift die Genugtuung wieder Besitz von jeder Faser seines Körpers, prickelnd und über die Maßen erregend.

Erika hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu ihrer Mutter. Die Erstgeborene, ein Mädchen statt des ersehnten Stammhalters, schmal und schmächtig. Aus der konnte nichts „Gescheites“ werden, das hatte die Mutter gleich beim Anblick der Neugeborenen prophezeit. Im Laufe ihres Lebens hat Erika diese Erwartungen voll und ganz erfüllt. Von einer scheuen Schülerin, die sich statt in Freizeitaktivitäten lieber in Bücherwelten stürzte, entwickelte sie sich zur einer musikbesessenen Medizinstudentin. Natürlich gaben ihr die Eltern keinen Pfennig dazu, und Erika verdiente sich Studium, Bücher, Unterkunft und Essen durch Klavierunterricht. Dass sie ihr überhaupt erlaubten, die Universität zu besuchen, lag ganz einfach daran, dass sie dadurch früh „aus dem Haus, dem Auge und dem Sinn“ der Mutter verschwand.

Eduard interessierte sich schon im Kinderwagenalter für Geschwindigkeit: er stellte sich kerzengerade in seinem Buggy auf und hieb mit einem langen Schnürsenkel auf die Schwester ein, die ihn, wie ein eingespanntes Pferd, in Windeseile über den Hof ziehen musste. Mit fünf zerschnitt er die Bremsen ihres Fahrrads, woraufhin sie wie ein Pfeil die Straße bergab und gegen den Baum an der ersten Kreuzung sauste. Selbstverständlich trat er nach dem Realschulabschluss in das elterliche Autohaus ein und verdrängte den Vater, so schnell es ging, aus dem Geschäft. Sein rasanter Lebensstil kostete im Laufe der Zeit allerdings mehr, als ihm seine diesbezügliche Expertise einbrachte. Schließlich stand das Autohaus – das Lebenswerk des Vaters – kurz vor dem Konkurs. Dann starb die Mutter, und nur mit ihrem Geld konnte er die geschäftliche „Kurve kriegen“. Allerdings war dazu mehr als sein eigener Erbanteil nötig...

Erika, inzwischen längst Landärztin mit eigener Praxis, Ehemann und zwei Kindern, saß bei der Testamentseröffnung kerzengerade auf dem Ledersofa. Sie musste gegen die ungehindert durch die großen Fenster in den Raum hineinstürzende Sonne blinzeln und nahm den Anwalt, den die Mutter offenbar kurz vor ihrem Tod mit ihren Angelegenheiten betraut hatte, – übrigens ein Kunde und Duzfreund ihres Bruders – nur als Scherenschnitt war.  Im Nachhinein hat sie versucht, das Testament anzufechten, um zumindest einen Pflichttei des Erbes zu erhalten. Vergeblich. Nachdem sie alle Instanzen durchlaufen hatte, nahm der Richter, der ihr in der letzten Verhandlung die allerletzte Hoffnung genommen hatte, sie beiseite. Ob ihr bewusst sei, dass ihr Anwalt zur Clique von Eduard gehöre? Er habe es wirklich geschickt angestellt, so dass ihm, dem Richter, bei dieser lückenlosen Vorgehensweise tatsächlich die Hände gebunden gewesen seien.

Eduard sitzt vor seinem Kamin. Verträumt betrachtet er die Glut. Um ihn herum nur die Stille einer sternenklaren Nacht. Er hat den Brief zweimal gelesen. Wort für Wort. Aber er kann keinen Fallstrick erkennen. Nur eine tiefe Traurigkeit. Erika war schon immer melancholisch veranlagt. Sie schreibt, dass ihr Mann gestorben sei. Ein Unfall, der die gesamte Familie in arge Bedrängnis gebracht habe. Sie könne die Praxis nicht mehr halten und werde wohl auch aus dem Haus ausziehen müssen. Das wenige Geld, das ihr bleibe, sei für die letzten Studienjahre ihre Kinder bestimmt. Nach so viel Leid habe sie das dringende Bedürfnis, in ihrem Leben Ordnung zu schaffen. Sie wolle den Zwist mit ihrem Bruder beilegen. „Lassen wir den Schnee von gestern doch einfach tauen“, schrieb sie. „Und endlich wieder wie Geschwister zueinander sein.“

Der dem Brief beigelegte Versöhnungstropfen muss noch aus dem Weinkeller seines Schwagers stammen. Ein vorzüglicher Chateau Lafitte. „Santé, Schwester“, sagt Eduard und hebt das Glas.

Dank seiner Selbstgerechtigkeit ist er kaum überrascht, als sie trotz vorgerückter Stunde vor seiner Tür steht, und es gelingt ihm gerade noch, ihr das Glas in die Hand zu drücken, als die Welt um ihn herum sich zu drehen beginnt. Sekunden später liegt er leblos auf dem Terracottaboden.

Frau Dr. Erika Monhaupt ist untröstlich, den Bruder so unmittelbar nach ihrem Wiedersehen verloren zu haben. Dabei verschweigt die Ärztin natürlich sowohl ihren Brief samt Versöhnungsgeschenk als auch ihre Kenntnis bezüglich der Ursache für den plötzlichen Tod ihres Bruders. 

Die Vorweihnachtszeit, denkt sie, während draußen dichte Schneeflocken tanzen und im Kamin ein lustiges Feuer prasselt, ist doch gar nicht so übel. Morgen kommen die Kinder. Ist das nicht eine schöne Bescherung?

Adventskalender MiniKrimi am 6. Dezember


(danke, liebe Petra 🙂 )

Der eilige Nikolaus

In der Pandemie haben es Nikoläuse besonders schwer. Ich rede nicht von denen aus Schokolade, sondern ich meine die, die durch Kindergärten, Wohnungen oder Schulen ziehen, mit Mitra und goldenem Buch, um die Kinder mit einer Geschichte und ein paar Kleinigkeiten zu beschenken. So, wie es ihr Vorgänger vor rund 1700 Jahren in Myra gemacht hat. Dabei hat der historische Nikolaus durchaus eine Affinität zu pandemischen Zeiten, denn er erbte das Vermögen, das er an die Armen und Kleinen verteilte, von seinen Eltern. Und die waren an der Pest gestorben. Düstere Zeiten also, damals wie heute. Und wie immer, wenn es den Menschen schlecht geht, freuen sie sich ganz besonders auf schöne, herzwärmende Momente. Wie eine halbe Stunde mit Sankt Nikolaus, seinen Geschichten und kleinen Geschenken. 

Nun ist der Nikolausbesuch nicht nur für die lieben Kleinen – die bösen sehen ihm meist eher mit gemischten Gefühlen entgegen – und ihre Eltern eine Freude. Auch für die vielen Menschen, die am 6. Dezember in Kostüm und Rolle schlüpfen, ist dieser Tag wichtig, nämlich als fest einkalkulierter Verdienst. 

„Nikolausbesuch trotz Corona“ titeln daher Tageszeitungen und Webseiten schon seit Tagen und Wochen. Und tatsächlich ist die Vermummung bei diesem „Heiligen“ ja ohnehin praktisch Teil des Kostüms, so dass die ihn selbst und die Anderen schützende FFP2-Maske gut unter einem entsprechenden Rauschebart verborgen werden kann.

 Und trotzdem ist das Geschäft auch heuer, im zweiten Jahr in Folge, für die berufsmäßigen Nikoläuse mau. Studenten, Gelegenheitsarbeiter und Minijobber hocken frustriert auf der Couch und starren nostalgisch auf Handyvideos vergangener Performances, während draußen zarte Flocken aus dem Himmel rieseln. Kinder sitzen vor dem Fernseher und müssen mit einem Zeichentrick-Surrogat vorliebnehmen, oder mit Fantasy-Gebilden aus der Disneyschen Traumfabrik.

Aber halt! Wer stapft denn da durch den frisch gefallenen Schnee auf dem Kirchplatz? Das gelbe Laternenlicht malt bizarre Schatten auf die lichtglitzernden Tannen, und dazwischen bewegt sich eine große Gestalt in langem Mantel. In einer Hand hält sie einen Stab, in der anderen einen großen Sack. Sankt Nikolaus – denn wer sollte das sonst sein? – bleibt immer wieder stehen und schaut sich nach allen Seiten um. „Er sucht die Kinder, er sucht uns“, flüstert Lisa und versucht, den zwei Jahre älteren Bruder beiseite zu schieben, um einen besseren Blick durch das beschlagene Fensterglas auf den Menschen zu werfen. 

Finn ist sieben und stolz darauf, nicht mehr an Nikolaus, Christkind & Co. zu glauben. Aber die Gestalt, die dort unten ganz offensichtlich über den verlassenen Park Richtung Kirche huscht, hat schon verdammt viel Ähnlichkeit mit dem Mann, den es eigentlich nicht gibt. 

„Schau mal, jetzt ist er an der Tür zur Sakristei. Er denkt bestimmt, die Kinder warten wegen der Kälte heute drinnen auf ihn. Komm, Finn, wir müssen runter! Stell dir mal vor, wie enttäuscht Sankt Nikolaus ist, wenn er drinnen gar niemanden findet.“ Und als sie sieht, dass ihr Bruder noch zögert, fügt sie verschmitzt hinzu: „Der Sack sieht so aus, als wären da viele Überraschungen drin. Und wenn wir die einzigen Kinder sind…..“

„Ok. Komm.“ Finn geht vorsichtig zur Zimmertür, schaut nach, ob die Luft rein ist, winkt seiner Schwester, und dann schleichen beide auf Zehenspitzen, Winterjacken in der Hand, aus der Wohnung. Eltern sind solche Spielverderber. Wahrscheinlich hätten sie ihnen „wegen Corona“ verboten, dem Nikolaus hinterherzulaufen.

Draußen ist es eiskalt und stockdunkel. Im Park springen sie von Lichtpfütze zu Lichtpfütze, gehen zwischen den Tannen in Deckung und suchen den Heiligen Mann. Schwer ist das nicht, denn seine Stiefel haben im Schnee deutliche Spuren hinterlassen, bis hin zur Sakristei. Die Tür steht einen Spalt offen. „Alles dunkel. Wahrscheinlich ist er schon wieder weg“, flüstert Finn. „Der Arme, er war sicher total enttäuscht“, antwortet Lisa. Aber da sehen sie einen Lichtstrahl im Kirchenraum umherirren. „Komm“, sagt Finn wieder. Und die Geschwister schieben sich vorsichtig in die Sakristei. Auch im Dunkeln erkennen sie sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Tisch ist umgeworfen, die Türen der Schränke mit den Messgewändern, Kerzenhaltern, Kelchen und allem, was in einer Sakristei an Kostbarkeiten aufbewahrt wird, hängen schief in den Angeln. Aus dem Kirchenraum dringen Geräusche, ein Klirren, ein dumpfer Knall, ein Fluch. Lisa starrt ihren Bruder an. „Der Nikolaus flucht doch nicht… oder?“ „Nein. Er kommt zurück. Schnell in den Schrank!“ 

Hinter Messgewändern versteckt beobachten die Kinder, wie Sankt Nikolaus hastig die Sakristei durchquert, mit dem prallen Sack in der Tür hängenbleibt, ihn losreißt und in der Dunkelheit verschwindet.

„Halt, halt, unsere Geschenke,“ flüstert Lisa erschrocken. „Pssst“, faucht ihr Bruder. „Schnell.“ Er zieht die Schwester hinter sich her zum Pfarrhaus. Dort läutet er Sturm. 

„Der Nikolaus ist aus der Kirche gelaufen und hat vergessen, uns unsere Geschenke zu geben“, erklärt Lisa dem verblüfften Pfarrer und den Gästen, mit denen er gerade gemütlich zu Tisch saß. „Nein, er hat alles gestohlen“, ruft Finn. „Da läuft er!“

Tatsächlich kommt der unheilige Mensch mit dem schweren Sack im Schnee nur langsam voran. Der Pfarrer und seine Gäste rennen ihm nach – immer den Spuren im frischen Schnee hinterher.

Lisa und Finn haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen – sie gehen ganz sicher einer saftigen Standpauke entgegen. „Ob sie ihn fangen, den Nikolaus?“, fragt Lisa. „Bestimmt. Wenn er nicht um die Ecke einen schnellen Schlitten geparkt hat“, antwortet Finn.

Adventskalender MiniKrimi am 3. Dezember


Voll das Leben

„S2 Richtung Ostbahnhof. Vorsicht bei der Einfahrt.“

Die Türen gleiten auf, ein Strom kleinäugiger Menschen mit schlafverhangenen Blicken über weißen Einheitsmasken ergießt sich auf den Bahnsteig, vermischt sich kurz mit dem Strom der Einsteigenden, ebenso kleinäugig und maskenbewehrt, dann trennen sich die beiden Ströme, der eine fließt die Rolltreppe hinauf, der andere verteilt sich auf die Plätze in der S-Bahn.

Er setzt sich ans Fenster. Gegen die Fahrtrichtung. Kehrt dem Tag schon am Morgen den Rücken zu. Weiß, dass eh nichts Besonderes passieren wird, nichts, was diese 24 Stunden von denen davor und denen danach unterscheiden wird.

Er klebt die Stirn an die Scheibe, draußen rast der Winter vorbei, blauer Himmel, weißer Zucker auf Dächern, Ästen, Wiesen. Sein Telefon vibriert in der Jackentasche. Er holt es raus: kein Anruf. Aber etwas vibriert neben ihm. Er tastet in der Ritze zwischen Sitz und Wand: ein zerkratztes Smartphone, kein neues Modell. Eine lange Reihe abgehackter Nachrichten. „Suse, ich kann dich nicht erreichen! Hilfe!!“ „Suse, ich halte das echt nicht mehr aus! Was soll ich machen?“ „Jetzt kommt er schon wieder an. Und wie er stinkt! Ekelhaft! Widerlich! Er oder ich. Ich glaube, ich bringe ihn um.“ „Suseeee???? Wo bist du?“

Plötzlich steht er nicht mehr neben seinem Leben. Er steckt mittendrin. Einen Wimpernschlag lang ist er versucht, das Smartphone einfach wieder neben den Sitz zu stecken. Nicht seine Welt. Nicht sein Problem. Aber dann steckt er es ein. Am Sendlinger Tor nimmt er nicht wie üblich den Ausgang Richtung Nussbaumstraße. Er schlendert in den Park an der St. Matthäuskirche. Kopiert die Nummer, von der die Nachrichten stammen. Schließlich schreibt er. „Hey, ich habe Suses Handy in der S-Bahn gefunden. Kann ich helfen? Ich bin Marc.“

Nichts passiert. Er geht an seinen Arbeitsplatz. Gegen Mittag schaut er zum x-sten Mal ins Mikroskop, ohne etwas zu erkennen. Sein Handy vibriert. „Hi Marc. Voll cool von dir. Aber du kannst mir nicht helfen. Niemand kann das. Suse auch nicht. Vergiss mich einfach.“

Er wählt die Nummer. Wartet, bis die Stimme ihm mitteilt, dass der Gesprächspartner nicht erreichbar ist. Er schreibt: „Warte! Es gibt immer eine Lösung. Heute morgen dachte ich noch, die Welt kommt gut ohne mich aus. Und dann du. Glaub mir, da geht noch was. Egal was los ist. Gib nicht auf. Bitte.“

Diesmal kommt die Antwort so schnell, als hätte sie – oder er? – auf Marcs Nachricht gewartet. „Voll süß von dir. Aber nein. Ich kann nicht anders. Er quält mich einfach schon zu lange. Mich. Und sich. Irgendwann ist Schluss. Irgendwann ist JETZT!“ 

„Nein! Warte! Wo bist du? Ich komme zu dir, ok?“

„Nein!“ Und dann, nach 10 Minuten: „Es ist vorbei.“

Ihm wird kalt. Ihm wird heiß. Angst packt ihn im Genick. Dann Panik. Er gleitet an der Wand des Labors zu Boden. Zittert. Weint. Ist das das Leben? Ist es das wert? Sein Handy vibriert. Auf dem Bildschirm erscheint ein Foto. Eine junge Frau mit roten Haaren und roten Augen umklammert etwas, das er auf den dritten Blick als ziemlich räudige, kahle, graue Ratte erkennt. „RIP Artur. Alter Kerl. Und auch all deine Flöhe,“ steht unter dem Bild.

Adventskalender MiniKrimi am 2. Dezember


Herr Qualkowitzer

An trüben Winternachmittagen besetzen die Schatten schon früh ihr kleines Zimmer. Sie nehmen von allem Besitz, was nicht aus sich heraus leuchten kann. Der Sekretär, die Kommode, das Klavier. Die einzelne Kerze auf dem kleinen Tisch kann nichts ausrichten gegen sie. Mara kauert mit hochgezogenen Knien im Ohrensessel. 

An Tagen wie diesem vermisst sie ihr Leben ganz besonders. Damals. Als ihr Vater ihr die Welt zu Füßen legte. Täglich von neuem. Als ihre Wünsche wahr wurden, kaum, dass sie sie ausgesprochen hatte. Damals gab es keine Schatten in ihrem Reich. Der Sekretär, die Kommode, das Klavier – sie leuchteten, und in ihrem Holz spiegelten sich die tanzenden Kerzen. 

Herr Qualkowitzer kam einmal im Monat. Aus seinem verbeulten, verkratzen geheimnisvollen Koffer holte er allerlei „Medizin“ für Maras Möbel heraus. Schellack in einer braunen Flasche, Bienenwachs in einer rostigen Dose, Rosenöl in einer kleinen Phiole. Er tränkte einen Lappen mit Schellack und rieb den Sekretär wie Aladins Wunderlampe. Kreisrunde Bewegungen, wieder und wieder. Bis das Holz glänzte und strahlte. Einmal klemmte die mittlere Schublade. Herr Qualkowitzer nahm ein dünnes Messer mit einer spitzen, scharfen Klinge und befreite eine braune Locke, die aus dem Geheimfach herauslugte und die Schublade verklemmt hatte. Mara schaute ihm aufmerksam zu und ahmte hinter seinem Rücken die kreisförmigen Bewegungen nach. Wieder und wieder. Als er auch die Kommode und das Klavier poliert hatte, packte Herr Qualkowitzer Lappen, Flaschen und Dosen wieder ein. Und ging.

Das Messer hatte Mara in ihrer Rocktasche verborgen. Falls sie mal etwas im Geheimfach verstecken wollte.

Der Vater starb und Mara heiratete Alexander. Doch schon bald nannte er sie nicht mehr „meine Prinzessin“, und er trug sie weder auf Händen noch legte er ihr eine Welt zu Füßen. Stattdessen setzte er sie ein paar Jahre nach der Hochzeit mit einem Koffer vor die Tür. Angeblich hatte er ihr gesamtes Vermögen verspekuliert. Sie kam in einem Mansardenzimmer unter, mitsamt dem Sekretär, der Kommode und dem Klavier. Mehr holte ihr Anwalt nicht aus Alexander heraus. 

Als Mara aus der psychiatrischen Klinik entlassen wurde, riet ihr Arzt ihr zu einer kleinen, leichten Beschäftigung, um wieder Fuß zu fassen. Das war das letzte, was Mara wollte. Aber sie fing an, im Villenviertel der Stadt Möbel zu polieren, mit kreisrunden Bewegungen. In den meisten Häusern wohnen inzwischen Fremde. Nur in der Villa ihres Vaters lebt jetzt Alexander. Die junge blonde Frau an der Tür ist begeistert. Dass es das heute noch gibt, wundert sie sich, während Maras Hände auf den modernen Holzmöbeln kreisen, wieder und wieder, wie die Krähen im bleiernen Himmel über den Bäumen im Park vor dem Haus. Alexanders neue Frau steht am Fenster und schaut hinaus. 

Herrn Qualkowitzers Messer ist scharf. Mara ist schnell. Die Frau sagt kein Wort. 

Bevor sie geht, schneidet Mara ihr eine blonde Locke ab. Sie weiß ein gutes Versteck dafür.

Minikrimi Adventskalender am 1. Dezember


Die lahme Ente

„Schatz, kommst du bitte? Das Essen ist fertig.“

„Einen Moment. Ich sitze gerade an der Schlüsselszene.“

„Liebling, vor einer Stunde habe ich dich gefragt, ob ich das Magret de Canard in den Ofen schieben kann. Ja, hast du gesagt.“

Elvira, bitte! Ich kann meinen Schreibflow doch nicht wegen einer lahmen Ente abwürgen.“

„Die Ente ist nicht lahm. Noch nicht. Aber wenn du jetzt nicht kommst, wird sie zäh.“

„Tja, du kannst eben nicht kochen, Elvira.“

„Und du kannst nicht schreiben. Wie lange dokterst du schon an diesem Showdown herum? Und nie kriegst du ihn hin. Du hast deinen Protagonisten inzwischen schon auf ein Dutzend Arten sterben lassen. Erschossen, erhängt, überfahren, vergiftet, von der Brücke gestoßen, erschlagen…“

„Und warum? Weil ich immer genau in dem Moment, in dem in mir das perfekte Szenario zu entstehen beginnt, DU reinplatzt und die kreative Magie zerstörst.“

„Natürlich, ich bin Schuld! Wer wollte denn heute Abend unbedingt Entenbrust essen? Zur „Steigerung der Kreativität“, übrigens…“

„Mag sein. Aber das war vor Stunden. Du hast wirklich keine Ahnung davon, wie ein Künstler tickt.“

„Nein, habe ich nicht. Ich habe nur Ahnung davon, wie ich auf höchst unkünstlerische Weise Geld für zwei verdiene, damit du bis in alle Ewigkeit dein unvollendetes Werk schreiben und dabei Ente essen kannst.“

„Elvira, du bist gewöhnlich! Und laut.“

„Und du bist ein Schmarotzer! Und beleidigend.“

„Wenn dieses Buch, dieses Werk alle Literaturpreise abräumt, dann wirst du vielleicht verstehen, worum es hier geht. Aber auch nur vielleicht…! Und jetzt lass mich in Ruhe mit deinem Gezeter. Geh und stopf dir die Ente in den Hals, meinetwegen.“

„Gute Idee.“

…..

…..

„Elvira? Elvira, was MACHST DU? Halt….mmmph…… arghhhhhh….. rrrrrrrr….. ahhhhhhh………“

____________________________________________________________________________________________________

„Schon verrückt, dieser Roman. Und das Ende! Dem Protagonisten eine Entenbrust in den Rachen zu stopfen, bis er daran erstickt. Genial!“

„Schade, dass der Autor praktisch beim Schreiben gestorben ist. Woran eigentlich?“

„Das weiß man nicht so genau. Seine Witwe hat jedenfalls das große Los gezogen. Das Buch bringt soviel ein – die lebt ihr restliches Leben im Luxus. Sie soll übrigens Vegetarierin sein.“

Adventskalender MiniKrimi am 23. Dezember


Falsch verbunden

„Was ist denn das für eine Frau da neben Opa? Die sieht ja spektakulär aus!“

Marie liegt bäuchlings vor dem Kamin, auf ihrem Schoß ein altes Fotoalbum. Hinter ihr auf dem Sofa, mit einer warmen Decke über den Füßen, sitzt ihre Großmutter. Die beiden haben sich vorgenommen, in der heuer so stillen Weihnachtszeit etwas aufzuräumen und auszumisten. Und heute sind die Fotoalben dran. Dieses hier ist so verstaubt, das hat sicher in den letzten 20 Jahren niemand mehr duchgeblättert.

„Lass mal sehen. Das ist ja….. wie kommt denn das Bild da rein? Ich wusste nicht, dass Max überhaupt noch ein Foto von…. von….. dieser Frau aufgehoben hat.“

Marie spitzt die Ohren. „Das hört sich nach einer spannenden Geschichte an, Oma. Erzähl!“

„Ja, das ist nicht nur eine spannende Geschichte, das ist ein richtiger Krimi.“

Inge lehnt sich auf dem Sofa zurück, schließt kurz die Augen, wie um die Erinnerungen zu sammeln und zu sortieren.

„Das Foto ist von 1950. Damals waren dein Opa und ich noch nicht verheiratet. Er war Postbeamter in einer kleinen Stadt in Hessen. So ein Postbeamter war damals eine richtig wichtige Persönlichkeit. Max verkehrte in den besten Kreisen der Stadt, und er war zu allen Festen eingeladen. Das Foto hier ist bei solch einem Fest entstanden.“

„Und wer ist denn jetzt diese geheimnisvolle Frau?“

„Ihren wirklichen Namen kenne ich gar nicht. Wir im Amt haben sie immer nur die schwarze Baronin genannt.“

„Die schwarze Baronin? Aber wenn Opa und du euch noch nicht kanntet, woher wusstest du dann von dieser Frau? Und was hatte sie mit Opa zu tun?“

Was sie mit Opa zu tun hatte, ist schnell erklärt: sie wollte ihn heiraten. Und ich kannte sie nicht persönlich – aber ich kannte ihre Telefonnummer!“

„Ach stimmt, du warst ja ‚das Fräulein vom Amt‘.“

„Genau. Und ich musste täglich mindestens zehn Anrufe an die Frau Baronin durchstellen. Und sie selbst telefonierte auch ziemlich viel. Damals war ein einfach, die Gespräche mitzuhören. Bei der schwarzen Baronin waren wir einfach neugierig, weil sie so „begehrt“ war – und von was für Typen! Da waren Stimmen dabei – richtig gruselig. Heute bin ich nicht stolz darauf, aber damals haben meine Kolleginnen und ich uns manchmal einen Spaß daraus gemacht, die Gespräche „abzuhören. Und dabei bekam ich ziemlich schnell heraus, dass die schwarze Baronin ihre Finger in ziemlich schmutzigen Geschäften drin hatte. Naja, und eines Tages rief jemand für sie an, dessen Stimme ich noch nie gehört hatte. Ich kann dir auch nicht sagen, warum, aber er war mir auf Anhieb sympathisch. Er war auch freundlich, nicht so kurz angebunden wie die meisten. Und er bedankte sich für die Verbindung – das war was ganz besonderes.

Und dann wollte er ausgerechnet die schwarze Baronen sprechen! Ich habe ihn natürlich durchgestellt. Und dann telefonierten die beiden immer öfter. Erst einmal die Woche, dann alle drei Tage und schließlich täglich. Inzwischen begrüßten wir uns auch schon wie alte Bekannte, und bevor er sich von mir verbinden ließ, fragte er immer, wie es mir ging. Ich fand ihn toll. Und ich machte mir große Sorgen wegen der schwarzen Baronin. Na gut, vielleicht war ich auch ein wenig eifersüchtig…..

Schließlich belauschte ich ei nTelefonat zwischen der Baronin und einem besonders fiesen Typen. Er hatte einen starken Berliner Akzent und hörte sich für mich wie ein echter Gangster an. Er drohte der Baronin, die wohl eine Rechnung bei ihm offen hatte, ganz unverhohlen. Sie beruhigte ihn und versprach, ihre Schulden sehr bald auszugleichen. Sie hätte da einen Mann an der Angel, der sei bodenständig und habe eine solide Barschaft. Sobald sie ihn geheiratet hätte, würde sie alles zahlen – und noch was drauflegen.

Mir wurde Angst und Bange, denn ich wusste, dass dein Opa eine Schwäche für die Baronin hatte. Es konnte sich also nur um ihn drehen. Als sparsamer Postbeamter hatte er ein bescheidenes Vermögen angespart. Das hatte ich alles über ihn rausbekommen. Wie gesagt, er interessierte mich…..

Ich wollte unbedingt verhindern, dass er der schwarzen Baronen ins Netz ging. Tagelang grübelte ich, aber dann hatte ich einen Plan.

Als der Berliner das nächste Mal bei der Baronin anrufen wollte, sagte ich ihm, die Leitung sei besetzt. Schnell wählte ich die Nummer von Max, sagte ihm, die Baronin wolle ihn sprechen, und hielt ihn so lange in der Leitung, bis die den Berliner und die Baronin verbunden hatte. Dann schaltete ich ihn dazu und hoffe, dass er als Lauscher das richtige zu hören bekommen würde. „

„Was für ein ausgebuffter Plan, Oma. Und – hat es geklappt?“

„Sonst wärst Du heute nicht hier, Marie. Ja, es hat geklappt. May müssen die Ohren geklungen haben, als die Baronin den Berliner wieder mit dem Hinweis auf den baldigen Geldsegen beschwichtigt hat. Aber damit nicht genug: Sie hat ihm auch erzählt, dass sie sich einen dämlichen Postbeamten geangelt habe, stinklangweilig, aber dafür gutgläubig – und gut situiert. Max hat sich nie wieder bei ihr gemeldet, und ich durfte ihre Anrufe an ihn nicht durchstellen.

Nach einiger Zeit lud er mich das erste Mal zum Essen ein…… naja, und der Rest ist Geschichte. Aber die Baronin muss ihn mächtig beeindruckt haben, wenn er ihr Foto die ganzen Jahre aufgehoben hat….“

„Ach, Oma. Vielleicht wollte er sich nur daran erinnern, dass du ihn damals gerettet hast. Was für eine romantische Geschichte!“

„Ja. Da hat sich die Baronin geirrt. Max war alles andere als langweilig. Er war im Gegenteil sehr romantisch. Weißt du, ich vermisse ihn“

„ich auch.“

Foto: deacademic.com

Adventskalender MiniKrimi am 22. Dezember


Freier Tod

„Herr P., Sie wissen, warum Sie hier sind?“

„Aber natürlich, Frau Kommissarin. Die Chefin des Betreuungsdienstes hat mich angezeigt, weil ich meine Frau umgebracht habe.“

„Genau. Und – was sagen Sie zu dieser Anschuldigung?“ Sie ist schon lange im Dienst, aber eine solche Situation ist für die Kommissarin neu. Der alte Mann, Herr, korrigiert sie sich unwillkürlich, denn diesen Eindruck macht er, sitzt ihr gegenüber und strahlt ein ruhige Würde aus. Glatt rasiert, Manschettenknöpfe aus Ultramarin mit Goldrand, das Hemd verschossen, die Ränder des dunkelblauen Blazers abgewetzt, auf der Hose vorne ein dunkler Fleck, wie sie beobachtet hat, als er in den Verhörraum geführt wurde. Und doch füllt er mit seinem Schweigen die Stille aus.

Jetzt schlägt Walter P. ein hageres Bein über das andere, stützt die Ellenbogen auf den Tisch und das Kinn auf die gestapelten Finger.

„Ja, was soll ich Ihnen dazu sagen? Sie hat schon Recht. Und wiederum auch nicht. Wenn sie nicht ausgerechnet heute gekommen wäre, um Silke zu kontrollieren, hätte alles geklappt wie geplant. Zunächst lief ja auch alles wie am Schnürchen.“

„Wie meinen Sie das? Sie sagen hier gerade, dass Sie Ihre Frau vorsätzlich getötet und das Ganze von langer Hand geplant haben?“

„Ja.“ Walter P. nickt und schaut der Kommissarin direkt in die Augen. Freundlich. Sein Blick erscheint ihr klar und in keiner Weise getrübt.

„Erzählen Sie mir einfach alles der Reihe nach.“ Es ist nicht einfach, sich dem Bann dieser Augen zu entziehen, die blau und tief in faltigen, sonnengegerbten Höhlen liegen.

„Bevor meine Frau dement wurde, haben wir besprochen, dass wir uns umbringen wollen, wenn uns das Leben zu beschwerlich werden sollte. Wir hatten ein tolles Leben, müssen Sie wissen. Ich war im Auswärtigen Dienst, wir haben die halbe Welt bereist, wir haben es uns wirklich gut gehen lassen. Meine Frau musste nie arbeiten, ich habe ihr immer alle Freiheiten gelassen. Vor zwei Jahren hatte sie einen Schlaganfall. Seitdem ist sie dement. Das ist kein Leben mehr. Deshalb habe ich beschlossen, dass wir unseren Plan jetzt umsetzen.“

„Und Ihre Frau? Was hat sie dazu gesagt?“

„Sie hat natürlich ja gesagt! Wir waren immer eine Meinung! Seit über 60 Jahren!“

„Aber Sie sagten doch, dass Ihre Frau dement ist. Also war. Wie konnte sie Ihnen dann zustimmen?“

Walter P. beugt sich leicht vor. Die Kommissarin merkt, dass er es nicht gewöhnt ist, dass jemand seine Aussagen in Zweifel zieht.

„Sie war einverstanden. Sie war immer einverstanden!“, erklärt Walter P. , so, als spräche er mit einem unverständigen Kind.

„Aber dann ist etwas schief gelaufen? Sie wollten sich beide umbringen, aber Sie leben noch. Und Ihre Frau ist tot.“

„Ja, das ist die Schuld von dieser Dame. Eine unmögliche Frau. So herrisch. Silke ist eine fantastische Betreuerin. Sie macht alles, worum ich sie bitte. Wir kommen wunderbar miteinander aus. Das passt der Chefin nicht. Sie ist wahrscheinlich eifersüchtig. Deshalb ist sie wohl gekommen, um Silke zu kontrollieren. Das konnte ich natürlich nicht wissen.“

„Und was ist genau passiert?“

„Ich hatte meiner Frau eine Tüte um den Kopf gebunden und Gas einströmen lassen. Das hatten wir so besprochen. Aber dann hatte meine Frau einen Reflex und hat versucht, sich die Tüte vom Kopf zu reißen.“

„Sie meinen, Ihre Frau wollte plötzlich nicht mehr sterben?“

„Nein, das meine ich nicht! Natürlich wollte sie sterben. Das hatte ich ja so mit ihr besprochen. Das war nur ein Reflex von ihr.“

„Und was haben Sie dann gemacht? Ihr die Tüte vom Kopf genommen?“

„Natürlich nicht! Wir hatten doch besprochen, dass wir uns umbringen würden! Da kann ich doch nicht plötzlich etwas anderen machen. Das wäre gegen die Abmachung gewesen.“

„Also?“ Die Kommissarin versenkt ihren Blick in das Blau ihres Gegenübers. Da müssen doch Untiefen sein, bei dieser Geschichte!

„Also habe ich fester gezogen. Und dann war es auch gleich vorbei. Meine Frau war ja durch die Demenz schon geschwächt. In dem Moment ging die Tür auf. ich dachte, es sei Silke. Sie sollte ja kommen, das war geplant. Und wenn es alles glatt gelaufen wäre, hätte sie uns beide tot im Wohnzimmer gefunden. Dann hätte sie die Tüte und das Gas entsorgt, noch eine Weile gewartet, zur Sicherheit, und dann den Rettungsdienst gerufen. Aber stattdessen kam ihre Chefin. Und ich war noch nicht fertig. Den Rest kennen Sie.“

Die Kommissarin weiß nicht, was sie tun soll. Walter P. sieht aus wie ein Mann im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Einerseits. Andererseits ist er 95 Jahre alt, und es ist durchaus möglich, dass es sich hier nicht um einen kaltblütigen Mord, sondern um einen gescheiterten Doppelsuizid handelt. Klarheit würde nur eine genaue Kenntnis der Ehefrau bringen. Aber es gibt keine Angehörigen, die sie dazu befragen könnte. Herr P. ist jetzt ganz allein. Wenn man von der Betreuerin absieht. Aber die zählt in diesem Fall ja nicht.

Die Kommissarin hat Mitleid mit dem alten Herrn. Sein ganzes Leben hat er mit dieser Frau geteilt, nun hatte er mit ihr in den Freitod gehen wollen. Und war daran letztendlich gehindert worden. Mit welchem Recht hatte die Chefin des Betreuungsdienstes hier eigentlich Schicksal gespielt?

„Herr P., ich rufe jetzt einen Krankenwagen, der bringt sie in ein Krankenhaus. Nur zur Überwachung. Sie haben einen schlimmen Schock erlitten. Das war wirklich ein tragischer Unfall. Ich werde keine Anklage gegen Sie erheben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Frieden finden.“

„Danke.“ Walter P. sagt es leise und klar und schaut ihr dabei wieder direkt ins Gesicht. Diese Augen können nicht lügen. Die Kommissarin hat das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Nachtrag. Es heißt, dass man einen alten Baum nicht verpflanzt. Aber Walter P. geht es in der Finca, die er an der Algarve gekauft hat, sehr gut. Silke kümmert sich aufopfernd um ihn, aber schließlich profitiert sie auch von der Situation. Win-Win. Für den Fall, dass Silke seiner müde werden und ihre Koffer packen oder, im schlimmsten Fall, Kontakt zu der Kommissarin in Deutschland aufnehmen möchte, hat er eine reißfeste Plastiktüte und das Gas griffbereit. Er weiß ja jetzt, wie es geht.